Gedächtnistest
10. März 2005Der Raschling
29. Dezember 2004
Der lange Zeit für ausgestorben gehaltene Raschling ist 1973 rein zufällig von holländischen Campern in den französischen Pirenäen wiederentdeckt worden. Danach ist es einem Team von französischen Zoologen gelungen, Raschlinge einzufangen und in einer abgelegenen Farm zu züchten. Dank ihrer Hilfe haben sich die Raschlinge erholt und sich wieder zu einer stattlichen Population vermehrt. Raschlinge sind heute wieder in Südfrankreich, Nordspanien und vereinzelt bereits wieder in Kinderbüchern in Osteuropa anzutreffen.
Der Raschling ernährt sich von jungen Trieben von Berggras, ohne dabei anzuhalten.
Er gehört zur Gattung der Rennschweine, eignet sich aber wegen seines eigenwilligen Charakters nicht für gewerbemässig betriebene Rennbahnen. Raschlinge treten in der Regel in fröhlich grunzenden Rudeln von 8 bis 12 Tieren auf. In der Paarungszeit ziehen sie sich zu zweit in kleine Herbergen an Pilgerstrassen zurück.
Küsse das Glück
25. Dezember 2004Küsse das Glück. Du musst Dich beeilen.
Küsse es auf seine zarten Wangen.
Vielleicht noch während diese Zeilen
Wachsen, geht es, oder ist gegangen.
Küsse das Glück. Du kannst es nicht halten.
Küsse es, und lass es weiterfliegen.
Denk an all die traurigen Gestalten,
Die irgendwo im Elend liegen.
Küsse das Glück. Es gibt keine Dauer.
Es gibt im Leben keine Ewigkeiten.
Nur Geburt und Tod und Glück und Trauer.
Alles andere sind Eitelkeiten.
He who binds to himself a joy
Does the winged life destroy;
But he who kisses the joy as it flies
Lives in eternity’s sun-rise.
(William Blake, 1757-1827)
Zurückgelassen
25. November 2004Wo das Ganze mehr war als die Summe seiner Einzelteile, sind diese, wenn es zerfallen ist, weniger als sie selbst. Beim Hauptbahnhof in Bern, am Rande der Fussgängerüberführung bei der Schanzenpost, von der aus man zu den einzelnen Geleisen hinabsteigen kann, steht am Abend oft ein Indio und spielt auf seiner Flöte, während der Strom der Reisenden in beiden Richtungen an ihm vorüberzieht. Er hat sich im vergangenen Mai zum ersten Mal in mein Bewusstsein gespielt.
Er trägt einen traditionellen Umhang, ist klein, nicht mehr jung und verströmt eine Einsamkeit, die mich nachhause begleitet. An seinen Händen fallen, schon damals im Mai, schwarze, fingerlose Wollhandschuhe auf, die der Beweglichkeit seiner Finger abträglich sein müssen. Vor ihm liegt irgendein Gegenstand am Boden – eine Mütze, ein Schal, ein Gefäss – der die von den Passanten gespendeten Münzen aufnehmen würde.
Was er spielt, sind nicht die üblichen Weisen, die wir von einem Flötenspieler aus den Anden erwarten, der auf einem Bahnhof den Passanten musiziert. Es sind keine ganzen Lieder, nicht einmal zusammenhängende Teile einer Melodie, die uns an vermeintlich Bekanntes erinnern könnten. Es klingt im Vorübergehen wie zufällige Bruchstücke halbvergessener Passagen, denen, um Melodie zu werden, der Klang der anderen Instrumente fehlt, die seine abwesenden Gefährten früher spielten. So etwa, als hörte man von einem Sinphonieorchester lediglich den Triangel.
Wieviel schmerzloser wäre es, spielte auch er El Condor pasa. Wieviel leichtfüssiger gingen wir an ihm vorüber, würde nicht alles an ihm, sein Gesicht, sein seltsames Flötenspiel, seine fingerlosen Handschuhe, nach seinen Gefährten rufen, mit denen er vor Jahren nach Europa gereist war und damals spielend soviel Münzen sammelte, dass es jeden Abend für ein warmes Essen reichte.
Spräche man Spanisch, man würde ihn nicht fragen mögen, wo die anderen jetzt sind. Ob er sie durch Zufall verloren hat, ob sie ihn absichtlich zurückgelassen haben, weil seine klammen Finger die Melodien zu vergessen begannen. Es ist so klar wie die Sonne der Anden, die ihm hier fehlt: Er kann im Strom der Passanten stehen und musizieren, bis ihm sein Umhang auf den krummen Schultern zerfällt – sie kommen nicht wieder. Er spielt völlig umsonst.
Why Brownlee Left (Paul Muldoon)
4. März 2004Why Brownlee left, and where he went,
Is a mystery even now.
For if a man should have been content
It was him; two acres of barley,
One of potatoes, four bullocks,
A milker, a slated farmhouse.
He was last seen going out to plough
On a March morning, bright and early.
By noon Brownlee was famous;
They had found all abandoned, with
The last rig unbroken, his pair of black
Horses, like man and wife,
Shifting their weight from foot to
Foot, and gazing into the future.
Yul Briner ist jeden Tag rückwärts gerannt
25. Januar 2004Da wären wir also. Mitten im neuen Jahr. Und kommt mir jetzt nicht damit, es sei erst der Anfang. Wenn man ins Wasser gestossen wird, ist man mitten im Ozean.
Und nun? Welche Optionen haben wir, so zwischen Silvester und Silvester? Haben wir überhaupt welche?
Reinhard Lettau hat es einmal so formuliert: Schriftsteller sind Menschen, die sich der Illusion hingeben, es werde ein weiteres Buch von ihnen erwartet. Er hat auch Anderes sehr treffend formuliert. Hat sich auf einzigartige Weise zu relevanten Themen wie der Frage der Himmelsrichtungen oder den Schwierigkeiten beim Häuserbauen geäussert. Und das alles aus einer der deutschen Sprache abgewandten Ferne, von jenseits des Atlantiks, wo er an einer amerikanischen Universität einen Lehrstuhl für Deutsche Literatur bekleidete, bis er kurz vor seinem Tod nach Berlin zurückkehrte, wo er bald darauf starb, weil er erst kurz vor seinem Tod zurückgekommen war. Sein letztes Buch trug den Titel „Flucht vor Gästen“. Den Rest des Beitrags lesen »
Zweihundert Hosen zum halben Preis
25. Januar 2004(kurze Gedanken zum neuen Jahr)
Ich schreibe den 6. Januar. Sonst macht es ja wieder keiner. Es hat endlich geschneit. Bis in die Niederungen. Natürlich zu spät für weisse Weihnachten, aber trotzdem endlich. Im Flachland sind wir schon dankbar, wenn die Natur uns relativ knapp verfehlt.
Die Bäume in den Alleen sind kahl, die Pläne karg, das Portemonnaie leer und die Heilsarmee hat sich in ihr Hauptquartier zurückgezogen. Rundum Ausverkauf. Im Schaufenster des kleinen Herrenmodegeschäfts gegenüber von meinem Bürogebäude weist ein Schild auf die bestimmt einmalige Möglichkeit hin, zweihundert Hosen zum halben Preis zu erstehen. Man sollte sich unverzüglich auf die Beine machen.
Für Verschonte wie mich bestünde ausserdem die grosse Chance, das, was einem gerade auf dem Magen liegt (mir dieses, Dir jenes), für einmal etwas weniger ernst zu nehmen und es so leichter und dadurch leichter erträglich zu machen. Einfach deshalb, weil man bekanntlich selten die Umstände, in denen man sich gerade befindet, aber praktisch immer seine Einstellung dazu selber bestimmen kann.
Oder man könnte, wenn man wollte, sich ab und zu ein wenig über die intakten Sinne freuen, mit denen man diese Welt und seinen Aufenthalt darin wahrnehmen darf. Im Grunde genommen wären nicht nur die Sinne, sondern jedes einzelne unversehrte Glied ab und zu einen Funken Dankbarkeit wert. Eine kleine Individualfeier. Du mein liebes, liebes linkes Knie! (zwanzig Sekunden streicheln). Ich gratuliere Dir zu dieser Beugung. Die hätt’ ich nie so hingekriegt.
Oder man könnte sagen: Es stinkt hier wieder gewaltig – wenigstens rieche ich noch. Die üblichen Passanten im unterirdischen Teil des Bahnhof sehen auch dieses Jahr nicht weniger trostlos aus. Wahrscheinlich deshalb, weil sie gar keine Passanten sind, sondern endlos oder bis zur nächsten Razzia hier unten herumhängen müssen. Wenn sie irgendwo hin könnten, wo es sich lohnte zu sein: ich bin sicher, sie wären schon dort. Ein unverdientes Wunder, dass ich auf zwei gesunden Beinen an ihnen vorbei gehen kann. Vorbei und die Treppe hoch in die Oberwelt, an die frische Luft.
Pass bloss auf, Scheisskälte – ich hab Dich auf der Haut! Ich werd es als erster merken, wenn es wieder wärmer wird.
Hey, ja Sie meine ich! Das hier ist meine Hand – eines der Wunderwerke der Natur bezüglich Koordination und Präzision. Mal schütteln?
Man könnte wirklich mal anders. Versuchsweise. Sich selbst zuliebe. Zur Abwechslung. Als kleine Testserie. Zur Feier des neuen Jahres. Ein neuer Ansatz anstelle eines alten Vorsatzes. Wenn nur ein Tag so gelänge, wäre ein Tag gelungen. Der hundertste Anrufer erhält einen Klaps auf die Stirn.
Wahrscheinlicher aber ist, wie die Erfahrung lehrt, dass alles so weitergeht wie bisher. Dass ich so weitergehe wie die vergangenen 30 Jahre. Die kommenden 359 Tage. Rumfurzel, Rumfurzel – Lass Deinen Frust herunter!
Sollen uns doch in Ruhe lassen, die Philosophen. So schön möchten wir es auch einmal haben – zuhause sitzen oder in einer gemütlichen Bibliothek, von naiven Erstsemestrigen angehimmelt, und über die Einstellung zum Leben schwafeln, während sich andere Leute den Arsch aufreissen und gleichzeitig artig die Backen zusammenpressen (ein anderes Wunder der Natur). Das Leben ist so, wie es ist. Jedenfalls unseres. Einstellung hin oder her. Diesen kümmerlichen Rest Tragik lassen wir uns nicht auch noch nehmen. Unsere Trübsal ist in Jahrzehnten gewachsen. Sie lässt sich nicht einfach wegblasen. Und wer braucht schon zweihundert Paar Hosen.
Autosuggestion
10. Januar 2004Das Grashorn
30. Dezember 2003
Das Grashorn benutzt seinen Namen vor allem zur Tarnung. Es frisst am liebsten Weihnachtslamm mit Kastanien. Da es zum Essen Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen benötigt, isst es nur auf Einladung bei guten Freunden. Längere Zeit alleine gelassen, kann es erheblich an Gewicht und Umfang verlieren. In praktisch jedem traditionell christlichen Klima heimisch, war das Grashorn trotzdem lange Zeit vom Aussterben bedroht, weil seinem Speichel von sabbergläubigen Urvölkern magische Fähigkeiten nachgesagt wurden. Grashörner können tatsächlich wunderbar seufzen und geben dabei nach Zimt riechenden Speichel von sich, tun dies aber nur, wenn ihnen jemand mitteilt, ihr Hund sei gestorben.



