Archive for Juni 2022

Enenen

18. Juni 2022

(der Fall Paul K.)

Wer für einen Moment vergessen hat, wann die Berliner Mauer gefallen ist, oder lediglich nicht mehr ganz sicher ist, ob es wirklich im Jahre 1989 war (Oktober oder Herbst?), und nichts Falsches behaupten möchte, dem macht es Google leicht. Er muss nur «Fall der» ins Suchfeld eintippen, und schon erscheint ohne Knopfdruck die «Berliner Mauer». Gibt man hingegen «Der Fall» ein, kommt von Collini über Jesus ein ganzer Rattenschwanz von Fällen, nur auf den Fall der Evelyne B. wartet man vergeblich, denn es ist nur der zweite Teil des Titels eines Romans von Ernst Augustin (Raumlicht), wo in den Träumen des Ich-Erzählers, der in München nicht auffallen möchte, Afghanistan immer im Regen liegt. 

Raumlicht war nicht das erste Buch von Ernst Agustin, das ich gelesen habe (das erste war Der Amerikanische Traum), es war auch nicht das zweite, aber ich habe es gelesen, weil ich noch heute  lieber nach dem ersten noch ein zweites oder drittes Buch eines Autoren lese, als neben dem ersten seine Biografie. Ich bin bei meiner gegenüber meinen Deutschlehrern verteidigten Ansicht geblieben, dass ein Buch les- und geniessbar sein muss, ohne dass man etwas über das Autorenkollektiv weiss, das damals in einer Wohngemeinschaft in Ostberlin lebte, bis Paul K. (den alle nur Roddy nannten) die Flucht in den Westen gelang, womit das Kollektiv zu existieren aufhörte und die anderen Mitglieder bald darauf die Räume der WG verlassen mussten, weil sie ohne Roddys Beitrag die Miete nicht mehr bezahlen konnten. 

Muss ich wirklich wissen, wer im Ostberliner Autorenkollektiv gerade mit wem geschlafen und sich (deswegen, wirklich deswegen, Leute?) mit wem überworfen hat, während einer der fünf Romane entstand, die sie gemeinsam geschrieben haben? Muss ich die Geschichte des getrennten Berlins kennen, die Geschichte des Kalten Krieges und wie er im November 1989 endete, bis man im Februar 2022 überrascht feststellen musste, dass er damals gar nicht zu Ende gegangen war, sondern im Verborgenen fast 33 Jahre lang fortgedauert hatte, um danach wieder ungehemmt und wild lodernd auszubrechen, als wäre es gar kein kalter Krieg gewesen, sondern ein Brand, der unbemerkt vor sich hin gemottet hat?  

Paul K. ist nach seiner Flucht in den Westen nicht mehr viel gelungen. Durch seine Flucht interessanter geworden, als er zuvor war, tingelte er noch ein paar Jahre durch die literarischen Talk-Shows und es gibt ein undatiertes Bild von ihm, wie er neben Wolf Biermann in einem Salon im Berliner Ortsteil Moabit auf dem Friseurstuhl sitzt und sich den Backenbart stutzen lässt, aber geschrieben hat er nach seiner Flucht nichts mehr, jedenfalls nichts, was veröffentlicht worden wäre, oder wenn, dann von einem Kleinverlag, dessen Restbestände noch ein paar Jahre in einem Berliner Antiquariat zu besichtigen waren, in welchem die «Furie des Verschwindens» in einem Gedichtband von Enzensberger auf dem Regal wartete, bis ihr, der am Ende alles zufällt,  auch das Antiquariat zufiel.  

Ganz bestimmt wird einmal jemand der Frage nachgehen, ob Paul K. nicht mehr schrieb (jedenfalls nichts mehr, was veröffentlicht wurde), weil er zum Schreiben zwingendermassen das in Ostberlin zurückgelassene Kollektiv gebraucht hätte, oder ob es vielleicht damit zu tun haben könnte, dass ihn in Westberlin niemand mehr Roddy nannte. Wie dem auch sei: Er hat nach seiner Flucht nichts mehr geschrieben und soll – Ironie des Schicksals – zuletzt von der Sozialhilfe gelebt haben, nachdem er seinen Job als Ausläufer verloren hatte und die Miete für seine Zweizimmerwohnung in Berlin Lichtenberg, die er alleine bewohnte, nicht mehr bezahlen konnte.

Zwei Monate bevor er im Alter von 73 Jahren im Bundeswehr Krankenhaus an einer verschleppten Lungenentzündung starb, soll er verzweifelt versucht haben, nach Ostberlin zurückzukehren. Er konnte ohne die Mauer nicht glauben, dass er bereits in Ostberlin war.  

Soviel zum Fall Paul K.  An den Fall Jesus wage ich mich hier nicht. Die Recherchen würden zu lange dauern, ausser man beschränkt sich auf den gleichnamigen Film aus dem Jahr 2017, der wesentlich weniger lange zurückliegt. Beim Fall Collini geht es um einen deutschen Politthriller aus dem Jahr 2019, eine Verfilmung des 2011 erschienenen Romans Der Fall Collini von Ferdinand von Schirach, der vor seiner Karriere als Schriftsteller in Berlin als Strafverteidiger wirkte, und dessen Grossvater, Baldur von Schirach, zwischen 1940 und 1945 Hitlers Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien war und als solcher verantwortlich für die Deportation von 185’000 österreichischen Juden.

Die gelb unterlegte Bemerkung «Dieser Artikel ist älter als ein Jahr», die einem beim Lesen des Artikels über Ferdinand von Schirachs Verhältnis zu seinem Grossvater auf der orf.AT Webpage ins Auge springt, mutet etwas seltsam an. Was ist damit gemeint? Dass der Artikel verjährt ist? Dass die im Artikel gemachten Aussagen vielleicht unterdessen nicht mehr stimmen? Oder ist es eine Warnung, dass der Artikel nur noch kurze Zeit auf der Webpage sein wird, weil er bereits ein Jahr lang aufgeschaltet war, und alles, was nach anderthalb Jahren nicht mehr genügend Hits pro Monat erhält, wird automatisch gelöscht? 

Das wäre schade. Ferdinand von Schirachs Distanzierung von seinem Grossvater Baldur, auf die der Artikel verweist, ist überzeugend und sollte nicht verjähren. Der Artikel zeigt aber letzten Endes auch, wie alles zusammenhängt: der Fall der Mauer mit dem Fall Collini, die von Schirachs mit Berlin, wo Paul K. zuerst im Ost- und dann im Westteil der Stadt gelebt hat, um am Ende in Ostberlin zu sterben, ohne es zu merken, und Berlin mit Wien, wo ich sitze und schreibe.  

PS: Enenen ist kein Name. Es ist auch kein Wort, sondern eine Endung, die man in Worten wie erschienenen finden kann. Beim Durchlesen dieses Textes bin ich über die Endung gestolpert und habe zunächst gemeint, da wäre ein «en» zu viel, bis ich – kurz davor, es aus dem Wort zu streichen – begriff, dass sich das erste «en» in einem «ien» versteckt, und da fand ich, doch, das ist einen Titel wert.

Die Überquerung des Pazifiks in einem Zug aus Balsaholz  

16. Juni 2022

(über die Schwierigkeit, ausgeliehene Bücher zurückzugeben)  

Ich wurde in der Vergangenheit ab und zu von Leuten, die ich kaum oder gar nicht kannte, auf Bücher angesprochen, die ich ihnen ausgeliehen hätte, meist im Zug, und während ich in einem Buch las, das ich gerade niemandem ausgeliehen hatte.  

„Sie haben mir vor vielen Jahren“, richtete zum Beispiel einmal ein älterer Herr irgendwo zwischen Aarau und Olten unvermittelt sein heiseres Wort an mich, nachdem er mir seit Zürich schweigend gegenübergesessen hatte, „Als wär’s ein Stück von mir von Carl Zuckmayer ausgeliehen. Ich habe es nun endlich fertiggelesen und möchte es Ihnen zurückgeben, habe es aber nicht bei mir.“

„Kennen wir uns?“ fragte ich.  Aber anstatt zu antworten, fuhr er fort: „Wenn Sie morgen wieder denselben Zug nehmen, kann ich Ihnen das Buch mitbringen.“

„Ich weiss nicht, ob ich morgen wieder Zug fahren werde,“ sagte ich, obwohl ich wusste, dass ich am nächsten Tag wieder im selben Zug unterwegs sein würde, „und ich glaube, hier liegt eine Verwechslung vor. Ich kenne Sie nicht und ich habe niemandem ein Buch von Carl Zuckmayer ausgeliehen.“

Der alte Mann reagierte nicht.

„Das von Ihnen erwähnte Buch stand zwar in der Bibliothek meines Vaters“, fuhr ich fort, „aber ich habe es nie gelesen, obwohl mich der Titel als Jüngling beeindruckt hat. Es stand, wenn ich mich richtig erinnere, zwischen Stefan Zweigs Die Welt von gestern und Heinrich Manns Ein Zeitalter wird besichtigt, aber ich weiss nicht einmal, wo das Buch jetzt ist. Vielleicht in meiner Bibliothek in Wien, vielleicht aber auch in meinem Lager in Bülach. Ich hoffe, ich habe es nicht bei einem meiner zahlreichen Umzüge weggegeben. Ausgeliehen habe ich es auf jeden Fall nicht.“

„Vielleicht war es auch Die Welt von gestern, die Sie mir ausgeliehen haben“, sagte der alte Mann.  „Ich kann Ihnen morgen gerne beide Bücher zurückbringen, wenn Sie wollen, aber ich müsste wissen, in welchem Zug ich Sie antreffen kann.“

„Auch die Welt von gestern habe ich Ihnen nicht ausgeliehen,“ antwortete ich mit einem Seitenblick auf die Sitznachbarin des alten Manns, eine jüngere Frau mit wallenden Locken und Hornbrille, die unserer Unterhaltung ganz offensichtlich folgte. „und Sie müssen mir keines der Bücher zurückgeben, denn sie gehören mir nicht. Wie gesagt, es liegt eine Verwechslung vor. Stellen Sie sich vor, Sie treffen später auf den Mann, der Ihnen die Bücher ausgeliehen hat, und Sie können sie ihm nicht zurückgeben, weil Sie sie bereits mir gegeben haben. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich möchte weiterlesen.“  

Der alte Mann schwieg eine Weile, dann sagte er „Oder war es vielleicht Kon-Tiki von Thor Heyerdahl?“, wobei er sich vorbeugte und mir mit dem Zeigfinger auf das Knie tippte.

„Das reicht jetzt!“ sagte ich, irritiert durch seine Berührung vielleicht etwas zu energisch und zu laut, und er schreckte zurück, als hätte ich ihn angeschrien.

„Was herrschen Sie den alten Mann so an!“ schaltete sich seine Sitznachbarin ein. „Er hat Ihnen doch nichts getan. Er will Ihnen nur ihre Bücher zurückgeben, und Sie schreien hier herum, als würde er Sie bedrängen.“

„Es sind aber nicht meine Bücher“ sagte ich zu ihr, „Ich kenne den Mann überhaupt nicht, und was mischen Sie sich überhaupt ein?“, um dann an meinen Sitznachbarn gewendet fortzufahren: „Wollen Sie sich vielleicht auch noch dazu äussern?“

Dass ich wegen des alten Mannes so die Fassung verlor, hatte mit seiner Berührung zu tun (ich werde nicht gerne von fremden Menschen angefasst) und mit seinem Insistieren, aber am meisten irritiert hatte mich, dass er nach Als wär’s ein Stück von mir und Die Welt von gestern nun auch noch Kon-Tiki erwähnt hatte – ein weiteres Buch, das sehr nahe bei den anderen beiden Büchern in der Bibliothek meines Vaters gestanden hatte. Ich habe kein fotografisches Gedächtnis (eher ein Tonband im Ohr, das alles, was ich höre, aufnimmt und in meinem Gedächtnis speichert), aber an einzelne Bereiche der Bibliothek meines Vaters erinnere ich mich noch sehr genau.

Ich kann heute noch die Rücken der Bücher beschreiben, ihre Umschläge und Einbände, und ich weiss natürlich ihre Titel noch. Im Falle von Kon-Tiki kann ich mich auch an die Bilder des Schiffs aus Balsaholz erinnern, und wie ich mich damals gewundert hatte, wie man aus einem so leichten, zerbrechlichen Holz, aus dem wir kleine Segelflieger mit Gummimotoren bastelten, ein Schiff bauen könne, das den Pazifik zu überqueren vermag.

Wie konnte der alte Mann gleich drei Titel von Büchern nennen, die in der längst aufgelösten, umfangreichen Bibliothek meines Vaters praktisch nebeneinander standen? War er zu Lebzeiten meines Vaters bei uns in Zürich zuhause gewesen? Hatte er meinen Vater gekannt?

„Entschuldigen Sie,“ wandte ich mich dem alten Mann wieder zu „dass ich Sie angeschrien habe.“ (denn offenbar hatte ich ihn wirklich angeschrien) „Es tut mir leid, und ich wollte das nicht.“

„Jetzt bin ich sicher“ sagte er. „Es war Kon-Tiki, das sie mir ausgeliehen hatten.“

„Könnte es sein,“ fragte ich ihn, „dass Sie mich mit meinem Vater verwechseln? Er hiess ebenfalls Walter und je älter ich werde, sagen mir Leute, die ihn kannten, desto ähnlicher sehe ich ihm. Er war natürlich grösser als ich, aber das sieht man ja nicht sofort, wenn ich sitze. Und vielleicht ist die Ähnlichkeit jetzt, wo ich älter bin als er, ja noch frappanter geworden.“ Aber der alte Mann wiederholte nur „Es war Kon-Tiki!“, dann stand er auf und ging in Fahrtrichtung des Zuges, der in diesem Augenblick gerade in den Bahnhof Solothurn einrollte, auf den Ausgang zu.

Den Rest der Fahrt bis Bern hielt ich mein Buch in den Händen, aber ich las keine Zeile mehr. Es diente mir mehr dazu, den missbilligenden Blicken der jungen Dame auszuweichen. Ich dachte an den alten Mann, der vielleicht wirklich meinen Vater gekannt hatte, und ich bereute, dass ich ihm, als er in Solothurn den Zug verliess, nicht nachgegangen war. Vielleicht war es aber auch einfach ein grosser Zufall, dass er drei Bücher erwähnte, die in meines Vaters Büchergestell nebeneinander gestanden hatten, und dass er gerade mir eines zurückgeben wollte.  Vielleicht war es auch ein nicht ganz so grosser Zufall, weil belesene Menschen seiner Generation die gleichen Bücher lasen.  

Ich könnte diese Geschichte nun leicht so beenden, dass ich behaupten würde, ich hätte den alten Mann ein paar Tage später wieder getroffen, im selben Zug von Zürich nach Bern. Er sei im Viererabteil schräg vis-à-vis gesessen und ich hätte mitgehört, wie er seinem Gegenüber, einer älteren Dame, ein Buch von Alberto Moravia (Il disprezzo) zurückgeben wollte, welches ich in der englischen Übersetzung gelesen hatte (A Ghost At Noon), und welches sie, so beteuerte sie ohne laut zu werden, ihm nie ausgeliehen hatte.  Aber wer würde das glauben?

Lächerliche Passanten

11. Juni 2022

Als ich gestern, es war Freitagnachmittag, mit meiner Frau im Café am Hof gegenüber vom Schwarzen Kamel sass, kamen mir auf einmal alle Leute, die vor unseren Augen vorübergingen, völlig lächerlich vor.

Der Unterschied zwischen dem Café am Hof und dem gegenüber liegenden Schwarzen Kamel sind weniger die leckeren Canapés, die es im Café am Hof nicht gibt, sondern der Umstand, dass man im Café am Hof sitzt, Kaffee trinkt und die Menschen vorbeiziehen sieht, während man im Schwarzen Kamel sitzt, damit die vorbeigehenden Menschen sehen können, dass man im Schwarzen Kamel sitzt.

Man kann übrigens im Café am Hof draussen auch sitzen und sich etwas ausruhen, wenn man vom Flanieren oder Einkaufen müde geworden ist, ohne etwas zu konsumieren. Allerdings nur an einem einzigen Zweiertisch, der direkt vor der hohen Bar steht und dort in einer Art totem Winkel, in dem einen die Kellner, obwohl sie dauernd daran vorbeigehen, nicht wahrnehmen und deshalb erst bedienen, nachdem man sich bemerkbar gemacht hat. Auch auf das Zahlen kann man am Ende entsprechend lange warten und ich vermute, man könnte auch gehen, ohne zu bezahlen, und es würde erst am Feierabend bemerkt, dass auf dem Tisch gebrauchtes Geschirr steht und vermutlich Gäste da waren.    

Das Lächerliche begann mit zwei jüngeren Herren, die offensichtlich ihr Wochenpensum geleistet hatten und auf dem Weg in ihr Wochenende waren. Sie sahen, wenn auch jung, dynamisch und modern frisiert, mit ihren dunkelblauen Anzügen dennoch absolut lächerlich aus, als trügen sie das Kostüm einer fünftägigen Aufführung, die gerade zu Ende gegangen war und am Montag wieder neu beginnen würde.  

Dass sie mir lächerlich vorkamen, wäre an sich noch nichts Besonderes gewesen, und ich würde es für sich genommen kaum hier erzählen. Männer in Anzügen kommen mir oft lächerlich vor, eigentlich mehr als nicht. Vielleicht deshalb, weil ich nun 35 Jahren lang selber in einem solchen Kostüm aufgetreten bin und Männer in dieser uniformhaften Bekleidung einfach nicht ganz ernst nehmen kann (Frauen in Hosenanzügen übrigens auch nicht), weil sie in ihren Anzügen und mit ihren Krawatten ganz offensichtlich etwas spielen, eine Rolle, die Anzüge erfordert, und lustigerweise darin vor und mit anderen auftreten, die ausnahmslos auch solche Anzüge tragen.  Das Besondere an diesem Nachmittag war, dass mir auch alle anderen Passanten, die keine Anzüge trugen, plötzlich lächerlich vorkamen.

Eine kleine Gruppe chinesischer Touristen fand ich total ulkig mit ihren Einkaufstaschen. Bei einem Mann, der nahe an unserem Tisch vorbeiging, musste ich mich zurückhalten, dass ich nicht laut in sein grimmiges Gesicht lachte, und ein anderer Mann tat beim Gehen das, was man „rouler la mécanique“ nennt, so ausgeprägt, dass es wirklich zum Schiessen komisch war und ich meine Frau auf seinen Macho-Gang hinwies. Zum Glück tat ich das diskret, denn er machte kurz darauf kehrt und trat an den Tisch neben uns, um ein Paar zu begrüssen, das – es wird mittlerweile niemanden mehr wundern – absolut lächerlich aussah.  

Als nächstes kam eine Frau vorbei in einem enganliegenden, ihren übergewichtigen Körper unvorteilhaft betonenden Outfit, die offenbar mit ihren Tragtaschen nicht wusste, wo sie als Nächstes hinwollte, denn sie sollte etwas später in der anderen Richtung noch einmal vorbeikommen und wieder etwas später ein drittes Mal, diesmal wieder aus ihrer ursprünglichen Richtung.

Obwohl ich sie in ihrer an Verwirrung grenzenden Unentschlossenheit bedauerte, musste ich gleichzeitig lachen über ihren Anblick, wie mich auch ein sie beim ersten Mal kreuzender Jüngling in kurzen Hosen amüsierte, wahrscheinlich ein Student, der eine dieser Freitag-Taschen, die angeblich aus alten Lastwagenplanen gefertigt werden, über der Schulter trug und mit seinem zu langen Oberkörper so weit nach vorne gebeugt ging, dass man Angst um ihn haben musste, er würde gleich vornüber fallen.  

Dann kam ein älteres Ehepaar, das ganz und gar normal aussah, und auf mich trotzdem und vielleicht gerade deshalb völlig lächerlich wirkte. Meine Frau hatte, obwohl sie in einem Buch las, unterdessen mitbekommen, dass ich dauernd lachen musste, und sie fragte mich, was mich in aller Welt so amüsiere. „Die Menschen!“ antwortete ich lachend, und zeigte auf zwei junge Frauen, die sich eingehakt hatten und die eine sprach auf die andere ein. „Schau Dir nur diese beiden an – sind sie nicht drollig?“. „Oder diese drei Männer (in Freizeitkleidung) – schau Dir den wichtigen Gang an, wie jeder einzelne von ihnen geht. Was die wohl denken, wohin sie gerade unterwegs sind, diese Komiker.“

Schräg hinter uns erzählte ein Mann jemandem von einem Haus, das er im Tirol besitzt und gerade mit hochwertigen Materialien umgebaut habe, und etwas später, ohne dass der andere (oder die andere) dazwischen wirklich zu Wort gekommen wäre, von einem anderen seiner Häuser, das er nächstens im Salzkammergut umbauen werde.  „Es war wohl,“ sagte ich zu ihm, indem ich mich zu ihm umdrehte, “gegenüber kein Tisch mehr frei?“. Er schaute mich verständnislos an und der andere, ein weisshaariger Mann in einem verblichenen Polo Shirt, den ich mir auch mit einer Matrosenmütze hätte vorstellen können, schüttelte seinen Kopf und lehnte sich dann wieder erwartungsfroh in seinen Sessel zurück, um zu erfahren, wo sein Gegenüber wohl das nächste seiner Häuser umbauen würde.  

Ich versuchte auszublenden, was hinter mir renoviert wurde, und amüsierte mich noch eine ganze Weile über die Parade der Menschen, die in unterschiedlichen Graden der Lächerlichkeit an uns vorbeizogen, dann gelang es mir nach mehreren Versuchen, die Aufmerksamkeit eines Kellners zu erhaschen und die Rechnung zu bezahlen, bevor unser Tisch wieder unsichtbar wurde. Auch die Kellner wirkten übrigens in ihren Uniformen lächerlich, sowohl der Chefkellner, der, nachdem er uns endlich entdeckt hatte, die Bestellung aufnahm und am Ende auch die Rechnung brachte, als auch sein junger Kollege, der dazwischen die Getränke gebracht hatte.

Auch auf dem Weg zum Taxi (meine Frau ist nach einer Operation noch nicht allzu gut zu Fuss) trafen wir auf lächerliche Menschen, und der Taxifahrer gab eine durchaus lustige Figur ab, so dass ich mich auf der Heimfahrt fragte, was es heute mit all den lächerlichen Leuten an sich habe, und ob die Menschen je wieder aufhören würden, lächerlich auszusehen für mich, denn ich war mir sehr bewusst, dass sie nur mir lächerlich vorkamen. Nur ich konnte an allen, die ich heute sah, das Lächerliche erkennen, weil es mir unmittelbar in die Augen sprang.  Meine Frau lachte zwar auch, wenn ich sie auf  diese oder jene Lächerlichkeit hinwies, aber sie wären ihr wohl alleine nicht aufgefallen, und sicher nicht bei allen Vorübergehenden.

Zuhause angekommen vermied ich es, in einen Spiegel zu schauen, nicht in den grossen gleich nach der Eingangstüre, und auch nicht beim Zähneputzen vor dem ins Bett gehen. Ich putzte meine Zähne im Dunkeln, als meine Frau schon schlief, nachdem ich ihr die Verbände gewechselt hatte, immer wieder leise kichernd, weil mir einzelne Menschen in den Sinn kamen, die ich zum Lachen gefunden hatte. Ich hatte irgendwie Angst, mich selber der Lächerlichkeit preiszugeben, die mich heute ob allem Menschlichen ergriffen hatte.    

Zwerge erfinden

8. Juni 2022

Im Jahr 1867 erschien in der mit Ausnahme der Jubiläumsausgabe zum 10-Jährigen Erscheinen auf dreissig Exemplare beschränkten Hauszeitung des Salzburger Lesezirkels, dem damals rund zwei Dutzend mehr oder weniger aktive Mitglieder (alles Männer) und ein schon vor vielen Jahren aus Salzburg weggezogenes Passivmitglied Namens Franz-Albert Schwegler angehörten, das erstaunlicherweise seinen (für Passivmitglieder um die Hälfte reduzierten) Mitgliederbeitrag immer noch durch eine jährliche Postanweisung bezahlte, ein Essay mit dem Titel «Wider das Princip der rheinen Fiction».

Verfasser des Essays war der österreichische Kulturphilosoph und Literaturkritiker Ernst Kippenhofer, Gründungsmitglied, erster Präsident (bis 1864) und Kassenwart (1864-68) des Lesezirkels, dessen Bekanntheitsgrad, wenn man Salzburg verliess, rasch abnahm, der aber in Salzburg auch nach dem Erscheinen seines Essays noch höflich und mit einem gewissen Respekt gegrüsst worden sein soll.

Die These, die Ernst Kippenhofer (der mit vollem Namen Ernst Wolfgang Amadeus Karl Kippenhofer hiess, wobei Karl als Kollateralschaden aus dem Namen flog, als Kippenhofer sich Mozarts Vornamen entledigte, die ihn, so kann man es im Manuskript seiner unveröffentlichten Memoiren nachlesen, «fast seit (seiner) Geburt geärgert hatten») in seinem Essay aufstellte, lief darauf hinaus, dass es so etwas wie die reine Fiktion zumindest in der Literatur nicht geben kann und somit auch nicht gibt.

«Es kann in der Literatur», hob Kippenhofer, als er seine These zum ersten Mal im Lesezirkel vortrug,  mit seiner sonoren Stimme an, «die reine Fiktion, wenn man sich an die Gesetze der Logik hält, gar nicht geben» um dann mit der ihm eigenen Begabung für praktische und anschauliche Beispiele gleich den Beweis für seine Behauptung nachzuliefern, indem er fortfuhr: «Nehmen wir einmal an, ich schreibe eine Geschichte, und erfinde in der Mitte der dritten oder vierten Seite einen Zwerg.»

«Sieh an, er hat einen Zwerg erfunden» flüsterte ein Mitglied des Lesezirkels, ein pensionierter Oberschullehrer, der beim erstmaligen Vortragen von Kippenhofers Essay in der vordersten Pultreihe des kleinen Lesesaals der Bibliothek sass, wo sich der Lesezirkel einmal im Monat traf, seinem Nachbarn, einem Mähmaschinenhändler, ins Ohr. Jedenfalls hatte er gemeint, er hätte geflüstert, aber Kippenhofers umgehende Reaktion «Sehen Sie, geschätzter Oberschullehrer a.D., genau das habe ich gemeint!» belehrte ihn eines anderen.

«Wenn ich mich im Moment, gleich nachdem ich den besagten Zwerg in meinem Text habe erscheinen lassen, noch dem süssen, schöpferischen Wahn hingeben durfte, ich hätte gerade einen Zwerg erfunden, und befände mich also von diesem Moment an – und solange der Zwerg im Text herumspaziert – im für alles offenen Reich der reinen Fiktion, so kommt mir im selben Augenblick, wo jemand von «meinem» Zwerg Notiz nimmt, meine Schöpfung abhanden, indem sie von der vermeintlichen Fiktion in die Wirklichkeit abwandert.»

«Er hat einen Zwerg erfunden, haben Sie gerade gesagt, nichtwahr, und damit existiert der Zwerg nun auch ausserhalb meines Textes, in dem ich ihn abgesetzt hatte. Er ist durch Ihre Worte in diesen Saal spaziert und befindet sich jetzt entweder noch irgendwo unter den Lesepulten oder er turnt in den Bücherregalen herum, oder er hat die Bibliothek bereits verlassen und erkundet draussen neugierig seine neue Umgebung. Er kannte ja bisher nur die paar Seiten meines Textes, auf denen noch nicht viel los oder zu sehen war, vor allem, weil ich sie gar nicht geschrieben habe.

Es war ja nur eine Annahme, um die ich Sie gebeten hatte, dass ich eine Geschichte geschrieben hätte, an deren Anfang ein Zwerg auftaucht, und nun sitzen wir hier, und fragen uns, wohin der Zwerg verschwunden sein könnte und ob es uns je gelingen wird, ihn wieder einzufangen. Das ist alles andere als Fiktion, meine Herren. Der Zwerg ist, auch wenn er nur als Beispiel zur Illustration meiner These hätte dienen sollen, spätestens jetzt, wo wir über ihn reden, ein selbständiger Teil unserer Wirklichkeit geworden, Ihrer und meiner, ob wir wollen oder nicht, und er wird, auch wenn er von nun an unauffindbar und unsichtbar bleiben sollte, was bei Zwergen eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich ist, von nun an existieren.»

«Er wird nicht nur unter uns, sondern uns mit Sicherheit auch überleben, denn Zwerge altern nur äusserst langsam. Wir werden, meine Herren, längst tot und begraben sein, wenn sich dieser Zwerg noch in der Stadt und im Salzburger Hinterland herumtreibt und Seinesgleichen sucht.»  

***

Auf dem Heimweg von diesem denkwürdigen Abend wurden die Mitglieder des Salzburger Lesezirkels alle von Kippenhofers Zwerg begleitet. Die einen, weil sie Kippenhofers These nicht folgen konnten oder wollten und den beispielhaften Zwerg als Fiktion mit zu sich nachhause nahmen, die anderen, weil sie ein Stück weit den gleichen Heimweg hatten, auf dem sie über den nun offenbar noch ganz durchgedrehten Kippenhofer und seinen erfundenen Zwerg lachten, und dabei nicht bemerkten, wie sich in ihr Lachen, das von den engen Gassen widerhallte, ein anderes, kleines Lachen mischte.  

Ein paar wenige waren auch darunter, die, obwohl sie Kippenhofers Argumentation nicht bis ans Ende folgen konnten, den Zwerg oder die Vorstellung von ihm ein wenig liebgewonnen hatten und es tat ihnen Leid, dass er jetzt so alleine und womöglich für Jahrhunderte in einer fremden Umgebung herumwandern müsse.   

***

Vor zwei Jahren, also über 150 Jahre nach dem Erscheinen von Kippenhofers Essay und dem damit verbundenen Auftauchen des Zwerges, hat ein Germanist, dessen Name ich hier nicht nennen möchte, weil er es nicht verdient hat, dass man seinen Namen nennt, und weil man mir sonst vorwerfen könnte, ich hätte ihn erfunden (als ob ich so jemanden erfinden möchte), allen Ernstes behauptet, und zwar in einer literarischen Revue, der ich den raschen Untergang wünsche, es hätten sich trotz intensiver Forschung keinerlei Belege dafür finden lassen, dass es den Salzburger Lesezirkel, dessen Hauszeitung, das weiter zahlende Passivmitglied Franz-Albert Schwegler oder Ernst Kippenhofer und sein Essay je gegeben habe.

Es ist mir völlig schleierhaft, wie jemand dazu kommen kann, sich mit einem für die Literatur und die Literatururgeschichte fast bedeutungslosen Objekt zu befassen, nur um am Ende zum Schluss zu kommen, das alles habe es überhaupt nie gegeben.

Wenn sich dieser überaus bornierte Germanist – wie Kippenhofer es formuliert hätte – «an die Gesetze der Logik gehalten» und seine absurden Folgerungen wenigstens konsequent zu Ende gedacht hätte, hätte er zum Schluss kommen müssen, dass es weder Mozart, Salzburg, noch das Jahr 1867 je gegeben hat und der Kalender vom 31. Dezember 1866 direkt auf den 1. Januar 1868 gesprungen sein muss.

Bezeichnenderweise erwähnt dieser Germanistentrottel, dieser überaus bemitleidenswerte literaturhistorische Vollbanause den Zwerg mit keinem Wort. Ganz einfach deshalb nicht, weil er ihm entwischt ist, und entwischen kann nur etwas, was existiert. Quod erat demonstrandum, wie mein Mathematiklehrer am Schuss einer Aufgabe jeweils mit Kreide an die Wandtafel zu schreiben pflegte, und der feine Kreidestaub rieselte, ja schwebte zu Boden.  

Gespräche mit meinem Architekten

6. Juni 2022

Das erste Gespräch mit meinem Architekten fand vor einigen Monaten statt, als ich fast ein dreistöckiges Haus in einer Häuserzeile in einem kleinen Dorf in der Nähe von Nidfurn, einem noch kleineren Weiler im südlichen Glarnerland, gekauft hätte.

Nidfurn wird von den wenigen Leuten, denen die Ortschaft überhaupt geläufig ist, obwohl sie weder aus der Gegend stammen noch dort wohnen, höchstens wegen seinem Bahnhof erwähnt, wo die Züge der S6 und der S25 Halt machen (nicht nur auf Verlangen), mit denen man bequem und ohne umzusteigen nach Rapperswil oder Zürich fahren kann. Schon Leute, die in der entgegengesetzten Richtung unterwegs sind, zum Beispiel nach Braunwald, merken sich Nidfurn nicht und können sich, wenn man sie später fragt, ob sie an Nidfurn vorbeigefahren seien, meist nicht daran erinnern.  

Eine S25 gibt es übrigens auch in Berlin, mit einer Haltestelle in Tegel, wo es, als ich noch in Charlottenburg wohnte (in einem Haus an der Nussbaumallee, das mir weder gehörte noch kannte ich seinen Architekten), noch einen praktischen kleinen Flughafen gab, wo jedes zweite Wochenende meine vier Kinder landeten. Aber das ist eine andere Geschichte, wie auch die Haltestellen Gesundbrunnen, Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik oder Heiligensee (kurz vor der Endstation) jede für sich Anlass für eine Berliner Geschichte wären. Wann soll ich das bloss noch alles schreiben?

Heute jedenfalls nicht mehr, denn der Pfingstnachmittag neigt sich schon bald seinem Ende zu, für das ein neues Gewitter ankündigt wurde, obwohl der Himmel wolkenlos ist, und ich will noch nach Nidfurn zurückkehren, bevor sich die Krähen im Schwarm vom Dach des Palais Schwarzenberg in den Wind stürzen und die ersten grossen Tropfen in den Botschaftsgarten fallen. Ich will zurück nach Nidfurn, wo ich noch nie war. Was beim ersten Lesen seltsam klingen mag, dass man zurückkehren könnte an einen Ort, an dem man noch nie war, wird hoffentlich etwas plausibler, wenn man bedenkt, dass es nicht möglich ist, an einen Ort zurückzukehren an dem man war.   

Wer Nidfurn als Zielort eingibt, fliegt mit Google Earth von einem imaginären Flugplatz irgendwo an der Grenze zwischen Kansas und Missouri in weniger als 11 Sekunden in den Kanton Glarus, und noch während man sich sanft dem Boden nähert, wird einem klar, dass man in der Natur gelandet ist.

Bevor ich hier weiterschreibe, muss ich mir unbedingt eine mentale Notiz machen: Wo genau liegt dieser Flugplatz an der Grenze zwischen Kansas und Missouri, von dem aus die Google Earth Flüge starten? Wie heisst er, wie schaffen die so viele Abflüge pro Tag und warum gibt es keine Rückflüge? Und wenn ich schon dort bin: Warum gibt es im Bundesstaat Kansas ein kleines Kansas City, aber die Hauptstadt des Bundesstaats ist Topeka, während das grosse Kansas City die grösste Stadt im Bundesstaat Missouri ist, dessen Hauptstadt aber Jefferson City heisst?  Ist das Leben nicht sonst schon kompliziert genug?

Wer sich mit dem Gedanken einer zukünftigen Niederlassung in Nidfurn (oder Haslen) beschäftigt und sich den kleinen Dörfern als Stadtmensch lieber schrittweise annähert, indem er zuerst in der Kantonshauptstadt Glarus einen Zwischenhalt einlegt, ist gut beraten, sein Reise nicht mit Google Earth zu planen, denn er könnte sich unverhofft in New Glarus, Wisconsin wiederfinden, nach einem noch kürzeren Flug zwar (er dauert keine 10 Sekunden) aber von da nach Nidfurn wäre es dann eine halbe Weltreise und man müsste sich wirklich fragen, ob man nicht vielleicht besser gleich dort bleibt.

Die 1845 aus Glarus eingewanderten Schweizer Gründer von New Glarus sind jedenfalls geblieben.  Die Stadt mit heute knapp zweieinhalbtausend Einwohnern liegt auf 274m über Meer, was mit ein Grund gewesen sein mag, dass die Glarner gerade hier gesiedelt haben, denn das von ihnen verlassene Glarus liegt auf 472 Meter über Meer und so war hier nicht alles völlig fremd. „Früher lagen wir vorne höher und hinten tiefer,“ erzählten sie Zuwanderern aus anderen Orten, „aber die Zahlen sind dieselben geblieben.“ Was nicht alle verstanden, aber sie blieben trotzdem.

Es gibt noch immer viel Schweiz in New Glarus, nicht nur das Swiss Historical Village Museum an der 7th Avenue, auch die Glarner Stube. Wer genug Schweiz gesehen hat, isst bei Casey’s eine Pizza oder geniesst bei Fat Cat Coffee Works einen feinen Kaffee mit hausgemachtem Kuchen, bevor er den Tag in Puempel’s Old Tavern ausklingen lässt und sich dabei fragt, ob Pümpel der Nachfahre eines Braunwalder Zwerges sein könnte. Auf die Frage, wo Bartli den Most holt, weiss der Kellner dann aber keine Antwort.  

Nidfurn ist, wie bereits angedeutet, keine wirkliche Tourismusdestination. Es dürfte bei aller Beschleunigung der Ereignisse, wie wir sie zuletzt erlebt haben, noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis der Ort von chinesischen Touristen überrannt wird, und niemand aus dem Grossraum Zürich oder aus Rapperswil, der am Montag seinen Arbeitskollegen von seinem Wochenendausflug nach Braunwald erzählt, würde auf die Idee kommen, Nidfurn zu erwähnen, oder vom Restaurant Bahnhöfli zu schwärmen, obwohl man dort vorzüglich essen soll.

Man kommt zwar in Nidfurn vorbei, wenn man mit dem ÖV von Zürich nach Braunwald reist um dort Ski zu fahren, am Grotzenbüel zu schlitteln oder zum Oberglegisee zu wandern, aber man steigt nicht aus, obwohl der Zug anhält, sondern man fährt weiter bis Linthal, um dort auf die Linthal-Braunwaldbahn umzusteigen, eine Bahn, die aus dem Stand (deshalb nennt man sie wohl Standseilbahn) in sieben Minuten auf 1300 Metern im autofreien Braunwald ist.

Leute, die in Nidfurn aus dem Zug steigen, wohnen entweder in Nidfurn (oder Haslen), oder sie kommen jemanden in Nidfurn (oder Haslen) besuchen. Alle anderen fahren weiter. Ausser jemand hätte vor, von Nidfurn gute zehn Minuten bis nach Haslen oder Oberhaslen zu spazieren, um sich dort ein Haus anzuschauen.  Bei mir ist es allerdings nicht so weit gekommen, obwohl mich das dreistöckige Haus an der Dorfstrasse wirklich interessiert hätte. Es ist ein schönes, sorgfältig renoviertes Haus mit wunderschönen Parkettböden, drei Terrassen und einem kleinen Garten, der für unsere Hunde gereicht hätte.

Zum ersten Gespräch mit meinem Architekten kam es, als ich versuchte, aus der Wiener Ferne herauszufinden, ob sich im ersten Stockwerk, wo unser Schlafzimmer gewesen wäre, ein Badezimmer einbauen liesse (ja) und ob sich auch ein Personenlift vom Keller bis ins dritte Stockwerk einbauen liesse (nein). Der Makler, der das Haus noch immer zu verkaufen versucht (lustigerweise für einen anderen Bundesangestellten), war so nett, mir die Handwerker und den Architekten zu nennen, die das Haus renoviert hatten. Ich rief also den Architekten in Glarus an, und hatte ein langes und gutes Gespräch mit ihm über das Haus, welches darin mündete, dass ich es nicht gekauft habe.

Er schlug mit aber vor, da er ab und zu Häuser renoviere im Glarnerland, die dann zum Verkauf stünden, mich wissen zu lassen, wenn er auf etwas stosse in der Art, wie ich es suche. Ich fand das sehr nett von ihm, und war dann doch überrascht, als er sich tatsächlich ein paar Monate später meldete.

Diesmal geht es um ein ehemaliges Herrschaftshaus aus dem Jahr 1900 im Sernftal. Ein Haus von einer Pracht und Ausstrahlung, die schwer zu beschreiben ist, und mit einem traumhaften, grossen Garten. Nur werde ich es mir wahrscheinlich nicht leisten können, wenn ich alle Renovationsarbeiten, die vorzunehmen sind, einbeziehe.  

Morgen werde ich, wenn ich dazu komme, meinen Architekten anrufen, und ein zweites Gespräch mit ihm führen, um danach zu entscheiden, ob ich ein Angebot für das Haus machen soll oder nicht. Wenn nicht, werde ich warten, bis er mich auf ein nächstes Haus aufmerksam macht. Vielleicht klappt es dann. Vielleicht wird er am Ende aber auch mein Architekt, der nie etwas für mich gebaut oder renoviert hat, und alles, was wir je zusammen gemacht haben, ist gute Gespräche über alte Häuser führen.   

Vielleicht erzähle ich ihm morgen, dass ich in den Kehren zum Klausenpass in einem Wiederholungskurs mit einen Jeep der Schweizer Armee einen Getriebeschaden hatte, als wir auf der grössten Alp der Schweiz, dem Urnerboden, in der Schiessverlegung waren und ich als Postfahrer hin und her fuhr während die anderen wie die Wilden um sich schossen. Ich glaube, ich holte die Post jeweils in Glarus ab. Ich muss also in Nidfurn und Haslen mehrmals vorbeigekommen sein und vielleicht habe ich im Garten des Bahnhöfli in Nidfurn sogar an einem sonnigen Nachmittag einen Kaffee getrunken.  

Vielleicht frage ich ihn auch, ob er sich vorstellen könnte, im Garten meines von ihm renovierten Hauses einen kleinen chinesischen Pavillon zu bauen, wie ich ihn an der Nussbaumallee in Charlottenburg hatte. Fragen kostet ja nichts. Eine Null habe ich schon in der Tasche, sagt meine Frau immer, und vielleicht, wenn ich frage, wird ja eine Eins draus.

Die Pyrenäen erscheinen im 3. Bezirk

5. Juni 2022

(ob irgendjemand irgendetwas wisse)

Am Ende meiner beruflichen Karriere hatte ich in acht Ländern gelebt und – wenn ich die diversen Umzüge in der Schweiz dazurechnete – mehr als zwanzigmal den Wohnort gewechselt. Ich führte das gerne auf meine Zigeunerwurzeln zurück, denn die Familienlegende wollte es, dass meine Ururgrosseltern mütterlicherseits Zigeuner aus den französischen Pyrenäen gewesen wären. Erst die Urgrosseltern seien in der Region von Albertville sesshaft geworden.

Neben meinem Schreibtisch hängt in einem alten, bemalten Holzrähmchen eine Fotografie an der Wand, die alle meine Umzüge – bis auf einen Sprung im Glas – unbeschadet überstanden hat, und auf der meine Grossmutter als kleines Mädchen mit ihren Eltern abgebildet ist.

Meine Urgrossmutter ein Ebenbild meiner Grossmutter, wie ich sie kannte, eine schöne Frau mit hochgesteckten Haaren, stolz und aufrecht sitzend, den rechten Arm auf der Hochlehne ihres Stuhles und die Hand ihres linken Armes auf dem Arm ihrer Tochter, die zwischen ihren Eltern steht und ihre kleine Hand auf das Bein ihrer Mutter gelegt hat. Mein Urgrossvater ein Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart mit Anzug, Gilet und Fliege, den rechten Arm an der Seite herunterhängend – er hätte die linke Hand auch auf die Schulter seiner Tochter legen können – und den linken angewinkelt hinter dem Rücken.   

Es ist ein typisches Familienfoto, wie es damals unzählige Male gemacht wurde, als die Fotografie endlich auch jenen ein Portrait ermöglichte, die sich ein gemaltes nicht leisten konnten.  Man kann in ein beliebiges Antiquariat gehen, in Zürich, in Berlin, in Wien, und man wird unzählige solche Fotos finden, mit genau dieser Komposition. Ich musste sogar schon ein paar Mal genauer hinschauen, um sicher zu sein, dass es sich nicht um das Bild meiner Urgrosseltern mit meiner kleinen Grossmutter handelte.

Bei der Fotografie, die neben meinem Schreibtisch hängt, bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich um meine Urgrosseltern mit meiner Grossmutter handelt. Zu ähnlich sieht meine Grossmutter auf den Fotos aus den Jahren vor ihrem frühen Tod ihrer Mutter, die hier so stolz in die Kamera des Fotografen schaut, der die Kleinfamilie vorher so sorgsam und jedes Detail bestimmend aufgestellt, man möchte sagen drapiert hatte, dass es der kleinen Linette zu viel geworden ist. In die Kamera schauen mochte sie, als das Bild endlich gemacht wurde, nicht mehr – ihr Blick geht aus dem Bild.

Es sind also meine Urgrosseltern und es ist meine Grossmutter. Aber waren sie wirklich die ersten sesshaften Berthés? Waren ihre Eltern, oder zumindest seine oder ihre, wirklich Zigeuner?

Mein Onkel Hans-Peter (nennen wir ihn hier getrost so, denn so hiess er, obwohl ich ihm unter einem anderen Namen und mit seinem Spitznamen „Hämpel“ als Titel eine kleine Geschichte gewidmet habe), der jüngste Bruder meiner Mutter, ist einmal nach Albertville gefahren, um herauszufinden, was es damit an sich hatte. Irgendwo muss ich noch einen Brief von ihm haben, in dem er mir alles, was er damals gefunden und nicht gefunden hatte, beschreibt. Sein Brief war die Reaktion auf meine Anfrage, als ich vierzehn war, ob irgendjemand irgendetwas wisse über unsere Familiengeschichte.        

Hämpel erzählte mir also das eine und das andere und vielleicht stammt das mit den Zigeunern aus den französischen Pyrenäen ja sogar aus seinem Brief. Ich werde das verifizieren, falls ich ihn beim bevorstehenden Umzug wiederfinde. Ob die Wahrscheinlichkeit, dass es zutrifft, damit steigen oder fallen würde, ist fraglich. Hämpel war ein Fernsehjournalist, also jemand, der weiss, wie man recherchiert, aber eben auch ein Journalist, der eine möglichst interessante Geschichte erzählen will, und ein Nachfahre der Berthés, der eine möglichst spannende Familiengeschichte haben wollte.

Er könnte den Teil mit den Zigeunern auch erfunden haben, denn es war heiss in jenem Sommer in Albertville und die Archive gaben wenig her, weshalb er mehr Zeit auf dem Platz vor dem Rathaus im Bistro verbrachte und unter den Linden ein Glas oder zwei trank.

Ich könnte ihn, würde er noch leben, zur Rede stellen: „Hast Du das alles bloss erfunden, Hämpel?“

„Was hast Du Dir dabei gedacht, einem Vierzehnjährigen solche Sachen zu erzählen? Ich habe Dir geglaubt. Meine Kinder, denen ich es später erzählte, haben es geglaubt (sie haben mir auch geglaubt, dass bei Schafen, die lange an einem Abhang grasen, die talseitigen Beine länger sind als die hangseitigen). Ihre Kinder, denen sie es vielleicht erzählen werden, wenn sie etwas grösser sind, werden es glauben. Unzählige Menschen, die damals die Tagesschau schauten, haben Dir geglaubt.“

Und wenn meine Ururgrosseltern keine Zigeuner aus den französischen Pyrenäen waren, woher stammten sie dann? Und was wird dann aus den Pyrenäen?

Ich schaue aus dem Fenster an diesem heissen Sonntagmorgen im Juni, wo der Sommer gestern Nacht mit einem Gewitter begonnen hat, und ich sehe vor dem Ostflügel des Palais Schwarzenberg diesen Erdhügel, vielleicht hundert Meter lang und fünf Meter hoch, mit mehreren kleinen Kuppen, den die Natur bereits mit Unkraut und kleinen Büschen übernommen hat. Es handelt sich angeblich um den Aushub für ein Nebengebäude des Hotels, zu dem das Palais wieder werden soll.

Vielleicht stimmt es ja doch, dass meine Ururgrosseltern mütterlicherseits Zigeuner aus den französischen Pyrenäen waren, und dass ich wegen dem stark verdünnten Zigeunerblut in meinen Adern so oft in meinem Leben umgezogen bin.

Und wenn es nicht stimmt, bin ich einfach nur oft umgezogen und es war gar nicht Hämpel, der diesen Teil der Familienlegende erfunden hat, sondern jemand vor ihm, der gar nicht mit uns verwandt war (eine schöne Zigeunerin vielleicht), oder jemand nach ihm, am Ende sogar ich selber, weil mir das, was mir die Verwandten zutrugen, als ich vierzehn war, nicht reichte.

Vielleicht sind es auch nur Details, die nicht stimmen, und es waren die spanischen Pyrenäen, nicht die französischen. Oder ich war 16 anstatt 14.

Vielleicht ist das da drüben auch nicht der Aushub für ein Hotelnebengebäude, sondern der Anfang eines Jahrhundertprojektes der EU, die die Pyrenäen (die französischen und die spanischen) nach Österreich bringen will, damit in Frankreich und Spanien die Anbaufläche für Getreide vergrössert werden kann, während es in Österreich heute schon reichlich Berge hat und sich mit ein wenig Pyrenäen kaum etwas verändern würde.

Das Palais Schwarzenberg würde dann nicht zum Hotel, zurückgebaut, sondern zum Tourismus- und Informationszentrum im neuen Herzen der Pyrenäen.

Hätte ich den Nummernschildern der Lastwagen glauben sollen, die den Aushub gebracht haben? Soll ich Hämpel glauben, auch wenn nicht er es war, der die Zigeuner in unsere Familie erfunden hat?  

Ich weiss nicht, was ich glauben soll, aber ich weiss, was ich glauben möchte. Ich möchte daran glauben, dass man meinen Urgrosskindern erzählt, wenn sie 14 Jahre alt sind, denn dann, und nur dann, sind sie aufnahmefähig dafür, dass ihr Urgrossvater in acht Ländern gelebt hat, von denen er mindestens die Hälfte erfunden hat, und dass er sich nichts mehr wünschte, als dass es ein Bild von ihnen und ihm gäbe, am besten vor einem überwachsenen Erdhügel, der zum Symbol für irgendetwas geworden ist, niemand weiss mehr, wofür.