Dass sich Gödel am Ende seines Lebens vor Kühlschränken gefürchtet haben soll, leuchtet mir irgendwie ein. Was sind das für Geräte, in denen das Licht erst angeht, wenn man die Türe öffnet, während vorher alles, die Milch und der Käse, der Salat und die Butter, in gnadenloser Dunkelheit gefangen und von einem mehr oder weniger leisen Summen eingelullt seiner Verzehrung bei Zimmertemperatur harrt. In einem Film, den mir neulich ein Freund aus Berlin ganz ohne Hintergedanken geschickt hat, wird das Leben des Erfinders mehrerer TV-Shows in episodischen Rückblenden erzählt. Zum Teil sind es lustige Episoden, aber alles in allem bleibt der Eindruck eines traurigen, irgendwie verpfuschten Lebens haften, das in einem Hotelzimmer endet. Zu viele Drogen. Zu viele Missverständnisse. Zu wenig Liebe. Die Schlussszene des Films skizziert die letzte Idee für eine TV-Show. Drei alte Männer sitzen auf der Bühne. Jeder hat eine Knarre im Schoss und erzählt den Zuschauern von seinem missglückten Leben. Derjenige, der sich nicht umbringt, hat gewonnen und erhält als Preis eine Waschmaschine. Zuerst musste ich tatsächlich lachen. Wegen der Waschmaschine. Was für ein Preis. Aber wofür? Es kann ja nicht dafür sein, nicht verzweifelt zu sein. Wer in einer TV-Show mitmacht, in der sich die Konkurrenten erschiessen, ist entweder selber verzweifelt, hat den Verstand verloren oder zumindest jeglichen Rest menschlicher Würde. Wahrscheinlich alles zusammen. Verdient tatsächlich nichts mehr anderes als eine Waschmaschine. Der Host meines Blogs hat mir zum Jahresbeginn meine Statistik des vergangenen Jahrs unterbreitet. Eine Boeing 747, hat man mir in Erinnerung gerufen, könne 416 Passagiere befördern. Acht volle Boeing 747 hätten im abgelaufenen Jahr meinen Blog besucht. Mein Blog ist beeindruckt. Aber ich bin ganz ehrlich auch irgendwie besorgt. Acht volle Flugzeuge sind eine gewaltige Verantwortung. Ich verfüge nicht über Hangars, in denen diese Flugzeuge gewartet werden können. Sind sie wieder gut vom Boden weggekommen? Wohin sind sie jetzt unterwegs? Waren Anschlussflüge verfügbar für die Passagiere, genügend Hotelzimmer gebucht? Waren die Betten gemacht? Ging kein Gepäck verloren? Standen Freunde und Verwandte nach dem Zoll mit farbigen Blumen zur Begrüssung bereit? Musste lange auf ein Taxi gewartet werden? Und haben sie alle dann auch wirklich erhalten, was sie sich wünschten? Sind sie dort angekommen, wo sie hin wollten? Hat sie wenigstens jemand gefüttert, ihren iPod aufgeladen über Nacht? Ich befürchte, dass nicht alles rund gelaufen ist. Stimmt doch, oder? Wahrscheinlich hat das Licht im Kühlschrank einen Wackelkontakt und brennt nun oft auch bei geschlossener Türe. Treibt den Jogurt zum Wahnsinn. Und die Waschmaschine ist ausgelaufen. Eine undichte Dichtung, durch die zuerst Wahrheit in die Maschine drang und dann Spülwasser entwich. Kein Schongang für das Parkett. Aber wer kann sich schon Parkett leisten in der Waschküche. Wer kocht schon im Flugzeug. Schon gar nicht für 416 Personen. Das ist hier alles aufgewärmt. Ich hoffe, es schmeckt trotzdem. Und wünsche euch allen einen guten Flug durch’s Jahr. Boarding complete.
Der Gewinner erhält eine Waschmaschine
7. Januar 2011Annual Check-up (us and them)
25. Dezember 2010Alle Werte seien gut
Sagt mir mein Arzt per SMS
Könnten besser nicht sein
Freunde schreiben aus Deutschland und vier
anderen Ländern: es geht ihnen gut.
Sie wünschen frohe Festtage
Merry Xmas schreibt mir
mein bester Freund the war is over
Aber der Krieg ist
nie vorbei.
Es gibt uns und es gibt
die anderen und diese anderen brauchen
unsere Hilfe.
We can’t be blessed forever (Acryl auf Leinwand)
10. Dezember 2010Anlässlich eines Spendenaufrufs
9. Dezember 2010Natürlich können wir weiterhin so tun als ob
wir nichts tun könnten aber einmal abgesehen davon
dass es nicht stimmt: macht uns das wirklich
glücklich oder wenigstens zufrieden?
Gerade weil wir vom Leid anderer
hoffnungslos überfordert sind wäre es gut
hin und wieder Dinge zu tun die so klein
und bedeutungslos sind
dass sie uns und die Welt vielleicht
langsam zu verändern beginnen
Somewhere in the Jordan Valley
29. November 2010Konservative Vorhersage für das Jahr 2020
23. November 2010Wenn man in der Schweiz das Zeitfenster öffnet,
riecht es zunächst einmal schlecht.
Neapel hat ein Müllproblem das mittlerweile
über die Alpen stinkt.
Die Amerikaner ziehen sich immer noch
oder schon wieder aus Afghanistan zurück.
Wohin ist unklar.
Die Chinesen haben wegen den Bodenschätzen
Afrika annektiert und damit die westlichen
Entwicklungshelfer lahm gelegt.
Es gibt eine Resolution des Sicherheitsrates
die das Lahmlegen in aller Schärfe
verurteilt.
Halb Deutschland diskutiert am Rande des Castortransportes
den Wiederausstieg aus dem Wiedereinstieg.
Die andere Hälfte hofft, Schalke werde Meister.
Vier EU-Länder stehen vor dem Konkurs,
Belgien vor der Wiedervereinigung und die Schweiz
kurz vor der Einführung der Jammersteuer.
Sie wird die Mehrwertsteuer ersetzen.
Und die Erbschaftssteuer.
Ach ja und im Nahen Osten
bleiben höchstens noch sechs Monate.
Wofür, wird noch verhandelt.
Wenn es sich nicht von selber schliesst,
macht man das Fenster jetzt besser
wieder zu.
Es ist gut isoliert.
Wie übrigens das ganze Haus.
Man muss überhaupt nicht mehr heizen.
Irgendwo im Sommer in der Schweiz
23. November 2010Wir Schotten
10. November 2010Wie Schatten gehen die Menschen einher. Sammeln und häufen an und wissen nicht, wer es einbringen wird. Oder hiess es Schotten und stand nicht in der Bibel sondern in einem Reiseprospekt? Und warum sollten sich die Schotten kümmern, wer es einbringen wird? Wie den Walisern blieb ihnen die Unabhängigkeit verwehrt. Dumpfe Laute im Hochmoor. Leise Verfluchungen in der Geheimsprache der Torfstecher. Weit voneinander entfernte Nachbarn, die sich erfolgreich aus dem gemeinsamen Weg gehen. Ein resignierender Nebel, der sich nicht tiefer senken kann, bis er das felsige Kliff erreicht hat. Immer weniger Fische. Vor der Küste wenn möglich Öl, das wieder den falschen Leuten gehören wird. Sonst Nieselregen, rauch- und gastfreie Pubs, verstaubte Dudelsäcke und das britische Pfund auf eigenem Papier. Wahrlich, ich sage euch, wie Schotten gehen wir Menschen einher. Bummeln und saufen ab und wissen nicht, wer uns heimbringen wird.
Mauer im Abendlicht (Öl auf Leinwand)
6. November 2010Volkzählen
2. November 2010Man schrieb das Jahr 2010 und die chinesische Regierung hatte beschlossen, ihr Volk zu zählen, um sicher zu sein, dass es noch da war. Kein einfaches Unterfangen, bei einer geschätzten Bevölkerung von wie viele auch immer. Jedenfalls wahnsinnig viele. Ein Milliardending. Eine monströse Zahl mit jenen Nullen. Jeder vierte Bewohner der Erde? Eines meiner vier Kinder womöglich ein Chinese? Aber genau darum ging es ja: man war des Schätzens müde und wollte nun endlich wissen. Seid ihr alle da? Zensus! Alle mal kurz still stehen und durchnummerieren. Wie bitte? Ich zähl jetzt genau bis 10 dann steht ihr alle auf einer Reihe! Und versucht ja nicht, alle gleich auszusehen. Damit kommt ihr nicht durch bei mir. Nicht auf diese billige asiatische Tour. Da könnt ihr lächeln, solange ihr wollt.
Sechs Millionen Volkszähler, so wurde berechnet, würden notwendig sein, um das chinesische Volk in vernünftiger Zeit zu zählen. Und es würde alles andere als einfach werden. Das war den Herren der KP klar. Menschen lassen sich nicht gerne zählen. Nirgendwo. Auch in China nicht. Sie werden gerne in Ruhe gelassen und sind, wenn man sie zählen will, gerade nicht zuhause, obwohl sich der Vorhang bewegt, oder sie sind zwar zuhause, aber sehr unruhig und stark beschäftigt und es ist gerade kein günstiger Zeitpunkt zum zählen, wirklich nicht, weil sie mit der Grossmutter Mah-Jong spielen oder dem Einkind helfen, im hohen Gras im Hinterhof den Federball zu finden. Könnten sie später wieder kommen? Und die ganzen Subversiven, die sind, wenn der Volkszähler klingelt, gerade daran, sich im Hinterzimmer zu vermehren, um die Zählung zu unterlaufen. Beat the system. Outfuck the communist party.
Uneinig war man sich im vorberatenden Ausschuss des Zentralrates der KP auch, wie man damit umgehen sollte, wenn das listige Volk den Spiess umdrehen und die Volkszähler zählen würde. Das Volk wäre eindeutig schneller fertig und die ganze Übung müsste abgebrochen werden. Zu guter letzt war da noch das Problem des peer-counting. Wie konnte man verhindern, dass die zählenden Chinesen den zu Zählenden hier und dort einen Gefallen taten und schlicht ein paar Familienmitglieder übersahen? Drei Grosseltern, zwei Tanten, zwei Eltern und fünf Einkinder – das macht dann total acht. Schönen Abend noch und nichts für ungut.
Düstere Stimmung begann sich im vorberatenden Ausschuss auszubreiten und es sah gar nicht gut aus. Das Projekt Volkszählung hing in den Seilen und wirkte angezählt. Dann hatte jemand eine Eingebung. Eine Erleuchtung sozusagen. Eine verflucht bestechende Idee. Ein mittlerer Beamter, der bis dahin nicht durch originelle Ideen aufgefallen war, machte den überraschenden Vorschlag, man könnte doch allenfalls erwägen, anstatt die Chinesen von Chinesen zählen zu lassen, den Auftrag extern zu vergeben. Nach einem Augenblick betretener Stille lachte der Vorsitzende, worauf die anderen Mitglieder des Ausschusses zaghaft auch zu lachen begannen, einer nach dem andern, bis der Vorsitzende mit der Faust auf den Tisch schlug und den Beschluss ins Protokoll diktierte, die Volkszählung extern zu vergeben.
Hier muss der Chronist nun ein paar Schritte überspringen, weil die Zählerei sonst gar nie mehr losgegangen wäre. Jedenfalls wurde nach ein paar weiteren Sitzungen festgestellt, dass nur jemand diese gewaltige Aufgabe mit der erforderlichen Genauigkeit, Gründlichkeit und Sturheit anpacken konnte: Die Schweizer.Wir kriegen grob geschätzt (ich darf ab und zu grob schätzen, ich gebe mir sonst sehr Mühe, sorgfältig mit den Leuten umzugehen) sechs Millionen zusammen, wenn man die Ausländer wegzählt (das wäre dann eine Volkswegzählung: man zählt etwas weg, um dann unter dem Strich das wahre Volk vor sich zu haben). Die chinesische Regierung gelangte also an die Schweizer Regierung mit der Bitte, das Schweizer Volk mal zur Volkszählung ausleihen zu dürfen. Wer, so argumentierte der chinesische Botschafter lächelnd aber durchaus ernsthaft, als er im EDA vorsprach, wäre besser geeignet, um die gigantische Aufgabe, das chinesische Volk zu zählen, mit Aussicht auf Erfolg anzupacken, als die Schweizer, erwiesenermassen ein Volk von Buchhaltern, Versicherungs- und Bankangestellten mit einem verlässlichen Flair für Zahlen und zudem von sprichwörtlicher Unbestechlichkeit?Der Vorschlag wurde an der nächsten Bundesratssitzung besprochen und man einigte sich erstaunlich rasch darauf, ihn anzunehmen, denn es ergab sich, dass die Regierung sowieso vorgehabt hatte, die Schweiz einmal tüchtig durchzulüften, was ungleich einfacher zu bewerkstelligen war, wenn die Bevölkerung mal kurz ausser Landes war, und die zurückbleibenden Ausländer waren sich Gegenwind gewohnt.
Da gingen sie also hin, die Schweizer Volkszähler, im grössten je vom EDA-Expertenpool organisierten Auslandeinsatz. Guten Morgen. Wir sind die Hengartners aus Zuchwil. Das ist Peter, mein Mann, ich bin die Trudi und das sind unsere Kinder Noah und Joël (nüt aalange, Joël, gäll!). Macht nichts, wenn sie das jetzt nicht alles verstehen. Wir zählen sie rasch und dann sind wir auch gleich wieder weg, gell? Danke, kein Reiswein. Ufiderluege!
Was soll ich sagen. Die Volkszählung lief wie am Schnürchen. Es gab nur ganz wenige Zwischenfälle und die hatten auf das extrem gute Gesamtergebnis keinerlei Einfluss. Die KP war von der zustande gekommenen Zahl beeindruckt, eine nun genau definierbare absolute Mehrheit der Chinesen gab zu Protokoll (eine der Standardfragen im zwölfseitigen Bogen auf Altpapier), noch nie so korrekt und gleichzeitig charmant gezählt worden zu sein, und die Schweizer fanden das Erlebnis so ausserordentlich, dass sie auf dem Heimweg gleich noch die Mongolen, die Russen, die Polen und die Deutschen zählten. Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Nur das Nachhausekommen war dann nicht für alle ganz einfach. Das Land zwar gut gelüftet und von den Ausländern ordentlich instand gehalten, musste man denen echt zugestehen. Aber eben. Gerade das. Festzustellen, dass die Schweiz auch ohne Schweizer nicht sofort dem Untergang geweiht war. Das war schon ein Bisschen eine Ernüchterung. Irgendwie. Oder nöd?





