Archive for the ‘BLOG’ Category
Flugpostpapier (leicht)
28. Januar 2011Den Gästen ins Buch
27. Januar 2011Leute, die mich besuchen kommen, und sich dann in meinem Gastland innerhalb weniger Tage alles anschauen, was sich ihrer festen Meinung nach anzuschauen lohnt, fragen mich nach ihren Ausflügen oft ungläubig und verständnislos: „Was? Da warst Du noch nicht? Wie kommt das? Du lebst doch hier. Interessiert es Dich nicht?“
Um wirklich zu erklären (auch mir), wie das kommt, müsste ich etwas weiter ausholen, aber nach ein paar Sätzen, und ich kann lange, verwinkelte Sätze machen, würden sie das Interesse an meinen Erklärungen und vielleicht sogar an mir als Person verlieren (was in ihrem Fall nicht weiter schlimm wäre), hätten womöglich ihre Frage bereits vergessen und würden zum Stadtplan greifen um ihr nächstes Ausflugsziel anzupeilen.
Der einzige, der mir dann noch zuhören und auch dann nicht gähnen würde, wenn ich zum x-ten Mal abschweife und von etwas ganz anderem erzähle, wäre ganz bestimmt ich. Ich habe manchmal Mühe, zur Sache zu kommen, weil es neben dieser einen Sache noch eine Unzahl anderer Sachen gibt, die ich nicht einfach in eine Warteschlange stellen kann, die während dem Sprechen immer länger wird und dann wird es Nacht und alle Gedanken, die ich nicht artikuliert oder zumindest in einer kurzen Klammer angesprochen habe, drehen enttäuscht ab.
Die rasch Entmutigten kommen vielleicht nie wieder und die etwas Kühneren belagern meine Traumschlösser und lassen mich in den Ruinen meiner Träume erwachen, in deren Schutt und Asche ich sie vermutlich vergeblich suchen würde.
Ich kann mit denen, die es nicht dabei bewenden lassen können, alles gesehen haben zu müssen, sondern darauf beharren, allen, die diesem Zwang nicht ausgesetzt sind, das Gefühl zu geben, ignorante, desinteressierte Dorftrottel zu sein, überhaupt nichts anfangen. Und das tut mir nicht einmal leid.
Also antworte ich in der Regel mit einem kurzen: „Nein, das interessiert mich wirklich nicht alles.“ Oder ich sage: „Weisst Du, wenn man in einem Land lebt, ist das etwas anderes, als wenn man es besucht. Man hat dann, oder meint wenigstens man hätte, Zeit, sich alles in Ruhe und der Reihe nach anzuschauen.“
Natürlich weiss ich, dass ich mich mit der ersten Antwort genau als das oute, was die Gäste bereits in mir sehen: als globalen Dorftrottel, an dem das Schicksal jeden seiner bisher fünf Auslandaufenthalte sinnlos verschwendet, und mir ist völlig bewusst, wenn ich mir bei der zweiten Antwort zuhöre, dass sie in ihrer oberflächlichen Logik eine perfekte Lüge ist.
Man hat innerhalb von drei oder vier Jahren nie wirklich Ruhe. Auf jeden Fall nicht die Art von Ruhe, die ich benötigen würde, um neben all dem, was mir offensichtlich wichtiger ist, noch die Zeit und die Energie zu finden, mir all das anzuschauen, schon gar nicht der Reihe nach, was andere nach zwei Wochen zufrieden in ihrem Reiseführer abhaken.
Ich gebe es zu: mein Radius an meinem jeweiligen Wohn- und Arbeitsort ist klein (Kennen Sie meinen Friseur? Den kleinen Schmuckladen nebenan auch nicht? Die Pizzeria an der Ecke vielleicht?). Sehr klein, wenn sie andere Leute fragen. So gesehen könnte man dem Schicksal wirklich gram sein, dass es nicht andere, neugierigere und entdeckungsfreudigere Menschen in die Welt hinaus schickt.
Ich will mich jetzt auch nicht mit der billigen Feststellung rechtfertigen oder gar zu trösten versuchen (ich brauche diesbezüglich keinen Trost), dass man überall gewesen sein kann und trotzdem nichts gesehen haben.
Ich will die Erlebnisse und Eindrücke derer, die eine Stadt, eine Region und ein Land sofort besichtigen und sie ihrer stetig wachsenden eigenen Welt hinzufügen, die so immer reicher und vielfältiger wird, auch gar nicht herabmindern. In keiner Weise. Das läge mir, der ich die Nähe bevorzuge, fern.
Ich höre den interessanteren unter meinen reiselustigen Gästen sogar ab und zu kurz zu, wenn sie mir begeistert und noch leicht ausser Atem von der neusten Erweiterung ihrer Welt erzählen, bin dann aber erleichtert, wenn sie in ihrem Tatendrang gleich wieder aufbrechen oder wenigstens zwischen zwei Entdeckungsreisen ein langes Bad nehmen, wohin ich ihnen nicht folgen kann.
Ich bin in der Regel auch nicht sehr lange traurig, wenn solche Gäste wieder abreisen und erst ein Jahr später wieder kommen, weil sie unterdessen festgestellt haben, dass sie doch noch nicht restlos alles gesehen haben.
Meine eigene Welt ist etwas kleiner, egal, wo ich bin, und sie wächst nur sehr langsam. Ich behaupte deswegen nicht, ich würde sie mit mehr Tiefenschärfe betrachten. Ich behaupte überhaupt nichts. Ich bitte lediglich darum, (kommentarlos, wenn das möglich ist) zur Kenntnis zu nehmen, dass ich noch nicht überall war, und jetzt schon um Verständnis dafür, dass ich auch zum Zeitpunkt meiner Versetzung noch nicht überall gewesen sein werde, wo ich spätestens dann unbedingt und mindestens einmal hätte gewesen sein müssen.
Nowhere in Switzerland (not in Lausanne)
26. Januar 2011Der Weisbär
21. Januar 2011
Der Weisbär stammt vom Weissbären ab, der sich dermassen unbeliebt gemacht hatte, dass er eines schönen Frühlings mit dem Winterpelz auch das zweite „S“ abstiess. Weisbären sind heute unter den Tieren ihres angestammten Habitats (der Weisbär braucht eine farnreiche Flora und verträgt wenig Lärm) wohlgeduldet. Sie gelten zwar als etwas schrullig und tollpatschig, sind aber sehr bescheiden und wollen nie im Mittelpunkt stehen. Nicht einmal ihre Beutetiere könnten, wenn es sie geben würde, etwas wirklich Schlechtes über sie sagen. Weisbären sind Vegetarier und ernähren sich hauptsächlich von Farn.
Obwohl Weisbären überzeugte Einzelgänger sind, können sie, wenn es darauf ankommt, nicht alleine einschlafen. Gegen Ende November sucht sich der Weisbär deshalb ein gut genährtes Winterschaf aus und zieht sich mit ihm in seine Höhle zurück, wo er ihm Bärenflachsereien erzählt, bis es, vom Zuhören völlig erschöpft, in einen winterschlafähnlichen Tiefschlaf fällt. Erst jetzt beginnt auch der Weisbär mit dem Rücken zum Winterschaf seinen Winterschlaf, aus dem er auch dann nicht erwacht, wenn sein Winterschaf aufwacht und das Weite sucht.
Winterschafe gelten in ihren Herden, wenn sie sie wiederfinden, als heilige Kühe, was sie ziemlich verwirrt. Sie werden zwar nicht verstossen, wie man dies lange angenommen hatte, gelten aber als unberührbar, und die anderen Schafe kichern hinter ihrem Rücken. Die meisten Winterschafe sondern sich deshalb bald wieder von ihrer Herde ab und machen sich auf die Suche nach ihrem Weisbären. Wenn sie ihn wiederfinden, können sich wunderbare Lebensgemeinschaften zwischen Weisbären und Winterschafen bilden, die wegen der Vorliebe der Weisbären für Farne auch Farnbeziehungen genannt werden und oft über lange Jahre hinweg Bestand haben.
Wenn ein Winterschaf eine solche Gemeinschaft eingeht, lebt es zwischen April und November in Sichtweite „seines“ Weisbären und stellt seine Nahrung fast ausschliesslich auf Farne um. Der Weisbär lässt sich nichts anmerken, betrachtet „sein“ Winterschaf aber aus sicherer Distanz mehrere Stunden am Tag und würde sofort eingreifen, wenn es in Gefahr geraten würde. Ende November stürmt der Weisbär dann eines Tages mit grossem Getöse auf sein Winterschaf zu, um es in seine Höhle zu entführen. Das Winterschaf tut dann so, als wäre es völlig überrascht und überrumpelt, und macht jedes Jahr einen kurzen Fluchtversuch. Weisbären, die mit einem Winterschaf eine Farnbeziehung führen, gehören zu den glücklichsten ihrer Gattung. Ihr Fell hat einen ganz besonderen Glanz und obwohl sie viel älter werden können als Schafe, sterben Weisbären meist kurz nach ihrem Winterschaf.
(Zitiert aus: Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011, ohne besondere Auflagen)
Having it explained to me (Skizze Pastellkreide)
21. Januar 2011Das Sumpfhorn
21. Januar 2011
Anders als das Grashorn trägt das Sumpfhorn seinen Namen nicht als Tarnung, sondern es gibt damit gleich alles über sich Preis. In seinem Fall steckt im Namen sowohl das, worin es steckt, als auch das einzige, was es normalerweise rausstreckt.
Zoolographen gehen davon aus, dass es früher auch einmal Sumpfhörner gegeben haben muss, bei denen der damals noch viel längere, buschige Schweif ebenfalls aus dem Sumpf ragte. Die Evolution hat dieses Merkmal aber früh fallen lassen, weil „Sumpfschweifhorn“ unter den damals noch zu voreiligen Schlüssen neigenden Zoologen immer wieder zur völlig falschen Annahme führte, das Tier schweife in seinen Sümpfen umher. Wer mit Hilfe einer Sumpfbrille (einfache, durchaus brauchbare Modelle können mit etwas Glück inklusive Ersatzscheibenwischer auf e-bay ersteigert werden) schon einmal ein Sumpfhorn gesehen hat, weiss, dass die Vorstellung seines Umherschweifens völlig absurd ist.
Sumpfhörner stecken meist regungslos im Sumpf, stecken ihr Horn mit den durchschnittlich 62 (bei Weibchen können es bis zu 70 sein) Nasenlöchern an die Luft und das einzige, was sich ab und zu leicht bewegt, ist ihr Stummelschwanz. Warum sich dieser bewegt, ist den Forschern noch heute ein Rätsel, und wird es vermutlich ebenso bleiben wie die Art ihrer Fortpflanzung. Dies, obwohl Sumpfhörner als Studienobjekt kaum vor der Austrocknung der letzten Sümpfe verschwinden werden.
Sie stecken zwar im Sumpf fest, haben es durch ihre Standhaftigkeit aber geschafft, sich konsequent aus der Mythologie herauszuhalten. Sie liefen auch nie Gefahr, ausgerottet zu werden. Der Hauptgrund dafür ist sicher, dass sie generell nicht laufen. Geholfen hat ihnen aber vor der Erfindung des Artenschutzes auch der Umstand, dass ihr Horn, sogar wenn man es sehr fein zerreibt und mit der Essenz von Holunderblüten vermischt, lediglich leichtes Bauchweh macht, aber keinerlei besonderen Kräfte verleiht.
Sumpfhörner gelten als extrem gutmütig. Von Natur aus selbstgenügsam, eher scheu und zurückhaltend, wären sie trotzdem im Prinzip gelegentlichen Kontakten nicht abgeneigt. Sie würden vermutlich am ehesten auf den Namen Emma oder Ladislaus hören. Da sie aber weder Ohren noch ein Gehör haben und sowieso nicht kommen könnten, fällt es nicht ins Gewicht, dass ihnen keiner ruft.
(Aus: Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011. 26., unverändert sinnlose Ausgabe)
Irgendwo am Himmel
19. Januar 2011Halil te Kepl
18. Januar 2011(die Geschichte von Wilhelm, dem kleinen Eroberer)
Prolog
Man sagt, kleine Menschen hätten einen besonders grossen Geltungsdrang. Das ganze Leben drehe sich bei ihnen einzig und allein darum, von den grösseren Menschen wahrgenommen zu werden, und dieses unablässige Streben nach Beachtung mache die einen zu besonders guten und die anderen zu besonders bösen Menschen. Das ist ganz bestimmt falsch so, weil es wohl den einen oder anderen kleinen Menschen zutreffend beschreiben mag, der grossen Mehrheit der Kleinen aber ebenso wenig gerecht wird, wie das Bild vom sanften Riesen zur Beschreibung der Mehrheit der grossen Menschen taugt.
Es hat zwar in der langen Geschichte der Menschheit ab und zu einen bösartigen Kleinwüchsigen gegeben, der den unseligen Zwang verspürte, die halbe Welt unterwerfen zu müssen, und dem einen oder andern ist das ja auch fast gelungen; und wer ein wenig Glück hat, ist in seinem Leben auch schon einem sanften Riesen begegnet, der keiner Feige ein Lied antun konnte, aber die Welt ist voll von unauffälligen Zwergen und durchschnittlichen Riesen, die ein ganz normales Leben führen und weder besonders gut noch besonders böse sind, sondern einfach ein wenig kleiner oder grösser als der Durchschnitt, der vielleicht deshalb dazu tendiert, Zwerge und Riesen für besonders gut oder schlecht zu halten, weil ihm die stets spürbaren Grenzen seiner eigenen Durchschnittlichkeit keine andere Wahl lassen.
Der Mensch, von dem ich erzählen möchte, und ich werde meine ganze Sorgfalt aufbieten und alles, was ich an Respekt für die Menschen überhaupt in mir habe, um seine wunderbare Geschichte würdig zu erzählen, ich würde sogar zum Himmel beten, wenn ich auch nur die leiseste Hoffnung hätte, dass dort irgend etwas sein könnte, was mich erhören würde, dass es mir gelingen möge, diese Geschichte so zu erzählen, dass sie der einen Leserin in einem warmen Winkel ihres Gedächtnisses haften bleibt und sich der andere Leser wenigstens an einzelne Episoden oder Sätze erinnert, die ihm ohne sichtbaren Anlass wieder in den Sinn kommen, denn der kleine Mensch, von dem ich erzählen will, hat den viel zu grossen Mantel des Schweigens, den sowohl die Geschichts- als auch die Märchenbücher um ihn gehüllt haben, nicht verdient. Er ist ihm zu gross, sein Stoff ist zu schwer und vor allem hüllt er ihn in eine Dunkelheit ein, die sein Totsein mit Angst erfüllt und seinen letzten Träumen, die die Brücke zu den Lebenden sein sollten, keine Luft zum Atmen lässt.
Der überaus kleine Mann, von dem ich erzählen will, ja erzählen muss, denn was anderes als eine Verpflichtung kann es sein, wenn ich um drei Uhr Nachts aufwache und nicht mehr einschlafen kann und einen sehr kleinen Mann vor mir sehe, fast einen Zwerg, der in einer Rüstung, wie sie die spanischen Konquistadoren trugen, an einem Sandstrand steht und diesen Strand und alles, was sich darauf bewegt – und es bewegt sich da einiges – mit einer staunenden Güte betrachtet, welche die üppigen Früchte, die schwer an den exotischen Bäumen hingen, sofort zur Reife gebracht hätte, wenn sie nicht schon fast überreif gewesen wären (einige lösten sich von ihren unter der Last gebeugten Zweigen und fielen in den Sand, noch bevor ich ganz wach war) – dieser kleine Mann hat nicht nur den Mantel des Schweigens, von dem ich ihn endlich befreien möchte, nicht verdient, es wäre auch alles andere als gerecht gewesen, wenn man sich seiner mit einem der unschönen, oft spöttischen und in jedem Fall unverdienten Namen erinnert hätte, die ihm in seiner Zeit diejenigen angehängt hatten, deren gierige Hoffnungen er enttäuscht und deren hinterhältige Pläne er durchkreuzt hatte.
Die einzigen, die sein Wesen ganz und richtig erfasst haben, waren jene Eingeborenen, denen er an diesem Tag im Spätherbst des Jahres 1501 staunend am Sandstrand in seiner massgeschneiderten Rüstung gegenüberstand, die ihm ein buckliger katalanischer Schmied angefertigt hatte, der kaum sprach und dessen Tochter, wenn er eine gehabt hätte, wunderschön gewesen wäre.
Diese Eingeborenen, von denen noch zu berichten sein wird, nannten ihn Halil te Kepl, was in ihrer Sprache „Herz auf zwei Beinen“ hiess, und glauben Sie mir, genau das und nichts anderes war dieser kleine Mann: ein Herz auf zwei Beinen, denn für anderes als sein unendlich grosses Herz konnte es keinen Platz haben in diesem kleinen Körper, und sein Schöpfer hatte diesem grossen Herz auch nur deshalb Beine angehängt, damit es zu den Menschen gehen könne und seine unendliche Güte nicht irgendwo, wo wenn möglich nie jemand vorbeikam, verkümmern würde.
Mit diesem Namen, Halil te Kepl, Herz auf zwei Beinen, würde man seiner Gedenken, wenn die Eingeborenen, die ihm diesen Namen gegeben hatten, diejenigen gewesen wären, die die Geschichte geschrieben hätten. Aber die Geschichte wird, wie wir alle wissen und es leider nur allzu oft gerade dann vergessen, wenn wir uns mit ihr beschäftigen, von den Siegern geschrieben, weil die Sieger überleben, und die Verlierer nehmen ihre Geschichte, die wahrscheinlich näher bei der Wahrheit gewesen wäre, weil die Toten ihr Überleben nicht vor sich selber rechtfertigen müssen, mit ins Grab.
Die Eingeborenen, die dem kleinen Mann in der Rüstung seinen Namen gegeben hatten, gehören so eindeutig zu den Verlierern der Geschichte, wie man das nur als ausgerottetes Volk schafft, und mit derselben Gründlichkeit, mit der ihnen ihre Eroberer und Zerstörer den Garaus gemacht hatten, vernichteten sie danach auch jegliches Zeugnis von ihrer Sicht der Dinge. Nur die angestrebte Endgültigkeit dieses Verschwindens ist den Siegern offensichtlich doch missglückt. Es ist ihnen zwar gelungen, Wilhelm den kleinen Eroberer aus den Geschichtsbüchern zu verbannen, und sie haben es sogar fertig gebracht, Halil te Kepl ohne jede Spur aus den schriftlich überlieferten Mythen und Märchen der Urvölker Lateinamerikas zu entfernen, aber in diese fast vollkommen gelungene Dunkelheit ist plötzlich ein Funke gesprungen und hat mich im Traum auf eine Spur geführt, welche vor langer, langer Zeit ein Herz auf zwei Beinen an einem Sandstrand in Südamerika hinterlassen hat, dessen Wellen seit einem halben Jahrtausend nichts anderes tun, als bei ihren Ankunft am Strand den Namen Halil te Kepl in den Sand zu schreiben und ihn dann gleich wieder zu verwischen, wenn sie den Strand wieder verlassen, um in die Unendlichkeit des Meeres zurückzukehren.
Irgendwo in Lausanne
18. Januar 2011Der Rümpfling
15. Januar 2011
Der Rümpfling wirkt ungepflegt und ist es in der Regel auch, wobei er es immer irgendwie fertig bringt, nicht zu stinken. Dabei wäre es falsch, anzunehmen, Rümpflinge gäben überhaupt nichts auf ihr Äusseres, und völlig sinnlos, ihnen das im Gespräch vorzuwerfen. Rümpflinge können mit Vorwürfen überhaupt nichts anfangen und sind überzeugt davon, unter anderen Umständen sehr schön zu sein.
Wenn sie erklären müssten, warum sie immer so aussehen, als wären sie soeben von einer durchzechten Nacht nachhause gekommen, nur um festzustellen, dass ihr wertloser Hausrat in zwei Müllsäcken auf der Strasse steht und ihr Namensschild bereits entfernt wurde, würden sie die Frage überhören und den Fragesteller mit tiefer Missachtung strafen.
Rümpflinge sind nicht sehr kontaktfreudig. Unnötig angesprochen, geben sie oft schnoddrige oder gar keine Antworten. Wenn man es aber schafft, von einem Rümpfling akzeptiert zu werden, hat man in ihm einen treuen, wenn auch wortkargen und oft missmutigen Freund fürs Leben, und es soll schon vorgekommen sein, dass ein verliebter Rümpfling freiwillig gebadet hat.
Wenn man sie zwingt, zu viel Zeit in Gesellschaft notorischer Jasager zu verbringen, können Rümpflinge extrem jazornig werden. Sie brauchen dann sofort entschiedenen Widerspruch von jemandem, der ihnen seit Längerem nahe steht und dem sie vertrauen, wenn noch verhindert werden soll, dass sie dermassen die Beherrschung verlieren, dass man sie des Landes verweist und ihnen womöglich den Bibliotheksausweis entzieht.
Rümpflinge können, wenn sie die richtigen Partner finden, sehr alt und im Alter sehr glücklich werden. Sie gehören dann zu den wenigen Lebewesen, die weniger Falten haben als in ihrer Jugend. Sie können sich aber auch irgendwann radikal verpassen und zerknittern dann auch innerlich vor ihrer Zeit.
(Zitiert aus: Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011)





