Archive for Februar 2015

Die schönste Nase des ganzen Gesichts

25. Februar 2015

(ein angemessener Beitrag zur Diskussion über die Unsitte des Übertreibens)

Es lässt sich ohne zu übertreiben festhalten, dass negative Übertreibungen immer Schaden anrichten, während positive Übertreibungen meist harmlos sind (they don’t do any harm) und manchmal sogar Gutes bewirken können. Als ich siebzehn Jahre alt war, sagte mir einmal ein Mädchen, ich hätte die schönste Nase des ganzen Gesichts.

Würde man hingegen die Behauptung aufstellen, negative Übertreibungen richteten den grössten Schaden an, wäre das eindeutig übertrieben. Die fahrlässig aufgestellte Behauptung würde bei der ersten Diskussion mit Fachleuten aus der Versicherungsbranche umkippen (nur Flamingos stehen nächtelang auf einem Bein) und was man hatte festhalten wollen, würde einem rasch entgleiten.

Negative Übertreibungen sind schädlich, weil sie etwas schlimmer, furchtbarer, falscher, schlechter, böser (auch schädlicher – mache weitere negative Beispiele) darstellen, als es in Wirklichkeit ist. Negative Übertreibungen schaden immer allen drei Beteiligten: dem Übertriebenen, dem Übertreibenden und dem Empfänger der Mitteilung.

Das Übertriebene verliert seine Konturen und Dimensionen und mithin seine Wahrheit, der Übertreibende seine Glaubwürdigkeit und der Empfänger der Übertreibung im besten Fall seine Zeit, weil er die Übertreibung durch eigene Recherchen zurechtstutzen muss, und im schlimmsten Fall seine realistische Einschätzung, weil er dem Gebot der Oberflächlichkeit erliegt und die Übertreibung glaubt.

Der durch negative Übertreibung angerichtete Schaden kann so weit gehen, dass die Existenz des Übertriebenen gänzlich angezweifelt wird und dem dauernd Übertreibenden irgendwann nicht einmal mehr das geglaubt wird, was er ohne zu übertreiben beschreibt, falls er dazu noch fähig ist, während der Empfänger der Mitteilung nur noch angewidert die Nase rümpft, die mit dem Alter grösser, aber nicht unbedingt schöner geworden ist.

Ich klage nicht gerne über die Zeit, denn sie kann nun wirklich nichts dafür. Es ist ihr ganz und gar egal, ob wir unter- oder übertreiben, denn sie nimmt ebenso wenig Teil an unseren Irrtümern wie an unseren Erkenntnissen; sie nimmt überhaupt nicht Teil, sie ist völlig teilnahmslos und lässt uns vergehen, während wir es vorziehen, zu meinen, sie gehe vorbei.

Ich meine also nicht die Zeit, sondern uns, wenn ich sage, wir leben leider in einer Zeit, in der es vielen notwendig und manchen unumgänglich scheint, zu übertreiben, weil sie meinen, das, was sie glauben, sagen zu müssen, werde in der Flut der Mitteilungen sonst nicht wahrgenommen, gehe sogleich unter und keiner könne es retten oder je wieder aus den Tiefen des Informationsgrabens bergen (was masslos übertrieben wäre, wenn Übertreibungen ein Mass hätten).

Wenn es nach mir ginge, würden die Übertreibenden nicht zum Schweigen gebracht, aber zur Rede gestellt. Ich wünschte mir, es würde sich so verhalten, dass Übertreibungen, weil sie schwer wiegen, rascher in die unendlichen Tiefen unseres Vergessens absinken als realistische Beurteilungen und Einschätzungen. In absoluter Dunkelheit würden sie dahin sedieren und nur ganz selten würde ein Tiefseefisch an ihnen vorbeischwimmen, vom enormen Druck so flach wie eine Tageszeitung und zur Sicherheit blind.

Imagine

22. Februar 2015

Imagine

Ein gescheiterter Versuch, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren

22. Februar 2015

Skizzen faszinieren mich. Das mit rascher Geste flüchtig Hingeworfene, das dem vollendeten Kunstwerk hoch überlegen ist. Wie die Bergdohle der wissenschaftlichen Beschreibung der Schwerkraft, wenn sie sich auf der Terrasse des Kulmrestaurants rückwärts vom Geländer fallen lässt.

Ich weiss. Akt zeichnen geht mit Modell besser. Aber ich will die Schweiz ja nicht nackt zeichnen. Ich will sie überhaupt nicht zeichnen. Dafür ist sie zu weit entfernt und hält auch nie richtig still (dreisprachiges Geschwätz mir rätoromanischen Zwischenrufen). Ich möchte sie aus dem Gedächtnis skizzieren mit wenigen Worten (ein Land mit vier Konturen, einst locker um die Alpenpässe drapiert, dann sich langsam verhärtend).

Keine Angst, die Idee, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren, stammt nicht von mir. Sie stammt von einer Kunst-Postkarte aus einem Land, das sich ausgelobt hat. Keine meiner Ideen stammt von mir. Sie stammen ausnahmslos von anderen, die für einen Augenblick originell waren, im Zug zwischen Göschenen und Airolo, auf einer unbenutzten Papierserviette, von einem früheren Fahrgast liegengelassen.

Einige der originellen Ideen werden aber auch Fälschern und Hochstaplern zugeschrieben, die sich in ihrem Versteck meine Verachtung und Bewunderung teilen. Mein Geschäft sind die kleinen Variationen. Lassen Sie mich das anders sagen: ich formuliere um.

Als Diplomat lebt und arbeitet man mit dem Rücken zum eigenen Land. Man vertritt dessen Interessen nach bestem Wissen und bei möglichst gutem Gewissen, aber man kennt sein Land und dessen Leute, deren Interessen man angeblich vertritt, nach langen Jahren im Ausland nur noch vom unscharf gewordenen Blick zurück über die alternde Schulter.

Vorsicht ist angezeigt. Objekte im Rückspiegel können grösser erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Sorgen der Schweiz hätten 50 mal im Freizeitpark von Lahore Platz. Und trotzdem heisst es, die Schweiz stehe am Scheitelweg, obwohl das keine vorteilhafte Frisur ist, wenn einem nach über 700 Jahren die Haare langsam ausgehen. Auch die Bärte der jungen Schweizer gefallen mir nicht. Ich zähle darauf, ohne damit zu rechnen, dass sie ausser Mode gekommen sind, bevor ich für immer nachhause zurückkehren werde.

Vor bald zwanzig Jahren habe ich in Washington drei Lektionen eines Malkurses besucht. Einmal durften wir uns mit rötlicher Kreide versuchen, einmal mit Ölfarbe und am spannendsten war eindeutig der Abend, als wir ein Modell hatten, das für uns sass. Wir hatten einmal 20 Minuten, einmal 5 Minuten, einmal 2 Minuten und am Schluss gerade noch 30 Sekunden Zeit, um zu versuchen, irgendetwas mit einem Stück Kohle zu Papier zu bringen, was wenn möglich an die Pose erinnern sollte, im besten Fall an die posierende Frau.

Ich tat mich schwer. Je kürzer die Zeitspanne, desto weniger konnte man der eigenen Hand beim Zeichnen zusehen. Man blickte zum Modell, während die Hand zu zeichnen versuchte, und das Hirn stand wie so oft bloss im Weg. Es gab Instruktionen, ohne zu begreifen, was abging. Mach schon, Hand, zeichne was. Ich weiss, Du kannst das ohne mich.

Die Schweiz mit Worten aus dem Gedächtnis skizzieren ist ohne das Hirn nicht möglich. Es besteht auf die Kontrolle der Sprache. Es gibt sie nicht her. Wie eine Mutter bei den Hausaufgaben setzt es sich mit mir an den Tisch und holt viel zu weit aus. Also, sagt es, und wischt dabei meine spontanen Ideen und Assoziationen zur Seite wie störende Spielzeuge, machen wir zunächst einmal eine Auslegeordnung. Was kommt Dir alles in den Sinn, wenn Du die Schweiz skizzieren willst? Das sortieren wird dann. Was verstehen wir unter einer Skizze? Können wir unserem Gedächtnis vertrauen?

Lass gut sein, Hirn, möchte ich ihm sagen. Es ist Sonntag. Mach einfach mal nichts. Als ob Mütter das könnten.

16. Februar 2015

Vorhaben

Schwer zu sagen

16. Februar 2015

ob uns alles zu schnell ging
oder ob es vielleicht
an uns lag
weil wir zu passiv waren
und irgendwie nicht bereit

Im Fussball sagen sie man muss
dem Ball entgegen laufen

aber das Leben ist
nicht immer ein Fussballspiel

sonst würde ja jeder
die Sonne flach halten
und mehr trainieren

8. Februar 2015

konstanter Wandel

Sieben mögliche Varianten für eine Umfahrung von Burlington, Kanton Zürich

8. Februar 2015

Ein Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Kultur- und Heimatschutz hat vor einem Jahr empfohlen, die Projektierung der geplanten Umfahrung von Eglisau zu stoppen. Laut den Gutachtern störte die geplante Umfahrung das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge mit der bestehenden Strassenbrücke und dem Eisenbahnviadukt. Quote unquote.

Von Günter Ohnemus, den ein in Berlin lebender Freund in den Neunzigerjahren oberflächlich kannte, als offenbar viele Leute Günter flüchtig kannten, ihn aber dann wie die meisten jener Leute gründlich vergessen hat, weil es sich angeblich nicht richtig lohnte, ihn im Gedächtnis zu behalten, gibt es ein Buch mit dem Titel „Siebenundsechzig Ansichten einer Frau“. Ich besitze das Buch, habe es aber nur angelesen. Rund sechzig Ansichten fehlen mir, weshalb es mir noch nicht ganz gehört. Ich behalte es trotzdem. Auch wegen dem Titel.

Ohnemus ist gut mit Titeln. Eigentlich erstaunlich, dass ihm in einer Zeit, in der Verpackung wichtiger ist als Inhalt und ohnehin kaum einer ein Buch zu Ende liest, nicht mehr Erfolg beschieden war. „Alles, was Du versäumt hast“. „Ein Parkplatz für Johnny Weissmüller“. „Die letzten grossen Ferien.“ Das klingt doch bei einem Gespräch über Literatur nicht schlecht.

Aber diese schönen Titel haben offenbar – ausser ein paar Jünger der Subkultur, die alles kauften, was der Maro-Verlag publizierte, und mit etwas Verspätung mich – fast niemanden zum Kauf bewogen. Nur ich war bei Ohnemus ohne Mass und habe mir gleich sechs Bücher bestellt, nachdem ich vor ein paar Jahren zufällig auf „Zähneputzen in Helsinki“ gestossen war. Das dünne Buch hatte sich streckenweise so gelesen wie ein deutscher Richard Brautigan, ein anderer Meister der Titel. „Dreaming of Babylon“. „So the Wind Won’t Blow It All Away“. “ Sombrero Fallout“.

Von Brautigan las ich einst alles, was ich kriegen konnte, noch bevor es von Ohnemus ins Deutsche übersetzt wurde. Ohnemus‘ Bücher stehen bis heute mit ihren schönen Titeln in meinem Bücherregal wie geliefert und nicht gelesen. Es ist fast so, als hätte er seine Texte in der Fletcher Library in Burlington, Vermont, hinterlegt, wo im Gedenken an den zu früh verstorbenen Richard Brautigan eine Bibliothek für unveröffentlichte Manuskripte eingerichtet wurde. Kann man auch zu spät sterben?

Die Bibliothek soll vor 10 Jahren 325 unveröffentlichte Werke beherbergt haben. Vielleicht werde ich, wenn ich einmal in Vermont bin, hingehen und selber nachschauen, ob es die Bibliothek noch gibt und wie viele Manuskripte es bis heute geworden sind. Vorher muss aber in Eglisau noch eine Lösung gefunden werden für das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge. Ich würde sonst mit einem schlechten Gewissen nach Vermont aufbrechen.

Die Lösung zeichnet sich zum Glück ab. Der Zürcher Baudirektor hat soeben sieben Varianten für eine Umfahrung der schönen Stadt am Rhein vorgelegt. Fünf Linienführungen sehen eine Brücke über den Rhein vor, zwei eine Unterquerung per Tunnel. Die Brücken sollen zwischen 190 und 510 Millionen kosten, die Tunnels werden auf 780 Millionen geschätzt.

Beim ziellosen Blättern bin ich heute auf dem Parkplatz für Johnny Weissmüller auf einen wunderbaren Satz gestossen: „In Amerika will man immer alles so machen, dass jeder beim Anschauen es schon sehen kann.“

Genau das wünsche ich den Bürgern von Eglisau bei ihrem schwierigen Entscheid auch. Dass ihnen die Umfahrung so gelingen möge, dass man das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge schon beim Anschauen sehen kann. Und zwar schon von Weitem. Zum Beispiel aus Syrien.

(Dieser Text ist Günter Ohnemus gewidmet, der in einem Jahr seinen 70. Geburtstag feiern wird, und Richard Brautigan, der nicht einmal 50 wurde. Es lohnt sich, sie nicht ganz zu vergessen.)

7. Februar 2015

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Worüber man will

7. Februar 2015

„Nachdenken, worüber man will“, lautete diese Woche der Titel eines Artikels im Wirtschaftsteil, den ich sonst überblättere aus Mangel an beidem, Interesse und Verständnis. Einer meiner Mängel, mit denen ich bis heute ohne Mangelerscheinungen lebe, obwohl ich weiss, dass es die Wirtschaft ist, Honey, von der wir leben, während die Politik lediglich die Rahmenbedingungen schaffen muss, damit die Wirtschaft funktioniert und die Kultur und die Diplomatie finanzierbar sind. So in der Art. Ohne Weise.

Wenn man vor einem Fluss steht, muss man sich entscheiden, wo man rüber will. Falls keine Brücke vorhanden ist und man gerade keine bauen kann, sucht man sich am besten eine Furt. Eine Untiefe, wo der Fluss überquerbar ist, ohne von ihm mitgerissen zu werden (wer will schon ins Meer).

Oder man geht am Ufer entlang, bis man endlich eine Brücke findet. Vielleicht eine, die einfach so über den Fluss hängt und erst spannend wird, wenn man sie überquert. Oder eine, die einst im Bogen kühn geschlagen wurde. Es gibt vielerlei Brücken und eine schöne kann auch entzücken.

Der Vorteil, wenn man bis zur nächsten Brücke eine Weile wandern muss, kann darin bestehen, dass man mehr Zeit hat, um nachzudenken, warum man rüber will. Und ob überhaupt. Was, ausser einer Vermutung und wieder ein Weg, liegt am anderen Ufer? Und wie wird man wissen können, wenn man drüben ist, ob es wirklich das andere Ufer ist, wo man angekommen ist, und nicht schon wieder das eine, von dem man aufbrechen wollte? Eine Böschung gleicht der anderen.

Vielleicht ist man ja schon, ohne es gemerkt zu haben, längst am anderen Ufer gewandert, und das, was jenseits der Brücke wie das andere ausgesehen hatte, war schon immer das eine, und wird es auch bleiben, egal, wie oft man die Brücke noch überquert.
Als hilfreich könnte sich jemand am anderen Ende der Brücke erweisen, der sich mit Wasserstand und Uferfauna auskennt. Es müsste eine vertrauenswürdige Person sein, der wir unseren Bieber in die Ferien geben würden ohne zu zögern. Nach sieben Uhr höchstens noch drei kleine Scheite, sonst schläft er nachher schlecht.

„Ist auf Ihrer Seite das eine Ufer…?“, rufen wir der Frau mit Hund zu, die einen gelben Regenmantel trägt, der von der Sonne ausgebleicht ist, „…oder das andere?“
Sie hat uns bemerkt, denn sie steht nun bockstill, während sie vorher keinen Wank tat, auch der Hund bewegt sich nicht mehr als vorher (gar nicht). Sie schaut in unsere Richtung. Jedenfalls möchten wir glauben, dass sie das tut, aber unser Winken verrät uns: Hier sind wir, wir wissen nur nicht wo.

Sie antwortet nicht. Vielleicht will sie uns nicht enttäuschen. Vielleicht sieht sie uns nicht (der Fluss ist hier breit). Vielleicht ist sie blind oder ein Mann und der Hund ausgestopft. Auch war die Frage falsch gestellt. Sie kann nur ja oder nein sagen, das stand als Vorgabe am Anfang des Rätsels. Auf Fragen mit „oder“ weiss sie keine Antwort, auch keine mit „und“. Sie wendet sich ab und bückt sich ins Unterholz, als würde sie Pilze suchen. Bald darauf verschwindet sie aus unserem Blickfeld. Nur der Hund bellt noch eine Weile weiter, trotz allem vergnügt.

Who is Mooh?

7. Februar 2015

Who is Moo