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Toskana (Pastellkreide auf Papier)
25. November 2023Die Befragung
7. November 2023«Ich bin schon a Bisserl traurig.», sagte die eine Frau zur andern, als sich unsere Wege gegen Ende der Hundezone kreuzten, kurz bevor ich, vom Stadtpark kommend, wieder zu den Behältern für die Mülltrennung an der Neulinggasse gelangte. Und bevor sie ausser Hörweite war, fügte sie an: «Er hat in München kein Klavier», als ob das der Grund ihrer leichten Trauer wäre.
Ich bin bei Klavieren hellhörig, ohne je selber gespielt zu haben, und obwohl ich das Instrument nicht besonders mag. Wenn ich ein Instrument für die Insel auswählen müsste, wäre es jedenfalls nicht das Klavier. Eher das Saxophon oder die Bassgeige. Die Blockflöte wäre natürlich handlicher, man weiss ja nie, wann man auf einem selbst gebastelten Floss versuchen wird, die Insel zu verlassen, weil man die Hoffnung auf ein rettendes Schiff aufgegeben hat. Aber die Flöte habe ich in meiner Jugend bereits unter dem Christbaum abgespielt und das Etui war aus Stoff, nicht wasserdicht.
Hätte die Frau gesagt: «Er hat in München keine Trompete», hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal gehört. Gehört vielleicht schon, Trompeten sind ja schwer zu überhören, aber keine Notiz davon genommen und ganz sicher später keine darüber verfasst. Ich habe zu Trompeten keinerlei Beziehung. Wenn ich vor einem postdiplomatischen Ausschuss eine herstellen müsste, wäre es über Louis Armstrong, den meine Eltern 1955 im Zürcher Kongresshaus erlebt haben. Satchmo!
Wäre die Frau auch traurig, wenn er in München keine Trompete hätte? Und ist der, der ohne sein Klavier abgereist ist, ihr Sohn? Fragen Sie mich das im Ernst? Ich weiss es nicht. Ich nehme es an. Es bleibt mir, nachdem wir uns in der Hundezone flüchtig gekreuzt haben, nichts anderes übrig, als mit Annahmen zu arbeiten.
Wenn ich gesagt habe, ich hätte nie Klavier gespielt, stimmt das in der Regel, denn es gibt eine Ausnahme. Es gibt eine Filmsequenz, auf der ich Mitte der Achtzigerjahre durch ein stillgelegtes Hotel in Glion über dem Lac Léman führe, von einem Freund gefilmt, und lauter Unsinn rede. Im Salon setzte ich mich ans Klavier und spiele etwa drei Minuten, wobei sämtliche Finger zum Einsatz kommen und es klingt als spiele jemand, der Klavier spielen kann. Wie ich das hingekriegt habe? Ich kann es mir bis heute nicht erklären.
Nein, ich kann nicht sagen, ob die beiden Frauen mit Hunden unterwegs waren, klein oder gross oder gar nicht. Schauen Sie, die langgezogene Hundezone, in der wir uns gekreuzt haben, ist wirklich etwas Besonderes. Sie zieht sich etwa zweihundert Meter lang den abgesenkten Geleisen entlang und viele Passanten, die von der Neulinggasse in Richtung Stadtpark unterwegs sind, durchschreiten sie ohne Hund, weil es eben keine dieser mit Mulch bedeckten, unappetitlichen Versäuberungszonen ist, in denen man eher früher als später auf Hundekot tritt, sondern ein schöner Spazierweg entlang eines Streifens Wiese.
Es hat Sandhaufen, wo die Hunde Löcher graben, und Sitzbänke, auf denen die Herrchen und Frauchen sitzen und miteinander reden oder lesen oder telefonieren und dabei ihren Hunden zuschauen, wie sie mit anderen Hunden herumtollen. Auf der linken Seite die abgesenkte Bahn und auf der rechten ein mannhoher eiserner Zaun, durch den ein Baum gewachsen ist. Oder sie haben den Zaun um den Baum herum gebaut.
Sehen Sie das vor sich? Habe ich es anschaulich genug beschrieben? Natürlich ändert sich alles, wenn man vom Stadtpark herkommt. Alles ist dann seitenverkehrt. Die Bahnlinie ist rechts und der Zaun links und es können einem zwei Frauen entgegenkommen, von denen mindestens eine traurig ist, wegen dem in München fehlenden Klavier.
Nein, auch wenn Sie mich noch ein drittes und viertes Mal fragen: Ich weiss nicht, ob die Frauen mit Hunden unterwegs waren. Warum ist das so wichtig? Meine Hunde würden es wissen. Wollen Sie meine Hunde fragen? Das Einzige, was ich Ihnen zu diesem Thema sagen kann, ist Folgendes: falls die beiden Frauen Hunde dabeihatten, war mit Sicherheit kein Männchen darunter.
Hätten die beiden Frauen ein Männchen dabeigehabt, würde ich mich daran erinnern, denn eines meiner zwei Pudelweibchen gerät jedes Mal ausser sich, wenn sie auf ein Männchen trifft. Sie beginnt dann in den hellsten Tönen zu quietschen (ich kann es nicht anders sagen) und einen Tanz, durchsetzt mit wilden Sprüngen, aufzuführen. Daran würde ich mich erinnern, denn dann wäre ich stehen geblieben, aber ich erinnere mich nicht.
Ich bin weitergegangen und habe über das Klavier nachgedacht, auf das ihr Sohn nun in München verzichten muss. Wird es ihm fehlen oder ist er froh, eine Zeit lang nicht mehr üben zu müssen? Wie bitte? Nein, ich weiss es nicht. Es ist eine Annahme. Es könnte sich natürlich auch um ihren Ehemann oder Freund handeln, der Wien ohne Klavier in Richtung München verlassen hat. Beruflich bedingt vielleicht, für ein paar Monate, denn wenn er sie ganz verlassen hätte, wäre sie dann traurig, dass er am neuen Ort kein Klavier hat?
Vieles wäre vielleicht klarer, wenn man wüsste, was die andere Frau ausser Hörweite dazu gesagt hat. Wenn man die Hundezone in Richtung Stadtpark verlässt, geht man die nächsten zweihundert Meter der Akademie für Musik und bildende Künste entlang. Im Sommer und an warmen Herbsttagen sind die Fenster offen und man hört die Studentinnen und Studenten an ihren Instrumenten üben.
Vielleicht war Klaviermusik zu hören, als die beiden Frauen an den offenen Fenstern vorbeigingen, und es hat die traurige Frau zum Weinen gebracht. Hat ihr die andere Frau Trost zugesprochen? Das interessiert hier nicht? Was interessiert Sie denn? Sie stellen so viele Fragen, dass ich nicht weiss, was Sie von mir wissen wollen. Ist das eine Technik von Ihnen? Kommen Sie erst ganz am Ende zu dem, was Sie wissen wollen? Wenn man zermürbt und verwirrt ist und Hundekacke an der Sohle hat?
Ja, ich war mit den Hunden einmal im Innenhof der Akademie. Im Frühjahr. Ist ja nicht verboten. Und die Hunde waren angeleint. Ich bin durch dasselbe Tor wieder rausgegangen, wie ich eintrat, weil ich auf dem ganzen, riesigen Areal der Akademie keinen anderen Ausgang gefunden habe. Es gibt sicher einen, aber ich habe ihn nicht gefunden. Stattdessen ist mir ein Vers aus den Rubaiyats von Omar Khayyām in den Sinn gekommen, in der Übersetzung von Fitzgerald: Myself when young did eagerly frequent doctor and saint, and heard great argument about it and about: but evermore came out by the same door as in I went. Ja, ich kann das auswendig. Nicht die ganzen Rubaiyat, aber einige.
Woher wissen Sie, dass ich im Innenhof der Akademie war? Natürlich – die Kameras. Überall Überwachungskameras. Und die Hundezone – ist das der blinde Fleck? Müssen Sie mich deshalb all diese Dinge fragen? Oder ist das alles aufgezeichnet, wie ich (meine Gattin und ihre Tochter mit dem Kinderwagen ein paar Schritte hinter mir) mit unseren Pudeln zwei Frauen kreuze, und die eine, ich glaube sie war die ältere der beiden, sagt zur anderen: „Ich bin schon ein Bisserl traurig“ und kurz darauf: „Er hat in München kein Klavier“?
Wieso fragen Sie mich dann all diese Dinge, wenn sie alles schon wissen? Geht es darum, ob ich die Wahrheit sage? Oder wo ich davon abweiche? Oder geht es gar nicht um mich, sondern um eine der beiden Frauen? Sind es Spioninnen, von denen es ja in Wien nur so wimmeln soll, und „das Klavier nicht haben“ ist ein Code für etwas ganz anderes? Sind Spioninnen traurig, oder ist das auch ein Code?
Diese Befragung dauert nun bereits geschlagene drei Stunden, meine Herren. So lange haben nicht einmal meine Sicherheitsprüfungen als Botschafter gedauert. Da war übrigens immer eine Frau dabei. Es ist kaum zu glauben, dass in ihrem Ausschuss nur Männer sitzen. Heutzutage.
Wenn Sie herausfinden wollen, ob ich Kontakte zu Spionen pflege, ob ich am Ende selber einer bin, oder zumindest war, kommen Sie damit reichlich spät. Nein, jetzt rede ich. Sie wollten mich doch zum Reden bringen. Als ich 1994 den Iran in Richtung Washington verliess, wo ich 4 Jahre als Kulturattaché tätig war, machte in Teheran sofort das Gerücht die Runde, ich sei ein amerikanischer Spion. Ich bin sicher, es ist auch bis zu Ihnen gelangt. Warum haben Sie damals nicht nachgehakt? Weil es lächerlich war? Das war es tatsächlich. Und ist es noch heute.
Es gibt Dinge, für die gibt es keine Erklärung. Auch von mir nicht. Da können Sie noch drei Stunden weiterfragen. Die Frau ist ein Bisschen traurig, weil der Mann in München ohne (s)ein Klavier auskommen muss, die Akademie für Musik und bildende Künste hat nur einen Ein- und Ausgang, die Hundezone zwischen der Neulinggasse und dem Stadtpark ist ein beliebter Treffpunkt für Spioninnen und Spione, die sich im Vorübergehen Codes zuraunen, und ich erkläre diese Befragung jetzt für beendet.
(Postscriptum: Um sicher zu sein, dass das Konzert von Louis Armstrong im Zürcher Kongresshaus wirklich im Jahr 1955 stattfand, habe ich es gerade gegoogelt. Es hat heute vor 68 Jahren stattgefunden, am 7. November, 1955. Und es hat um 20:15 Uhr begonnen. Genau jetzt. Ich muss mich beeilen, wenn ich noch zu spät kommen will.)
Das achte Land oder der wahre Grund meiner Pensionierung
1. November 2023Ein Wohnort unterscheidet sich von einem Aufenthaltsort insofern, als man sich an einem Aufenthaltsort aufhalten kann, ohne gleich dort wohnen zu müssen, während man an einem Wohnort seinen Lebensmittelpunkt haben sollte, weil man sonst Probleme mit den Steuerbehörden kriegen kann.
Es reicht zum Beispiel nicht, eine Adresse in Obermumpf zu haben, oberhalb von Mumpf im nördlichen Kanton Aargau, um behaupten zu können, man wohne in Obermumpf, wenn man sich dann praktisch nie in Obermumpf, sondern meistens im oberen Calancatal, einem Seitental des Misox, oder in Monaco aufhält.
Wobei ich nicht einsehe, warum jemand in Obermumpf ein Haus kaufen würde, das bis vor drei Jahren nicht nur nebelfrei (im Gegensatz zu Mumpf, wo man sich im Herbst von Haus zu Haus tastet), sondern noch erschwinglich war, und es dann für viel Geld renovierte (Sonnenkollektoren im Keller und ein WC mit Luftwärmepumpe), wenn er dann doch nie dort wäre. Was ist so besonders an Monaco?
Bei Diplomaten ist der Lebensmittelpunkt eine unstabile Angelegenheit. Er verschiebt sich im Vierjahreszyklus auf der Weltkarte. Gegen Ende eines Einsatzes, etwa ein halbes Jahr vor dem Transfer, verabschiedet sich der gefühlte Lebensmittelpunkt dann vom Wohnort und macht sich auf zum neuen Dienstort.
Anders sieht es am Ende der beruflichen Laufbahn aus. Erhält man nach bestandener Eitrittsprüfung eine Anzahl Tickets an noch nicht feststehende Dienstorte im Ausland, sind diese am Ende der Karriere aufgebraucht und es stellt sich die Frage: wohin nun? Zurück in die Heimat? OK! In welche?
Ich zähle in meinem Kopf (ich will Ihren nicht damit belasten) die Länder auf, in denen ich gelebt habe, und ich komme auf sieben. Sonderbar, es waren gerade noch acht. Ich kann mich klar und deutlich hören, wie ich gestern Abend einem Gast antwortete, der mich nach meiner Ankündigung, ich würde nach 35 Berufsjahren bald in Pension gehen, nicht nur gefragt hatte, wo ich in Zukunft leben würde, sondern auch, wo ich bisher gelebt hätte.
„Ich habe in 8 Ländern gelebt“, antwortete ich, und begann damit, sie aufzuzählen (auf einer 1987 beginnenden Zeitachse, da eine alphabetische Aufzählung wenig Sinn macht). Seine Neugier, sofern es denn Neugier war und nicht, wie ich vermute, Konversation, war beim fünften Land gestillt und er unterbrach meine wie immer viel zu ausschweifenden Ausführungen mit dem Ausruf: „Aahh, Tel Aviv! Da habe ich einmal…“.
Bei diesem Stichwort gesellte sich meine Frau zu uns und steuerte das Gespräch von Tel Aviv zum Krieg in der Ukraine, wo ich nie auf Posten war, womit meine Aufzählung unvollendet blieb, was, wenn ich es mir überlege, praktisch immer der Fall ist, wenn ich sie in Gesellschaft beginne. Meistens bleibt eine Zuhörerin oder ein Zuhörer in einem Land hängen und ich muss sie später evakuieren. Die Frage, wo ich in Zukunft leben werde, blieb so im Raum stehen.
Ich bin mir sicher, es waren acht Länder, nicht sieben. Ist mir eines abhandengekommen? Habe ich es glatt vergessen oder verkauft, um mir mit dem Erlös doch noch eine Wohnung in Zürich kaufen zu können? Man kann eine zutreffende Äusserung, wenn sie einen wirklich trifft, verinnerlichen. Aber kann man Erinnerungen veräussern?
Wenn ja, welches Land hätte ich verkauft? Eines, an das ich schlechte Erinnerungen hatte, oder dasjenige, welches am meisten einbrachte? Überwiegend schlechte Erinnerungen habe ich an keines der Länder, in denen ich lebte. Jedenfalls nicht an eines, an das ich mich noch erinnere, woraus man nun den Schluss ziehen könnte, dass ich das achte Land genau aus diesem Grund verkauft und vergessen haben könnte.
Der höchste Erlös war kaum das entscheidende Kriterium, da die USA und Deutschland noch auf meiner Liste sind und ich mir kaum ein Land vorstellen kann, das beim Verkauf mehr einbringen würde, während Frankreich heute wegen der ständigen Unruhen keiner mehr will. Oder war ich in China und habe China verkauft? An die Chinesen?
Eine Wahrsagerin hatte mir 1996 in Washington prophezeit, ich werde in China Wichtiges für mein Land tun. Habe ich China für die Schweiz verkauft wie andere ein Generalkonsulat schliessen? Oder später in Ankara unter dem Ladentisch? „Schauen Sie jetzt nicht in die offene Schublade, aber ich habe eine absolute Rarität für Sie. Ein Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern. Es ist zusammengefaltet und ich kann es hier nicht aufklappen, aber es ist in tadellosem Zustand und ich mache Ihnen einen guten Preis.“
Ich gehe die Kontinente durch, Land für Land, und stelle fest, ich finde auch da nicht mehr alle. Europa und die drei Amerikas kriege ich noch zusammen. Australien und Neuseeland sind einfach, Asien scheint mir, rasch und aus geringer Höhe überflogen, ziemlich vollständig vorhanden (gib oder nimm ein paar Inseln), während Afrika südlich der Sahara blinde Flecken hat.
Dann sitze ich in meinem zu grossen Anzug im Zug von Zürich nach Bern und lerne vor der diplomatischen Eintrittsprüfung die Hauptstädte der Welt auswendig, obwohl das später nie jemand wissen wollte. Auf der Vorderseite des A4-Blatts eine Weltkarte mit Nummern, auf der Rückseite eine Liste mit den Hauptstädten. Ouagadougou.
Im Calancatal war ich zum letzten Mal als Gymnasiast. Ich wanderte mit einem später früh verstorbenen Schulfreund und seinem belgischen Schäferhund Zigano das Tal hoch. Zigano war ein lebhaftes, fröhliches Tier. Ja, ich denke, Hunde können fröhlich sein. Obwohl ihn Äste, Kastanien und Tannzapfen auch interessierten, hatte Zigano am liebsten, wenn man ihm Steine warf. Ich sehe sie auf der Strasse aufprallen und wie er sie im Flug fängt, bevor sie wieder landen. Mir taten seine Zähne leid.
In Monaco war ich in meinem Leben bisher zweimal und ein drittes Mal muss nicht sein. Einmal mit Freunden an einem Fussballspiel, an dem sich die Einwohner der fünf Gemeinden des Calancatals im Gästesektor verloren, und ein zweites Mal Jahre später auf einer Reise durch Südfrankreich mit meiner zweiten Frau. Es war schwierig einen Parkplatz zu finden, und die Reisebusse aus dem Graubünden verstopften noch immer die engen Strassen auf dem Weg nach der Ausfahrt. Nicht einmal Jody Scheckter hätte überholen können.
Ich weiss, es klingt dumm. Natürlich müsste ich mich an mein achtes Land erinnern, China hin oder her. Erstaunlicherweise weiss ich noch, dass ich da unbedingt hinwollte. Ich schrieb diesbezüglich sogar meinem Aussenminister, was ich sonst nie tat. Und jetzt ist es spurlos verschwunden und er längst zurückgetreten. Ich muss mich entscheiden, ob das seltsam oder sonderbar ist.
Ungeklärt sind bis heute auch die Umstände meiner Pensionierung. Das Erreichen der Altersgrenze halte ich für einen Vorwand. Vielleicht bin ich untragbar geworden aus Gründen, die mit meinem Einsatz im achten Land zusammenhängen. Oder hat meine zunehmende Vergesslichkeit den Ausschlag gegeben? Dass mir der Lebensmittelpunkt abhandengekommen ist? Oder war es das Ergebnis der letzten Sicherheitsüberprüfung? Zu viele Parkbussen in Monaco? Dass ich einem Hund Steine warf anstatt Stöcke?
Was auch immer den Ausschlag gegeben hat, es interessiert mich nicht mehr. War es mein fehlender Ehrgeiz? Dass ich mich nie für den Posten als Staatssekretär beworben habe? Galt es von Anfang an als ausgemacht, dass meine Aufnahme ins Corps ein Fehler war und ich beim ersten Anzeichen des Erreichens des Pensionsalters in die Wüste geschickt würde? Namibia? Windhoek!
Man kann nicht alles behalten
4. Oktober 2023(ein windiger Tag in Wien)
Man kann nicht alles behalten. Mein Bruder und ich haben die Möbel meiner Eltern (die meisten selbst gemacht wie ihr Tod) eines nach dem andern auf den Balkon ihrer Wohnung im dritten Stockwerk ihres Mehrfamilienhauses geschleppt und über das Geländer gehievt. Sie sind unten auf der Wiese krachend in die Brüche gegangen und es ist zu lange her, als dass ich noch wüsste, wer den meterhohen Trümmerhaufen am Ende beseitigt hat. Jedenfalls hatten wir Glück, dass niemand erschlagen wurde. Vielleicht haben wir ja auch bei jedem Möbelstück laut gerufen, bevor wir es losgelassen haben: „Achtung, fliegendes Sofa!“, „Achtung, fliegender Schreibtisch!“, „Achtung, fliegendes Bett!“. Ich weiss es nicht mehr. Man kann nicht alles behalten. Auch im Gedächtnis nicht.
Getroffen wurde jedenfalls niemand. Auch vom eisernen Bücherbaum nicht, einem Spätwerk meines Vaters, der grün bemalt und unlackiert im Schlafzimmer meiner Eltern in einer Ecke stand. Er trug zwar nicht sehr viele Bücher, hätte mit seinem Eigengewicht aber leicht jemanden erschlagen können. Ich habe viele Bücher aus der Bibliothek meines Vaters behalten, aber sie war so umfangreich, dass wir die Bücher gleich regalweise entsorgt haben. Darunter einige, die ich heute gerne zurückhaben würde.
Ein paar wenige habe ich unterdessen antiquarisch wieder gekauft. Zum Beispiel vier Paperbacks von Don Martins „Fester and Karbunkle“ aus den 60er und 70er Jahren. Ich habe sie immer geliebt und ich kann mir nicht erklären, was mich damals geritten hat, sie nicht zu behalten. Nur schon “The Motor Trip“ in „Don Martin Steps Out“ wäre Grund genug gewesen, diese paar Taschenbücher zu behalten.
Fester zu Karbunkle: „You know what’s fun when you’re driving up a hill like this, Karbunkle? Pretend it’s not a hill but the edge of a cliff, and we’re going to fly off into space.” Sie fahren den Hügel hoch und kommen über die erste Kuppe „Weeeee-ah – ha ha ha!“, dann den Hügel runter und den nächsten Hügel hoch, bis sie auf der zweiten Kuppe frontal in eine bemalte Mauer krachen.
Frontal in die Mauer oder über das Kliff ins Weltall: Fester und Karbunkle haben überlebt. Das Zentralverzeichnis Antiquarischer Bücher ist eine geniale Erfindung. Man findet alles, meist in mehreren Exemplaren. Nur das Kinderbuch Tupfi habe ich nur einmal und danach bis heute nicht mehr gefunden. Ich hatte das damals einzige auf ZVAB auffindbare Exemplar vom getupften Hasen, der in einer Familie von weissen Hasen aufwächst, bei einem Antiquar in Aachen bestellt. Ein paar Tage später meldete er sich zerknirscht und bedauerte, sich geirrt zu haben. Er hätte das Buch bereits verkauft und nicht aus dem Verzeichnis genommen. Wenn er wieder eines erhalten würde, würde er sich bei mir melden. Seither warte ich auf Tupfi.
Eine glücklichere Hand hatte ich, als ich die beiden Gedichtbände von Ogden Nash behielt. Wie glücklich, merkte ich allerdings erst letztes Jahr, als ich beim Blättern auf eine Zeile stiess, die seither auf der Liste der Lyrik-Zeilen, die ich zuletzt vergessen möchte, ganz oben steht: Der Wind kann auf kurzer Distanz längere Zeitspannen überbrücken.
Heute ist nach ein paar Tagen schwüler Hitze, die nur schwer zu ertragen war, ein sehr windiger Tag in Wien, und wahrscheinlich deshalb hat es mich, als ich mit den Hunden spazierte, ihre Schnauzen im Wind und ihre Ohren flatternd am Hals, zurückgetragen bis in den Sommer 1987, als neun Monate nach meiner Mutter auch mein Vater starb.
Ich erinnere mich an vieles aus jenen dunklen Tagen, und ich befürchte, dass es selber Erlebtes ist, auch wenn ich es so lieber nicht erlebt hätte. Der selbst nicht mehr junge Ich-Erzähler in Lars Gustafssons „Die Sache mit dem Hund“ sagt am Ende des 5. Kapitels, er habe festgestellt, dass die alten Männer, wenn sie im Country Club von ihren Erlebnissen im 2. Weltkrieg erzählten, Episoden der schwarzweissen Dokumentarfilme nacherzählten, die in endlosen Wiederholungen auf dem pädagogischen Kanal 9 gezeigt würden, und glaubten, sie hätten sie selber erlebt.
Es ist bestimmt nicht immer einfach, klar und zweifelsfrei zwischen selber Erlebtem und allem andern zu unterscheiden, was man über die Jahre gelesen, gesehen und gehört hat. Gut gelesen ist fast wie selber erlebt. Und in vielen Filmen kommen wir selber vor, wenn auch die Stimme schludrig synchronisiert ist.
Auch das wirklich selber Erlebte (in Abgrenzung von der nicht selber erlebten Wirklichkeit) ist, wenn wir uns Jahrzehnte später daran erinnern wollen, längst nicht mehr das, was wir einst erlebt haben. Manchmal gleicht es sich kaum noch. Das Gedächtnis ist nicht sorgfältig damit umgegangen. Hat wie ein unbeaufsichtigtes Kind, dem langweilig war, daran herumgebastelt. „Um Himmels Willen, das war meine liebste Erinnerung – wie sieht das jetzt aus! Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst die Finger von diesen Erinnerungen lassen.“
Die Schwester meiner Frau hat mir bei unserem letzten Besuch ein Spielgerät in die Hand gedrückt, bei dem es darum geht, die beiden ineinander verhakten Holzteile voneinander zu trennen., ohne Gewalt anzuwenden. Der Trick dabei ist, dass man das Ding wie einen Kreisel um die eigene Achse drehen muss, damit sich die Stäbchen, die in den Hohlräumen die beiden Holzteile zusammenhalten, durch die Zentrifugalkräfte zu deren Enden hinbewegen und die Holzteile freigeben.
Wer weiss, Vielleicht funktioniert auch das Gedächtnis so. Man müsste nur die Gedanken so schnell um ein Zentrum kreisen lassen, bis sich die Erinnerung an das selber Erlebte am Rande sammelt und alles andere, was nicht das Gewicht des selber Erlebten hat und nur den Anschein machen will, selber erlebt worden zu sein, trudelt ins Zentrum und fällt dem Vergessen anheim.
Von der Rückseite betrachtet wohnten meine Eltern übrigens im zweiten Stockwerk des am Rande von Zürich an den Hang gebauten Hauses, nicht im dritten. Aber da wird man keinen Balkon finden. Nicht einmal wenn man im Zentralverzeichnis aller Gedächtnisse danach suchen könnte.
Vier klassische Konzerte um den Jahreswechsel
4. Mai 2023Das dritte Konzert
Zurlinden hiess sie! Paula Zurlinden! Ich war das Alphabet gerade mehrmals durchgegangen auf der Suche nach dem Namen meiner ehemaligen Assistentin, weil mich die Frau, die im Wiener Konzerthaus direkt vor mir Platz genommen hatte, von hinten (nur von hinten, von der Seite bestand keinerlei Ähnlichkeit) stark an sie erinnerte, ohne dass mir ihr Name in den Sinn gekommen wäre. Bei „a“ glimmte einmal im Hintergrund kurz ein Licht, wie ein erlöschender Zigarettenstummel, und einmal meinte ich, es versuche sich ein „o“ schüchtern aufzudrängen, aber keiner der Buchstaben, die ich vor meinen geschlossenen Augen aufmarschieren liess, war imstande, einen Namen aus dem Dunkel meiner Erinnerung zu locken.
Erst als ich die Augen im zweiten Satz von Mozarts 9. Symphonie wieder öffnete, während des ersten Themas, das, wie mir das Programmheft erklärt hatte, aus Vorder- und Nachsatz aufgebaut war, die wiederum aus zweitaktiger „Frage“ und „Antwort“ bestanden, flog mir ihr Name zu. Und als hätte der plötzlich ankommende Vogel einen bereits anwesenden aufgescheucht, löste sich, als der junge Dirigent seinen linken Arm abrupt nach oben riss, um einem Teil seiner Musiker das Zeichen zum Einsatz zu geben, seine linke Hand aus der Manschette und flog wie ein Vogel anmutig über den Köpfen des Orchesters hinauf in Richtung des prachtvollen, altehrwürdigen Gewölbes.
Paula Zurlinden wartete damals, vor 15 Jahren, als ich überraschenderweise meinen ersten Posten als Botschafter (in Israel) antrat, als Assistentin des Missionschefs auf mich. Eine sehr liebenswürdige und stets äusserst hilfsbereite Frau mit den sanften, braunen Augen eines Rehs, die ich nach einer Weile als meine Assistentin ersetzen musste, aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, um sie nur wenig später auf einer anderen Position wieder einzustellen, für die sie besser geeignet und auf der sie zufrieden und glücklich war. Aber was heisst schon zufrieden, und was, wenn es so etwas als Zustand und nicht nur als flüchtigen Moment gäbe, wäre Glück?
Ein paar Jahre nach meinem Abgang aus Tel Aviv trug mir jemand zu, sie sei schwer krank geworden. Ein Tumor von der Grösse einer Baumnuss im Hinterkopf, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Und noch einmal ein paar Jahre später erfuhr ich, sie sei operiert worden und hätte alles gut überstanden. Ich hoffe, diesen zweiten Teil meiner Erinnerung nicht meinem Gedächtnis zu verdanken, das, stets um mein Wohlbefinden bemüht, dazu neigt, alles gut werden zu lassen, auch Dinge, die nie gut geworden sind. Wenn heute Abend das Jahr zu Ende geht, werde ich ein Glas auf Sie trinken, liebe Frau Zurlinden, in der Hoffnung, es gehe Ihnen tatsächlich gut! Ich wünsche Ihnen noch viele gesunde und glückliche Jahre.
Nun hätte ich erwartet, dass im Moment, als sich die linke Hand des Dirigenten aus seinem Ärmel verabschiedete und mit eleganten Schwüngen an Höhe gewann, zumindest ein bass erstauntes allgemeines Raunen, wenn nicht ein entsetzter Aufschrei durch Orchester und Publikum gegangen wäre, oder dass zumindest der Dame aus dem Chor, der hinter dem Orchester stehend auf seinen Einsatz wartete, über deren Kopf die Hand mit so wenig Abstand abdrehte, dass sie ihn fast getroffen hätte und vermutlich gestreift hat, ein Schrei entfahren wäre, während sie versucht hätte, dem seltsamen Vogel auszuweichen oder – je nach Temperament – ihn abzufangen, aber nichts dergleichen geschah.
Niemand im Publikum oder im Chor schien von dem doch äusserst ausserordentlichen Vorfall auch nur Kenntnis genommen zu haben und der Dirigent bewegte seinen linken Arm weiterhin so, als befände sich an seinem Ende seine linke Hand, obwohl man deutlich erkennen konnte, sogar ich mit meinen nicht sehr guten Augen aus der 22. Reihe, dass sie fehlte. Ich drehte mich zu meiner Frau hin, aber sie lächelte und hatte offenbar auch nichts bemerkt, obwohl sie ihre Brille trug. War ich einer optischen Täuschung erlegen?
Beim nächsten Konzertbesuch, nahm ich mir vor, wollte ich mein Opernglas mitnehmen, und fragte mich gleichzeitig, ob es wohl erlaubt sei, Operngucker ins Konzert mitzubringen. Ich hatte jedenfalls noch niemanden gesehen, der die Gesichter der Musiker oder den Rücken des Dirigenten durch sein Fernglas beobachtete.
Das Konzert ging also weiter, als ob nichts gewesen wäre. Der Vogel musste sich (ich hatte ihn aus den Augen verloren), nachdem er eine Weile lang unter dem Dach umhergeflattert war, irgendwo niedergelassen haben, und der Dirigent brachte die 9. Symphonie ohne Probleme einhändig zu Ende. Während das Publikum minutenlang frenetisch applaudierte und „Bravo!“ rief, verschwand der Dirigent dreimal und kam jedes Mal ohne seine linke Hand zurück. Einmal, er hatte wohl für einen Augenblick vergessen, dass sie ihm gerade abhandengekommen war, winkte er sogar mit dem linken Arm in den applaudierenden Saal, aber nicht einmal da schien dem Publikum etwas aufzufallen.
Wenn ich gesagt habe, ich sei damals überraschenderweise zu meinem ersten Botschafterposten in Israel gekommen, so bezieht sich die Überraschung auf das Land, in dem man mir zum ersten Mal die Vertretung der Schweizer Interessen anvertraute. Noch erstaunter als ich war wohl derjenige, der eigentlich für den Posten vorgesehen war. Aber die Dinge nehmen manchmal ihren eigenen, von niemandem vorhersehbaren Lauf. Ich wurde damals buchstäblich über Nacht ernannt, weil der, der für die Ernennung vorgesehen war (ein überaus brillanter Kollege), ein paar Jahre zuvor an einem offiziellen Nachtessen eine längere Rede gehalten hatte in der Sprache seines damaligen Gastlandes, die der neben ihm sitzende Schweizer Bundesrat leider nicht verstand.
Das vierte Konzert
Sie fragen sich jetzt wahrscheinlich, warum ich mit dem dritten Konzert begonnen habe und nun bereits zum vierten und letzten Konzert übergehe. Die Erklärung ist so kurz wie einfach. Die beiden ersten Konzerte fanden ohne mich statt. Das erste sogar ohne uns, weil meine Frau und ich an Corona erkrankt waren, und das zweite ohne mich, weil meine Gattin es alleine besuchte. Es fand einen Tag vor dem dritten statt, von dem ich gerade berichtet habe, und zwei klassische Konzerte hintereinander wären für mich eines zu viel gewesen.
Das vierte Konzert fand im Musikverein statt. Dort, wo jedes Jahr das Neujahrskonzert in alle Welt hinaus übertragen wird. Wenn ich Ihnen sage, ich wisse nicht mehr, was gespielt wurde und wer dirigierte, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als mir zu glauben. Im Gegensatz zum dritten Konzert gab es beim vierten auch für mich keine ausserordentlichen Vorfälle. Ich hatte nach dem dritten Konzert schon auf dem Heimweg meine Frau gefragt, ob sie gesehen habe, wie die Hand des Dirigenten ihm entflog, aber sie hielt es für eine meiner besonderen Formulierungen und meinte nur, ja, er habe sehr lebhaft dirigiert. Am nächsten Tag habe ich die Medien durchforstet und zwei Freunde angerufen, von denen ich annehmen durfte, dass sie auch am Konzert waren, aber niemand wusste etwas von einer entflogenen Hand und der Dirigent, so las ich, würde schon am übernächsten Tag in Mailand wieder dirigieren.
Für einen kurzen Augenblick zog ich in Erwägung, nach Mailand zu reisen, um der Sache auf den Grund zu gehen, aber dann verwarf ich die Idee, und fragte mich stattdessen, was mich im Grossen Saal des Musikvereins beim vierten Konzert erwarten würde. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich wohl noch nie so gespannt und aufmerksam in ein klassisches Konzert gegangen bin.
Umso unerklärlicher ist es mir, dass ich nicht mehr weiss, was gespielt wurde und wie der Dirigent hiess. Das Einzige, was ich noch mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass es ein schon etwas älterer Herr war, der beidhändig dirigierte und abrupte Bewegungen vermied. Und dass die Musik sehr melodiös war, ohne Crescendo mit Pauken und Trompeten.
Kurz vor Schluss muss ich eingedöst sein. Offenbar lange und tief genug, dass es zum Träumen reichte. Dass Konzert war zu Ende und das Publikum klatschte frenetisch Beifall, obwohl niemand Arme hatte, auch ich nicht. Nur meine Frau schien mindestens einen Arm zu haben, mit dem sie an meiner Schulter rüttelte. „Wach auf…“, sagte sie, und ich fragte sie: „Wie machen wir das?“
Feld in den Bergen (Pastellkreide auf Papier)
3. Mai 2023
Vorsicht beim Umblättern
3. Mai 2023Eines schönen Sommermorgens sass ich auf dem Balkon des 14. Stockwerks eines Hochhauses in Ramat Gan mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv, die immer mehr derjenigen von Manhattan zu gleichen beginnt, und las in einem Roman von Lars Gustafsson. Als ich das Kapitel zu Ende gelesen hatte, blätterte ich noch einmal zurück zum Titel („Der Hund aus Karbenning“) und wunderte mich: es war gar kein Hund im Kapitel vorgekommen. Oder hatte ich ihn überlesen? Ich las das Kapitel ein zweites Mal, aber da war kein Hund. Was war mit ihm passiert? Hatte er sich gleich nach dem Titel aus dem Staub gemacht?
Später ging ich spazieren und nahm das Buch in meinem Rucksack mit. Das Kapitel mit dem Hund in der Überschrift, in dem dann gar kein Hund vorkam, ging mir nicht aus dem Kopf. Es war nicht so, dass ich die ganze Zeit daran dachte, mein Hirn war ja andauernd mit all den real existierenden Menschen, Katzen Hunden und Dingen beschäftigt, denen ich auf meinem Spaziergang begegnete, aber der nicht im Kapitel vorkommende Hund kehrte immer wieder in mein Bewusstsein zurück. Es war, als würde er in der Nachbarschaft meiner Gedanken umherstreunen und mir dabei immer wieder über den Weg laufen.
Weshalb hatte der Autor den Hund im Titel erwähnt, das Kapitel dann aber gänzlich ohne ihn gestaltet? Es schien mir ein wenig so, als würde man seinem Hund das Halsband anziehen und vielleicht schon die Leine anschnallen und dann ohne ihn aus dem Haus gehen. Wollte Gustafsson, dass man sich als Leser durch sein Kapitel bewegt, seinen Gedanken folgt, und dabei darauf wartet, dass um die Ecke des nächsten Satzes ein Hund erscheint? Diente die Ankündigung des Hundes dem Zweck, eine Bereitschaft zu erzeugen, die Erwartung des Lesers auf etwas zu lenken, was dann nicht eintraf, um ihn etwas anderes, was währenddessen passierte, nicht bemerken zu lassen? Wäre es nicht seltsam, wenn ein Autor etwas schreiben würde, wovon er gleichzeitig ablenkte, damit es niemand bemerkt?
Ich las das kurze Kapitel ein drittes Mal und verdrängte den Hund dabei ganz aus meinen Gedanken, versuchte es jedenfalls, um ihn mir nicht einzubilden. Ich wusste ja, dass er nicht da sein würde. Aber ich konnte auch so nichts entdecken, was ich vorher in Erwartung des Hundes übersehen haben könnte. Da war nichts, was der Autor vielleicht an meinem Bewusstsein vorbei in die Geschichte schmuggeln wollte, damit es sich in meinem Unterbewusstsein einnisten und sich zu einem späteren Zeitpunkt bemerkbar machen würde. Jedenfalls fiel mir nichts auf. War ich also auf der falschen Fährte? Hatte er mich wie den Hund im Titel losgeschickt um nach etwas zu suchen, was gar nicht vorhanden war, wie wenn man einem Hund einen Stock wirft, ihn aber nicht loslässt, und der Hund rennt ihm trotzdem hinterher?
Mir kam ein Rabbiner in den Sinn, aus dessen Briefen einst ein Dichter die Anwesenheit einer Katze lesen konnte, während der Rabbi sie schrieb, ohne dass dieser die Katze auch nur mit einem Wort in einem seiner Briefe erwähnt hätte. Ich nahm mir vor, nach dem Gedicht zu suchen, sobald ich wieder zuhause war, und tat das auch, aber vergeblich. Ich dachte, vielleicht wäre es ein Gedicht von Krolow, aber im einzigen Gedichtband, den ich von Karl Krolow besitze, kommt lediglich ein Hund vor, der sich in einem Steinbruch verlaufen hat. Es konnte nicht meiner sein. Aber ich sagte mir: Wenn man die Anwesenheit einer Katze aus Schriftstücken erahnen konnte, in welchen sie nicht erwähnt wird, musste es auch möglich sein, dass ein Hund durch ein Kapitel streunt, ohne dass er darin vorkommt. Besonders dann, wenn ihn der Titel angekündigt hat.
Ich las das Kapitel ein weiteres Mal und nahm mir gleichzeitig vor, dass dies das letzte Mal sein würde. Ich wollte endlich weiterlesen im Buch. Ich wollte nicht noch weiter in dieses Kapitel, das mich jetzt schon über Gebühr beschäftigte, hineingezogen werden wie in einen gefährlichen Strudel, aus dem ich mich am Ende nicht mehr befreien und auf der Suche nach dem Hund selber verschwinden würde. In einem Steinbruch womöglich, bei glühender Sonne.
Ich las langsam und aufmerksam und schaute beim Lesen, das mir wie Spazieren vorkam, zwischen die Zeilen, wie man in Seitengassen schaut. Am Ende jeder Zeile spähte ich vorsichtig um die Ecke, bevor ich zum Anfang der neuen Zeile sprang. Die wenigen Seiten, denn es war wie gesagt ein kurzes Kapitel, blätterte ich äusserst langsam und vorsichtig um, um den Hund nicht zu verscheuchen, aber er war nirgends zu sehen, und ich spürte ihn auch nicht. Ein einziges Mal meinte ich ein Bellen zu hören, aber es war nur das Husten eines Fussgängers, den ich erst bei der vierten Lektüre entdeckte. War er neu hier? Oder gab es tatsächlich Dinge, die ich mehrmals überlesen hatte? Was für ein stupides Wort: „Fussgänger“. Soll man etwa auf den Ellbogen gehen?
Ich beschloss, den Hund zurückzulassen, auch wenn mich der Gedanke im selben Augenblick betrübte, als ich den Entschluss fasste. Ihn hinter dem Titel winseln zu hören wie hinter einer verschlossenen Türe, schien mir grausam. Sollte ich sie einen Spalt offenlassen, damit er vielleicht in einem späteren Kapitel erscheinen könnte? Die Überschrift wäre dann eine frühe Ankündigung gewesen von etwas, was nicht unmittelbar, sondern erst später erscheint. Im Flughafen würde es an der Anzeigetafel hinter dem Herkunftsort grün blinken: verspätet.
Oder spielte der Autor ein Spiel mit seinen Lesern? Gab er seinen Kapiteln hin und wieder Titel, die gar nichts mit deren Inhalt zu tun hatten? „Der Körper des Himmels“ etwa, und dann ging es nur um die Seele der Erde? Oder „Nach dem nach Hause kommen“, dabei war im ganzen Kapitel niemand weggegangen und es war auch keiner unterwegs?
Tat er es, weil er es satt hatte, dass die meisten Leser den Überschriften nicht wirklich Beachtung schenken? Dass sie sie schon nach wenigen Zeilen vergessen haben und es deshalb überhaupt keine Rolle spielt, wie eine Überschrift lautet? Ich nahm mir vor, mir von nun an die Kapitelüberschriften zu merken und sie während dem Lesen der Kapitel stets im Kopf zu behalten. Wenn Gustafsson tatsächlich ein Spiel mit mir spielte, hatte er sich den Falschen ausgesucht. Ich würde den Hund finden, auch wenn, einmal abgesehen von der einen Kapitelüberschrift, vielleicht gar keiner vorkam in diesem verflixten Buch, das ich nun endlich zu Ende lesen wollte.
Jurmala (Pastellkreide auf Papier)
23. April 2023Texte, die sich zum Lesen eignen, während man im Ofen Teigwaren aufwärmt
22. April 2023
Wenn Charles Bukowski über Hollywood schreibt, so kann man es im Vorwort zu dessen 2019 neu aufgelegtem Roman Hollywood lesen, das ein gewisser Howard Sounes zu verfassen sich bemüssigt gefühlt hat, meine er damit üblicherweise nicht das Hollywood der Filmindustrie, sondern den als East Hollywood bekannten, schäbigen Wohndistrikt am unmodischen Ende des Sunset Boulevards, wo er mehrere Jahre gelebt habe. Nur im vorliegenden, 1989 zum ersten Mal erschienen Buch, dem fünften seiner sechs Romane, führt Sounes in seiner Einführung aus, gehe es Bukowski tatsächlich um die Filmindustrie.
Ich bin als jemand, der in seinem Berufsleben oft und immer wieder einführende Worte für Darbietungen von Repräsentanten aller Künste zu sprechen hatte, kein Freund von Vorworten, auch nicht von Nachworten, wenn wir dabei sind. Ich finde beides lästig. Ein unnötiges und leidiges Hinauszögern das eine, ein ebenso mühsames wie überflüssiges Verlängern das andere, während der Weisswein und die Häppchen warten.
Wenn Walter Haffner über Wien schreibt, so wird man es hoffentlich nie lesen (ich meine den Satz, in dem wir uns befinden, nicht, was ich allenfalls noch über Wien schreibe), meint er damit üblicherweise nicht das Wien der Konzertsäle, sondern den als 3. Bezirk bekannten 3. Bezirk, wo er nach seinem Transfer ins Privatleben mehrere Jahre mit seiner Frau und seinen zwei Hunden schrieb, zeichnete, malte und lebte.
Auch in seinem angeblich gleich nach dem vierten geschriebenen aber ebenso wie die ersten drei Romane (Die Trilogie des Verschwindens) nie veröffentlichten fünften Roman mit dem Titel Wien, sei es ihm nicht um das klassische Wien gegangen, sondern hauptsächlich um Personen, die sich in seinen Wiener Jahren in seinem Kopf aufgehalten haben und dringend raus mussten.
Walter Haffner ist ein literarisches Phänomen. Er schreibt alle zwei bis drei Monate über irgendetwas, praktisch immer ohne gelesen zu werden, und die wenigen, die hin und wieder einen Text von ihm lesen, rufen ihm zu: „Vielleicht hättest Du das besser gemalt“, bevor sie wieder in ihren Alltag flüchten.
Es lässt sich nicht alles malen, ruft er ihnen nach , als sie schon wieder weg sind, auch wenn er das eine oder andere Vor- oder Nachwort lieber gemalt auf dem Buchdeckel gehabt hätte. Nehmen wir als Beispiel die Suche nach Janet McCann, zu der ich gleich komme, und Ihr sagt mir dann am Ende, ob man das auch einfach hätte malen oder als Cartoon zeichnen können.
Schon ihren schmalen Gedichtband in meinem Büchergestell zu finden, war nicht ganz einfach. Fast hätte ich zuerst in meinen Kisten und Mappen gesucht, weil ich in Erinnerung hatte, dass ich ihren Gedichtband zusammen mit meinen Übersetzungen ihrer Gedichte aufbewahrte.
Dann schaute ich zum Glück doch zuerst in den Regalen mit meinen Gedichtbänden, denn die waren im Gegensatz zu meinen Mappen und Kisten im Stehen erreichbar. Ich wusste, dass ich nach einem schmalen Band suchte. Zuerst zog ich Godzilla Attacks a Truck von Louis Cuneo aus dem Regal.
Das dünne Heft, erschienen 1981 in einer Reihe von Publikationen, von denen der Verlag auf den hinteren Seiten gegen Einsendung von einem Dollar weitere anbietet, enthält ausgewählte Haikus in freier Versform aus den Jahren 1972-80 und hat nur 19 Seiten. Ich las das Heft (zum zweiten Mal, denke ich, obwohl ich ausser an den Titel keinerlei Erinnerung daran hatte), während ich im Ofen den Hörnchen Auflauf nach dem Rezept meines Schwiegersohns aufwärmte, den ich mir gestern gekocht hatte. Vielleicht erstelle ich eine Liste mit Texten, die sich zur Lektüre eignen, während man im Ofen Teigwaren aufwärmt.
Ich weiss, dass man Haikus nicht kurz nacheinander lesen sollte, praktisch am Stück. Man sollte sie einzeln lesen und auf sich einwirken lasse, bis die Silben zu tanzen beginnen und sich nicht mehr zählen lassen. Hinten und vorne keine 5 und in der Mitte keine 7.
Aber ich konnte es noch nie lassen, mehrere Haikus nacheinander zu lesen, oft den ganzen Sack wie bei gerösteten Erdnüssen. Dazu kommt, dass die Haikus Last Trip To You eine Kurzgeschichte in Haikus sind, wie der Untertitel sagt, man sie also nacheinander lesen muss, bis Cuneo im Flugzeug über New York sitzt, während sein Vater kremiert wird.
Aber verlassen wir New York, verlassen wir Cuneo und seine Haikus. Haikus sind, so erinnert Cuneo am Anfang des Hefts daran, gemäss Meister Basho ganz einfach das, was diesen Augenblick an diesem Ort geschieht. Was also geschieht hier, gerade jetzt? Und was wäre alles geschehen, wenn Haikus eine Vergangenheitsform hätten?
In den Sinn gekommen war mir Janet McCann, als ich heute Morgen anstatt zu malen in meinem Computer nach einem Text suchte, an dem ich weiterschreiben wollte, und dabei unversehens in die Rubrik Übersetzungen geriet, wo auch das halbe Dutzend Gedichte von ihr abgelegt ist, die ich vor bald drei Jahrzehnten übersetzt habe.
Bevor ich mich auf die Suche nach ihrem Gedichtband machte, wollte ich nachschauen, ob sie noch lebt. Nicht, dass ihre Gedichte mit ihrem Tod etwas verloren hätten – Gedichte sind Konserven, sie halten sich ohne Autor ausgezeichnet – aber ich wollte es wissen, bevor ich sie wieder las. Zuletzt waren mir eine ganze Anzahl von Menschen, die oder deren Werk ich schätzte, einfach weggestorben, als ich ein paar Jahrzehnte nicht hinschaute.
Eine Google-Suche ergab innerhalb von Sekundenbruchteilen, dass Janet Mary McCann im Alter von 68 Jahren am 19. Dezember 2021 in Sioux Falls, South Dakota gestorben war. Sie diente in der US Army, arbeitete danach in einem Pflegeheim und liebte Katzen und Surfen im Internet. Sie wurde überlebt von ihrem Vater und ihren Geschwistern. Ihre Mutter und mehrere Katzen gingen ihr im Tod voraus. Kein Wort von Gedichten.
Sieben Monate später starb am 29. Juli 2022 Janet “Janice” McCann. Sie hatte mit ihrem ersten Mann Don fünf Kinder, zehn Grosskinder und neun Urgrosskinder und sie malte. Nach Dons Tod heiratete sie wieder und hatte mit ihrem zweiten Mann noch einmal fünf Kinder, die ihr elf Grosskinder und zweiundzwanzig Urgrosskinder schenkten, die sie überlebten. Die Liste der ihr im Tod Vorausgegangenen ist lang.
Als ich runterscrollte und sah, wie viele Nachrufe auf Janet McCann es gab, beschloss ich, anstatt sie mir alle anzuschauen, samt Hinterbliebenen und vorausgegangen Katzen, was Stunden gedauert hätte und mir zudem voyeuristisch oder pietätlos vorgekommen wäre, dass sie noch am Leben sei.
Beim Blättern in Looking for Buddha in the Barbed -Wire Garden fiel mir ein, dass ich Janet McCann schon einmal in meinem Blog erwähnt hatte. Ich ging nachschauen und fand, dass es mehr als 12 Jahre her ist. Der Beitrag hiess Ein Gedicht mit Vierzehn Jahren Verspätung.
Meine Frau hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass ich zuletzt oft über mein lange zurückliegendes Leben in den USA geschrieben habe. Sie hat Recht damit. Nur, in diesem Fall konnte ich es nicht kontrollieren.
Als ich das Gedicht von Janet McCann am 10. Januar 2010 in den Blog stellte, war es mir noch so vorgekommen, als sei es wie ein Pottwal aus den Tiefen des Speichers meines Computers aufgetaucht. Jetzt bin ich mir sicher, dass es ein Pottwal ist. Er taucht alle zwölf bis vierzehn Jahre auf. Cuneo hat ihn mir heute angekündigt, während der Hörnchen Auflauf im Ofen war:
Falling asleep / while watching a / whale documentary


