Archive for März 2017

Von blinden Pferden und fast geheilten Hunden

18. März 2017

(woran ich denke, wenn ich etwas sehe, und was ich sehe, wenn ich an etwas denke)

Es ist ein uns allen bekanntes Phänomen: wir sehen etwas lange Zeit nicht, dann plötzlich überall. Dazwischen hat sich etwas ereignet, was unseren Blick darauf gelenkt hat, denn vorhanden war es schon, nur haben wir es nicht wahrgenommen.

Was uns den Blick darauf freigemacht hat, kann ein Ereignis sein. Nachdem es eingetroffen ist, sehen wir das, was vorher schon da war, sich uns aber nicht gezeigt hat. Vielleicht hat es sich uns vorher schon zeigen wollen, hat uns sogar zugewinkt, aber wir waren das sprichwörtliche blinde Pferd, an dem ein Nicken vergeudet ist.

Ich weiss: Das braucht jetzt ein paar Beispiele, und mindestens eines sofort, sonst verlieren wir uns in der Erkenntnistheorie. Kant, Hegel, Würmelinger, Runzelbacher. Wer googelt, hat sich in meine Abschweifungen verlaufen, kommt nie mehr zurück.

Hier also gleich mein Suzuki-Beispiel: Vor dem Dezember 1986 hatte ich in der Schweiz praktisch nie einen Suzuki-Jeep wahrgenommen. Gab es überhaupt welche in der Schweiz vor jenem 9. Dezember 1986? Mein Bruder fuhr offenbar einen, aber der war so gut wie unsichtbar. Wahrscheinlich stand er mehrheitlich in seiner Garage.

Dann starb unsere Mutter und ich habe in den zwei Wochen danach verschiedene Dinge mit dem Suzuki-Jeep meines Bruders erledigt. Ich fuhr zu Ämtern, zum Gerichtsmedizinischen Institut, zur Kantonspolizei. Ich machte Einkäufe für die trauernde Sippe. Manchmal bin ich glaub ich auch einfach ziellos durch die Stadt gefahren, weil ich nirgendwo sein wollte.

Nach diesem Ereignis sah ich die Suzuki-Jeeps überall, jahrelang. Und jeder von ihnen versetzte mich unweigerlich zurück in die Tage, als meine Mutter starb.

Es muss ein strategischer Entscheid des Suzuki-Importeurs gewesen sein, der eines Morgens beim Kaffee entschieden hatte, den Schweizer Markt mit Suzuki-Jeeps zu überschwemmen. Jetzt ist der Moment, sagte er unvermittelt zu seiner Frau. Die Schweiz ist reif für den Suzuki-Jeep! Wenn Du meinst, Erwin. Einen blauen vielleicht?

Noch etwas Anderes war neben dem plötzlichen Auftauchen von Suzuki-Jeeps in jenen Wochen zu beobachten. Natürlich wiederum nur für die, die es sahen, beziehungsweise hörten. In den Schweizer Hitparaden kletterte „Your latest trick“ von den Dire Straits die Ranglisten hoch, oder hätte es jedenfalls tun müssen, denn ich hörte dieses Lied auf einem Tonband im Tapedeck des Suzuki-Jeeps immer und immer wieder.

All I can do is hand it to you – and your latest trick. Saxophonklänge und die wunderbar traurige Stimme von Mark Knopfler. Ich spulte das Band so oft an den Anfang des Lieds zurück, dass ich mich heute wundere, warum das Tapedeck das Band nicht reinzog und frass.

Später habe ich ein Saxophon gemietet. Der freundliche Mann im Musikgeschäft fragte mich, ob ich schon spielen kann oder ob ich einen Lehrer brauche. Denn ein Saxophon sei keine Blockflöte, auf der man einfach spielen könne. Aber ich wollte keine Hilfe. Ich wollte spielen. Nur dieses eine Lied. All I can do. Hand it to you.

Es schien mir die einzige Möglichkeit, mit dem Verschwinden meiner Mutter irgendwie zurecht zu kommen. Ich habe dann glaube ich insgesamt drei Töne aus dem Ding rausgebracht, nicht nacheinander, bevor ich es nach ein paar Wochen wieder zurückbrachte. “Sie sollten es unbedingt stimmen, bevor Sie es weitervermieten”. Ich hätte das gerne gesagt, aber ich brachte auch aus mir keinen Ton mehr raus.

Das Saxophon sei im Vergleich zu anderen Instrumenten noch gar nicht so wahnsinnig alt, sagt mir gerade Wikipedia. Sie sitzt meistens neben mir, wenn ich schreibe. Der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax habe es um 1840 erfunden. Berühmt gemacht hätten es dreissig Jahre nach seinem Tod Jazzmusiker in den USA. „Phon“ sei übrigens ein aus dem Griechischen stammender Wortbestandteil, plappert sie gleich weiter, der so viel wie „Klang“ oder „Ton“ bedeute. Danke. Es ist jetzt gut, Wiki.

Wiki selber wurde erst im Januar 2001 erfunden, als meine Mutter schon 15 Jahre tot war. Sie konnte von den kostenlosen lexikalischen Einträgen (Lemmata) nicht mehr profitieren. Sie hätte sie womöglich für Lemminge gehalten und in einem Quiz nach dem Erfinder des Saxophons gefragt, hätte sie ohne ihr Lexikon raten müssen und vielleicht auf Herbert Lohdemann getippt. Ein Lohdemannophon hätte ich mir dann allerdings nie ausgeliehen. Wer hätte so etwas spielen wollen.

30 Jahre später sind die Suzuki-Jeeps fast ganz wieder von den Schweizer Strassen verschwunden. Einzelne zirkulieren zwar noch, aber sie wirken kraftlos, sogar die ganz neuen Modelle, denn sie haben nicht nur den Treibstoffverbrauch gegenüber den 80er-Jahren erheblich reduziert, sie erinnern mich auch nicht mehr jedes Mal und unmittelbar an diese schweren Tage, als meine Mutter starb und ich durch ein Zürich fuhr, das sie nie mehr sehen würde.

Your latest trick hingegen hat heute noch die Kraft, mich unmittelbar in den Dezember 1986 zu katapultieren. Ich habe das Lied gerade dreimal abgespielt. Noch zweimal, vermute ich, und ich mache mich auf ins Niederdorf und miete noch einmal ein Saxophon.

Hier endet endlich mein Beispiel. Es ist lang geraten und Sie haben längst begriffen, was ich gemeint hatte mit dem uns allen bekannten Phänomen. Etwas ist unsichtbar, bis eines Tages ein persönlicher Bezug dazu hergestellt wird. Ich benutze bewusst die passive Form. Solche Dinge machen wir selten selber. Sie passieren uns, auch wenn sie nie ganz vorbeigehen. Irgendwann verschwinden zwar die Jeeps wieder, wahrscheinlich weil der Schmerz nachgelassen hat und die Zeit bekanntlich alle Hunde heilt, aber das Lied klingt nach.

Es passt natürlich auch andersrum, wie die Österreicher sagen würden. Nicht nur traurig in die Vergangenheit, auch freudig in die Zukunft. Auch ein bevorstehendes Ereignis kann den Blick auf etwas lenken, was schon da ist, was wir aber kaum oder gar nicht wahrgenommen haben.

Ich werde zum Beispiel im kommenden Sommer nach Wien versetzt, und seit der Transfer feststeht, sind die Zeitungen plötzlich voll von Meldungen über Wien und Österreich, während hinter dem Arlberg vorher ausser ein paar Skipisten rein gar nichts war.

Phänomenal, nicht wahr?

All I can do, is hand it to you…

18. März 2017

Saxophonspieler mit Suzuki-Jeeps (18.03.2017)

Erdmännchen im EDA

15. März 2017

Ich benutze diesen Blog eigentlich nie, um mich mit meinem realen Leben zu befassen. Mit meinem realen Leben befasse ich mich in meinem realen Leben. Aber heute komme ich nicht umhin, etwas aus meinem realen Leben hier zu deponieren, auch wenn und vielleicht weil es nicht wirklich wirklich klingt, sondern eher wie eine wilde, ziemlich absurde Phantasie.

Vor ein paar Wochen habe ich auf Lync, der bundes-internen Version von „Skype for Business“, bei meinem Absender ein Bild publiziert. Sie sehen es, wenn Sei ein wenig hinunter scrollen. Gestern habe ich nun von der Zentrale folgende E-Mail erhalten, mit dem Subjekt: „Foto im Intranet / Skype for Business (Lync)“:

Sehr geehrter Herr Gschwend

Sie haben kürzlich im Intranet / Skype for Business ein Bild publiziert. Leider entspricht das Bild nicht den Vorgaben. Diese lauten folgendermassen:

– Portraitfoto
– Dimensionen: mindestens 300×300 Pixel, Dateigrösse maximal 5MB, Hochformat oder      quadratisch
– Das Bild zeigt Sie ohne weitere Personen oder Objekte

Wir bitten Sie also, bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen. Andernfalls werden wir das aktuelle Bild vom Intranet entfernen.

Mit freundlichen Grüssen

Silvia Kindermann
(Name geändert)

 
Wenig später folgte eine weitere E-Mail:

 
Sehr geehrter Herr Haffner

Bitte entschuldigen Sie das Versehen (ein „Copy – Paste“ Fehler). Das Mail ist natürlich an Sie gerichtet und nicht an Herrn Gschwend.

Mit freundlichen Grüssen
Evelyne Kindermann
(Name schon wieder geändert)

Und das ist die Antwort, die ich heute verfasst und gesendet habe:

Sehr geehrte Frau Kindermann

Ich bin, ich sage Ihnen das ganz offen, sehr erleichtert, dass Sie doch noch festgestellt haben, dass ich nicht Herr Gschwend bin.
Es hätte mir wirklich Mühe gemacht, mich mit diesem Gedanken anzufreunden.
Das ist jetzt überhaupt nicht gegen Herr Gschwend gerichtet, aber es hätte mich doch sehr erstaunt und es ist einfach viel einfacher und angenehmer, sich selber zu bleiben.
Wenn ich nur schon an all die Ausweise und Dokumente denke, die ich hätte ändern müssen. Womöglich samt Passfoto.

Und damit sind wir beim von Ihnen beanstandeten Bild, das ich auf Skype aufgeschaltet habe.
Wenn Sie das Bild in der Bildersuche von Google eingeben, erfahren Sie innerhalb von 0,67 Sekunden durch 25’270’000’000 Ergebnisse, dass es sich bei der Abbildung um ein Erdmännchen handelt.

Es mag sein, dass die Dimensionen des Bilds nicht exakt den geforderten 300×300 Pixeln entsprechen. Erdmännchen haben nur eine sehr oberflächliche Vorstellung von Pixeln, und sind dazu sehr selten an der Oberfläche, weil sie sich oft in ihrer Höhle aufhalten. Die anderen von Ihnen genannten Anforderungen sind jedoch erfüllt. Das Bild zeigt ganz klar nur mich (ohne weitere Personen oder Objekte) und es handelt sich eindeutig um ein Portraitfoto, denn, sehr geehrte Frau Kindermann , ich kann und möchte es auch nicht ändern: Ich bin ein Erdmännchen.
Und ich habe das, so möchte ich gleich anfügen, dem EDA  auch nie verheimlicht.

Ich bin vor 30 Jahren als Erdmännchen zum Concours angetreten und ich werde in ein paar Jahren als Erdmännchen pensioniert werden.
Ich habe, um meinen Beruf ausüben zu können, lediglich meine Ernährung ein wenig umstellen müssen, da Insekten, Skorpione, Schnecken, Nager und Reptilien bei diplomatischen Einladungen eher selten serviert werden. Dafür kommen auch Falken, Schakale und Schlangen (meine natürlichen Feinde) in den Kreisen, in denen ich mich beruflich bewege, eher selten vor. Oder höchstens im übertragenen Sinn.

Das Diplomatenleben eignet sich vor allem im letzten Karrieredrittel ausgezeichnet für Erdmännchen, denn wir leben in Höhlen, ziehen es aber vor, von anderen Tieren gegrabene Höhlen zu beziehen und diese lediglich unseren Bedürfnissen anzupassen. Das tue ich nun schon in der vierten Residenz. Dabei habe ich auch den natürlichen Lebensraum meiner Gattung, das südliche Afrika, verlassen und habe in Europa, Asien und Nordamerika gelebt.

Aber ich will Sie nicht weiter langweilen mit den Besonderheiten des Lebens eines Erdmännchens im diplomatischen Dienst. Möglicherweise ist Herr Gschwend ja ein Elch, und wenn wir Ihnen alle lang und breit erklären, wie wir als Tiere im EDA Jahrzehnte leben und überlebt haben, haben Sie am Ende keine Zeit mehr für die Informatik. Auch ich muss mich jetzt wieder meiner Arbeit zuwenden, denn Erdmännchen sind tagaktiv und wir sind in der Türkei zwei Stunden voraus, das heisst, der Abend ist nach dem Mittag nicht mehr sehr weit und ich werde mich schon bald wieder in meine Höhle zurückziehen.

Liebe Frau Kindermann , ich muss leider zum Schluss kommen.
Zuerst dachte ich, Sie würden sich wegen den dunklen Ringen unter meinen Augen Sorgen machen um meine Gesundheit oder daraus schliessen, ich arbeite zu viel und schlafe zu wenig, und ich war bereits ein bisschen gerührt, dass Sie mir empfehlen würden, im Herbst meiner Karriere aus Gesundheitsgründen weniger zu arbeiten. Ich hätte Sie beruhigen können. Wir Erdmännchen haben die Ringe auch wenn wir ausgeschlafen sind. Sie dienen dazu, zu verhindern, dass die Sonne uns beim Blick in die Ferne, wo wir nach Feinden Ausschau halten, blendet.
Aber dann schaute ich auf den Absender Ihrer E-Mail und sah, dass Sie nicht beim EDA-Personaldienst, sondern bei der EDA-Informatik angesiedelt sind.

Sie bitten mich nun, mein Bild zu entfernen und bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen, und sie drohen mir an, andernfalls das aktuelle Bild vom Intranet zu entfernen.
Ich stehe nicht im Ruf, mich Anweisungen der Zentrale zu widersetzen. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass ich das Bild nicht durch ein neues ersetzen werde. Erdmännchen werden auf freier Wildbahn maximal 15 Jahre alt, im Zoo höchstens 12. Es gibt keine statistischen Erhebungen über das Lebensalter von Erdmännchen im diplomatischen Dienst. Ich könnte Ihnen nicht einmal sagen, wie viele wir sind. Tatsache ist, dass ich das für Erdmännchen übliche Alter schon lange überschritten habe. Ich nehme jeden weiteren Tag als Gunst und Gnade, und so werde ich es auch mit den Tagen halten, die meinem Bild noch verbleiben, bis Sie es vom Intranet nehmen, denn ich zweifle nicht daran, dass Sie ihre Drohung wahrmachen werden.

Schauen Sie mir also am 14. April noch einmal tief in die schwarz umringten Augen (meinem Lync-Bild meine ich natürlich) und dann löschen Sie es, wenn Sie es noch und nicht anders können.
Ich kann Ihnen versichern, dass ich Sie deshalb nicht als Feind betrachten werde. Aber ich werde am Abend des 14. April traurig sein, wenn ich in meine Höhle zurückkehre.

Freundliche Grüsse aus Ankara,

Walter Haffner

Erdmännchen

15. März 2017

Lync picture HAW