Der lange Marsch zur Bärenwaage

24. Dezember 2013

Zwei Nachrichten haben gegen das Jahresende hin Aufmerksamkeit erregt. Meine wenigstens. Ich kann hier nicht für die Allgemeinheit sprechen. Sie packt gerade die Weihnachtsgeschenke ein. Ein Qualitätsmerkmal wäre das Erregen allgemeiner Aufmerksamkeit ohnehin nicht . Auch ein kahlrasierter Bär, der in Alaska laut furzend durch ein überheiztes Shoppingcenter rennt, erregt für einen kurzen Moment lokale Aufmerksamkeit und schafft es vielleicht sogar in die internationalen Headlines, bevor er notgeschlachtet wird.

Die erste Nachricht lautete, ein chinesisches Raumschiff sei am Samstag, 4. November, auf dem Mond gelandet. In der Bucht der Regenbogen. Eine der schönsten Mondlandschaften, wenn man deutschen Touristen Glauben schenken will. China sei somit, nach den USA und der ehemaligen Sowjetunion, die dritte Nation, die dem Mond einen Besuch abgestattet habe. Schon acht Minuten später seien erste Bilder vom Mond gesendet worden. Fotostream, Cloud, Facebook. Twitter und so weiter. Landesweites Korkenknallen.

41 Jahre nach der letzten Landung eines bemannten Raumschiffs (Apollo 17) und 37 Jahre nach der letzten Landung auf dem Mond überhaupt (eine sowjetischen Raumsonde), sollen nun also auch die Chinesen den Mond erreicht haben. Unterstützt von der ESA, wie in europäischen Medien betont wird. Internationale Zusammenarbeit anstatt Wettlauf. Anders geht das heute nicht mehr, sagen uns die Experten. Auch auf dem Mond gilt nun: Dabeisein ist wichtiger als siegen. Sagen sie.

China verfolge, so liest man, wenn man trotz aller Harmonie noch etwas weiterliest, seit vielen Jahren ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm. Kooperativ ehrgeizig, nehme ich an. Für 2020 sei der Bau einer Raumstation geplant, die nach dem Auslaufen der Internationalen Raumstation ISS möglicherweise der einzige bemannte Aussenposten im All sein werde. Mit einem Satellitennetz baue China zudem ein eigenes globales Navigationssystem auf. Houston, we have a ploblem.

Die zweite Meldung betraf Bolivien. Und wieder China. Tut mir leid. Da führt momentan kaum ein Weg dran vorbei. Jeder ist heutzutage für eine Viertelstunde Chinese.

Bolivien habe am 21. Dezember mit Hilfe einer chinesischen Trägerrakete des Typs „Langer Marsch“ seinen ersten Kommunikationssatelliten in den Weltraum gesandt. konnte man in einer knapp gehaltenen Agenturmeldung lesen. Das Ding soll 5,3 Tonnen schwer sein und den Namen eines indianischen Aufständischen gegen die spanische Kolonialherrschaft im 18. Jahrhundert tragen. Tupac Katari. Dabei dachte ich, die würden 2020 die Fussball-WM veranstalten. Falls beim Stadionbau nicht alle verdursten.

Der Start der Trägerrakete sei in der bolivianischen, tschuldigung: chinesischen Provinz Sichuan erfolgt und dort vom bolivianischen Präsidenten Evo Morales als Beweis für die Unabhängigkeit seines Landes gefeiert worden sein. China habe den Grossteil der Kosten des Projektes (läppische 300 MillionenUS$) finanziert. Vor Bolivien hätten, war weiter zu lesen, in Lateinamerika schon Argentinien, Brasilien, Ecuador und Venezuela Satelliten lanciert. Als Beweis für ihre Unabhängigkeit, nehme ich an. Von den USA. Neben China. Gegen die FIFA. Was weiss ich.

Ich war mal ganz kurz in Bolivien, als ich noch Haare hatte. Hat mir gefallen dort. Dass es den Menschen damals besonders gut gegangen wäre, habe ich nicht in Erinnerung. Dort, wo ich nach zwei eher abenteuerlichen Flügen mit souverän gewarteten Flugzeugen (Hältst Du mir mal den Schraubenzieher, bitte?) gelandet bin, im tropischen Department Beni, ging es ihnen aber auch nicht extrem schlecht, damals. Wenigstens in meiner Erinnerung nicht. Wer reife Früchte wollte, griff in den Baum, wer Fisch mochte, schoss in den Fluss. Ist wahrscheinlich alles anders heute. Wer will heute noch Kugeln verdauen.

Ob ein eigener Kommunikationssatellit jetzt gerade das Allerdringendste war, was sich die bolivianische Bevölkerung zu Weihnachten wünschte, kann ich nicht beurteilen. Steht mir auch nicht zu. Das wird einem ja dann sofort als postkolonialistische Bevormundung ausgelegt, obwohl ich nie Kolonien hatte.

Natürlich sollen die die allerneuste Technologie haben. Kann niemand etwas dagegen haben. Hat ja auch up front nichts gekostet. Und klar verstehe ich, dass die nicht noch die nächsten zehn Generationen im Hinterhof der Amis dahindämmern wollen ohne eigenen Kommunikationssatelliten. Das geht überhaupt nicht. Wer nicht abgehört wird, ist heutzutage überhaupt nichts mehr wert. Nur frag ich mich halt, ob das mit der Unabhängigkeit auf diese Weise wirklich klappen wird. So mit den Chinesen und so.

Nicht dass es eine Schande wäre, sich von ihnen finanzieren zu lassen. Die finanzieren ja mittlerweile halb Afrika und seit Längerem die amerikanische Währung und somit irgendwie auch die NASA, General Motors und die koschere McDonalds-Filiale in der Abasto Shopping Mall in Buenos Aires. Und natürlich auch indirekt die NSA. Aber lassen wir das. Das wird hier sonst echt zu kompliziert.

Fragen wir uns lieber, ob das alles auch wirklich stimmt so. Das mit dem bolivarischen Nachrichtensatelliten und der chinesischen Mondlandung. Stimmt überhaupt irgendetwas, was ich im zu Ende gehenden Jahr nicht selber nachprüfen konnte, weil ich zu beschäftigt war?
Ich wollte den Bären, der am Anfang des Textes durch das Shoppingcenter rannte (er furzte übrigens nicht – das war billige Effekthascherei, für die ich mich entschuldige), mit dem Satelliten vergleichen, um zu entscheiden, was schwerer wiegt.

Zwanzig Sekunden seriöse Recherche im Internet (ein Blick auf das Google-Resultat für „Gewicht eines Grizzlybären“) haben ergeben, dass ein Grizzlybär bis 220, bis 450 oder bis 780 Kilo schwer werden kann. Der Unterschied ist nicht, ob er bereits sauber rasiert, erst eingeschäumt oder noch ganz unrasiert ist. Der Unterschied besteht einzig in der Konsultation von drei verschiedene Websites. Damit kann ich nun wirklich wenig anfangen. Und das gibt mir zu denken, denn mehr als zwanzig Sekunden haben wir ja selten zur Verfügung, um wenigstens im Internet den virtuellen Realitycheck zu machen.

Ist irgendetwas, was wir nicht selber miterlebt haben, überhaupt einigermassen nachprüfbar, bevor wir es weitererzählen? Und da wir offenbar längst alles glauben, ohne es zu sehen, warum werden wir nicht wenigstens selig dabei?

Irgendjemand sollte dringend eine taugliche Bärenwaage erfinden. Nicht nur wegen der offenbar netzauf-netzab herrschenden Unklarheit, was das Gewicht von Grizzlybären angeht. Es wäre auch für die Diätpläne der Bären eine tolle Sache, sich an allgemein gültige Richtwerte halten zu können. Sonst fressen die auch nächstes Jahr ungezügelt weiter, als hätte sie noch nie etwas von zu hohem Blutdruck und beginnendem Blutzucker gehört. Reiss Dich zusammen, Yogi! Es kann so nicht weitergehen.

Auch für uns Zeitungsleser wäre es nützlich, wenn es verlässliche Bärenwaagen gäbe. Nur schon um abschätzen zu können, wie schwer das Exemplar ungefähr ist, das man uns gerade aufbinden will.

Chinesen auf dem Mond. Wirklich gut. Boliviens eigener Kommunikationssatellit. Auch nicht schlecht. Mit Hilfe trägerloser chinesischer Raketen, die randloses Bräunen endlich auch auf dem Mond ermöglichen. Und alles fremdfinanziert, im Namen der Unabhängigkeit durch internationale Zusammenarbeit. Und von der FIFA selbstlos vermarktet. Gefällt mir ausgezeichnet. Ich kaufe das so. Ich will das unter meinem Christbaum.

Euch, liebe Leserinnen und Leser, entlasse ich hier. Der Text war ein wenig zu lange, ich weiss. Ich hätte allerdings noch weiter schreiben können. Bloss muss ich jetzt noch in den Schlussverkauf und danach noch rasch zum Mond. Nächstes Jahr will ich in die Unabhängigkeit und nach Bolivien, wo ich mich mit Chinesen treffen werde, die aussehen wie Sepp Blatter.

Irgendwo in Givataim

24. Dezember 2013

Irgendwo in Givataim

Fünf Reaktionen auf eine Zeitungsmeldung

24. November 2013

(oder warum bei mir immer alles so lange dauert)

Unsere Wahrnehmung besteht zu grossen Teilen aus vermischten Meldungen und unser Leben ist ein hektisch geschnittener Episodenfilm, in dem wir nur noch am Rande vorkommen. Die Vorstellungen davon, was ein gutes Leben sein könnte, gehen in Mitten dieser Hektik auseinander, ohne zu vereinbaren, ob und wann man sich wieder trifft.

Neulich war in einer renommierten Zeitung zu lesen, dass gemäss einer Umfrage jede siebte junge Brasilianerin bereit wäre, einen Viertel ihrer Intelligenz zu opfern, um einen Viertel schöner zu sein. Die Zeitung schloss daraus, dass sich in Brasilien alles um das Äussere drehe, und daraus würde sich auch erklären lassen, warum sich in Brasilien so viele Frauen unters Messer legen.

Meine erste Reaktion beim Lesen dieser Mitteilung war die in unserem Kulturkreis anerzogene und unter Gebildeten unweigerliche: ich rümpfte meine nicht operierte Nase ab so viel Borniertheit. Wir bestehen darauf, auf innere Werte zu stehen, und sogar Schönheit muss, wenn sie richtig beneidet werden will, natürlich sein und von innen kommen.

Meine zweite Reaktion war die Macho-Reaktion. Sorry, Ladies. Auch ein milder Mann ist nie ganz davor gefeit. Vor meinem in ungestraffte Falten eingebetteten geistigen Auge tanzten fröhlich singende, leicht bekleidete brasilianische Karnevalsdiven vorbei, denen ich nachschaute und angesichts ihrer Kurven auch nachzusehen gewillt war, dass sie vielleicht nicht allzu intelligent waren.

Meine dritte Reaktion war die des sorgfältigen Zeitungslesers, der ich sein möchte. Ich las die kurze Pressemeldung noch einmal und stellte fest, dass nicht alle Brasilianerinnen bereit waren, einen Teil ihres Hirns gegen einen grösseren Hintern einzutauschen. Jede siebte Brasilianerin, stand da geschrieben, also weniger als 15%. Wie die sonst als seriös geltende Zeitung daraus schliessen konnte, dass sich in Brasilien alles um das Äussere drehe, war mir nun schleierhaft.

„Weniger als 15% der jungen Brasilianerinnen geben zu Protokoll, dass ihnen Intelligenz weniger wichtig ist als Schönheit.“ So formuliert, wäre das für die brasilianische Frau eine eher positive Meldung gewesen. Ich vermute, dieser Wert wäre bei Umfragen unter westeuropäischen Frauen nicht viel tiefer ausgefallen, wenn überhaupt.

Ich vermute ebenfalls, dass eine ähnliche Umfrage unter Männern (15% Hirn gegen 15% Schönheit, Körpergrösse, Muskelmasse, Penislänge – gewünschtes bitte Ankreuzen) nicht grundlegend anders ausgefallen wäre. So austariert hätte die Meldung aber deutlich an News-Value verloren, weil sie weder negativ noch diskriminierend sondern höchstens ein Bisschen ernüchternd ausgefallen wäre.
Wir hätten die Meldung so gar nie gelesen, weil wir sie nicht hätten lesen wollen und sie deshalb gar nicht erst gedruckt worden wäre.

Dann war da noch meine vierte Reaktion. Die Reaktion des mit der Problematik von Umfragen und Statistiken einigermassen Vertrauten, der ihnen deshalb nur sehr beschränkt vertraut. Mit der richtigen Fragestellung lässt sich fast jedes Umfrageziel erreichen und mit der richtigen Auswahl der Befragten auch das Gegenteil. Man sollte deshalb aus Prinzip keinen Umfragen und Statistiken trauen und am besten auf Anhieb überhaupt nichts glauben. Die Default-Einstellung müsste sein: Die lügen. Die manipulieren. Die machen mir etwas vor.

Eher als mit Churchill, der bekanntlich dazu riet, nur Statistiken zu vertrauen, die man selber gefälscht hat, halte ich es ganz generell mit Bertrand Russell, der dazu auffordert, sich selber nicht blind zu vertrauen. Er hat Recht. Ich bin stets auf der Hut vor mir. Wahrscheinlich täusche ich mich gerade jetzt, habe mich immer wieder getäuscht, werde mich weiterhin täuschen.

Bertrand Russell war ein weiser Mann. Nur Idioten, hat er einmal festgehalten, können sich rasch entscheiden. Intelligente Menschen brauchen mehr Zeit, weil sie abwägen müssen, weil sie Zweifel haben, auch an ihrem eigenen Urteilsvermögen.
Diese Feststellung lässt sich auch auf die erwähnte Zeitungsmeldung anwenden. Dem Vollidioten ist sofort klar: Brasilianische Frauen wollen und brauchen kein Hirn. Für uns Halbidioten ist es ein Bisschen schwieriger.

Habe ich meine fünfte Reaktion auf die kurze Zeitungsmeldung schon erwähnt?
Ich habe mich gefragt, ob es wirklich so bekloppt ist, wenn jemand, falls man wählen könnte, lieber schön als intelligent ist. Was, wenn das Plus an Schönheit tatsächlich zu einem Plus an Zufriedenheit oder sogar Glück führen würde?
Sind wir dann nicht vielleicht ein wenig arrogant und vorschnell, wenn wir das Streben nach Schönheit als oberflächlich und dumm abtun?

Und dann habe ich mich gefragt, was ich antworten würde, wenn mir einer auf der Strasse entgegenkommen würde, offensichtlich ein Student mit einem iPad auf dem Arm, und ich hätte es nicht geschafft, ihm rechtzeitig auszuweichen, und er würde mir sagen, er sei von einem Meinungsforschungsinstitut und ob ich bereit wäre, auf 15% meines Hirns zu verzichten, wenn ich dafür 15% glücklicher würde.

Meine Antwort wäre ja. Ohne zu zögern. Und ich weiss ganz genau, was Sie jetzt von mir denken, denn Sie denken zu viel. Ich wünsche Ihnen einen intelligenten Tag.

Irgendwo in der Toskana

24. November 2013

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Gelegenheit macht Frieden

26. Juli 2013

(über Abgeschriebenes, keimfreies Töten und Gelegenheitsfenster)

Erstaunlich eigentlich, dass wir weiterhin brav jeden Tag Zeitung und Internetnews lesen, bei all dem wiedergekauten Gefasel, das man uns täglich serviert. Aus Spargründen setzen die Medien immer weniger Korrespondenten ein, die sich vor Ort informieren. Immer öfter jonglieren gut angezogene, smarte Berufsleute in den heimischen Redaktionen so lange mit Agenturmeldungen und Wikipedia, bis sie selber glauben, einen authentischen Artikel über ein Ereignis in einem fernen Land verfasst zu haben. Ein guter Tag war das. Ab in die Tapas Bar!

Das ganze macht ja, wenn man es sich in der Sommerhitze und ohne Kopfbedeckung lange genug überlegt, absolut Sinn. Wir leben im Zeitalter, wo ganz normale eight to five Büroangestellte irgendwo in Virginia am Computer sitzen und Drohnen in Afghanistan per Mausklick ihre tödlichen Raketen abfeuern lassen, bevor sie (Oh my God, how time flies!) gegenüber in der Mall ein leckeres Sandwich und einen Double tall skimmed latte zum Lunch holen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit war richtige Menschen töten so abstrakt und keimfrei möglich. Wenn man diesen fürchterlichen Fortschritt mit dem Trend zur Heimarbeit zusammenbringt, die irgendwann das einzige taugliche Mittel gegen das Verkehrschaos sein wird, wird die Perversität noch offensichtlicher.
„Lunch, Darling! The kids are waiting already“.
„Coming, sweetheart! I’ll just quickly finish off some terrorists, OK?“
“No problem, honey. Don’t forget to wash your hands“.

Aber zurück zu den Medien. Die Redaktionen sind nicht die einzigen, die uns regelmässig mit Unrecherchiertem abspeisen. Auch den Auslandkorrespondenten sollte man nicht ausnahmslos und unbesehen alles glauben. Es ist mir zum Beispiel schleierhaft, wie einer in Beirut sitzen kann, und von dort aus locker den Puls der israelischen oder palästinensischen Psyche fühlt. Oder wie einer aus Athen freihändig über die Türkei berichtet und bei Bedarf ganz präzise beschreiben kann, wie ein Angstfurz eines Demonstranten auf dem Taksimplatz in Istanbul riecht.

Meistens wird nicht selber Beobachtetes oder Miterlebtes berichtet, nicht einmal durch Konsultation anderer Quellen Verifiziertes, weil es eilt, sondern es wird dem Leser Gelesenes oder Gehörtes weitergereicht, weil die Quelle offensichtlich an den gleichen Gott glaubt. Man kennt sich ja und weiss mit der Zeit, wer für welche Sache einsteht und wer gegen wen ist, was immer der auch tut.

Vorläufig lassen wir es offenbar so durchgehen. Momentan befinden wir uns in der Phase, wo höchstens ab und zu eine Dissertation oder eine Mastersarbeit einer Persönlichkeit aus der Politik mit einem Textprogramm überprüft wird, um dann schockiert festzustellen: Unerhört! Göthe hat abgeschrieben. Schiller vielleicht auch, aber der steht noch auf keiner Abschussliste.

Irgendwann, ich nehme an morgen, denn heute geht alles viel schneller als gestern, wird es extrem effiziente Überprüfungsprogramme für die Tagespresse geben. Programme, die sich jeder als Gratis-App herunterladen kann. Das Resultat wird ernüchternd sein.

Das ist jetzt überhaupt kein Vorwurf an das Berufsbild des Journalisten. Ich behaupte dasselbe auch für die Mehrzahl der Berichte von uns Diplomaten. Nur haben wir etwas mehr Zeit, um die Sätze sorgfältig umzustellen, weil wir nicht im Tagesjournalismus sind. Und wir formulieren aus Erfahrung grundsätzlich so, dass uns später niemand Tatsachen vorwerfen kann. Es könnte aber durchaus auch sein, dass. Es würde trotzdem nicht überraschen, wenn. Möglicherweise wird. Möglicherweis aber auch nicht.

No hard feelings, liebe Journalisten. Ich weiss, dass ihr euch jede erdenkliche Mühe gebt. Die meisten von euch jedenfalls. Trotzdem tut es mir weh, wenn ich Titel wie „Jetzt oder wohl nie mehr“ sehe, und wenn ich dann den Artikel anlese, geht es doch tatsächlich um den Nahostkonflikt und Kerrys neuste Initiative.

Es gibt Wortkombinationen, hat einmal ein kluger Mann irgendwo geschrieben, die sollte jede marktübliche Textverarbeitung automatisch löschen. Dazu gehört ganz sicher die Kombination von „Nahostkonflikt“ und „letzte Chance“. Eine Software, die diese Begriffe auf der gleichen Textseite entdeckt, müsste die Seite automatisch löschen. Meine hier wäre dann auch gleich gelöscht worden. Damit könnte ich leben.

Ich habe einen Geschäftsmann erfunden, der unterdessen mit der genialen Idee stinkreich geworden ist, im Mittleren Osten Windows of Opportunity zu verkaufen. Mit Doppelverglasung und Vorhängen in verschiedensten Mustern. Leider hat das viele Geld seinen billigen Charakter verdorben. Er wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und lebt heute als armselige Randfigur in einem Schundroman.

Wie übersetzt man eigentlich Window of Opportunity? Gelegenheitsfenster? Wahrscheinlich. Macht ja auch Sinn. Jetzt versteh ich auch endlich das Sprichwort „Gelegenheit macht Frieden“.

Furztrocken

25. Juli 2013

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Der aller erste erste August

25. Juli 2013

(mein Textprogramm, der Nationalfeiertag, die Demokratie und ich)

Es ist ärgerlich. Das Textprogramm hat das zweite erste mit einer roten Wellenlinie unterlegt. Gleich im Titel. Es hält es für einen Fehler. Meinen Fehler. Es möchte, dass ich es lösche. Es meint womöglich, ich sei unkonzentriert, weil es früh am Morgen ist. Dabei bin ich hell wach und angezogen und es ist alles korrekt.

Man kann durchaus von einem aller ersten ersten August schreiben, und kein Textprogramm, das ernst genommen werden will, sollte eine rote Wellenlinie unter das zweite erste legen.
Es gab einmal einen aller ersten ersten August, ob es dem Textprogramm passt oder nicht.

Es hat es schon wieder rot unterlegt. Es ist tatsächlich überzeugt, dass ich imstande bin, aus Versehen zweimal hintereinander dasselbe Wort zweimal hintereinander zu schreiben. Es hält mich für einen Vollidioten. Es hält mich für einen Vollidioten.

Es gab aber einen ersten ersten August. Zweimal sogar. Das erste Mal, als der Monat August kurz vor Christi Geburt von ein paar Römern erfunden wurde, die sich damit bei ihrem ersten Kaiser einschleimen wollten. Das zweite Mal, als der Schweizer Nationalfeiertag zum ersten Mal an diesem Datum gefeiert wurde. Einschleimen mag mein Textprogramm offenbar auch nicht, weder gross noch kleingeschrieben. Das Wort wird rot unterlegt, in der Hoffnung, ich werde es korrigieren.

Mache ich aber nicht. Es gab einmal einen ersten ersten August und es gab – und gibt sie immer noch – Leute, die sich bei ihren Vorgesetzten einschleimen. Sie werden leider nie aussterben. Hingegen wird es irgendwann einen letzten ersten August gegeben haben.

Wenn es einmal die Schweiz nicht mehr gibt. Alles, was entsteht, vergeht auch wieder. Das ist ein Naturgesetz. Und wir Schweizer lieben die Natur. Wichtig wäre uns dann aber, dass die Schweiz nicht einfach achtlos in den unsortierten Müll geworfen, sondern fachgerecht kompostiert wird, damit daraus wieder Neues entstehen kann.

Es gibt ja bereits verschwundene Staaten. Das heisst, es gibt sie nicht mehr. Sobald ich aus diesem Text raus bin, werde ich „verschwundene Staaten“ googeln. Geschichte. Geografie. Dieser Artikel enthält unvollständige Daten über vollständig verschwundene Staaten. Bitte ergänzen Sie ihn.

Vielleicht sind wir eines Tages schweizmüde. Des Paradieses, das wir in vielerlei Hinsicht sind, überdrüssig. Wollen Sie die Volksinitiative zur Abschaffung der Schweiz annehmen? Ja? Nein? Keine Zeit? Der Bundesrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. Aber wisst ihr was? Macht doch, was ihr wollt!

Ich hatte in der Mittelschule einen sehr phantasievollen Freund. Er schrieb eine Geschichte, in der das Stimmvolk beschlossen hatte, die Schweiz an ein zahlungskräftiges Konglomerat aus reichen Golfstaaten zu verkaufen. Jede Schweizerin und jeder Schweizer erhielt drei Millionen in bar.

Gut, ich gebe zu, diese Variante ist eher unwahrscheinlich. Auch schweizmüde Schweizerinnen und Schweizer würden auf den Deal nicht eintreten. Uns fehlt einfach das notwendige Vertrauen, soviel Geld auf einer ausländischen Bank anzulegen. Können die ein Geheimnis für uns behalten? Obwohl das eigentlich gar keine Rolle mehr spielen würde. Ein Konto im Ausland macht wenig Sinn, wenn man keinen Staat mehr hat, dem man die Steuern hinterziehen kann.

Wahrscheinlicher ist, dass es eines Tages den 1. August nicht mehr gibt, weil per Volksabstimmung beschlossen wurde, an einem anderen Datum zu feiern. Wegen der globalen Erwärmung.
Irgendwann war es in den Sommermonaten dermassen heiss und alles so furztrocken, dass beim Feuerwerk jeweils die halbe Schweiz abbrannte. Also beschloss man irgendwann, am 1. Februar zu feiern. Das war dann auch logistisch viel einfacher, weil man das Feuerwerk für die Neujahrsfeier und dasjenige für den Nationalfeiertag gleich zusammen einkaufen konnte.

Der letzte erste August könnte auch durch die Erfindung eines neuen Kalenders entstehen. Es muss ja nicht immer und ewig alles so bleiben, wie es ist. Ob Januar bis Dezember oder sonst irgendwelche Bezeichnungen – was kümmert das den Mond? Namen sind Schall und Rauch.

Und à propos Schall und Rauch: es gibt natürlich noch den persönlichen letzten ersten August. Irgendwann kommt er, ob man es merkt oder nicht.

Mein Textprogramm mag à propos nicht. Mit dem letzten ersten August hat es hingegen kein Problem. Keine roten Wellenlinien. Keine Lampions. Kein Feuerwerk. Ein ganz gewöhnlicher Sommerabend. Lasst uns feiern.

Nirgendwo in Ankara

18. Juli 2013

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(leben)

18. Juli 2013

Ich hoffe, es stört niemanden, dass ich ihn hier David nenne. Er hiess nicht so, weil er anders hiess. Was kümmert es jemanden, der ihn nicht kannte, wie sein wirklicher Name lautete? Und die, die ihn kannten und nun vermissen werden, wissen es ohnehin.

Es war einfach so, dass ich beim Schreiben festgestellt habe, dass es mir Mühe macht, ihn D. zu nennen. Wie in den vermischten Meldungen. Also nenne ich ihn bei einem anderen Namen. Seine Spuren verwischen sich nun ohnehin.

Die Nachricht seines Todes erreichte mich heute in einer E-Mail von Michael. Auch er heisst nicht so. Hoffentlich noch lange. Michael schrieb mir aus einem Land, in dem wir alle einst gemeinsam ein paar Jahre verbracht hatten: David, seine Frau Elsbeth, die auch anders heisst, ihr gemeinsamer Sohn, Michael und ich.

David war nicht dort gestorben, sondern in der Schweiz, wo er sich mit seiner Frau, mit der ich zusammengearbeitet hatte, nach ihrer Pensionierung niedergelassen hatte. Ich habe ihn nicht gut gekannt, eigentlich kaum. Aber die wenigen Begegnungen mit ihm haben ihn mir sehr sympathisch gemacht. Er war Brite mit einem wunderbaren Humor. A good fellow. Einmal hatte ich ihm, als er nach einem Unfall lange zuhause bleiben musste, eine Flasche Single Malt ans Krankenbett gebracht und wir hatten zusammen gelacht.

Es tut mir leid, dass er nicht mehr lebt. Und für seine Frau und seinen Sohn tut es mir leid, dass er tot ist. Der Tod ist völlig inakzeptabel. Nichts dürfte so endgültig sein. Ich werde ihnen mein hilfloses Beileid aussprechen.

Was sonst mache ich mit der Nachricht, dass dieser dürre alte Mann mit dem besonderen Humor nicht mehr unter den Seinen weilt? Was fangen wir mit einer solchen Nachricht an?

Wir trauern einen kurzen Moment lang um den Toten. Bis wir merken, wenn wir mit uns ganz ehrlich sind, dass wir eigentlich mehr um uns selber trauern. Dann denken wir einen Moment über den Tod nach, was wir mit ihm schon alles erlebt haben.

Die eigenen Toten ziehen in rascher Bilderfolge vorbei. Dann setzen, jedenfalls bei mir, die Zitate aus Film, Musik und Literatur ein. Ein kleiner Teil davon, was uns von all dem Schrott geblieben ist, was wir über den Tod gelesen, gesehen und gehört haben.

Er wusste nur vom Tod was alle wissen: dass er uns nimmt und in das Stumme stösst. (Rilke)

Oder der Tod, wie er uns in einem Gedicht von Alfred Andersch begegnet: Er liest den Observer. Sein Auge ist weiss.

Es gäbe viel zu zitieren, nur schon aus dem Gedächtnis. Irgendwann lande ich dann immer beim Zitat, das ich aus Kurt Martis faszinierendem Büchlein „Leichenreden“ in Erinnerung behalte:

Traue den Reden des Todes nicht! Seine Dir zugewandte Wahrheit ist das Schweigen. (Ludwig Strauss)

Das beendet dann die Literaturzitate abrupt.

Was bleibt dann noch, nach Trauer und Zitaten?

Das memento mori. Jede Nachricht vom Tod fordert uns auf, das eigene Leben zu beginnen. Sofort. Ohne weitere Verzögerung. Keine Ausreden mehr. Jetzt. Wir nehmen uns vor, es diesmal zu tun (leben). Nicht weiterhin alles und damit uns selber zu verschieben, wegen dem, was uns gerade in Trab hält.

Aber auch dieser Vorsatz hält nur ganz kurz an. Es ist jetzt Mittagszeit. Ich gehe nachhause zum Essen. Am Nachmittag folgen Sitzungen und Termine. Am Nachmittag geht das Leben weiter, ohne neu begonnen zu haben.

Danke für die Nachricht, lieber Michael. Ich melde mich, wenn sie angekommen ist.

Irgendwo in Ankara…

14. Juli 2013

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