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Volkzählen

2. November 2010

Man schrieb das Jahr 2010 und die chinesische Regierung hatte beschlossen, ihr Volk zu zählen, um sicher zu sein, dass es noch da war. Kein einfaches Unterfangen, bei einer geschätzten Bevölkerung von wie viele auch immer. Jedenfalls wahnsinnig viele. Ein Milliardending. Eine monströse Zahl mit jenen Nullen. Jeder vierte Bewohner der Erde? Eines meiner vier Kinder womöglich ein Chinese? Aber genau darum ging es ja: man war des Schätzens müde und wollte nun endlich wissen. Seid ihr alle da? Zensus! Alle mal kurz still stehen und durchnummerieren. Wie bitte? Ich zähl jetzt genau bis 10 dann steht ihr alle auf einer Reihe! Und versucht ja nicht, alle gleich auszusehen. Damit kommt ihr nicht durch bei mir. Nicht auf diese billige asiatische Tour. Da könnt ihr lächeln, solange ihr wollt.
Sechs Millionen Volkszähler, so wurde berechnet, würden notwendig sein, um das chinesische Volk in vernünftiger Zeit zu zählen. Und es würde alles andere als einfach werden. Das war den Herren der KP klar. Menschen lassen sich nicht gerne zählen. Nirgendwo. Auch in China nicht. Sie werden gerne in Ruhe gelassen und sind, wenn man sie zählen will, gerade nicht zuhause, obwohl sich der Vorhang bewegt, oder sie sind zwar zuhause, aber sehr unruhig und stark beschäftigt und es ist gerade kein günstiger Zeitpunkt zum zählen, wirklich nicht, weil sie mit der Grossmutter Mah-Jong spielen oder dem Einkind helfen, im hohen Gras im Hinterhof den Federball zu finden. Könnten sie später wieder kommen? Und die ganzen Subversiven, die sind, wenn der Volkszähler  klingelt, gerade daran, sich im Hinterzimmer zu vermehren, um die Zählung zu unterlaufen. Beat the system. Outfuck the communist party.
Uneinig war man sich im vorberatenden Ausschuss des Zentralrates der KP auch, wie man damit umgehen sollte, wenn das listige Volk den Spiess umdrehen und die Volkszähler zählen würde. Das Volk wäre eindeutig schneller fertig und die ganze Übung müsste abgebrochen werden. Zu guter letzt war da noch das Problem des peer-counting. Wie konnte man verhindern, dass die zählenden Chinesen den zu Zählenden hier und dort einen Gefallen taten und schlicht ein paar Familienmitglieder übersahen? Drei Grosseltern, zwei Tanten, zwei Eltern und fünf Einkinder – das macht dann total acht. Schönen Abend noch und nichts für ungut.
Düstere Stimmung begann sich im vorberatenden Ausschuss auszubreiten und es sah gar nicht gut aus. Das Projekt Volkszählung hing in den Seilen und wirkte angezählt. Dann hatte jemand eine Eingebung. Eine Erleuchtung sozusagen. Eine verflucht bestechende Idee. Ein mittlerer Beamter, der bis dahin nicht durch originelle Ideen aufgefallen war, machte den überraschenden Vorschlag, man könnte doch allenfalls erwägen, anstatt die Chinesen von Chinesen zählen zu lassen, den Auftrag extern zu vergeben. Nach einem Augenblick betretener Stille lachte der Vorsitzende, worauf die anderen Mitglieder des Ausschusses zaghaft auch zu lachen begannen, einer nach dem andern, bis der Vorsitzende mit der Faust auf den Tisch schlug und den Beschluss ins Protokoll diktierte, die Volkszählung extern zu vergeben.
Hier muss der Chronist nun ein paar Schritte überspringen, weil die Zählerei sonst gar nie mehr losgegangen wäre. Jedenfalls wurde nach ein paar weiteren Sitzungen festgestellt, dass nur jemand diese gewaltige Aufgabe mit der erforderlichen Genauigkeit, Gründlichkeit und Sturheit anpacken konnte: Die Schweizer.Wir kriegen grob geschätzt (ich darf ab und zu grob schätzen, ich gebe mir sonst sehr Mühe, sorgfältig mit den Leuten umzugehen) sechs Millionen zusammen, wenn man die Ausländer wegzählt (das wäre dann eine Volkswegzählung: man zählt etwas weg, um dann unter dem Strich das wahre Volk vor sich zu haben).  Die chinesische Regierung gelangte also an die Schweizer Regierung mit der Bitte, das Schweizer Volk mal zur Volkszählung ausleihen zu dürfen. Wer, so argumentierte der chinesische Botschafter lächelnd aber durchaus ernsthaft, als er im EDA vorsprach, wäre besser geeignet, um die gigantische Aufgabe, das chinesische Volk zu zählen,  mit Aussicht auf Erfolg anzupacken, als die Schweizer, erwiesenermassen ein Volk von Buchhaltern, Versicherungs- und Bankangestellten mit einem verlässlichen Flair für Zahlen und zudem von sprichwörtlicher Unbestechlichkeit?Der Vorschlag wurde an der nächsten Bundesratssitzung besprochen und man einigte sich erstaunlich rasch darauf, ihn anzunehmen, denn es ergab sich, dass die Regierung sowieso vorgehabt hatte, die Schweiz einmal tüchtig durchzulüften, was ungleich einfacher zu bewerkstelligen war, wenn die Bevölkerung mal kurz ausser Landes war, und die zurückbleibenden Ausländer waren sich Gegenwind gewohnt.
Da gingen sie also hin, die Schweizer Volkszähler, im grössten je vom EDA-Expertenpool organisierten Auslandeinsatz.  Guten Morgen. Wir sind die Hengartners aus Zuchwil. Das ist Peter, mein Mann, ich bin die Trudi und das sind unsere Kinder Noah und Joël (nüt aalange, Joël, gäll!). Macht nichts, wenn sie das jetzt nicht alles verstehen. Wir zählen sie rasch und dann sind wir auch gleich wieder weg, gell? Danke, kein Reiswein. Ufiderluege!
Was soll ich sagen. Die Volkszählung lief wie am Schnürchen. Es gab nur ganz wenige Zwischenfälle und die hatten auf das extrem gute Gesamtergebnis keinerlei Einfluss. Die KP war von der zustande gekommenen Zahl beeindruckt, eine nun genau definierbare absolute Mehrheit der Chinesen gab zu Protokoll (eine der Standardfragen im zwölfseitigen Bogen auf Altpapier), noch nie so korrekt und gleichzeitig charmant gezählt worden zu sein, und die Schweizer fanden das Erlebnis so ausserordentlich, dass sie auf dem Heimweg gleich noch die Mongolen, die Russen, die Polen und die Deutschen zählten. Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie.  Nur das Nachhausekommen war dann nicht für alle ganz einfach. Das Land zwar gut gelüftet und von den Ausländern ordentlich instand gehalten, musste man denen echt zugestehen. Aber eben. Gerade das. Festzustellen, dass die Schweiz auch ohne Schweizer nicht sofort dem Untergang geweiht war. Das war schon ein Bisschen eine Ernüchterung. Irgendwie. Oder nöd?

Sand

24. Oktober 2010

Am Ende war überall Sand. Sand, wenn er sich mit den Fingern durch die dünn gewordenen Haare Strich. Sand auf seinen Armen und Beinen, Sand auf seinen Kleidern, auf dem Badetuch sowieso, als er es rollte und in seine Strandtasche steckte. Alles Ausschütteln und Ausklopfen hatte nichts geholfen. Der Sand war überall. In den Ritzen seines Telefons, in seinen Ohren, zwischen seinen Zähnen. Sand. Die Sonne näherte sich rasch dem Horizont. Nichts konnte sie aufhalten, und sie versuchte nicht einmal, ihr Untergehen zu verbergen – man konnte ihr zusehen dabei. Wer heute noch irgendetwas hatte bei Tageslicht erledigen wollen,  auch nur eine unbedeutende Kleinigkeit, hatte es verpasst und musste darauf hoffen, dass er morgen aufwachen und tatsächlich die Chance kriegen würde, es doch noch zu tun. Heute war es für alles zu spät. Alles, was für heute übrigblieb, war dieser sich schnell dunkel färbende Sand, der überall eingedrungen war und sich ausbreitete und alles übernahm. Er fuhr langsam mit seinem Fahrrad durch den Park und gab dabei Acht, nicht im Halbdunkel gegen ein Hindernis zu prallen oder über einen grossen Stein zu fahren. Seine Augen hatten Mühe im Dunkeln. Beim Verlassen des Parks kam er einmal mehr am japanischen Haus vorbei. Es war kein japanisches Haus. Er war nie in Japan gewesen. Dieses Haus war seine einzige Erinnerung. Jedesmal, wenn er am Abend hier vorbeikam, meist mit dem Fahrrad, auf dem Heimweg aus dem Park, wenn es langsam dunkel wurde, stand im ersten Stock des Hauses ein Fenster offen und ein warmes Licht schien in einem Zimmer, von dem man von der anderen Seite der Strasse nur die Decke sah. Er blieb stehen, blickte zum warmen Licht hoch und fragte sich, wer wohl hier wohnte. Es war unterdessen ganz dunkel geworden. Er hatte Durst, war müde und wollte nachhause, aber irgendwie kam er nicht los vom Anblick des Zimmers mit seinem warmen Licht. Er stand noch immer auf der anderen Strassenseite, als die Haustüre aufging  und eine Frau auf den Gehsteig trat. Im schwachen Licht der Strassenbeleuchtung glaubte er, asiatische Gesichtszüge zu erkennen. Aber er irrte sich sicher. Es war dunkel genug für einen Wunsch. Die Frau machte ein paar Schritte, stellte zwei Müllsäcke an den Strassenrand und verschwand wieder im Hauseingang. Als die Ampel auf Grün sprang, wohl zum vierten oder fünften Mal, seit er da stand und zum Fenster hochblickte, überquerte er die Strasse.Als er an den Müllsäcken vorbeiging, sah er, bevor er wieder auf sein Fahrrad stieg, dass sie undicht waren. Feiner, dunkler Sand rann auf den Gehsteig.

Irgendwo in Umbrien

26. September 2010

Der Pleier

26. September 2010
In der biologischen Systematik gehört der Pleier zur Untergattung der Pleitegeier, aber eigentlich möchte er weder da noch irgendwo sonst dazugehören. Er möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Er ist ab seinem schlechten Ruf  enttäuscht und zeigt, durch den Verzehr der vielen Kadaver zu schwer geworden, ab und zu auch Anflüge von Verbitterung, weil er des Fliegens nicht mehr mächtig ist.
Trotz diesen auf Rückzug angelegten, depressiven Wesensmerkmalen findet man den Pleier praktisch überall auf der Welt. Er hat seinen festen Platz auf dem Henkersbaum oder dem Galgen längst eingetauscht gegen einen Platz hoch oben auf der Liste der definitiv nicht vom Aussterben bedrohten Tiere. Besonders eindrücklich ist die Bandbreite der Pleiten, bei deren Ankündigung sich der Pleier blicken lässt. Man trifft ihn ebenso knapp ausserhalb des Scheinwerferlichts von zum Scheitern verurteilten Friedensverhandlungen, wo er sich die Namen der Protagonisten merkt, die danach eigentlich definitiv entsorgt werden müssten, wie im Treppenhaus eines anonymen Wohnblocks, in dem sich gerade ein Ahnungsloser seinen persönlichen Lebensplan für die nächsten Jahre zurechtzimmert.
Trotz seines Schwermuts kann der Pleier zuweilen auch eine stupende Leichtigkeit an den Tag legen. Er pfeift dann sein Lieblingslied („Water of Love“ von den Dire Straits), in dem ein Vorfahr vorkommt, der noch fliegen konnte, und tanzt sich leichten Fusses an den Rand der nächsten Katastrophe.
(zitiert aus Walters Tierleben, 4. Auflage, Hirnfort am Main, 1975)

voyage immobile (Yverdon, Denis PERRET-GENTIL – 2008)

10. September 2010

Franks Bein

10. September 2010
(über die Gangart im Abstiegskampf)
In der Mittelschule hatte ich einen Geschichtslehrer, dessen Ziel es war, uns das Zeitungslesen beizubringen. Fast dreissig Jahre später sass ich im zweiten Stock der Stadtbäckerei von Travemünde bei einem Milchkaffee und fragte mich, was er damit gemeint haben könnte.
Im Sportteil der Welt vom 7. Februar 2002 stand, dass der Brasilianer Cacau, der gerade zwei Tore zum Sieg des abstiegsgefährdeten FC Nürnberg über den VFB Stuttgart beigesteuert hatte, den Sieg seiner Mannschaft Frank Wiblishauser gewidmet hat. „Das ist ein Sieg für Frank Wiblishauser“, soll er nach dem Spiel verkündet haben, auf den Beinbruch anspielend, den der Abwehrspieler beim vorausgegangenen 2:0 gegen Cottbus erlitten hatte.
Ich konnte mir schwer vorstellen, dass der Brasilianer Cacau den Namen Wiblishauser so locker in die Mikrofone schlenzte, wie vor der Dusche den Ball in die Maschen des gegnerischen Tors.
Er hatte sich wahrscheinlich verheddert und mindestens einen Nachschuss gebraucht. Vielleicht hatte er auch gesagt: „Dieser Sieg gehört Frank Wilbis…“ – und einer der Reporter hat den Abpraller reaktionsschnell verwandelt: „ – Wiblishauser!“. Ich nehme aber eigentlich an (ich tendiere zur Annahme), dass er ganz einfach „Dieser Sieg ist für Frank“ gesagt hat, und da wussten alle Umstehenden sofort: Der Frank mit dem Bruch. Der brutal Gefoulte. Der, an dem sie Bruch gebaut hatten in Cottbus. Der gebrochene Frank. Der Bruchfrank eben.
Wie ich mir hier in Travemünde so meine Gedanken machte, ob jemand (Cacau) das, womit er später zitiert wird („Das ist ein Sieg für Frank Wiblishauser“) tatsächlich so gesagt hatte, oder ob es vielleicht ein klein wenig anders war, als am nächsten Tag in den Medien berichtet wurde (ein unglücklicher Zusammenprall mit bösen Folgen für Frank), frage ich mich, ob es das war, was mein Mittelschullehrer mit Zeitungslesen gemeint haben könnte, wie er es uns beibringen wollte, damals, und ob ich das Klassenziel, mit drei Jahrzehnten Verspätung, vielleicht  endlich erreicht hatte.
Mein damaliger Lehrer interessierte sich nicht für Vertragsamateure, die nach ein paar Toren im Abstiegskampf einen Profivertrag erhalten. Er hatte mit Sport nichts am Hut. Er war Privatdozent für Geschichte des europäischen Mittelalters an der Universität Zürich, Übersetzer und Herausgeber einer kommentierten Chronik aus dem 15. Jahrhundert und Lehrer an einer Zürcher Mittelschule, deren Schüler er beizubringen hoffte, wie man Zeitung liest.
Franks Bruch und Cacaus Widmung gingen ihm, würde er davon erfahren, völlig am 2002 schon seit über zehn Jahren ruhenden Gesäss vorbei, falsch oder richtig zitiert.
Ihn interessierten Ereignisse wie Watergate oder die Rezeption des amerikanischen Vietnamkriegstraumas in den westlichen Printmedien – wenn er nicht gerade in den Tiefen seiner Chronik versunken war.
Dummheit beleidigte ihn persönlich. Als Nixon zum öffentlichen Abschuss freigegeben wurde, gab er uns Schülern zu bedenken, dass sich in jedem Leben, in jeder Biographie, wenn man nur hartnäckig und geduldig genug nachforschte, unschöne Dinge finden würden. Und er erinnerte uns daran, dass Nixon den Vietnamkrieg beendet hatte, einen der sinnlosesten Kriege überhaupt, den sein mystifizierter Vorgänger JFK begonnen hatte.
Es ging ihm nicht darum, Wahlbetrug und Lügengeschichten schönzureden. Er redete überhaupt nichts schön. Er war auch nicht unbedingt ein Menschenfreund, der noch dem durchtriebensten Machtmenschen die Gnade des Zweifels zugestanden hätte. Er war wohl eher so etwas, wie ein abgeklärter Realist, der sich seine eigene Meinung leistete. Autofahren hatte er mit 45 Jahren gelernt und die Ehe, wovon er eine hinter sich hatte, nannte er den täglichen Kleinkrieg, was ich damals lustig fand.
Ich nehme nicht an, dass er stolz auf mich gewesen wäre, wenn er erfahren hätte, dass ich in Norddeutschland den Sportteil der Zeit lese. Es gab auch mir zu denken, dass ein Mitvierziger unvermittelt von Zürich nach Travemünde reisen kann, um sich dort dem Studium der Sportberichte zu widmen.
Gut, ich habe in diesen Tagen auch die Möwen beobachtet, wie sie auf den Molen aufgereiht die Rückkehr der Fischerboote (kurzfristig) und Touristen (mittelfristig) abwarteten. Ich habe einem Halbwüchsigen zugeschaut, der am Strand eine Art Gleitschirm steigen liess, von dem er sich durch den Sand ziehen und ab und zu ein paar Meter hochheben liess. Ich habe eine seltsame Krähe beobachtet, die es fertigbrachte, minutenlang am selben Ort in der Luft stehenzubleiben, bis ich merkte, dass sie als Drache an der Schnur eines Kindes hing. Dann fand sie es nicht mehr lustig und flog weiter.
Ich habe sparsam gegessen, sehr moderat getrunken, bei unfreundlicher Witterung lange Spaziergänge dem  verwaisten Strand entlang unternommen und anlässlich eines halbstündigen Besuches um ein Haar die Bank des Casinos von Travemünde gesprengt. Ich habe viel geschlafen, auch tagsüber, und es geschafft, nicht pausenlos nachzudenken.
Stolz sein darauf braucht niemand. Weder mein ehemaliger Lehrer, den ich hiermit definitiv und endgültig in die Pension entlasse, noch sonstwer.
Für Edgar Geenen, den Manager des FC Nürnberg, war Cacaus Widmung („Dieser Bruch ist für Nixon“) ein Zeichen dafür, „…dass dieses brutale Foul meinen Spielern die Augen geöffnet hat. Sie haben erkannt, dass dies die Gangart im Existenzkampf ist, der uns in den nächsten Wochen erwartet.“
Ich glaube, der Mann hatte Recht. Mit der Gangart, meine ich, mit dem Existenzkampf. Mit den nächsten Wochen.
Franks Bein steht nicht mehr alleine. Heilt abseits und wird in der fussballfreien Zeit als Widmung zitiert. Nixon ist tot. Tschudis Chronik vollständig ediert, nehme ich an. Mit geöffneten Augen lässt sich besser kämpfen, vielleicht sogar der Abstieg verhindern. Oder wenigstens um eine Saison hinauszögern. Nur sollte man nicht gleich alles glauben, was man so liest oder hört oder sieht.
Gestern zum Beispiel, als ich nach Einbruch der Dunkelheit an der Vorderen Reihe in Travemünde in einem italienischen Lokal eine norddeutsche Pizza Hawaii ass, fuhr vor dem Fenster plötzlich ein Haus vorbei, eines der fünfstöckigen Fährschiffe, die täglich zwischen Malmö und Travemünde verkehren. Wenn man, wie ich gestern, an der Trave in einer menschenleeren Pizzeria sitzt, schon sechs Tage von zuhause weg ist, mit niemandem geredet und noch kaum nachgedacht hat, worüber man nachdenken wollte, dann nimmt man es hin, wenn im Augenwinkel draussen in der Nacht ein Haus vorbeifährt, langsam, mit hell leuchtenden Fenstern, lautlos und bewohnt.
Post Scriptum: Der FC Nürnberg ist nicht abgestiegen in jener Saison. Ein Jahr später, als ich dieses Manuskript endlich tippte, hatte er fünf Punkte Reserve auf den Strich. Cacau hatte den Club inzwischen verlassen, widmete seine Tore einem anderen Verein. Er sprach schon damals prima Deutsch, als er besagtes Zitat von sich gab, da er schon einige Jahre in Deutschland gelebt hatte, wie ich später irgendwo las, und hat den Namen Wiblishauser zweifelsfrei ohne Probleme über die Lippen gebracht. Aber darum ging es mir damals nicht. Auch heute, ein weiteres Jahr später (Nürnberg ist unterdessen abgestiegen), geht es nicht um die Aussprache eines Namens. Ich weiss nicht genau, worum es heute geht. Ob Franks Bein mittlerweilen geheilt ist oder ob er als Sportinvalider in den Bars herumhängt und vom ewigen Abstiegskampf erzählt, weiss ich auch nicht. Es liesse sich herausfinden. Aber wen interessiert schon Franks Bein.
Post Post Scriptum: Seit dem Abtippen des Manuskripts, und bis ich den Text  heute in meinen Blog stellte, sind wiederum 7 Jahre vergangen. Ich hoffe, der Salat mit den verschiedenen Vergangenheitsformen stösst der Leserin und dem Leser nicht allzu stark auf. Der FC Nürnberg ist unterdessen wieder aufgestiegen. Nicht, dass das ausserhalb Nürnbergs wirklich von Bedeutung wäre, nur der Vollständigkeit halber. Ich habe mittlerweile das Land zweimal gewechselt, viel nachgedacht, oft gelacht und mit einer Anzahl hochinteressanter Menschen sprechen dürfen, aber wenn ich ganz ehrlich bin, weiss ich immer noch nicht, worum es geht.  Wahrscheinlich muss man das ja auch gar nicht.

Irgendwo zwischen Bern und Aarau

3. September 2010

Am Strand

3. September 2010
Du darfst Dir keine Illusionen machen:
Wir wiegen schwer, doch wichtig sind wir nicht.
Wir meinen nur, dass diese Möwen lachen.
Dieses Rauschen heisst nicht, dass die Wellen
klagen, weil wir viel zu schnell vergehen.
Mehr als Treibholz sind wir ihnen nicht.
Diese Brandung murmelt vielleicht schon,
doch erzählt sie nicht von unsern Taten,
zu viel Nachsicht liegt in ihrem Ton.
Teilnahmslos ist dieser weite Himmel
über uns und unter uns der Sand.
Lass uns nicht versuchen, zu verstehen.
Lass uns einfach noch ein Stück weit gehen.
Absichtslos und still im Abendlicht.

Irgendwo im Mittelland (August 2010)

31. August 2010

The vastest things (Mervyn Peake)

6. August 2010
The vastest things are those we may not learn.
We are not taught to die, nor to be born,
Nor how to burn
With love.
How pitiful is our enforced return
To those small things we are the masters of