Archive for März 2011

Professor Strangelove, I assume?

16. März 2011

Ich wusste bis heute nicht, dass es an der ETH Zürich einen Lehrstuhl für Risikowahrnehmung gibt. Risiken finde ich hoch interessant, und Wahrnehmung beschäftigt mich als Thema, seit ich mir bewusst zu machen versuche, wie entscheidend es für mein Lebensgefühl ist, wie ich meine Umgebung wahrnehme.

Wir haben keine Welt. Wir haben nur unsere individuelle Wahrnehmung davon. Wir haben genau genommen nicht einmal uns selbst, nur eine Wahrnehmung von uns, abgesehen vielleicht von den raren Glücksmomenten, in denen wir uns nicht mehr spüren. So gesehen bleibt von uns und der Welt am Ende ausser der Wahrnehmung rein gar nichts übrig, von “The World according to Garp” nur „according to“.

Die Idee der NZZ, im Zusammenhang mit der sich entfaltenden Nuklear-Katastrophe in Japan einen Professor für Risikowahrnehmung zu befragen, leuchtet ein. Beim Lesen der Antworten von Professor Siegrist wird es dann allerdings rasch dunkel.

Wenn Professor Siegrist eingangs festhält, dass niemand ein vollständiges Bild der Lage in Japan hat, kann man ihm noch beipflichten. Aber das wussten wir eigentlich schon. Ein erstes Stirnrunzeln stellt sich bei dem daraus gezogenen professoralen Schluss ein, es sei daher wichtig, dass die Bevölkerung nicht unnötig beunruhigt werde mit Angst einflössenden Meldungen, die nicht relevant seien.

Mit Bevölkerung ist offensichtlich die Schweizer Bevölkerung gemeint. Sie soll also nicht beunruhigt werden. Was aber wären die offenbar zu vermeidenden, nicht relevanten Meldungen? Dass es im am besten auf Erdbeben vorbereiteten Land der Welt zu einer Kernschmelze in einem AKW kommt? Dass die Produktion von Strom durch Nuklearenergie unter gewissen Umständen fürchterlich ausser Kontrolle geraten kann? So sehr ausser Kontrolle, dass die Schicksale Tausender, die gerade ihre Angehörigen, Freunde, Nachbarn und Bekannten und/oder ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, von der real werdenden Gefahr einer nuklearen Verseuchung einer ganzen Region in den Hintergrund gedrängt werden? Sind das die Meldungen, die für die Schweizer Bevölkerung als Teil der Weltöffentlichkeit „nicht relevant“ sind?

Lässt sich diese Unklarheit vielleicht noch mit der Kürze des Interviews und meiner beschränkten Intelligenz erklären, werden die Aussagen von Professor Siegrist dort, wo er sich zur AKW-Debatte in der Schweiz äussert, definitiv unhaltbar.

Wenn die AKW-Debatte zur reinen Risikodebatte verkomme, so Professor Siegrist, werde es schwierig, Akzeptanz für die Atomenergie zu gewinnen. Wie bitte? Die zu führende Debatte, sehr geehrter Herr Siegrist, kann angesichts vorhandener Alternativen nicht zum Ziel haben, Akzeptanz für eine Form der Energieproduktion zu gewinnen, die unverantwortbar ist. Die Debatte muss angesichts des unlösbaren Abfallproblems der Atomenergie und ihres gerade wieder offenbar werdenden Katastrophenpotentials darüber geführt werden, wie sie am besten und am schnellsten durch verantwortbare erneuerbare Energien ersetzt werden kann.

Ihre unzutreffende Globalbehauptung, wir könnten „den angestrebten Nutzen mit einer anderen Technologie nicht erreichen“ ist eine haarsträubende Verkürzung einer zugegebenermassen hochkomplexen Problematik, und die Begründung, die Sie dafür anführen, ist mit Abstand das dümmste Beispiel, das Sie nennen konnten. Die „durch Windkraftwerke verbaute Landschaft“ gehört zwar in die von Ihnen geforderte „Abwägung“, macht dort aber angesichts der Bedrohung der japanischen Bevölkerung durch die ausser Kontrolle geratenen AKW eine pietätlose Figur. DAS, die Ästhetik der Landschaft, ist in diesem Zusammnhang nicht relevant, wenn Sie unbedingt über etwas nicht Relevantes schreiben möchten.

Wenn Sie als Professor für Risikowahrnehmung festhalten, man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, Risiken eliminieren zu können, ist das als Kernsatz aus dem Fundus Ihrer Wissenschaft sicher richtig, und es trifft in vielen Situationen auch auf die Politik und das individuelle Leben zu. Im vorliegenden Fall ist es aber schlicht falsch.

Das Risiko eines atomaren Unfalls kann eliminiert werden. Durch den simplen Entscheid, die bestehenden AKW vom Netz zu nehmen und keine neuen mehr zu bauen. Ich kann das Risiko eines Unfalls beim Fallschirmspringen eliminieren, indem ich nicht Fallschirm springe.

Dass die Strompreise stark ansteigen würden, wenn AKW verboten werden, ist in ihrer verblüffenden Stupidität eine Aussage, die ich eher spät Abends an einem Biertisch (oder vom Pressesprecher eines AKW-Betreibers während einer hitzigen Abstimmungskampagne) erwartet hätte als am helllichten Tag aus dem Munde eines nüchternen und besonnenen ETH-Professors.

Kein vernünftiger Mensch spricht davon, die AKW morgen alle abzuschalten und den danach noch produzierten Reststrom den Reichen vorzubehalten, die ihn dann noch bezahlen können. Ein Ausstieg aus der Atomenergie und der Ersatz des Nuklearstroms muss sorgfältig geplant und dann in einem sinnvollen Zeitrahmen umgesetzt werden. Aber das wissen Sie.

Dass Sie sich dann noch zur völlig abstrusen Aussage versteigen, wenn die Strompreise stark ansteigen, werde es den Armen schlechter gehen, und sie (die armen Armen) würden dann andere Risiken tragen müssen, indem sie sich zum Beispiel weniger Gesundheit leisten könnten, ist sogar als populistische Stimmungsmache grotesk, und es beunruhigt mich in Hinblick auf die zu führende Debatte über alle Massen. SIE beunruhigen mich über alle Massen. Sie scheinen mir ein Risiko für den guten Ruf der ETH und den guten Ruf der Ihre Meinung veröffentlichenden NZZ zu sein. Meiner Wahrnehmung der Chancen, dass der Mensch irgendwann noch zur Vernunft finden könnte, tun Sie jedenfalls ganz und gar nicht gut.

Irgendwo zwischen Wille und Wahnsinn

16. März 2011

Fische im Kofferraum

11. März 2011

(Zen oder die Kunst, auf sein Auto zu warten)

Ein guter Freund aus Berlin lässt seinen alten Mercedes in Polen bei Piotr warten. Nicht dieses – das andere Warten. Das mit der Wartung. Er hat ihn nicht dort abgestellt und „Sitz!“ gesagt zu ihm wie zu seinem alten Hund, damit dieser wartet, bis er wieder kommt und ihn abholt, weil seine Freundin, zu der er jeweils zieht für die paar Tage, in denen er mir jeden Mai liebenswürdigerweise seine kleine Wohnung neben dem Theater überlässt, keine Hunde in ihrer Wohnung will, vor allem keine alten, denen der Sabber auf den Nomadenteppich tropft.

Als er ihn wieder einmal hinbrachte (nach Polen, zu Piotr), seinen alten Mercedes, um den Motor revidieren und eine ganze Reihe anderer Dinge in Ordnung bringen zu lassen, erwähnte er in der Mängelliste unter Varia, Wasser dringe in den Kofferraum ein. Ich nehme an, er erwähnte es deshalb, weil er der Meinung war, die Gummidichtung des Kofferraumdeckels müsste gelegentlich ersetzt werden.
„Ach ja und bevor ich es vergesse – da kommt Wasser in meinen Kofferraum.“
„Wasser?“ – fragte Piotr zurück –  „Machst Du Fisch rein!“

Dazu nur Folgendes. Ich weiss nicht, ob mein Freund Fische mag. Aber er hat definitiv keinen Hund. Ob seine Freundin, die ich sehr schätze, den Hund, den er nicht hat und von dem sich deshalb weder sagen lässt, ob er wirklich alt ist noch ob er deswegen auf den Teppich sabbert, nicht in ihrer Wohnung haben wollen würde, auch nicht für ein paar Tage im Mai, entzieht sich ebenso meiner Kenntnis, wie ich nicht weiss, ob die Dichtung des Kofferraumdeckels je ersetz wurde.
Das Einzige, worüber ich mit mir einigermassen im Reinen bin, ist dass es sich lohnt, auf die guten Dinge im Leben zu warten. Und vielleicht noch die Erkenntnis, dass zwar die meisten Dichtungen irgendwann ersetzt oder zumindest frisch formuliert werden müssten, dass es dafür aber in den seltesten Fällen teure Poeten braucht. Polnische Mechaniker erledigen den Job ohne viel Aufheben. Während man wartet.

Beduine (Acryl auf Leinwand)

7. März 2011

Es war einmal ein Reuter (Matthias Claudius)

3. März 2011

Es war einmal ein Reuter,
Der hatt ein schönes Pferd;
Gut das, und was denn weiter?
Er aber war nichts wert.

Irgendwo am Strassenrand

3. März 2011