Archive for the ‘Gedichte’ Category

Die Kimbern

25. September 2003

Von einer Sturmflut in Jütland
vom versalzenen Boden vertrieben
und plündernd nach Süden gewandert
sind die Kimbern aus Erfahrung
klug geworden

Liessen sich danach
nur noch auf stark bewaldeten
Hochplateaus nieder
blieben unter sich und kultivierten
ihr eigenes Idiom
in dem der Himmel baiss ist
und die Wiese gruan

Wer sich zu ihnen verirrt
erfährt, dass fünf eine Hand ist
sechs eins und eine Hand
zehn zwei Hände
und fünfzehn drei

Wie viele Kimbern
eins und zwanzig Hände vor Christus
bei Vercelli niedergemetzelt wurden
können die Kimbern
auch unter Zuhilfenahme
sämtlicher Hände nicht sagen

Wer sich beim Gehen bedankt
für ihre Gastfreundschaft
und die handlichen Zahlen
blickt in erstaunte Gesichter –
das Wort danke
kennen sie nicht.
Das war bei ihnen immer
selbstverständlich.

Lesehilfe zu Adorno

30. September 2001

Es stimmt nicht, Theodor,
dass Frühlingsbäume lügen
wenn man sie ohne Argwohn betrachtet.

Bäume lügen weder im Frühling
Wenn sie das saftige Leben versprechen,
noch im Herbst, wenn sie farbenprächtig
den dürren Tod verkünden.

Das Problem,  das ihr Intellektuellen
mit der Natur habt
und mit allem anderen
was Freude machen kann,
ist eure kleinmütige Angst
von einem Augenblick der Schönheit
korrumpiert zu werden.

Ein Moment der Behaglichkeit
ist noch kein Einverständnis
mit dem Unrecht dieser Welt.
Und ein geselliger Abend
noch kein Akzeptieren
des Unmenschlichen.

Ihr macht euch etwas vor
wenn ihr glaubt, jene,
deren Freuden ihr verschmäht
wollten mit euch
ihr Leid teilen.

Während ihr in unverbrüchlicher
Einsamkeit den konstanten Blick
auf das Grauen kultiviert,
haben jene, die sich
manchmal gehen lassen,
die Möglichkeit des Besseren entdeckt
und die Wahrheit der Bäume
zu allen vier Jahreszeiten
akzeptieren gelernt.

Frag mich nicht warum

5. Februar 2000

Und frag mich nicht, warum Du dieses Leben
Noch leben sollst (es kam Dir viel zu nah).
Wir leben unser Leben deshalb eben,
Weil alles dies (dies alles) uns geschah.
Das Deine Dir, das andere den andern,
Dir, und nicht zum Beispiel diesem Mann,
Der seine Zeitung liest und dabei raucht.
Obwohl auch ihm (man sieht es keinem an)
In seinem Leben sicher irgendwann
Ein Auge aufging, das er sonst nicht braucht.

Der Ofen ist aus

22. September 1999

Die Unsicherheiten schlagen zu Buch
Selbst zum Thema Instinkt
Gibt es mittlere Bibliotheken

Wer jodelt
Wird für gesund gehalten
Wenn es ihm nicht
In der Kirche passiert

Was ist los

Der Ofen ist aus
Aber es will nicht kalt werden

Vorkommnis

25. April 1998

Was gesagt wird
kommt vor

Worte schallen so
ins Mittelohr

Jemand sagt:
ich bin

Zwischen Hammer und Amboss
zerbröckelt der Sinn

Kleine Kurzologie (um 1955)

25. April 1997

(frei nach dem Grossen Brockhaus, Ausgabe 1955)

Kurz Heinrich kam
In Paris zur Welt
Starb aber in Aarau

Kurz Hermann
Kannte Mörike (und Uhland)

Kurz Isolde lebte
In Florenz (mit ihrem Bruder E.)

Kurz Michael erschuf Sakralbauten
In Augsburg und Bamberg
Zuletzt noch ein Kloster in Vilsbiburg
Und die Abtei Schweiklberg

Dann Kurzarbeit
Kurzatmigkeit (Dyspnoe)
Und ein Sterben nach Drucklegung
Dieses Lexikons

25. Juni 1994

Das Ereignis

Wirft, geworfen
Seinen Schatten
Und meinen
Voraus

Dann bleibt es aus
Traf nicht ein
Und ich
Immer ich
Muss mein Abbild suchen