Archive for Januar 2022

Goofy zurückgeben

16. Januar 2022

Wenn mir ein Name nicht mehr einfällt, wende ich bei der Suche eine einfache Methode an, die in den meisten Fällen rasch zum Erfolg führt. Ich gehe in meinem Kopf die Buchstaben des Alphabets durch und denke dabei an die Person, deren Name mir entfallen ist. Manchmal kommt mir schon beim ersten Durchlauf der Name in den Sinn. Zum Beispiel beim Buchstaben C – ja, natürlich: Carver! Raymond Carver.

Wenn der Name sich beim ersten Aufruf seines Anfangsbuchstabens nicht direkt meldet, ist es oft so, dass beim Aufrufen einzelner Buchstaben ein kleines Lämpchen zu blinken beginnt. Das bedeutet dann, dass diese Buchstaben mit grosser Wahrscheinlichkeit im Namen, den ich suche, vorkommen. Nicht notwendigerweise als Anfangsbuchstaben, und es ist unklar, ob im Nachnamen oder im Vornamen, aber sie kommen irgendwo im Namen vor.

Ich arbeite dann mit diesen paar Buchstaben weiter, die mein Gedächtnis markiert hat (zum Beispiel ein A und ein O), indem ich Namen durchgehe, die entweder mit ihnen beginnen oder die markierten Buchstaben enthalten. Sehr oft gelange ich so rasch zum gesuchten Namen (zum Beispiel Joe Montana, als ich den Namen des legendären Quarterbacks der San Francisco 49ers in den 80er-Jahren suchte).

Natürlich hätte ich seinen Namen auch mit einer Suchmaschine finden können, aber auf viele Namen, die mir entfallen, hören oder hörten keine berühmten Menschen, die man im Internet findet. Wenn ich zum Beispiel nach dem Namen von einer meiner beiden Lehrerinnen in der ersten bis dritten Primarklasse suchen müsste, wäre das mit Google (Schulhaus, Jahr, Lehrkörper) vielleicht nicht völlig unmöglich, aber die Suche in meiner eigenen Ablage würde mehr Erfolg versprechen und ginge schneller. Ich muss übrigens beiden Namen nicht suchen. Sie heissen (oder hiessen?) Felicitas Suter und Frau Moor. Sie waren gut zu mir.

Wenn ich beim ersten Alphabet-Durchlauf keinen Erfolg habe, gehe ich das Alphabet noch einmal durch, auf der Suche nach einer Markierung – einer nur schwach und kurz flimmernden Signallampe – die ich beim ersten Durchlauf übersehen haben könnte.  Oft geben sich der Name oder einzelne seiner Buchstaben dann beim zweiten oder dritten Durchlauf zu erkennen. Ein Buchstabe oder der ganze Name kommt sozusagen aus seinem Versteck hervor. Eine zusätzliche Hilfe ist es (sozusagen eine verfeinerte Suche), wenn ich mich an die Silbenzahl des Vor- oder Nachnamens zu erinnern glaube. Ich suche dann Dä Dä-dä-dä und setze die markierten Buchstaben ein (Joe Montana).

Es ist verblüffend, wie oft es mir gelingt, mit dieser simplen Methode innerhalb kürzester Zeit einen mir entfallenen Namen zu finden. Es scheint so, dass die Namen der Personen im Gedächtnis alphabetisch abgelegt sind und wenn man die in ihnen vorkommenden Buchstaben erwähnt, meldet das Hirn wie beim Schiffleinversenken einen Treffer.

Natürlich klappt die Methode nicht immer, aber sie führt in wesentlich mehr Fällen zum Erfolg, als sie kein Ergebnis hervorbringt. Allerdings gibt es interessanterweise auch Namen, die sich dieser Suchmethode strikte verweigern. Jimmy Durante ist so ein Fall. Aus Gründen, die ich nicht kenne, entfällt mir sein Name immer wieder, und jedes Mal, wenn mir seine Musik in den Sinn kommt, die ich sehr mag und die mit schönen Erinnerungen verknüpft ist, muss ich seinen Namen suchen. Auch bei ihm: ich könnte die Songs googeln oder in youtube eingeben, aber diese Suche würde dauern, denn viele der Songs, die ich von ihm kenne, stammen nicht von ihm („You must remember this, a kiss is just a kiss…“ / „As Time Goes by“).

Ich weiss, wenn mir ein Song von ihm in den Sinn kommt, jeweils nur noch, dass der Vor- oder Nachname aus dem Italienischen kommt und dass sein Nachname drei Silben hat, aber ich kann das Alphabet durchgehen, so oft ich will: ausser einem sehr schwachen und kurzen Flimmern der Signallampe beim Buchstaben A passiert gar nichts und dieses A führt mich auf rasch als falsch erkannte Fährten (Adriano, Alfredo, Antonio…).

Meistens kommt mir dann sein Name etwas später in den Sinn, oft innerhalb von einer oder zwei Stunden nachdem ich das Alphabet erfolglos nach ihm durchforstet hatte. „Jimmy Durante“ meldet er sich bei mir, mit einem Mix aus Beleidigung, weil ich die Suche nach ihm aufgegeben hatte, und Triumph, weil er die Buchstaben seines Namens wie kleine Hunde so gut dressiert und unter Kontrolle hatte, dass sie keinen Laut von sich gaben, als ich im Dunkeln ganz nahe an ihnen vorbeiging und ihre Namen rief. 

Wenn sein Name (Jimmy Durante) mir dann also wieder präsent ist, frage ich mich, wie ich es anstellen könnte, dass er das nächste Mal leichter zu finden wäre. Eselsbrücken sind immer eine gute Möglichkeit. Ich habe die Musik von Jimmy Durante vor einem Vierteljahrhundert beim Tennisspielen im Garten eines Freundes in den USA kennengelernt. Wir spielten ein gemütliches Doppel und über die Aussenlautsprecher seines Hauses konnte man „Make Someone Happy“ hören. Vielleicht könnte Jimmy Connors die Eselsbrücke zu Jimmy Durante sein?    

Vielleicht ist es aber auch gut so. Jimmy Durante hat offensichtlich den Dreh raus, wie er sich meiner Suche entziehen kann, und ich sollte ihm nicht mit neuen Methoden zu Leibe rücken, schon gar nicht mit Jimmy Connors, den ich nie besonders mochte. Jimmy Durante hat mich bisher jedes Mal aufgesucht, kurz, nachdem ich ihn erfolglos gesucht hatte, und wenn ich es mir überlege, ist das viel schöner als der kleine Triumpf einer erfolgreichen Suche.    

Manchmal muss man nicht nach Namen suchen. Sie kommen ganz von selbst und man weiss nicht, woher, geschweige denn warum sie einen so unverhofft aufsuchen. In der Nacht vom 28. auf den 29. November 2015 wachte ich in meinem Bett in Ankara auf und der Name eines kleinen Jungen mit schwarzen Haaren und fröhlichen Augen  kam mir in den Sinn, mit dem ich in den Kindergarten gegangen war. Heinz Ramildi.

Ich war eines schönen Nachmittags bei ihm zuhause zum Spielen und als ich nachhause ging, liess ich eine kleine Goofy-Figur mitgehen. Nach ein paar Tagen plagte mich mein Gewissen, und ich erzählte es meiner Mutter. „Du musst ihm die Figur zurückgeben“, sagte meine Mutter, und als ich ein nächstes Mal bei Heinz zu Besuch war, mischte sich Goofy wieder unter die anderen Spielsachen von Heinz, die am Boden verstreut waren. Wo immer Du bist, Heinz: es tut mir Leid.

Aber nicht genug mit Heinz und Goofy. Gleich nach Heinz kam Celal, ein türkischer Junge mit schwarzem Kraushaar, der mit Heinz und mir im Kindergarten war. Hatte Heinz ihn gerufen? „Hey, Celal, komm schnell, ich habe Walter gefunden!“

Mit Celal hatte ich eine Auseinandersetzung und er hat mich einmal auf dem Kiesplatz des Kindergartens zu Boden geworfen. Wurde das eine nächtliche Klassenzusammenkunft? Aber anstatt weitere Kindergärtner kamen als Nächstes Primarschüler. Regula, Roger und Maja, mit denen ich die 1.-3. Klasse besucht hatte.

Dann (wahrscheinlich war Maja das Verbindungsglied, da wir die gesamte Primarschule zusammen verbrachten) kam ein ganzer Schub von Namen aus der 4. bis 6. Primarklasse, es war ein lautes Gedränge und alle wollten gleichzeitig eintreten. „Langsam, langsam,“ sagte ich, „sonst sticht sich wieder einer ein Auge aus“ (was im Veloständer dieses nicht mehr existierenden Schulhauses tatsächlich passiert ist).

Ich stand aus meinem Bett auf, ging in mein Arbeitszimmer und begann an meinem Schreibtisch eine Liste der ankommenden Namen zu erstellen. Insgesamt waren es 21. Mit dem Lehrer (Otto Buchschacher) 22. Darunter Mitschüler, mit denen ich fast keinen Kontakt hatte, aber Maja hatte offenbar alle eingeladen. Ein Charterflug?

Dass danach auch noch die meisten meiner Klassenkameradinnen und Kameraden aus der Sekundarschule auftauchten, verwunderte mich bereits nicht mehr (Lehrer Pfaff und Gräser). Nur war es diesmal so, dass offenbar ein Name dem nächsten rief, bis dem letzten nichts mehr einfiel.

Die Liste der Namen meiner Mitschüler/innen aus dem Gymnasium stellte ich dann aktiv zusammen. Es schien mir angebracht, sie auch noch einzuladen, wenn das hier offensichtlich eine spontane Klassenzusammenkunft wurde mit mir als gemeinsamem Nenner. Wenn ich aktiv sage (im Gegensatz zu passiv bei den anderen Klassen, die mir erschienen, ohne dass ich etwas zu ihrem Erscheinen Beigetragen hätte), stimmt das auch nicht ganz. Ich habe lediglich die neue Kette ausgelöst. Philipp Grendelmeier, rief ich, und Philipp rief Thomas, Thomas rief Bruno, Bruno den anderen Thomas, dieser rief Rolf, und so weiter und so fort.

Irgendwann in dieser Nacht, in der ich nicht mehr zum Schlafen kam, trafen dann noch Kinder aus meiner Wohnstrasse am Hönggerberg ein, mit denen ich nicht zur Schule gegangen war. Einer meiner Primarschulkollegen war ziemlich ungehalten, als sie eintraten. «Was habt ihr hier zu suchen?», aber meine Frau, die vom ganzen Lärm der Veranstaltung längst aufgewacht war und die ganze Gesellschaft bewirtete (keine Ahnung, wie sie das wieder alleine hinkriegte), beruhigte die Situation. «Es hat noch mehr Flammenkuchen auf dem Esstisch. Bedient euch doch, bitte!»

Eine Handvoll Erwachsene begleitete die Kinder aus meiner Strasse. Zum Teil waren es Eltern der Kinder, mit denen ich nie zur Schule ging, zum Teil Paare ohne Kinder. «Frau Knupp,» sagte ich, «bin ich nicht gross geworden»? Sie hatte jedes Mal Freude am kleinen Walter, wenn sie mit einer Tragtasche voll Alkohol auf dem Heimweg war. «Und wussten Sie, dass ich vor vielen Jahren eine Geschichte über sie geschrieben habe? Keine Angst, man erkennt sie nicht sofort. Die Geschichte heisst Why do you drive so fast? und sie heissen Cynthia Knapp.»  

Sie kneift mich in die Backe und sagt etwas zu mir, was ich nicht mehr weiss, aber ich freue mich, dass sie nicht nach Alkohol riecht. Sie ist die erste, die ich in dieser Nacht umarme.  

Wovon ich schreibe, wenn ich vom Schreiben schreibe

15. Januar 2022

Im Jahr 2007, in dem ich zwei neue Hüftgelenke eingesetzt erhielt (neben meinen nach einem Sportunfall früh ersetzten beiden Schaufelzähnen die Ersatzteile 3 und 4 in meinem Körper) und von meiner ersten Frau geschieden wurde, erschien Haruki Murakamis Roman „Hashirukoto ni tsuite katarutoki ni boku no katarukoto“, was so viel heisst wie „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“.

Es ist ein Buch, von dem Murakami sagt, es sei «einfach ein Buch, in dem ich über verschiedenes nachdenke». Im Nachwort nennt er es dann später noch «Lebenserinnerungen», wobei ich vermute, dass das eine ungenaue Übersetzung sein könnte, und es im Japanischen wohl eher «Erinnerungen aus dem Leben» hiess, denn obwohl das Buch hauptsächlich aus  Erinnerungen aus dem Leben von Haruki Murakami besteht und insofern ein sehr persönliches Buch ist, vielleicht sein persönlichstes überhaupt, jedenfalls von denen, die ich gelesen habe, kann man es schlecht als Murakamis Lebenserinnerungen bezeichnen, denn er hat in seinem Leben viel mehr gemacht als geschrieben und gelaufen.  

Ich spreche kein Japanisch. Ich schreibe, aber ich laufe nicht. Mit einer Ausnahme: 1996 (ich lebte damals in Potomac, Maryland, und arbeitete in Washington, D.C.) habe ich etwa ein halbes Jahr lang für einen Marathon trainiert und dann – ich glaube, es war im Oktober – auch wirklich einen absolviert, den Marine Corps Marathon, der durch Washington führt. Er gilt allgemein als ein Marathon, der sich für Einsteiger eignet, für Menschen wie mich damals, die zum ersten (und, wie es sich bei mir herausstellen sollte, auch einzigen) Mal einen Marathon laufen, weil es ein flacher Marathon ist, ohne besondere Schwierigkeiten, ausser der Distanz natürlich, die es zu überwinden gilt.

Es war ein bewölkter Tag und irgendwann während des endlos scheinenden Laufens hat ein leichter Nieselregen eingesetzt. Ich war sehr zufrieden, als ich es endlich geschafft hatte, den Marathon zu absolvieren. Ich erhielt eine Medaille und eine Art Urkunde, die bestätigte, dass ich ein «Finisher» war. Aber am stärksten in Erinnerung geblieben ist mir nicht der Marathon selber, sondern einer der Trainingsläufe dem Potomac entlang, bei dem ich an einem frühen Samstagmorgen beinahe über einen Biber gestolpert wäre, der aus dem Potomac kommend unvermittelt meinen Laufweg kreuzte und im parallel zum Fluss verlaufenden Kanal verschwand.

Murakami hat die Werke von Raymond Carver ins Japanische übersetzt. Von dessen 1981 erschienenem «What we Talk About When We Talk About Love hat er sich das Strickmuster seines Titels „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ ausgeliehen. Im Nachwort bedankt er sich bei Carvers Witwe Tess Gallagher für deren Freundlichkeit, ihm zu gestatten, den Titel auf seine Weise zu verwenden.

Tess Gallagher…? Tess Gallagher? Der Name läutet eine ferne Glocke… Natürlich! Ich stehe von meinem Schreibtisch auf und drehe mich zum Büchergestell hinter mir, wo meine zwei Laufmeter Gedichtbücher stehen. Nach weniger als einer Minute finde ich zwei Gedichtbände von Tess Gallagher. Instructions to the Double und Willingly. Ich meine mich zu erinnern, beide in einem Secondhand Buchladen in Vancouver gekauft zu haben.

Ich habe zuvor und danach in keiner anderen Stadt auch nur annähernd so viele Buchantiquariate gesehen wie in Vancouver. Wenn ich Gallaghers Gedichtbücher nicht in Vancouver gekauft habe, dann in einer der unzähligen Buchhandlungen, die ich 1983 auf einem halbjährigen Roadtrip durch die Vereinigten Staaten durchstöbert habe. Ich habe auf dieser Reise so viele Poetry Books gekauft, dass ich zwei oder dreimal einen Postsack, prall gefüllt mit (meist gebrauchten) Gedichtbüchern, in die Schweiz senden musste.

Die meisten dieser second hand poetry books haben meine über zwanzig Wohnortwechsel mitgemacht und ich nehme viele von ihnen immer wieder einmal mit der zweiten Hand aus dem Regal, weil mir ein Gedicht in den Sinn kommt. Aber es gibt auch einige unter ihnen, die ich, nachdem ich sie damals in der Buchhandlung durchgeblättert und dann in die Schweiz verschifft hatte, nie mehr geöffnet habe. Die beiden Bände von Tess Gallagher gehören zur zweiten Kategorie, obwohl mich „Instructions to the Double“ noch heute als wunderbarer Titel anspricht.

Als ich Willingly öffne, fällt ein Buchzeichen aus dem Buch. The Book Mantel, 2551 Alma Street, Vancouver, B.C. und auf der Rückseite: Frank’s Records (Vancouver’s largest selection of used records). Also hatte ich das Buch tatsächlich in Vancouver gekauft. Ich bin neugierig zu erfahren, ob es den Buchladen noch gibt, und die Suchmaschine führt mich auf einen Blog mit dem Titel: Vancouver As It Was: A Photo-Historical Journey.

Der Blog enthält einen Eintrag vom 3. Mai 2021 mit dem Titel: Gone . . . But Not Forgotten: Used/Antiquarian Bookshops (1970-2020). Im Beitrag sind alle antiquarischen Buchhandlungen aufgeführt, die zwischen 1970 und 2020 in Vancouver existiert haben und die es heute nicht mehr gibt. Es ist eine lange Liste. Bei einigen der verschwundenen Second Hand Bookstores hat es eine Fotografie der Besitzerin oder des Besitzers oder ein Bild der Fassade. Aber nur bei einem einzigen Eintrag ist ein Buchzeichen abgebildet: bei The Book Mantel, und es sieht fast genauso aus wie das, das ich in der Hand halte.  

Im Eintrag kann man lesen, The Book Mantel habe in den 80er-Jahren existiert und einer der Besitzer sei Frank Davis gewesen, dem auch Frank’s Records gleich nebenan gehörte. Davis sei 2017 gestorben und heute befände sich im Gebäude eine Versicherungsgesellschaft. Vielleicht sind die Versicherungspolicen ja die Gedichte des 21. Jahrhunderts. Gibt es Antiquariate dafür?

Von Raymond Carver habe ich vor vielen Jahren fünf Bücher gelesen. Obwohl vieles von dem, was er erzählt, mir als eher düster und trostlos in Erinnerung geblieben ist, habe ich seine Bücher sehr gerne gelesen und seine Art zu schreiben, gefällt mir. Bewundert habe ich auch immer wieder die ungewöhnlichen und oft genialen Titel seiner Kurzgeschichten. „Will you please be quiet, please?“ / “Call if you need me” / “What would you like to see?” / “Nobody said anything” / “What’s in Alaska?” / “Where I’m calling from” und eben “What we Talk About When We Talk About Love”. Die grösste Qualität dieser Titel ist, dass man (jedenfalls geht es mir so), wenn man sie liest, sich gleich hinsetzen möchte und eine Geschichte dazu schreiben.  

Murakami hätte seinem Buch aber auch den Titel «Die Einsamkeit des Romanautors» oder «Die Einsamkeit des Langtextschreibers» geben können, in Anlehnung an Alan Sillitoes «The Loneliness oft he Longdistance Runner». Es hätte den Vorteil gehabt, dass er Alan Sillitoe, der erst 2010 starb, noch direkt hätte fragen können, ob er seinen genialen Titel abwandeln dürfe. Aber nicht nur das: es hätte ihm erspart, sich umsonst oder am falschen Ort bedankt zu haben.  

Raymond Carver starb 1988 mit 50 an Lungenkrebs. Sechs Monate vor seinem Tod haben Tess Gallagher und er geheiratet, was in seinem Wikipedia Artikel im traurigen Eintrag resultierte: Verheiratet mit Tess Gallagher (1988-1988). Tess Gallagher ist über 90 und lebt heute in Irland. Ich frage mich, ob Haruki Murakami sie dort besucht hat, um sie zu fragen, ob er den Titel des Buches ihres Mannes abwandeln darf, oder ob er ihr lediglich geschrieben oder sie angerufen hat. Ich tendiere zur Annahme, dass er sie persönlich besucht hat. und wenn meine Vermutung zutrifft, bin ich mir fast sicher, dass er irgendwann darüber schreiben wird. Vielleicht sogar einen ganzen Roman. Was wäre wohl der Titel?

Beim Recherchieren über Raymond Carver bin ich heute über einen FAZ-Artikel gestolpert, und nachdem ich ihn zu Ende gelesen hatte, hätte ich es vorgezogen, ich wäre damals über den Biber gestolpert. Der Artikel beschreibt ausführlich, wie gross der Einfluss des Lektors Gordon Lish auf das Werk von Raymond Carver war.

Lish hat offenbar bei manchen Geschichten von Carver fast die Hälfte rausgestrichen, die Handlung abgeändert, die Sprache vereinfacht und die Dialoge gekürzt. Drei Viertel aller Carver Stories sollen von Lish ein neues Ende erhalten haben. Der Titel der Kurzgeschichtensammlung „Will You Please Be Quiet, Please?“, die Carvers Aufstieg zum gefeierten Autoren begründete, stammte ebenso von Lish wie fast alle anderen starken Titel von Carvers Geschichten.

Auch der geniale Titel „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, stammt von Lish, der die Geschichte zudem um die Hälfte gekürzt haben soll. Carver hatte dafür den Titel „Anfänger“ vorgesehen. Als Carver die Druckfahnen seines zweiten Buchs sah, soll er Lish angefleht haben, den Druck zu stoppen. Dieser soll ihn aber überredet haben. Das Buch erschien 1981 in der von Lish lektorierten Form und wurde zu einem grossen Erfolg.  

Erst nachdem Carver mit der Dichterin Tess Gallagher zusammengezogen war und mit dem Trinken aufgehört hatte, emanzipierte er sich von Lish und beendete schliesslich die Zusammenarbeit mit ihm.

Es ist mir nicht bekannt, ob Haruki Murakami unterdessen weiss, dass er an der falschen Stelle um Erlaubnis bat, den Titel «What we talk about …» abwandeln zu dürfen. Ich habe meinerseits darauf verzichtet, bei Gordon Lish nachzufragen, ob er etwas gegen den Titel dieses Blog Eintrags einzuwenden habe. Ich habe ihm wie viele andere Leserinnen und Leser viel zu verdanken, aber danke sagen mag ich ihm dafür nicht.

Meine Frau und ich werden Wien Ende Jahr verlassen. Wenn wir nach dem Auszug wieder irgendwo einziehen, wäre es schön, wenn mich jemand (irgendjemand) daran erinnern könnte, dass ich die beiden Gedichtbände von Tess Gallagher im Büchergestell direkt neben die fünf Romane von Raymond Carver stelle, damit die beiden noch etwas länger zusammen sein können.  

Als der Esel über die Brücke kam

15. Januar 2022

Die Arztvisite folgte unmittelbar auf meine Rückkehr von meiner Expedition und natürlich hatte ich Schmerzen, die hauptsächlich vom assistierten Aufstehen und wieder ins Bett Kriechen herrührten, aber auf die Frage des Oberarztes, wie ich mich fühle, sagte ich ohne zu zögern: „Gut!“. Er war ziemlich jung und hatte eine einseitige Punkfrisur, und vielleicht war er mit seinem weissen Kittel gar kein Oberarzt, sondern lediglich der diensthabende Stationsarzt, denn es war Sonntag und das Spital lief nicht auf allen Zylindern.

Aber vielleicht war ich ja auch kein richtiger Patient und wir befanden uns alle in einem postum veröffentlichten Roman von Stanislaw Lem, in dem nicht nur die Dame am Empfang sondern auch der Autor längst nicht mehr wussten, wo die Realitätsebene gerade lag. Mit Bettenfahrstühlen war sie jedenfalls nach drei Tagen Schmerztherapie mit hin und wieder ein paar Substanzen aus dem Milchsaft des Schlafmohns nicht mehr zu erreichen.

Mit seinen zwei noch jüngeren Assistenzärzten, die hinter ihm stehend alles in ihre iPads tippten, was der Stationsarzt von sich gab (“Drei … auf jeden Fall, und 5 Tage ist eine gute Dauer”), hätten sie gut als das Leibarzttrio des gescheiterten Bundeskanzlers durchgehen können.

Ich fragte noch, ob die Bülow-Drainage noch lange meinen Brustkorb leerpumpen müsse, weil es mir schien, als würde sie mir mehr Schmerzen bereiten als alle sechs gebrochenen Rippen zusammen, aber er reagierte nicht auf meine Frage (ausser die 5 Tage wären seine vorweggenommene Antwort gewesen – haben Sie den Kopf angeschlagen?) und teilte mir stattdessen – bereits unter der Türe stehend – mit, das gestrige Röntgenbild hätte nichts Auffälliges zu Tage gefördert. Mich hätte auch das Unauffällige interessiert, denn schliesslich ging es um meine lädierte Lunge, aber die Arztvisite war beendet und ich senkte das Kopfteil per Knopfdruck wieder ab.

Die Visite hatte keine drei Minuten gedauert. Wenigstens blieb mir diesmal die Frage nach meinen Schmerzen auf einer Skala von 1-10 erspart. Moment, ich schau gleich nach!

Ich musste mich nun zuerst ein wenig erholen. Nicht von der Visite, aber von meiner Morgen-Expedition zur Toilette. Mich aufrichten (lassen), auf der Bettkante sitzen, aufstehen und mit dem Rollator den langen Marsch zur Toilette (ich schätze ihn auf 6, maximal 7 Meter) in Angriff nehmen, mich vor der Toilette stehend sammeln (alles natürlich unter Aufsicht eines Pflegers oder einer Pflegerin), nach geraumer Weile pinkeln, gottseidank, dann unter Stöhnen umdrehen, hinsetzen und 10 Minuten ergebnislos sitzen.

Dann gerade noch rechtzeitig (nicht einschlafen!) die rote Reissleine ziehen und den Bremsfallschirm öffnen, der mich kurz vor dem Aufprall auf dem Boden am Fuss der gewundenen Treppe mit einem Ruck hochhebt und mich und die Hunde sanft landen lässt. “Schwein gehabt”, lache ich zu meinem Kulturteam, das auf mich und die Hunde gewartet hatte, um ein Weihnachtsvideo zu drehen, das von Botschaft zu Botschaft um die Welt gegangen wäre. Wahrscheinlich auch ist, einfach ohne mich. So eine blödsinnige Idee aber auch (Haben Sie den Kopf angeschlagen?).

Es zahlt sich eben doch aus, dass ich diese geschwungene Holztreppe nie ohne Fallschirm hinuntergehe, auch wenn mich der eine oder andere Gast oder Mitarbeiter deswegen hinter meinem Rücken sicher schon belächelt hat.

Vor mir hätten zwei ruhige Wochen gelegen, mit einer durch die Covid-Massnahmen leergefegten Agenda und viel Zeit zum Schreiben und American Football schauen, bis dann nach Weihnachten zwei meiner Kinder nach Wien gekommen wären und Anfang Jahr auch meine Frau, die gerade in Israel weilte, um zum zweiten Mal Grossmutter zu werden. Viva la doppia nonna! (Grossmutter mag sie nicht).

Nun liege ich also im Allgemeinen Kranken Haus im 9. Distrikt in Wien und erkläre der ebenfalls weiss gekleideten Frau, die sich alle erdenkliche Mühe gibt, mir ein paniertes Etwas, diesmal mit Reis, schmackhaft zu machen, dass ich es wie gestern und vorgestern und übrigens auch morgen nicht essen werde, danke, aber nein danke.

„Die zwei Semmel vom Frühstück reichen völlig, um meinen Kalorienbedarf zu decken, gute Frau. Ich kann mich ja kaum bewegen“. Ich esse eine Hälfte um 9, eine um 11, eine um 15 Uhr zum Tee und eine am Abend, um mich zu stärken für die zweite Expedition des Tages, die mir jeweils etwas leichter fällt als die Morgenexpedition, nach all den Schmerzmitteln die tagsüber in mich getropft sind oder die ich geschluckt und unter der Zunge habe vergehen lassen.

Es geht mir gut. Es geht mir wirklich gut, auch wenn die rasche Antwort an den Oberarzt eher einem Reflex entsprang, den ich – nicht nur gegenüber Ärzten mit Punkfrisur – in meinem nun schon recht langen Leben entwickelt habe, vor allem in Spitälern. Man landet sonst unvermittelt in der Röhre und die Krankenkasse weigert sich später, die Rechnung zu bezahlen (“Embolien und Sturzgeburten werden bei uns ambulant abgehandelt”).

„Haben Sie den Kopf angeschlagen? Ich muss Sie das fragen.“ Ich öffne die Augen und sehe eine junge Frau in einem blauen Kittel. „Nein“ sage ich. Ich wiederhole mich gerne, denn ich habe wirklich kein Kopfweh. Dann schliessen sich meine Augen wieder. Erst ein paar Tage später stelle ich fest, dass ich doch eine kleine Beule habe, hinten links, und denke, dass es eigentlich unverständlich ist, dass nach einem solchen Sturz niemand meinen Kopf abgetastet hat. Wie hätte ich meinen Kopf spüren sollen, wenn die Schmerzsignale von den sechs gebrochenen Rippen wie eine Blechkapelle alles andere übertönten? Aber vielleicht haben sie meinen Kopf ja abgetastet, mehrmals und sorgfältig. Man kriegt nicht alles mit.  

Nach weiterem Überlegen komme ich rasch zum Schluss, obwohl ich momentan mehr Zeit hätte, nachzudenken, dass es mir nicht nur gut, sondern ausgezeichnet geht. Wer ganz oben auf einer geschwungen Holztreppe mit 36 Stufen ins Wanken kommt und mit zwei Zwergpudeln unter den Armen die ganze Treppe hinunterstürzt, weil er einen Fehltritt mit dem nächsten ausbalancieren will und schliesslich in horrendem Tempo unten ankommt, kurz vor dem fürchterlichen Aufprall auf dem Boden die Pudel in die Höhe werfend, damit sie sich nicht verletzen (man denkt tatsächlich im Fallen), der hat unfassbares Glück gehabt, wenn alles, was er davonträgt, sechs gebrochene Rippen und ein Pneumothorax sind. Obwohl man – und ich erwähne das hier nur deshalb, weil es mir in den Sinn kommt, nicht weil ich einen Hang zum Dramatischen hätte – mit gebrochenen Rippen noch nicht ganz aus der Herberge ist, wie die Franzosen so schön sagen. Aus dem Spital übrigens auch nicht, und das ist wohl gut so.

Vor vielen Jahren, ich war damals um die Vierzig und hatte mich gerade von meiner ersten Frau getrennt, fuhr ich einmal mit meinem gelben Motorrad von Bern nach Zürich zu einer Frau, die ich ein paar Wochen zuvor auf einer Dating-Plattform kennengelernt hatte. Ihr Name fällt mir gerade nicht ein, aber ich wüsste ein paar Eselsbrücken, über die ich ihn wahrscheinlich schnell finden würde. Es scheint mir jedoch besser und irgendwie anständiger, respektvoller, ihn nicht zu nennen, auch wenn wir nichts Unanständiges miteinander angefangen haben, damals.  

Sie wohnte in einem Aussenquartier von Zürich und ihr Wohnort hatte mich zusammen mit ihrem Namen, sofern es denn ihr richtiger Name war, und nicht lediglich ihr Plattformname, vermuten lassen, dass sie vielleicht einen meiner Freunde kenne könnte, der hier aufgewachsen war.

Es war dann aber nicht der Fall. Das heisst, ich habe sie gar nicht danach gefragt, weil ich im Augenblick, als sie die Türe öffnete, wusste, dass sie meinen Freund nicht kannte. Ebenso rasch wusste ich bei ihrem Anblick und noch mehr beim Anblick ihrer Wohnung, dass es ihretwegen keine zweite Fahrt von Bern nach Zürich geben würde. Nicht am Feierabend und schon gar nicht an einem Wochenende.

Es war nicht, dass sie nicht hübsch gewesen wäre. sie war durchaus hübsch, aber sie machte auf mich von der ersten Sekunde weg einen ganz und gar biederen Eindruck. Wobei ich mich gleich bei ihr entschuldigen möchte, für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass sie diese Zeilen irgendwann einmal lesen und sich darin wiedererkennen sollte.

Was heisst bieder und was meine ich damit (meist nicht das gleiche)? Ich kann bieder schlecht erklären, aber vielleicht ist das bereits die Erklärung. Am besten erzähle ich, wie es weiterging. Vor dem Nachtessen sassen wir nebeneinander auf ihrem Sofa und tranken Tee. Es war so, als würde ich mit einer Nachbarin meiner Mutter, die mich freundlicherweise eingelassen hatte, warten, bis meine Mutter, die meinen angekündigten Besuch vergessen haben musste, nachhause kommt.

Irgendwann ergriff ich ihre Hand, aber nach einer Weile liess ich sie wieder los. Als meine Mutter noch immer nicht kam, gingen wir zu Tisch und sie erzählte mir, dass sie sich diese Wohnung vor vier Jahren (oder waren es sechs?) gekauft hatte. Bald nach der Scheidung. Diese Wohnung sei das Allerwichtigste für sie. Ja, ich glaube, das hat sie so gesagt: das Allerwichtigste.

Obwohl die Frau etwa in meinem Alter war, (“Frau, in Deinem Alter, mit Sofa, sucht Kontakt”) war sie gekleidet wie eine Nachbarin meiner Mutter und ihre Einrichtung sah aus wie ich mir die Einrichtung der Nachbarin meiner Mutter vorgestellt hätte, wenn ich darüber nachgedacht hätte. Sie habe ihre Wohnung sehr sorgfältig (womit sie geschmackvoll gemeint haben muss) eingerichtet und sie lasse nicht viele Leute in ihre Wohnung, sagte sie. Der Zusammenhang offenbarte sich mir nicht sofort, aber ja, ich nahm gerne noch drei Bratkartoffeln.

Wir tranken je ein Glas gekühlten Weisswein und ein Glas wohltemperierten Rotwein und ich überlegte mir angesichts der bereits ziemlich missglückten Begegnung, ob ich ihr von meinen richtigen Kindern oder von erfundenen erzählen sollte, falls sie mich nach ihnen fragen würde. Aber sie fragte mich nicht. Stattdessen erzählte sie mir von ihrem Grossvater, den sie sehr geliebt habe.

Er sei vor einem halben Jahr in seinem geliebten Garten beim Kirschenlesen von der Leiter gefallen (eine Sprosse sei gebrochen) und habe sich zwei Rippen gebrochen. Nach zwei Tagen im Spital habe man ihn entlassen und in der ersten Nacht zuhause sei er gestorben, weil eine der gebrochenen Rippen seine Lunge durchstochen habe. Tränen kamen ihr hoch. Ich legte meine Serviette gefaltet neben meine Teller und ging um den Tisch herum, um sie zu trösten.

Daraus ergab sich unser erster Kuss und bald darauf waren wir in ihrem Bett, das aussah wie das Bett, das in meiner Erinnerung im Schlafzimmer meiner Grosseltern stand. Sogar ein Kreuz hing über dem Kopfteil, ich konnte es kaum glauben, und ich kam mir vor, als würde ich ihr gerade dabei helfen, ihren betagten Mann zu betrügen und meine Mutter schwer zu enttäuschen.

Als wir fertig waren und ich zu ihr sagen wollte, es sei schon spät und es daure eine ganze Weile, bis ich mit dem Motorrad zurück in Bern sei, sagte sie überraschenderweise, ich könne bei ihr übernachten. “Oh…” sagte ich.

“Nimm Dein Kissen mit” sagte sie, und ging mir voran „Die sind besser als die im Gästezimmer.“ Ich schluckte leer, nahm das Kissen unter den Arm und folgte ihr ins Gästezimmer. Sie hatte sogar eine frische Zahnbürste und Zahnpasta für mich. Ich küsste sie auf die Stirne, wie man das nach 20 Jahren Ehebruch macht, merkte mir die Möbel im Flur, damit ich in der Dunkelheit nicht darüber stolpern würde, und legte mich in ihr Gästebett.

Mein Plan war, zu warten, bis Maggie (sobald ich die Augen schloss, kam der Esel über die Brücke) schlafen würde, und dann leise zu verschwinden. Der Schlüssel, dessen hatte ich mich versichert, steckte. Aber wie lange würde ich warten müssen, bis Maggie sicher schlief? So adrett wie sie war, durfte ich nicht darauf hoffen, dass sie schnarchte.

Als ich mich gerade mit dem Gedanken anzufreunden begann, die Nacht im Gästebett zu verbringen und frühmorgens mit dem glaubhaften Hinweis auf eine frühe Sitzung die Flucht zu ergreifen, öffnete sich die Türe und Maggie kroch unter meine Decke.

Ich sah aufziehende Schmach. Wie sollte ich nur 10 Minuten nach einem durchschnittlichen Vergnügen bereits wieder meinen Mann stellen? Aber meine Befürchtung war völlig umsonst. Sie küsste mich mit einer Innigkeit, die mich im Nu wieder weckte und am Ende erhob sich ihr Grossvater inmitten eines Spatzenschwarms (oder waren es Amseln?) aus dem Kirschbaum und drehte fröhlich zwitschernd über dem Milchbuck in Richtung Bern ab. Maggie und ich schliefen zufrieden ein (jedenfalls glaubte ich, dass sie das auch war), eng umschlungen und unsere Köpfe nebeneinander auf einem ihrer Qualitätskissen.

Auf der Fahrt nach Bern am kommenden Morgen hielt ich bei der Tankstelle in Würenlos und sah, dass eine stattliche Heuschrecke es sich auf meinem Lenker bequem gemacht hatte. Sie sass direkt neben der Kupplung und machte keine Anstalten, abzuhauen, als ich sie berührte. Sie wollte offensichtlich mitfahren, und das tat sie dann auch. Erst in Ausserholligen, an der Freiburgstrasse, als ich mein Motorrad die kleine Rampe hoch in den Keller rollte, hüpfte sie in die Wiese.

Ich hatte es nicht eilig, denn anstelle einer erfundenen frühen Sitzung erwartete mich ein freier Tag. Ich suchte und fand die CD von Rod Stewart, machte mir einen Kaffee und rauchte auf dem Balkon eine Zigarette. „Oh Maggie I Shouldn’t have tried…. anymore“.

Maggie wäre in der kurzen Reihe von Frauen, die ich damals auf Plattformen kennenlernte, irgendwo in der Mitte der Skala von 1-10 gelandet, wenn ich damals eine Skala gehabt hätte. Eine 10 hätte ich nie vergeben können. Aber ich war ja selber auch weit davon entfernt, eine 10 zu sein, hätten die Frauen eine Skala benutzt. Maggie war eine überraschende 5, die als 2 angefangen hatte.

Die schlechteste Bewertung hätte ich einer Frau aus Solothurn geben müssen. Ich besuchte sie mit dem Zug, da die Wettervorhersage für die Nacht Regen angesagt hatte. Wir sassen auf ihrem Sofa (alle meine Dates hatten ein Sofa) und haben geredet, während der Fernseher lief. Ich kann es nicht haben, wenn der Fernseher läuft, ohne dass man sich eine Sendung wirklich anschauen will, aber ich sagte nichts.

Ich weiss nicht mehr, worüber wir geredet haben, und noch viel weniger könnte ich sagen, was am Fernseher lief. Nach einer ganzen Weile auf dem Sofa haben wir uns geküsst, glaube ich, obwohl kein einziger Grossvater gestorben war, und dann sind wir irgendwann in ihrem Bett gelandet. Dort hat sich ausser ein paar weiteren Küssen nichts Nennenswertes ergeben und irgendwann, kurz vor Mitternacht, sagte sie wie aus dem Nichts: „Du kannst übrigens nicht hier übernachten“.

„Und das sagst Du mir erst jetzt?“ antwortete ich, sprang auf und zog mich so schnell es ging an. „Der letzte Zug fährt in 8 Minuten…“ Ich stürzte aus der Wohnung und rannte durch den strömenden Regen in Richtung Bahnhof. Ich hatte Glück und erreichte den Zug gerade noch – zusammen mit dem Schaffner sprang ich völlig durchnässt und nach Atem ringend in den letzten Wagen, der sich, so schien es mir, bereits in Bewegung gesetzt hatte.

Was für eine saublöde Kuh, dachte ich. Es war völlig OK, dass nichts lief, und ebenso OK, dass sie nicht wollte, dass ich die Nacht bei ihr verbrachte. Aber sie wusste, dass ich mit dem Zug gekommen war, sie kannte die Distanz zum Bahnhof und sie muss gewusst haben, dass es nach Mitternacht keine Züge mehr gab.

Am nächsten Abend schrieb sie mir eine Mail und teilte mir mit, sie möchte mich wiedersehen, was mich einigermassen verblüffte. Ich hatte offenbar ihren „Rennt durch den Regen nach Hause“ Test bestanden, aber ich verspürte keinerlei Lust, sie wiederzusehen. Wer weiss, was sie noch für Tests auf Lager hatte.

Ich änderte noch am selben Abend mein Profil auf der Dating Website. „Mann um die Vierzig sucht Frau ohne Sofa. Mietwohnung in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs angenehm.“ Aber es sollte mein letztes Date gewesen sein. Wenige Tage später stellte mir ein Freund, der im selben Quartier wie Maggie aufgewachsen war, seine Exfreundin vor, die dann meine Freundin wurde und 7 Jahre lang blieb. Sie hat den Hüftwechsel noch miterlebt.

Ich blieb nach meinem Treppensturz 8 Tage lang im Spital. Im Patientenbrief, den ich bei der Entlassung aus dem Allgemeinen Krankenhaus erhielt, stand neben anderen Dingen auch der Satz: „Der Patient gibt an, den Kopf nicht angeschlagen zu haben, obwohl er mehrmals danach gefragt wurde.“ Die Sache mit dem Kopf scheint wichtig zu sein. Während man bei sechs gebrochenen Rippen (immerhin die Hälfte des linken Brustkorbes) nur warten kann, bis sie von selbst verwachsen. Gestern ist die harte Kruste des Eingangs der Drainage abgefallen. Ich hielt sie in der Hand und sie erinnerte mich an die unzähligen Krusten, die ich als Kind so gerne von meinen Knien gekratzt hatte. Verrückt, was seither alles passiert ist.