Cup of Coffee?
1. Juli 2011Gerafftes Zeitungslesen
24. Juni 2011Die Nachrichten zunächst verwirrend und anscheinend ohne Zusammenhang, aber wenigstens alles an seinem Platz. Alles in der richtigen Rubrik. Das beruhigt. Unglücksfälle und Versprechen. Neues aus dem Urwald. Internationalles.
Die Gefühle irgendwo im präfrontalen Kortex verortet, im vorderen Teil der Hirnrinde, wo sie auch hingehören. Es bleibt jedoch weiterhin unklar, trotz modernsten Messmethoden, ob und wie weit sie am Ursprung der Moral stehen. Ein Proband stösst David Hume vor einen wie zufällig vorbeifahrenden Zug. So geht es nicht, meine Herren. Ich bitte sie. Der war doch schon tot. Jetzt lassen alle bitte mal alles stehen und kommen her zu mir. Lasst uns vernünftig sein. Also wirklich. Auch Immanuel Kant hatte ab und zu Kopfweh. Vernunftbedingt. Deswegen macht man doch noch keine transkranielle Magnetsimulation. Können wir jetzt weitermachen?
Die Aufgabenstellung ist folgende: Es hat sich eine Annahme verbreitet. Wir müssen sie irgendwie wieder einkriegen. Moralische Urteile seien eine Leistung unseres rationalen Denkens. Und jetzt gehen sie langsam und ohne Beweise umzustossen wieder an ihre Laborplätze und beantworten folgende Fragen. Sie haben dafür genau. Und falls Sie früher fertig sein sollten, stauben Sie ihr Dilemma ab, versehen es mit ihrem Namen und legen es in die Schublade. Dann können Sie in die Pause gehen. Los geht’s.
Im Amazonasgebiet ist ein neuer Stamm einer Urbevölkerung entdeckt worden. Drei langgezogene Hütten auf einer schmalen Lichtung, rundherum Urwald, bisher erst aus der Luft beobachtet. Und das wird auch so bleiben. Die Strategie der Regierung ist in solchen Fällen, keinen Kontakt aufzunehmen, damit diese niedlichen Wesen so weiterleben können, wie bisher. Absolut lobenswert, wenn man daran denkt, wie man früher etwas weiter nördlich mit den Indianern umgesprungen ist, aber nicht einfach durchzuhalten wenn der Wald einmal schrumpft. Und was, wenn die UNS bemerken und alkoholfreies Bier wollen? Und irgendwie ja auch schade, weil so womöglich für immer unbeantwortet bleiben wird, wie dieser neu entdeckte Stamm mit der Frage umgeht, was am Ursprung der Moral steht: Gefühl oder Vernunft? Vielleicht haben die ja gar keine Fragen in ihrer Sprache. Faszinierend, nichtwahr.
Wie bitte? Um Himmels Willen: Nein! Hier wird keiner mehr vor den Zug gestossen. Dilemma hin oder her. Wir sind hier nicht an der University of Iowa. Haben Sie mir eigentlich zugehört? Der Urwald soll unberührt bleiben. Oder sehen Sie irgendwo Chinesen? Und überhaupt ist die Zeit abgelaufen. Sie können nachhause gehen. Nächstes Mal sprechen wir über Mitgefühl, Scham und Schuld. Und vergessen Sie bitte nicht, zuhause ein moralisches Urteil zu fällen und es in die nächste Stunde mitzubringen. Wenn Sie es in ein feuchtes Handtuch einwickeln, bleibt es problemlos zwei Tage unanfechtbar.
Altglas, Berlin (Ausschnitt, Öl auf Leinwand)
24. Juni 2011Dies und das
24. Juni 2011Wir wollten dies und dann
wollten wir das
manchmal auch beides
oder weder noch
und wussten oft nicht was
und nicht warum
und fielen in ein Loch
dann wieder dies
und später wieder das
wie dumm
Unterdessen sind wir
alt geworden und vergessen
dauernd was es war, was wir gerade
wollten – unsre Zeit ist um
Wie war das noch
mit diesem dies und das?
Was ist in uns, was ist um uns herum?
ach so ach so
wie schade aber auch
wie dumm
Josefinas Leben
12. April 2011Josefina, eine portugiesische Freundin, deren menschliche Wärme und Humor ich sehr schätze, hat neulich an einem Mittagessen eine wunderschöne Geschichte erzählt. Sie hat sie nicht erfunden. Sie hat sie genau so erlebt.
Ihr steht seit dem Tod ihres Vaters eine kleine Rente zu. Obwohl es sich um einen äusserst kleinen, symbolischen Betrag handelt, verlangt der portugiesische Staat von ihr, um Rentenbetrug vorzubeugen, dass sie jedes Jahr persönlich auf der portugiesischen Gemeinde vorspricht, um zu beweisen, dass sie noch lebt.
Da Josefina im Ausland lebt und auch angesichts des unwesentlichen Betrags der Rente, geht sie nicht jedes Jahr auf der Gemeinde vorbei. Nur alle paar Jahre, wenn sie in Portugal auf Heimaturlaub ist und es ihr gerade in den Sinn kommt, geht sie auf der Gemeinde vorbei. Letztes Jahr war wieder einmal so ein Jahr.
Sie ging also auf die Gemeinde und sprach beim Beamten vor, der für die symbolische Rente zuständig ist.
„Guten Tag. Mein Name ist Josefina. Ich bin hier, um zu beweisen, dass ich noch lebe.“
Der Beamte musterte sie ernsthaft, machte ein Häkchen hinter eine Zeile und erwiderte:
„Gut. Und was ist mit letztem Jahr?“
Ich habe mich oft gefragt, wer all die wunderbaren Witze und lustigen Geschichten erfindet. Nicht die einfachen und primitiven Witze (obwohl ich über die, ich muss es leider hier zugeben, oft auch und manchmal besonders laut lachen kann), sondern die wunderbaren Geschichten und Witze, die nicht nur lustig sind, sondern manchmal auch ein wenig tragisch oder zumindest melancholisch, und oft tief philosophisch.
Nachdem ich Josefinas Geschichte zuhören durfte, weiss ich, dass es keine erfundenen Witze und keine symbolisch kleinen Beträge gibt, jedenfalls keine überflüssigen. Es ist mir ausserdem klar geworden, dass Beamte und ihre Reglementarien nicht nur dazu gut sind, uns zu ärgern, sondern dass sie uns die Gelegenheit geben, uns zu fragen, ob wir tatsächlich leben, oder ob lediglich wieder ein paar Jahre vergangen sind.
Tröstendes Theorem
3. April 2011Gott ist rätselhaft. Man kann, wenn man seine Schöpfung betrachtet, nie ganz sicher sein, ob etwas wahr ist, oder ob er es nur erfunden hat.
Guessing
3. April 2011Trust
1. April 2011„Trust is like an eraser–
It gets smaller and smaller
after every mistake.“
(Sofia, age 10, in a poetry workshop in Maryland)





