
Archive for April 2023
Jurmala (Pastellkreide auf Papier)
23. April 2023Texte, die sich zum Lesen eignen, während man im Ofen Teigwaren aufwärmt
22. April 2023
Wenn Charles Bukowski über Hollywood schreibt, so kann man es im Vorwort zu dessen 2019 neu aufgelegtem Roman Hollywood lesen, das ein gewisser Howard Sounes zu verfassen sich bemüssigt gefühlt hat, meine er damit üblicherweise nicht das Hollywood der Filmindustrie, sondern den als East Hollywood bekannten, schäbigen Wohndistrikt am unmodischen Ende des Sunset Boulevards, wo er mehrere Jahre gelebt habe. Nur im vorliegenden, 1989 zum ersten Mal erschienen Buch, dem fünften seiner sechs Romane, führt Sounes in seiner Einführung aus, gehe es Bukowski tatsächlich um die Filmindustrie.
Ich bin als jemand, der in seinem Berufsleben oft und immer wieder einführende Worte für Darbietungen von Repräsentanten aller Künste zu sprechen hatte, kein Freund von Vorworten, auch nicht von Nachworten, wenn wir dabei sind. Ich finde beides lästig. Ein unnötiges und leidiges Hinauszögern das eine, ein ebenso mühsames wie überflüssiges Verlängern das andere, während der Weisswein und die Häppchen warten.
Wenn Walter Haffner über Wien schreibt, so wird man es hoffentlich nie lesen (ich meine den Satz, in dem wir uns befinden, nicht, was ich allenfalls noch über Wien schreibe), meint er damit üblicherweise nicht das Wien der Konzertsäle, sondern den als 3. Bezirk bekannten 3. Bezirk, wo er nach seinem Transfer ins Privatleben mehrere Jahre mit seiner Frau und seinen zwei Hunden schrieb, zeichnete, malte und lebte.
Auch in seinem angeblich gleich nach dem vierten geschriebenen aber ebenso wie die ersten drei Romane (Die Trilogie des Verschwindens) nie veröffentlichten fünften Roman mit dem Titel Wien, sei es ihm nicht um das klassische Wien gegangen, sondern hauptsächlich um Personen, die sich in seinen Wiener Jahren in seinem Kopf aufgehalten haben und dringend raus mussten.
Walter Haffner ist ein literarisches Phänomen. Er schreibt alle zwei bis drei Monate über irgendetwas, praktisch immer ohne gelesen zu werden, und die wenigen, die hin und wieder einen Text von ihm lesen, rufen ihm zu: „Vielleicht hättest Du das besser gemalt“, bevor sie wieder in ihren Alltag flüchten.
Es lässt sich nicht alles malen, ruft er ihnen nach , als sie schon wieder weg sind, auch wenn er das eine oder andere Vor- oder Nachwort lieber gemalt auf dem Buchdeckel gehabt hätte. Nehmen wir als Beispiel die Suche nach Janet McCann, zu der ich gleich komme, und Ihr sagt mir dann am Ende, ob man das auch einfach hätte malen oder als Cartoon zeichnen können.
Schon ihren schmalen Gedichtband in meinem Büchergestell zu finden, war nicht ganz einfach. Fast hätte ich zuerst in meinen Kisten und Mappen gesucht, weil ich in Erinnerung hatte, dass ich ihren Gedichtband zusammen mit meinen Übersetzungen ihrer Gedichte aufbewahrte.
Dann schaute ich zum Glück doch zuerst in den Regalen mit meinen Gedichtbänden, denn die waren im Gegensatz zu meinen Mappen und Kisten im Stehen erreichbar. Ich wusste, dass ich nach einem schmalen Band suchte. Zuerst zog ich Godzilla Attacks a Truck von Louis Cuneo aus dem Regal.
Das dünne Heft, erschienen 1981 in einer Reihe von Publikationen, von denen der Verlag auf den hinteren Seiten gegen Einsendung von einem Dollar weitere anbietet, enthält ausgewählte Haikus in freier Versform aus den Jahren 1972-80 und hat nur 19 Seiten. Ich las das Heft (zum zweiten Mal, denke ich, obwohl ich ausser an den Titel keinerlei Erinnerung daran hatte), während ich im Ofen den Hörnchen Auflauf nach dem Rezept meines Schwiegersohns aufwärmte, den ich mir gestern gekocht hatte. Vielleicht erstelle ich eine Liste mit Texten, die sich zur Lektüre eignen, während man im Ofen Teigwaren aufwärmt.
Ich weiss, dass man Haikus nicht kurz nacheinander lesen sollte, praktisch am Stück. Man sollte sie einzeln lesen und auf sich einwirken lasse, bis die Silben zu tanzen beginnen und sich nicht mehr zählen lassen. Hinten und vorne keine 5 und in der Mitte keine 7.
Aber ich konnte es noch nie lassen, mehrere Haikus nacheinander zu lesen, oft den ganzen Sack wie bei gerösteten Erdnüssen. Dazu kommt, dass die Haikus Last Trip To You eine Kurzgeschichte in Haikus sind, wie der Untertitel sagt, man sie also nacheinander lesen muss, bis Cuneo im Flugzeug über New York sitzt, während sein Vater kremiert wird.
Aber verlassen wir New York, verlassen wir Cuneo und seine Haikus. Haikus sind, so erinnert Cuneo am Anfang des Hefts daran, gemäss Meister Basho ganz einfach das, was diesen Augenblick an diesem Ort geschieht. Was also geschieht hier, gerade jetzt? Und was wäre alles geschehen, wenn Haikus eine Vergangenheitsform hätten?
In den Sinn gekommen war mir Janet McCann, als ich heute Morgen anstatt zu malen in meinem Computer nach einem Text suchte, an dem ich weiterschreiben wollte, und dabei unversehens in die Rubrik Übersetzungen geriet, wo auch das halbe Dutzend Gedichte von ihr abgelegt ist, die ich vor bald drei Jahrzehnten übersetzt habe.
Bevor ich mich auf die Suche nach ihrem Gedichtband machte, wollte ich nachschauen, ob sie noch lebt. Nicht, dass ihre Gedichte mit ihrem Tod etwas verloren hätten – Gedichte sind Konserven, sie halten sich ohne Autor ausgezeichnet – aber ich wollte es wissen, bevor ich sie wieder las. Zuletzt waren mir eine ganze Anzahl von Menschen, die oder deren Werk ich schätzte, einfach weggestorben, als ich ein paar Jahrzehnte nicht hinschaute.
Eine Google-Suche ergab innerhalb von Sekundenbruchteilen, dass Janet Mary McCann im Alter von 68 Jahren am 19. Dezember 2021 in Sioux Falls, South Dakota gestorben war. Sie diente in der US Army, arbeitete danach in einem Pflegeheim und liebte Katzen und Surfen im Internet. Sie wurde überlebt von ihrem Vater und ihren Geschwistern. Ihre Mutter und mehrere Katzen gingen ihr im Tod voraus. Kein Wort von Gedichten.
Sieben Monate später starb am 29. Juli 2022 Janet “Janice” McCann. Sie hatte mit ihrem ersten Mann Don fünf Kinder, zehn Grosskinder und neun Urgrosskinder und sie malte. Nach Dons Tod heiratete sie wieder und hatte mit ihrem zweiten Mann noch einmal fünf Kinder, die ihr elf Grosskinder und zweiundzwanzig Urgrosskinder schenkten, die sie überlebten. Die Liste der ihr im Tod Vorausgegangenen ist lang.
Als ich runterscrollte und sah, wie viele Nachrufe auf Janet McCann es gab, beschloss ich, anstatt sie mir alle anzuschauen, samt Hinterbliebenen und vorausgegangen Katzen, was Stunden gedauert hätte und mir zudem voyeuristisch oder pietätlos vorgekommen wäre, dass sie noch am Leben sei.
Beim Blättern in Looking for Buddha in the Barbed -Wire Garden fiel mir ein, dass ich Janet McCann schon einmal in meinem Blog erwähnt hatte. Ich ging nachschauen und fand, dass es mehr als 12 Jahre her ist. Der Beitrag hiess Ein Gedicht mit Vierzehn Jahren Verspätung.
Meine Frau hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass ich zuletzt oft über mein lange zurückliegendes Leben in den USA geschrieben habe. Sie hat Recht damit. Nur, in diesem Fall konnte ich es nicht kontrollieren.
Als ich das Gedicht von Janet McCann am 10. Januar 2010 in den Blog stellte, war es mir noch so vorgekommen, als sei es wie ein Pottwal aus den Tiefen des Speichers meines Computers aufgetaucht. Jetzt bin ich mir sicher, dass es ein Pottwal ist. Er taucht alle zwölf bis vierzehn Jahre auf. Cuneo hat ihn mir heute angekündigt, während der Hörnchen Auflauf im Ofen war:
Falling asleep / while watching a / whale documentary
Negev (Pastellkreide – Skizze)
18. April 2023
Die Schönheit der Berge zu verschiedenen Jahreszeiten
17. April 2023(Der Titel ist aus Wolfgang Hildesheimers «Bildnis eines Dichters» ausgeliehen. Ich habe vor, ihn ihm bei der nächsten Begegnung zurückzugeben.)
Irgendwann zwischen 1994 und 1998 habe ich einen Schriftsteller und Theaterautor von Washington D.C. zu einer Universität in Virginia gefahren, wo er für eine Lesung erwartet wurde. Ich gehe davon aus, dass wir auch dort angekommen sind und er seine Lesung gehalten hat, aber ich mag mich weder an die Universität, noch an die Lesung oder die Rückfahrt erinnern. Es kann sein, dass ich nicht für die Lesung geblieben und am selben Tag noch nach Washington zurückgefahren bin. Die Fahrt dauert ungefähr 4 Stunden, es wäre also möglich gewesen. Etwas ungewöhnlich zwar für einen Kulturattaché, einen Autor so weit zu fahren und dann nicht für die Lesung zu bleiben, aber möglich. Ich traue mir das so, wie ich damals war, durchaus zu.
Normalerweise hätte meine Mitarbeiterin in der Kultursektion der Botschaft den Autor auf seiner Lesetour begleitet, aber aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnere, habe ich seine Begleitung selber übernommen. Ich würde nun gerne schreiben, dass ich es tat, weil ich spürte oder zumindest hoffte, dass sich auf der langen Fahrt interessante Gespräche ergeben würden, über das Schreiben langer Texte zum Beispiel, aber das kann ich nicht.
Wahrscheinlicher ist, dass meine Mitarbeiterin, die sonst alles erledigte, wodurch sich meine Arbeit auf Begrüssungen und Verabschiedungen reduzierte, in den Ferien weilte oder andersweit verhindert war. Jedenfalls hat die Fahrt genau das gebracht: eine sehr spannende Unterhaltung, von der mir vor allem seine Aussagen über das Schreiben langer Texte im Gedächtnis geblieben sind, denn ich war damals überzeugt, in mir stecke ein Schriftsteller, den das Schicksal mit seiner ganzen Hinterhältigkeit in die Rolle eines Kulturvermittlers gezwängt hatte.
Unterdessen ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Als ich mich vor etwa zwei Jahren ohne erkennbaren Anlass an unsere Unterhaltung auf der langen Fahrt durch herbstliche Wälder erinnerte, fiel mir ausser seinem Vornamen (Peter?) zunächst gar nichts mehr zu seiner Person ein, weder der Familienname (etwas mit einem «o»?) noch der genaue Titel eines seiner Theaterstücke oder seines ersten Buches, das ich vor einigen Jahren schon einmal gesucht und als vergriffen gefunden hatte. Das ist nicht viel, um jemanden zu finden, aber ich habe es schliesslich nach einigen (zum Teil unterhaltsamen) Umwegen geschafft, nur um traurig festzustellen, dass er vor fünf Jahren gestorben war. Aber fangen wir hinten an.
Wenn man altershalber aus dem Berufsleben ausscheidet, geht es darum, möglichst rasch etwas zu finden, was man tun könnte, wenn man nichts mehr tun muss. Die erste Schwierigkeit, die sich dabei ergibt, ist die, dass man altershalber nicht ausscheidet, sondern ausgeschieden wird – ein Vorgang, vor dessen passiver Natur man auf der Hut sein sollte. Allzu leicht prägt er sonst nicht nur den Übergang in ein Leben ohne Beruf, sondern dieses schlechthin, und ehe man es sich versieht, passiert einem eines nach dem anderen, und man stellt fest: Man hat das Heft, das man vorher vermeintlich festgehalten und fleissig beschrieben hatte, für den Rest seiner Zeit, wie kurz oder lang sie auch sei, aus den Händen gegeben.
Nun gehöre ich nicht zu den Leuten, die sich andauernd alles vergegenwärtigen müssen, denn meine Gegenwart ist schon dermassen mit allem Möglichen und Unmöglichen zugestellt, dass im kleinen Vorgarten zur Strasse hin, die aus der Vergangenheit an ihr vorbei in die Zukunft führt, permanent ein Schild mit der Aufschrift «Voll belegt!» stehen müsste. Trotzdem kann es hilfreich sein, wenn man sich das eine oder andere vorzustellen versucht, bevor es eintrifft. Was also werde ich tun, wenn ich eines nicht mehr fernen Tages aus dem Berufsleben ausgeschieden worden sein werde?
Die Vorstellung, dass man von seinem Beruf als Perle ausgeschieden wird, wäre natürlich nicht nur schmeichelhaft, sie würde auch die Beantwortung der Frage wesentlich erleichtern, was danach zu tun sei. Als Perle wäre auch nichts tun durchaus eine Option. Planloses vor sich hin glänzen und dafür auch noch bewundert werden.
Leider kann ich dieses schöne Bild für mich nicht in Anspruch nehmen. Perlen sollen bekanntlich in der Natur durch eine Abwehrreaktion einer Muschel entstehen, die zur Perlmuschel wird, indem sie einen Eindringling (zum Beispiel ein Sandkorn), den sie zuerst erfolglos wieder hinaus ins Meer zu befördern versuchte, mit Perlmutt umgibt und ihn dadurch isoliert und für sich unschädlich macht.
Ich bin, mag der Vergleich mit dem Sandkorn noch passend sein, in die Muschel, die mich (und meine Kinder) nun 35 Jahre ernährt hat, nicht eingedrungen, sondern von ihr mittels eines aufwendigen Concours rekrutiert worden, und sie hat mich auch nicht mit Perlmutt beschichtet, sondern mit Weisungen und administrativen Erlassen, Kontrollmechanismen und Zielvereinbarungen ein- und zugedeckt und damit unschädlich gemacht, denn wer weiss, was ich alles hätte anstellen können, wenn man mich und meine Arbeitskolleginnen und Kollegen nicht dazu angehalten hätte, uns konstant mit uns selber zu beschäftigen.
Das mit der Perle wird also nichts und ich muss mir etwas anderes einfallen lassen für die Zeit danach. Ich träume zum Beispiel immer noch davon, auch tagsüber, einen Roman zu schreiben. Ich habe mir vor einigen Jahren sogar ein Buch gekauft, in dem erklärt wird, Schritt für Schritt, wie man einen langen Text, im Gegensatz zu einem kurzen, schreibt. Es hat mir aber nicht viel geholfen. Alles, was ich bis heute fertigbringe, sind kurze Texte.
Kurze Texte sind, ausser dass sie kurz und damit schnell vorüber sind, keine schlechte Sache. Vor allem sind sie einfach zu schreiben. Man beginnt am Anfang, schreibt etwas in die Mitte und ehe man es sich versieht, ist man am Ende angelangt und der Abspann läuft bei guter Musik. Manchmal werden noch die Zeilen nachgeliefert, die man geschrieben aber nicht verwendet hat, und man kann daraus mit etwas Geschick ein hübsches Gedicht machen.
Wolfgang Hildesheimer hat mit kurzen Texten begonnen. Wir teilen uns die Initialen, und ich frage mich, ob sie ihm seine Mutter auch auf die Unterhemden gestickt hat, damit er nach dem Schulturnen das richtige Unterhemd anzog, weil damals alle dieselben weissen Unterhemden trugen. Auch Richard Brautigan hat mit Kurzprosa begonnen, und wenn ich jetzt sämtliche Schriftsteller aufzählen würde, die, bevor ihnen endlich ein Roman gelang, kurze Texte geschrieben und veröffentlicht haben, würde dieser Text vom Umfang her ein ziemlich langer Roman werden.
Der Theaterautor, den ich damals durch den Indian Summer von Washington nach Richmond chauffierte, es fiel mir später wieder ein, hiess Peter Adrian Cohen. Er war mir sehr sympathisch und erzählte mir, während wir durch den Shenandoah National Park nach Süden fuhren, dass er einst als gut bezahlter Mitarbeiter einer PR-Firma um die halbe Welt gereist und dabei immer in den besten Hotels abgestiegen war, bevor er und seine Frau beschlossen, als sie um die vierzig waren, bescheiden zu leben, um ihm seinen Traum zu ermöglichen: Theaterstücke schreiben.
Er erzählte mir auch, dass er fast verzweifelt sei, weil es ihm nicht gelang, ein Theaterstück oder einen Roman, kurz: einen längeren Text zu schreiben. Bis ihm jemand erklärt habe, dass das Vorgehen, die Schreibtechnik, eine völlig andere sei. Man könne nicht Sprint trainieren und dann meinen, man könne einen Marathon rennen.
Ich weiss nicht mehr, ob er mir die Technik erklärt hat, die für ihn zum Erfolg führte. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass er Beispiele erwähnt hat. Ein berühmter Schweizer Autor soll sich jeweils kleine Figuren auf einer Bühne auf seinen Schreibtisch gestellt haben. Ein anderer soll für jede seiner Figuren einen Eigenschaftskatalog angelegt haben.
Ich habe während meiner Zeit in Washington keinen Roman geschrieben, auch danach bis heute nicht. Aber einen Marathon habe ich 1996 beendet, obwohl ich nie ein Sprinter war und am Ende mehr ging als rannte.
Ich denke die wenigsten von denen, die schliesslich einen Roman geschrieben haben, wussten, bevor sie damit begannen, wie man einen Roman schreibt. Die meisten begannen einfach und wussten es auch während dem Schreiben nicht. Merkten erst gegen Ende, dass der Text viel zu lange geworden ist für einen Kurzgeschichte.
Die Ehrlichen unter ihnen würden vielleicht zugeben, wenn man sie fragten würde, dass sie, nachdem sie ihren Roman beendet hatten, noch immer nicht wussten, wie man einen Roman schreibt. Für solche, die mehrere Romane vorlegen können, ist es möglicherweise wie mit dem Treppensteigen: der Vorgang ist für den Körper so komplex, dass man während dem Steigen besser nicht darüber nachdenkt und danach nicht beschreiben kann, wie man es gemacht hat.
Die Appalachen, durch die ich Peter Adrian Cohen damals zu seiner Lesung fuhr, gelten hinsichtlich ihrer Höhe als Mittelgebirge. Sie waren für die Einwanderer das erste Hindernis, das sie auf ihrem Weg nach Westen zu überqueren hatten. Ausser sie blieben im Osten und nahmen sich vor, Romane zu schreiben.
Fahrt durch Polen – Pastellkreide auf Leinwand
6. April 2023
All das Reden
1. April 2023“Wie geht es dem Pferd?”
Es waren seine ersten Worte, als er nach einem halben Jahr aus dem Koma erwachte, und lange Zeit sah es so aus, als ob es auch seine letzten sein würden, was sie am Ende auch sein sollten, aber das konnte man nicht wissen, denn gleich danach war er wieder weg und es würde drei lange Jahre dauern, bis er zum zweiten Mal aufwachen sollte.
Michal weinte. Sie war in seinem Krankenzimmer, als er für einen kurzen Augenblick aufwachte und sich nach dem Pferd erkundigte. Es war kein Zufall, dass sie da war. Sie war seit seinem Unfall jeden Tag nach der Arbeit direkt ins Spital gekommen und an sein Bett gesessen, stundenlang, und hatte mit ihm geredet. Nicht mit ihm, natürlich, denn er antwortete ja nicht, aber zu ihm. Sie sass an seinem Bett, hielt seine Hand und redete. Sie hatte Hable con ella von Pedro Almodóvar gesehen. Benigno spricht da auch andauernd mit Alicia. Nur Sex wollte sie nicht mit ihm haben. Das ging zu weit. Dafür müsste er zuerst einmal aufwachen.
Der junge Assistenzarzt, den sie gefragt hatte, meinte, es sei nicht völlig auszuschliessen, dass er sie hören könne. Nicht völlig auszuschliessen – sie sah ihm an, dass er vom Gegenteil überzeugt war, und dass er sie für eine Vollidiotin hielt, so etwas überhaupt zu fragen. Egal, dachte Michal. Er konnte denken, was er wollte, dieser geschniegelte Geck. Sie würde weiter zu ihm sprechen, bis er aufwachte. Dann würde man ja sehen, ob er sie gehört hatte, oder ob all das Reden umsonst war. Wobei reden nie umsonst war. Davon war sie überzeugt.
“Gestern war ich bei Gal”, hatte sie ihm am Tag, bevor er kurz erwachte, erzählt. Ihre Schwester Gal wohnte mit ihrem Mann Yalon, ihrem Sohn Gadi, der gerade seinen Militärdienst bei einer Spezialeinheit leistete, und ihrem Wisla in Even Yehuda. Das wusste er natürlich, aber sie erklärte es ihm noch einmal, denn vielleicht hatte er durch den Sturz auf den Kopf ja das eine oder andere vergessen. “Du weisst doch, sie gehen einmal pro Monat mit den fünf Schwestern ihres Wisla und deren Besitzern ans Meer. Was für ein Schauspiel, die Hunde in den Uferwellen springen zu sehen. Sie springen unheimlich hoch.“
Der Wisla ihrer Schwester hatte vor einem Jahr einen Preis gewonnen. Irgendeine Dressur oder so. Agility hiess das, oder ähnlich. Jedenfalls hatte der Wisla ihrer Schwester gewonnen. Er war nun israelischer Meister. „Ach ja, und der Hund ihres Bruders ist gestorben. Hast Du den überhaupt je gesehen? Doch, natürlich, Du hast ihn gesehen. Der mit dem weissen Auge.“ Und falls Du jetzt gefragt hättest, wie alt er war: er war zwölf. Zwölf ist ein hohes Alter für grosse Hunde. Während kleine 15, 18 oder auch mal 20 Jahre leben können. Falls wir uns einen Hund nehmen, wenn Du wieder wach bist, meine ich, will ich einen kleinen. Es ist ganz schlimm, wenn einem der Hund stirbt. Man muss das so lange wie möglich hinauszögern. Findest Du nicht auch? Willst Du einen Hund?“
Natürlich war ihr klar, dass ihn wahrscheinlich höchstens die Hälfte von dem, was sie ihm erzählte, wirklich interessierte. Wenn überhaupt. Der Hund vielleicht. Aber sonst? Männer waren ja auch wenn sie wach waren nicht wirklich an vielem interessiert. Wenigstens nicht an den Dingen des Alltags. Der Sohn der Nachbarin ist von der Schule geflogen? – Was geht mich das an? Männer wollten auch nicht dauernd reden, informiert oder in ein Gespräch verwickelt werden. Sie wollten lieber ihre Ruhe und sie liebten es, wenn es einfach still war. Was war schön daran, wenn es still war? Und warum hatte man eine Partnerin, wenn man nicht mit ihr reden wollte? Einmal hatte sie gehört, wie ein Pfleger unter der offenen Tür zum anderen sagte: „Der arme Kerl. Er kann nicht einmal davonlaufen. Er ist ihr völlig ausgeliefert.“ Sie wünschte ihnen nichts Böses, aber vielleicht würden sie anders denken, wenn sie selber im Koma lägen.
In den ersten Tagen seines Komas hatte sie ihm viel von zuhause erzählt. „Ich musste die Orchideen wegwerfen. Alle sechs. Sie sind vertrocknet. Obwohl ich ihnen regelmässig Wasser gegeben habe. Hast Du gesehen, wie sie ihre Luftwurzeln nach allen Seiten ausstrecken?“ Natürlich hatte er es nicht gesehen. Die Orchideen standen auf dem Glastisch hinter dem Sofa, direkt am Fenster, und wenn er auf dem Sofa sass, schaute er in die andere Richtung, wo im Fernsehen irgendein Sportanlass übertragen wurde. Langlauf, Biathlon, Eishockey, Fussball, Baseball, American Football – was auch immer, bloss keine Dokumentarfilme und schon gar keine Nachrichtensendungen, höchstens einmal ein Spielfilm, den er dann bei der dritten Werbeunterbrechung abbrach.
Sie hätte jetzt gemein sein können zu ihm, und ihm einen Fernseher ins Zimmer stellen lassen, auf dem den ganzen Tag Nachrichten aus aller Welt liefen. Die 126. Schiesserei an einer amerikanischen Schule. Ein israelischer Schulabwart, der 15 Jahre im Gefängnis verbrachte für einen Mord an einem kleinen Mädchen, den er nicht begangen hatte. Und zwischen den Nachrichten Dokumentarfilme, bei denen – ganz egal, worum es ging – die stets gleiche, sonore Stimme den Raum füllte. Dieser weise, ältere Mann, der alles allen erklärte. Kurz vor seinem Unfall hatte sie sich eine Dokumentation über Hitlers Sexleben angeschaut. „Das Mädchen war gerade 18 Jahre alt, als Hitler sie zum ersten Mal sah*, sagte die sonore Stimme. „Sie stand auf einer Leiter, als Hitler die Buchhandlung betrat.“
Er hatte es auf dem Weg zur Küche gehört und sich darüber lustig gemacht. „Woher will er das wissen, verflucht nochmal? Und findest Du es nicht auch verdächtig, dass er uns gerade erst erklärt hat, es ist keine Stunde her, warum die Berglöwin Zita mit ihrem letzten Wurf in ihr angestammtes Revier zurückgekehrt ist, obwohl dort unterdessen eine Rivalin mit ihren Kindern lebte?“ Sie sagte nichts. „Die haben offensichtlich bei der deutschen Synchronisierungsfirma nur einen einzigen Typen, der Dokus macht. Er geht mir fürchterlich auf den Sack. Ich hoffe, er steht nie an der Kasse im Billa vor mir und erzählt seinem Grosskind die Geschichte des Einkaufswagens. Ich müsste mich schwer beherrschen, ihm keine reinzuhauen.“ Michal hatte nur gelacht. Er und jemandem eine reinhauen. Gerade er. Sie liebte Dokumentarfilme, vor allem über den 2. Weltkrieg. Und es störte sie nicht, dass die Stimme des Erzählers stets dieselbe war. Dier Sportreporter tönten auch alle gleich.
„Es tut mir leid, dass ich gestern Abend nicht gekommen bin“, sagte sie an einem Abend im Februar zu ihm. „Ich bin gleich nach der Arbeit ins Warenhaus und habe uns einen Luftbefeuchter gekauft. Vielleicht nehmen Orchideen ja die Feuchtigkeit mit ihren Luftwurzeln auf und sie sind wegen der trockenen Luft abgestorben. Wegen der Heizung, Du weisst schon. Er steht in der Mitte des Wohnzimmers, damit er die Luft in alle Richtungen befeuchten kann, und da wird er bleiben, bis Du nachhause kommst und darüber stolperst. Nein, keine Angst, natürlich stelle ich ihn an die Wand, bevor Du nachhause kommst.“
„Vielleicht ist er dann aber auch schon wieder weg. Ich bin mir nicht sicher, ob er richtig funktioniert. Als ich ihn einschaltete, gab er die Luftfeuchtigkeit mit 36% an. Wie kann ein Gerät in einer Sekunde die Luftfeuchtigkeit so genau bestimmen? Und nach einer Viertelstunde, weisst Du, was er da behauptet hat? Die Luftfeuchtigkeit betrage jetzt 34%. Ist es zu glauben? Ist das Gerät bereits defekt oder habe ich vielleicht aus Versehen einen Trockner gekauft? Ich geb ihm jetzt ein paar Tage, und sonst bring ich ihn dann zurück. Es ist eine zweijährige Garantie drauf und ich habe die Rechnung behalten.“
Ernesto war im März 2023 bei einer Demokratie-Demonstration beim Hashalom Bahnhof in Tel Aviv von einem berittenen Polizisten überrannt worden. Überrannt ist zuviel gesagt, aber so nannten sie es in den Nachrichten, weil es brutaler klingt. Das Pferd kippte, von der aufgewühlten Menge bedrängt, mit seinem Reiter langsam, fast in Zeitlupe, zur Seite und fiel auf Ernesto, der mit dem Kopf auf dem Randstein aufschlug.
Michal hatte ein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihn überredet, mit ihm an die Demonstration zu gehen. „Was soll ich da?“ hatte er geantwortet. „Mein ganzes Leben habe ich nicht an einer einzigen Demonstration teilgenommen. Warum sollte ich jetzt noch damit anfangen?“ „Komm, sei kein Spielverderber, nur dieses eine Mal!“ hatte sie ihn gedrängt. „Du kannst nicht immer alles verpassen.“ Obwohl sie wusste, dass er das ohne weiteres konnte.
Schliesslich hatte er nachgegeben, und als sie auf dem Weg zum Bahnhof auf der Brücke standen und unten auf dem Highway zum ersten mal eine Staffle berittener Polizei sahen, war er beeindruckt.
„Was für kraftvolle, elegante Tiere“ sagte er zu ihr. „Mir tun sie nur immer leid, wenn sie so eingesetzt werden.“ Und dann dies.
Und damit nicht genug. Den ganzen Abend zeigten sie auf allen Nachrichtenkanälen die gleiche Sequenz, von einem Demonstranten auf seinem Handy gefilmt, wie ein älterer Mann unter einem umstürzenden Polizeipferd begraben wird, in einer Endlosschlaufe. Er, der Nachrichten hasste, war nun landesweit die Nachricht des Abends. Das Einzige, was fehlte, war, dass eine sonore Stimme das Ereignis kommentiert hätte.
Als Ernesto Torrini am 28. August 2026 das zweite Mal erwachte, war Michal nicht im Krankenzimmer. Netanyahu stand gerade vor Gericht, der Likud hatte sich gespalten, Iran bestritt auf’s Heftigste, einen unterirdischen Atombombentest durchgeführt zu haben, die Schweiz diskutierte die Auslegung ihrer Neutralität und die Russen versuchten gerade, die 2024 verlorene Krim zurückzuerobern.
Ernestos Kinder aus erster Ehe, Toni und Arlette, sassen an seinem Bett, überglücklich, ihren Vater, der dreieinhalb Jahre als vermisst gegolten hatte, zurückzuerhalten. Sie waren unverzüglich aus der Schweiz angereist, nachdem das Spital sie benachrichtigt hatte. Es hatte sich durch eine Verkettung von für Michal unglücklichen administrativen Abläufen herausgestellt, wer Ernesto war und dass sie ihn gar nicht kannte, jedenfalls hatte sie nie mit ihm zusammengewohnt. Sie hatte sich spontan als seine Frau ausgegeben und war nach dem Unfall mit in die Ambulanz gestiegen. Nachdem alles herausgekommen war, durfte sie ihn nicht mehr besuchen.
Ernesto erholte sich nie mehr richtig. Er sass im Rollstuhl und das Sprechvermögen erlangte er nicht mehr. Jedenfalls sprach er nicht. Es war unklar, was er noch wusste, und was nicht, woran er sich erinnerte und woran nicht. Schriftlich kommunizierte er sehr knapp, meist einsilbig, auf einem kleinen Block, den er stets auf seinem Schoss hatte.
„Durst“
„Toilette“
*Rücken kratzen“
Auf Fragen, mündlich oder schriftlich, reagierte er nicht. Nur ein einziges Mal, als die Frau von der Spitex, die sich tagsüber um ihn kümmerte, ihn eines Abends, bevor sie ging, fragte, ob er noch etwas brauche, schrieb er auf seinen Block das Wort „Orchideen“.
