Andererseits

25. November 2003

Und auf der anderen Seite (des Atlantiks) kann einer Lula heissen und wird eines Tages Präsident eines riesigen Landes. Mit riesigen Regenwäldern, einer riesigen Verschuldung, aber auch zu riesiger Lebensfreude und Ausgelassenheit im Stande – eben nicht im Stande sondern im Tanz – auf den Strassen, tagelang, nächtelang, die ganze Bevölkerung auf den rhythmischen, nimmermüden Beinen, und danach kann keine und keiner mehr stehen, aber das kümmert sie nicht, diese Bevölkerung, das danach. Nach dem Karneval ist vor dem Karneval. Do brasil.

Einerseits ist es uns angenehm, dass hier alles funktioniert, in der Regel. Auch wenn sich die Ausnahmen häufen. Da habe ich letztlich um ein Haar den Schnellzug nach Bern verpasst, weil mein Vorortszug bummelte. Einer hinter mir in den Zug hechtenden Passagierin hat es die Tasche in der Zugtüre eingeklemmt und der Schaffner hat sie auch noch angeschnauzt. Worauf ich den Schaffner anschnauzte, er soll bitte die Dame nicht anschnauzen und besser dafür sorgen, dass die Vorortzüge pünktlich eintreffen und die Anschlüsse gewährleistet sind. Und dann belehrt er mich auch noch über Anschlussregeln (wer auf wen warten muss, unter den Zügen, und wer nicht) und Laub auf den Schienen und sicherheitbedingtes Langsamfahren und unmögliche Beschleunigungen bei besonderen Verhältnissen, und den gewaltigen Sturm von gestern. Wo waren Sie, so dieses Wochenende? Fragt er mich. Nichts mitgekriegt?
Doch, denke ich, mein Fensterladen hat einmal gerattert dieses Wochenende. Der Mann hat Recht. Aber kann er auch tanzen? War er schon in Rio am Karneval, dieser uniformierte Lulatsch, der alles so vernünftig erklären kann, dass man ihm gar nicht mehr grollt?
Und ist er sich bewusst, dass wegen ihm und mir und der Frau mit der eingeklemmten Tasche und ein paar anderen Typen in der 1. und 2. Klasse (vor allem in der ersten, aber ein Zweitklassfahrschein ist kein Persilschein) die Regenwälder abgeholzt werden in Brasilien? In rasender Geschwindigkeit. Von Karneval zu Karneval werden soviele Hektaren abgeholzt, dass es auf einen verspäteten Zug und eine beinahe verpasste Sitzung in Bern wirklich nicht ankommt.
Worüber hätten wir wahrscheinlich geredet, wenn es eine Sitzung gegeben hätte, die wir jetzt nicht verpasst haben? Über den Sinn von Reisen in Länder mit Problemen, die so gross sind, dass sie uns auch betreffen? Auch der Umweltexperte verbrennt bei einem Transatlantikflug an einen Umweltgipfel in Rio soviel Energie (und zwar nicht erneuerbare), wie eine Familie in Afrika ein ganzes Jahr zum Leben benötigt. Nicht nur der Badegast, der einmal in seinem miesen kleinen Leben die Copa Cabana sehen will. All die gebräunten, knackigen Ärsche. Versteht man doch.

Einerseits sind wir dafür. Für pünktliche Züge, weiche Polster in der 1. Klasse, gutes Essen, anständige Musik aus einer schockresistenten Stereoanlage und das Recht auf Urlaub an einem sonnigen Strand, wie es in der Charta der Ausgelaugten verbrieft ist. Schliesslich arbeiten wir hart dafür. Rackern uns ab, tagtäglich, jahrein, jahraus. Alles was Recht ist.
Andererseits hat man es schwer hier mit sich und den andern. Alle sind schnell gereizt und die Sommer sind kurz. Ob ich einen Gipfel will zum Kaffee, fragt mich der farbige Mann mit der Minibar (im Oberdeck bedient sie jetzt die Railbar), und ich klaube einen Laugengipfel aus dem Sack, den er mir hinhält, reiche ihm einen Fünfliber und sage, gut so, der Rest ist für Sie. Er hat ein Lächeln drauf, das er nicht aufsetzen muss. Nicht für mich, nicht für irgendjemanden. Strahlt irgendwie von Innen heraus, ganz für sich. „Erster Fahrgast – bester Fahrgast“ sagt er noch. Dann rollt er weiter. Tanzt in Fahrtrichtung davon. Ich blicke nach hinten über meine müde Schulter (es ist fünf Uhr sechsundzwanzig, grosser Gott, und Montag noch dazu), um nachzuschauen, ob ich wirklich der erste Fahrgast bin, den er bedient hat. Tatsächlich. Hinter mir nur noch drei Geschäftsleute, in die Börsenkurse vertieft.
So schnell er auch fährt, dieser Zug, geht es mir durch den Kopf – so schnell er auch fährt, er holt ihn nicht ein, den fröhlichen Mann mit der rollenden Bar. Nie holen wir den ein. Der ist uns abgefahren. Wir sind die Bedienten.

25. November 2003

Winnetou

25. November 2003

Fototermin mit dem Bundesrat

11. November 2003

Frisch getröstet

10. November 2003

Lassie war verschiedene Hunde

25. Oktober 2003

Lassie war verschiedene Hunde. Heute lassen wir früher nichts mehr so, wie es uns damals zu sein schien. Im Nachhinein finden wir heraus, dass alles gefälscht war, gedoubelt, immitiert. Die Echtheit der Dinge – ein altmodischer Anspruch. Etwas für kurzsichtige Antiquitätenhändler und engstirnige Diamantenprüfer.
Wichtig ist, dass etwas abgehalten wird, dass  es aufgeführt wird.
Die Gegenwart findet heute so statt. Die Zukunft schon lange. Wie vermessen, zu denken, die Vergangenheit   gerade sie, die Hure unserer Nostalgie    hätte auf andere Weise stattgefunden.

Vielleicht gab es einmal eine Zeit, als man Duplikate und Fälschungen noch besser von den Originalen unterscheiden konnte. Aber die Originale waren schon damals in der Minderzahl. Sie benahmen sich unauffällig, blieben im Hintergrund, in den gemalten Kulissen, an denen Cary Grant und Doris Day mit einem Auto vorbeifuhren, das auf einem schwankenden Block stand. Sie verhielten sich wie Kopien, um nicht entdeckt und nachgeäfft zu werden.

Lassie war verschiedene Hunde. Mindestens vier. Der eine beherrschte diesen Trick, der andere den anderen. Das Original existierte nur in unseren Kinderköpfen, als wir gebannt vor dem Fernseher sassen und unsere schwarz weisse Lassie bei ihren Abenteuern begleiteten.
Lassie war dieser fabelhafte Hund. Lassie war einmalig.
Und heute? Heute ist uns allen alles klar: Lassie war verschiedene Hunde. Der eine konnte Türfallen hinunterdrücken mit der Pfote, der andere Telefonhörer abheben und eine Verbindung nach Winslow, Arizona, herstellen, wo er jeweils einen Mr. Smith verlangte. Der dritte konnte schauspielende Kinder retten, die so taten, als würden sie gerade ertrinken. die später schwimmen lernten. Und so weiter. Und so fort. Weit fort.

Lassie war verschiedene Hunde. Fury war ein Reitstall. Flipper war eine Herde Delphine. So what?
Es hat Spass gemacht, damals. Es war alles so wunderbar gefälscht. Es war so perfekt gemacht, dass die Fälschungen und Illusionen eine Realität erreichten, von der die heutigen Originale in den Drehpausen träumen.

Winnetou stirbt im zweiten Band

25. September 2003

Zwei Gestalten im Bus. Der eine hat einen Fuss auf dem Kopf und der andere einen Anker auf der Stirne. Nun gab es ja früher auch ganze Kerle. Ein irischer Schauspieler kommt in den Sinn, der in einem Film aus den 50er-Jahren einen Feldweibel spielt, der am Tresen einer Bar zu seinem Kumpel sagt: „I once swam over the English Channel with an anvil on my chest“. Das ist schwer zu übertrumpfen, wenn man einmal davon ausgeht, dass es sich nicht um einen Schwindel handelte und der Amboss nur tätowiert war.
Ich muss zugeben, dass der mit dem Anker auf der Wollmütze mit seinem grauen Dreitagebart wirklich wie ein sturm- und wetterfester Seemann aussah. Während der bleiche Bursche neben ihm mit dem Fuss auf der Baseballmütze in gar nichts an Freitag erinnerte, wie er sich Robinsons Fuss zum Zeichen der Unterwerfung auf den Kopf stellt, weil er jetzt ja nicht gefressen wird.
Die beiden kennen sich auch nicht. Der Seemann steigt an der nächsten Busstation (Calais-Schlossmatt) aus dem Bus, ohne sich von Freitag zu verabschieden.
Die meisten Leute sagen „bis morgen“, wenn sie sich von anderen Menschen verabschieden, bei denen sie am nächsten Tag mit einer erneuten Begegnung rechnen. Dabei spielt es für die Wortwahl keine Rolle, ob die Begegnung am folgenden Tag freiwillig und erwünscht oder zwangsläufig und unvermeidbar ist, zum Beispiel beruflich bedingt.
Sie sagen „Bis morgen“, meinen aber „Also dann, wir sehen uns morgen wieder, nichtwahr? Du kommst doch? Du wirst Dir doch unterdessen nichts antun, um Himmels Willen (ins Fenster springen, aus dem Wasser gehen oder Dich unter eine Wanderdüne werfen)“ Oder: „Morgen sehen wir uns ja bereits wieder. Du musst mir also heute nicht unbedingt sämtliche Witze erzählen, die Du kennst.“ Oder: „Mein Gott – und morgen schon wieder Du. Gibt es denn kein Entrinnen? Dann wenigstens jetzt rasch nachhause und ausgiebig gurgeln.“
Einige, die sich selber gerne einmal in einem Film vorkommen sähen („Achtung, jetzt komm ich dann gleich um die Ecke – nicht einschlafen!“) oder sich unverfilmt schon ziemlich bemerkenswert finden, sagen auch „Man sieht sich“. Das muss dann nicht unbedingt morgen sein und kann durchaus warten. Man hat sich ja in bester Erinnerung.
Vielleicht kannten sich die beiden ja doch und der Seemann hat nur deshalb nichts gesagt, als er aufstand und den Bus verliess, weil wortlos so männlich wirkt. Oder Freitag will aus einer dumpfen Furcht, die er nie ganz überwinden wird, um die Mittagszeit nicht angesprochen werden.
In Dover, kurz vor Bümpliz, steige ich selber aus dem Bus. Es regnet dumpf und ich habe weder Fuss noch Anker am Hut. Trage überhaupt keine Kopfbedeckung und werde nass wie ein Anfänger, der nie in London gelebt hat. Ich nehme mir vor, mir am Wochenende die alten Geschichten mal wieder vorzunehmen. Robinson Crudo. Die Schmatzinsel. Winnetou habe ich zum letzten Mal in der dritten oder vierten Klasse gelesen. Könnte nicht einmal mehr mit Bestimmtheit sagen, ob er im zweiten oder dritten Band stirbt.

Die Kimbern

25. September 2003

Von einer Sturmflut in Jütland
vom versalzenen Boden vertrieben
und plündernd nach Süden gewandert
sind die Kimbern aus Erfahrung
klug geworden

Liessen sich danach
nur noch auf stark bewaldeten
Hochplateaus nieder
blieben unter sich und kultivierten
ihr eigenes Idiom
in dem der Himmel baiss ist
und die Wiese gruan

Wer sich zu ihnen verirrt
erfährt, dass fünf eine Hand ist
sechs eins und eine Hand
zehn zwei Hände
und fünfzehn drei

Wie viele Kimbern
eins und zwanzig Hände vor Christus
bei Vercelli niedergemetzelt wurden
können die Kimbern
auch unter Zuhilfenahme
sämtlicher Hände nicht sagen

Wer sich beim Gehen bedankt
für ihre Gastfreundschaft
und die handlichen Zahlen
blickt in erstaunte Gesichter –
das Wort danke
kennen sie nicht.
Das war bei ihnen immer
selbstverständlich.

25. September 2003

25. August 2003