Man schrieb das Jahr 2010 und die chinesische Regierung hatte beschlossen, ihr Volk zu zählen, um sicher zu sein, dass es noch da war. Kein einfaches Unterfangen, bei einer geschätzten Bevölkerung von wie viele auch immer. Jedenfalls wahnsinnig viele. Ein Milliardending. Eine monströse Zahl mit jenen Nullen. Jeder vierte Bewohner der Erde? Eines meiner vier Kinder womöglich ein Chinese? Aber genau darum ging es ja: man war des Schätzens müde und wollte nun endlich wissen. Seid ihr alle da? Zensus! Alle mal kurz still stehen und durchnummerieren. Wie bitte? Ich zähl jetzt genau bis 10 dann steht ihr alle auf einer Reihe! Und versucht ja nicht, alle gleich auszusehen. Damit kommt ihr nicht durch bei mir. Nicht auf diese billige asiatische Tour. Da könnt ihr lächeln, solange ihr wollt.
Sechs Millionen Volkszähler, so wurde berechnet, würden notwendig sein, um das chinesische Volk in vernünftiger Zeit zu zählen. Und es würde alles andere als einfach werden. Das war den Herren der KP klar. Menschen lassen sich nicht gerne zählen. Nirgendwo. Auch in China nicht. Sie werden gerne in Ruhe gelassen und sind, wenn man sie zählen will, gerade nicht zuhause, obwohl sich der Vorhang bewegt, oder sie sind zwar zuhause, aber sehr unruhig und stark beschäftigt und es ist gerade kein günstiger Zeitpunkt zum zählen, wirklich nicht, weil sie mit der Grossmutter Mah-Jong spielen oder dem Einkind helfen, im hohen Gras im Hinterhof den Federball zu finden. Könnten sie später wieder kommen? Und die ganzen Subversiven, die sind, wenn der Volkszähler klingelt, gerade daran, sich im Hinterzimmer zu vermehren, um die Zählung zu unterlaufen. Beat the system. Outfuck the communist party.
Uneinig war man sich im vorberatenden Ausschuss des Zentralrates der KP auch, wie man damit umgehen sollte, wenn das listige Volk den Spiess umdrehen und die Volkszähler zählen würde. Das Volk wäre eindeutig schneller fertig und die ganze Übung müsste abgebrochen werden. Zu guter letzt war da noch das Problem des peer-counting. Wie konnte man verhindern, dass die zählenden Chinesen den zu Zählenden hier und dort einen Gefallen taten und schlicht ein paar Familienmitglieder übersahen? Drei Grosseltern, zwei Tanten, zwei Eltern und fünf Einkinder – das macht dann total acht. Schönen Abend noch und nichts für ungut.
Düstere Stimmung begann sich im vorberatenden Ausschuss auszubreiten und es sah gar nicht gut aus. Das Projekt Volkszählung hing in den Seilen und wirkte angezählt. Dann hatte jemand eine Eingebung. Eine Erleuchtung sozusagen. Eine verflucht bestechende Idee. Ein mittlerer Beamter, der bis dahin nicht durch originelle Ideen aufgefallen war, machte den überraschenden Vorschlag, man könnte doch allenfalls erwägen, anstatt die Chinesen von Chinesen zählen zu lassen, den Auftrag extern zu vergeben. Nach einem Augenblick betretener Stille lachte der Vorsitzende, worauf die anderen Mitglieder des Ausschusses zaghaft auch zu lachen begannen, einer nach dem andern, bis der Vorsitzende mit der Faust auf den Tisch schlug und den Beschluss ins Protokoll diktierte, die Volkszählung extern zu vergeben.
Hier muss der Chronist nun ein paar Schritte überspringen, weil die Zählerei sonst gar nie mehr losgegangen wäre. Jedenfalls wurde nach ein paar weiteren Sitzungen festgestellt, dass nur jemand diese gewaltige Aufgabe mit der erforderlichen Genauigkeit, Gründlichkeit und Sturheit anpacken konnte: Die Schweizer.Wir kriegen grob geschätzt (ich darf ab und zu grob schätzen, ich gebe mir sonst sehr Mühe, sorgfältig mit den Leuten umzugehen) sechs Millionen zusammen, wenn man die Ausländer wegzählt (das wäre dann eine Volkswegzählung: man zählt etwas weg, um dann unter dem Strich das wahre Volk vor sich zu haben). Die chinesische Regierung gelangte also an die Schweizer Regierung mit der Bitte, das Schweizer Volk mal zur Volkszählung ausleihen zu dürfen. Wer, so argumentierte der chinesische Botschafter lächelnd aber durchaus ernsthaft, als er im EDA vorsprach, wäre besser geeignet, um die gigantische Aufgabe, das chinesische Volk zu zählen, mit Aussicht auf Erfolg anzupacken, als die Schweizer, erwiesenermassen ein Volk von Buchhaltern, Versicherungs- und Bankangestellten mit einem verlässlichen Flair für Zahlen und zudem von sprichwörtlicher Unbestechlichkeit?Der Vorschlag wurde an der nächsten Bundesratssitzung besprochen und man einigte sich erstaunlich rasch darauf, ihn anzunehmen, denn es ergab sich, dass die Regierung sowieso vorgehabt hatte, die Schweiz einmal tüchtig durchzulüften, was ungleich einfacher zu bewerkstelligen war, wenn die Bevölkerung mal kurz ausser Landes war, und die zurückbleibenden Ausländer waren sich Gegenwind gewohnt.
Da gingen sie also hin, die Schweizer Volkszähler, im grössten je vom EDA-Expertenpool organisierten Auslandeinsatz. Guten Morgen. Wir sind die Hengartners aus Zuchwil. Das ist Peter, mein Mann, ich bin die Trudi und das sind unsere Kinder Noah und Joël (nüt aalange, Joël, gäll!). Macht nichts, wenn sie das jetzt nicht alles verstehen. Wir zählen sie rasch und dann sind wir auch gleich wieder weg, gell? Danke, kein Reiswein. Ufiderluege!
Was soll ich sagen. Die Volkszählung lief wie am Schnürchen. Es gab nur ganz wenige Zwischenfälle und die hatten auf das extrem gute Gesamtergebnis keinerlei Einfluss. Die KP war von der zustande gekommenen Zahl beeindruckt, eine nun genau definierbare absolute Mehrheit der Chinesen gab zu Protokoll (eine der Standardfragen im zwölfseitigen Bogen auf Altpapier), noch nie so korrekt und gleichzeitig charmant gezählt worden zu sein, und die Schweizer fanden das Erlebnis so ausserordentlich, dass sie auf dem Heimweg gleich noch die Mongolen, die Russen, die Polen und die Deutschen zählten. Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Nur das Nachhausekommen war dann nicht für alle ganz einfach. Das Land zwar gut gelüftet und von den Ausländern ordentlich instand gehalten, musste man denen echt zugestehen. Aber eben. Gerade das. Festzustellen, dass die Schweiz auch ohne Schweizer nicht sofort dem Untergang geweiht war. Das war schon ein Bisschen eine Ernüchterung. Irgendwie. Oder nöd?
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Volkzählen
2. November 2010Sand
24. Oktober 2010Am Ende war überall Sand. Sand, wenn er sich mit den Fingern durch die dünn gewordenen Haare Strich. Sand auf seinen Armen und Beinen, Sand auf seinen Kleidern, auf dem Badetuch sowieso, als er es rollte und in seine Strandtasche steckte. Alles Ausschütteln und Ausklopfen hatte nichts geholfen. Der Sand war überall. In den Ritzen seines Telefons, in seinen Ohren, zwischen seinen Zähnen. Sand. Die Sonne näherte sich rasch dem Horizont. Nichts konnte sie aufhalten, und sie versuchte nicht einmal, ihr Untergehen zu verbergen – man konnte ihr zusehen dabei. Wer heute noch irgendetwas hatte bei Tageslicht erledigen wollen, auch nur eine unbedeutende Kleinigkeit, hatte es verpasst und musste darauf hoffen, dass er morgen aufwachen und tatsächlich die Chance kriegen würde, es doch noch zu tun. Heute war es für alles zu spät. Alles, was für heute übrigblieb, war dieser sich schnell dunkel färbende Sand, der überall eingedrungen war und sich ausbreitete und alles übernahm. Er fuhr langsam mit seinem Fahrrad durch den Park und gab dabei Acht, nicht im Halbdunkel gegen ein Hindernis zu prallen oder über einen grossen Stein zu fahren. Seine Augen hatten Mühe im Dunkeln. Beim Verlassen des Parks kam er einmal mehr am japanischen Haus vorbei. Es war kein japanisches Haus. Er war nie in Japan gewesen. Dieses Haus war seine einzige Erinnerung. Jedesmal, wenn er am Abend hier vorbeikam, meist mit dem Fahrrad, auf dem Heimweg aus dem Park, wenn es langsam dunkel wurde, stand im ersten Stock des Hauses ein Fenster offen und ein warmes Licht schien in einem Zimmer, von dem man von der anderen Seite der Strasse nur die Decke sah. Er blieb stehen, blickte zum warmen Licht hoch und fragte sich, wer wohl hier wohnte. Es war unterdessen ganz dunkel geworden. Er hatte Durst, war müde und wollte nachhause, aber irgendwie kam er nicht los vom Anblick des Zimmers mit seinem warmen Licht. Er stand noch immer auf der anderen Strassenseite, als die Haustüre aufging und eine Frau auf den Gehsteig trat. Im schwachen Licht der Strassenbeleuchtung glaubte er, asiatische Gesichtszüge zu erkennen. Aber er irrte sich sicher. Es war dunkel genug für einen Wunsch. Die Frau machte ein paar Schritte, stellte zwei Müllsäcke an den Strassenrand und verschwand wieder im Hauseingang. Als die Ampel auf Grün sprang, wohl zum vierten oder fünften Mal, seit er da stand und zum Fenster hochblickte, überquerte er die Strasse.Als er an den Müllsäcken vorbeiging, sah er, bevor er wieder auf sein Fahrrad stieg, dass sie undicht waren. Feiner, dunkler Sand rann auf den Gehsteig.
Irgendwo in Umbrien
26. September 2010Der Pleier
26. September 2010
In der biologischen Systematik gehört der Pleier zur Untergattung der Pleitegeier, aber eigentlich möchte er weder da noch irgendwo sonst dazugehören. Er möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Er ist ab seinem schlechten Ruf enttäuscht und zeigt, durch den Verzehr der vielen Kadaver zu schwer geworden, ab und zu auch Anflüge von Verbitterung, weil er des Fliegens nicht mehr mächtig ist.



