Archive for the ‘BLOG’ Category

Have no mean hours

3. Februar 2011

Have no mean hours , but be grateful for every hour, and accept what it brings. The reality will make any sincere record respectable. No day will have been wholly misspent, if one sincere, thoughtful page has been written. Let the daily tide leave some deposit on these pages, as it leaves sand and shells on the shore. So much increase of terra firma. this may be a calendar of the ebbs and flows of the soul; and on these sheets as a beach, the waves may cast up pearls and seaweed.


(Henry David Thoreau)

 

 

Somewhere in Nablus, March 2008

3. Februar 2011

Auf- und leider durchgefallen (NZZ-Kolumne vom 2.2.2011)

2. Februar 2011

Keiner hat heute Zeit, die ganze Zeitung zu lesen, und morgen will sie sowieso keiner mehr lesen. Das haben schon die Rolling Stones in ihrem 1967 veröffentlichten Song „Yesterday’s Papers“ in eine Welt hinaus gesungen, die uns rückblickend noch einigermassen über- und vielleicht sogar durchschaubar vorkommt.

Natürlich trügt dieser Eindruck und hat nur damit zu tun, dass es damals noch viel weniger und vor allem viel weniger schnelle Medien gab. Die Informationskeule, die wir heute täglich verpasst kriegen, lässt ab und zu einen nostalgischen Gedanken hochkommen an eine Zeit, in der alles noch ein bisschen weniger hektisch war, weil man zwar viel weniger mitkriegen konnte von dem, was auf der weiten Welt vor sich ging, dafür aber nicht andauernd das Gefühl haben musste, wichtige Berichte zu verpassen.

Zu den wenigen Dingen, die ich nicht lesen muss und trotzdem jeden Tag lese, gehört die Rubrik AUFGEFALLEN in der NZZ. Ich gönne mir diese kurzen, meistens sehr gut geschriebenen Häppchen zu einem oft spannenden Thema jeden Tag als Frühstückslektüre. Heute ärgert mich Herr Gerste allerdings. Ich weiss, dass das sowohl ihm wie auch der NZZ völlig egal ist, aber ich will es hier trotzdem für meine acht Leserinnen und Leser festhalten.

Herr Gerste lässt sich in abschätzigem Ton über Joseph Patrick Kennedy II aus, der sich im US-Fernsehen zu bester Sendezeit bei Hugo Chávez für die Öllieferungen bedankt, welche dieser seit einigen Wintern einigen der ärmsten Amerikaner unaufgefordert und gratis zukommen lässt. Jeder halbwegs gebildete Amerikaner, so Herr Gerste, wisse, dass Hugo Chávez alles andere als ein Demokrat sei, um seinen Artikel dann mit dem Kommentar zu beenden, es stehe dem Neffen des grossen Joe Kennedy schlecht an, einen Diktator zu unterstützen.

Das liest sich zwar, mit Verlaub, Herr Gerste, wie ein eleganter oder zumindest eloquenter Verriss, es greift aber etwas gar kurz und gehört in der unbeholfenen Polemik, in der es daherkommt, genau dort hin, wo Sie trotz gegenteiliger Aussage einen Teil der Amerikaner und offenbar auch den Grossteil der NZZ-Leser zu verorten scheinen: in die Halbbildung.

Um die Frage, wie demokratisch Hugo Chávez ist, sorgfältig zu beantworten, müssten wir zunächst sorgfältig definieren, von welcher Art Demokratie wir reden, und uns dann gemeinsam Zeit nehmen, die Zustände und Vorgänge in Venezuela mit dem zu vergleichen, was in anderen demokratischen Staaten abläuft. Ist es, um nur ein Beispiel zu nennen, eindeutig undemokratisch, wenn durch Landreformen erreicht werden soll, dass mehr Bauern die Früchte ihrer Arbeit geniessen können? Ist es, um doch noch ein zweites Beispiel anzuführen, auch wenn Sie, ich weiss, keine Zeit haben, absolut undemokratisch, wenn der Staat den Arbeitern ermöglicht, von ihren Besitzern stillgelegte Fabriken zu übernehmen und wieder zum Leben zu erwecken?

Ich weiss, was Sie jetzt sagen, Herr Gerste: der Privatbesitz darf nicht, unter gar keinen Umständen, angetastet werden. Es käme aber auch hier auf die Definition an. Die arabischen Herrscher, die im Moment gerade unter den Druck der Strasse geraten, haben auch Privatbesitz. Sehr viel sogar. Gilt er uns nur deshalb plötzlich nicht mehr als unantastbar oder zumindest verhandelbar, weil einige dieser Herrscher im selben Augeblick, in dem sie nicht mehr zu halten sind, in unserem offiziellen Vokabular von Präsidenten zu Despoten mutieren und wir durch die Ereignisse gezwungen werden, nach vorne zu blicken, in die noch unbekannten Gesichter der neuen Regime, mit denen wir uns rasch arrangieren werden (wenn nötig mit einer Prise Menschenrechtsdialog)?

Anreden und Bezeichnungen ändern sich offenbar rasch. Auch der von Ihnen benutzte Begriff Diktator müsste genauer definiert und Hugo Chávez anhand des geklärten Begriffs mit den Präsidenten anderer demokratischer Staaten verglichen werden. Aber das hätte keinen Platz in einer Kolumne, ich weiss.

Deshalb breche ich hier auch mit der Bemerkung ab, dass unser virtuelles Zwiegespräch den Armen New Yorks ganz sicher am dank Hugo Chávez etwas wärmeren Hinterteil vorbeigeht. Ich wäre Ihnen dankbar, Herr Gerste, wenn sie die von mir jeden Tag wegen ihrer Kürze geschätzte Kolumne AUFGEFALLEN nicht auf Kosten der intellektuellen Redlichkeit mit schlecht recherchierten Halbwahrheiten und unzulänglichen Verkürzungen würzen würden.

Mit freundlichen Grüssen,

Walter Haffner III (sorry, aber wir pflegen auch in meiner Familie eine royale Zählweise)

Irgendwo im nächsten Sommer

2. Februar 2011

Abschied am Abend (Silja Walter)

1. Februar 2011
(aus Anlass ihres Todes am 31.01.2011)
Alle Vögel  schrein im Falle
Und vergehn im Flug -
Warst denn Du es, der sie alle
Heimlich hielt und trug?

Auch der Mond fällt in die Heide
Und es bricht die Welt,
Wie verblühte alte Seide,
Die kein Reif mehr hält.

O, wie konntest Du verlassen,
Was allein vergeht,
Was am Rand zurückgelassen
Sinket und verweht!

Irgendwo in Glion

31. Januar 2011

Der Wertfisch

30. Januar 2011

Der Wertfisch ist ein seltener Tiefseefisch. Jedenfalls meint er das und ist jedesmal sehr erstaunt, wenn er im Spätsommer nach langwierigen Vorbereitungen, während deren er sein Schwert zweimal abstösst und seiner Umgebung ganz schön auf die Nerven gehen kann, zum Laichen in weit entfernte, seichte Gewässer aufbricht und sofort da ist.

Er schreibt diese überraschend schnelle Ankunft jedes Jahr auf’s Neue seinem flinken Schwimmstil zu und scheint sich auch nicht weiter darüber zu wundern, dass es in seinen heimatlichen Tiefen gleichviel Tageslicht hat wie an seinem Laichplatz wenige Schwertlängen unter der Wasseroberfläche.

Wertfische scheinen ein eigenes Wertesystem und eine eigene Wahrnehmung zu haben, die oft wenig mit der realen Umwelt zu tun haben, in der sie sich bewegen. Auch mit ihrer Selbsteinschätzung liegen sie zuweilen etwas schief im Wasser, was bei in Gefangenschaft geratenen Wertfischen schon dazu geführt hat, dass sie für krank oder tot gehalten und entsorgt wurden.

Wertfische eignen sich ohnehin sehr schlecht für die Haltung in Gefangenschaft, da sie sehr gesellige Tiere sind, die sich, einmal von ihrem Schwarm getrennt, einseitig ernähren und rasch an Verstopfung leiden, was zu Magenkrämpfen und einer schrägen Schwimmlage führt, worauf sie sich extrem auf die andere Seite neigen, um nicht entsorgt zu werden. Abgesehen davon, dass Wertfischen auch in sehr grosszügig angelegten Meeresaquarien die imaginäre Tiefe fehlt, sollten sie deshalb, wenn überhaupt, höchstens im Schwarm gehalten werden.

Dies wiederum ist schlecht möglich, da sich Wertfische in Gefangenschaft nicht vermehren, weil ihnen der lange Weg zum Laichplatz fehlt, und es kaum je gelingt, mehr als ein oder zwei Exemplare auf einmal zu fangen. Wenn Wertfische beim Laichen in Gefahr geraten, opfert sich spontan einer von ihnen und hilft so seinem Schwarm, zu entkommen.

Nähert sich ihnen zum Beispiel etwas Grosses, was sie nicht für ein Riff halten, das sich von den Korallen losgerissen hat, opfert sich der älteste Wertfisch (oder der mit dem längsten Schwert), indem er sich – wilde Pirouetten drehend und dabei laut grunzend – mit enormer Sprungkraft hoch in die Luft schraubt, und so unweigerlich die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich zieht, während sich sein Schwarm lautlos auf den mehrere Meter entfernten Meeresboden sinken lässt, um dort regungslos in Schieflage zu verharren, bis der Öltanker vorüber ist.

Am meeresbiologischen Institut von Lübeck ist es einem Team von Seichtwasserpsychologen erst neulich gelungen, nachzuweisen, dass Wertfische Trauer für ihre verstorbenen Artgenossen empfinden können und dies vermutlich auch tun, solange sie über genügend Sauerstoff verfügen und selber noch am Leben sind. Wie tief diese Trauer tatsächlich geht, ist noch Gegenstand weiterer Forschungen. Es wird aber schon heute angenommen, dass die Trauer bei direkten Verwandten so gross werden kann, dass diese von ihr plattgedrückt und danach für Tiefseefische gehalten werden.

(Aus: Walters Tierleben, Sonderbeilage zur Festschrift für Professor emeritus Dr. Ernst-Ludwig Tümpel, Entdecker der Kraulquappe und Erfinder des Unterwassertoasters,  Lübeck 2007.)

Somewhere in the Southhebron Hills

30. Januar 2011

Durchgefallen

29. Januar 2011

Das Regime in Tunesien ist nach dreiundzwanzig Jahren dem Druck der Strasse gewichen. Das tunesische Volk braucht uns jetzt. Wir applaudieren spontan, kündigen unsere Unterstützung an und überprüfen die Schweizer Bankkonten der Herrscherfamilie. Das wird bei 23 Jahren leider etwas dauern, worum wir um Verständnis bitten. Aber moralisch sind wir voll da, klettern mit euch auf die Panzer, stecken Nelken in die Geschützrohre und umarmen Soldaten.

Das Regime in Ägypten wird nach dreissig Jahren gerade gestürzt oder zumindest tüchtig durchgerüttelt. Das ägyptische Volk braucht uns jetzt. Wir applaudieren spontan, kündigen unsere Unterstützung an und überprüfen die Schweizer Bankkonten der Herrscherfamilie. Das kann bei 30 Jahren noch etwas länger dauern als im Fall Tunesien, sorry. Aber moralisch sind wir voll da. Wir schütten auch ein wenig Häme aus über die Amerikaner, die wieder einmal ein die Menschenrechte verachtendes Regime mit massiven Beiträgen gestützt haben, bis es nicht mehr anders ging. Wie kann man jahrzehntelang so blind sein? Wir hingegen haben den Kontakt mit diesem Regime auf das strikte Minimum beschränkt und bei diesen Kontakten praktisch nur über Demokratie und Menschenrechte gesprochen. Manchmal hatten wir schon fast den Krampf im Mahnfinger, also wirklich.

In Jemen, Jordanien und Saudi Arabien brodelt es. Wir schauen gebannt hin und fragen uns, wann es losgeht, machen uns aber schon einmal bereit, spontan zu applaudieren, Unterstützung anzukündigen und die Konten zu prüfen. Aber bitte, keine Ursache, das ist doch das Mindeste, was wir tun können. Diese Völker werden uns brauchen.

Natürlich haben wir alle gewusst, dass sich die arabischen Völker die Unterdrückung durch Despoten und dürftig legitimierte Herrscher nicht ewig gefallen lassen werden. Natürlich sind wir jetzt alle erleichtert, dass die grosse Befreiungswelle endlich begonnen hat. Ein basisdemokratischer Tsunami, der selektiv nur die Unterdrücker wegspült. Ein aus der Ferne wunderbar anzuschauender Dominoeffekt, der uns nur deshalb auch ein ganz klein wenig verunsichert, weil noch nicht überall klar ist, wer am Ende gewinnen wird.

Gott behüte, wenn es zum Beispiel diese Bärtigen sind, die in jenem anderen Land damals die Revolution gekapert haben und nun heimlich Dinge basteln, für die sie nun wirklich nicht reif sind. Diesmal müssen es ganz einfach die Guten schaffen, auf deren Seite wir die ganze Zeit geduldig ausgeharrt haben, als sie noch die Unterdrückten waren. Ihr schafft es, Jungs. Und Mädels, tschuldigung. Wohin dürfen wir euch das Geld überweisen, wenn eure Banken wieder offen und unsere Untersuchungen abgeschlossen sind?

Diejenigen, die sich jetzt süffisant über uns mockieren und uns vorwerfen, wir seien nicht immer ganz ehrlich mit uns und den andern, oder sich gar zur völlig unbegründeten und deplazierten Behauptung hinreissen lassen, es fehle uns nicht an Grundsätzen und Prinzipien, sondern an Konsequenz, verstehen rein gar nichts von Politik und von den harten Realitäten dieser Welt. Ja sie haben, das muss hier in aller Deutlichkeit gesagt werden, die Natur des Menschen an sich nicht begriffen.

Es ist nicht so, dass uns das Geld fehlen würde, um unsere Seele zurückzukaufen. Das Problem ist, dass wir es nicht wirklich ernst mit uns und den anderen meinen. Wahrscheinlich weil wir uns am Ende doch immer zu nahe und die anderen uns zu fern sind, um die richtige Distanz zu finden, die es brauchen würde, um uns schon im Alltag – nicht erst beim Ersteigen der Barrikaden – als Teil der Situation der anderen zu erkennen und damit zu beginnen, unser Verhalten zu verändern.

 

Das Dramadar

28. Januar 2011

Dramadare, vor allem weibliche Exemplare mittleren Alters, würden ein ziemliches Theater veranstalten und wenn möglich den Kontakt für mehrere Wochen abbrechen, wenn ihnen jemand sagen würde, sie gehörten zur Gattung der Altweltkamele.

In der Familie der Exageranten, zu denen interessanterweise auch das zu Übertreibungen neigende Mehrschwein und der kleine Schaumschläger (ein in verdreckten Küstengewässern lebender Meeresvogel) gehören, ist das Dramadar (camelus dramadarius) wahrscheinlich die auffälligste Erscheinung. Es hat ausser ein paar äusseren Merkmalen, wie etwa seinem Höcker und den vier Beinen, wenig bis gar nichts gemeinsam mit dem Dromedar, mit dem es zu seinem aufbrausenden Unmut oft verwechselt wird.

Während der Name des Dromedars sich vom griechischen dromas (laufend) ableitet, hat das Dramadar seinen Namen erhalten, weil es aus allem immer gleich ein Drama macht, was es natürlich auf’s Heftigste abstreitet.  Erwachsene Dramadare erreichen eine Schulterhöhe von gegen 2,5 Metern, die sie, wenn sie einmal in Aufruhr geraten sind, durch Anschwellen des Höckers ohne weiteres auf 3 Meter anheben können. Sie haben sehr lange Wimpern und wiegen nachts bis 700 Kilogramm, was damit zusammenhängt, dass ihre Körpertemperatur bei Einbruch der Dunkelheit  sehr stark absinkt. Das leuchtet zwar nicht ein, aber es ist auch der Grund dafür, dass Dramadare nicht sitzen können und man sie in Opern nur im Foyer antrifft.

Als hauptsächlich tagaktive Tiere leben Dramadare in Haremsgruppen, die sich aus einem Männchen und mehreren Dutzend Weibchen zusammensetzen, die sich gegenseitig in etwas hineinsteigern. Da ihr Nachwuchs aber zu rund 80% aus männlichen Dramadaren besteht, schliessen sich die meisten heranwachsenden Männchen zu einer Art Junggesellengruppen zusammen, die grölend durch die Wüste rennen, wo sie sich nach kurzer Zeit verirren und verdursten.

(Aus: Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011)