Archive for the ‘BLOG’ Category

Tagwerk

11. August 2016

Die Kuh gemolken hat der Bauer
zur frühen Morgenstund.
Und, was hat er dann getan?
Nicht viel, nur viel gemacht.

Der halbe Tag war schnell vorüber,
der Himmel überzogen,
und um die andre Hälfte hat
die Arbeit ihn betrogen.

Die Sonne fällt aus dem Gewölk,
man sieht sie rund und rot,
wie sie sich gehen lässt
in Richtung Horizont.

Nun schnell ein Glas zur Hand
zum Wohle dessen,
der dies und uns erfunden.
Schau nur die Schatten an der Wand
– bald sind sie ganz verschwunden
und wieder haben wir
den Tag für nichts verprasst.

Es reimt sich gegen Abend das,
was durch den Tag nicht passt.
So führe ich zum Mund das Glas,
so führe ich das Glas zum Mund,
und in der Ferne bellt, ach ja, ein Hund.

(11.08.2016)

Irgendwo in Ankara

11. August 2016

ab iPhone 1.8.2016 564

Zio Matteo

16. Mai 2016

(Ben Dettis letzter Fall)

1. Kapitel: Die Suche beginnt

Er hiess Giaccomo Orsini, aber alle nannten ihn Nick. Erst Jahrzehnte später fand ich per Zufall heraus, dass sein richtiger Name Nicola Spadolino war. Hatten es die andern die ganze Zeit gewusst, oder war es in einem Milieu, in dem Spitznamen die Regel und Dumpfbacken die Ausnahme waren, ein purer Zufall, dass sie ihn beim richtigen Namen nannten? Und wieso haute er mir jedes Mal eine runter, wenn ich ihn in Gesellschaft Zio Matteo nannte?

Erzürnte es ihn, dass ich ihn in meiner jugendlichen Unschuld bei seinem Taufnamen nannte, auf den ich irgendwo in den alten Papieren auf seinem Estrich gestossen war, als ich die alten Ausgaben des Playboy suchte? Oder müsste ich eher sagen, bei dem Namen, den seine Eltern damals in der kleinen Kirche in Reggio di Calabrese dem Priester und den Taufpaten aufbanden wie einen ranzigen Bären?

Wer versuchte damals mit allen Mitteln etwas zu verheimlichen und verstecken, und vor wem? Und auch wenn seine Eltern bei allem, was ich über sie weiss (eigentlich nichts) einfache, ungebildete Menschen waren, die jeden Sonntag an der Kirche vorbeigingen: mussten nicht sogar sie sich bewusst gewesen sein, dass wer andern in die Grube kackt, … na Sie wissen schon.

Wenn ich durch meine Notizen gehe, fällt mir jedes Mal auf, und zwar so, wie der Esel dem Maulpferd auffällt: zu viele Sprichworte und Redensarten, zu viele Phrasen und Formeln, die am Ende überhaupt nichts aussagen, womit irgendjemand irgendetwas anfangen könnte, ausser der Lateinlehrer von Giulio vielleicht, mit dem ich als Knirps Fussball spielte, bis er sich einen offenen Beinbruch einfing und aufhören musste. Als er nach einer langen Zeit der Rehabilitation endlich wieder gehen konnte, fand er eine neue Stelle als Deutschlehrer in einem Gymnasium im Piemont.

Wie dem auch sei. Wenn ich diese Zeilen noch einmal lese, was ich gerade getan habe, denn ich lese meine Zeilen immer wieder, um sicherzustellen, das mir nichts entgangen ist, dann wird mir sofort klar (und das auch nicht zum ersten Mal): Zu viele leere Floskeln und zu viele Zufälle für meinen Geschmack.

In den Sechzigerjahren, denn damals fand das, wovon ich hier schreibe, alles statt (ausser da, wo ich in die Gegenwart springe, die aus damaliger Sicht die Zukunft gewesen wäre, wenn Onkel Matteo ihr nicht erlaubt hätte, sich seinetwegen zum Teufel zu scheren) machte ich mir noch keine solchen Gedanken. Ich hatte meinen ausgeprägten Sinn für das Unauffällige und meinen heute von der halben Unterwelt gefürchteten Instinkt noch nicht entwickelt. Ich war ein Junge wie der von nebenan, obwohl der keine toten Käfer sammelte und meines Wissens auch nicht tagelang in einem alten Lexikon las, bei dem der Einband und die Buchstaben L bis V fehlten.

Gauben Sie mir, heute rieche ich, wenn etwas stinkt, und ich rede nicht von meinen Füssen. Es gibt so vieles, was ich ihn heute gerne fragen würde, Zio Matteo, aber er weilt nicht mehr unter uns. Ich habe keine verfluchte Ahnung, wo sich der alte Scheisskerl aufhält. Vielleicht ist er tot. Es würde bei seinem Lebenswandel nicht erstaunen. Keiner seiner damaligen Kumpane ist alt geworden. Die meisten sind eines unnatürlichen Todes gestorben und nicht wenige wurden umgebracht. Was ist das überhaupt, ein natürlicher Tod, wenn ich es mir überlege? Ich überlege es mir besser nicht, denn auf diese Art komme ich jeweils vom Hundertsten ins Tausendste und der Weg zurück ist lang.

Wenn Zio Matteo trotz der schlechten Prognosen noch am Leben ist, könnte er ebenso gut in einem Altersheim dahinsiechen, mit halboffenem Mund auf seinen Teller sabbernd, wie als Gärtner einer Schönheitsfarm in Kalifornien eine unauffällige Existenz fristen, obwohl ich bezweifle, dass die einen 96-jährigen beschäftigen würden, der den reichen Frauen nachstellt und eine Harke nicht von einem Laubgebläse unterscheiden kann. Wenn ich ihn mir vorstelle, wie er die App zu bedienen versucht, um den Roboter loszuschicken, der den zum Strand hin leicht abfallenden Rasen mäht, muss ich lachen, aber nur kurz, dann mach ich die paar Schritte und nehme ein Bad in der Brandung, bevor er mir eine runterhaut.

Ich sage Kalifornien, falls Ihnen das aufgefallen ist, denn Sie müssen aufmerksam lesen, um mir folgen zu können, weil er Südamerika liebte. Er sprach stets davon, «zu den Mexen» aufzubrechen, wenn er eines Tages von der ganzen Scheisse genug haben würde. Ihn aufzuspüren, kommt also der berühmten Suche nach der Nudel im Heuhaufen gleich. Und trotzdem werde ich genau das tun.

Aber ich werde es geschickt anstellen, denn ich bin kein Idiot, wie er es stets allen sagte («Der Junge ist ein Vollidiot»). Anstatt jeden Tag Pasta zu kochen, wie er sie liebte (ohne Teigwaren und nur mit ein wenig Ziegenkäse, der sich nicht mehr reiben lässt, weil er schon leicht hinüber ist), und dann wie eine verlassene Mutter darauf zu warten, ob er nach mehr als vierzig Jahren wieder einmal zum Essen nachhause kommt, als ob nichts gewesen wäre, werde ich mich aufmachen und ihn im Heuhaufen suchen gehen. Wenn der Onkel nicht zur Pasta kommt, geht die Pasta zum Onkel. Das wussten schon die Japaner, obwohl sie Milchprodukte schlecht verdauen können. Wenn etwas nicht kommen will, muss man selber hingehen. So einfach ist das, auch wenn es nicht einfach werden wird, denn ich habe eine Heuallergie und keine Ahnung, wie er heute aussehen könnte. Ich war erst 12 Jahre alt, als er verschwand, vergessen wir das nicht, und einer seiner unumstösslichen Grundsätze hatte immer gelautet: «Einem erwachsenen Mann schaut man nicht ins Gesicht. Vor allem nicht vor und nach dem Essen.»

Ich habe das damals nicht verstanden und konnte es mir schlecht merken, aber seine linke Hand erinnerte mich jedes Mal daran, wenn ich in meiner treuherzigen Bewunderung zu ihm hochblickte. Es macht auch heute, wenn ich es mir überlege, nicht wirklich Sinn. Nach den Mahlzeiten konnte ich mir ja erklären. Wegen den Speiseresten rund um den Mund. Aber warum vor den Mahlzeiten? Und warum galt die Regel nur für mich?

Wenn ich mich nun aufmache, ihn zu suchen, denn genau das werde ich tun, habe ich wenig Anhaltspunkte. Eigentlich fast gar keine. Ich werde meinem Instinkt folgen müssen, der in nunmehr drei erfolglosen Jahrzenten als Privatdetektiv zu einer gnadenlosen Bestie gereift ist, die sich wie ein unerbittlicher Spürhund auf eine Fährte heftet, auch wenn diese am Ende ins Nichts führt, wo es schwierig sein kann, noch ein Hotelzimmer mit W-Lan zu kriegen.

Dieser neue Fall, denn ein Fall ist es nun, wo ich beschlossen habe, Zio Matteo zu suchen, auch wenn mich niemand dafür bezahlen wird, kündigt sich in vielfacher Weise als mein schwerster an, denn es geht um meine Familie, oder um das, was ich bis heute dafür halte. Ein Onkel ist ein Onkel, bis es sich herausstellt, dass er gar kein Onkel ist. Aber das würde mich bei Zio Matteo erstaunen, denn er hat eindeutig die Nase der Dettis. Ich bin also ganz direkt betroffen, und das kann heikel sein, weil man, wenn man nicht aufpasst, emotional reagiert, und wenn man als Fahnder seinen Emotionen folgt anstatt den Fakten, kann einen das in die Irre führen. Ich werde meine Emotionen also aus dem Ganzen raushalten, so gut es eben geht, und werde mich an die Fakten halten, an die Indizien, und dabei meinem Instinkt folgen, wobei dieser nicht mehr warten wollte und bereits abgereist ist.

Als ich mich letztes Wochenende zum x-ten Mal durch meine Notizen wühlte, auf der Suche nach dem Detail, das ich bisher übersehen hatte (denn ich weiss, dass ich etwas übersehen habe), dem einen wichtigen Detail, das mir die Türe öffnen würde in den Raum, von dem aus ein Indiz zum anderen und das letzte in ein rauchgeschwängertes Hinterzimmer zu Zio Matteo führen würde, wo er gerade seine letzten drei Freunde abzockte, hörte ich eine andere Türe ins Schloss fallen, obwohl ich nur in einem Mietblock lebe, und ich wusste sofort, das war meine Wohnungstüre, und mein Instinkt war auf dem Weg zum Flughafen.

Wenn Sie sich jetzt Sorgen machen, wie ich den Fall ohne meinen berühmten Instinkt je lösen werde, kann ich Sie beruhigen. Ich weiss meinem Instinkt zu folgen. Wir sind ein gut eingespieltes Team, wenn man das so sagen kann, und wir ergänzen uns wunderbar. Er legt sofort los, wenn er auf eine Spur stösst, ohne zu zögern, wie ein Hund, der eine Fährte aufnimmt und unvermittelt losrennt, weil er nicht anders kann, er verliert keine Zeit, weil Zeit kostbar ist, während ich der Bedächtigere von uns beiden bin, weil ich weiss, dass vergeudete Zeit sich nicht mehr aufholen lässt und dass man manchmal zuerst warten muss, um schneller ans Ziel zu kommen. Man muss das richtige Schuhwerk wählen, bevor man in den Wagen steigt, und es schadet nichts, den Wagen vollzutanken und zu wissen, wohin die Reise geht, und wieviel das Dauerparken am Flughafen kostet, bevor man ein Ticket kauft.

Ich recherchiere also, ich wäge ab, ich überlege, ich mache mir Notizen und lese sie immer wieder durch. Ich mache Hypothesen und verwerfe sie wieder, ich koche mir etwas Kleines. Ich bin kein Feinschmecker wie Montalban, ich schiebe vielleicht eine Pizza in den Ofen. Später gehe ich dann doch auswärts essen, weil ich vergass, den Ofen einzuschalten, und wenn ich zu einem Schluss gekommen bin, spätabends, wenn die Fakten im milden Abendlicht ihre bedrohliche Absolutheit verlieren, dann reise ich meinem Instinkt nach und wir vergleichen bald darauf in einem Hotelzimmer meine Notizen mit seinem Gefühl, seine Spesen mit meiner Kreditkarte und meinen Geist mit seinen Träumen, denn er träumt viel und ich weiss seine Träume zu deuten, oder besser gesagt, weil Traumdeutung ein grosses Wort ist: ich weiss aus dem wirren Durcheinander seiner Phantasien, die ihm ein Unterbewusstsein vorgaukelt, das er tagsüber mit mir teilt, diejenigen Anzeichen herauszufiltern, die uns weiterbringen könnten.

Während er ihm also bereits hinterherjagt, meinem Onkel Matteo oder seinem Phantom, sitze ich in aller Ruhe hier, an meinem Küchentisch in einer Zweizimmerwohnung mit Balkon in Zürich-Oerlikon, und mache mich mit der mir eigenen Systematik daran, mir zurechtzulegen, was ich weiss. Ich gehe immer so vor, systematisch, und es hat sich bewährt. Nur einmal habe ich versucht, mir zurechtzulegen, was ich nicht weiss. Das hat dann wirklich lange gedauert und mir ging nach vier Tagen das Notizpapier aus, obwohl ich davon immer einen anständigen Vorrat zuhause habe, denn man weiss nie, was man weiss, wie Kurt Wallander immer sagte, bevor man realisiert, was man übersehen hat. Vielleicht sagte er auch etwas Anderes, denn seine Bücher sind aus dem Schwedischen übersetzt, und mein Englisch ist nicht sehr gut, aber ich kaufte das Buch am Flughafen in Reykjavik und Zio Matteo hasste den Norden sowieso – ganz sicher kein Ort, wo man ihn suchen musste.

Was habe ich also, um die Suche nach ihm zu starten? Der Name hilft, wie ich anfangs erklärte (Sie können das gerne nachlesen), kaum weiter. Es gibt unzählige Nicks, ganz abgesehen von den Niks und den Nics (obwohl ich nie einen Nic traf) und nicht zu reden von den Nicolas, den Nickolausen und den Niklasen und ganz zu schweigen von Namen wie Peter oder Rolf, die mit dem Fall herzlich wenig zu tun haben, obwohl auch sie früher einmal geläufig waren und in ihrer Zeit überdurchschnittlich oft auf Garderobenschränken auftauchten. Meine Generation trug weisse Unterhemden, an denen die Mutter ein Namensschildchen aus Stoff angebracht hatte. Ich könnte weinen, wenn ich an ihre Hände denke.

Namen konnten einen rasch in die Irre führen. Man durfte ihnen nicht auf den Leim gehen. Nick selber sagte einmal: «Namen und Amen», und als ich ihn fragte, denn ich fand es gut: «Von wem stammt das, Zio Matteo, und was bedeutet es?» (wobei ich darauf bedacht war, ihm nicht ins Gesicht zu schauen, denn wir waren gerade dabei, vom Tisch aufzustehen), antwortete er, während er seine Serviette faltete und neben seinen Teller legte: «Namen gehören auf Grabsteine», du kleiner Idiot. Ach so, sagte ich, obwohl ich noch immer und nun noch viel weniger verstand, was er meinte, aber ich wollte seine Geduld nicht strapazieren und er haute mir eine runter.

Was also habe ich, um die Suche zu beginnen und meinem Instinkt nicht einen fast uneinholbaren Vorsprung zu geben? Sein Aussehen sagen Sie? Ich bitte Sie. Sein Aussehen konnte sich in den 40 Jahren, in denen er mich nicht gesehen hatte (wobei ich Zweifel daran habe, dass er mich überhaupt je wirklich wahrgenommen hat) total verändert haben. Dazu kommt, dass er schon damals keine besonderen Kennzeichen hatte. So stand es jedenfalls auf der knapp gehaltenen Fahndungsmeldung, als er kurz nach der Ermordung von JFK von der Bildfläche verschwand.

Wie sie das fast zweieinhalb Zentimeter grosse, krebsrote Muttermal auf seiner linken Backe übersehen konnten, ist mir noch heute ein Rätsel. Der einzige Schluss, den man daraus vielleicht ziehen kann, nachdem einem die verflossene Zeit die Naivität aus den Gehirnwindungen gespült hat, wie ein Entkalker den Kalk aus einer Espressomaschine, ist, dass er die Polizei damals in der Tasche hatte. Die wollten ganz offensichtlich nicht, dass man ihn fand. Sie zogen es vor, ihn für immer zu suchen, und dafür zweimal bezahlt zu werden, von ihm und von den Behörden, und dabei stellten sie sich offenbar sehr geschickt an, denn sie fanden ihn nie.

16. Mai 2016

Cunard Line

Der neunte Mann

30. Januar 2016

Gestern haben sie den neunten Planeten entdeckt. Nicht gestern, vor Kurzem. Vor ein paar Tagen. Vielleicht ist es auch schon zwei Wochen her. Was willst Du von mir?
Was spielt das für eine Rolle, wenn der Neue 10’000 Jahre oder länger braucht, bis er die Sonne einmal umrundet hat? Er hat alle Zeit des Universums. Planeten machen ja sonst nicht viel, ausser die Sonne umrunden und ein wenig an ihrem Schwerefeld arbeiten. Man zieht ja andere nicht einfach so an. Da stecken Lichtjahre im stellarischen Kraftraum dahinter und konsequent gesunde Ernährung. Nur Rohmonde und kein Sternenstaub zwischen den Mahlzeiten.

Einen Namen haben ihm die Forscher noch nicht gegeben. Ist auch nicht einfach, wenn man jemanden noch nie gesehen hat. Stell Dir vor, sie nennen ihn «Däumelein» und dann stellt sich später heraus, dass er zehnmal so schwer ist wie die Erde. Ein ziemlicher Brocken. Wahrscheinlich ist er deshalb so langsam unterwegs. 10’000 – 20’000 Jahre, bis er einmal die Runde gemacht hat. Was, wenn er dann endlich vorbeikommt, und es ist gerade keiner da?

Dass es ihn gibt, schliessen seine Entdecker aus Beobachtungen und Berechnungen. Ansammlungen von anderen Körpern im All, die sich seltsam verkrümmen und erst nachhause gehen, wenn die letzte Bar schliesst. Forscher, die sich mit dem Phänomen befassen, heissen Trujillo und Sheppard, Batygin und Brown aber auch ein Schafhirte auf den Färöern, der nicht beim Namen genannt werden will, soll eisige Brocken gesehen haben, die sich nachts gefährlich neigten und auf Zurufe nicht reagiert haben sollen. Seine Hunde hätten irgendwann aufgehört, sie zu verbellen. Es sei kalt gewesen. Unheimlich kalt.

Etwas ist schief, wenn man als Laie die Berichte der Wissenschaftsjournalisten liest. Ich komme aber nicht dahinter und bin auf meine eigenen Vermutungen angewiesen. Ich vermute, ein mittelalterlicher Chronist hätte es damit bewenden lassen, festzuhalten, dass an einem bestimmten Tag in einem Dorf nahe eines bekannten Flusses ein Wolf während der Messe in die Kirche eingetreten sei, den Altar zweimal umrundet und die Kirche dann wieder verlassen habe. Das musste dann erst Jahrhunderte später interpretiert werden. Damals wussten alle, die auf den harten Bänken sassen, was das hiess, und gingen wortlos nachhause.

Heute reicht uns das nicht mehr. Wir geben sämtliche Daten in ein Computermodell ein, welches über Nacht das Universum simuliert, und wenn die Raumpflegerin eine Spionin wäre, würde sie den Papierkorb am Morgen umsonst leeren. Alles restlos untersucht und spurlos verstanden.
Aber dieser neunte Planet ist auch für uns nicht einfach einzuordnen. Er hat eine unglaublich lange Bahn, und er ist extrem weit draussen. 30 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt. Da wird niemand richtig braun. Aber wir geben nicht auf. Er kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben, dieser Wolf. Und es ist mir völlig egal, wie lange die Suche dauert, ist das klar? Das Planetenjahr dauert 10’000 Erdjahre. Ausschwärmen!

Schauen wir kurz zurück. Wie weit sind wir gekommen, seit wir Neptun entdeckt haben? Wir glaubten den lustigen Zwergstern Nemesis entdeckt zu haben, der alle 26 Millionen Jahre durch das Sonnensystem flitzt und mit leeren Dosen um sich wirft, und Tyche, seine gutaussehende Schwester, die bis dahin unbescholtene Kometen mit ihrem Lachen aus ihrer Umlaufbahn wirft. Dann mussten wir zugeben, uns geirrt zu haben. Dann starb David Bowie und nun will man uns glauben machen, es gäbe einen neunten Planeten, der zehnmal so gross sei wie die Erde und mit seiner starken Anziehungskraft seine Umgebung gesäubert habe – da fliegt nichts mehr herum. Zudem soll er ein Gasriese sein, seine Oberfläche von Furzgewittern überzogen.

Was wissen wir wirklich? Was ist gesichertes Wissen? Wie oft haben sich Annahmen, aus denen wir auf die Existenz von Planeten oder nachsichtigen Steuerbeamten geschlossen haben, im Nachhinein als falsch erwiesen?

Als Clyde Tombaugh endlich jenen Planeten X entdeckte, den sie später Pluto nannten, stellte er fest, dass er zu klein war, um die zuvor von Lowell verfolgten Auffälligkeiten in den Bahnen von Uranus und Neptun zu erklären. Er war auch zu klein, um eingeschult zu werden, und musste ein zusätzliches Kindergartenjahr absolvieren. Später stellte sich heraus, dass die Bahnen von Uranus und Neptun gar nicht so ungewöhnlich waren und es sich bei den vermeintlichen Unregelmässigkeiten um Messfehler handelte. Noch später wurde Lowell als eine Erfindung von Clyde Tombaugh entlarvt, der ihn nur deshalb erschaffen haben soll, um ihn zu widerlegen.

Trotzdem spekulieren wir weiter. Ein gefundenes Fressen für die Hunde des Schäfers, den sie jedes Mal fragen, wenn wieder irgendetwas auftaucht, was man noch nicht sieht. Er lässt sich in Hundefutter bezahlen und lacht sich in den Fäustling, wenn sich die Reporter wieder von dannen machen, während die Forscher daran festhalten, dass hinter dem Kuipergürtel nichts mehr kommt. Seien wir ehrlich: Niemand weiss, wie es im Niemandsland aussieht. Das sind wir der Logik schuldig. Sie war uns lange ein treuer, wenn auch manchmal tyrannischer Begleiter.

Ich könnte noch lange fortfahren, aber ich will es kurz machen, denn morgen ist ein ganz besonderer Montag. Das ganze Missverständnis lässt sich so zusammenfassen: 2014 berichtete Trujillo von einem Körper jenseits des Kuipergürtels. Er nannte ihn 2012VP113. Batygin und Brown waren überzeugt, dass Trujillo wieder getrunken hatte und schauten sich die Sache nur deshalb genauer an, um ihn endlich zu einer Entziehungskur zu überreden. Zu ihrem grossen Erstaunen mussten sie feststellen, dass Trujillo trocken war und es sich bei 2012VP113 um eine prall gefüllte Handtasche handelte, die Trujillos Frau zwei Jahre zuvor in San Francisco gestohlen worden war. Sie gaben auf und wiesen sich selber in eine Nervenheilanstalt im Norden Kaliforniens ein, wo sie die Belegschaft und die Insassen jeden Freitagabend mit einem vierhändigen Klavierrezital erfreuen.

Ihre Pfleger sind überzeugt, dass sie die Furzerei irgendwann in den Griff kriegen werden. Auch Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun seien schliesslich Gasplaneten, und es gäbe heute Medikamente gegen Wolfhaarallergien.

Nun muss ich aber wirklich Schluss machen. Für morgen hat sich ein Mitarbeiter auf der Botschaft angekündigt, der einen so langen Arbeitsweg hat, dass er nur alle sechs Jahre einmal zur Arbeit erscheint. Er arbeitet dann einen ganzen Tag und soll dem Vernehmen nach Ausserordentliches vollbringen. Mein Vorgänger hat ihn einmal erlebt und erzählt noch heute von ihm. Die Lokalangestellten ranken zahllose Geschichten um ihn. Sie nennen ihn den neunten Mann. Ich habe keine Ahnung wieso, und keiner konnte es mir erklären. Ich bin unheimlich gespannt auf ihn.

30.01.2016

Herbsthase (irgendwo in Potomac)

30. Januar 2016

Herbstherbst 1

Luther, leicht gestresst

18. September 2015

Gegen Ende dieses Sommers weilten wir kurz zu Besuch bei einem befreundeten Paar, das wir, seit wir nicht mehr im selben Land wohnen, einmal im Jahr sehen. Der Sommer ging bereits zur Neige und ich war ebenso müde, weil unsere Ferien noch bevorstanden, wie froh, sie zu sehen.

Irgendwann zwischen Gott und der Welt, über die wir lange bei Rotwein und Wähe redeten, wollte ich eine alte Dame zitieren, die, als sie nicht nur sehr alt und gebrechlich, sondern auch von schweren Krankheiten geplagt war, auf die Frage, wie es ihr gehe, geantwortet haben soll: „Es gibt gute und es gibt …. Tage.“ Mir fiel weder der Schluss des Zitats noch dessen Autorin ein, was mich geärgert hätte, wäre ich dafür nicht zu müde gewesen. Ich konnte mich nur noch erinnern, dass es eben nicht die handelsüblichen guten und schlechten Tage waren, sondern etwas anderes, positiveres, aus dem eine wunderbare Dankbarkeit sprach, noch am Leben zu sein.

Wieder zuhause kam mir dann ohne Grund und Anstrengung in den Sinn, wie simpel und einfach der Ausspruch war, dessen zweiten Teil ich wegen meiner damals die Oberhand gewinnenden Müdigkeit nicht mehr zusammengekriegt hatte. Es gibt gute und es gibt weniger gute Tage.

Ich googelte das Zitat, um zur Autorin zu gelangen, die unterdessen längst, daran erinnerte ich mich, an einer ihrer Krankheiten oder an ihrem Alter gestorben war. Sie war aber, wie ich feststellen musste, nicht nur verstorben, sie war auch verschwunden. Vielleicht hatten ihre Erben von Google verlangt, ihre Spuren im Netz zu löschen oder sie zumindest zu verwischen und eine Anzahl falscher Fährten zu legen, damit man ihre liebe Urgrossmutter, Grossmutter und Mutter, die – ich wünsche es ihr – an einem guten Tag sanft entschlafen war, nicht dauernd aufspüren und zitieren würde (Was soll ich gesagt haben?). Ich fand sie jedenfalls nicht. Dafür fand sich unter den ersten 20 Treffern mindestens zehnmal folgender Satz: ”Ich bin übrigens nie gestresst. Es gibt nur gute und weniger gute Tage, um mir eine Kettensäge zu überlassen.“

Nachdem ich mich endlich von meinen nicht enden wollenden Lachkrämpfen soweit erholt hatte, dass mein Kleinhirn seine Funktion wieder aufnahm, begann ich über dieses blödsinnige Zitat nachzudenken, mich gleichzeitig fragend, ob es hilfreich oder wünschenswert wäre, wenn wir beim Lachen denken könnten. Ich machte mir eine geistige Notiz, mir den Zusammenhang zwischen Lachen und Denken in einem ruhigen Moment näher anzuschauen. Und dann schaute ich kurz hin.

Muss man denken können, um zu lachen (zum Beispiel, um einen Witz zu begreifen), oder lachen wir oft gerade deswegen, weil wir nicht oder zu spät denken? Darf man lachen, nachdem man lange und ergebnislos nachgedacht hat, oder sollte man sogar? Wäre es ratsam, jedes Mal zuerst zu lachen, bevor man nachzudenken beginnt, weil man danach oft nur noch wenig zu lachen hat? Und ist alles, was lächerlich ist, automatisch unbedenklich, während vieles, was durchaus denkbar ist, überhaupt nicht zum Lachen wäre?

Ich beschloss nach dieser spontanen und völlig unzulänglichen Auslegeordnung, das Thema als abgehakt zu betrachten und strich die geistige Notiz wieder aus meiner ohnehin dem Vergessen geweihten Liste. Der ruhige Moment kommt erfahrungsgemäss nie. Und wenn er wider Erwarten doch einmal käme, wäre ich bestimmt wieder so müde, dass mir nur die Hälfte der Liste in den Sinn käme, und wahrscheinlich die weniger spannende. Legen wir uns hin.

Zwischen all den Kettensägen, die auf fast jedem Blog, der etwas auf sich hält, zum festen Bestand zu gehören scheinen, meldete sich, vom vielen Predigen heiser und durch Jahrhunderte abgedämpft nur noch halblaut, Martin Luther. „Die Welt kann nichts weniger ertragen als gute Tage.“

Über die theologische Deutung dieser Aussage, liebe Gemeinde, bin ich mir im Unklaren und werde es ebenso bleiben, wie bezüglich ihres reformatorischen Gehalts. Wenn ich versuche, den Satz losgelöst vom Autor zu verstehen, im Freien sozusagen, stelle ich fest, dass sich mir auch dann nicht ohne weiteres erschliesst, was mit der Welt gemeint ist. Was genau soll sie kaum ertragen? Und wie würde sich das äussern? Es scheint mir doch so zu sein: Die Welt erträgt alles und geht zugrunde daran.

Sollten mit der Welt aber die Menschen gemeint sein, bleibt mir die volle Einsicht ebenfalls versagt. Die Menschen brauchen gute Tage, und sie ertragen sie auch. Dass in diesen guten Tagen vieles schief läuft (vielleicht weil man nicht lachen und gleichzeitig denken kann?) und einige von uns auf Abwege geraten, weil und während es ihnen gut geht, mag sein. Ist so. Und jetzt?

Vielleicht wurde Luther ja föllig valsch zitiert und keiner hält es für notwendig, das Zitat zu korrigieren. Vielleicht hat er ursprünglich gesagt: „Man soll den Rasen nicht mit dem Mäher mähen, den Baum nicht mit der Säge fällen. Nimm die Axt, Eugen, und Finger weg von Motoren!“.
Oder sein Gedanke über die guten Tage musste, um die lange und beschwerliche Reise durch die Jahrhunderte zu überstehen, einen Teil seines tieferen und dadurch schweren Sinns zuhause im 16. Jahrhundert lassen. Alles hat einfach nicht Platz, wenn man leicht reist, und Koffer aus Aluminium gab es noch nicht.

Vielleicht hätte Luther etwas ganz anderes gesagt, wenn es damals bereits Motorsägen gegeben hätte. Oder er hätte sich angewidert abgewendet, weil ihm ein Rad vom Koffer gebrochen wäre, und hätte das Ganze als unreformierbar deklariert, Kirche und Menschheit. Nur eine einzige These an der Türe: Macht doch was ihr wollt.

Das will ich aber nicht glauben. Grosse Reformatoren darf man nicht abschreiben, nur weil man ein Zitat nicht ganz versteht. Am wahrscheinlichsten ist, wie so oft, dass es an mir liegt. Ich bin ja nicht blöd. Es gibt nur gute und weniger gute Tage, um mich einen Blog-Eintrag schreiben zu lassen.

18. September 2015
Neulich, im Burgund

Neulich, im Burgund

Von starken Käfern, beinahe ewigem Eis und verblüffend guten Fragen

3. August 2015

„Gab es so etwas früher, ich sage einmal vor etwa 150 Jahren, auch schon einmal?“
Die Frage stammt aus einer heute früh gehörten Radioreportage über das dieses Jahr besonders starke Schmelzen der Gletscher in den Schweizer Alpen.
Die Antwort lautete, und ich war total überrascht:
„Vor 150 Jahren gab es bereits einmal ein ähnliches Phänomen, im Anschluss an eine sogenannte kleine Eiszeit…blah blah blah…“
Ich habe glatt den Rasierpinsel fallen gelassen vor Verblüffung. Der Reporter stellt eine Frage, auf die der Interviewpartner die exakt passende Antwort bereithält. Als ob der Reporter die Antwort vorausgeahnt hätte, die doch, so scheint mir, beträchtliche Fachkenntnisse voraus setzt. Ist er vielleicht Hobby-Glaziologe?
Eigentlich ist er doch der, der stellvertretend für uns Radiohörer einem Experten die Fragen stellt, damit wir unser Wissen erweitern können. Wie kann er bloss bereits gewusst haben, dass gerade vor 150 Jahren… ich meine… also wirklich! Ein kleines Wunder. Und in jüngster Zeit ein sehr häufiges am Schweizer Radio. Die wissenden Reporter, die mit ihren unglaublich genau gezielten Fragen ihren Interviewpartnern die Möglichkeit geben, genau die passenden Antworten zu geben. Toll!

„Frau Professor Welldall, haben die neusten Bilder vom Planet Pluto eine – ich rate jetzt Mal ins Blaue hinaus – besondere Häufung von steilen Eisbergen zu Tage gebracht?“
„Die Wissenschaftsgemeinde ist in der Tat völlig verblüfft ab dem vielen Eis, das sich in bizarren Formen…“
„Und hat dieses viele Eis vielleicht auch einen Nachteil…?“
„Da legen Sie den Finger auf einen wichtigen Punkt, der grosse Nachteil des Eises ist (neben seiner Kälte)….“

OK, man weiss, oder man kann es sich als Laie zumindest gut vorstellen, wie diese aufgezeichneten Interviews zustande kommen. Die Reporter müssen dem Interviewten die Fragen zur Genehmigung vorlegen, oder sie kriegen vom Interviewten Fragen suggeriert, die sie dann stellen dürfen, weil der Interviewte nur sie (und nicht andere) beantworten kann oder will.

Was dabei steril und lächerlich wirkt, ist, wenn die Reporter so tun, als stellten sie tatsächlich Fragen, und dann wird durch die Art ihrer Fragen, die keine Fragen sind, sondern Steigbügel oder Steilpässe in den Fünfmeterraum, jedem halbwachen Deppen, der beim Rasieren Radio hört, klar, dass der Reporter seine Fragen erst ausformuliert hat, als er die Antworten schon kannte, dieses schlaue Kerlchen.

„Herr Professor Blattlauz, könnte es unter Umständen sein, dass dieser Käfer eine ganz besondere Fähigkeit hat, zum Beispiel bezüglich des Verschiebens von Lastkraftwagen an Sandstränden?“
„Dieser Käfer kann in der Tat einen voll beladenen Sattelschlepper mit zwei seiner acht Vorderbeine über eine Distanz von 380 Metern schleppen, während er sich rückwärts kriechend mit zwei weiblichen Exemplaren seiner Gattung paart, die er erst kurz davor zufällig kennengelernt hat.“

Wer genau soll bei dieser stupiden Inszenierung verarscht werden? Soll die beruhigende Illusion vermittelt werden, dass unter uns Experten sind, die auf alle Fragen eine Antwort wissen? Oder- eine noch kühnere Vermutung – will man uns weis machen, dass unsere Reporter echt klug sind, indem sie nach kurzen Recherchen in jedem beliebigen Gebiet genau die richtigen Fragen stellen, die dann zu interessanten und wirklich wissenswerten Antworten führen?

Der Volksmund sagt, es gebe keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Die Interviewkultur am Schweizer Radio legt den Schluss nahe, dass sich der Volksmund mal wieder mit dem Volksohr unterhalten müsste, das sich all diese bekloppten Interview-Fragen anhören muss.

„Frau Dr. Malgut Hörguthin vom Medieninstitut Heilbronn: Kann es sein, dass diese Fragen in den allermeisten Fällen (vermutlich mehr als 99%) so gestellt werden, dass genau die passende Antwort erfolgt?“
„Auswertungen von 260‘000 aufgezeichneten Radio-Interviews über die letzten 15 Jahre haben tatsächlich ergeben, dass nur in 0,0036% aller Fälle die Antwort überhaupt nichts mit der Frage des Reporters zu tun hatte. Im einem der beiden Fälle war der Interviewpartner eine fiktive Person, die andere Reportage wurde nie ausgestrahlt.“

Mein Tipp an die Radioleute wäre, dass ab und zu auch in einem aufgezeichneten Interview eine Frage eingestreut wird, auf die der Interviewte Experte keine genau passende Antwort hat.

„Wann fanden im während der Regenzeit schwer zugänglichen Teil von Süd-Polynesien die letzten regionalen Vorausscheidungen für die olympischen Titelkämpfe im freihändigen Scherenschnitt statt?“
„Das weiss ich nicht.“
„…überhaupt nicht?“
„Nein.“

Oder wo der Gefragte nachfragen muss, wie die Frage gemeint war, weil er nicht verstanden hat, was der Reporter genau wissen wollte.

„Wie alt ist ihre Schwester?“
„Meinen Sie meinen Bruder?“

„Könnte man sagen, es sei gefährlich, die Dinge in ein Schwarz-weiss-Schema zu pressen?“
„Wie meinen Sie das genau?“
„Gut gegen Böse…“
„Worauf wollen Sie hinaus..?“
„Hänsel und Gretel…?“
„Ich habe keine Ahnng, was sie damit sagen wollen…“
„Lolek und Bolek?“
„OK, das reicht mir. Ich betrachte dieses Gespräch für beendet!“
„Schnee gegen Wittchen….?“

Irgendetwas, etwas Kleines würde schon genügen, irgendein Hinweis, der uns den Eindruck geben könnte, es hätte so etwas wie ein wirkliches Gespräch zwischen dem Reporter und dem Experten stattgefunden. Gebt uns irgendeinen Grund dafür, bitte, warum es die Fragen des Reporters braucht. Wenn sie alles im Voraus wissend von einer Aussage zur anderen führen, sind sie nicht nur absolut überflüssig, sondern auch ziemlich peinlich.

„Ist der Abendhimmel über Konkilpiti gleich wie jeder andere Abendhimmel oder können Sie uns von etwas ganz Besonderem berichten, was zum Beispiel fliegt?“
„Wirklich gut, dass sie mich das fragen. Der Abendhimmel über Konkilpiti ist im Gegensatz zu allen anderen Abendhimmeln hellgrün und es fliegen von hinten abbrennende Zebras von links nach rechts bevor sie praktisch ungebremst in eine abgefackelte Palme rasseln, diese dummen Tiere.“

Wenn jede Frage nur zeigt, dass der Fragesteller die Antwort schon kennt, kann man die Fragen ja auch weglassen und die kostbare Sendezeit ganz dem Experten zur Verfügung stellen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wieviel sensationelle Erkenntnisse ich verpasst habe, wieviel wirklich Wissenswertes, was meinen Horizont erweitert hätte, weil ich mir stattdessen anhören musste, welch kluge Fragen die Reporter des Schweizer Radios stellen.

„Und wenn er den Sattelschlepper dann genügend lange durch den Sand gezogen hat, verscharrt er ihn mit seinen schaufelförmig ausgebildeten vorderen Seitenlaschen, die früher Kiemen waren, innert Kürze im Sand und legt sich dann auf der erstbesten Düne zu einem ausgedehnten Nickerchen nieder, von dem er erst wieder durch das Schreien seiner durchschnittlich 80-100 Kinder geweckt wird, die er während der Aktion gezeugt hatte. Er wird ihnen Eis und Strandspielzeuge besorgen und sich die nächsten vier Wochen, bis sie selber Lastwagen ziehen können, alleine um ihre Aufzucht kümmern müssen, denn die Weibchen des Cora Corazins erscheinen nur zur Paarungszeit und verbringen den Rest ihres kurzen Lebens in kleinen Dachmansarden in Vororten von Paris, wo sie alte Modemagazine lesen und einander über ein erst unvollständig erforschtes Kommunikationssystem den ganzen Tag Kurzmitteilungen senden.“

„Vor 150 Jahren waren die Gletscher nicht nur grösser, sondern auch bis zu anderthalb Jahrhunderte älter als heute. Es gibt deshalb nicht wenige in der rasch schmelzenden Gemeinde der Glaziologen, die überzeugt sind davon, dass sich an den Alpengletschern mit grosser Exaktheit ablesen lässt, wieviel älter sie vor 150 Jahren waren, und zwar nach der sogenannten Altersbestimmungsformel von Professor Hans Erwin Lebenslang: Alter des Gletschers geteilt durch Anzahl rein rhetorisch gestellter Fragen pro Interview multipliziert mit irgendetwas sehr Grossem, weil man das Resultat sonst von blossem Auge nicht sehen könnte, vor allem dann nicht, wenn man hinter einer Hausecke steht und gerade auf seine Sonnenbrille getreten ist, die einem beim Bücken nach dem Sinn des Lebens aus der Hemdtasche gefallen ist.“

„Vielen herzlichen Dank Herr Professor für dieses hoch interessante Gespräch.“
„Das war gar kein Gespräch, das war ein Monolog…“
„War trotzdem sehr interessant…“
„Wieso trotzdem? Warum nicht erst recht?“
„Ach Sie wissen schon, wie ich es meine.“
„Nein.“
„Dann halt nicht. Ich gebe zurück ins Studio.“
„Was für ein Studio? Ich war noch nie in einem Studio. Schon gar nicht mit Ihnen.“
„Ich gebe zurück auf den Planeten Pluto.“
„Sind Sie jetzt völlig durchgedreht?“
„Tango Bravo. Over and out…!“
(Kratzgeräusche, dann sphärisches Rauschen das bis zur Preisverleihung andauert)

Wahlkampf

3. August 2015

Vollidioten