Zwei Gestalten im Bus. Der eine hat einen Fuss auf dem Kopf und der andere einen Anker auf der Stirne. Nun gab es ja früher auch ganze Kerle. Ein irischer Schauspieler kommt in den Sinn, der in einem Film aus den 50er-Jahren einen Feldweibel spielt, der am Tresen einer Bar zu seinem Kumpel sagt: „I once swam over the English Channel with an anvil on my chest“. Das ist schwer zu übertrumpfen, wenn man einmal davon ausgeht, dass es sich nicht um einen Schwindel handelte und der Amboss nur tätowiert war.
Ich muss zugeben, dass der mit dem Anker auf der Wollmütze mit seinem grauen Dreitagebart wirklich wie ein sturm- und wetterfester Seemann aussah. Während der bleiche Bursche neben ihm mit dem Fuss auf der Baseballmütze in gar nichts an Freitag erinnerte, wie er sich Robinsons Fuss zum Zeichen der Unterwerfung auf den Kopf stellt, weil er jetzt ja nicht gefressen wird.
Die beiden kennen sich auch nicht. Der Seemann steigt an der nächsten Busstation (Calais-Schlossmatt) aus dem Bus, ohne sich von Freitag zu verabschieden.
Die meisten Leute sagen „bis morgen“, wenn sie sich von anderen Menschen verabschieden, bei denen sie am nächsten Tag mit einer erneuten Begegnung rechnen. Dabei spielt es für die Wortwahl keine Rolle, ob die Begegnung am folgenden Tag freiwillig und erwünscht oder zwangsläufig und unvermeidbar ist, zum Beispiel beruflich bedingt.
Sie sagen „Bis morgen“, meinen aber „Also dann, wir sehen uns morgen wieder, nichtwahr? Du kommst doch? Du wirst Dir doch unterdessen nichts antun, um Himmels Willen (ins Fenster springen, aus dem Wasser gehen oder Dich unter eine Wanderdüne werfen)“ Oder: „Morgen sehen wir uns ja bereits wieder. Du musst mir also heute nicht unbedingt sämtliche Witze erzählen, die Du kennst.“ Oder: „Mein Gott – und morgen schon wieder Du. Gibt es denn kein Entrinnen? Dann wenigstens jetzt rasch nachhause und ausgiebig gurgeln.“
Einige, die sich selber gerne einmal in einem Film vorkommen sähen („Achtung, jetzt komm ich dann gleich um die Ecke – nicht einschlafen!“) oder sich unverfilmt schon ziemlich bemerkenswert finden, sagen auch „Man sieht sich“. Das muss dann nicht unbedingt morgen sein und kann durchaus warten. Man hat sich ja in bester Erinnerung.
Vielleicht kannten sich die beiden ja doch und der Seemann hat nur deshalb nichts gesagt, als er aufstand und den Bus verliess, weil wortlos so männlich wirkt. Oder Freitag will aus einer dumpfen Furcht, die er nie ganz überwinden wird, um die Mittagszeit nicht angesprochen werden.
In Dover, kurz vor Bümpliz, steige ich selber aus dem Bus. Es regnet dumpf und ich habe weder Fuss noch Anker am Hut. Trage überhaupt keine Kopfbedeckung und werde nass wie ein Anfänger, der nie in London gelebt hat. Ich nehme mir vor, mir am Wochenende die alten Geschichten mal wieder vorzunehmen. Robinson Crudo. Die Schmatzinsel. Winnetou habe ich zum letzten Mal in der dritten oder vierten Klasse gelesen. Könnte nicht einmal mehr mit Bestimmtheit sagen, ob er im zweiten oder dritten Band stirbt.
Winnetou stirbt im zweiten Band
25. September 2003Die Kimbern
25. September 2003Von einer Sturmflut in Jütland
vom versalzenen Boden vertrieben
und plündernd nach Süden gewandert
sind die Kimbern aus Erfahrung
klug geworden
Liessen sich danach
nur noch auf stark bewaldeten
Hochplateaus nieder
blieben unter sich und kultivierten
ihr eigenes Idiom
in dem der Himmel baiss ist
und die Wiese gruan
Wer sich zu ihnen verirrt
erfährt, dass fünf eine Hand ist
sechs eins und eine Hand
zehn zwei Hände
und fünfzehn drei
Wie viele Kimbern
eins und zwanzig Hände vor Christus
bei Vercelli niedergemetzelt wurden
können die Kimbern
auch unter Zuhilfenahme
sämtlicher Hände nicht sagen
Wer sich beim Gehen bedankt
für ihre Gastfreundschaft
und die handlichen Zahlen
blickt in erstaunte Gesichter –
das Wort danke
kennen sie nicht.
Das war bei ihnen immer
selbstverständlich.
Achtung, fertig, pietätlos!
25. Juni 2003Eine Frau hätte sich kürzlich, hat mir gestern meine Freundin gesagt, masslos geärgert über den Preis für eine einfache Todesanzeige, die sie in ihrer hier nicht namentlich genannten Tageszeitung platzieren wollte. 700 Franken, wenn ich richtig verstanden habe. 700 Franken? Ich bin schockiert. Aber wahrscheinlich waren die Preise für Todesanzeigen schon vor 18 Jahren so exorbitant, als meine Eltern starben. Bloss war ich damals so von meiner masslosen Trauer umnebelt, dass ich gar nicht nach dem Preis fragte und die Rechnung mit der Telefonrechnung und der Rechnung des EWZ beglich, die sich unauffällig unter die Kondolenzbriefe mischten. Das Leben geht schliesslich weiter.
Worum geht es aber hier? Es geht darum, dass Menschen, die beim Eintreten des Todes eines Angehörigen unvermittelt zu Hinterbliebenen werden, ihrer Umgebung mitteilen möchten, dass ein Mensch nicht mehr existiert. Ein Mensch, den sie gern hatten, der ihnen etwas bedeutete, den sie vermissen werden. Sonst hätten sie es wohl bei einem Vermerk in den kostenlosen amtlichen Mitteilungen belassen.
700 Franken. Skandalös.
Es würde mich interessieren, von besagter, hier nicht namentlich genannter Tageszeitung zu erfahren, wie hoch die jährlichen Einnahmen aus Todesanzeigen sind. Wieviele Prozente des Budgets holt man auf diese miese Art herein? Habt ihr dieses Geld wirklich nötig, Jungs?
Gut, man kann immer argumentieren, dass die Leute ja nicht öffentlich sterben müssen, wen sie es nicht vermögen. Aber man muss sich einmal vorstellen, wohin diese schäbige Entwicklung noch führen wird.
Wenn man die Kommerzialisierung im Sektor Ableben konsequent weiterdenkt, kann sie bei steigenden Preisen nur zu einem führen: zum Sponsoring.
Hinterbliebene, die nicht über das Geld verfügen (wir mussten uns entscheiden: ein Sarg oder eine Todesanzeige) oder es nicht ausgeben wollen, können ihre Todesanzeige sponsern lassen.
Das wird dann ungefähr so aussehen: „Nach langer, dank Panadol gottseidank schmerzloser Krankheit, ist gestern im Alter von…“. Oder: „Unser Vater, Grossvater, Onkel, Götti, Bruder und Opelfahrer ist nach einer pannenfreien Fahrt durch ein langes Leben…“. Oder: „Sie hat die ganze Süsse eines Lebens in sich aufgesogen und dabei so manche harte Nuss geknackt“ (sponsored by Ragusa). Auf diese doch recht diskrete und dezente Art (You die, wie tell!), an die wir uns bald gewöhnt haben werden (wir gewöhnen uns schliesslich an alles), lassen sich die Kosten für eine Todesanzeige in etwa halbieren. Wer für die Todesanzeige gar kein Geld zur Verfügung hat oder ausgeben will, kann Option zwei anklicken: You die – we sell! Das sieht dann ungefähr so aus: „Als XY das Licht dieser Welt erblickte, füllte ein Computer noch das halbe Büro seines Vaters. Heute bringt der Handheld von Toshiba seiner Enkel spielend die gleiche Leistung.“ Oder: „Du hast Dein Leben lang kommuniziert. Wir sind bestürzt, dass wir von Dir keine SMS mehr erhalten sollen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Der Ausbau des Netzes geht weiter! (sponsered by Orange- stay in Touch!). Zugegeben, bei dieser Art Todesanzeige tritt die Individualität des Verstorbenen etwas in den Hintergrund, aber gerade darin sind die Toten ja stark. Der grosse Vorteil ist, dass sich je nach Grösse und Aufmachung nicht nur die Anzeige selber, sondern die Begräbniskosten und vielleicht sogar das Leichenmahl finanzieren lassen. Bei wichtigen Persönlichkeiten, die als Gründungsvater, Globalpionier, Verwaltungsratspräsident, Zunftmitglied, und Ehrenpräsident der Sharholdergilde schon heute eine halbe oder eine ganze Seite mit ihrem Mehrfachtod schmücken, wäre natürlich noch mehr herauszuholen. „Als Mitglied der Geschäftsleitung hat er noch in seinem letzten Geschäftsjahr dafür gesorgt, dass unsere Bank (farbig, kursiv und fett gedruckt, mit blinkendem Logo) ihren Spitzenplatz im Bereich Kleinkundendramatik nicht nur behaupten, sondern gegenüber der Konkurrenz massiv ausbauen konnte. Es sind Menschen wie EX, die Jahr für Jahr dafür sorgen, dass wir unseren Kunden das bieten, was sie verdient haben: das Beste. Erich: Die Aktionäre danken Dir!“
Pietätlos, sagen Sie? 700 Franken sind pietätlos. Die Frau, die sich masslos ärgerte, habe auf die Todesanzeige verzichtet und dafür ihr Abonnement bei besagter Tagesanzeitung per sofort gekündigt. Wäre es da nicht klüger und auf jeden Fall profitträchtiger (und darum geht es ja alleine) gewesen, die Zeitung hätte die Kosten für das Inserat selber übernommen?
„Rudolf K. hat uns verlassen. Wir trauern mit seinen Angehörigen um einen lieben Vater, Grossvater, Onkel, Bruder und langjährigen Abonnenten.“







