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Irgendwo in Istanbul…
14. Juli 2013An einem neuen Ort
28. Mai 2013Oberflächen sind oft hart. Wer hinfällt, könnte ein Lied davon singen, anstatt zu fluchen. Dass Oberflächen widerstandsfähig sein müssen, leuchtet ein. Die Natur ist wahrscheinlich als sie jung war ein paarmal auf den Kopf gefallen, aber sie hat ihre Schlüsse daraus gezogen und ihn abgehärtet. Wenn Oberflächen weich wären wie Unterflächen, wären sie rasch keine Oberflächen mehr. Sie würden den äusseren Einflüssen nicht lange widerstehen. Aber sie sind über der Unterfläche. Sie sind Oberfläche. Das verhält sich ja auch mit uns Menschen so. Die Haut ist ein Bisschen strapazierfähiger als das Fleisch darunter, unser Verhalten ein wenig cooler als die Befindlichkeit.
Unter der Oberfläche, in unserem Innern, sind wir alle verletzlicher, als wir uns gegen aussen präsentieren. Im Kern sind wir traurige, von einem frustrierten Erwachsenen verratene und verlassene Kinder. Wir warten darauf, dass wir zu uns zurückkehren um endlich wieder zu spielen.
Vor ein paar Tagen habe ich in Kappadokien Höhlensiedlungen und Untergrundstädte besucht, in denen sich in Zeiten erhöhter Gefahr mehr als zweitausend Menschen über Monate hinweg mit Vieh und Kind und Kegel versteckt hielten. Bewohner der Höhlen waren zuerst die Hethiter, die ihre 1000 Götter mit in die Höhlen nahmen, wodurch es eng wurde, und später von den Römern verfolgte Christen, die mit ihrem einen Gott etwas mehr Platz hatten.
Weshalb stürzt das alles nicht ein, habe ich unseren alten Führer gefragt, wo das Gestein doch offensichtlich so weich ist, dass sich jeder müde Hethiter und jede flüchtige Christin im Handumdrehen eine Höhlenwohnung aus dem Berg schnitzen konnte? Halt mir mal kurz das Kind, ich grab uns noch ein Zimmer. Warum sehen wir das alles noch, dreitausend Jahre später, diese ausgehöhlte Landschaft? Weshalb hält das so lange? Habt ihr einen Fixierspray?
Der alte Mann war so höflich, dass er sich seine Bestürzung über meine totale Ignoranz nicht anmerken liess. Er erklärte mir geduldig, dass dieses Gestein Mineralstoffe enthält, die mit der Luft reagieren und sich dabei verhärten. Wirklich cool, diese Natur. Cool und hethiterfreundlich. Fair mit den flüchtigen Christen. Wir basteln eine selbsthärtende Oberfläche mit Nura Natura.
Eine andere harte Oberfläche ist mir neulich auf dem kurzen Weg von der Botschaft in die Residenz begegnet. Wenn ich die Treppe nehme, die der Tiefgarage entlang zur Botschaft hinunter führt, gibt es nach dem ersten Treppenabsatz einen Niveauunterschied, eine Art Mini-Stufe, über die ich am Anfang auch bei Tageslicht regelmässig gestolpert bin.
Ich stolpere in unbekannter Umgebung regelmässig. Ich lasse normalerweise kein Hindernis aus. Der erwähnte Vierteltritt scheint mir nun aber besonders tückisch, nicht nur für einen Vielstolperer wie mich. Man erwartet ihn irgendwie nicht. Er sollte da nicht sein. Als ich dann einmal in pechschwarzer Nacht aus dem Büro nachhause ging, bin ich ganz hingefallen, der Länge nach, und habe die Härte der Steinplatten gespürt. Aber es geht mir nicht um das Hinfallen. Wir alle fallen. Darüber zu philosophieren, ist hinfällig. Es geht mir eigentlich auch nicht um die Härte von Oberflächen. Es geht mir ums Stolpern. Ich bin auch anderswo im Garten und auf der Treppe im Innern des Hauses am Anfang andauernd gestolpert. Am meisten beim Treppenabsatz auf halber Höhe zum 1. Stockwerk. Praktisch jedes Mal. Mein Körper fand in seinem Gedächtnis offenbar nichts Passendes, was ihm erlaubt hätte, die besonderen Masse dieses Treppenabsatzes von Anfang an im Griff zu haben. Also stolperte ich und stolperte und stolperte, bis mein Körper die Masse und Dimensionen der neuen Umgebung intus hatte und mich nun dahin schreiten lässt, als wäre ich hier aufgewachsen.
Das automatische Vermessen der neuen Umgebung, dieses sich Einmessen und Eingewöhnen, ist eine Bravourleistung unseres Systems. Ich bin stolz auf meinen Körper. Ich hoffe, er macht so weiter. Ich klopfe ihm auf die Schulter. Ich füttere ihn mit Süssem. Lass gut sein, sagt er zu mir. Soviel Lob ist ihm peinlich. Er funktioniert ja nur.
Das Ende des Stolperns signalisiert die Ankunft an einem neuen Ort. Du bist angekommen. Schön, dass Du jetzt auch da bist, Walter. Aber vergiss nicht: Stolpern ist ein Warnsignal, das einem bewusst macht, dass man sich auf unbekanntem Terrain bewegt. Wenn das Stolpern aufhört, muss die Wachsamkeit erhöht werden. Wer nicht mehr stolpert, muss aufpassen, dass er nicht fällt.
Irgendwo in Ankara…
28. Mai 2013Überall noch einmal hin
26. Mai 2013Ich möchte überall noch einmal hin. Sogar da, wo ich gerade bin.
Ich weiss, dass man nicht zurückkehren kann. Und es liegt nicht nur daran, dass man keine passenden Kleider hat. Es ist jedem noch so nostalgischen Deppen klar, dass dort, wo er einst glücklich war, unterdessen schon lange alles anders ist, und selbst wenn es noch genau so wäre wie damals, würde ihn spätestens bei der Ankunft der Blick in den Spiegel auf dem Flughafenklo daran erinnern: Man kehrt nicht zurück.
Weshalb also überhaupt reisen, und wozu dann dieses Gedränge hier? Warum fehlt schon wieder das Papier, um sich die Hände zu trocknen? Soll ich meine Hände etwa in diesen Windkanal stecken? Wer hat das bloss wieder erfunden.
Hätte ich wenigstens die verschiedenen Zettel dabei, auf denen ich mir letzte Nacht all die Dinge notiert hatte, die ich nicht vergessen wollte. Ich hatte die Reise im Traum geplant, weil man es bleiben lässt, wenn man alles vernünftig abwägt. Im Traum liegen überall Notizzettel bereit, auf denen man sich notiert, was man nach der Ankunft unternehmen will. Auch die Koffer packen sich leichter im Traum. Man kommt nie auf 20kg. Im Tor zum Erwachen steht dann sowieso ein Zöllner, der alles beschlagnahmt: das Gepäck, den Pass und die Notizen. Gute Reise, Dummkopf.
Man kann ihn nicht täuschen oder austricksen. Nicht einmal, indem man im Traum oder im Flugzeug sitzen bleibt und sich schlafend stellt.
Den Taxifahrer frage ich dann nach dem Glück, während er mich irgendwo hinfährt, was er für eine Adresse hält. Was ist letztendlich Glück oder das, wohin wir zurückkehren würden, wenn wir könnten? Sie verstehen doch Deutsch? Warum reisen wir überhaupt? Es kann ja nicht sein, dass wir Neues entdecken wollen, oder? Läuft eigentlich der Taxameter?
Als ich zwölf Jahre alt war, sagt der Mann ein wenig später und nachdem ich ihn für taub gehalten hatte, während er auf einer langen Geraden langsam beschleunigt, und sucht mich dabei im Rückspiegel, als ich zwölf Jahre alt war, war Glück, wenn ich an einem Sonntag erwachte und das Geräusch von Regen nicht hörte. Noch vor dem Öffnen der Augen wusste ich, dass mein Fussballspiel stattfinden würde. Ob wir dann verloren oder gewannen war weniger wichtig. Schlimm war, wenn das Spiel nicht stattfand. Schlimm für einen Zwölfjährigen, der das unfassbare Glück hatte, in der Schweiz wohlbehütet aufwachsen zu dürfen. Schlimm also im Sinne von überhaupt nicht schlimm.
Nicht schlimm vielleicht , dachte ich, aber dennoch das Gefühl von Abwesenheit von Glück, wenn er beim Aufwachen das Trommeln der Regentropfen auf den Rollladen hörte. Oder eben gutes, solides Glück, wenn es nicht regnete, wenn der Rollladen stumm blieb.
Als wir an einer Kreuzung wegen eine roten Ampel anhalten müssen, ist unser Taxi plötzlich von Demonstranten umringt, die Plakate und Banner tragen und Parolen schreien. Ein paar der Demonstranten nähern sich bedrohlich dem Taxi und schwingen Fäuste und Stöcke in Richtung des Fahrers. Ich bin im realen Leben kein so mutiger Mensch, aber bitte, wir sind in einem Traum, und so steige ich aus wie im Film und gebiete dem Treiben Einhalt: Lasst den Jungen in Ruhe. Er hat niemandem etwas getan. Schon sein Vater war Taxifahrer. Versteht ihr? Glück ist unfassbar.
Auf dem Heimflug (ich muss mit einem Ersatzpass reisen, weil ich den alten offenbar im Windkanal verloren habe) lösche ich dann die Fotos von meinem iPhone, die ich nicht behalten will. Eigentlich will ich gar keine behalten, aber das System verweigert mir den Zugriff. Löschfunktion momentan nicht verfügbar. Versuchen Sie es später oder downloaden sie jetzt die neue App „Papperlapp-App“, um ihre Fotos in Zukunft gleich bei der Aufnahme zu löschen.
Vielleicht ist das gar nicht der Heimflug, geht es mir durch den Kopf, während ich unter mir kleine Inseln sehe, die vermutlich auf Facebook Freunde des Festlandsockels sind. Und wer weiss, wo ich gerade war. Ich nehme mir vor, nachzuschauen, in welchem Land man mit 12 Taxis fahren darf. Ich bin sicher, es gibt auf dem Netz einen Ländervergleich. Und wenn ich schon auf dem Netz bin: saugkräftiges Notizpapier. Wenn möglich selbst kompostierend. Und ein paar andere Dinge, die mich neulich kurz interessiert haben. Stichworte genügen. Ich brauche keine ganzen Artikel. Das behält keine Sau.
Irgendwo in Cappadokia…
26. Mai 2013Ein lettischer Winter, unvollendet
18. Februar 2013Manchmal ist das Leben wie ein lettischer Winter: halb so schlimm, wie befürchtet. Was hatte man uns gewarnt vor meterhohen Schneemauern und Verwehungen bis ins Wohnzimmer bei konstanten minus 27 Grad im Schatten eines schwer in Gang zu haltenden Kaminfeuers.
Autofahrer, die sich auf Kreuzungen hinaus tasten, weil links und rechts der Schnee wie eine Hauswand den Blick versperrt, und wer auf einer kleinen Nebenstrasse abbiegen will, muss Gas geben, um es mit Anlauf aus der Fahrrinne zu schaffen.
Es war dann alles, nicht zum ersten Mal in meinem Leben, viel weniger dramatisch. Ab und zu minus 18, einmal minus 20 Grad, und Schnee schon, aber in überschaubaren Mengen. Nicht mehr auf ein Mal, als eine ältere Frau jeden Morgen wegschaufeln kann. Keine zugeschneiten Kreuzungen und beim Autofahren herrschte Sichtkontakt. Viel Matsch, wenig Eis, und das Abbiegen auf einer Nebenstrasse in ein sich automatisch öffnendes Tor klappte problemlos, solange die Fernsteuerung funktionierte.
Die ältere Frau war die letzten Monate das erste Geräusch am Morgen. Wie sie den Schnee wegschiebt. Ramasch, ramasch, ramasch. Ich dachte zuerst, dass geht gar nicht. Dass ich im Morgenmantel Kaffee schlürfe, während sich einen Stock tiefer eine ältere Frau mit dem Schnee abmüht. Und weil sie nur Russisch kann, kann ich mich nicht einmal richtig bedanken. Sie lächelt, wenn ich ihr trotzdem danke und ihr einen schönen Tag wünsche. Ich werde ihn selber schaufeln, den lettischen Schnee, dachte ich im Juli, als ich hier ankam, und mir einen Hexenschuss holen.
Aber als es kälter wurde, erklärte man mir, dass sie das Geld brauche, die ältere Frau, und dass sie Stella heisse und zufrieden sei, diese Arbeit zu haben. Ich kam mir trotzdem seltsam vor und komme es noch. Irgendetwas stimmt hier nicht, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Und irgendetwas stimmt wahrscheinlich mit mir nicht, dass ich sie so lasse. Ich erinnere mich an die Anekdote vom Mann, der irgendwo in Asien ein Klavier auf seinem Buckel trägt und die Leute, denen er auf dem Gehsteig entgegenkommt, weichen ihm aus, anstatt ihm zu helfen.
Ich könnte jetzt nachschauen, wer diese Anekdote wo erzählt hat. Es sei schlimm, woran wir uns gewöhnen, war das Fazit dessen, der sie erzählte. Ich teile diese Meinung, gehe dieser Sache aber nicht mehr nach, sondern aus dem Weg, denn ich sitze bereits wieder zwischen Kartonschachteln und bald werden sie meinen Computer einpacken.
Manchmal ist das Leben wie ein lettischer Winter. Irgendjemand erzählt Dir die verrücktesten Sachen, weil er sich interessant machen will. Weil er denkt, wenn er Dir sagt, alles sei dort eigentlich ganz normal, würdest Du ihn für langweilig halten und die Reise für überflüssig. Verstehen Sie, was ich meine? Wahrscheinlich war ich wieder zu langfädig. Zu kleinflockig. Ich wollte eigentlich nur auf Wiedersehen sagen, während es draussen schneit und schneit und schneit. Es hört bestimmt nicht mehr auf.
Irgendwo in Riga…
13. Februar 2013Fehltritt
13. Februar 2013Druck mir den Himmel aus
– ich will genau dieses Blau!
Schau her: zwischen den Wolken
steckt noch Dein Absatz fest
Die Engel behalten ihn
weil Du geflucht hast beim Stolpern
Eines Tages womöglich
fällt er aus den Wolken
in einen Weinberg
und schlägt eine Schnecke tot
Du aber wirst wissen
ohne zu wissen, warum
dass Dir vergeben wurde






