Archive for the ‘Gedichte’ Category

Die anderen Dinge

29. Juni 2010

Lass uns nun wirklich
über das Wetter reden.

Hinter den ernsten Gesprächen
über die anderen Dinge
lacht sich der Wind
einen Schranz in die Wolken.

Der Tod in Tel Aviv

22. Juni 2010

Er sammelt die Schatten ein.
Ich habe ihn zweimal gesehen.

Einmal als Taxifahrer. Sein Arm hing
an der Kreuzung aus dem Fenster.
Beiläufig griff seine Hand nach dem Schatten
auf der Türe und zerknüllte ihn.
Als die Ampel auf Grün sprang, warf er ihn weg.

Das zweite Mal sass er am Strand
in Gestalt eines Kindes.
Er klaubte den Schatten aus Muscheln
und warf ihn ins Meer.

Er sammelt die Schatten ein.
Er mag es nicht, wenn man ihm
zuschaut dabei.

Filmsequenz

7. Januar 2010

Ein von einem alten Mann
vom Boden aufgehobener und am
Ärmel einer abgenutzten Jacke
glänzig geriebener Apfel…

Es ist Winter der Film alles andere
als rührend und der Schauspieler vermutlich
längst gestorben und trotzdem
kann ich schon wieder nicht verhindern
dass mir eine Träne in den Abspann
tropft

wahrscheinlich bin ich
ohne es zu merken
alt und vergänglich geworden

Der Zeitgenosse

25. Dezember 2009

Als Genosse der Zeit unterstützt er
was ohnehin steht
und lässt fallen
was ohne ihn fällt

Die Zukunft hält er
für nicht der Rede wert
und die Vergangenheit kann ihm
gestohlen bleiben

Die Gegenwart füttert er
seiner omnivoren Genossin.
Die beisst seine Hand nicht
die hat ihn bereits verdaut.

In Liebe fallen

25. August 2008

Dass man sich auf Deutsch verlieben muss,
während man auf Englisch einfach fällt
(Love at first sight, mit und ohne Kuss)
kann irgendwie kein Zufall sein.

Verlieben – so, als ob man sich entscheiden
müsste. Ver- wie in versuchen und verrenken,
anstatt sich fallen lassen und verschenken.

Dabei geschieht dasselbe doch uns allen,
ganz egal, wie wir es nachher nennen:
Wir springen nicht hinein – wir alle fallen.
Und schwimmen freudig los, oder wir sinken.

Es geht uns wie den Briten und Franzosen –
wir fallen und benehmen uns wie Toren
und sehen für die Umwelt auch so aus:
unansprechbar über beide Ohren.

Wir schreiben Verse und verschenken Rosen
und wollen uns den ganzen Tag liebkosen
und fallen eines Tages wieder raus.

Ein Gedicht über keine Liebe

25. Dezember 2007

Du liebtest die Sterne,
ihren Glanz in der Ferne.
Ich sah sie auch gerne,
doch ich liebte sie nicht.

Du magst satte Farben.
Ich bleichende Narben.
Als wir um uns warben,
fiel das nicht ins Gewicht.

Du wolltest Dich finden.
Ich übte Verschwinden.
Das kann nicht verbinden.
Und tat es auch nicht.

Du fehlst mir noch immer.
Und hast keinen Schimmer.
Das macht es noch schlimmer.
Oder auch nicht.

Deine Hand

25. Juni 2007

Schau Deinem Arm entlang:
da unten ist die Hand.
Die führt in Deinem Rücken
Den Gurt blind durch die Schnalle.
Und alle Menschen, denen Du
Begegnet bist – hat sie für Dich begrüsst
(sie kennt sie alle).

Schau Deinem Arm entlang: da unten
Ist die Hand. Die begreift die Dinge.
Sie, nicht Dein Verstand,
Dem Deine Welt entrückt.

Streck Deine Hand zum Gruss aus,
Wenn Dich ein Mensch entzückt.
Und wenn sie eine andere
Zum Abschied drückt,
Dann zieh sie nicht zurück.

Die Unfehlbaren

25. Dezember 2006

Im deutschen Sprachraum
Nehmen wir keine Entscheide
Wir fällen sie wie Bäume
Ganze Wälder haben wir
So entschieden

Das Endgültige liegt uns
Mehr als das Vorläufige
Wir mögen nicht andauernd
Auf alles zurückkommen

Unsere Entscheide, unsere Bäume:
Einmal gefällt, stösst sie keiner mehr um

25. Dezember 2006

Das Diplomatenleben
(nach Collins German Dictionary)

Einer sitzt in Bulgarien
im Kultusministerium,
Durchschläge von alten Berichten
eines Vorgängers studierend.
Schlecht lesbar.

Ein anderer sitzt in der
Äusseren Mongolei (und kann nicht weg).

Die Verfolger sassen auf ihren Fersen
schlürften Tee und liessen
es gut sein für heute.

Küsse das Glück

25. Dezember 2004

Küsse das Glück. Du musst Dich beeilen.
Küsse es auf seine zarten Wangen.
Vielleicht noch während diese Zeilen
Wachsen, geht es, oder ist gegangen.

Küsse das Glück. Du kannst es nicht halten.
Küsse es, und lass es weiterfliegen.
Denk an all die traurigen Gestalten,
Die irgendwo im Elend liegen.

Küsse das Glück. Es gibt keine Dauer.
Es gibt im Leben keine Ewigkeiten.
Nur Geburt und Tod und Glück und Trauer.
Alles andere sind Eitelkeiten.

He who binds to himself a joy
Does the winged life destroy;
But he who kisses the joy as it flies
Lives in eternity’s sun-rise.
(William Blake, 1757-1827)