Zwei Gestalten im Bus. Der eine hat einen Fuss auf dem Kopf und der andere einen Anker auf der Stirne. Nun gab es ja früher auch ganze Kerle. Ein irischer Schauspieler kommt in den Sinn, der in einem Film aus den 50er-Jahren einen Feldweibel spielt, der am Tresen einer Bar zu seinem Kumpel sagt: „I once swam over the English Channel with an anvil on my chest“. Das ist schwer zu übertrumpfen, wenn man einmal davon ausgeht, dass es sich nicht um einen Schwindel handelte und der Amboss nur tätowiert war.
Ich muss zugeben, dass der mit dem Anker auf der Wollmütze mit seinem grauen Dreitagebart wirklich wie ein sturm- und wetterfester Seemann aussah. Während der bleiche Bursche neben ihm mit dem Fuss auf der Baseballmütze in gar nichts an Freitag erinnerte, wie er sich Robinsons Fuss zum Zeichen der Unterwerfung auf den Kopf stellt, weil er jetzt ja nicht gefressen wird.
Die beiden kennen sich auch nicht. Der Seemann steigt an der nächsten Busstation (Calais-Schlossmatt) aus dem Bus, ohne sich von Freitag zu verabschieden.
Die meisten Leute sagen „bis morgen“, wenn sie sich von anderen Menschen verabschieden, bei denen sie am nächsten Tag mit einer erneuten Begegnung rechnen. Dabei spielt es für die Wortwahl keine Rolle, ob die Begegnung am folgenden Tag freiwillig und erwünscht oder zwangsläufig und unvermeidbar ist, zum Beispiel beruflich bedingt.
Sie sagen „Bis morgen“, meinen aber „Also dann, wir sehen uns morgen wieder, nichtwahr? Du kommst doch? Du wirst Dir doch unterdessen nichts antun, um Himmels Willen (ins Fenster springen, aus dem Wasser gehen oder Dich unter eine Wanderdüne werfen)“ Oder: „Morgen sehen wir uns ja bereits wieder. Du musst mir also heute nicht unbedingt sämtliche Witze erzählen, die Du kennst.“ Oder: „Mein Gott – und morgen schon wieder Du. Gibt es denn kein Entrinnen? Dann wenigstens jetzt rasch nachhause und ausgiebig gurgeln.“
Einige, die sich selber gerne einmal in einem Film vorkommen sähen („Achtung, jetzt komm ich dann gleich um die Ecke – nicht einschlafen!“) oder sich unverfilmt schon ziemlich bemerkenswert finden, sagen auch „Man sieht sich“. Das muss dann nicht unbedingt morgen sein und kann durchaus warten. Man hat sich ja in bester Erinnerung.
Vielleicht kannten sich die beiden ja doch und der Seemann hat nur deshalb nichts gesagt, als er aufstand und den Bus verliess, weil wortlos so männlich wirkt. Oder Freitag will aus einer dumpfen Furcht, die er nie ganz überwinden wird, um die Mittagszeit nicht angesprochen werden.
In Dover, kurz vor Bümpliz, steige ich selber aus dem Bus. Es regnet dumpf und ich habe weder Fuss noch Anker am Hut. Trage überhaupt keine Kopfbedeckung und werde nass wie ein Anfänger, der nie in London gelebt hat. Ich nehme mir vor, mir am Wochenende die alten Geschichten mal wieder vorzunehmen. Robinson Crudo. Die Schmatzinsel. Winnetou habe ich zum letzten Mal in der dritten oder vierten Klasse gelesen. Könnte nicht einmal mehr mit Bestimmtheit sagen, ob er im zweiten oder dritten Band stirbt.
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Winnetou stirbt im zweiten Band
25. September 2003Achtung, fertig, pietätlos!
25. Juni 2003Eine Frau hätte sich kürzlich, hat mir gestern meine Freundin gesagt, masslos geärgert über den Preis für eine einfache Todesanzeige, die sie in ihrer hier nicht namentlich genannten Tageszeitung platzieren wollte. 700 Franken, wenn ich richtig verstanden habe. 700 Franken? Ich bin schockiert. Aber wahrscheinlich waren die Preise für Todesanzeigen schon vor 18 Jahren so exorbitant, als meine Eltern starben. Bloss war ich damals so von meiner masslosen Trauer umnebelt, dass ich gar nicht nach dem Preis fragte und die Rechnung mit der Telefonrechnung und der Rechnung des EWZ beglich, die sich unauffällig unter die Kondolenzbriefe mischten. Das Leben geht schliesslich weiter.
Worum geht es aber hier? Es geht darum, dass Menschen, die beim Eintreten des Todes eines Angehörigen unvermittelt zu Hinterbliebenen werden, ihrer Umgebung mitteilen möchten, dass ein Mensch nicht mehr existiert. Ein Mensch, den sie gern hatten, der ihnen etwas bedeutete, den sie vermissen werden. Sonst hätten sie es wohl bei einem Vermerk in den kostenlosen amtlichen Mitteilungen belassen.
700 Franken. Skandalös.
Es würde mich interessieren, von besagter, hier nicht namentlich genannter Tageszeitung zu erfahren, wie hoch die jährlichen Einnahmen aus Todesanzeigen sind. Wieviele Prozente des Budgets holt man auf diese miese Art herein? Habt ihr dieses Geld wirklich nötig, Jungs?
Gut, man kann immer argumentieren, dass die Leute ja nicht öffentlich sterben müssen, wen sie es nicht vermögen. Aber man muss sich einmal vorstellen, wohin diese schäbige Entwicklung noch führen wird.
Wenn man die Kommerzialisierung im Sektor Ableben konsequent weiterdenkt, kann sie bei steigenden Preisen nur zu einem führen: zum Sponsoring.
Hinterbliebene, die nicht über das Geld verfügen (wir mussten uns entscheiden: ein Sarg oder eine Todesanzeige) oder es nicht ausgeben wollen, können ihre Todesanzeige sponsern lassen.
Das wird dann ungefähr so aussehen: „Nach langer, dank Panadol gottseidank schmerzloser Krankheit, ist gestern im Alter von…“. Oder: „Unser Vater, Grossvater, Onkel, Götti, Bruder und Opelfahrer ist nach einer pannenfreien Fahrt durch ein langes Leben…“. Oder: „Sie hat die ganze Süsse eines Lebens in sich aufgesogen und dabei so manche harte Nuss geknackt“ (sponsored by Ragusa). Auf diese doch recht diskrete und dezente Art (You die, wie tell!), an die wir uns bald gewöhnt haben werden (wir gewöhnen uns schliesslich an alles), lassen sich die Kosten für eine Todesanzeige in etwa halbieren. Wer für die Todesanzeige gar kein Geld zur Verfügung hat oder ausgeben will, kann Option zwei anklicken: You die – we sell! Das sieht dann ungefähr so aus: „Als XY das Licht dieser Welt erblickte, füllte ein Computer noch das halbe Büro seines Vaters. Heute bringt der Handheld von Toshiba seiner Enkel spielend die gleiche Leistung.“ Oder: „Du hast Dein Leben lang kommuniziert. Wir sind bestürzt, dass wir von Dir keine SMS mehr erhalten sollen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Der Ausbau des Netzes geht weiter! (sponsered by Orange- stay in Touch!). Zugegeben, bei dieser Art Todesanzeige tritt die Individualität des Verstorbenen etwas in den Hintergrund, aber gerade darin sind die Toten ja stark. Der grosse Vorteil ist, dass sich je nach Grösse und Aufmachung nicht nur die Anzeige selber, sondern die Begräbniskosten und vielleicht sogar das Leichenmahl finanzieren lassen. Bei wichtigen Persönlichkeiten, die als Gründungsvater, Globalpionier, Verwaltungsratspräsident, Zunftmitglied, und Ehrenpräsident der Sharholdergilde schon heute eine halbe oder eine ganze Seite mit ihrem Mehrfachtod schmücken, wäre natürlich noch mehr herauszuholen. „Als Mitglied der Geschäftsleitung hat er noch in seinem letzten Geschäftsjahr dafür gesorgt, dass unsere Bank (farbig, kursiv und fett gedruckt, mit blinkendem Logo) ihren Spitzenplatz im Bereich Kleinkundendramatik nicht nur behaupten, sondern gegenüber der Konkurrenz massiv ausbauen konnte. Es sind Menschen wie EX, die Jahr für Jahr dafür sorgen, dass wir unseren Kunden das bieten, was sie verdient haben: das Beste. Erich: Die Aktionäre danken Dir!“
Pietätlos, sagen Sie? 700 Franken sind pietätlos. Die Frau, die sich masslos ärgerte, habe auf die Todesanzeige verzichtet und dafür ihr Abonnement bei besagter Tagesanzeitung per sofort gekündigt. Wäre es da nicht klüger und auf jeden Fall profitträchtiger (und darum geht es ja alleine) gewesen, die Zeitung hätte die Kosten für das Inserat selber übernommen?
„Rudolf K. hat uns verlassen. Wir trauern mit seinen Angehörigen um einen lieben Vater, Grossvater, Onkel, Bruder und langjährigen Abonnenten.“
Kunst ist ein fliegendes Stück Seife
25. Dezember 2002Meine Freundin gibt mir regelmässig Zeitungsartikel zu lesen, die ich sonst übersehen würde, weil sie nicht im Sportteil abgedruckt sind. Es sind meist (immer) interessante Artikel zu einem relevanten Thema. Oder relevante Artikel zu einem interessanten Thema. Ich bedanke mich bei ihr und lege sie auf die Seite (die Artikel). Auf den kleinen Beistelltisch neben der blauen Liege oder irgendwo auf meinen Schreibtisch zwischen die Steuerunterlagen, die zu bezahlenden Rechnungen und die angefangenen Geschichten. Dieses Wochenende waren es zwei Artikel. Ein Interview mit Susan Sontag und einen Artikel über Duchamps. Das Interview mit Susan Sontag habe ich an ihrem wöchentlichen Namenstag gelesen. Eine überzeugende Frau. Eine Frau mit dezidierten Meinungen. Und mit 68 immer noch eine schöne, schon zum Ansehen faszinierende Frau. Dass sie mit vierzehn Proust las auf dem Fussboden tut daran keinen Abbruch. Vielleicht war kein Sofa vorhanden.
Den Artikel über Duchamps habe ich vor ein paar Minuten zuende gelesen. Im Zug nach Zürich, wo ich noch sitze, den tragbaren Computer on top of my lap.
Ich muss mich kurz äussern dazu, Geliebte. Und ich bitte Dich natürlich (natürlich bitte ich Dich darum), diesen kurzen Text (der Zug trifft in zwanzig Minuten im Zürcher Hauptbahnhof ein) ganz für Dich zu behalten. Halte ihn vor allem und um Deines Gottes Willen aus meinem Gesamtwerk raus, wenn es gierige Studenten in ein paar Jahrzehnten dereinst bei Dir abholen (Du wirst über 68 sein und immer noch, ich kann Dich vor mir sehen, eine bildschöne, schon vom Ansehen her faszinierende Frau mit einer dezidierten Meinung) – sie würden mich für einen ganz und gar ungebildeten Menschen halten und sich trotz meiner zahnlosen Meriten, die ich mir eventuell noch um die abendländische Literatur erwerben werde (sonst kämen die Studenten gar nicht, um den ganzen Karsumpel wegzuschleppen), von mir abwenden wie von einem Trickbetrüger, mein Gesamtwerk auf den Müll werfen anstatt es sorgfältig zu editieren. Und sie hätten recht damit. Völlig recht.
Harald Szeemann, steht hier geschrieben (hier wie in diesem Artikel, nicht hier wie in diesem Text, obwohl es jetzt hier auch steht), wird im Basler Museum Jean Tinguely die repräsentative Schau „Marcel Duchamps“ einrichten. Damit würde zum ersten Mal seit Venedig (1993 – Du warst damals Mitte 30) das Schaffen Marcel Duchamps, der zentralen Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts (fett gedruckt) in einer grossen Ausstellung gezeigt. Aha.
Da bin ich jetzt allerdings gefordert. Ich könnte den Artikel zur Seite legen, auf dem Sitz liegen lassen (pro Jahr entsorgen die Putzequipen der SBB einen ganzen, ziemlich langen Güterzug voll Müll – hauptsächlich gelesene und ungelesene Zeitungen – welchen die Passagiere liegen lassen). Ein Zug ist keine Toilette, die man so hinterlässt, wie man sie gerne antreffen würde. Ich wische mit einem Zusatzpapier meinen Scheiss vom inneren Schüsselrand, weil mich das anwidert, wenn ich eine Toilette in diesem Zustand antreffe). Das könnte ich tun, aber ich merke, dass ich mich mit der WC-Schüssel bereits auf Marcel Duchamps eingelassen habe. Auf sein teuflisches Spiel.
Ich will versuchen, das Ganze irgendwie einzuordnen, damit ich es verstehen kann. Ich wenigstens. Das würde mir bereits reichen.
Beginnen wir vorne. Dieser Szeemann – hat der nicht zuletzt Aufsehen damit erregt, dass er das Zürcher Kunsthaus verpackt hat? Oder verwechsle ich ihn? Hat der seine Karriere bei Ayax Amsterdam begonnen und spielt heute bei Inter Mailand? Oder heisst der Seedorf? Hat jedenfalls am Wochenende ein wunderschönes Tor geschossen. Von der Strafraumecke aus. Aus dem Stand. Der Torhüter hat kaum reagiert. Als stünde er in einem Freiluftmuseum. Duchamps hätte gesagt: Ein Torwart entsteht, indem man einen Mann in kurzen Hosen und einem Trikot nimmt und ihn in ein Stadion stellt. Man darf ihn nicht ankleiden, trainieren und womöglich noch bezahlen. Man darf ihm auch nicht sagen, warum man ihn in ein Stadion führt und ihn dort zwischen zwei Aluminiumpfosten stellt. Hätte Duchamps gesagt. Und er hätte es einen readymade Torwart genannt. Obwohl er dann in den entscheindenden Momenten nicht bereit gewesen wäre. Not ready at all.
Ich habe Duchamps vor allem von der letzten Weltmeistermannschaft der Bleus in Erinnerung. Einer der vielen brillianten Techniker, die auch noch kämpfen können. Ein genialer Rackerer. Keiner der ganz grossen Stars wie Zinfandel Zinnsoldat. Ein Mosaikstein im Gesamtkunstwerk des französischen Nationaltrainers, das er im WM-Final 1998 den Brasilianern überreichte, die davon schlicht überwältigt waren und es kaum annehmen konnten, dann aber doch mussten. Aus Freundlichkeit des Gastes. Dieser Dugarry also, oder Duchamps (wer weiss das so genau), stellte, wenn er nicht gerade Fussball zelebrierte und dabei Brasilianer vorführte, readymades her. Dinge, soll er gesagt haben, die rein dadurch (und nur dadurch) Kunst werden, dass man sie von da, wo sie gerade sind, wegnimmt und in ein Museum stellt. 1917. Ein Urinal. Ein Fanal.
Keiner, sagt dieser Artikel, sagt Szeemann, sagt der französische Nationaltrainer, keiner (keiner) sei im 20. Jahrhundert um dieses Urinal herumgekommen. Deshalb sei es das Zentrale Dings der Kunst des 20. Jahrhunderts (fett gedruckt).
Meine Damen und Herren: Ich gebe hier und jetzt vor Ihnen zu, dass mir Duchamps nur vom Namen her ein Begriff war, bevor ich diesen Artikel (diesen da) gelesen habe. Er kommt einfach nicht oft genug im Sportteil vor. Aber ich muss hier als einer, der nicht Kunstgeschichte studiert hat, eines einmal ganz klar sagen (mir): Bloss weil Harold Seedorf nach einem Dreivierteljahrhundert (und zwei vorzeitigen Trainerentlassungen) in Basel eine Gesamtschau verpackt, weil weder Andy Warhol, Joseph Beuys, Franz Beckenbauer noch Fatzke Padopulos noch sonstwer, der in meiner Küche schon einmal eine Installation gemacht oder auf irgendeinem Nebenplatz einmal hinter’s Tor geflankt hat, oder den Namen Madonna ausgesprochen, ohne an Pop zu denken, bloss weil Basel zum ersten Mal seit zwei bis drei Jahrzehnten wieder Meister werden könnte und Guerrero nach seiner letzten Verletzung vielleicht nie wieder Fussball spielt: deswegen muss man sich doch nicht gleich zu diesem idiotischen und völlig unhaltbaren Superlativ versteigen (fett gedruckt).
Ich gebe zu, der Mann hatte ein gewisses Format. Gute Technik. Viel Überblick. Und originell war er auch. Hinter der Viererabwehrkette. Aber die zentrale Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts? Welche Kunst? Welches Jahrhundert? Es gibt keine Kunst. Es gibt keine Kunst des 20. Jahrhunderts. Es gibt kein 20. Jahrhundert. Es gibt in jedem Jahhundert eine unheimlich grosse Zahl unheimlich kreativer und talentierter Menschen, die Kunst schaffen. Und es gibt in gewissen Zeiten dermassen originelle Schaffer, dass sie mit ihrer Kunst andere Künstler begeistern und beeinflussen und dann entsteht eine Bewegung, eine Kunstrichtung, über die dann endlos geschrieben wird von Leuten, die darüber endlos schreiben können (auch eine Kunst). Und dieser Duchamps, den ich überhaupt nicht kenne (mir aber vielleicht die ihm gewidmete Ausstellung anschauen gehe, bevor sie in Basel mit den Vorbereitungen zur Meisterfeier beginnen und man als Zürcher nicht mehr hin kann), der war bestimmt genial. Er musste wahrscheinlich überhaupt nichts mehr an sich manipulieren. Alles, was er mitnahm, wurde dadurch, dass er es irgendwo liegenliess, zu Kunst. Ein ganzer Güterzug voll pro Jahr. Ich will an seiner Bedeutung für die SBB überhaupt nicht herumdeuteln. Ich habe auch mit Ronda Shearers Theorien kein Problem, die Duchamps vorwirft, und diesen Vorwurf mit akribischen Recherchen erhärtet, er hätte eben doch an seinen angeblichen readymades herumgefummelt und sei deshalb ein, wenn auch sympathischer, Betrüger. Ich bin sicher, das tut Duchamps Ruf wenig Abbruch. Gewonnen ist gewonnen, ganz egal wie. Da ist der Sport von einer befreienden Klarheit. Im Gegenteil: In ein paar Jahren wird es jemanden geben, jemanden oder eine vollzählige Studiengruppe, welche sich mit Ronda Shearers Forschungen und Theorien zu Duchamps auseinander-setzen wird. Man wird in akribischen Studien beweisen, dass sie bei den Bildern und Gegenständen, mit denen sie beweisen wollte, dass Duchamps seine readymades manipuliert hatte, herumgefummelt hat. Und ein paar Jahre später wird eine Studiengruppe in Tübingen beweisen können (oder mindestens ernsthaft den Versuch starten), dass diese AntiRondianer (die Gegenshearer) bei ihrer Schmutzkampagne gegen die Gattin von Professor Gould in Tat und Wahrheit schummelten. Und irgendwann wird ein Einsiedler im Harzgebirge über den Sinn des Lebens nachdenken bis er von einem altersschwachen Baum erschlagen wird. Und über all dem wird Duchamps thronen, der begnadetste Dribbler, der je in einem WM-Final gstanden hat. Er habe, hat neulich einer seiner ehemaligen Teamkollegen in einer Dokumentation zum 100. Genurtstag von Real Madrid am Fernseher dem unsichtbaren Interviewer anvertraut (ein weisshaariger Mann, der aussah, als habe er sein Leben wirklich genossen), in der Dusche manchmal ein Stück Seife in die Luft geworfen und mit der Innenseite des Fusses aus der Luft gestoppt. Vielleicht der begnadetste Fussballer aller Zeiten, dieser Duchamps.
Aufhören für Anfänger
9. September 2001Man sagt uns hier nicht alles. Ich fahre zum Beispiel mit dem Zug kurz vor oder nach Burgdorf an einer Maschinenfabrik vorbei und denke, schön: Wir haben hier eine Maschinenfabrik. Aber wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Maschinenfabrik Maschinen bauen? Und wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Fabrik die Maschinen bauen, mit denen sie dann – Sie wissen, was ich meine. Sitzt irgendwo einer im Wald, dort wo er noch dicht und geheimnisvoll ist und unverjoggt, auf einer Lichtung, die ihm einmal aufgegangen ist, vor seiner Hütte und bastelt von Hand die Teile, aus denen man dann die erste Maschine baut? Ich meine den Ursprung der Dinge, vestehen Sie? Er wird uns verheimlicht. Dadurch, dass alles rund um uns herum und dank uns und mit uns (übrigens auch ohne uns) auf Hochtouren läuft, wird andauernd der Anfang vertuscht und das Ende verpfuscht. Nur schon die Frage nach dem Anfang kann kaum aufkommen, (more…)
Das Leben als Cocktailparty
25. August 1997eine Entgegnung aus dem versetzbaren Dienst
Der Vorwurf der Oberflächlichkeit trifft uns hart, aber er geht nicht sehr tief. Die sich rasch folgenden Verset-zungen vom einen Ende der Welt ans andere, wo jedesmal ein neuer Anfang stattfand, der sich dann in der Mittelmässigkeit verlor, haben unser Beziehungsnetz ausgedünnt. Auch unser Empfinden ist seichter gewor-den. Ein notwendiger Selbstschutz, sagen wir uns und andern. Sich alle vier Jahre von wirklichen
Freunden trennen zu müssen, wäre zuviel verlangt, sogar von uns. Also lassen wir uns auf Freundschaften kaum noch ein, bevorzugen lockere Kontakte mit anderen Entsandten, Tischgespräche mit beliebigen Nach-barn. Phasenverschoben verpassen sie ihr Leben im gleichen Rhythmus wie wir. Selber nicht dort, wo sie einmal hätten hingehören können, machen wir uns nichts vor.
Wenn wir sie später trotzdem kurz vermissen, sind sie längst selbst nicht mehr dort, wohin wir an sie zurück-denken. Wie hiessen die doch gleich, die damals dort. Oder waren das andere? Oder weisst Du noch die, die gerade gingen, ich habe vergessen wohin, als wir beginnen wollten, sie etwas interessanter zu
finden? Das ist alles so lange her, dass wir uns manchmal fragen würden, was aus ihnen geworden wäre, hätten wir sie damals besser gekannt.
Durch Schmerz klüger geworden, nehmen wir uns heute bereits bei der Ankunft zurück. Kaum, dass wir noch alle Koffer auspacken. Wir bringen Vorhänge mit, die auch hier nicht passen. Unsere Möbel sind vom vielen Umziehen rund an den Ecken, keine harten Kanten mehr. So machen wir auch Karriere. Keine schartigen Sätze, an denen das Geplauder abreissen könnte. Auf unsere einfachen Fragen hat jeder eine Antwort, die uns auch nicht interessiert. Wir ersetzen den Vorgänger zwar nicht, aber auch unser Nachfolger hat schliess-lich später alles falsch gemacht.
Mit fortschreitendem Dienstalter gleichen wir uns dann zunehmend und werden so immer leichter versetzbar. Spätestens bei der Pensionierung oder bei der Ernennung zum Postenchef sieht ein Lebenslauf wie der an-dere aus. Paris, London, Bern, Wien – Wien, Paris, Washington, London, – es ist einerlei, auch wenn es sich anders liest als Akkra, Islamabad, Lagos, Bern.
Wenn wir dann wieder gehen, meistens früher als von unseren freundlichen Gesprächspartnern in den
Ministerien erwartet, waren wir gar nie ganz hier und es schmerzt erträglich. Wer hätte das gedacht, dass die Zeit auch hier so schnell vergeht. Das Haus war schön, nachdem wir es einmal instand gesetzt hatten, trotz der Handwerker, die dabei hartnäckig im Weg standen.
Kurz nach dem Einzug haben wir Geranienkisten an die Sprachbarriere gehängt, gleich vor die Fliegengitter. Es sollte schliesslich schön aussehen. Und an etwas erinnert uns das. Vielleicht an ein Land, in dem wir ge-nau das nicht mochten, was wir jetzt vertreten.
Und der Garten ein Traum. Der Gärtner ein fröhlicher Schlauchakrobat, von der Kenntnis europäischer
Blumen unbelastet, die er entweder weggeschwemmt oder als Unkraut erkannt und schon beim Keimen unter die Scholle gekehrt hat. Dafür die Caterer äusserst phantasievoll in der Preisgestaltung. Wir haben viel gelernt, was wir auch am nächsten Ort wieder falsch machen werden.
Die Einheimischen sonst bewusst vor uns in Schutz genommen, weil jemand, der schon bei der Ankunft weiss, dass er wieder geht, allenfalls einen passablen Gast abgibt, aber keinen verlässlichen Freund.
Wer sich uns trotzdem nähert, stur auf Gastfreundschaft beharrend, wurde gewarnt: Nein danke – die Hand über’m Glas – uns keine Gefühle. Wir gehen bald wieder. Die Koffer sind abgezählt. Es bleibt wenig Platz für Neues. Wer uns dann doch einen Teppich schenkt, weiss wenigstens, woran er knüpfte. Auch wenn es zu-weilen hart war, unsere wohlmeinende Distanz als hochnäsige Distanzierung missverstanden, haben wir gehalten, was wir nicht versprochen haben. Wenn wir gehen, wird dann auch den Letzten klar, dass wir mit unserer Nähe stets das Weite suchen.
Anstatt Menschen bleiben Anekdoten haften, die wir auf Einladungen unermüdlich erzählen, bis alle, die nach uns angekommen sind, sie auswendig kennen und wir getrost versetzt werden können.
Zum Beispiel die, die damals beim Nachtisch einschlief, Kopf auf die Brust gesenkt, mitten im Satz. Links ein bornierter Minister, dem nichts weiter auffiel, rechts ein Enkel des verstorbenen Premiers, selbst fast schon hinübergetreten in den weiten Saal, wo der Kaffee serviert wird, der nicht mehr weckt. Alle paar Minuten klingelt ein Taxifahrer und fragt ungeduldig nach seinen Gästen.
Später hörten wir von einem neuen Kollegen, der zuletzt dort war, wo auch wir einmal hin wollten, aber jetzt sind die Kinder zu gross, dass jene gemeinsame Bekannte, nachdem sie wieder erwacht war, nach Y. ver-setzt wurde, dem Ziel ihrer Träume, wo ihr aber nach ein paar Wochen beim Überholen ein zwanzig Tonnen schweres Missgeschick widerfuhr, worauf man sie heimschaffen musste, und schnell, denn es war unglaub-lich heiss.
Das allerdings als Ende ein Extremfall, sogar im Set der Diplomatenanekdoten. Üblich ist die kurze Notiz in der Beamtenzeitung, unter der Rubrik Ehemalige feiern nicht mehr Geburtstag. Eine häufige Haltung bei Versetzbaren kurz nach dem Tod. Irgendwie werden sie trotzig, machen nicht mehr alles mit.
Auch unter den Zuhausegebliebenen, das weiss man, fällt aber ab und zu einem ein Dossier auf den Kopf. Unversetzbar – unverletzbar. Das war vielleicht früher noch so. Heute sind wir für alles zu haben. Das Leben ist kurz genug.
Auf der anderen Seite haben einige sogar ihr Glück gefunden in der Fremde, eine Tochter des Gastlandes geheiratet, das gibt es noch immer. Bei der Heirat auf dem Lande dann allerdings ein schwieriger Moment, wenn das Ziegenauge vom Teller rollt und ein Bediensteter anstandslos ein frisches holt.
Jede Ehe, sess- oder sprunghaft, kennt schliesslich Bewährungsproben. In den meisten Fällen von gemisch-ten Ehen, von denen uns solche berichten, die gerade in Bern waren, wo sie es von anderen hörten, die selbst bald versetzt werden sollten, geht es erstaunlich gut. Natürlich reist ab und zu eine unvermittelt und für immer zurück. Früher wurde sie dann dort von ihren Brüdern verprügelt. Dein Mann muss gewusst haben, weshalb er dich zurückgeschickt hat. Wenigstens das ist, wie man uns versichert, besser geworden und ent-lastet unser Nomadengewissen. Es gibt ja auch genügend Beispiele, in denen monokulturelle Ehen in der Fremde scheitern als mischte sich zuhause die Verwandtschaft ein.
Da hat man sich vor der ersten Versetzung verheiratet, um offiziell empfangen zu können, Kinder und Gäste, und erkennt dann mitten in Afrika, dass es vielleicht nötig, aber nicht realistisch war. Eine feste Bindung ist auch nicht immer eine Lösung. Am besten, man trennt sich gleich wieder und reist gemeinsam zurück. Allein ist man dann auch wieder kostengünstiger versetzbar. Die Dienstwohnung gut gelegen, die Botschaft zu Fuss umgehbar, der Balkon von aussen nicht einzusehen, innen als Wohnung möbliert, nach dem Ge-schmack des Steuerzahlers, der es auch einmal so schön haben möchte, noch dazu steuerfrei. Aber das weiss man ja. Und was der Bauer nicht kaut, das die Kuh nicht verdaut.
Alles in allem also gelungene Jahre. Wer weiss, was man unterdessen zuhause erlebt hätte. Andere wissen auch nicht, was sie womöglich gehabt haben könnten. Wir wollen zufrieden sein. Die Rückhand ist verbessert und das Handicap lässt sich sehen. Das ist mehr, als manche uns zugetraut hatten.
