Die Schuldkröte

15. Januar 2011

Die Schuldkröte hat neben ihrem Äusseren wenig gemeinsam mit der Schildkröte, obwohl sie ebenfalls zu den eierlegenden Reptilien gehört und es auch bei den Schuldkröten Land- und Wassertiere gibt. Flussschuldkröten sucht man allerdings vergebens. Das ginge ihnen zu schnell.

Schuldkröten gibt es, im Gegensatz zu den Schildkröten (die Jahrhunderte lang geduldig auf das Erscheinen der Dinosaurier gewartet hatten, nur um dann von diesen plumpen, viel zu grossen Tieren ziemlich enttäuscht zu sein), noch nicht sehr lange.  Einigermassen sicher nachweisen  kann man Schuldkröten erst, seit es Menschen mit einem Gewissen gibt, genauer genommen seit Sigmund Freud sie 1883 zufällig in seinem Garten entdeckt hat, nachdem er dort schon im Sommer 1874 auf Menschen aufmerksam geworden war, die auf ihn wirkten „…als hätten sie mit allem nichts zu tun, dies aber gründlich.“

Freud (vielleicht auch nur Freuds Gärtner, der sein Manuskript dann mit Hilfe von Freuds Haushälterin in seine geschummelten Werke geschmuggelt hat) nahm an, die Schuldkröte habe sich entwicklungsgeschichtlich aus der Unfähigkeit des Menschen entwickelt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Wobei er mit „ganz“ offenbar alles meinte, was nicht in seinem Geräteschuppen verstaut werden konnte, wenn es plötzlich zu regnen begann. Wer soviel Schuld auf sich laden würde, so Freud, könnte sich nur noch sehr langsam fortbewegen und bräuchte zudem, so sein Gärtner, eine ziemlich harte Schale (Freuds Haushälterin nannte es liebevoll einen  „Panzer“) damit die Schuld nicht gleich wieder entweichen und sich auf die ahnungslos im Garten Karten spielenden Menschen verteilen könne.

Schuldkröten leben heute fast überall auf der Welt. Die Weibchen legen ihre Eier in den Sand und sobald die jungen Kröten geschlüpft sind, sind sie selber schuld.  Wasserschuldkröten rennen dann so rasch wie möglich ins Meer. Viele von ihnen werden aber gleich nach dem Schlüpfen von Lachmöwen gedemütigt und werden, auch wenn sie das Meer noch erreichen,  später nie mehr ganz froh. Der einzige natürliche Feind der Landschuldkröten ist die Spottdrossel. Schuldkröten können schlecht mit Spott umgehen. Wenn es ihnen zuviel wird, erzählen sie sich in ihren Verstecken indianische Mythen, wie zum Beispiel die Vorstellung der Irokesen, dass die Erde sich auf dem Rücken einer Schuldkröte befindet. Die Schuldkröten wissen zwar, dass dies eine grobe Vereinfachung ist , und sie nur die Schuld der Erde auf ihrem Rücken tragen, aber die Vorstellung tröstet sie irgendwie.

(Zitiert aus: Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011, Sechste, total überarbeitete und ferienreife Ausgabe)

Irgendwo am Neuenburgersee

13. Januar 2011

Tschik-tschak oder die Erledigung des Lebens

12. Januar 2011

„Tschik-tschak – it’s done!“ pflegt mein Fahrer mich jeweils mit einem nachsichtigen Lächeln zu unterbrechen, wenn ich mal wieder staune, weil er einmal mehr etwas, wonach ich ihn gerade fragen wollte, bereits erledigt hat, und es ist mir dann jedes Mal peinlich, dass ich überhaupt meinte, fragen zu müssen. 

Wir sind uns in vielem sehr ähnlich, mein Fahrer und ich. Man muss uns die Dinge nicht zweimal sagen, manche nicht einmal ein Mal, damit sie erledigt werden. Man nennt es Pflichtgefühl, und es ist im Grunde genommen etwas Gutes. Die Dinge müssen getan werden, die Arbeiten verrichtet, die Aufträge erfüllt, die Geschäfte erledigt. Menschen, die anpacken, sind in der Regel angenehme Zeitgenossen. Im Grunde genommen. In der Regel.

Die Einschränkungen sind altbekannt. Idiotische Dinge zu tun, ist sinnlos (auch wenn es manchmal Spass macht). Unnötige Arbeiten gut zu verrichten, ist langweilig und macht auf die Länge depressiv. Bösartige Aufträge zur Zufriedenheit des Auftraggebers zu erfüllen, ist verwerflich. Und Geschäfte, deren Auswirkungen man nicht durchschaut, prompt zu erledigen, kann gefährlich sein.

Das ist keine Kritik an meinem Fahrer. Er ist ein wunderbarer Mensch und ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde. Tschik-tschak ist für praktisch alle Tätigkeiten, die er für mich und die Botschaft erledigt, ein gutes, weil taugliches Rezept. Das Problem liegt an einem anderen Ort. Wahrscheinlich wie immer hauptsächlich bei mir.

Tschik-tschak ist auch für meinen Arbeitsalltag keine schlechte Devise. Vieles (manchmal denke ich, und bedaure das: fast alles) muss ganz einfach erledigt werden, je rascher, desto besser. Wenn man darüber nachdenken würde, hätte man ein Problem, würde den Rhythmus der Verrichtungen verlangsamen, käme ins Stocken und Stolpern, würde womöglich hinfallen, wie wir alle hinfallen müssten, wenn unser Bewusstsein unsere Motorik steuern müsste beim Treppensteigen. Vieles, wovon wir glauben, dass es getan werden muss, kriegen wir nur im Autopilot auf die Reihe. Also tschik-tschak. Ein Ding nach dem andern. Auch wenn es davon, dass es erledigt ist, nicht besser wird.

Vollends problematisch wird es, wenn tschik-tschak als bestimmende Leitschnur im Arbeitsalltag so mächtig wird, dass es als Prinzip die ganze Persönlichkeit übernimmt und auch im Privatleben dominant wird. Wenn auch der Kaffee in den Arbeitspausen tschik-tschak getrunken und das Mittagessen tschik-tschak gegessen wird. Wenn am Abend der Haushalt tschik-tschak gemacht, die Tagesschau tschik-tschak reingezogen wird und danach die Fotos von Weihnachten tschik-tschak eingeklebt werden. Bevor man tschik-tschak die Zähne putzt und tschik-tschak zu Bett geht, um am nächsten Morgen tschik-tschak aufzustehen, ready for a brand new day, der tschik-tschak erledigt sein wird. Und am nächsten Tag weiter so. Und am übernächsten auch. Und so gehen dann die Wochen, die Monate, die Jahre vorbei. Tschik-tschak und tschüss.

 

Die Sonne scheint in mein Büro. Ich sollte keine solchen Sachen schreiben. Dafür bezahlt man mich nicht, ich weiss. Ich mach mich jetzt wieder an die Arbeit. Sofort. Ich verspreche es. Vielleicht werde ich mir irgendwann Zeit nehmen, um diese Gedanken ganz langsam weiter zu denken. Auf meiner Traktandenliste steht das allerdings nicht. Dort stehen lauter Dinge, die erledigt werden müssen. Und zwar tschik-tschak.

Skizze zu Barcelona (Acryl auf Leinwand)

9. Januar 2011

Der Gewinner erhält eine Waschmaschine

7. Januar 2011

Dass sich Gödel am Ende seines Lebens vor Kühlschränken gefürchtet haben soll, leuchtet mir irgendwie ein. Was sind das für Geräte, in denen das Licht erst angeht, wenn man die Türe öffnet, während vorher alles, die Milch und der Käse, der Salat und die Butter, in gnadenloser Dunkelheit gefangen und von einem mehr oder weniger leisen Summen eingelullt seiner Verzehrung bei Zimmertemperatur harrt. In einem Film, den mir neulich ein Freund aus Berlin ganz ohne Hintergedanken geschickt hat, wird das Leben des Erfinders mehrerer TV-Shows in episodischen Rückblenden erzählt. Zum Teil sind es lustige Episoden, aber alles in allem bleibt der Eindruck eines traurigen, irgendwie verpfuschten Lebens haften, das in einem Hotelzimmer endet. Zu viele Drogen. Zu viele Missverständnisse. Zu wenig Liebe. Die Schlussszene des Films skizziert die letzte Idee für eine TV-Show. Drei alte Männer sitzen auf der Bühne. Jeder hat eine Knarre im Schoss und erzählt den Zuschauern von seinem missglückten Leben. Derjenige, der sich nicht umbringt, hat gewonnen und erhält als Preis eine Waschmaschine. Zuerst musste ich tatsächlich lachen. Wegen der Waschmaschine. Was für ein Preis. Aber wofür? Es kann ja nicht dafür sein, nicht verzweifelt zu sein. Wer in einer TV-Show mitmacht, in der sich die Konkurrenten erschiessen, ist entweder selber verzweifelt, hat den Verstand verloren oder zumindest jeglichen Rest menschlicher Würde. Wahrscheinlich alles zusammen. Verdient tatsächlich nichts mehr anderes als eine Waschmaschine. Der Host meines Blogs hat mir zum Jahresbeginn meine Statistik des vergangenen Jahrs unterbreitet. Eine Boeing 747, hat man mir in Erinnerung gerufen, könne 416 Passagiere befördern. Acht volle Boeing 747 hätten im abgelaufenen Jahr meinen Blog besucht. Mein Blog ist beeindruckt. Aber ich bin ganz ehrlich auch irgendwie besorgt. Acht volle Flugzeuge sind eine gewaltige Verantwortung. Ich verfüge nicht über Hangars, in denen diese Flugzeuge gewartet werden können. Sind sie wieder gut vom Boden weggekommen? Wohin sind sie jetzt unterwegs? Waren Anschlussflüge verfügbar für die Passagiere, genügend Hotelzimmer gebucht? Waren die Betten gemacht? Ging kein Gepäck verloren? Standen Freunde und Verwandte nach dem Zoll mit farbigen Blumen zur Begrüssung bereit? Musste lange auf ein Taxi gewartet werden? Und haben sie alle dann auch wirklich erhalten, was sie sich wünschten? Sind sie dort angekommen, wo sie hin wollten? Hat sie wenigstens jemand gefüttert, ihren iPod aufgeladen über Nacht? Ich befürchte, dass nicht alles rund gelaufen ist. Stimmt doch, oder? Wahrscheinlich hat das Licht im Kühlschrank einen Wackelkontakt und brennt nun oft auch bei geschlossener Türe. Treibt den Jogurt zum Wahnsinn. Und die Waschmaschine ist ausgelaufen. Eine undichte Dichtung, durch die zuerst Wahrheit in die Maschine drang und dann Spülwasser entwich. Kein Schongang für das Parkett. Aber wer kann sich schon Parkett leisten in der Waschküche. Wer kocht schon im Flugzeug. Schon gar nicht für 416 Personen. Das ist hier alles aufgewärmt. Ich hoffe, es schmeckt trotzdem. Und wünsche euch allen einen guten Flug durch’s Jahr. Boarding complete.

Annual Check-up (us and them)

25. Dezember 2010

Alle Werte seien gut

Sagt mir mein Arzt per SMS

Könnten besser nicht sein

Freunde schreiben aus Deutschland und vier

anderen Ländern: es geht ihnen gut.

Sie wünschen frohe Festtage
Merry Xmas schreibt mir

mein bester Freund the war is over

Aber der Krieg ist

nie vorbei.

Es gibt uns und es gibt

die anderen und diese anderen brauchen

unsere Hilfe.

We can’t be blessed forever (Acryl auf Leinwand)

10. Dezember 2010

Anlässlich eines Spendenaufrufs

9. Dezember 2010

Natürlich können wir weiterhin so tun als ob
wir nichts tun könnten aber einmal abgesehen davon
dass es nicht stimmt: macht uns das wirklich
glücklich oder wenigstens zufrieden?  

Gerade weil wir vom Leid anderer
hoffnungslos überfordert sind wäre es gut
hin und wieder Dinge zu tun die so klein
und bedeutungslos sind
dass sie uns und die Welt vielleicht
langsam zu verändern beginnen

Somewhere in the Jordan Valley

29. November 2010

Konservative Vorhersage für das Jahr 2020

23. November 2010

Wenn man in der Schweiz das Zeitfenster öffnet,
riecht es zunächst einmal schlecht.
Neapel hat ein Müllproblem das mittlerweile
über die Alpen stinkt.

Die Amerikaner ziehen sich immer noch
oder schon wieder aus Afghanistan zurück.
Wohin ist unklar.

Die Chinesen haben wegen den Bodenschätzen
Afrika annektiert und damit die westlichen
Entwicklungshelfer lahm gelegt.
Es gibt eine Resolution des Sicherheitsrates
die das Lahmlegen in aller Schärfe
verurteilt.

Halb Deutschland diskutiert am Rande des Castortransportes
den Wiederausstieg aus dem Wiedereinstieg.
Die andere Hälfte hofft, Schalke werde Meister.

Vier EU-Länder stehen vor dem Konkurs,
Belgien vor der Wiedervereinigung und die Schweiz
kurz vor der Einführung der Jammersteuer.
Sie wird die Mehrwertsteuer ersetzen.
Und die Erbschaftssteuer.

Ach ja und im Nahen Osten
bleiben höchstens noch sechs Monate.
Wofür, wird noch verhandelt. 

Wenn es sich nicht von selber schliesst,
macht man das Fenster jetzt besser
wieder zu.
Es ist gut isoliert.
Wie übrigens das ganze Haus.
Man muss überhaupt nicht mehr heizen.