Archive for August 2019

Kleine Kulturgeschichte des Waldes in Mitteleuropa unter besonderer Berücksichtigung der Bäume

7. August 2019

Vom Luxemburgischen Autor Guy Helminger gibt es einen Gedichtband mit dem Titel «Die Tagebücher der Tannen». Ich war aus zwei Gründen skeptisch, habe ihn dann aber doch bestellt. Erstens weil ich «Irgendetwas fehlt immer» angelesen hatte und es nicht halb so toll geschrieben fand, wie ich es aufgrund des starken Titels und der Besprechung, die ich gelesen hatte, erwartet hatte. Und zweitens, weil ich ziemlich sicher bin, dass Tannen, wenn überhaupt, eher nachts schreiben würden. Ja, ich weiss, aber trotzdem.

Der Titel («Die Tagebücher der Tannen») ist ja wirklich gut. Nicht nur wegen dem Stabreim («Das Tantrum der Tonnen» würde wohl niemand lesen wollen). Der Gedichtband liegt seit seiner Ankunft in einem wattierten Umschlag auf meinem Schreibtisch. Ich habe noch nicht wirklich reingeschaut. Vielleicht ein wenig aus Angst davor, dass der Inhalt beim Lesen wie bei «Irgendetwas fehlt immer» hinter das Versprechen des Titels zurückfällt. Vielleicht ist Helminger ja einer jener Autoren, die gute Titel finden und dann an einen mittelmässigen Text verschwenden.

Am schönsten ist es immer dann, wenn der Inhalt eines Buches das Versprechen seines guten Titels einlöst. «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» von Wolfgang Herrndorf war für mich (jeder liest ja anders) ein solches Beispiel. Die Geschichten haben mich zwar nicht restlos begeistert, weder von ihrer Handlung her noch von der Art, wie sie geschrieben sind, aber ich kam nie auf den Gedanken, das Buch nicht zu Ende zu lesen, oder dass der gute Titel vergeudet gewesen wäre.

Als ich den Titel vor ein paar Minuten googelte, weil mir der Autor nicht sofort in den Sinn kam, gab ich irrtümlicherweise «Jenseits des Van-Allen-Gürtels» ins Suchfenster ein, worauf die Suchmaschine «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» vorschlug. Sie hat nicht einmal gefragt: Meinten Sie «Diesseits des Van-Allen-Gürtels?». Sie hat einfach «Jenseits» mit «Diesseits» ersetzt. Vielleicht ist das eine subtile Selbstmordbremse. Jemand will ins Jenseits und die Suchmaschine lenkt ihn ins Diesseits um.

Zurück zum Wald. Die vorliegende kleine Kulturgeschichte befasst sich mit dem Wald in Mitteleuropa, weil man den Wald eingrenzen muss, damit nicht gleich alles verwaldet. Nicht nur Landschaften, auch ein Text kann rasch verwalden, wenn man ihn sich selber überlässt. Es wächst dann alles mit Interpretationen zu und die Kultur wird von einer besitzergreifenden Pseudokultur überwuchert, in der ein oft hermetischer Fachjargon um sich greift und Unwörter ins Kraut schiessen.

Unter Mitteleuropa verstehen wir hier (es braucht diese Präzisierung, denn anderswo versteht man darunter etwas Anderes) den Bereich zwischen Nordsee und Alpen sowie zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, also ein ziemlich grosses, einst fast vollständig mit Wald überzogenes Gebiet.

Man muss sich das vorstellen, weil man es ja nicht mehr besichtigen kann: eine Luftaufnahme von Europa, oder eben Mitteleuropa, aus einem Aufklärungsflugzeug betrachtet, aus dem immense Flächen von Wald zu sehen sind. Eigentlich fast nichts Anderes als Wald, von ein paar wenigen grossen Flüssen durchzogen (die kleinen werden von der dichten Ufervegetation verdeckt), die sich mäandernd ihren Weg ins Meer suchen, und nur hier und da eine Brandrodung, ein kleines Dorf vielleicht? Wir müssen näher ran.

Bevor wir landen, müssen wir noch ein wenig Theorie abwerfen. Die natürliche Landebahn wird, wenn es überhaupt eine gibt, kurz sein und wir dürfen nicht zu schwer sein, falls wir durchstarten müssen. Das heutige Landschaftselement «Wald», so las ich in Wikipedia, sei eine in Jahrtausenden geschaffene Kulturlandschaft, die (ich zitiere) «fast ausschließlich auf Ersatzgesellschaften» beruhe. Hier musste ich als Leser den Reflex unterdrücken, aus dem Text auszuklinken und bei meiner eigenen Vorstellung von Wald zu bleiben.

Ersatzgesellschaften? Weshalb sollte eine Gesellschaft, die sich erst gerade in kleinen, mühsam der Wildnis entrissenen Rodungen entwickelt hatte, bereits ersetzt worden sein? Und von wem? Und warum sollte der «Wald» als Kulturlandschaft auf diesen Ersatzgesellschaften beruhen, die ihn zu roden versuchten? Und warum „Wald“? Was bedeuteten die Anführungszeichen? Standen sie für den Waldrand?

Mein Problem mit den meisten Wikipedia-Artikeln sind neben den oft wirren Formulierungen die andauernden Querverweise. Man möchte einen Begriff erklärt haben (versuchen Sie es an einem freien Abend ruhig einmal mit Kolonialisierung) und kommt, um die Erklärung einigermassen zu verstehen, per Link von einem Begriff zu so vielen anderen, dass man relativ rasch vergisst, was man eigentlich wissen wollte. Man weiss nur noch, was man alles nicht weiss und dass man es noch weniger versteht, wenn es einem erklärt wird.

Wissend, dass es mich von meinem Ziel entfernen würde, klickte ich dann doch noch auf den Begriff «Ersatzgesellschaft», weil es mich wirklich wunder nahm, was sich dahinter verbergen mochte, und ich las, dass damit Pflanzengesellschaften gemeint sind, die «unter anthropogenen Einflüssen entstanden sind, erhalten werden oder sich als direkte Folge aktueller oder ehemaliger Nutzungen einstellen.»

Was für ein wunderbarer, alles enthaltender Satz. Und weil ich nun schon so nahe am Verstehen war, nahm ich diesen einen Satz auch noch mit: «Der ursprüngliche natürliche Zustand und Grad der Beeinflussung durch den Menschen (Hemerobie) sind schwer abzuschätzen.».

Eine anthropogene Hemerobie also. Das erklärt alles. Daher also der viele Wald. Damit wird dann auch gleich die auffällige Dominanz von Buche Eiche, Fichte und Kiefer verständlich. Künstlich angelegte Forste soweit das Auge reicht, durch menschliche Eingriffe entstanden. Sind wir zu weit geflogen? Ich wollte das Frühmittelalter besichtigen. Brandrodungen. Vereinzelte Siedlungen, umgeben von Urwald, der heute in Mitteleuropa kaum mehr zu finden ist.

Der ursprüngliche Grund für die sich nun leider verirrende Expedition liegt weit zurück, in meiner Studienzeit, als ich auf eine Karte Frankreichs im 5. oder 6. Jahrhundert stiess. Man sah darauf nur Wald. Wald, ein paar grosse Flüsse und hier und da, wie eine kleine Insel, eine Brandrodung.

Es war keine richtige Karte, es war lediglich eine schematische Abbildung in einem Buch, und es war natürlich auch nicht Frankreich, das es damals noch gar nicht gab, aber es war Wald, unheimlich viel Wald, und es war mir augenblicklich klar, dass dieses Gestern genau das Gegenteil von meinem damaligen Heute zeigte, wo eine Luftaufnahme Frankreichs, das unterdessen entstanden war, nur noch ein paar vereinzelte Waldflächen zeigen würde, wie Inseln in einer viel zu gross geratenen Rodung.

Es kam dann leider wirklich so, wie ich befürchtet hatte. Anstatt wie geplant Ballast abzuwerten, hatten wir uns durch die schwerfälligen und viel zu langen Definitionen aus Wikipedia ein Übergewicht eingehandelt, das ein Durchstarten auf der kurzen Naturpiste zum aussichtslosen Unterfangen machte. Unser Pilot riss die Maschine hoch, als sich der Waldrand mit der Geschwindigkeit einer zweimotorigen Propellermaschine näherte und wir immer noch nur ein paar Meter vom Boden weg gekommen waren, aber es nützte nichts.

Ich rief noch „Es tut mir leid!“, denn ich fühlte mich verantwortlich, aber noch bevor die Maschine ins Unterholz krachte, war mir klar, dass ich es wieder versuchen würde. Mit neuem Personal. Ohne Wiki..

Kurz bevor Tim und Trigger über die Hügelkuppe kommen

3. August 2019

(Lars Gustafsson as himself,  aus Elastolin)

Es wird mir gehen wie mit Tim und Struppi, ich weiss es. Der Tag wird kommen, und er ist leider nicht mehr weit entfernt, er ist schon ziemlich nahe gerückt, und wenn ich daran denke, frage ich mich einmal mehr, was schwieriger ist: das Ende oder das Näherkommen des Endes. Ich glaube, für mich ist es das Näherkommen.

Wenn er da ist, dieser Tag, werde ich das letzte Buch von Lars Gustafsson gerade zu Ende gelesen haben. Ich werde es zuklappen und es auf den Beistelltisch legen. Ich werde zu meiner Tasse greifen und einen Schluck längst erkalteten Tees trinken. Und genau von diesem Augenblick an werde ich es nicht wahrhaben wollen, dass es keine Bücher mehr von ihm geben soll, die ich noch nicht gelesen habe, keine alten, und auch nie mehr ein neues.

Lars Gustafsson ist am 3. April 2016 gestorben. Auf der Liste gestorben.am müsste er in der Rubrik Schriftsteller, Dichter & Literaten zwischen Imre Kertész (31.03.) und Péter Esterházy Galántha (14.07.) aufgeführt sein (auf Dario Fo und Ilse Aichinger konnte er nicht mehr warten), aber er ist da nicht aufgeführt. Lebt er vielleicht doch noch, ist unter einem anderen Namen nach Austin, Texas, zurückgekehrt und schreibt gerade einen weiteren, wunderbaren Roman?

Leider ja wohl nicht. Wie ich den Tod und das Internet kenne, ist der eine unwiderruflich und das andere voller Schlamperei. Gustafssons Fehlen auf dieser Liste ist leider nur der grenzenlosen Ignoranz ihrer Verfasser zuzuschreiben. Wie kann man Gustafsson vergessen? Wenigstens haben sie Hergé (Georges Prosper Remi) in ihre Liste aufgenommen. Als er 1983 starb, war ich 25 Jahre alt und hatte die Suche nach neuen Tim und Struppi Bänden aufgegeben.

Jahrelang war ich in den Buchläden und Comix-Shops am Regal mit den Tintin-Bänden gestanden und hatte jeden einzelnen Band in die Hand genommen, obwohl ich schon am Buchrücken sah, dass ich ihn kannte, um nachzuschauen, ob es vielleicht doch noch ein Abenteuer des mutigen Reporters mit seinem kleinen Hund gab, das ich noch nicht kannte. Auch die immer gleiche Miniatur-Abbildung der Titelbilder aller Bände auf der Rückseite jedes Bandes habe ich immer wieder mit dem selben Ziel studiert, einen mir noch unbekannten Band zu entdecken. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Kennengelernt hatte ich Tintin als ich meine Mutter als vielleicht 9-jähriger Junge in eine Apotheke begleitete. Im Reklameheftchen des Apothekerverbandes druckten sie damals für kleine Jungs wie mich, die ihre Mutter in die Apotheke begleiteten, zwei Doppelseiten aus einem Tintin Band ab. Das gab den Müttern mehr Zeit, um sich in der Apotheke die Produkte anzuschauen. Die ersten Seiten, die ich so entdeckte, stammten aus “Tim und die Sieben Kristallkugeln”. Ich konnte es vor Spannung kaum erwarten, bis meine Mutter wieder in die Apotheke musste.

Einer der schönsten Momente meiner frühen Jugend war dann, als ich eines Tages im Spielwarengeschäft Franz Carl Weber per Zufall entdeckte, dass es Tim und Struppi nicht nur in kleinen Häppchen in der Apotheke gab, sondern als ganze Bücher! Fortan war das mein grösster Wunsch (grösser noch als eine neue Indianer-Spielfigur aus Elastolin), ein neuer Band von Tim und Struppi, wenn wir Kinder mal wieder mit der Strassenbahn in die Stadt fuhren mit meiner Mutter.

Meine Mutter nannte es “in die Stadt gehen”, obwohl wir in einem Quartier am Rande der Stadt wohnten – eine Sonderbarkeit, die mir erst viele Jahre später auffallen sollte. Es passierte in unregelmässigen Abständen alle paar Wochen, vielleicht acht oder zehn mal im Jahr. Ich wusste nie zum voraus, wann es wieder so weit sein würde, aber es war immer ein Ereignis und seit der Entdeckung im Franz Carl Weber hatte ich nur noch ein Ziel: einen neuen Band von Tim und Struppi. Bis es eines Tages keine mehr gab und die ungläubige, jahrelange Suche begann.

Und nun also Gustafsson. Die Bücher von ihm, die ich noch nicht gelesen habe, werden langsam rar. Sie werden zu meinen persönlichen Raritäten, auch wenn sie manchmal gebraucht nur 3 Euro kosten (plus Versand). Ich bin unterdessen bei seinen Frühwerken angelangt, die man zum Teil nur noch antiquarisch erhält, und auch das nur, wenn man ein wenig sucht.

Ich muss leider zugeben, ich war zuletzt das eine oder andere Mal leicht enttäuscht. Die Frühwerke sind nicht vergleichbar mit seinen späteren Werken. Einige sind ein ziemlich wirrer Krampf, wie mir scheint, Ausdrucke eines Kampfes, so vermute ich, den er mit sich selber hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie alle zu Ende lesen werde, seine frühen Romane. Ich denke, er war sich manchmal auch nicht sicher, ob er sie zu Ende schreiben sollte.

Vielleicht kann man erst mit fortgeschrittenem Alter gut schreiben, so, dass es sich gut lesen lässt. Wenn man die schwierigsten Kämpfe mit sich selber bereits ausgefochten und hinter sich hat, egal, ob gewonnen oder verloren. Aber wahrscheinlich sollte man das, wie überhaupt alles, nicht verallgemeinern, und ohnehin ist das ein völlig idiotischer Ausdruck: “fortgesschrittenes Alter”. Ich werde mich bemühen, ihn nicht mehr zu verwenden. Das Alter schreitet nicht, schon gar nicht fort, es schleicht sich von hinten an und ist eines Tages plötzlich da.

Nur Comix-Helden altern nicht. “Comicbook characters never grow old”, singt Elton John in “Roy Rogers”. Roy Rogers war auf den Namen Leonard Franklin Slye getauft worden, nachdem er im November 1911 das Licht der Welt erblickt hatte, wie es so schön heisst. Er war ab den 30er-Jahren ein äusserst populärer Country Singer und singender Western Star, bekannt als „King of the Cowboys“.

Wenn man seine über hundert Filme lange Filmografie anschaut, fällt auf, dass er nach dem Jahr 1941, nur sechs Jahre nachdem er zum ersten Mal in einem Film mitgespielt hatte, keine Rollen mehr spielte. Hinter den Filmtiteln steht nach 1941 fast ausnahmslos nur noch “as himself”. Er wurde schon nach wenigen Filmen eine Kult- und Comic-Figur, begleitet von seinem Pferd Trigger und seinem deutschen Schäferhund Bullet.

Was ich damit sagen will? Ehrlich gesagt: ich weiss es nicht mehr. Es ist mir entfallen. Vielleicht war da am Anfang etwas, was ich sagen wollte, irgendetwas, worauf ich hinaus wollte, etwas Konkretes, eine Sache, zu der ich ursprünglich kommen wollte (es war wohl meine Absicht) und nun leider nie kam, es tut mir leid. Vielleicht hat sich auch erst während dem Schreiben etwas ergeben, nachdem ich den Text ganz ohne Absicht, wie ich das manchmal tue, begonnen hatte, aber falls dem so war, dann muss ich leider zugeben, ich habe auch diesen Faden wieder verloren.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen Text, der mit Tim und Struppi begonnen hat und eigentich von Lars Gustafssons Büchern handelt (tut er das wirklich?), mit Roy Rogers zu Ende gehen zu lassen, oder eigentlich mit Elton John, und allen, die noch hier sind, einen schönen Samstagabend zu wünschen.

The carpet´s all paid for, God bless the TV, let´s go shoot a whole in the moon!

Cosy TV-screen (2019)

3. August 2019

Land ohne Strand

1. August 2019

(wie ich Graham verlor)

Graham war wie ein Bruder für mich, damals. Was haben wir nicht alles zusammen gemacht. Nicht alles, eigentlich wenig, immer wieder dasselbe. Und es ist sehr lange her.

Graham existierte nicht wirklich, aber das spielte damals keine Rolle. Wenn man 14 ist, in einem Land ohne Strand lebt und die Beach Boys am Radio hört, gehört Graham dazu, auch wenn er nicht existiert.

Es tat jedenfalls weh, ihn zu verlieren, als der Tag kam, nach mehr als vier Jahrzehnten. Und es war kein Phantomschmerz, es tat wirklich weh. Graham war kein Phantom. Er war wie ein Bruder (nicht meiner).

Die Wege waren kurz, damals. Es begann jeweils mit „daaaaa-daradada….“ und dann kamen wir auch schon bei John B. an, Graham, Vater und ich.

Sloop war sein Spitzname. Sloop, wie andere Snoopy heissen, Droopy, Mäse oder Schampi. Er hiess Sloop, und er war ein Freund oder zumindest ein guter Bekannter meines Vaters. Jedenfalls gab es unweigerlich Krach, wenn wir ihn mit Vater besuchten. Jedes verfluchte Mal.

Wir tranken Alkohol und dann gab es ein Gerangel, das sich bald zu einem handfesten Krach ausweitete, bei dem ein Koffer in Brüche ging, und dann kam jeweils der Moment, wo der Sheriff kam und ihn abführte. Sloop, meine ich. John B. (oder den Kerl, der den Koffer aufgebrochen hatte).

In Handschellen. Aber vielleicht habe ich die gerade erfunden.

Graham und ich wollten nachhause. Wir fühlten uns miserabel. Vom vielen Bier, aber noch mehr vom Gerangel, vom Kampf zwischen den Erwachsenen, die sich gerade noch zugeprostet hatten. Wir waren fix und fertig. Es war zu viel für uns.

Warum der Sheriff jedes Mal John B. verhaftet hat (Sloop) oder den Mann, der den Koffer aufgebrochen hatte, und nie meinen Vater, weiss ich nicht. Jedenfalls wollten Graham und ich nur noch nachhause. So rasch wie möglich. Es kam uns wie die schlimmste Reise vor, auf der wir je waren, und wahrscheinlich war es das auch.

Warum wir trotzdem jedes Mal wieder freudig mitgingen, wenn Vater sagte (er sang es mehr): „Come on to Sloop John B.!“ ist mir heute ein Rätsel.

Graham war zwei Jahre jünger als ich. Er war 13 damals. Maximum. Er hätte eigentlich noch kein Bier trinken dürfen. Aber Vater machte jedes Mal eine Ausnahme, wenn wir mit ihm zu John B. fuhren. Zu seinem Freund Sloop.

Auf dem Heimweg gab er uns beiden dann ein Lakritze-Bonbon. Wir nannten es Bärendreck. Es sollte verhindern, dass Mutter das Bier roch. Und wird durften auf keinen Fall etwas vom Kampf erzählen, der stattgefunden hatte. Natürlich roch sie es trotzdem.

„Wie kannst Du einem 13-jährigen Jungen Bier zum trinken geben? Wie kannst Du nur?“ schrie sie meinen Vater an. „Und was ist mit Deinem Auge passiert?“

An ihrer Aufregung lässt sich ablesen, dass wir uns in den frühen 70er-Jahren befanden. Es war noch nicht die Zeit, in der sich Teenager regelmässig volllaufen lassen bis sie sich übergeben müssen und nicht mehr wissen, wo und wer sie sind.

Es hat Graham nichts ausgemacht, das Bier. Er ist unversehrt gross geworden und hatte, soviel ich weiss, bis zu seinem plötzlichen Verschwinden noch sämtliche Hirnzellen.

Wie ich ihn verloren habe? Auf Youtube. Über vierzig Jahre nach der letzten Prügelei. Das Lied ist mir in den Sinn gekommen, eines Tages, im April, einfach so: Sloop John B., und ich habe den Titel eingegeben im Suchfenster und bin auf eine Version mit den Song-Lyrics gestossen.

Ich möchte, ich hätte es nicht getan. Ich würde viel dafür geben (meinen neusten Koffer, gefüllt mit was Sie wollen), wenn ich es ungeschehen machen könnte. Alles hat sich aufgelöst, innerhalb von drei Minuten. Nicht in nichts, in etwas anderes, aber was mich betraf, hätte sich ebensogut alles in nichts auflösen können. Vielleicht wäre das leichter gewesen.

Sloop John B. wurde eine Schaluppe, Graham und ich wurden „graaandfather and me“, Mutter konnte den Alkohol nicht mehr riechen und Vater kam überhaupt nicht mehr vor in der Geschichte.

Ich war zuhause, als ich Graham verlor. Ich sass in meinem Zimmer, vor meinem Computer, und ich wollte nur noch nachhause