Zweihundert Hosen zum halben Preis

25. Januar 2004

(kurze Gedanken zum neuen Jahr)

Ich schreibe den 6. Januar. Sonst macht es ja wieder keiner. Es hat endlich geschneit. Bis in die Niederungen. Natürlich zu spät für weisse Weihnachten, aber trotzdem endlich. Im Flachland sind wir schon dankbar, wenn die Natur uns relativ knapp verfehlt.
Die Bäume in den Alleen sind kahl, die Pläne karg, das Portemonnaie leer und die Heilsarmee hat sich in ihr Hauptquartier zurückgezogen. Rundum Ausverkauf. Im Schaufenster des kleinen Herrenmodegeschäfts gegenüber von meinem Bürogebäude weist ein Schild auf die bestimmt einmalige Möglichkeit hin, zweihundert Hosen zum halben Preis zu erstehen. Man sollte sich unverzüglich auf die Beine machen.
Für Verschonte wie mich bestünde ausserdem die grosse Chance, das, was einem gerade auf dem Magen liegt (mir dieses, Dir jenes), für einmal etwas weniger ernst zu nehmen und es so leichter und dadurch leichter erträglich zu machen. Einfach deshalb, weil man bekanntlich selten die Umstände, in denen man sich gerade befindet, aber praktisch immer seine Einstellung dazu selber bestimmen kann.
Oder man könnte, wenn man wollte, sich ab und zu ein wenig über die intakten Sinne freuen, mit denen man diese Welt und seinen Aufenthalt darin wahrnehmen darf. Im Grunde genommen wären nicht nur die Sinne, sondern jedes einzelne unversehrte Glied ab und zu einen Funken Dankbarkeit wert. Eine kleine Individualfeier. Du mein liebes, liebes linkes Knie! (zwanzig Sekunden streicheln). Ich gratuliere Dir zu dieser Beugung. Die hätt’ ich nie so hingekriegt.
Oder man könnte sagen: Es stinkt hier wieder gewaltig – wenigstens rieche ich noch. Die üblichen Passanten im unterirdischen Teil des Bahnhof sehen auch dieses Jahr nicht weniger trostlos aus. Wahrscheinlich deshalb, weil sie gar keine Passanten sind, sondern endlos oder bis zur nächsten Razzia hier unten herumhängen müssen. Wenn sie irgendwo hin könnten, wo es sich lohnte zu sein: ich bin sicher, sie wären schon dort. Ein unverdientes Wunder, dass ich auf zwei gesunden Beinen an ihnen vorbei gehen kann. Vorbei und die Treppe hoch in die Oberwelt, an die frische Luft.
Pass bloss auf, Scheisskälte – ich hab Dich auf der Haut! Ich werd es als erster merken, wenn es wieder wärmer wird.
Hey, ja Sie meine ich! Das hier ist meine Hand – eines der Wunderwerke der Natur bezüglich Koordination und Präzision. Mal schütteln?
Man könnte wirklich mal anders. Versuchsweise. Sich selbst zuliebe. Zur Abwechslung. Als kleine Testserie. Zur Feier des neuen Jahres. Ein neuer Ansatz anstelle eines alten Vorsatzes. Wenn nur ein Tag so gelänge, wäre ein Tag gelungen. Der hundertste Anrufer erhält einen Klaps auf die Stirn.
Wahrscheinlicher aber ist, wie die Erfahrung lehrt, dass alles so weitergeht wie bisher. Dass ich so weitergehe wie die vergangenen 30 Jahre. Die kommenden 359 Tage. Rumfurzel, Rumfurzel – Lass Deinen Frust herunter!
Sollen uns doch in Ruhe lassen, die Philosophen. So schön möchten wir es auch einmal haben – zuhause sitzen oder in einer gemütlichen Bibliothek, von naiven Erstsemestrigen angehimmelt, und über die Einstellung zum Leben  schwafeln, während sich andere Leute den Arsch aufreissen und gleichzeitig artig die Backen zusammenpressen (ein anderes Wunder der Natur). Das Leben ist so, wie es ist. Jedenfalls unseres. Einstellung hin oder her. Diesen kümmerlichen Rest Tragik lassen wir uns nicht auch noch nehmen. Unsere Trübsal ist in Jahrzehnten gewachsen. Sie lässt sich nicht einfach wegblasen. Und wer braucht schon zweihundert Paar Hosen.

Autosuggestion

10. Januar 2004

Das Grashorn

30. Dezember 2003

Das Grashorn benutzt seinen Namen vor allem zur Tarnung. Es frisst am liebsten Weihnachtslamm mit Kastanien. Da es zum Essen Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen benötigt, isst es nur auf Einladung bei guten Freunden. Längere Zeit alleine gelassen, kann es erheblich an Gewicht und Umfang verlieren. In praktisch jedem traditionell christlichen Klima heimisch, war das Grashorn trotzdem lange Zeit vom Aussterben bedroht, weil seinem Speichel von sabbergläubigen Urvölkern magische Fähigkeiten nachgesagt wurden. Grashörner können tatsächlich wunderbar seufzen und geben dabei nach Zimt riechenden Speichel von sich, tun dies aber nur, wenn ihnen jemand mitteilt, ihr Hund sei gestorben.

Wer fragen muss

25. Dezember 2003

Andererseits

25. November 2003

Und auf der anderen Seite (des Atlantiks) kann einer Lula heissen und wird eines Tages Präsident eines riesigen Landes. Mit riesigen Regenwäldern, einer riesigen Verschuldung, aber auch zu riesiger Lebensfreude und Ausgelassenheit im Stande – eben nicht im Stande sondern im Tanz – auf den Strassen, tagelang, nächtelang, die ganze Bevölkerung auf den rhythmischen, nimmermüden Beinen, und danach kann keine und keiner mehr stehen, aber das kümmert sie nicht, diese Bevölkerung, das danach. Nach dem Karneval ist vor dem Karneval. Do brasil.

Einerseits ist es uns angenehm, dass hier alles funktioniert, in der Regel. Auch wenn sich die Ausnahmen häufen. Da habe ich letztlich um ein Haar den Schnellzug nach Bern verpasst, weil mein Vorortszug bummelte. Einer hinter mir in den Zug hechtenden Passagierin hat es die Tasche in der Zugtüre eingeklemmt und der Schaffner hat sie auch noch angeschnauzt. Worauf ich den Schaffner anschnauzte, er soll bitte die Dame nicht anschnauzen und besser dafür sorgen, dass die Vorortzüge pünktlich eintreffen und die Anschlüsse gewährleistet sind. Und dann belehrt er mich auch noch über Anschlussregeln (wer auf wen warten muss, unter den Zügen, und wer nicht) und Laub auf den Schienen und sicherheitbedingtes Langsamfahren und unmögliche Beschleunigungen bei besonderen Verhältnissen, und den gewaltigen Sturm von gestern. Wo waren Sie, so dieses Wochenende? Fragt er mich. Nichts mitgekriegt?
Doch, denke ich, mein Fensterladen hat einmal gerattert dieses Wochenende. Der Mann hat Recht. Aber kann er auch tanzen? War er schon in Rio am Karneval, dieser uniformierte Lulatsch, der alles so vernünftig erklären kann, dass man ihm gar nicht mehr grollt?
Und ist er sich bewusst, dass wegen ihm und mir und der Frau mit der eingeklemmten Tasche und ein paar anderen Typen in der 1. und 2. Klasse (vor allem in der ersten, aber ein Zweitklassfahrschein ist kein Persilschein) die Regenwälder abgeholzt werden in Brasilien? In rasender Geschwindigkeit. Von Karneval zu Karneval werden soviele Hektaren abgeholzt, dass es auf einen verspäteten Zug und eine beinahe verpasste Sitzung in Bern wirklich nicht ankommt.
Worüber hätten wir wahrscheinlich geredet, wenn es eine Sitzung gegeben hätte, die wir jetzt nicht verpasst haben? Über den Sinn von Reisen in Länder mit Problemen, die so gross sind, dass sie uns auch betreffen? Auch der Umweltexperte verbrennt bei einem Transatlantikflug an einen Umweltgipfel in Rio soviel Energie (und zwar nicht erneuerbare), wie eine Familie in Afrika ein ganzes Jahr zum Leben benötigt. Nicht nur der Badegast, der einmal in seinem miesen kleinen Leben die Copa Cabana sehen will. All die gebräunten, knackigen Ärsche. Versteht man doch.

Einerseits sind wir dafür. Für pünktliche Züge, weiche Polster in der 1. Klasse, gutes Essen, anständige Musik aus einer schockresistenten Stereoanlage und das Recht auf Urlaub an einem sonnigen Strand, wie es in der Charta der Ausgelaugten verbrieft ist. Schliesslich arbeiten wir hart dafür. Rackern uns ab, tagtäglich, jahrein, jahraus. Alles was Recht ist.
Andererseits hat man es schwer hier mit sich und den andern. Alle sind schnell gereizt und die Sommer sind kurz. Ob ich einen Gipfel will zum Kaffee, fragt mich der farbige Mann mit der Minibar (im Oberdeck bedient sie jetzt die Railbar), und ich klaube einen Laugengipfel aus dem Sack, den er mir hinhält, reiche ihm einen Fünfliber und sage, gut so, der Rest ist für Sie. Er hat ein Lächeln drauf, das er nicht aufsetzen muss. Nicht für mich, nicht für irgendjemanden. Strahlt irgendwie von Innen heraus, ganz für sich. „Erster Fahrgast – bester Fahrgast“ sagt er noch. Dann rollt er weiter. Tanzt in Fahrtrichtung davon. Ich blicke nach hinten über meine müde Schulter (es ist fünf Uhr sechsundzwanzig, grosser Gott, und Montag noch dazu), um nachzuschauen, ob ich wirklich der erste Fahrgast bin, den er bedient hat. Tatsächlich. Hinter mir nur noch drei Geschäftsleute, in die Börsenkurse vertieft.
So schnell er auch fährt, dieser Zug, geht es mir durch den Kopf – so schnell er auch fährt, er holt ihn nicht ein, den fröhlichen Mann mit der rollenden Bar. Nie holen wir den ein. Der ist uns abgefahren. Wir sind die Bedienten.

25. November 2003

Winnetou

25. November 2003

Fototermin mit dem Bundesrat

11. November 2003

Frisch getröstet

10. November 2003

Lassie war verschiedene Hunde

25. Oktober 2003

Lassie war verschiedene Hunde. Heute lassen wir früher nichts mehr so, wie es uns damals zu sein schien. Im Nachhinein finden wir heraus, dass alles gefälscht war, gedoubelt, immitiert. Die Echtheit der Dinge – ein altmodischer Anspruch. Etwas für kurzsichtige Antiquitätenhändler und engstirnige Diamantenprüfer.
Wichtig ist, dass etwas abgehalten wird, dass  es aufgeführt wird.
Die Gegenwart findet heute so statt. Die Zukunft schon lange. Wie vermessen, zu denken, die Vergangenheit   gerade sie, die Hure unserer Nostalgie    hätte auf andere Weise stattgefunden.

Vielleicht gab es einmal eine Zeit, als man Duplikate und Fälschungen noch besser von den Originalen unterscheiden konnte. Aber die Originale waren schon damals in der Minderzahl. Sie benahmen sich unauffällig, blieben im Hintergrund, in den gemalten Kulissen, an denen Cary Grant und Doris Day mit einem Auto vorbeifuhren, das auf einem schwankenden Block stand. Sie verhielten sich wie Kopien, um nicht entdeckt und nachgeäfft zu werden.

Lassie war verschiedene Hunde. Mindestens vier. Der eine beherrschte diesen Trick, der andere den anderen. Das Original existierte nur in unseren Kinderköpfen, als wir gebannt vor dem Fernseher sassen und unsere schwarz weisse Lassie bei ihren Abenteuern begleiteten.
Lassie war dieser fabelhafte Hund. Lassie war einmalig.
Und heute? Heute ist uns allen alles klar: Lassie war verschiedene Hunde. Der eine konnte Türfallen hinunterdrücken mit der Pfote, der andere Telefonhörer abheben und eine Verbindung nach Winslow, Arizona, herstellen, wo er jeweils einen Mr. Smith verlangte. Der dritte konnte schauspielende Kinder retten, die so taten, als würden sie gerade ertrinken. die später schwimmen lernten. Und so weiter. Und so fort. Weit fort.

Lassie war verschiedene Hunde. Fury war ein Reitstall. Flipper war eine Herde Delphine. So what?
Es hat Spass gemacht, damals. Es war alles so wunderbar gefälscht. Es war so perfekt gemacht, dass die Fälschungen und Illusionen eine Realität erreichten, von der die heutigen Originale in den Drehpausen träumen.