Archive for September 2010

Irgendwo in Umbrien

26. September 2010

Der Pleier

26. September 2010
In der biologischen Systematik gehört der Pleier zur Untergattung der Pleitegeier, aber eigentlich möchte er weder da noch irgendwo sonst dazugehören. Er möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Er ist ab seinem schlechten Ruf  enttäuscht und zeigt, durch den Verzehr der vielen Kadaver zu schwer geworden, ab und zu auch Anflüge von Verbitterung, weil er des Fliegens nicht mehr mächtig ist.
Trotz diesen auf Rückzug angelegten, depressiven Wesensmerkmalen findet man den Pleier praktisch überall auf der Welt. Er hat seinen festen Platz auf dem Henkersbaum oder dem Galgen längst eingetauscht gegen einen Platz hoch oben auf der Liste der definitiv nicht vom Aussterben bedrohten Tiere. Besonders eindrücklich ist die Bandbreite der Pleiten, bei deren Ankündigung sich der Pleier blicken lässt. Man trifft ihn ebenso knapp ausserhalb des Scheinwerferlichts von zum Scheitern verurteilten Friedensverhandlungen, wo er sich die Namen der Protagonisten merkt, die danach eigentlich definitiv entsorgt werden müssten, wie im Treppenhaus eines anonymen Wohnblocks, in dem sich gerade ein Ahnungsloser seinen persönlichen Lebensplan für die nächsten Jahre zurechtzimmert.
Trotz seines Schwermuts kann der Pleier zuweilen auch eine stupende Leichtigkeit an den Tag legen. Er pfeift dann sein Lieblingslied („Water of Love“ von den Dire Straits), in dem ein Vorfahr vorkommt, der noch fliegen konnte, und tanzt sich leichten Fusses an den Rand der nächsten Katastrophe.
(zitiert aus Walters Tierleben, 4. Auflage, Hirnfort am Main, 1975)

voyage immobile (Yverdon, Denis PERRET-GENTIL – 2008)

10. September 2010

Franks Bein

10. September 2010
(über die Gangart im Abstiegskampf)
In der Mittelschule hatte ich einen Geschichtslehrer, dessen Ziel es war, uns das Zeitungslesen beizubringen. Fast dreissig Jahre später sass ich im zweiten Stock der Stadtbäckerei von Travemünde bei einem Milchkaffee und fragte mich, was er damit gemeint haben könnte.
Im Sportteil der Welt vom 7. Februar 2002 stand, dass der Brasilianer Cacau, der gerade zwei Tore zum Sieg des abstiegsgefährdeten FC Nürnberg über den VFB Stuttgart beigesteuert hatte, den Sieg seiner Mannschaft Frank Wiblishauser gewidmet hat. „Das ist ein Sieg für Frank Wiblishauser“, soll er nach dem Spiel verkündet haben, auf den Beinbruch anspielend, den der Abwehrspieler beim vorausgegangenen 2:0 gegen Cottbus erlitten hatte.
Ich konnte mir schwer vorstellen, dass der Brasilianer Cacau den Namen Wiblishauser so locker in die Mikrofone schlenzte, wie vor der Dusche den Ball in die Maschen des gegnerischen Tors.
Er hatte sich wahrscheinlich verheddert und mindestens einen Nachschuss gebraucht. Vielleicht hatte er auch gesagt: „Dieser Sieg gehört Frank Wilbis…“ – und einer der Reporter hat den Abpraller reaktionsschnell verwandelt: „ – Wiblishauser!“. Ich nehme aber eigentlich an (ich tendiere zur Annahme), dass er ganz einfach „Dieser Sieg ist für Frank“ gesagt hat, und da wussten alle Umstehenden sofort: Der Frank mit dem Bruch. Der brutal Gefoulte. Der, an dem sie Bruch gebaut hatten in Cottbus. Der gebrochene Frank. Der Bruchfrank eben.
Wie ich mir hier in Travemünde so meine Gedanken machte, ob jemand (Cacau) das, womit er später zitiert wird („Das ist ein Sieg für Frank Wiblishauser“) tatsächlich so gesagt hatte, oder ob es vielleicht ein klein wenig anders war, als am nächsten Tag in den Medien berichtet wurde (ein unglücklicher Zusammenprall mit bösen Folgen für Frank), frage ich mich, ob es das war, was mein Mittelschullehrer mit Zeitungslesen gemeint haben könnte, wie er es uns beibringen wollte, damals, und ob ich das Klassenziel, mit drei Jahrzehnten Verspätung, vielleicht  endlich erreicht hatte.
Mein damaliger Lehrer interessierte sich nicht für Vertragsamateure, die nach ein paar Toren im Abstiegskampf einen Profivertrag erhalten. Er hatte mit Sport nichts am Hut. Er war Privatdozent für Geschichte des europäischen Mittelalters an der Universität Zürich, Übersetzer und Herausgeber einer kommentierten Chronik aus dem 15. Jahrhundert und Lehrer an einer Zürcher Mittelschule, deren Schüler er beizubringen hoffte, wie man Zeitung liest.
Franks Bruch und Cacaus Widmung gingen ihm, würde er davon erfahren, völlig am 2002 schon seit über zehn Jahren ruhenden Gesäss vorbei, falsch oder richtig zitiert.
Ihn interessierten Ereignisse wie Watergate oder die Rezeption des amerikanischen Vietnamkriegstraumas in den westlichen Printmedien – wenn er nicht gerade in den Tiefen seiner Chronik versunken war.
Dummheit beleidigte ihn persönlich. Als Nixon zum öffentlichen Abschuss freigegeben wurde, gab er uns Schülern zu bedenken, dass sich in jedem Leben, in jeder Biographie, wenn man nur hartnäckig und geduldig genug nachforschte, unschöne Dinge finden würden. Und er erinnerte uns daran, dass Nixon den Vietnamkrieg beendet hatte, einen der sinnlosesten Kriege überhaupt, den sein mystifizierter Vorgänger JFK begonnen hatte.
Es ging ihm nicht darum, Wahlbetrug und Lügengeschichten schönzureden. Er redete überhaupt nichts schön. Er war auch nicht unbedingt ein Menschenfreund, der noch dem durchtriebensten Machtmenschen die Gnade des Zweifels zugestanden hätte. Er war wohl eher so etwas, wie ein abgeklärter Realist, der sich seine eigene Meinung leistete. Autofahren hatte er mit 45 Jahren gelernt und die Ehe, wovon er eine hinter sich hatte, nannte er den täglichen Kleinkrieg, was ich damals lustig fand.
Ich nehme nicht an, dass er stolz auf mich gewesen wäre, wenn er erfahren hätte, dass ich in Norddeutschland den Sportteil der Zeit lese. Es gab auch mir zu denken, dass ein Mitvierziger unvermittelt von Zürich nach Travemünde reisen kann, um sich dort dem Studium der Sportberichte zu widmen.
Gut, ich habe in diesen Tagen auch die Möwen beobachtet, wie sie auf den Molen aufgereiht die Rückkehr der Fischerboote (kurzfristig) und Touristen (mittelfristig) abwarteten. Ich habe einem Halbwüchsigen zugeschaut, der am Strand eine Art Gleitschirm steigen liess, von dem er sich durch den Sand ziehen und ab und zu ein paar Meter hochheben liess. Ich habe eine seltsame Krähe beobachtet, die es fertigbrachte, minutenlang am selben Ort in der Luft stehenzubleiben, bis ich merkte, dass sie als Drache an der Schnur eines Kindes hing. Dann fand sie es nicht mehr lustig und flog weiter.
Ich habe sparsam gegessen, sehr moderat getrunken, bei unfreundlicher Witterung lange Spaziergänge dem  verwaisten Strand entlang unternommen und anlässlich eines halbstündigen Besuches um ein Haar die Bank des Casinos von Travemünde gesprengt. Ich habe viel geschlafen, auch tagsüber, und es geschafft, nicht pausenlos nachzudenken.
Stolz sein darauf braucht niemand. Weder mein ehemaliger Lehrer, den ich hiermit definitiv und endgültig in die Pension entlasse, noch sonstwer.
Für Edgar Geenen, den Manager des FC Nürnberg, war Cacaus Widmung („Dieser Bruch ist für Nixon“) ein Zeichen dafür, „…dass dieses brutale Foul meinen Spielern die Augen geöffnet hat. Sie haben erkannt, dass dies die Gangart im Existenzkampf ist, der uns in den nächsten Wochen erwartet.“
Ich glaube, der Mann hatte Recht. Mit der Gangart, meine ich, mit dem Existenzkampf. Mit den nächsten Wochen.
Franks Bein steht nicht mehr alleine. Heilt abseits und wird in der fussballfreien Zeit als Widmung zitiert. Nixon ist tot. Tschudis Chronik vollständig ediert, nehme ich an. Mit geöffneten Augen lässt sich besser kämpfen, vielleicht sogar der Abstieg verhindern. Oder wenigstens um eine Saison hinauszögern. Nur sollte man nicht gleich alles glauben, was man so liest oder hört oder sieht.
Gestern zum Beispiel, als ich nach Einbruch der Dunkelheit an der Vorderen Reihe in Travemünde in einem italienischen Lokal eine norddeutsche Pizza Hawaii ass, fuhr vor dem Fenster plötzlich ein Haus vorbei, eines der fünfstöckigen Fährschiffe, die täglich zwischen Malmö und Travemünde verkehren. Wenn man, wie ich gestern, an der Trave in einer menschenleeren Pizzeria sitzt, schon sechs Tage von zuhause weg ist, mit niemandem geredet und noch kaum nachgedacht hat, worüber man nachdenken wollte, dann nimmt man es hin, wenn im Augenwinkel draussen in der Nacht ein Haus vorbeifährt, langsam, mit hell leuchtenden Fenstern, lautlos und bewohnt.
Post Scriptum: Der FC Nürnberg ist nicht abgestiegen in jener Saison. Ein Jahr später, als ich dieses Manuskript endlich tippte, hatte er fünf Punkte Reserve auf den Strich. Cacau hatte den Club inzwischen verlassen, widmete seine Tore einem anderen Verein. Er sprach schon damals prima Deutsch, als er besagtes Zitat von sich gab, da er schon einige Jahre in Deutschland gelebt hatte, wie ich später irgendwo las, und hat den Namen Wiblishauser zweifelsfrei ohne Probleme über die Lippen gebracht. Aber darum ging es mir damals nicht. Auch heute, ein weiteres Jahr später (Nürnberg ist unterdessen abgestiegen), geht es nicht um die Aussprache eines Namens. Ich weiss nicht genau, worum es heute geht. Ob Franks Bein mittlerweilen geheilt ist oder ob er als Sportinvalider in den Bars herumhängt und vom ewigen Abstiegskampf erzählt, weiss ich auch nicht. Es liesse sich herausfinden. Aber wen interessiert schon Franks Bein.
Post Post Scriptum: Seit dem Abtippen des Manuskripts, und bis ich den Text  heute in meinen Blog stellte, sind wiederum 7 Jahre vergangen. Ich hoffe, der Salat mit den verschiedenen Vergangenheitsformen stösst der Leserin und dem Leser nicht allzu stark auf. Der FC Nürnberg ist unterdessen wieder aufgestiegen. Nicht, dass das ausserhalb Nürnbergs wirklich von Bedeutung wäre, nur der Vollständigkeit halber. Ich habe mittlerweile das Land zweimal gewechselt, viel nachgedacht, oft gelacht und mit einer Anzahl hochinteressanter Menschen sprechen dürfen, aber wenn ich ganz ehrlich bin, weiss ich immer noch nicht, worum es geht.  Wahrscheinlich muss man das ja auch gar nicht.

Irgendwo zwischen Bern und Aarau

3. September 2010

Am Strand

3. September 2010
Du darfst Dir keine Illusionen machen:
Wir wiegen schwer, doch wichtig sind wir nicht.
Wir meinen nur, dass diese Möwen lachen.
Dieses Rauschen heisst nicht, dass die Wellen
klagen, weil wir viel zu schnell vergehen.
Mehr als Treibholz sind wir ihnen nicht.
Diese Brandung murmelt vielleicht schon,
doch erzählt sie nicht von unsern Taten,
zu viel Nachsicht liegt in ihrem Ton.
Teilnahmslos ist dieser weite Himmel
über uns und unter uns der Sand.
Lass uns nicht versuchen, zu verstehen.
Lass uns einfach noch ein Stück weit gehen.
Absichtslos und still im Abendlicht.