Archive for the ‘BLOG’ Category

Tamar

12. Dezember 2011

Emerging face

6. Dezember 2011

Dmitris Schneider

5. Dezember 2011

(ein fiktives Gespräch)

Es ist schwierig zu sagen, warum das so ist. Aber es ist so. Jeder kann es sehen.  Dmitris Anzüge sitzen zwar, sie sitzen sogar ausgezeichnet, aber genau das ist das Problem. Sie sitzen ihm zu gut. Sie sind für seine Figur unvorteilhaft geschnitten. Und es ist nicht, weil er eine unvorteilhafte Figur hätte. Niemand hat eine unvorteilhafte Figur. Jemand, der das behauptet, hat die Schöpfung nicht begriffen oder keinen Respekt davor. Vielleicht ist er etwas klein geraten, Dmitri, mag sein, jedenfalls wirkt er klein, obwohl er nicht kleiner ist als Wladimir, eher grösser, aber Wladimir wirkt grösser. Er kommt ja auch immer wie sein Ziehvater daher, obwohl er das als eine haltlose Behauptung von sich weisen würde, und Dmitri wirkt dann neben ihm wie eine Figur, die Wladimir in seiner Freizeit beim Fischen geschnitzt hat – etwas ungelenk. Vielleicht hatte er kalte Hände.
Aber es liegt nicht an ihm, glauben Sie mir, an Dmitri meine ich, wenn er manchmal  etwas steif und ungelenk wirkt. Es liegt einzig und allein am Schnittmuster seiner Anzüge und damit an seinem Schneider. Dmitri hat offensichtlich, jeder kann das sehen, der ein klein wenig etwas vom Geschäft versteht, einen unfähigen Schneider. Und so etwas sollte es nicht geben. Wenn es sich jemand leisten kann, seine Anzüge bei einem Schneider anfertigen zu lassen, sollte es ein guter Schneider sein. Schlechte Anzüge kann man von der Stange kaufen. Wenn ich Dmitris Schneider wäre, hätte ich ihn jedenfalls anders beraten.

„Sie wollen also, Herr Präsident, dass ich Ihnen ihre Anzüge so zuschneide, dass sie ihre breiten Schultern und die V-Form ihres Oberkörpers betonen? Ich verstehe. Und natürlich kann ich das, Herr Präsident, ich bin Ihr Schneider. Ich kann alles, was Sie von mir verlangen. Ich bin aber nicht nur ihr Schneider, Dmitri, ich bin auch ihr Freund. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, wenn Sie erlauben. Ich bin Ihnen treu ergeben.
Habe ich mich nicht geweigert, damals, Wladimir seine Anzüge zu schneidern, als er mich fragte? Habe ich ihm nicht gesagt, es tut mir Leid, Herr Ministerpräsident, aber ich bin Dmitris Schneider, ich kann nicht zwei Herren dienen. Ich schätze es sehr, und es ehrt meine Arbeit, dass sie mich anfragen, aber ich kann nicht ihr Schneider sein. Beim besten Willen nicht. Wäre ich ein Hutmacher, würde ich vielleicht ja sagen, aber ich bin kein Hutmacher. Ich bin ein Schneider. Dmitris Schneider. Auf Wiedersehen, Wladimir. Es tut mir Leid. 

Ich bin Ihnen treu ergeben, Dmitri. Ich habe Wladimir damals abgewiesen, obwohl er bestimmt ein sehr guter Kunde geworden wäre. Ein vorzüglicher Kunde. Er hat eine sehr einfache Figur. Unter Schneidern nennt man es eine Stangenfigur. Man kann alte Schnittmuster verwenden. Ich habe ihm die Adresse eines mir bekannten Schneiders gegeben. Ich kann nicht sagen ein Freund, aber jemand, den ich von früher kannte und um den es gerade finanziell nicht gut bestellt war. Seine Frau hatte ihn verlassen und er gab sich dem Alkohol hin. Aber Wladimir würde er schaffen. Eine Stangenfigur kriegt ein solider Schneider auch leicht alkoholisiert auf die Reihe. Ich habe Wladimir abgewiesen. Ihretwegen, Dmitri. Der einzige Tipp, den ich ihm gab, weil er unzufrieden war mit seinem Erscheinungsbild, und weil er mich bat, ihm wenigstens ein paar Ratschläge zu geben, war, dass ich ihm riet, in seiner Freizeit Rollkragenpullover zu tragen.  Das war alles, wozu ich ihm geraten habe.
Ich habe das nicht überprüft, Dmitri, denn Wladimir interessiert mich nicht, ich bin nicht sein Schneider, aber man trägt mir zu, er werde seither oft mit Rollkragenpullovern fotografiert.

Wie bitte? Nein, Ihnen kann ich Rollkragenpullover nicht empfehlen, Dmitri. Ich muss Ihnen im Gegenteil davon abraten. Ich rate Ihnen auch ganz dringend von Anzügen ab, die in ihrem Schnitt ihre Taille betonen und dann eng anliegend zu ihren Schultern hoch in die Breite gehen. So etwas steht Ihnen nicht. Wenn ich tue, was Sie von mir verlangen, erweise ich Ihnen einen schlechten Dienst. Man erweist einem Freund keinen schlechten Dienst.

Ihr Kopf ist zu gross, Dmitri. Es ist ein schöner Kopf und es ist an sich kein Problem, dass er so gross ist. Überhaupt nicht. Nur ist ihre Haltung, wenn ich das als Ihr Schneider so sagen darf, manchmal ein wenig steif, und ihr Gang tendiert dazu, leicht hölzern zu wirken. Sagen Sie jetzt noch nichts, bitte, lassen Sie mich zuerst ausreden. Danach werde ich schweigen und ihre Anzüge nach Ihren Wünschen zuschneiden, ich verspreche es.
Für jemanden wie Sie, Dmitri, ist ein Jackett, das unter der Achsel gerade bis über die Hüfte fällt, wesentlich vorteilhafter. Und wenn wir dann die Hosenbeine noch etwas weiter machen, wirken sie kompakt und geschmeidig und ihr Kopf hat die richtigen Proportionen. Ich weiss, was Sie jetzt sagen wollen, Dmitri Anatoljewitsch: ihr Kopf hat jetzt schon die richtigen Dimensionen. Natürlich hat er das. Und ich habe auch nie das Wort Marionette in den Mund genommen. Ich habe geschnitzt gesagt, ja, aber Marionette? Ich bitte Sie, Dmitri. Ich bin ihr Freund.

Wenn ich mir erlaube, Sie bezüglich Schnittmustern für ihre Anzüge zu beraten, dann nur deshalb, weil ich mir um Ihr Aus- und Ansehen ernsthafte Sorgen mache. Es ist richtig und wichtig, dass unser stolzes Land eine eigenständige Politik führt, und ich bin der erste, der für unser Recht darauf einsteht. Ich bin ein Patriot, Dmitri. Ich liebe unser Land. Ich liebe es ebenso wie Sie, und ich bin dankbar dafür, dass Menschen wie Sie unsere Geschicke leiten. Gute Menschen. Fähige Menschen. Auch Wladimir ist gut für unser Land, auch wenn sich sein Schneider nie davon erholt hat, dass ihn seine Frau verlassen hat.

Ich schlafe ruhig, Dmitri, seit Wladimir und Sie am Ruder sind. Ich schlafe gut und erwache nur ganz selten mit einem unguten Gefühl im Magen. Mitten in der Nacht, obwohl ich vor dem zu Bett gehen nur eine leichte Mahlzeit zu mir genommen hatte. Es ist absurd. Dann gehe ich hinunter in mein Atelier und schaue mir alte Schnittmuster an. Sie sind zum Teil beschädigt, angerissen und zerknittert (es ist dünnes Papier), und alle sind leicht vergilbt.

Wenn ich mir dann vorstelle, wie wichtige Persönlichkeiten wie Sie, Dmitri, in den Anzügen, die auf der Grundlage dieser leicht zerstörbaren Papiere entstanden sind, Entscheidungen getroffen und Verträge unterzeichnet haben, wie sie immer wieder ihr Veto im Sicherheitsrat eingelegt oder erfolgreich damit gedroht haben, dann ist das eindrücklich, Dmitri, für einen einfachen Schneider wie mich, der nichts von der hohen Politik versteht, und es ergreift mich so etwas wie Ehrfurcht. Ehrfurcht und Dankbarkeit, dass ich Ihr Schneider sein darf. Das ist ein gutes Gefühl. Und besser, viel besser, glauben Sie mir, als noch ein Glas zu trinken, bevor man sich wieder schlafen legt.

Und jetzt sagen Sie mir, was sie für Anzüge wollen, Dmitri. Sagen Sie es mir. In die Taille geschnitten? Wie Sie wollen. Über die Hüften fallend und die Hosenbeine etwas weiter geschnitten? Auch gut. Sie treffen die Entscheidung, Dmitri. Sie sind der Präsident. Ich bin Ihr Schneider.“

…einmal den Sonnenuntergang (Jaffa, Nov. 2011)

18. November 2011

Unser Problem

18. November 2011

Unser Problem ist, dass wir uns einbilden, wie hätten etwas Besseres zu tun. Und dann sind wichtige Menschen plötzlich fort, verstorben oder abgereist, und ein Strand muss geschlossen werden, weil der Sand über Nacht eine Allergie auf das Meer entwickelt hat.

Auf Luftaufnahmen, die man uns jetzt vorlegt, wirkt der Ausschlag wie farbige Strandtücher. Hier und dort ein paar Beulen, die an Umziehkabinen erinnern.  Wir sind konsterniert. Wir hätten es kommen sehen müssen.

Es tut fast etwas weh. Wir bedauern uns, husten ein paar Nächte durch und gehen dann zum Arzt. Die Diagnose ist einfach, das Rezept  rasch geschrieben. Zweimal pro Tag: einmal den Sonnenaufgang, einmal den Sonnenuntergang.  Wenn in zwanzig Jahren keine Besserung eintritt, rufen Sie mich an. Oder wechseln Sie die Krankenkasse.

Nun aber weiter im Takt. Auch ohne eigenen Rhythmus.  Hauptsache vorwärts irgendwohin wird das führen. Jetzt bloss kein Gedicht schreiben. Häufige Poesie entwickelt Resistenzen. Das fehlte gerade noch.

Lass mich diesen Eintrag sachlich beenden die Zeilen fast voll geschrieben und die Interpunktion noch beinahe korrekt.

Tel Aviv Beach (wie immer ohne mich)

18. November 2011

Merksatz für Manager

14. November 2011

Wer sich nicht entschuldigen kann, sollte keine Entscheidungen treffen.

A Walk in the Park (irgendwo in München)

14. November 2011

Die Wochen sind kurz, das Leben lang und die Landkarte hat fünf Farben

4. November 2011

Auf der Leinwand im abgedunkelten Saal eine politisch eingefärbte Weltkarte, auf der 54 Staaten mit einer gemeinsamen Farbe markiert sind. „Ich werde heute nicht über das Commonwealth sprechen“, sagt der Professor, ein Mann von mittlerer Statur mit einem relativ kleinen Kopf. „Kann bitte jemand das Licht anmachen? Danke. Und den Beamer abschalten. Wir brauchen ihn heute nicht mehr.“

Er hat wirres, angegrautes Haar, das er mit den Fingern ab und zu nach hinten kämmt, obwohl es ihm nicht in die Stirne fällt. Es ist mehr ein Tick. Eine fahrige Allüre eines sonst unprätentiösen Manns in seinen frühen Fünfzigern, der nie geheiratet hat.

Nach einer kurzen Pause, während der zwei flinke Studenten ohne weiteres das Commonwealth hätten einrollen können, wenn es sich nicht um eine Powerpoint-Präsentation gehandelt hätte, fährt er fort: „Ich nehme  an, Sie wissen das, meine Damen und Herren. Die Lampen sind das teuerste an diesen Apparaten. Ein ähnlich absurdes Verhältnis wie bei den Druckerpatronen und den Druckern. Den verkabelten Rest werfen wir getrost auf den Müll und dieser kreist dann Jahrhunderte lang im Elektroschrottstrudel im Pazifik, den die Vögel für einen Fischschwarm halten und daran elend verrecken.“ Er fährt sich mit den Fingern der linken Hand durch die Haare.

„Ich will hier nicht in die Details gehen oder zu weit ausholen (ich weiss, dass ich manchmal zu weit aushole) und verweise an dieser Stelle lediglich auf mein letztjähriges Skript. Ich setze zudem voraus, dass ihnen bekannt ist, woher das Wort „elend“ kommt, wenn ich sage, dass diese Vögel elend verrecken, wenn sie unseren Elektroschott fressen, in der für sie verhängnisvollen Annahme, es müsse sich um Fische handeln. Sollten Sie es vergessen haben, erinnere ich sie daran, weil das Prüfungsstoff sein wird. Dass es einem elend geht, wenn man sich ausserhalb seines angestammten, eigenen Territoriums befindet: im Ausland, e-Land, ausser Landes. Weil es einem dort früher schlecht ging, weil einem niemand zur Seite stand, wenn man in Schwierigkeiten geraten war. Keine Freundschaft, keine Familie, keine Fürsprecher vor Gericht. Keine Chance.

Hat jemand etwas zugunsten des Angeklagten vorzubringen? Kennt ihn jemand? Kann jemand bezeugen, dass er keine Pferde stiehlt? Verbürgt sich jemand für ihn? Dann soll er jetzt mit barer Hand eine Münze aus einem Kessel mit siedendem Wasser holen, und damit selber seine Unschuld beweisen, so ihm Gott hilft. Klammer geschlossen.

Die heutige Vorlesung kreist weder um Elektroschrottstrudel, noch um die Frage, ob sich die Vorlesung in diesem Fall in der gleichen Richtung gedreht hätte wie der Strudel. Es geht heute auch nicht um Gerichtsverfahren gegen Ausserheimische, obwohl dieses Thema einiges hergibt, wenn man anständig mit ihm umgeht und es nicht drängt.

Wir verlassen die sterbenden Vögel und begeben uns stattdessen ohne weitere Verzögerung (without further delay) vom Pazifik auf‘s Festland und von der losen Gemeinschaft des Commonwealth hin zur nur auf den ersten Blick absurd anmutenden Frage, wie viele andere Menschen ein Mensch braucht, um sich für alle klar erkennbar von allen anderen Menschen abzugrenzen, mit denen er in Kontakt kommt, oder ob farbige Kleider genügen, und wenn ja, wie viele Farben diese Kleider haben müssten.

Man braucht bekanntlich fünf Farben, um eine politische Landkarte, wie wir sie soeben kurz gesehen haben (das Commonwealth im historischen Massstab von 1 zur Bedeutungslosigkeit), so einzufärben, dass keine zwei Länder mit derselben Farbe aneinandergrenzen. Farbenblinde kommen zur Not mit einer Farbe aus. Das war aber nicht immer so. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war man angesichts der damals horrenden Farbpreise noch bereit, zu glauben, vier Farben würden ausreichen, und man sprach damals, weil man sich nicht sicher war, ob man nur von der Knappheit der Mittel zu dieser Annahme verleitet worden war, von der Vier-Farben-Vermutung. Diese Vermutung war nur wenigen bekannt und galt zudem nur unter den Einschränkungen, dass isolierte gemeinsame Punkte nicht als Grenze zählen und dass jedes Land aus einer zusammenhängenden Fläche besteht, also keine Exklaven vorhanden sind. Ausserdem wurde mit den Studenten gleich zu Semesterbeginn vereinbart, dass während der Vorlesungen kein Popcorn gegessen wird.

Als Francis Guthrie an einem verregneten, nicht für Botanik geeigneten Sonntag Vormittag im Jahr 1852 eine Karte der Grafschaften von England einfärben wollte, stellte er als erster die Vier-Farben-Vermutung auf. „Was wird das?“ fragte seine Frau, als sie ihn bat, den Tisch frei zu machen, damit sie das Mittagessen auftragen könne. „Ich färbe gerade die englischen Grafschaften ein, Darling“ erwiderte Francis. „Es kann nicht ewig so weiter gehen, mit diesem Schwarz-Weiss auf vergilbenden Bögen. Und ich vermute, vier Farben werden reichen, um alle Grafschaften deutlich voneinander abzutrennen.“

„Was immer“, gab seine Frau zurück, „und jetzt mach den Tisch frei.“

Er verliert mir noch den Verstand, dachte sie. Und so schön möchte ich es auch einmal haben: wie ein Kind grosse Pläne machen, sie farbig ausmalen und sich im Übrigen bedienen lassen. Ich bin doch nicht seine Mutter.

Und grosse Pläne hatte Francis Guthrie tatsächlich. Die englischen Grafschaften sollten nur der Anfang sein. Wenn es ihm gelingen würde, nicht nur England, sondern die ganzen britischen Inseln, das europäische Festland und später vielleicht ganz Asien zu bemalen, würde vieles möglich sein. Andalusien. Patagonien. Lateinamerika, Afrika, und ganz am Ende seines Lebens vielleicht noch mit letzter Energie Australien und Neuseeland, mit einer einzigen Farbe, rundherum nur noch Wasser. Eine blaue, unendlich grosse Fläche, die nach Gemüsesuppe roch. Er konnte es kaum erwarten, und nahm sich vor, gleich nach dem Mittagessen mit der Droschke in die Stadt zu fahren, um neue Farben und einige Bögen Papier zu kaufen.

Irgendwie muss ihm dann aber die Faszination für das Problem abhanden gekommen sein.  Oder er hat kurz danach tatsächlich, wie es seine Frau vermutet hatte, den Verstand verloren. Ist von der Droschke gefallen. Jedenfalls haben sich kurz darauf europäische Mathematiker des Problems bemächtigt und Guthrie scheint sich wieder der Botanik zugewendet zu haben.

Der Londoner Mathematikprofessors Augustus De Morgan schrieb seinem irischen Kollegen William Rowan Hamilton in einem Brief, den dieser an einem nasskalten Frühlingstag las, in den er schlecht gelaunt erwacht war, ohne zu wissen warum: „Ich bin mir nicht sicher, werter Herr Kollege, aber es kann sein, dass vier Farben genügen, um die Länder einer Karte so zu färben, dass benachbarte Länder verschiedene Farben tragen. Womöglich reichen aber auch weniger Farben. Oder weniger Länder. Was denken Sie? Hochachtungsvoll, Ihr …“.

Hamilton ärgerte sich so sehr über den stupiden Inhalt des Briefs (nicht zu reden von der fehlerhaften Adresse, welche dazu geführt hatte, dass der Brief zunächst bei einem gleichnamigen Pferdemetzger in der Grafschaft Cork gelandet war), dass er sich lange überlegte, ob er ihn überhaupt beantworten solle, und als er es dann endlich doch noch tat, fiel seine Antwort an Morgan knapp und wenig schmeichelhaft aus. „Sie sind, lieber Augustus, ein Idiot. Drei Farben genügen, wenn es sich um satte Töne handelt. Von ihrer Dummheit bestürzt, Ihr …).

Es folgten ein paar weitere Briefe, welche das Verhältnis zwischen den lange befreundeten Mathematikern unheilbar zerrütteten, ein paar weitere Kriege auf dem europäischen Festland und die Gründung grösserer Nationalstaaten wie Italiens oder Deutschlands verhinderte schliesslich, dass das Einfärben der Karten ewig gedauert hätte. Dennoch lag sich die Gilde der Mathematiker noch fast vierzig Jahre lang wegen dem Beweis des Vier-Farben-Satzes in den Haaren. Heute ist es ein Theorem und sie können es in jedem Warenhaus kaufen. Normalerweise in der Papeterie-Abteilung.

Jetzt werden Sie sich vielleicht fragen, meine Damen und Herren Studenten, wann ich endlich zur Sache komme. Und ich verstehe Sie, wenn Sie sich diese Frage stellen. Ich wäre Ihnen nicht einmal böse, wenn Sie sie mir stellen würden. Ich wundere mich sogar darüber und bin ein klein wenig enttäuscht, dass Sie mir die Frage nicht stellen. Es wäre mir wichtig, dass sie kritisch sind.“

Er nimmt einen Schluck aus dem Wasserglas, das die ganze Zeit vor ihm gestanden hat, und fährt sich mit der linken Hand durch die Haare.

„Schauen Sie, es ist so. Ich glaube nach 20 Jahren in der Forschung nicht mehr daran, dass das Commonwealth sich reformieren kann. Es hat sich ganz einfach als Organisationsform überlebt, und wenn die Queen einst nicht mehr unter uns weilen wird, wird man es auflösen können.

Für die Graphentheoretische Soziologie des 21. Jahrhunderts spielt das Commonwealth so oder so eine sehr marginale Rolle, und wenn man es faltet, kann man es ganz vernachlässigen. Für unsere noch junge Wissenschaft steht vielmehr die Frage im Zentrum, wie viele Menschen ein Individuum als Bezugspersonen benötigt, um sich in eindeutiger Weise in seiner Individualität zu erkennen und somit von seinen Mitmenschen abgrenzen zu können.

Wir sind der Beantwortung dieser Frage heute, ich gebe das mit einem Blick auf die Uhr zu, nicht wirklich näher gekommen. Wie definieren Sie Versagen? Vielleicht liegt der Grund dafür in meiner Geschwätzigkeit. Das mag durchaus sein, habe ich doch die ganze Zeit geredet.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Zeit ganz einfach viel zu schnell vergeht. Denken Sie darüber nach. Glauben Sie nicht, dass man Sie vor irgendetwas verschonen wird, nur weil Sie jung sind. Es wird Ihnen gleich ergehen wie uns allen. Die Wochen sind kurz, auch wenn das Leben, wenn man Glück hat, lang ist, und man kommt als Professor zwangsläufig hin und wieder mangelhaft vorbereitet in eine Vorlesung. Ich hätte Ihnen heute gerne meine Theorie der Fünf-Menschen-Vermutung erläutert. Ich kann es noch nicht beweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass vier Menschen genügen, um einen Fünften durch die Aufzählung ihrer Eigenschaften so zu beschreiben, dass ihn alle wiedererkennen, denen er schon mehr als einmal begegnet ist.

Es dürfte einige Jahre dauern, bis diese Theorie einwandfrei bewiesen werden kann. So gesehen ist es kaum relevant, dass ich, sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, mit der heutigen Vorlesung ihre wertvolle Zeit vergeudet habe. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen eine gute Woche und hoffe, einige von Ihnen am nächsten Montag trotzdem wieder zu sehen.“

Mother, waiting (Sorry it took so long), Oil on Canvas

29. Oktober 2011