Achtung, fertig, pietätlos!

25. Juni 2003

Eine Frau hätte sich kürzlich, hat mir gestern meine Freundin gesagt, masslos geärgert über den Preis für eine einfache Todesanzeige, die sie in ihrer hier nicht namentlich genannten Tageszeitung platzieren wollte. 700 Franken, wenn ich richtig verstanden habe. 700 Franken? Ich bin schockiert. Aber wahrscheinlich waren die Preise für Todesanzeigen schon vor 18 Jahren so exorbitant, als meine Eltern starben. Bloss war ich damals so von meiner masslosen Trauer umnebelt, dass ich gar nicht nach dem Preis fragte und die Rechnung mit der  Telefonrechnung und der Rechnung des EWZ beglich, die sich unauffällig unter die Kondolenzbriefe mischten. Das Leben geht schliesslich weiter.
Worum geht es aber hier? Es geht darum, dass Menschen, die beim Eintreten des Todes eines Angehörigen unvermittelt zu Hinterbliebenen werden, ihrer Umgebung mitteilen möchten, dass ein Mensch nicht mehr existiert. Ein Mensch, den sie gern hatten, der ihnen etwas bedeutete, den sie vermissen werden. Sonst hätten sie es wohl bei einem Vermerk in den kostenlosen amtlichen Mitteilungen belassen.
700 Franken. Skandalös.
Es würde mich interessieren, von besagter, hier nicht namentlich genannter Tageszeitung zu erfahren, wie hoch die jährlichen Einnahmen aus Todesanzeigen sind. Wieviele Prozente des Budgets holt man auf diese miese Art herein? Habt ihr dieses Geld wirklich nötig, Jungs?
Gut, man kann immer argumentieren, dass die Leute ja nicht öffentlich sterben müssen, wen sie es nicht vermögen. Aber man muss sich einmal vorstellen, wohin diese schäbige Entwicklung noch führen wird.
Wenn man die Kommerzialisierung im Sektor Ableben konsequent weiterdenkt, kann sie bei steigenden Preisen  nur zu einem führen: zum Sponsoring.
Hinterbliebene, die nicht über das Geld verfügen (wir mussten uns entscheiden: ein Sarg oder eine Todesanzeige) oder es nicht ausgeben wollen, können ihre Todesanzeige sponsern lassen.
Das wird dann ungefähr so aussehen: „Nach langer, dank Panadol gottseidank schmerzloser Krankheit, ist gestern im Alter von…“. Oder: „Unser Vater, Grossvater, Onkel, Götti, Bruder und Opelfahrer ist nach einer pannenfreien Fahrt durch ein langes Leben…“. Oder: „Sie hat die ganze Süsse eines Lebens in sich aufgesogen und dabei so manche harte Nuss geknackt“ (sponsored by Ragusa). Auf diese doch recht diskrete und dezente Art (You die, wie tell!), an die wir uns bald gewöhnt haben werden (wir gewöhnen uns schliesslich an alles), lassen sich die Kosten für eine Todesanzeige in etwa halbieren. Wer für die Todesanzeige gar kein Geld zur Verfügung hat oder ausgeben will, kann Option zwei anklicken: You die – we sell!  Das sieht dann ungefähr so aus: „Als XY das Licht dieser Welt erblickte, füllte ein Computer noch das  halbe Büro seines Vaters. Heute bringt der Handheld von Toshiba seiner Enkel spielend die gleiche Leistung.“ Oder: „Du hast Dein Leben lang kommuniziert. Wir sind bestürzt, dass wir von Dir keine SMS mehr erhalten sollen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Der Ausbau des Netzes geht weiter! (sponsered by Orange- stay in Touch!). Zugegeben, bei dieser Art Todesanzeige tritt die Individualität des Verstorbenen etwas in den Hintergrund, aber gerade darin sind die Toten ja stark. Der grosse Vorteil ist, dass sich je nach Grösse und Aufmachung nicht nur die Anzeige selber, sondern die Begräbniskosten und vielleicht sogar das Leichenmahl finanzieren lassen. Bei wichtigen Persönlichkeiten, die als Gründungsvater, Globalpionier, Verwaltungsratspräsident, Zunftmitglied, und Ehrenpräsident der Sharholdergilde schon heute eine halbe oder eine ganze Seite mit ihrem Mehrfachtod schmücken, wäre natürlich noch mehr herauszuholen. „Als Mitglied der Geschäftsleitung hat er noch in seinem letzten Geschäftsjahr dafür gesorgt, dass unsere Bank (farbig, kursiv und fett gedruckt, mit blinkendem Logo) ihren Spitzenplatz im Bereich Kleinkundendramatik nicht nur behaupten, sondern gegenüber der Konkurrenz massiv ausbauen konnte. Es sind Menschen wie EX, die Jahr für Jahr dafür sorgen, dass wir unseren Kunden das bieten, was sie verdient haben: das Beste. Erich: Die Aktionäre danken Dir!“
Pietätlos, sagen Sie? 700 Franken sind pietätlos. Die Frau, die sich masslos ärgerte, habe auf die Todesanzeige verzichtet und dafür ihr Abonnement bei besagter Tagesanzeitung per sofort gekündigt. Wäre es da nicht klüger und auf jeden Fall profitträchtiger (und darum geht es ja alleine) gewesen, die Zeitung hätte die Kosten für das Inserat selber übernommen?
„Rudolf K. hat uns verlassen. Wir trauern mit seinen Angehörigen um einen lieben Vater, Grossvater, Onkel, Bruder und langjährigen Abonnenten.“

Warum die Milch wirklich sauer wurde

10. Juni 2003

25. Mai 2003

25. April 2003

Die Busch-Brüder

12. April 2003

Fels in der Brandung

10. Februar 2003

A propos de l’Afrique

10. Januar 2003

Herbst (Rainer-Maria Rilke)

29. Dezember 2002

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Kunst ist ein fliegendes Stück Seife

25. Dezember 2002

Meine Freundin gibt mir regelmässig Zeitungsartikel zu lesen, die ich sonst übersehen würde, weil sie nicht im Sportteil abgedruckt sind. Es sind meist (immer) interessante Artikel zu einem relevanten Thema. Oder relevante Artikel zu einem interessanten Thema. Ich bedanke mich bei ihr und lege sie auf die Seite (die Artikel). Auf den kleinen Beistelltisch neben der blauen Liege oder irgendwo auf meinen Schreibtisch zwischen die Steuerunterlagen, die zu bezahlenden Rechnungen und die angefangenen Geschichten. Dieses Wochenende waren es zwei Artikel. Ein Interview mit Susan Sontag und einen Artikel über Duchamps. Das Interview mit Susan Sontag habe ich an ihrem wöchentlichen Namenstag gelesen. Eine überzeugende Frau. Eine Frau mit dezidierten Meinungen. Und mit 68 immer noch eine schöne, schon zum Ansehen faszinierende Frau.  Dass sie mit vierzehn Proust las auf dem Fussboden tut daran keinen Abbruch. Vielleicht war kein Sofa vorhanden.
Den Artikel über Duchamps habe ich vor ein paar Minuten zuende gelesen. Im Zug nach Zürich, wo ich noch sitze, den tragbaren Computer on top of my lap.
Ich muss mich kurz äussern dazu, Geliebte. Und ich bitte Dich natürlich (natürlich bitte ich Dich darum), diesen kurzen Text (der Zug trifft in zwanzig Minuten im Zürcher Hauptbahnhof ein) ganz für Dich zu behalten. Halte ihn vor allem und um Deines Gottes Willen aus meinem Gesamtwerk raus, wenn es gierige Studenten in ein paar Jahrzehnten dereinst bei Dir abholen (Du wirst über 68 sein und immer noch, ich kann Dich vor mir sehen, eine bildschöne, schon vom Ansehen her faszinierende Frau mit einer dezidierten Meinung) – sie würden mich für einen ganz und gar ungebildeten Menschen halten und sich trotz meiner zahnlosen Meriten, die ich mir eventuell noch um die abendländische Literatur erwerben werde (sonst kämen die Studenten gar nicht, um den ganzen Karsumpel wegzuschleppen), von mir abwenden wie von einem Trickbetrüger, mein Gesamtwerk auf den Müll werfen anstatt es sorgfältig zu editieren. Und sie hätten recht damit. Völlig recht.
Harald Szeemann, steht hier geschrieben (hier wie in diesem Artikel, nicht hier wie in diesem Text, obwohl es jetzt hier auch steht), wird im Basler Museum Jean Tinguely die repräsentative Schau „Marcel Duchamps“ einrichten. Damit würde zum ersten Mal seit Venedig (1993 – Du warst damals Mitte 30) das Schaffen Marcel Duchamps, der zentralen Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts (fett gedruckt) in einer grossen Ausstellung gezeigt. Aha.
Da bin ich jetzt allerdings gefordert. Ich könnte den Artikel zur Seite legen, auf dem Sitz liegen lassen (pro Jahr entsorgen die Putzequipen der SBB einen ganzen, ziemlich langen Güterzug voll Müll – hauptsächlich gelesene und ungelesene Zeitungen – welchen die Passagiere liegen lassen). Ein Zug ist keine Toilette, die man so hinterlässt, wie man sie gerne antreffen würde.  Ich wische mit einem Zusatzpapier meinen Scheiss vom inneren Schüsselrand, weil mich das anwidert, wenn ich eine Toilette in diesem Zustand antreffe). Das könnte ich tun, aber ich merke, dass ich mich mit der WC-Schüssel bereits auf Marcel Duchamps eingelassen habe. Auf sein teuflisches Spiel.
Ich will versuchen, das Ganze irgendwie einzuordnen, damit ich es verstehen kann. Ich wenigstens. Das würde mir bereits reichen.
Beginnen wir vorne. Dieser Szeemann – hat der nicht zuletzt Aufsehen damit erregt, dass er das Zürcher Kunsthaus verpackt hat?  Oder verwechsle ich ihn? Hat der seine Karriere bei Ayax Amsterdam begonnen und spielt heute bei Inter Mailand? Oder heisst der Seedorf? Hat jedenfalls am Wochenende ein wunderschönes Tor geschossen. Von der Strafraumecke aus. Aus dem Stand. Der Torhüter hat kaum reagiert. Als stünde er in einem Freiluftmuseum. Duchamps hätte gesagt: Ein Torwart entsteht, indem man einen Mann in kurzen Hosen und einem Trikot nimmt und ihn in ein Stadion stellt. Man darf ihn nicht ankleiden, trainieren und womöglich noch bezahlen. Man darf ihm auch nicht sagen, warum man ihn in ein Stadion führt und ihn dort zwischen zwei Aluminiumpfosten stellt. Hätte Duchamps gesagt. Und er hätte es einen readymade Torwart genannt. Obwohl er dann in den entscheindenden Momenten nicht bereit gewesen wäre. Not ready at all.
Ich habe Duchamps vor allem von der letzten Weltmeistermannschaft der Bleus in Erinnerung. Einer der vielen brillianten Techniker, die auch noch kämpfen können. Ein genialer Rackerer. Keiner der ganz grossen Stars wie Zinfandel Zinnsoldat. Ein Mosaikstein im Gesamtkunstwerk des französischen Nationaltrainers, das er im WM-Final 1998 den Brasilianern überreichte, die davon schlicht überwältigt waren und es kaum annehmen konnten, dann aber doch mussten. Aus Freundlichkeit des Gastes. Dieser Dugarry also, oder Duchamps (wer weiss das so genau), stellte, wenn er nicht gerade Fussball zelebrierte und dabei Brasilianer vorführte, readymades her. Dinge, soll er gesagt haben, die rein dadurch (und nur dadurch) Kunst werden, dass man sie von da, wo sie gerade sind, wegnimmt und in ein Museum stellt. 1917. Ein Urinal. Ein Fanal.
Keiner, sagt dieser Artikel, sagt Szeemann, sagt der französische Nationaltrainer, keiner (keiner) sei im 20. Jahrhundert um dieses Urinal herumgekommen. Deshalb sei es das Zentrale Dings der Kunst des 20. Jahrhunderts (fett gedruckt).
Meine Damen und Herren: Ich gebe hier und jetzt vor Ihnen zu, dass mir Duchamps nur vom Namen her ein Begriff war, bevor ich diesen Artikel (diesen da) gelesen habe. Er kommt einfach nicht oft genug im Sportteil vor. Aber ich muss hier als einer, der nicht Kunstgeschichte studiert hat, eines einmal ganz klar sagen (mir): Bloss weil Harold Seedorf nach einem Dreivierteljahrhundert (und zwei vorzeitigen Trainerentlassungen) in Basel eine Gesamtschau verpackt, weil weder Andy Warhol, Joseph Beuys, Franz Beckenbauer noch Fatzke Padopulos noch sonstwer, der in meiner Küche schon einmal eine Installation gemacht oder auf irgendeinem Nebenplatz einmal hinter’s Tor geflankt hat, oder den Namen Madonna ausgesprochen, ohne an Pop zu denken, bloss weil Basel zum ersten Mal seit zwei bis drei Jahrzehnten wieder Meister werden könnte und Guerrero nach seiner letzten Verletzung vielleicht nie wieder Fussball spielt: deswegen muss man sich doch nicht gleich zu diesem idiotischen und völlig unhaltbaren Superlativ versteigen (fett gedruckt).
Ich gebe zu, der Mann hatte ein gewisses Format. Gute Technik. Viel Überblick. Und originell war er auch. Hinter der Viererabwehrkette. Aber die zentrale Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts? Welche Kunst? Welches Jahrhundert? Es gibt keine Kunst. Es gibt keine Kunst des 20. Jahrhunderts. Es gibt kein 20. Jahrhundert. Es gibt in jedem Jahhundert eine unheimlich grosse Zahl unheimlich kreativer und talentierter Menschen, die Kunst schaffen. Und es gibt in gewissen Zeiten dermassen originelle Schaffer, dass sie mit ihrer Kunst andere Künstler  begeistern und beeinflussen und dann entsteht eine Bewegung, eine Kunstrichtung, über die dann endlos geschrieben wird von Leuten, die darüber endlos schreiben können (auch eine Kunst). Und dieser Duchamps, den ich überhaupt nicht kenne (mir aber vielleicht die ihm gewidmete Ausstellung anschauen gehe, bevor sie in Basel mit den Vorbereitungen zur Meisterfeier beginnen und man als Zürcher nicht mehr hin kann), der war bestimmt genial. Er musste wahrscheinlich überhaupt nichts mehr an sich manipulieren. Alles, was er mitnahm, wurde dadurch, dass er es irgendwo liegenliess, zu Kunst. Ein ganzer Güterzug voll pro Jahr. Ich will an seiner Bedeutung für die SBB überhaupt nicht herumdeuteln. Ich habe auch mit Ronda Shearers Theorien kein Problem, die Duchamps vorwirft, und diesen Vorwurf mit akribischen Recherchen erhärtet, er hätte eben doch an seinen angeblichen readymades herumgefummelt und sei deshalb ein, wenn auch sympathischer, Betrüger. Ich bin sicher, das tut Duchamps Ruf wenig Abbruch. Gewonnen ist gewonnen, ganz egal wie. Da ist der Sport von einer befreienden Klarheit. Im Gegenteil: In ein paar Jahren wird es jemanden geben, jemanden oder eine vollzählige Studiengruppe, welche sich mit Ronda Shearers Forschungen und Theorien zu Duchamps auseinander-setzen wird. Man wird in akribischen Studien beweisen, dass sie bei den Bildern und Gegenständen, mit denen sie beweisen wollte, dass Duchamps seine readymades manipuliert hatte, herumgefummelt hat. Und ein paar Jahre später wird eine Studiengruppe in Tübingen beweisen können (oder mindestens ernsthaft den Versuch starten), dass diese AntiRondianer (die Gegenshearer) bei ihrer Schmutzkampagne gegen die Gattin von Professor Gould in Tat und Wahrheit schummelten. Und irgendwann wird ein Einsiedler im Harzgebirge über den Sinn des Lebens nachdenken bis er von einem altersschwachen Baum erschlagen wird. Und über all dem wird Duchamps thronen, der begnadetste Dribbler, der je in einem WM-Final gstanden hat. Er habe, hat neulich einer seiner ehemaligen Teamkollegen in einer Dokumentation zum 100. Genurtstag von Real Madrid am Fernseher dem unsichtbaren Interviewer anvertraut (ein weisshaariger Mann, der aussah, als habe er sein Leben wirklich genossen), in der Dusche manchmal ein Stück Seife in die Luft geworfen und mit der Innenseite des Fusses aus der Luft gestoppt. Vielleicht der begnadetste Fussballer aller Zeiten, dieser Duchamps.

Hope on the Rocks

10. April 2002

Hope is a liar.
Don’t hold it against her.
She can’t help it.

Drink her for what
She is.

Even if afterwards
When you’re sober again
Everything stays
Like it always was.