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Was ich lese, wenn ich lese, entscheidend sei nicht, wie ich lese, sondern was ich lese

2. September 2011

 „Entscheidend ist nicht, wie, sondern was Sie lesen.“ (NZZ-Eigenwerbung)

Was heisst hier entscheidend? Was wird entschieden, und von wem? Entscheidungen aussprechen, hat Günter Eich in seinem Gedicht Timetable festgehalten, sei Sache der Nilpferde. Er ziehe es vor, Salatblätter auf ein Sandwich zu legen und unrecht zu behalten.
Entscheiden hat etwas mit Recht haben zu tun. Wer entscheidet, muss glauben, oder zumindest hoffen, Recht zu haben. Recht mit seinen Überlegungen oder seinem Bauchgefühl oder was immer zum Entscheid in diese oder eben die andere Richtung geführt hat. Und ich schreibe ganz bewusst von seinen Überlegungen und seinem Bauchgefühl, weil nach einer Statistik, die ich soeben erfunden habe, weltweit noch immer mehr als drei Viertel aller Entscheidungen von Männern gefällt werden. Das ist eindrücklich, ich weiss, und es klingt auch ohne Beleg glaubhaft. 
Entscheidend sei also, so die NZZ in ihrer Eigenwerbung, nicht wie ich lese (ich nehme der Einbildung halber an, die Werber meinten mich), sondern was ich lese.
Das mag als Werbeslogan auf den ersten Blick überzeugen (wer liest schon gerne Käse), aber es trifft leider nicht ganz zu, meine Herren. Es überzeugt höchstens halb. 
Mein Geschichtslehrer sagte uns zu Beginn der Mittelschule, das Ziel seines Unterrichts sei, uns beizubringen, wie man Zeitung liest. Wie, nicht welche. Ich habe erst viele Jahre später zu begreifen begonnen, was er damit gemeint haben könnte. Es hat zunächst einmal damit zu tun, nicht alles zu glauben, was man liest. Es hat mit Kritik zu tun, mit Zweifeln an Darstellungen, die auf unüberprüfbarem Wissen beruhen, mit ständigem Hinterfragen, wer was warum so und nicht anders darstellt. Mit der Frage, warum über etwas nicht berichtet wird. Es hat mit Quellenkritik zu tun, mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit und mit der Unterscheidung von Meinungen und Fakten, mit dem Erkennen von Absichten. Es hat damit zu tun, nicht alles bereitwillig zu glauben, was in mein Weltbild passt, und nicht alles reflexartig abzulehnen, was mich verunsichert oder meine Überzeugungen erschüttern könnte.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, wie ich lese. Umso besser, wenn ich dann auch noch etwas lese, was von hoher Qualität ist, weil es in etwa mit denselben Grundsätzen geschrieben wurde, wie ich lese. Aber es ist schon eher umgekehrt: Wenn ich nie richtig lesen gelernt habe, kann ich auch mit der NZZ wenig bis gar nichts anfangen. Wenn ich lesen kann, tun es zur Not auch mal ein paar Blick-Schlagzeilen. Ich kann die Zeitung (irgendeine) natürlich auch ungelesen dazu nutzen, mein Sandwich einzupacken, und mich damit in die Landschaft verabschieden, während die Manager im Flugzeug über Bochum ihre einsamen Entscheide treffen.

Irgendwo in Irland auf einem Tisch

2. September 2011

Zurück aus den Ferien

30. August 2011

Zurück aus den Ferien ist es mir ein Anliegen, hier festzuhalten, dass alles im Fluss ist. Ich hätte auch sagen können, dass man schlecht anlegen kann, wenn der Fluss reisst, und gar nicht sollte, wenn man kein Erspartes hat. Das wäre dann Spekulation und fahrlässig. Kein Fährmann würde das machen. Fährfrauen sind traditionell noch vorsichtiger und setzen an Hochwassertagen lieber gar nicht über, weder den Fluss noch in andere Sprachen. Jedes Risiko ist unnötig, wenn man sicher sein darf. Und jede Übersetzung ist ungenau. Man landet oft irgendwo, trocknet die Kleider und der Leser sucht den Sinn.
Ich komme nicht umhin, festzustellen, dass ich keine Ahnung habe, wovon ich spreche. Leider einmal mehr. Ich tummle mich im Ungefähren. Ich gebe mich Wortspielereien hin. Bis die Sonne untergeht und das Alphabet ruft seine Buchstaben rein. Dabei habe ich nur ganz wenige Abonnenten und möchte sie nicht auch noch verlieren.
In Irland habe ich verschiedene Grüntöne entdeckt und ein Pferd gestreichelt, ohne zu niesen. Luzern fand ich bemerkenswert schön. Schulaufsätze nach den Ferien fand ich bemühend. Ich hatte jeweils alles, was ich aufschrieb, schon mindestens einmal erlebt.

Irgendwo in Irland

30. August 2011

Flüchtige Gedanken zu Händen

30. August 2011

(eine unbrauchbare Gebrauchsanweisung für das 21. Jahrhundert)

 

Offenbar gibt es in unserer Welt
falsche und richtige Hände
und Dinge die auf keinen Fall 
in die falschen fallen sollten

Auch wir sollten wahrscheinlich
vorsichtiger sein in wessen Hände
wir unser Schicksal legen
(wir haben nur eines)

Busfahrer, Piloten, Fahrstuhlmonteure.
Generäle, Diplomaten, Politiker.

Da es aber oft schwierig ist
die guten von den falschen Händen zu unterscheiden
und man nicht überall immer alles
in die eigenen Hände nehmen kann
und weil die Dinge wahllos fallen
sollten wir uns vielleicht fragen ob
wir in Zukunft nicht besser fahren
fliegen oder leben
wenn wir uns auf Dinge beschränken
die auch in falschen Händen
wenig Schaden anrichten können

Irgendwo in Irland

30. August 2011

Zur Frage der verbleibenden Lebensdauer

1. Juli 2011

Am Ende der Chromosomen befinden sich die Telomere. Sie baumeln da so rum und lassen ab und zu etwas fallen, was den Urwaldboden düngt. Sie sind aber auch, wie uns die Biologen lehren, ein untrüglicher Indikator für den Alterungsprozess des Individuums. Je kürzer die Telomere, desto kürzer die verbleibende Lebenszeit der Zelle.

Ich liebe diese je-desto-Sätze. Sie sind so wunderbar folgerichtig. Je – desto. Je kürzer der Frieden, desto länger der Prozess. Je länger der Streit, desto kürzer die Versöhnung. Je billiger der Hüttenkäse, desto vielseitiger die Diät.
Wenn sich die Telomere beschleunigt verkürzen, dann sei dies ein Hinweis auf beschleunigtes Altern. Wenn – dann. Das ist auch nicht schlecht. Würde dann heissen, dass der Vorhang früher fällt.

Zum voraussichtlichen Preis von 200 Dollar (das sind umgerechnet rund 200 Dollar) wird man bald beim Arzt in Form eines einfachen Bluttests einen Alters-Test machen können. Die Nachfrage wird voraussichtlich immens sein. Freiwillige Testpersonen hätten die an der Entwicklung des Produktes beteiligte Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn überrannt und seien nun ungebremst unterwegs nach Neumexico.
Die Leute verstünden den Test als Mass dafür, wie weit die Kerze des Lebens schon abgebrannt sei, liess sich Frau Blackburn zitieren. Das Leben als Kerze. Hoffentlich tropft nichts auf den Mahagonitisch. 

Und warum nur beim Arzt? Da werden die Apotheker noch ein Wörtchen mitreden wollen, stell ich mir vor. Ein einfacher Bluttest? Das kriegen die locker hin. In abgelegenen Gebieten könnte wohl auch ein pensionierter Geometer die Telomere vermessen. Sagen wir noch 15 Jahre. Eine grobe Schätzung. Das macht dann 100 Franken bitte. Und Vorsicht beim Rausgehen, die Türen sind niedrig in diesen alten Häusern.

Es gibt aber auch diejenigen, denen es egal ist, wie viel Zeit ihnen noch bleibt. Hauptsache was auch immer. Sie möchten es lieber gar nicht wissen. Oder es gibt die über die halbe westliche Hemisphäre (das wäre dann immerhin ein Viertel der Welt) verteilten lokalen Ableger der Erfahrungsgruppe „Lamento mori“, wo man sich unter Gleichverwirrten über die Endlichkeit des Lebens beklagen kann. Ich heisse Ralf und werde irgendwann sterben. Hallo Ralf.

Im Übrigen geht es ganzen Volksparteien so. Nicht einmal die Kommunistische Partei Chinas weiss, ob sie das Jahr 2021 noch erleben und dannzumal ihren 100. Geburtstag feiern wird. Ich vermute hier kühn, sie wird es erleben und ausgelassen feiern, ohne noch genau zu wissen, was. Es wird ein wenig wie jeweils an Sylvester sein: Hauptsache, die Karpfen knüllen!  

Womöglich wird die Erkenntnis der Funktion der Telomere helfen, den Graben zwischen reich und arm langsam zuzuschütten. Die Reichen werden länger reich sein können (Guten Tag, ich hätte gerne ein Set sehr langsam kürzer werdender Telomere. Wie bitte? Nein danke, sie müssen sie nicht einpacken, ich werde sie gleich anhängen) und die Armen kürzer arm bleiben müssen, ihre Telomere schon in der Pubertät ausgefranst und brüchig.

Ach ja, neben der genetischen Veranlagung spielt natürlich auch der persönliche Lebensstil eine gewisse Rolle. Überrascht uns ja nicht wirklich. Rauchen, Übergewicht (vor allem beim Fliegen) und Stress verkürzen die Telomere. Sport scheint deren Kürzerwerden zu verlangsamen. Fernsehen hingegen interessiert sie überhaupt nicht. Es sei in Labortests kein einziges Mal ein Streit um die Fernbedienung entstanden.

Irgendwo in Berlin

1. Juli 2011

Sympathische Menschen, falsche Erinnerungen

1. Juli 2011

Neurobiologen des Weizmann Instituts haben neue Zusammenhänge zwischen unserer sozialen Vernetzung und dem Entstehen falscher Erinnerungen nachgewiesen. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass es im Hirn womöglich eine Art Pförtnerin gibt. Sie heisst Amygdala, ist ein völlig unzulängliches Abbild einer indischen Göttin, jedoch immer noch dermassen schön, dass man nicht an ihr vorbei kommt, ohne ihr alles zu erzählen, wonach sie nicht fragt. Von Amygdala ist seit längerem bekannt, dass sie das emotionale Zentrum des Gehirns ist.

 

Die neue Studie des Weizmann Instituts legt nun den Schluss nahe, dass sie – sozusagen im Nebenamt – auch für den Entscheid verantwortlich sein könnte, ob gewisse Informationen im Langzeitgedächtnis gespeichert werden oder nicht. Die durchgeführten Experimente lassen insbesondere vermuten, dass Amygdala durch ihr emotionales Gütesiegel veranlassen kann (und dies auch tut), dass unter Umständen korrekte Daten im Langzeitgedächtnis durch falsche ersetzt werden. Dies geschähe dann, so das Forschungsergebnis, wenn durch soziale Vernetzung, also aus emotionalen Gründen, das (falsche) Urteil anderer zu einer spezifischen Frage nachträglich übernommen und das ursprünglich eigene (richtige) im Langzeitgedächtnis überschrieben wird.

 

Natürlich müsste man nun gleich fragen, wie man denn bitte richtig und falsch definiert, und dann wäre man vermutlich geliefert und müsste eine Existenz als Privatgelehrter beantragen. Aber eigentlich ist diese prinzipiell wichtige Frage für einmal unwesentlich. Wesentlich ist die Erkenntnis, wenn wir es denn eine sein lassen, dass unser Gedächtnis, in dem wir unsere Sichtweise auf die Welt und unser Leben darin speichern, von unseren Gefühlen, von unseren emotionalen Bindungen nicht nur geprägt sondern manipuliert wird.

 

Das ist nichts grundsätzlich Neues. Wir machen alle ab und zu die Erfahrung, dass wir überhaupt erst geneigt sind, hinzuhören, wenn jemand spricht, der uns einigermassen sympathisch ist, während wir uns den messerscharfen Argumenten einer Person verschliessen, die wir aus irgendeinem Grund nicht mögen. Das Problem dabei ist, dass das Richtige nicht immer sympathisch daherkommt und das Falsche nicht immer abstossend wirkt. Der Träger der Botschaft kann gut sein, die Botschaft falsch. Freunde können irren, Feinde Recht behalten.

Wir sollten mit Amygdala sprechen. Dringend. Jetzt, wo wir wissen, wie es wahrscheinlich funktioniert mit dem Gedächtnis, kann es nicht einfach so weitergehen. Hör mal, meine Liebe, bevor ich vergesse: das geht so nicht. Du kannst nicht einfach so an meinem Gedächtnis rumschrauben. Das sind meine Erinnerungen. Verstehst Du, was ich meine? Hörst Du mir überhaupt zu? Oder magst Du mich am Ende nicht?

Cup of Coffee?

1. Juli 2011