Archive for Februar 2011

Eigentlich wirklich alles

25. Februar 2011

Wir haben es alle längst vermutet. Dass schon lange alles gesagt worden ist, was es zu sagen gibt. Ludwig Thoma hat für uns Redner und Rednerinnen den gebrauchsfertigen ersten Satz formuliert, einen Instant-Lacher sozusagen, mit dem wir die Zuhörerschaft als dritte Rednerin oder als sechster Redner einer Veranstaltung erfahrungsgemäss zumindest für einen flüchtigen Augenblick auf unsere langweilende Seite ziehen können: „Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von allen.“

Ein schöner Satz. Auch ich habe oft darüber lachen lassen. Nur selber mag ich nicht mehr wirklich lachen darüber. Aus verschiedenen Gründen, von denen die meisten hier und ganz sicher auch anderswo nicht interessieren. Weil der Satz nur die halbe Wahrheit beschreibt. Die ganze, vom Rednerpult abgewandte Wahrheit, ist, dass schon alles von allen gesagt wurde, und zwar nicht nur einmal, sondern mehrmals und leider immer wieder. Ein unsägliches Geschwätz. Ein meist sinnloses Palaver, ob gesprochen oder geschrieben. Auch meins. Wofür ich um Vergebung bitte. Macht mal jemand kurz das Fenster zu?

ohne Titel

25. Februar 2011

Das ist eigentlich alles (Daniil Charms)

25. Februar 2011

Da ging einmal
ein Mann ins Büro
und traf unterwegs
einen anderen, der soeben
ein französisches Weissbrot
gekauft hatte und
sich auf dem Heimweg befand.

Das ist eigentlich alles.

 (Daniil Iwanowitsch Charms,  1905-1942)

Wenn der Wind in die Planen weht

10. Februar 2011

In Al-Arakib

10. Februar 2011

In Al-Arakib gibt es Dinge
die gibt es eigentlich nicht
oder jedenfalls nie sehr lange

Es wird einem Angst und Bange
wenn Gestalten im Abendlicht
mit Latten und Nägeln hantieren
um etwas aufzurichten
was morgen schon nicht mehr steht
 
Wenn der Wind in die Planen weht
zieht Rauch vom Friedhof herüber
wo die Kinder und Frauen warten
bis am Morgen das Grauen anbricht

Irgendwann werden hier Bäume
ihre Äste bewegen im Wind
und die Wüste wird furchtbar sein

Sag mir: Was sind das für Träume
die anderen alles rauben
erst das Haus, dann den Schlaf, dann das Land?

In Al-Arakib gibt es Dinge
die dürfte es so nicht geben

In Al-Arakib gibt es Hütten
die nie lange stehen
und In Al-Arakib gibt es Menschen
die langsam verschwinden
weil wir sie nicht sehen

Abenddämmerung in Al-Arakib

10. Februar 2011

Kurz vor dem Ausbruch der totalen Ehrlichkeit

9. Februar 2011

Man könnte meinen, ich sei als Diplomat eindeutig die falsche Person, um zur Debatte über die totale Ehrlichkeit irgendetwas halbwegs Brauchbares beizusteuern. Aber manchmal liegt man mit Meinungen falsch und ohnehin ist weit und breit keine Debatte über die totale Ehrlichkeit auszumachen. Sie gestatten also, und sehen mir meinen ungefragten Beitrag zu etwas, was es nicht gibt, bitte nach. Manchmal tut es ganz einfach gut, im luftleeren Raum zu einem Nichts beizutragen, das sich dadurch in nichts auflöst und den Reigen der Nichtigkeiten überflüssigerweise ergänzt.  
Es ist vielleicht aber auch für andere ein bisschen therapeutisch, denn wer falsch liegt, wacht unerholt auf und sucht seinen Standpunkt womöglich den ganzen Tag vergeblich. Falsches Liegen kann korrigiert werden, wenn man Dr. Klemp aufmerksam zuhört, sich nicht von seiner weissen Schürze ablenken lässt  und die Packungsbeilage sorgfältig liest.
Es liegt nicht an der Sprache, wenn es sich so liest und anhört und oft auch so aussieht (Fillon zu Gast bei Mubarak), dass Diplomaten und Staatsmänner nicht der absoluten Ehrlichkeit verpflichtet sind, wie wir sie von ihnen erwarten und selber jeden Tag praktizieren. Die Staatsfrauen habe ich ganz bewusst nicht erwähnt. Es gibt über sie schlicht nichts Negatives zu sagen. Ausser vielleicht über die paar wenigen, die genau so funktionieren wie ihre männlichen Kollegen, aber die sind ihrer Rede nicht wert. 

Man greift zu kurz und wahrscheinlich ins Leere, wenn man sich darauf hinausreden will, die Sprache der Diplomaten sei – wie jede Art von Sprachgebrauch, wenn wir kurz innehalten und es uns zwischen zwei Gedankenstrichen überlegen – lediglich kodiert, und eigentlich sehr klar und deutlich, fast schon restlos ehrlich, wenn man den Code kennt.
Hillary Clinton sagt, der israelische Siedlungsbau in der Westbank sei für den Friedensprozess „nicht hilfreich“. In der dechiffrierten Version heisst „nicht hilfreich für“ (je nach Dechiffriertabelle, die man benutzt) „unvereinbar mit“ oder „in krassem Gegensatz zu“. Nur sagt ein Freund einem Freund das in der Öffentlichkeit nie in dieser Deutlichkeit und ein Zyniker würde anfügen, dass es nicht einmal hinter verschlossenen Türen entscheidend sei, ob etwas (im vorliegenden Beispiel ein Siedlungsbau) für etwas, was es nicht gibt (einen Friedensprozess) nicht hilfreich oder damit nicht vereinbar sei.   
Ich mag aber Zyniker nicht und die Kodierung der Diplomatensprache ist auch nicht die Ursache des Problems, noch steht sie einer möglichen Lösung im Weg, weder beim Nahostkonflikt noch bei sonst irgendeinem Konflikt. Im Sprachgebrauch der Diplomaten tritt uns das Phänomen der begrenzten Ehrlichkeit lediglich besonders deutlich entgegen. Und wir zeigen schliesslich alle gerne mit dem Finger auf Mängel, wenn wir sie mit dieser lockeren Geste bequem bei anderen deponieren können.

Wir hingegen (ein „wir“ ohne mich für einmal – ich bin Diplomat) sind ihr in unserem Alltag, sowohl im Berufs- als im Privatleben natürlich stets verpflichtet, dieser frontalen, ungeschminkten Offenheit, dieser Ehrlichkeit ohne Rest und Rücksicht auf Verluste. Egal, ob es sich um Begegnungen auf der Strasse, um Arbeitskolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte, Bekanntinnen und Bekannte, Freundinnen und Freunde, oder um die Person handelt, die wir gerade zu lieben meinen: wir sagen allen, auf Verabredung oder zufällig getroffen, stets nur das, was wir wirklich meinen, und zwar deutlich, und direkt: die Wahrheit.
Sollen selber schauen, wie sie damit zurechtkommen. Und wenn es ihnen nicht passt, können sie uns ja entlassen, die Freundschaft oder die Liebe kündigen oder uns aus dem Weg gehen. Der Gehsteig ist breit genug.
Nur der Scheisskellner kann das nicht, wenn wir ihn so richtig zusammenstauchen, weil die Espressotasse schon wieder nicht vorgewärmt war. Das arme Schwein kann uns weder aus dem Weg gehen noch kann er uns sagen, was er wirklich von uns hält. Sein Pech. Was hält er sich aber auch zuunterst in der Hackordnung auf. Hätte ja etwas länger zur Schule gehen können.
Lassen wir ihn (ohne Trinkgeld zurück). Wenden wir uns wieder den Diplomaten und Ministern zu. Die machen ja auch nur ihren Job. Vielleicht erscheinen sie uns ja nur deshalb so unappetitlich verlogen und verachtenswert, weil sie im grellen Rampenlichtlicht der Bühne, die wir ihnen überlassen, genau das in fast vollendeter Perfektion praktizieren, was wir im Grunde genommen an uns selber nicht wirklich mögen.

Nirgendwann

9. Februar 2011

Allein wie eine Mutterseele (Georg Kreisler)

9. Februar 2011

Die KPD ist verboten – die DKP ist erlaubt.
Die SPD hält Versammlungen ab und glaubt, dass man ihr etwas glaubt.
Die Gewerkschaft fordert Solidarität, so wie früher der Turnvater Jahn.
Und der Lohengrin singt noch immer: Sei bedankt, mein lieber Schwan!
Der Hunger, die Bomben, die Werbung – die sind nach wie vor immer dabei.
Und die Menschen, wie durch Vererbung, vertrauen nach wie vor ihrer Partei.

Aber allein wie eine Mutterseele,
so mach Revolution, dann ist sie deine! Zieh Leine
und stütz dich nicht auf Kampf und Bach-Choräle!
Ohne viel Geschrei mach dich, denn darauf kommt’s an, selber frei!
Sei schwarz, schwarz wie ein Kohlpechrabe!
Wirf dich wie ein Sperrangel so weit!
Hab keine Angst – hab Zeit!

Kommt der Kissinger morgen zu Besuch,
gib ihm keinen Kaffee!
Irgendwie wird es sich glätten.
Hüte dich vor alten Ketten!
Was macht dir Spaß? Deine Staatsbürgerschaft? Deine Fernsehgebühr?
Öffne die Tür und geh durch!

Aber allein wie eine Mutterseele!
Schieb es nicht auf viele lange Bänke und lenke
dein Leben ohne Blut und Autoöle!
Schöpfe aus dem Vollen, anstatt zu schaun, was andre von dir wolln!
Bleib nackt wie eine Splitterfaser!
Warte nicht auf Lenin und Godot!
Du kannst die Welt befrei’n,
wie eine Mutterseele: allein.

Nicht Nürnberg, noch nicht Nacht

9. Februar 2011