Archive for the ‘Lieblingsgedichte’ Category

Note to the Hurrying Man (Brian Patten)

26. Dezember 2009

All day I sit here doing nothing but
watching how at daybreak
birds fly out and return no fatter
when it’s over. Yet hurrying about this room
you would have me do something similar;
would have me make myself a place
in that sad traffic you call a world.
Don’t hurry me into it; offer
no excuses, no apologies.
Until their brains snap open
I have no love for those who rush
about its mad business;
put their children on a starting line and push
into Christ knows what madness.

You will not listen.
“Work at life!” you scream,
and working I see you rushing everywhere,
so fast most times you ignore
two quarters of your half a world.
If all slow things are useless
and take no active part in nor justify your ignorance
that’s fine; but why bother screaming after me?
Afraid perhaps to come to where I’ve stopped
in case you find
into some slow and glowing countryside
yourself escaping.
Screams measure and keep up the distance between us:
Be quieter –
I really do need to escape;
take the route you might take
if ever this hurrying is over.

In memoriam Peter S. (Reinhard Lettau)

26. Dezember 2007

Ein deutscher Schriftsteller.
Er kichert, ehe er nickt, kichert aber
immer.

Bei Gedichten werden, wie im vorliegenden
Fall, die Zeilen nicht voll geschrieben.
Links und rechts Luft
schützt vor Fabel.

Dieser Peter S. lernt immer Mädchen kennen in
Berlin, die bald nach London fahren, oder:
In London eintreffende Berlinerinnen
erzählen von Peter S.
kehren aber nicht zurück nach Berlin, oder:
Wenn sie zurückkehren,
lernen sie ihn in Berlin erst kennen, fahren
dann aber gleich nach London zurück.

Kurz: Zwischen dem Schriftsteller Peter S.
und London besteht eine Verbindung, die
sich, wenn man die Zeilen voll schreibt,
mitzuteilen
nicht lohnt.

Eines Tages fährt er selbst nach London, um
nachzusehen,
was los ist.

Mein Leben (Jorge Luis Borges)

26. Dezember 2006

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.

Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.

Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren,
würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten,
mehr Bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.

Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten;
freilich hatte ich auch Momente der Freude,
aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.

Falls du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken;
vergiß nicht den jetzigen.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an
bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
Und ich würde mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.

Why Brownlee Left (Paul Muldoon)

4. März 2004

Why Brownlee left, and where he went,
Is a mystery even now.
For if a man should have been content
It was him; two acres of barley,
One of potatoes, four bullocks,
A milker, a slated farmhouse.
He was last seen going out to plough
On a March morning, bright and early.

By noon Brownlee was famous;
They had found all abandoned, with
The last rig unbroken, his pair of black
Horses, like man and wife,
Shifting their weight from foot to
Foot, and gazing into the future.

Herbst (Rainer-Maria Rilke)

29. Dezember 2002

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.