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Nichtfliegermeilen

22. Januar 2017

Irgendwann fliegt man nicht mehr. Mein erster Schwiegervater wäre Pilot gewesen. Leider starb er, bevor er es geworden wäre. Sein letzter Flug lag zudem bei seinem frühen Tod schon ein paar Jahre zurück. Mein zweiter Schwiegervater war im Krieg. Er konnte nie selber und darf jetzt gar nicht mehr fliegen. Er hat eine Aorta, durch die ein Hamster mit gefüllten Backen kriechen könnte. Sein letzter Flug führte vor ein paar Jahren nach Istanbul und wieder zurück nachhause.

Ich weiss, was Sie jetzt denken, und ja, der Hamster könnte noch alleine fliegen. Aber Hamster können bei den meisten Airlines nicht fest buchen und es ist schwierig, stand by zu sein, wenn man schlecht stillstehen kann. Vielleicht sollten wir es mit einem Hamsterrad im Check-in-Bereich probieren. Es wäre sein grösster Wunsch, das Touch Namal zu sehen, die Geburtsstätte des Goldenen Hamsters in Petshopistan.

Was mich betrifft, so bereitet mir die Vorstellung, vielleicht bald einmal nicht mehr fliegen zu können, keine schlaflosen Nächte. Sie hat für mich eher etwas Beruhigendes, denn ich gehöre zu den Menschen, denen das Fliegen Mühe bereitet. Ich musste einen kurzen Moment lang der Versuchung wiederstehen, «ich hasse fliegen» zu schreiben. Aber das wäre übertrieben gewesen und ich habe mit dem Ausdruck «hassen» mehr Mühe als mit dem Fliegen.

Hassen wird viel zu oft gebraucht von Leuten, die etwas nicht mögen. Ich hasse Kuchen. Ich hasse Überstunden. Ich hasse lila Schuhe. So, wie viele Leute heutzutage etwas zu lieben meinen, was sie mögen oder gerne haben. Man wird aber nicht jeden Morgen geboren, man wacht auf. Und man stirbt nicht jeden Abend, man schläft ein.

Ich werde wahrscheinlich noch ein paar Jahre fliegen müssen. Das hat mit meinem Beruf zu tun, der etwas mit der Welt zu tun hat. Wenn ich eines nicht mehr allzu fernen Tages meinen Beruf nicht mehr ausüben werde (ich bin nach fast dreissig Jahren ordentlich geübt darin und irgendwann werde ich ausgeübt haben), werde ich nur noch fliegen, wenn es unumgänglich ist, weil man dahin, wo ich gehen will, weder gehen noch schwimmen kann.

Und ich werde selber bestimmen, wann ich fliegen muss. Wenn es nicht sein muss, werde ich es sein lassen. Wenn man alt wird, stelle ich mir vor, muss man nicht mehr alles machen. Wenn einem die Zeit langsam ausgeht, geht es darum, möglichst viel sein zu lassen.

Es wird in meinem Fall eine kurze und abschliessende Liste von Gründen geben, warum ich noch fliegen werde, und die Gründe werden praktisch alle Namen von Personen tragen, die mit mir verwandt oder eng befreundet sind. Nicht auf der Liste sein werden Orte, die ich unbedingt noch sehen möchte. Was soll ich dort?

Allenfalls könnte es der eine oder andere Ort auf die Liste schaffen, den ich noch einmal sehen möchte. Aber ich werde mir das sehr gut überlegen, weil es bekanntlich völlig unmöglich ist, an einen Ort zurückzukehren. Wenn es einer ab und zu trotzdem versucht hat, hat er danach ein Buch geschrieben (You can’t go back), das als Taschenbuch vergriffen ist und die gebundene Ausgabe ist zu schwer, um sie ins Handgepäck zu nehmen.

Es gibt aber etwas, was dem Zurückgehen sehr nahekommt, und wobei man obendrauf viel Zeit, Geld und Mühe spart. Man bucht einen Flug und denkt bis zum Tag des Abflugs an den Aufenthalt, indem man sich an alles erinnert, weshalb man zurückkehren möchte. Gefühle, Ereignisse, Stimmen, Farben.

Aber anstatt hinzufliegen, um die Erinnerung zu giessen wie eine ins Fotoalbum gepresste, vertrocknete Blume, die kein Wasser mehr zum Blühen bringt. bleibt man zuhause. Im Jargon der Fluggesellschaft wird man so zum no show. Es hat sich einem aber vieles gezeigt, eigentlich alles, was es noch zu sehen gab, darunter Dinge, von denen man vor Ort nur ihr Verschwinden hätte feststellen können. Die einzige Chance, anzukommen, ist nie abzureisen.

Vor ein paar Wochen ist mir in den Sinn gekommen, obwohl der Himmel an diesem Tag nicht heiterhell, sondern bedeckt war, dass die Zeit langsam gekommen sein könnte, mich von den Orten zu verabschieden, die ich sicher nie sehen werde. Es wären kurze Abschiede, denn es gibt nicht viel zu sagen, wenn man sich nicht einmal oberflächlich gekannt hat. Eigentlich gar nichts. Du wirst mir auch weiterhin nicht fehlen? Auf Wiedersehen gilt nicht.

Ich könnte es kurz machen. Zum Beispiel Marrakesch. Es wird bei den Stimmen bleiben, von denen mir Elias Canetti einst erzählt hat. Ich habe das Buch noch, müsste es aber noch einmal lesen, um sie wieder zu hören. Vielleicht ein geeigneter Titel für mein erstes Hörbuch, wenn ich eines Tages nicht mehr lesen kann?

Ich sehe, so geht es nicht. Wenn mir bei jeder Verabschiedung von einer Stadt, in der ich nie war, ein oder zwei Dinge in den Sinn kommen, und das eine führt dann, wie bei mir oft, zum andern, sind wir morgen noch hier. So buchen wir nie einen Flug, um ihn zu verpassen. Dabei lohnt es sich wirklich. Für 80’000 Nichtfliegermeilen kriegt man die Erinnerung an einen Ort freigeschaltet, den man vergessen hat. Oder seinen alten Teddybär zurück.

Frühmensch

22. Januar 2017

urmensch

Kleinwikipedasien – ein Ortstermin

4. September 2016

Antalya kennen wir als Touristen. Lange Strände, an denen sich ein niedlicher Hotelblock an den andern reiht. Charterflüge, Vollpension, reihenweise Liegestühle und am Abend ein mitreissendes Unterhaltungsprogramm, bei dem ein russisch sprechender Zauberer die gealterten Ehefrauen, die sich tagein-tagaus (auch an Sonntagen) für solche Urlaube abgerackert haben, in niedliche Mäuse verwandelt. Was wünscht Mann mit Bauch sich Meer.

Patara ist schon ein bisschen weniger bekannt, obwohl es auch in der Provinz Antalya liegt, zweihundert Kilometer östlich von Antalya, im Landkreis Kaş, an der Mündung des antiken Flusses Xanthos, der heute Eşen Çayı heisst, aber wir bleiben bei Xanthos, weil uns das leichter über die Zunge geht.

Ich war nie in Patara. Es existiert ja auch nicht mehr. Sie können mir trotzdem getrost alles glauben, was ich hier schreibe, obwohl ich es nur bis nach Kas geschafft habe, und auch das ist über drei Jahre her. Alles, was nun folgt, und es ist einiges, haben Leute, die es wissen müssen, so in Wikipedia eingetragen, obwohl ich mich immer frage, woher sie das alles wissen – weil es vor ihrem Eintrag ja nicht in der Wikipedia stand. Haben die zuhause noch ein Lexikon?

Patara war lange Zeit der bedeutendste Hafen der Region. Unter dem Namen Pttara war die Stadt wohl eine lykische Gründung, auch wenn eine spätere griechische Tradition sie auf Pataros, einen liederlichen Sohn Apollons zurückführte, dem eine Affäre mit einem lokalen Orakel nachgesagt wird.

Apollon soll versucht haben, die Affäre seines Sohns zu vertuschen, indem er das Orakel zum Kult erklärte, aber wenig später büsste die Stadt bei Unruhen innerhalb von nur drei Wochen auch noch das zweite und das dritte «a» ein und verlor als Pttr so viel von ihrem einst guten Klang, dass keiner mehr hinwollte, auch wenn die Preise tief und die Winde günstig waren.
Mir reicht’s. Ich nehme jetzt gleich das nächste Schiff nach Pttr.
Nach wo?

Der Hafen musste schliesslich geschlossen werden und heute erinnert kaum noch etwas daran, dass die Stadt unter Alexander dem Grossen eine wichtige Rolle bei den Diadochenkämpfen spielte, bei denen sich die Dorfältesten in langen, farbigen Gewändern mit zwei Meter langen Q-Tipps vom Boot zu stossen versuchten.

Drachmen aus Patara (aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus) sind unter Numismatikern besonders beliebt, weil sie keine Vorderseite haben. Auf der einen Rückseite ist das Portrait des Orakels abgebildet, auf der anderen eine Lyra. Die Bevölkerung von Patara war im Übrigen dafür bekannt, dass sie aus allem ein Römisches Theater machte.

Im ersten Jahrhundert nach Christus weilte der Apostel Paulus im Verlauf seiner dritten Missionsreise kurz in Patara und soll sich über die Fliegen in seinem Zimmer dermassen aufgeregt haben, dass er die Stadt bei seiner vierten und fünften Missionsreise links liegen liess. Im 3. Jahrhundert nach Christus wurde dann der Bischof Nikolaus von Myra in Patara geboren, der später Bischof wurde und den wir noch heute jeden 6. Dezember feiern.

Er soll als Junge mit seinem Onkel nach Myra gezogen sein, weil ihm die Hafenstadt Patara zu laut war. Ihm oder seinem Onkel – die Überlieferung ist ungenau. Wenn er ein wenig gewartet hätte, hätte sich der Umzug vielleicht erübrigt. Wie viele andere Häfen verlandete auch der Hafen Pataras langsam aber unaufhaltsam.

Es ist dies ein Phänomen, das gemeinhin damit erklärt wird, dass die kontinuierliche Sandanschwemmung der Flüsse, an deren Mündung die Häfen liegen (in unserem Fall der Fluss Xanthos), die Hafenbecken auffüllt und nach einer Weile ein neuer Hafen gebaut werden muss, während der alte Hafen sozusagen landeinwärts wandert. So gibt es Häfen, die man im Inland drei oder viermal besichtigen kann, bevor man am Meer den heutigen Hafen besucht, sofern es einen gibt.

Euphanes der Weitsichtige (78-127 n. Christus) hat dieses Naturgesetz früh erkannt und soll den Baumeistern seiner Zeit dazu geraten haben, die Häfen gleich zu Beginn im Hinterland anzulegen, um späteren Generationen die Neugründungen zu ersparen. Seine Schriften waren aber fast unleserlich und deshalb wenig bekannt, was dazu führte, dass die Häfen auch weiterhin an den Flussmündungen gebaut wurden – mit den bekannten Konsequenzen.

Endgültig aufgegeben wurde der Hafen von Patara erst im Mittelalter, als es auch an Lykiens Küsten trotz Leuchttürmen finster geworden war und man aus ökologischen Gründen wieder zur Selbstversorgung überging. Der ökologische Sandalenabdruck war durch den römischen Fernhandel einfach zu gross geworden und nördlich der Alpen hatten sie die andauernden Austern satt.

Systematische Ausgrabungen der Stadt Patara wurden erst in den 2000er-Jahren durchgeführt. Neben Überresten grösserer Bauten (ein römischer Triumphbogen, mehrere Bäder, ein Theater, zwei Aquädukte und drei Aldi-Filialen) fand man auch Reste eines antiken Leuchtturms, dessen Leuchtfeuer seltsamerweise ins Landesinnere gerichtet war.

Diesen August ist Patara wieder in die Schlagzeilen gelangt. Bei Ausgrabungen habe man, so berichteten türkische Zeitungen, ein Pferderelief aus dem fünften Jahrhundert vor Christus gefunden. Der für die Grabungen zuständige Archäologe hat das in einer Basilika entdeckte Relief ohne zu zögern als den aufregendsten Fund seit Grabungsbeginn bezeichnet, weil das Pferd eine Decke trägt und keinen Sattel, woraus sich offenbar schliessen lässt, dass es sich um eine persische Darstellung handelt, womit eine Lücke in der Geschichte von Patara endlich geschlossen worden sei.

Hafen aufgefüllt, Lücke geschlossen – wir fassen zusammen: Ein Relief ist eine künstlerische Darstellung, die sich plastisch vom Hintergrund abhebt. Eine Decke (ein Stück Stoff) anstatt ein Sattel bedeutet, dass das Pferd aus Persien stammt, in Farsi gewiehert hat. Woraus sich abreiten lässt, dass die Perser im 5. Jahrhundert vor Christus tatsächlich in Kleinasien waren, auch wenn sich das aufgrund der Kreditkartenbelege nicht verifizieren lässt.

Ein Pferd ist in vierbeiniger Warmblüter, der alle 30 bis 120 Minuten äpfelt, was sich zu 50 Kilogramm pro Tag anhäufen kann. Im Vergleich zum Dung anderer Tiere riechen Pferdeäpfel nur wenig, während Reliefs geruchlos sind, was Pferdeäpfeln nur versteinert gelingt. Die Farbe der Pferdeäpfel hängt wesentlich von der Nahrung der Tiere ab. Die Farbe von Reliefs hängt hingegen davon ab, wie sie bemalt und ob sie lackiert wurden.

Das Relief steht als Kunstform zwischen der Bildhauerkunst und der Malerei. Auch dies so nachzulesen in Wikipedia. Macht aber wenig Sinn, wenn Sie mich fragen (und Sie sollten mich fragen). Vor allem, wenn der Lack und die Farbe einmal ab sind. Aber ich glaube ohnehin nicht alles, was in Wikipedia steht. Auch anderswo nicht. Ich glaube fast nichts, was ich nicht selber ein wenig verändert habe. Herodot ist ein Schwätzer.

Irgendwo in Bülach

4. September 2016

EVENING

Klein werden

12. August 2016

Ich habe einen acht Jahre jüngeren Bruder. Dass er dieses Jahr 50 Jahre alt geworden ist, tut nichts zur Sache und kann eigentlich nicht stimmen. Wie wenn ein Stromzähler viel zu schnell surrt, anstatt langsam zu ticken. Die Geburtsurkunde gefälscht. Die Kerzen im Angebot. Was weiss ich. Jedenfalls höchst unwahrscheinlich wegen der Rückschlüsse auf mich. Ich habe ihn erst noch als Baby über das Balkongeländer unserer Wohnung im dritten Stockwerk gehalten, worauf er heute noch gerne gewisse Probleme zurückführt, wie etwa Höhenangst und Fussschweiss und andere Dinge, die er gar nicht hat. Dafür hatte er als Junge einen grossen Bruder. Oder mindestens mich.

Ich weiss nicht, warum genau ich das damals gemacht habe, das mit dem Balkon. Eine Mutprobe kann es nicht gewesen sein. Dafür war er zu klein. Ich glaube auch nicht, dass es irgendwie grausam von mir war. Eher idiotisch. Und natürlich gefährlich. Auch wenn ich heute sage, wenn wir darauf zu sprechen kommen und jemand findet es ganz schlimm: Beruhigt euch, Leute, es bestand zu keiner Zeit irgendwelche Gefahr für meinen kleinen Bruder.

Und dann merke ich natürlich gleich, dass ich wie der Sprecher einer Airline klinge, der einen gefährlichen Riss in der Cockpithülle so erklären muss, dass nach dem notgelandeten Jet auch das Vertrauen in die Airline nicht abstürzt. Aber natürlich war bei mir alles viel harmloser. Ich war acht Jahre alt. Ich hatte alles unter Kontrolle. Und warum hat mich meine ältere Schwester nicht gestoppt? Wenigstens von ihr hätte man ja erwarten dürfen, vernünftig zu sein. Nicht? Gut, ich nehme es zurück und entschuldige mich bei ihr. Ich will es ja auch nicht auf sie abwälzen. Obwohl sie mindestens zehn war.

Wahrscheinlich muss ich mich auch bei meinem Bruder nochmal entschuldigen. Vielleicht hört das mit den ständigen Ausreden dann endlich auf. Um Nietzsche nicht bemühen zu müssen, wofür man mich tadeln würde, zu Recht, sage ich lieber, seht her, mein kleiner Bruder hat trotz seinem grossen Bruder überlebt. Und nicht nur das. Er ist selber stolzer Vater von drei Kindern geworden. Und sein ältester Sohn hat weder seinen jüngeren Bruder noch dessen kleine Schwester über das Balkongeländer im 3. Stock gehalten.

Weil es keinen Balkon gibt im Haus, wo sie aufwachsen. Nur deshalb. Das wäre sonst garantiert passiert. Das ist eine Familientradition. Vielleicht sogar ein Höngger-Initiationsrhythmus oder so. Ich muss meine jüngste Tochter fragen, wie das genau heisst. Sie studiert Ethnologie und ist als kleines Mädchen auf einem Body-Surfbrett ausgerutscht, das ihr ältester Bruder verbotenerweise in die Sprudelbadewanne mitnahm. Sie hat sich das Kinn am Badewannenrand aufgeschlagen und Ich musste mit ihr ins Spital zum Nähen.

Mein ältester Sohn, der mit dem Surfbrett, hat mich vor fünf Monaten zum Grossvater gemacht. Seine Frau hatte zwei Kinder aus erster Ehe in die Partnerschaft gebracht, ein Mädchen und einen Jungen, was zur für mich verblüffenden Folge hat, dass die kleine Emily, denn so heisst sie, von Anfang an ältere Geschwister hatte. Die waren schon da, verstehen Sie?

Als ich bei meinem Sohn und seiner Familie zu Besuch weilte, sagte ich zu Emilys Bruder, einem echten Wildfang, als er einen Augenblick lang neben seiner Schwester innehielt: Das ist wunderbar für Emily, dass sie einen grossen Bruder wie Dich hat. Meine älteste Tochter wollte immer einen älteren Bruder, aber sie war das erste Kind und wir haben es nicht mehr hingekriegt.

Ich weiss nicht, ob er verstanden hat, was ich ihm sagen wollte, ob er es überhaupt ganz gehört hat, denn er war bereits wieder weg. Halt sie einfach nicht über das Balkongeländer, rief ich ihm nach. Wobei die Wohnung meines Bruders unter der Dachschräge liegt und gar keinen Balkon hat. Wie bei den Kindern meines Bruders: Gewisse Verfehlungen erspart einem die Architektur.

Später am selben Tag, vielleicht als mein Sohn und seine Frau gerade die Kinder zu Bett brachten (Emily hat einen singenden Mond), dachte ich kurz über das Konzept des grossen Bruders nach, und warum jede und jeder einen haben will. Ich bin mit einer grossen Schwester aufgewachsen und fand das schön. Ohne eigentlich.

Jedenfalls habe ich meinen grossen Bruder nie vermisst. Sie hat mich sogar mindestens einmal beschützt, meine grosse Schwester, als sie etwa elf und ich neun war. Ein uns vorher nicht bekannter Junge war zu uns in den Garten gekommen, und als es offensichtlich wurde, dass wir nicht mit ihm spielen wollten, sagte er, er könne Judo. Er trug auch einen weissen Bademantel mit einem Gurt und mir machte das ziemlichen Eindruck, aber meine Schwester fackelte nicht lange und vertrieb ihn mit der sogenannten Windmühle, wobei sie die Arme in hohem Tempo gestreckt vor sich rotieren liess, aus unserem Revier. Wir haben ihn nie wiedergesehen. Auch in späteren Jahren nicht anlässlich von Olympia-Übertragungen.

War es das? Jemanden zu haben, der einen beschützen konnte? Jemanden, der sich nicht vor Bademänteln fürchtete? Jemanden, der das Body-Surfbrett in die Badewanne mitnahm, obwohl es die Mutter ausdrücklich verboten hatte? Und warum reichte dann eine grosse Schwester nicht, die das ja auch konnte? Was immer es ist, was einen grossen Bruder zu haben dermassen schön macht, dass alle einen wollen: Hatte ich es? Gab ich es meinem kleinen Bruder? War ich ihm ein grosser Bruder? Oder war er stets nur ein kleiner, und ich nie wirklich sein grosser Bruder, nur älter?

Ich habe ihm viel zu verdanken, meinem kleinen Bruder. Das Kind in mir, das auch heute noch bei mir ist und zu dem ich umso mehr Sorge trage, je älter ich werde (ich würde es nie über ein Balkongeländer halten, nicht einmal im ersten Stockwerk), hätte ohne ihn damals einen schweren Stand gehabt, als ich und meine Kameraden in die Adoleszenz gerieten, in den Pickelsturm der Mannwerdung. Dank ihm konnte ich unbeschwert und ohne Furcht vor dem Spott meiner Altersgenossen noch ein paar Jahre länger mit Lego, Match Box und Bauklötzen spielen. Ich tat es ja meinem kleinen Bruder zuliebe.

Einmal, als wir längst erwachsen waren (sogar er), erzählte er mir, wie er jeweils am Dorf- Grümpelturnier, bei dem sein grosser Bruder stets mit den anderen grossen Jungs in einem Team antrat, in kurzen Hosen und mit Turnschuhen auf der Böschung am Spielfeldrand sass und hoffte, es würde sich jemand ermüden oder verletzen und dann würde ich, sein grosser Bruder, ihn ins Team rufen. Das hat mich zu Tränen gerührt.
Es rührt mich noch jetzt. Weil ich es überhaupt nicht mitgekriegt hatte. Weder die Turnschuhe, noch die kurzen Hosen oder seine Bereitschaft, und schon gar nicht die Hoffnung, die er auf mich, seinen bewunderten grossen Bruder, gesetzt hatte, Jahr für Jahr, ich würde ihn in unser Team aufnehmen. Ich aber wetteiferte dem Turniersieg nach und war bemüht, in meinem Team möglichst gut zu sein.

Jahrzehnte später träumte ich ein paar Mal von diesem Turnier. Ich war entweder schon auf dem Platz und das Spiel lief an mir vorbei, weil ich nicht die richtigen Fussballschuhe trug, oder ich war noch zuhause, in der Wohnung meiner Eltern, wo ich mit meinem kleinen Bruder und meiner grossen Schwester nur ein paar hundert Meter vom Fussballplatz entfernt aufwuchs, und konnte meine Stollenschuhe nicht finden, obwohl das Spiel gleich beginnen würde oder vielleicht schon begonnen hatte. Immer derselbe Traum.

Ein Psychiater erklärte mir, es sei bei diesen Träumen um mein mangelndes Selbstvertrauen gegangen, darum, dass ich meinte, für das, was ich zu tun müssen glaubte (Tore schiessen?), nicht richtig ausgerüstet zu sein. Im übertragenen Sinn natürlich. Alles ist im übertragenen Sinn.

Vielleicht war ich auch nicht richtig ausgerüstet, um meinem kleinen Bruder ein richtiger grosser Bruder zu sein. Im übertragenen Sinn. Vielleicht war der Psychiater aber auch ein Schwachkopf und mein Bruder hat gar keine Erinnerung mehr daran, dass ich ihn über das Balkongeländer gehalten habe (im dritten Stockwerk).

Vor ein paar Wochen habe ich meinen Bruder und seine Kinder besucht. Mein Patensohn Moritz führte mich nach dem Essen in die Garage und zeigte mir den alten Puch-Velux, mit dem ich als 14-jähriger durch Höngg gefahren war. Ich hatte ihn damals meinem kleinen Bruder vererbt, und dieser hat ihn offenbar letzten Sommer in unzähligen Stunden wieder zum Fahren gebracht. Er habe ihn komplett auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Und oh Wunder, er fährt tatsächlich!

Mein Bruder (der begnadete Mechaniker, der die Hände unseres Vaters geerbt hat) seine Freundin, deren Tochter und seine drei Kinder schauten mir zu, wie ich mich nach 35 Jahren wieder auf mein altes Töffli setzte und um die Ecke der Singlistrasse verschwand, Easy Rider Melodien im Kopf.

Als ich einmal um den Block gefahren war und wieder in die Strasse einbog, schien mir von weitem, dass nur noch mein Bruder vor dem Haus stand, ein sechsjähriger Knirps mit Käsefüssen. Sobald das Motorrad zum Stillstand kam, würde ich ihn umarmen und nie mehr loslassen.

(12.08.2016)

Irgendwo in Höngg…

12. August 2016

Puch Velux

Tagwerk

11. August 2016

Die Kuh gemolken hat der Bauer
zur frühen Morgenstund.
Und, was hat er dann getan?
Nicht viel, nur viel gemacht.

Der halbe Tag war schnell vorüber,
der Himmel überzogen,
und um die andre Hälfte hat
die Arbeit ihn betrogen.

Die Sonne fällt aus dem Gewölk,
man sieht sie rund und rot,
wie sie sich gehen lässt
in Richtung Horizont.

Nun schnell ein Glas zur Hand
zum Wohle dessen,
der dies und uns erfunden.
Schau nur die Schatten an der Wand
– bald sind sie ganz verschwunden
und wieder haben wir
den Tag für nichts verprasst.

Es reimt sich gegen Abend das,
was durch den Tag nicht passt.
So führe ich zum Mund das Glas,
so führe ich das Glas zum Mund,
und in der Ferne bellt, ach ja, ein Hund.

(11.08.2016)

Irgendwo in Ankara

11. August 2016

ab iPhone 1.8.2016 564

Zio Matteo

16. Mai 2016

(Ben Dettis letzter Fall)

1. Kapitel: Die Suche beginnt

Er hiess Giaccomo Orsini, aber alle nannten ihn Nick. Erst Jahrzehnte später fand ich per Zufall heraus, dass sein richtiger Name Nicola Spadolino war. Hatten es die andern die ganze Zeit gewusst, oder war es in einem Milieu, in dem Spitznamen die Regel und Dumpfbacken die Ausnahme waren, ein purer Zufall, dass sie ihn beim richtigen Namen nannten? Und wieso haute er mir jedes Mal eine runter, wenn ich ihn in Gesellschaft Zio Matteo nannte?

Erzürnte es ihn, dass ich ihn in meiner jugendlichen Unschuld bei seinem Taufnamen nannte, auf den ich irgendwo in den alten Papieren auf seinem Estrich gestossen war, als ich die alten Ausgaben des Playboy suchte? Oder müsste ich eher sagen, bei dem Namen, den seine Eltern damals in der kleinen Kirche in Reggio di Calabrese dem Priester und den Taufpaten aufbanden wie einen ranzigen Bären?

Wer versuchte damals mit allen Mitteln etwas zu verheimlichen und verstecken, und vor wem? Und auch wenn seine Eltern bei allem, was ich über sie weiss (eigentlich nichts) einfache, ungebildete Menschen waren, die jeden Sonntag an der Kirche vorbeigingen: mussten nicht sogar sie sich bewusst gewesen sein, dass wer andern in die Grube kackt, … na Sie wissen schon.

Wenn ich durch meine Notizen gehe, fällt mir jedes Mal auf, und zwar so, wie der Esel dem Maulpferd auffällt: zu viele Sprichworte und Redensarten, zu viele Phrasen und Formeln, die am Ende überhaupt nichts aussagen, womit irgendjemand irgendetwas anfangen könnte, ausser der Lateinlehrer von Giulio vielleicht, mit dem ich als Knirps Fussball spielte, bis er sich einen offenen Beinbruch einfing und aufhören musste. Als er nach einer langen Zeit der Rehabilitation endlich wieder gehen konnte, fand er eine neue Stelle als Deutschlehrer in einem Gymnasium im Piemont.

Wie dem auch sei. Wenn ich diese Zeilen noch einmal lese, was ich gerade getan habe, denn ich lese meine Zeilen immer wieder, um sicherzustellen, das mir nichts entgangen ist, dann wird mir sofort klar (und das auch nicht zum ersten Mal): Zu viele leere Floskeln und zu viele Zufälle für meinen Geschmack.

In den Sechzigerjahren, denn damals fand das, wovon ich hier schreibe, alles statt (ausser da, wo ich in die Gegenwart springe, die aus damaliger Sicht die Zukunft gewesen wäre, wenn Onkel Matteo ihr nicht erlaubt hätte, sich seinetwegen zum Teufel zu scheren) machte ich mir noch keine solchen Gedanken. Ich hatte meinen ausgeprägten Sinn für das Unauffällige und meinen heute von der halben Unterwelt gefürchteten Instinkt noch nicht entwickelt. Ich war ein Junge wie der von nebenan, obwohl der keine toten Käfer sammelte und meines Wissens auch nicht tagelang in einem alten Lexikon las, bei dem der Einband und die Buchstaben L bis V fehlten.

Gauben Sie mir, heute rieche ich, wenn etwas stinkt, und ich rede nicht von meinen Füssen. Es gibt so vieles, was ich ihn heute gerne fragen würde, Zio Matteo, aber er weilt nicht mehr unter uns. Ich habe keine verfluchte Ahnung, wo sich der alte Scheisskerl aufhält. Vielleicht ist er tot. Es würde bei seinem Lebenswandel nicht erstaunen. Keiner seiner damaligen Kumpane ist alt geworden. Die meisten sind eines unnatürlichen Todes gestorben und nicht wenige wurden umgebracht. Was ist das überhaupt, ein natürlicher Tod, wenn ich es mir überlege? Ich überlege es mir besser nicht, denn auf diese Art komme ich jeweils vom Hundertsten ins Tausendste und der Weg zurück ist lang.

Wenn Zio Matteo trotz der schlechten Prognosen noch am Leben ist, könnte er ebenso gut in einem Altersheim dahinsiechen, mit halboffenem Mund auf seinen Teller sabbernd, wie als Gärtner einer Schönheitsfarm in Kalifornien eine unauffällige Existenz fristen, obwohl ich bezweifle, dass die einen 96-jährigen beschäftigen würden, der den reichen Frauen nachstellt und eine Harke nicht von einem Laubgebläse unterscheiden kann. Wenn ich ihn mir vorstelle, wie er die App zu bedienen versucht, um den Roboter loszuschicken, der den zum Strand hin leicht abfallenden Rasen mäht, muss ich lachen, aber nur kurz, dann mach ich die paar Schritte und nehme ein Bad in der Brandung, bevor er mir eine runterhaut.

Ich sage Kalifornien, falls Ihnen das aufgefallen ist, denn Sie müssen aufmerksam lesen, um mir folgen zu können, weil er Südamerika liebte. Er sprach stets davon, «zu den Mexen» aufzubrechen, wenn er eines Tages von der ganzen Scheisse genug haben würde. Ihn aufzuspüren, kommt also der berühmten Suche nach der Nudel im Heuhaufen gleich. Und trotzdem werde ich genau das tun.

Aber ich werde es geschickt anstellen, denn ich bin kein Idiot, wie er es stets allen sagte («Der Junge ist ein Vollidiot»). Anstatt jeden Tag Pasta zu kochen, wie er sie liebte (ohne Teigwaren und nur mit ein wenig Ziegenkäse, der sich nicht mehr reiben lässt, weil er schon leicht hinüber ist), und dann wie eine verlassene Mutter darauf zu warten, ob er nach mehr als vierzig Jahren wieder einmal zum Essen nachhause kommt, als ob nichts gewesen wäre, werde ich mich aufmachen und ihn im Heuhaufen suchen gehen. Wenn der Onkel nicht zur Pasta kommt, geht die Pasta zum Onkel. Das wussten schon die Japaner, obwohl sie Milchprodukte schlecht verdauen können. Wenn etwas nicht kommen will, muss man selber hingehen. So einfach ist das, auch wenn es nicht einfach werden wird, denn ich habe eine Heuallergie und keine Ahnung, wie er heute aussehen könnte. Ich war erst 12 Jahre alt, als er verschwand, vergessen wir das nicht, und einer seiner unumstösslichen Grundsätze hatte immer gelautet: «Einem erwachsenen Mann schaut man nicht ins Gesicht. Vor allem nicht vor und nach dem Essen.»

Ich habe das damals nicht verstanden und konnte es mir schlecht merken, aber seine linke Hand erinnerte mich jedes Mal daran, wenn ich in meiner treuherzigen Bewunderung zu ihm hochblickte. Es macht auch heute, wenn ich es mir überlege, nicht wirklich Sinn. Nach den Mahlzeiten konnte ich mir ja erklären. Wegen den Speiseresten rund um den Mund. Aber warum vor den Mahlzeiten? Und warum galt die Regel nur für mich?

Wenn ich mich nun aufmache, ihn zu suchen, denn genau das werde ich tun, habe ich wenig Anhaltspunkte. Eigentlich fast gar keine. Ich werde meinem Instinkt folgen müssen, der in nunmehr drei erfolglosen Jahrzenten als Privatdetektiv zu einer gnadenlosen Bestie gereift ist, die sich wie ein unerbittlicher Spürhund auf eine Fährte heftet, auch wenn diese am Ende ins Nichts führt, wo es schwierig sein kann, noch ein Hotelzimmer mit W-Lan zu kriegen.

Dieser neue Fall, denn ein Fall ist es nun, wo ich beschlossen habe, Zio Matteo zu suchen, auch wenn mich niemand dafür bezahlen wird, kündigt sich in vielfacher Weise als mein schwerster an, denn es geht um meine Familie, oder um das, was ich bis heute dafür halte. Ein Onkel ist ein Onkel, bis es sich herausstellt, dass er gar kein Onkel ist. Aber das würde mich bei Zio Matteo erstaunen, denn er hat eindeutig die Nase der Dettis. Ich bin also ganz direkt betroffen, und das kann heikel sein, weil man, wenn man nicht aufpasst, emotional reagiert, und wenn man als Fahnder seinen Emotionen folgt anstatt den Fakten, kann einen das in die Irre führen. Ich werde meine Emotionen also aus dem Ganzen raushalten, so gut es eben geht, und werde mich an die Fakten halten, an die Indizien, und dabei meinem Instinkt folgen, wobei dieser nicht mehr warten wollte und bereits abgereist ist.

Als ich mich letztes Wochenende zum x-ten Mal durch meine Notizen wühlte, auf der Suche nach dem Detail, das ich bisher übersehen hatte (denn ich weiss, dass ich etwas übersehen habe), dem einen wichtigen Detail, das mir die Türe öffnen würde in den Raum, von dem aus ein Indiz zum anderen und das letzte in ein rauchgeschwängertes Hinterzimmer zu Zio Matteo führen würde, wo er gerade seine letzten drei Freunde abzockte, hörte ich eine andere Türe ins Schloss fallen, obwohl ich nur in einem Mietblock lebe, und ich wusste sofort, das war meine Wohnungstüre, und mein Instinkt war auf dem Weg zum Flughafen.

Wenn Sie sich jetzt Sorgen machen, wie ich den Fall ohne meinen berühmten Instinkt je lösen werde, kann ich Sie beruhigen. Ich weiss meinem Instinkt zu folgen. Wir sind ein gut eingespieltes Team, wenn man das so sagen kann, und wir ergänzen uns wunderbar. Er legt sofort los, wenn er auf eine Spur stösst, ohne zu zögern, wie ein Hund, der eine Fährte aufnimmt und unvermittelt losrennt, weil er nicht anders kann, er verliert keine Zeit, weil Zeit kostbar ist, während ich der Bedächtigere von uns beiden bin, weil ich weiss, dass vergeudete Zeit sich nicht mehr aufholen lässt und dass man manchmal zuerst warten muss, um schneller ans Ziel zu kommen. Man muss das richtige Schuhwerk wählen, bevor man in den Wagen steigt, und es schadet nichts, den Wagen vollzutanken und zu wissen, wohin die Reise geht, und wieviel das Dauerparken am Flughafen kostet, bevor man ein Ticket kauft.

Ich recherchiere also, ich wäge ab, ich überlege, ich mache mir Notizen und lese sie immer wieder durch. Ich mache Hypothesen und verwerfe sie wieder, ich koche mir etwas Kleines. Ich bin kein Feinschmecker wie Montalban, ich schiebe vielleicht eine Pizza in den Ofen. Später gehe ich dann doch auswärts essen, weil ich vergass, den Ofen einzuschalten, und wenn ich zu einem Schluss gekommen bin, spätabends, wenn die Fakten im milden Abendlicht ihre bedrohliche Absolutheit verlieren, dann reise ich meinem Instinkt nach und wir vergleichen bald darauf in einem Hotelzimmer meine Notizen mit seinem Gefühl, seine Spesen mit meiner Kreditkarte und meinen Geist mit seinen Träumen, denn er träumt viel und ich weiss seine Träume zu deuten, oder besser gesagt, weil Traumdeutung ein grosses Wort ist: ich weiss aus dem wirren Durcheinander seiner Phantasien, die ihm ein Unterbewusstsein vorgaukelt, das er tagsüber mit mir teilt, diejenigen Anzeichen herauszufiltern, die uns weiterbringen könnten.

Während er ihm also bereits hinterherjagt, meinem Onkel Matteo oder seinem Phantom, sitze ich in aller Ruhe hier, an meinem Küchentisch in einer Zweizimmerwohnung mit Balkon in Zürich-Oerlikon, und mache mich mit der mir eigenen Systematik daran, mir zurechtzulegen, was ich weiss. Ich gehe immer so vor, systematisch, und es hat sich bewährt. Nur einmal habe ich versucht, mir zurechtzulegen, was ich nicht weiss. Das hat dann wirklich lange gedauert und mir ging nach vier Tagen das Notizpapier aus, obwohl ich davon immer einen anständigen Vorrat zuhause habe, denn man weiss nie, was man weiss, wie Kurt Wallander immer sagte, bevor man realisiert, was man übersehen hat. Vielleicht sagte er auch etwas Anderes, denn seine Bücher sind aus dem Schwedischen übersetzt, und mein Englisch ist nicht sehr gut, aber ich kaufte das Buch am Flughafen in Reykjavik und Zio Matteo hasste den Norden sowieso – ganz sicher kein Ort, wo man ihn suchen musste.

Was habe ich also, um die Suche nach ihm zu starten? Der Name hilft, wie ich anfangs erklärte (Sie können das gerne nachlesen), kaum weiter. Es gibt unzählige Nicks, ganz abgesehen von den Niks und den Nics (obwohl ich nie einen Nic traf) und nicht zu reden von den Nicolas, den Nickolausen und den Niklasen und ganz zu schweigen von Namen wie Peter oder Rolf, die mit dem Fall herzlich wenig zu tun haben, obwohl auch sie früher einmal geläufig waren und in ihrer Zeit überdurchschnittlich oft auf Garderobenschränken auftauchten. Meine Generation trug weisse Unterhemden, an denen die Mutter ein Namensschildchen aus Stoff angebracht hatte. Ich könnte weinen, wenn ich an ihre Hände denke.

Namen konnten einen rasch in die Irre führen. Man durfte ihnen nicht auf den Leim gehen. Nick selber sagte einmal: «Namen und Amen», und als ich ihn fragte, denn ich fand es gut: «Von wem stammt das, Zio Matteo, und was bedeutet es?» (wobei ich darauf bedacht war, ihm nicht ins Gesicht zu schauen, denn wir waren gerade dabei, vom Tisch aufzustehen), antwortete er, während er seine Serviette faltete und neben seinen Teller legte: «Namen gehören auf Grabsteine», du kleiner Idiot. Ach so, sagte ich, obwohl ich noch immer und nun noch viel weniger verstand, was er meinte, aber ich wollte seine Geduld nicht strapazieren und er haute mir eine runter.

Was also habe ich, um die Suche zu beginnen und meinem Instinkt nicht einen fast uneinholbaren Vorsprung zu geben? Sein Aussehen sagen Sie? Ich bitte Sie. Sein Aussehen konnte sich in den 40 Jahren, in denen er mich nicht gesehen hatte (wobei ich Zweifel daran habe, dass er mich überhaupt je wirklich wahrgenommen hat) total verändert haben. Dazu kommt, dass er schon damals keine besonderen Kennzeichen hatte. So stand es jedenfalls auf der knapp gehaltenen Fahndungsmeldung, als er kurz nach der Ermordung von JFK von der Bildfläche verschwand.

Wie sie das fast zweieinhalb Zentimeter grosse, krebsrote Muttermal auf seiner linken Backe übersehen konnten, ist mir noch heute ein Rätsel. Der einzige Schluss, den man daraus vielleicht ziehen kann, nachdem einem die verflossene Zeit die Naivität aus den Gehirnwindungen gespült hat, wie ein Entkalker den Kalk aus einer Espressomaschine, ist, dass er die Polizei damals in der Tasche hatte. Die wollten ganz offensichtlich nicht, dass man ihn fand. Sie zogen es vor, ihn für immer zu suchen, und dafür zweimal bezahlt zu werden, von ihm und von den Behörden, und dabei stellten sie sich offenbar sehr geschickt an, denn sie fanden ihn nie.

16. Mai 2016

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