Lesehilfe zu Adorno

30. September 2001

Es stimmt nicht, Theodor,
dass Frühlingsbäume lügen
wenn man sie ohne Argwohn betrachtet.

Bäume lügen weder im Frühling
Wenn sie das saftige Leben versprechen,
noch im Herbst, wenn sie farbenprächtig
den dürren Tod verkünden.

Das Problem,  das ihr Intellektuellen
mit der Natur habt
und mit allem anderen
was Freude machen kann,
ist eure kleinmütige Angst
von einem Augenblick der Schönheit
korrumpiert zu werden.

Ein Moment der Behaglichkeit
ist noch kein Einverständnis
mit dem Unrecht dieser Welt.
Und ein geselliger Abend
noch kein Akzeptieren
des Unmenschlichen.

Ihr macht euch etwas vor
wenn ihr glaubt, jene,
deren Freuden ihr verschmäht
wollten mit euch
ihr Leid teilen.

Während ihr in unverbrüchlicher
Einsamkeit den konstanten Blick
auf das Grauen kultiviert,
haben jene, die sich
manchmal gehen lassen,
die Möglichkeit des Besseren entdeckt
und die Wahrheit der Bäume
zu allen vier Jahreszeiten
akzeptieren gelernt.

Aufhören für Anfänger

9. September 2001

Man sagt uns hier nicht alles. Ich fahre zum Beispiel mit dem Zug kurz vor oder nach Burgdorf  an einer Maschinenfabrik vorbei und denke, schön: Wir haben hier eine Maschinenfabrik. Aber wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Maschinenfabrik Maschinen bauen? Und wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Fabrik die Maschinen bauen, mit denen sie dann – Sie wissen, was ich meine. Sitzt irgendwo einer im Wald, dort wo er noch dicht und geheimnisvoll ist und unverjoggt, auf einer Lichtung, die ihm einmal aufgegangen ist, vor seiner Hütte und bastelt von Hand die Teile, aus denen man dann die erste Maschine baut? Ich meine den Ursprung der Dinge, vestehen Sie? Er wird uns verheimlicht. Dadurch, dass alles rund um uns herum und dank uns und mit uns (übrigens auch ohne uns) auf Hochtouren läuft, wird andauernd der Anfang vertuscht und das Ende verpfuscht. Nur schon die Frage nach dem Anfang kann kaum aufkommen, Den Rest des Beitrags lesen »

Sitzungsnotiz aus dem Jahr 2001

17. Januar 2001

An einen Dichter, tausend Jahre nach mir

4. Januar 2001

(nach James Elroy Flecker, 1884-1915)

Ich, der tausend Jahre Tote,
der ich dieses süsse Lied ersann,
sende Dir mein Wort als Bote,
auf dem Weg, den ich nicht gehen kann.

Ob Du durch den wilden Himmel reitest
oder Brücken über alle Meere breitest,
frag ich nicht, und ob Du überall
Paläste baust aus Steinen und Metall.

Doch hast Du noch Musik und Wein im Krug,
und gibt es noch ein Mädchen, das Dich liebt?
Sind Gut und Böse Dir auch nie genug?
Und dankst Du dem, der uns das alles gibt?

Wie wird es uns gelingen? Wie ein Wind,
der abends weht, treibt uns die Phantasie.
Schon vor dreitausand Jahren fragte, blind,
der alte Maeonides: Wie?

O ungebor´ner Freund, noch nicht erwacht:
im süssen Englisch suchst Du Läuterung.
Lies laut mein Wort, alleine, in der Nacht.
(Ich war ein Dichter, ich war jung.)

Niemals werd ich deine Hände drücken.
Dein Gesicht – ich werd es niemals sehn.
Lass mich so Dir meine Seele schicken,
Dich zu grüssen. Du wirst mich verstehn.

Frag mich nicht warum

5. Februar 2000

Und frag mich nicht, warum Du dieses Leben
Noch leben sollst (es kam Dir viel zu nah).
Wir leben unser Leben deshalb eben,
Weil alles dies (dies alles) uns geschah.
Das Deine Dir, das andere den andern,
Dir, und nicht zum Beispiel diesem Mann,
Der seine Zeitung liest und dabei raucht.
Obwohl auch ihm (man sieht es keinem an)
In seinem Leben sicher irgendwann
Ein Auge aufging, das er sonst nicht braucht.

A man with a plan

10. Januar 2000

Über Walters Tierleben

10. November 1999

Die kleinen Tiere sind vor vielen Jahren während endloser Sitzungen in Bern entstanden. Es ging damals, wie so oft, um Reorganisation – offenbar eine Lieblingsbeschäftigung in unserem Aussenministerium. Die Sitzungen waren für mich oft nur auszuhalten,  indem ich Notizblätter mit kleinen Fabelwesen füllte.

Erst viel später realisierte ich, dass ihnen die Aufzeichnung nicht genügte. Ich habe sie ins Leben gerufen, nun wollen sie Eigenschaften und eine Geschichte. Ich nehme ihren Anspruch ernst und gebe mir Mühe. Die Katalogisierung wird aber noch eine Weile dauern, und ich bitte die Tiere um Geduld.

Der Ofen ist aus

22. September 1999

Die Unsicherheiten schlagen zu Buch
Selbst zum Thema Instinkt
Gibt es mittlere Bibliotheken

Wer jodelt
Wird für gesund gehalten
Wenn es ihm nicht
In der Kirche passiert

Was ist los

Der Ofen ist aus
Aber es will nicht kalt werden

Walking the Dog on a Rainy Monday Morning on the first Day of Summer 1999

21. Juni 1999

The weekend kind of strange:
Saturday went by like a series of dreams
Out of which the family members
Emerged at different times
To drink a glass of milk
Or stand in front of the fridge
Before going back
To separate worlds
Where nobody ever
Is hungry or sad

Sunday we drove around
The kids noisy
In the back of the car
And only the dog
Quiet and happy to be
On the move

The sun was shining
The bikers and cyclists swarming
And we never seemed
To arrive

There is so little we can do
you said. And I wondered if we
Had been thinking about the same things

Tonight the rain set in
Soon after midnight
And kept on pounding on the roof
Under which we were trying to sleep
Until it was time to get up

After the kids had left
I walked the dog
With the rain still falling
Wondering why
My umbrella felt light as a feather

I thought of Saturday
The dreams and bits
And of Sunday with
the noise in the car
and your words
taking off from the trees
like the last birds of spring

When I came out of the woods
I closed my umbrella
And the rain stopped.

(June 21, 1999)

God Shows up for Lunch

30. November 1998

When out of the blue at lunch
God was mentioned
I asked my kids: How
Do you guys imagine him?

I always saw God as Mickey Mouse
With enormous ears
To listen to all the prayers
My older son said

My younger daughter sees him
All in white
Only his eyes, his mouth and
His nose are not white

My younger son sees God
As a Chinese (he likes
the Chinese) with the head
of a Panda bear

My older daughter says God is
A Barbie Doll with enormous breasts
Then she laughs out loud
No: A man five meters tall
With an endless cape
And his cape is
The universe

Five meters is not tall at all
Says one of her brothers
And she replies: Have you ever jumped
From the five meter board?