Archive for September 2011

Tamar

28. September 2011

Die Saison der Entschuldigungen

20. September 2011

Der Tag begann mit einem sonderbaren Telefonanruf. Ich hörte die Stimme meiner Sekretärin sagen, sie hätte Mahmud Abbas am Apparat und ob sie ihn mir durchstellen könne. Mahmud wer? Machen Sie keine Scherze mit mir, gute Frau, ich habe schlecht geschlafen.

Aber sie hatte bereits durchgestellt und Präsident Abbas bat mich ohne Umschweife um Entschuldigung.

I am sorry, Walter, I am deeply sorry. Seine Stimme klang brüchig und im Hintergrund war Strassenlärm zu hören. 

Why should you be sorry, dear friend? hörte ich mich sagen, obwohl wir uns nur einmal gesehen hatten, und da hatte er kurz zuvor sein Gesicht verloren gehabt.

Er entschuldigte sich für all die Sorgen, die er mir in den letzten vier Jahren bereitet hatte. Es sei nicht seine Absicht gewesen (I didn’t mean it). Er wisse, wie mühsam das für mich und die anderen Diplomaten die ganze Zeit gewesen sei, dieser ewige Konflikt. Diese Unversöhnlichkeit. Die hohlen Parolen. Die lärmige Larmoyanz. Es tue ihm unsäglich leid, und ob ich seine Entschuldigung annehmen würde, es sei ihm wichtig. Hatte ich ihn schluchzen gehört?

Of course I accept your apology, Mr. President. It’s a very nice gesture. It is confidence building. It is very constructive. It makes my heart light at the time of my departure. I really appreciate. And please stop crying, will you?

Ich hörte, wie er sich schneuzte. Dann waren für einen Moment nur Geräusche von vorbeifahrenden Autos zu hören, Hupen, arabische Wortfetzen, das Furzen eines Esels?

Are you still there, Mr. President?

Thank you, Walter. Thank you for your understanding. It means a lot to me. I pass you Bibi now for the details.

WHAT???

Walter, that you? This is Bibi the brave. How are you? We heard you are leaving soon. No, don’t tell me where you go. I know you are not allowed to tell and I know it already, anyway. Nice country, congratulations! Listen, I know you’re busy, but Mahmud and I are sitting here, drinking a cup of tea, and we wanted to apologize before you leave.

Dann schien er die Hand auf die Sprechmuschel zu halten und ich hörte ein schwaches No, thanks, Mahmud, no sugar!

You still here, Walter? Listen I want you to know that I am sorry. Like Mahmud I feel that it wasn’t right to cause you so much trouble. I am sorry for the settlements and all the mess we created. The pitty peace talks. The cheeky checkpoints. I know it wasn’t nice, none of it. You could have had such a good time. Could have enjoyed beautiful Palestine instead of writing all these confidential reports about our sad conflict. Good reports by the way, most of them. My compliments. But completely pointless, you know that. We used to call it the diplomatic treadmill, Mahmud and I, and we both had our favorite ambassador-hamsters in the wheel. We used to read the reports of you guys together and have a good laugh. No offense. We had to have some fun, after all. What is it, Mahmud? Sorry Walter, just a second… No, Mahmud. I don’t give a shit. You can have it. But take the inhabitants too, please.

I’m back. You still there, Walter? The connection is not really outstanding here in Jenin. I promised Mahmud I ‘ll send him my technicians over this afternoon, as soon as I got back to Jerusalem after we finished the maps.

So what I wanted to tell you is that we are both terribly sorry, Mahmud and I, we really are. We hope you accept our sincere apologies and we want you to leave here with a quiet mind, knowing everything will be all right. We have the peace treaty right in front of us. It’s based on the Geneva Initiative with a few article swaps. Gonna sign it tomorrow. Was about time, I know. Send you a copy.

This is great news, Mr. Netanyahu! sagte ich, völlig überwältigt. I can hardly believe my ears. You tell me you finally sorted everything out, you and Mr. Abbas? You found solutions to close all the enormous gaps? What about Jerusalem, for instance?

Forget Jerusalem. It is gonna be the undivided capital of two states. Neat, isn’t it?
And the right of return…?

Granted.

Whaddayamean?

The Palestinians get a state. If they don’t like it, they can give it back. But listen, gotta go. My regards to Tamar. She’s a nice girl. Don’t forget to allow her to visit Israel often enough after you two have left the country. She’s a native. She needs the sun.

Dann kam ein weicher Summton. Netanjahu hatte aufgehängt.

Ich rief meine Sekretarin an und bat sie, mir in der nächsten halben Stunde keine Anrufe durchzustellen und keine Besucher einzulassen, damit ich in Ruhe an meinem Verstand zweifeln konnte, aber mein Blick viel auf die Frontseite der International Herald Tribune und ich kam nicht umhin, die fett gedruckte Schlagzeile zu lesen: „Iranian nuclear program a big bluff!“

Die Inspektoren der Internationalen Käse- und Emmentaler Agentur (IKEA) hatten den etwas streng riechenden Beweis vorgelegt, dass es sich bei den vermeintlichen nuklearen Installationen in Tat und Wahrheit um gigantische Anlagen zur unterirdischen Produktion von Weichkäse handelte. Das Rezept stammte aus einem alten koreanischen Kochbuch und eine pakistanische Werbeagentur hatte die geniale Verkaufsstrategie entwickelt: „Unterirdisch produziert – überirdisch gut!“.

Die islamische Republik würde, verkündete ein schelmisch grinsender Ahmadinejad im Exklusivinterview, durch diesen gelungenen Coup nicht nur von einem Tag auf den anderen weichkäseautark werden, sondern voraussichtlich auf absehbare Zeit hinaus im ganzen Mittleren Osten Fäden ziehen.

Ich legte die Zeitung auf einen Stapel mit Altpapier, auf dessen Behälter jemand POSTEINGANG geschrieben hatte, band meine Krawatte um, die den Sommer über hinter meiner Bürotüre hing, und verliess das Gebäude. Ich überquerte die hupende Strasse und ging Richtung Strand. In meinem Kopf begann ich eine Liste mit Personen zu erstellen, bei denen ich mich bei nächster Gelegenheit entschuldigen wollte. Gründe gab es genug. Es würde eine lange Liste werden. Parallel dazu, das war mir jetzt schon klar, würde ich nach einer Weile eine Liste der Menschen und Organisationen anlegen müssen, bei denen ich mich zu entschuldigen vergessen hatte, was ihnen deutlich anzumerken war. Und vielleicht noch eine dritte Liste, die die Namen der Personen oder Organisationen enthalten würde, die fälschlicherweise auf der zweiten Liste gelandet waren, weil ich es versäumt hatte, sie nach erfolgter Entschuldigung auf der ersten List zu streichen. Es muss etwas anderes gewesen sein, was ich ihnen angesehen hatte. Und vielleicht würde es noch eine vierte Liste brauchen, die jene Namen (oder Organisationen) enthalten würde, die auf keiner der drei Listen auftauchten, und eine fünfte, streng vertrauliche, mit Namen von Personen, allenfalls auch Organisationen, welche ich bewusst aus Datenschutzgründen weggelassen hatte, oder weil es politisch zu heikel gewesen wäre oder weil sie mir zu nahe gestanden waren (ich machte mir eine mentale Notiz: vielleicht ist es ratsam, diese letzte Liste in Unterlisten zu unterteilen, vielleicht überhaupt alle Listen unterteilen?) und dann stand ich am Strand und stellte fest, dass ich die Badehose in der Botschaft liegen gelassen hatte. Es tat mir Leid für das Meer, und ich entschuldigte mich in aller Form, aber es ging nicht anders, ich musste umkehren.

Irgendwo, vor Jaffa

20. September 2011

Was ich lese, wenn ich lese, entscheidend sei nicht, wie ich lese, sondern was ich lese

2. September 2011

 „Entscheidend ist nicht, wie, sondern was Sie lesen.“ (NZZ-Eigenwerbung)

Was heisst hier entscheidend? Was wird entschieden, und von wem? Entscheidungen aussprechen, hat Günter Eich in seinem Gedicht Timetable festgehalten, sei Sache der Nilpferde. Er ziehe es vor, Salatblätter auf ein Sandwich zu legen und unrecht zu behalten.
Entscheiden hat etwas mit Recht haben zu tun. Wer entscheidet, muss glauben, oder zumindest hoffen, Recht zu haben. Recht mit seinen Überlegungen oder seinem Bauchgefühl oder was immer zum Entscheid in diese oder eben die andere Richtung geführt hat. Und ich schreibe ganz bewusst von seinen Überlegungen und seinem Bauchgefühl, weil nach einer Statistik, die ich soeben erfunden habe, weltweit noch immer mehr als drei Viertel aller Entscheidungen von Männern gefällt werden. Das ist eindrücklich, ich weiss, und es klingt auch ohne Beleg glaubhaft. 
Entscheidend sei also, so die NZZ in ihrer Eigenwerbung, nicht wie ich lese (ich nehme der Einbildung halber an, die Werber meinten mich), sondern was ich lese.
Das mag als Werbeslogan auf den ersten Blick überzeugen (wer liest schon gerne Käse), aber es trifft leider nicht ganz zu, meine Herren. Es überzeugt höchstens halb. 
Mein Geschichtslehrer sagte uns zu Beginn der Mittelschule, das Ziel seines Unterrichts sei, uns beizubringen, wie man Zeitung liest. Wie, nicht welche. Ich habe erst viele Jahre später zu begreifen begonnen, was er damit gemeint haben könnte. Es hat zunächst einmal damit zu tun, nicht alles zu glauben, was man liest. Es hat mit Kritik zu tun, mit Zweifeln an Darstellungen, die auf unüberprüfbarem Wissen beruhen, mit ständigem Hinterfragen, wer was warum so und nicht anders darstellt. Mit der Frage, warum über etwas nicht berichtet wird. Es hat mit Quellenkritik zu tun, mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit und mit der Unterscheidung von Meinungen und Fakten, mit dem Erkennen von Absichten. Es hat damit zu tun, nicht alles bereitwillig zu glauben, was in mein Weltbild passt, und nicht alles reflexartig abzulehnen, was mich verunsichert oder meine Überzeugungen erschüttern könnte.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, wie ich lese. Umso besser, wenn ich dann auch noch etwas lese, was von hoher Qualität ist, weil es in etwa mit denselben Grundsätzen geschrieben wurde, wie ich lese. Aber es ist schon eher umgekehrt: Wenn ich nie richtig lesen gelernt habe, kann ich auch mit der NZZ wenig bis gar nichts anfangen. Wenn ich lesen kann, tun es zur Not auch mal ein paar Blick-Schlagzeilen. Ich kann die Zeitung (irgendeine) natürlich auch ungelesen dazu nutzen, mein Sandwich einzupacken, und mich damit in die Landschaft verabschieden, während die Manager im Flugzeug über Bochum ihre einsamen Entscheide treffen.

Irgendwo in Irland auf einem Tisch

2. September 2011