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Gedanken aus dem Sommerloch

13. Juli 2010

Es ist, wenn man sich zurücklehnt, die Beine auf den Schreibtisch legt und sich einen entspannten Augenblick lang einem Gedankengang widmet, der nichts mit einer von der Zentrale bis spätestens morgen 14 Uhr geforderten Stellungnahme zum Entwurf  einer einseitigen Pressemitteilung zu tun hat, die dann doch nicht veröffentlicht wird, irgendwie die schönste Zeit des Jahres. Schöner als Weihnachten. Man muss nicht einmal Geschenke besorgen. Sie flattern von überall her mit einer bezaubernden Leichtigkeit umsonst ins Haus. Es ist Sommerferienzeit.
Die mit  den üblichen Vollidioten vollgepferchten Autos stauen sich am Nordfuss des Gotthardtunnels bis an die Ausläufer des Hindukusch, wo sogar die Verteidigung Deutschlands einen von ein paar – allerdings heftigen – Explosionen unterbrochenen Moment lang den schweren Atem anhält, während französische Minister fast ohne Arroganz in die Kameras lächeln, alles abstreiten, nur um kurz darauf als zerknirschtes Bauernopfer zurückzutreten, derweil unangenehme Zeugen aussagen, nie freiwillig unter Druck gestanden zu haben, während der Präsident angesichts des unrühmlichen Verhaltens der französischen Nationalmannschaft den Zusammenhang der Nation beschwört und eine eidesstattliche Erklärung abgibt, von seinem Wahlkampf nichts gewusst zu haben, was etwas weiter  südöstlich einem Bundesrat sofort als der richtige Moment erscheint, seinen schon lange allseits erwarteten Rücktritt zu einem einigermassen überraschenden Zeitpunkt bekanntzugeben und eine seiner Kolleginnen ermutigt, noch vor der Abreise in die Ferien den kühnen Entschluss zu fassen, wegen formalen Mängeln des Auslieferungsgesuchs und ein paar fehlenden Fotokopien einen in die Jahre gekommenen mutmasslichen Vergewaltiger nicht an ein Land auszuweisen, dessen Präsident unser aller  Bohrloch einfach nicht zukriegt.
Was ich sagen will: es ist in diesem sogenannten Sommerloch nicht so, dass gerade nichts passiert. Aber es ist vielleicht ganz interessant, dem offenbar wenigen zuzuschauen, das noch passiert, und auf jeden Fall aufschlussreich, genau hinzuschauen und hinzuhören, wie darüber berichtet wird.
Das Schweizer Fernsehen bietet drei Korrespondenten auf, um aus Frankreich, den USA und Polen über das Echo auf die verweigerte Auslieferung zu berichten. Vielleicht hab ich den Korrespondenten aus Polen auch nur geträumt. Es war heiss in meinem Fernsehzimmer und mein Hund lenkte mich ab, weil er sich so verhielt, als müsse er dringend Gassi gehen, obwohl wir kurz zuvor auf einem längeren Spaziergang waren. Obwohl ich gar keinen Hund habe. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass da ein nicht sonderlich gut Hochdeutsch sprechender Sonderkorrespondent war, der direkt vor dem Chalet des nun doch nicht Ausgelieferten darüber spekulierte, ob dieser nun, „wie die einten sagen“, tatsächlich gleich nach Abstreifen der elektronischen Fussfessel abgereist oder, wie die anderen behaupten würden, noch immer hinter diesen Vorfenstern sitze, die Landschaft betrachtend, den ruhigen Fluss des Lebens.
Die meisten Einheimischen seien jedoch wortkarg und wollten sich lieber nicht äussern zu diesem Fall, weil man ja schliesslich in der Berggemeinde von der Anwesenheit der reichen Ausländer lebe, wusste der Sonderkorrespondent abschliessend leicht süffisant zu berichten (oder meinte ich das nur – was IST denn schon wieder, Du dämlicher Köter!), womit man sich  nach einer gefühlten Viertelstunde endlich dem Rest der Welt zuwenden konnte, um noch rasch nachzuschauen, vor dem Wetterbericht, ob da eventuell sogar auch noch  etwas passiert sein könnte, worüber zu berichten es sich allenfalls lohnen könnte.
Es war, ich gebe es zu, einer dieser Augenblicke, in dem es mir ein wenig peinlich ist, dass ich Schweizer bin und dass das mein staatliches Fernsehen ist. Drei Auslandkorrespondenten, ein Sonderkorrespondent direkt vor dem Chalet und die Hälfte der zur Verfügung stehenden Sendezeit der Tagesschau. Willkommen bei den zu stark besonnten Sennen. Temperaturen über 30 Grad und Startsiege gegen spätere Weltmeister bekommen uns nicht. Es kann uns dann passieren, dass ein Moderator einer Sportsendung nach einer verlorenen WM-Partie einer afrikanischen Mannschaft den afrikanischen Studiogast fragt: „Wie geht ihr Afrikaner mit einer solchen Niederlage um? Holt ihr den Medizinmann ins Lager?“, und man sich fragt, was nun noch peinlicher ist: dass keiner der Studiogäste gegen diese rassistische Aussage Einspruch erhebt oder dass das handverlesene Publikum, dass sich endlich einmal selber im Fernsehen sieht (falls das programmierte Aufnahmegerät nicht im dümmsten Moment den Dienst versagt), beherzt lacht und spontan Beifall spendet.
Darf man das alles entschuldigen? Hilft es, dass andere Europäer offensichtlich auch unter der Hitze leiden? Tröstet es, dass viele kritische Zeitgenossen ja momentan gar nicht hinschauen, weil sie vor dem Gotthard unterwegs sind?
Es könnte eine wunderbare Zeit sein, dieses Sommerloch. Eine höchst philosophische Zeit, nur so zum Beispiel. Zum Beispiel wenn man die relative Ruhe dazu benutzen würde, sich die Frage zu stellen, warum es eigentlich gerade so ruhig ist. Warum die Medien mit drei Ausland- und einem Sonderkorrespondenten über eine angesichts anderer Probleme dieser Welt völlig nebensächliche Begebenheit berichten können, während die Tendenz ja momentan diese ist, dass sämtliche Medien gerade damit beschäftigt sind, ihre Auslandkorrespondenten wegzurationalisieren, weil wir uns Berichterstattung aufgrund von Kenntnissen einfach nicht mehr leisten können.
Geschieht momentan wirklich einfach fast nichts? Oder ist es lediglich so, dass die Berichterstatter in den Ferien weilen (offenbar nicht alle, wenn sogar einer vor dem Chalet ausharren und über die kleinmütigen Einheimischen spotten kann), und wenn dem so wäre, hat man sie in die Ferien geschickt, weil die, denen sie üblicherweise Bericht erstatten, am Gotthard im Stau stehen und von Bohrlöchern im Augenblick nichts wissen wollen, ausser es handle sich um die zweite Gotthardröhre?  Oder ist es einfach so, dass die Politiker in den Ferien weilen, und es, weil ohne sie nichts geht, nichts zu berichten gibt, ausser vielleicht über den einen oder anderen unter ihnen, der eine jüngere Frau wirklich liebt und dann auch in zweiter Ehe geheiratet hat oder über jenen Unglücklichen, der eines morgens mit Bündeln von Euronoten in seinen Taschen aufgewacht ist und die edle Spenderin nicht einmal loben kann, weil er sie nie gesehen hat?
Ich habe keinen Hund, und ich werde mir auch keinen mehr kaufen, aber ich würde ihn den wenigsten Politikern, die ich mitkriege, in die Ferien geben. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es ist so.  Zuviel Machtbewusstsein, zu wenig Zeit zum Gassigehen.
Wie dem auch sei. Irgendwie, und das ist doch das Bemerkenswerte, scheint es möglich, dass einmal im Jahr ein paar Wochen lang etwas weniger passiert als sonst. Auch wenn es am Ende nur ein Wahrnehmungsphänomen sein sollte. Was haben wir ausser unserer Wahrnehmung?
Die sonst übliche Hektik lässt spürbar nach. Man kommt sogar kurz zum Denken. Wunderbar! Vielleicht fragt sich die eine oder der andere, ob dieser verlangsamte Aggregatszustand nicht sogar ein erstrebenswerter sein könnte. Möglicherweise würde es genügen, wenn wir unsere Politiker und unsere Medienschaffenden etwas öfter in längere Ferien schicken würden. Geht nur. Doch doch. Macht euch wegen uns keine Sorgen. Es geht uns gut ohne euch, und wir passen auch ganz sicher auf uns auf. Entspannt euch. Rutscht uns endlich den Buckel runter.

Ablass (Hans Magnus Enzensberger)

12. Juli 2010

(Dass etwas wirklich gut ist, kann man zum Beispiel daran erkennen, dass es einem auch nach 30 Jahren noch in den Sinn kommt, ohne dass man je gezwungen worden wäre, es auswendig zu lernen. So ist mir letzte Woche Enzensbergers Gedicht „Ablass“ wieder einmal in den Sinn gekommen, vermeintlich aus dem Nichts, aber dann wissen wir ja,  dass wenig aus dem Nichts kommt, eigentlich so gut wie nichts. )

Ihr wisst nicht, wovon ich rede. Klar.
Ihr glaubt, es hätte etwas mit Raten zu tun,
mit dem Numerus clausus oder dem Finanzamt.
Kein Wunder. An den Tankstellen und im Knast
und in der Diskothek wird kein Ablass gewährt.
Wenn ihr mich fragt, war es auch früher
nicht weit mit ihm her, auf Spitalbetten
Schlachtfeldern und Kalvarienbergen.
Kein Wunder, nur einer jener schäbigen Tricks,
mit denen der Mensch den Menschen aufs Kreuz legt
seit Menschengedenken. Eine veraltete Redensart,
weiter nichts. Und dennoch möchte ich sie
euch gern überliefern, nur so, diese Zauberformel,
weil sie beinah vollkommen ist: Vollkommener
Ablass
aller zeitlichen und ewigen Strafen.
Übrigens, wenn es an mir wäre, ihn zu gewähren,
ihr armen Schweine, er wäre euch sicher.

Aus: Hans Magnus Enzensberger:  „Die Furie des Verschwindens“, Gedichte
Edition Suhrkamp, Neue Folge, Band 66, Frankfurt am Main, 1980.

Und jetzt zu etwas völlig anderem

12. Juli 2010

Seit zwei Wochen kümmere ich mich wieder um mich. Eigentlich schon seit über zwei Monaten, als ich mit dem Rauchen aufhörte. Mir ist Ende April plötzlich klar geworden, dass rauchen der Gesundheit schadet. Meiner. Das war ein echter Schock, und ich habe sofort aufgehört damit. Wieso hatte mir das nie jemand gesagt? OK, ich will fair sein. Ihr habt es mir alle gesagt, immer wieder, sogar der eine oder andere Raucher unter euch hat es mir nicht verschwiegen. Nur hören wir eben nicht auf andere, ausser sie sagen uns etwas, was wir hören wollen.
Sei’s drum. Ich habe nach 12 Jahren ununterbrochenem Qualm mal wieder aufgehört, wie ich das die anderen Male, als ich aufhörte, auch getan hatte: von einem Tag auf den andern.  Seither geht es mir besser, auf verschiedene Arten.  Dass ich weniger huste und weniger schnell ins Keuchen komme, ist schön, aber nicht das Schönste am nicht mehr rauchen. Das eindeutig Schönste daran ist, dass ich selbst in den letzten Wochen, als ich mich aus verschiedenen Gründen, die nichts mit dem nicht mehr rauchen zu tun hatten, echt mies fühlte, nicht wieder angefangen habe damit. Es wäre, so, wie ich funktioniere (so, wie wohl viele Menschen funktionieren) das Naheliegendste gewesen, wieder mit dem Rauchen zu beginnen. Es ging mir scheisse. Ich fühlte mich wirklich absolut mies. Ich sah wenig erfreuliche Perspektiven für mich persönlich (während ich zugeben musste, dass es meinen Kindern gut geht und es demzufolge eigentlich nichts gab, worüber ich wirklich hätte betrübt sein können), sondern überall nur Ärger, Wiederholungen und Ungemach.
Wozu also nicht rauchen? Wozu der Verzicht auf ein Genussmittel, nur weil es meiner Gesundheit schadet und vielleicht mein Leben verkürzt? Und ich sage bewusst vielleicht, denn was wissen wir schon.
Wir wissen zwar, dass rauchen die Lebensdauer verkürzt. Es gibt diese ebenso berühmte wie unglaubliche Formel, wonach mein Leben pro Zigarette eine Minute – oder war es eine Viertelstunde? – kürzer werde, aber das sagt leider nicht viel aus. Wo wird die akkumulierte Verkürzung des Lebens abgezogen? Am Ende? Das wäre dann wahrscheinlich nicht so schlimm, weil die letzten Jahre (vor allem die eines Rauchers) vermutlich nicht so toll sind. Ich möchte jetzt nicht wie ein Ignorant klingen (ich klinge natürlich gerade wie einer) und vor allem niemandem zu nahe treten, der jemanden aus der Familie oder aus dem Freundeskreis durch Lungenkrebs verloren hat. Das muss schrecklich sein. Ich entschuldige mich, dass ich mich zu diesem nicht nur billigen sondern logisch falschen Kurzschluss habe hinreissen lassen.
Ich will eigentlich nur sagen, und ich weiss, dass das vielleicht die billigste unter allen Raucher-Ausreden ist, dass wir nicht wissen, wann und woran wir sterben, und es deshalb unter Umständen gar nicht relevant ist, ob unser Leben durch irgend eine Sucht um ein Paar Jahre verkürzt worden wäre, weil wir gar nicht wissen, ob wir überhaupt so alt werden, dass etwas verkürzt werden könnte, was sonst länger gedauert hätte. Ach Du meine Güte. Ich entschuldige mich für die letzten paar Sätze, und ich nehme sie nur deshalb nicht ganz zurück, weil mir der Marmor zu schade wäre, in den ich sie gemeisselt habe.
Ich gebe zu, dass mir der Gedanke durch den Kopf ging, in meinen miesen Wochen (für die ich mich hier auch gleich in aller Form entschuldige, beim Leben und bei all jenen, denen es wirklich mies geht) an der nächsten Tankstelle Zigaretten zu kaufen und schon beim Wegfahren genüsslich zu inhalieren. Aber ich tat es nicht. Nicht aus Vernunft oder Tugend, sondern aus Trotz.
Ich weigerte mich, mir erneut Schaden zuzufügen, nur weil es mir schlecht ging.  Es war ein kleiner aber für mich bedeutungsvoller Aufstand gegen die eigenen Verhaltensmuster. Und weil es Spass machte, nicht in meine alte Falle zu treten, ging ich gleich noch einen Schritt weiter und begann, wieder Sport zu treiben. Wie lange hatte ich davon gesprochen? Zehn Jahre? Fünfzehn Jahre?
Egal. Jedenfalls war ich schon sehr lange nicht mehr das, was ich angeblich gerne gewesen wäre. Angeblich, weil ich es mir ja offenbar selber nicht glaubte und deshalb in meinen letzten fünfzehn Jahren auch nie mehr geworden bin: ein mittelalterlicher Mann mit einer sportlichen Figur und bei guter Kondition. Auf das mittelalterlich hätte ich noch ein paar Jahre verzichten können. Aber wahrscheinlich bestimmte der Umstand, dass wir diesbezüglich keine Wahl haben, irgendwo auch meinen freiwilligen Verzicht  auf die sportliche Figur und die gute Kondition. Ich gebe es zu: ich liess mich gehen. Ich bin nicht aus den Nähten geplatzt und war nie wirklich dick, aber für jemanden, der einmal sehr sportlich war, kam mein Zustand einer Kapitulation ziemlich nahe. Irgendetwas in mir hatte mich oder einen Teil von mir offenbar aufgegeben, und ich fand nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren.

Ich nahm also mein Fahrrad aus der Garage und fuhr am vorletzten Wochenende am Samstag zwei Stunden lang durch den Hayarkon Park. In der grössten israelischen  Mittagshitze, Anfang Juli. Aber so bin ich. Wenn ich mich einmal entschlossen habe, etwas zu tun, kann ich ebenso stur und unbelehrbar sein, wie wenn ich mich verweigere. Es hat sich herausgestellt, dass ich die Hitze noch immer sehr gut vertrage.  Es machte mir überhaupt nichts aus, meine Runden in der prallen Mittagsonne zu drehen. Ich war dabei auch nicht immer in der prallen Sonne. Der Hayarkon Park hat verschiedene Fahrradstrecken, und einige davon führen unter wunderschönen, Schatten spendenden Bäumen an Gewässern entlang (am Hayarkon-Fluss eben). Ich hatte meinen kleinen iPod am Ärmel meines T-Shirts befestigt und hörte hauptsächlich alte Balladen von Bob Dylan. Sad eyed lady from the low lands und Sooner or later one of us must know.
Es machte mir soviel Spass und auch danach fühlte ich mich so gut, dass ich am Sonntag gleich noch mal zwei Stunden mit dem Fahrrad unterwegs war. Und weil ich nicht auf das kommende Wochenende warten wollte, beschloss ich, von nun an auch am Morgen vor der Arbeit eine Stunde mit dem Fahrrad durch den Park zu fahren. Das war kein geringer Entscheid für mich. Er bedeutete, dass ich nicht mehr als einer der ersten um 7.15 Uhr an meinem Arbeitsplatz eintreffen und die Ruhe vor dem täglichen Sturm nutzen konnte, sondern erst nach 9 Uhr. Warum ich mir das momentan erlaube, ist eine andere Geschichte, und hat nicht nur mit dem Sommerloch zu tun. Jedenfalls fühlt sich der neue Rhythmus, den ich meinem Tag und damit meinem Leben gegeben habe, gut an. 
Ich habe immer gewusst, dass mein Körper dankbar ist. Sobald ich mich wieder um ihn kümmere, reagiert er wunderbar. Schon nach wenigen Tagen Training bin ich wieder erstaunlich gut bei Kräften und meine Ausdauer kommt zurück. Das müsste ja nicht unbedingt so sein. Mein Körper könnte sich nach den langen Jahren der Vernachlässigung auch sträuben oder ganz weigern, wieder in Form zu kommen. Und ich könnte ihm nicht einmal böse sein deswegen. Ich würde ihn verstehen. Was will der Kerl eigentlich von mir? Zuerst vernachlässigt er mich 15 Jahre lang, lässt mich links liegen, füttert mich hauptsächlich mit Junkfood, torpediert mich mit Teer und Nikotin, und dann urplötzlich, eines heissen Tages im Juli, jagt er mich wie ein Irrer zwei Stunden auf einem Fahrrad durch den Hayarkon Park. Ist er völlig meschugge geworden? 
Ich hätte meinen Körper verstanden, wenn er sich quergestellt hätte. Er hätte nach zehn Minuten Schlapp machen können. Er hätte am zweiten Tag eine Zerrung produzieren können oder einen Muskelfaserriss. Er hätte sich ungeschickt anstellen und mich auf dem heissen Asphalt stürzen lassen können, was mir wahrscheinlich den Anfangselan gebrochen hätte, und wenn der einmal weg ist, ist das Ende nahe. Oder er hätte sich nach einer Woche ausgelaugt geben können, Gelenkschmerzen produzieren, eine Augenentzündung vom Fahrtwind, Ohrenschmerzen von den Ohrstöpseln des iPod, was weiss ich. Er hätte Dutzende von Möglichkeiten gehabt, mein Körper, um sich für meine jahrelange Passivität zu rächen, um mich dafür zu bestrafen, dass ich ihm, in dem ich doch wohne, so wenig Beachtung geschenkt und so wenig Sorge getragen habe. Aber nein, er hat es nicht getan. Er war, sobald ich mich ihm wieder zugewendet habe, wieder – wie ich das früher schon erlebt habe –  nicht nur nachsichtig und gnädig mit mir, sondern er half mir sofort aktiv und unterstützt mich nun auf wunderbare Weise in meinen Bestrebungen,  ein besseres Leben zu führen. Ich bin ihm unendlich dankbar, meinem Körper, und ich möchte ihm von jetzt an Sorge tragen. Alt werden ist in vielerlei Hinsicht nichts Schönes. Aber wenn ich schon alt werde, dann ist es alles andere als selbstverständlich und ich schätze es enorm, es in einem solchen Körper tun zu dürfen, der weder nachtragend noch beleidigt ist, sondern einfach ein sehr guter Freund, der einem seine Sünden vergibt und es einem immer wieder ermöglicht, neu anzufangen oder wenigstens wieder einen Versuch zu starten, ein besseres Leben zu führen.

Heute, zu Beginn meiner zweiten Woche der morgendlichen Fahrten durch den Hayarkon Park,  fuhr ich ein paar Runden auf einem Rundkurs in der nordöstlichen Ecke des Parks.  Der Montag, so scheint es, ist der Tag, an dem mehrere Fahrradclubs im Park trainieren. Jüngere, durchtrainierte Frauen und Männer drehen dann auf einigen Strecken des Parks im Pulk ihre rasanten Runden, und man muss aufpassen, dass man ihnen nicht im Weg fährt. Sie scheinen wenig Geduld und Rücksicht für langsamere Fahrer oder Spaziergänger zu haben und davon auszugehen, dass die Strecke (oder gleich der ganze Park?) ihnen gehört, weil sie jung, dynamisch, kraftvoll und vor allem schnell sind und weil sie alle das selbe Trikot tragen, das ihnen das Gefühl gibt, eine Einheit zu sein, eine verschworene Gemeinschaft die auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen hat. Wahrscheinlich tue ich diesen jungen Leuten jetzt etwas unrecht. Vielleicht kommen sie nur so rüber, und eigentlich sind sie alle sehr nett und rücksichtsvoll, nur halt eben ein wenig schneller als wir anderen. Wenn dem so ist, entschuldige ich mich bei ihnen als Gruppe und bei jeder und jedem einzelnen von ihnen. Nur weil sie eine Uniform tragen und als Gruppe auftreten, darf ich sie nicht pauschal verurteilen.
So oder so: sie haben mich heute zweimal überholt auf dem Rundkurs im Nordosten des Parks.  Auch wenn ich ein Rennrad fahren würde – ich könnte ihnen nicht folgen. Noch nicht. Vielleicht in einem oder in zwei Monaten und für eine kurze Strecke. Eine Runde vielleicht und dann schnell abbiegen auf einen Seitenweg und tief durchatmen. Aber ich fahre kein Rennrad, sondern eine Mischung aus Mountainbike und Strassenfahrrad. Und ich habe mit meinem Training erst gerade begonnen. Also lasse ich die Gruppe an mir vorbeiziehen und versuche nicht einmal, zu beschleunigen und wenigstens ein paar Meter ihr Tempo zu halten. Ich betrachte stattdessen den schön geformten Hintern der sich rasch entfernenden hintersten Fahrerin und einen Augenblick lang fühle ich mich wie ein alternder Löwe, der einen Schwarm leckerer Gazellen an sich vorüberziehen sieht. Irgendwann, geht es mir durch den Kopf, und ich muss gleichzeitig über mich lachen, irgendwann wird eine von euch einen Schwächeanfall erleiden und hinten aus der Gruppe zurückfallen. Und dann werde ich da sein. Der alte Löwe. Langsamer geworden, weniger kraftvoll, nicht mehr so sprungstark. Aber immer noch mit all seinen Instinkten. Mit einem Feuer, das noch nicht erloschen ist. Und vollkommen rauchfrei.

Ein Gedi, September 2008

9. Juli 2010

Vom Ende des Wartens

5. Juli 2010

Man darf nicht zu lange warten. Schon gar nicht auf Dinge, die nie passieren werden. Irgendwann muss man sich zur Seite nehmen und ganz ehrlich zu sich selber sein: Das wird nichts mehr.
Das tut im ersten Moment weh, und dieser erste Moment kann lange dauern, wenn man sich etwas lange, wirklich fest und von ganzem Herzen gewünscht hat, aber das Eingeständnis, dass etwas nicht eintreffen wird, ist unumgänglich, wenn man weitergehen möchte. Man kommt nicht darum herum. Und der Schmerz ist notwendig, wenn man beim Weitergehen nicht eine Last mit sich tragen will, die einem beim Gehen nach hinten zieht.
Weil  es ein Trennungsschmerz von etwas ist, was man nie hatte, ist er nicht nur schwer zu verkraften, auch der Umgang damit ist nicht einfach.  Man kann keine Kompressen oder einen Wundverband auflegen. Man weiss nicht einmal ganz genau,  wie sich das künftige Vermissen anfühlen wird, obwohl man schon eine ganze Weile lang vermisst hat. Aber es war ein anderes Vermissen, weil es ein wartendes war, eines, das darauf hoffte, in seiner Erfüllung ein Ende zu finden, während das neue Vermissen, das sich am Ende des Wartens entwickelt, ein anderes sein kann: eines, das enden wird, weil es sich nicht mehr erfüllen muss.

Dead Sea, Summer 09

5. Juli 2010

Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

4. Juli 2010

von Haruki Murakami, 2007.

Ein sehr ruhiges, lesenswertes Buch, auch wenn man weder vor hat, Marathon zu laufen, noch Romane zu schreiben. Schon wenn man älter werden möchte, ohne daran zu verzweifeln, kann man mit Murakamis Gedanken etwas anfangen, weil sie nicht lehrmeisterlich oder abgehoben daherkommen, sondern einfach und ehrlich. Murakami lässt immer auch die Möglichkeit offen, dass das, was er gerade zu erkennen und verstehen glaubt, auch ganz anders sein könnte. Dass es vielleicht gar keine Gründe gibt für gewisse Entwicklungen und manchmal ganz einfach Zeit vergehen muss, bis sich etwas ändert oder man etwas ändern kann.   
Über das Ende eines 100km Laufs schreibt er: „Das Ende des Laufes war nur eine Markierung ohne besondere Bedeutung. Genau so ist es mit dem Leben. Nur weil es endlich ist, heisst das nicht, dass es auch eine besondere Bedeutung hat.“

Dead Sea Waves

30. Juni 2010

Die anderen Dinge

29. Juni 2010

Lass uns nun wirklich
über das Wetter reden.

Hinter den ernsten Gesprächen
über die anderen Dinge
lacht sich der Wind
einen Schranz in die Wolken.

Negev, April 2010

29. Juni 2010