Irgendwo in Irland
30. August 2011Flüchtige Gedanken zu Händen
30. August 2011(eine unbrauchbare Gebrauchsanweisung für das 21. Jahrhundert)
Offenbar gibt es in unserer Welt
falsche und richtige Hände
und Dinge die auf keinen Fall
in die falschen fallen sollten
Auch wir sollten wahrscheinlich
vorsichtiger sein in wessen Hände
wir unser Schicksal legen
(wir haben nur eines)
Busfahrer, Piloten, Fahrstuhlmonteure.
Generäle, Diplomaten, Politiker.
Da es aber oft schwierig ist
die guten von den falschen Händen zu unterscheiden
und man nicht überall immer alles
in die eigenen Hände nehmen kann
und weil die Dinge wahllos fallen
sollten wir uns vielleicht fragen ob
wir in Zukunft nicht besser fahren
fliegen oder leben
wenn wir uns auf Dinge beschränken
die auch in falschen Händen
wenig Schaden anrichten können
Irgendwo in Irland
30. August 2011Zur Frage der verbleibenden Lebensdauer
1. Juli 2011Am Ende der Chromosomen befinden sich die Telomere. Sie baumeln da so rum und lassen ab und zu etwas fallen, was den Urwaldboden düngt. Sie sind aber auch, wie uns die Biologen lehren, ein untrüglicher Indikator für den Alterungsprozess des Individuums. Je kürzer die Telomere, desto kürzer die verbleibende Lebenszeit der Zelle.
Ich liebe diese je-desto-Sätze. Sie sind so wunderbar folgerichtig. Je – desto. Je kürzer der Frieden, desto länger der Prozess. Je länger der Streit, desto kürzer die Versöhnung. Je billiger der Hüttenkäse, desto vielseitiger die Diät.
Wenn sich die Telomere beschleunigt verkürzen, dann sei dies ein Hinweis auf beschleunigtes Altern. Wenn – dann. Das ist auch nicht schlecht. Würde dann heissen, dass der Vorhang früher fällt.
Zum voraussichtlichen Preis von 200 Dollar (das sind umgerechnet rund 200 Dollar) wird man bald beim Arzt in Form eines einfachen Bluttests einen Alters-Test machen können. Die Nachfrage wird voraussichtlich immens sein. Freiwillige Testpersonen hätten die an der Entwicklung des Produktes beteiligte Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn überrannt und seien nun ungebremst unterwegs nach Neumexico.
Die Leute verstünden den Test als Mass dafür, wie weit die Kerze des Lebens schon abgebrannt sei, liess sich Frau Blackburn zitieren. Das Leben als Kerze. Hoffentlich tropft nichts auf den Mahagonitisch.
Und warum nur beim Arzt? Da werden die Apotheker noch ein Wörtchen mitreden wollen, stell ich mir vor. Ein einfacher Bluttest? Das kriegen die locker hin. In abgelegenen Gebieten könnte wohl auch ein pensionierter Geometer die Telomere vermessen. Sagen wir noch 15 Jahre. Eine grobe Schätzung. Das macht dann 100 Franken bitte. Und Vorsicht beim Rausgehen, die Türen sind niedrig in diesen alten Häusern.
Es gibt aber auch diejenigen, denen es egal ist, wie viel Zeit ihnen noch bleibt. Hauptsache was auch immer. Sie möchten es lieber gar nicht wissen. Oder es gibt die über die halbe westliche Hemisphäre (das wäre dann immerhin ein Viertel der Welt) verteilten lokalen Ableger der Erfahrungsgruppe „Lamento mori“, wo man sich unter Gleichverwirrten über die Endlichkeit des Lebens beklagen kann. Ich heisse Ralf und werde irgendwann sterben. Hallo Ralf.
Im Übrigen geht es ganzen Volksparteien so. Nicht einmal die Kommunistische Partei Chinas weiss, ob sie das Jahr 2021 noch erleben und dannzumal ihren 100. Geburtstag feiern wird. Ich vermute hier kühn, sie wird es erleben und ausgelassen feiern, ohne noch genau zu wissen, was. Es wird ein wenig wie jeweils an Sylvester sein: Hauptsache, die Karpfen knüllen!
Womöglich wird die Erkenntnis der Funktion der Telomere helfen, den Graben zwischen reich und arm langsam zuzuschütten. Die Reichen werden länger reich sein können (Guten Tag, ich hätte gerne ein Set sehr langsam kürzer werdender Telomere. Wie bitte? Nein danke, sie müssen sie nicht einpacken, ich werde sie gleich anhängen) und die Armen kürzer arm bleiben müssen, ihre Telomere schon in der Pubertät ausgefranst und brüchig.
Ach ja, neben der genetischen Veranlagung spielt natürlich auch der persönliche Lebensstil eine gewisse Rolle. Überrascht uns ja nicht wirklich. Rauchen, Übergewicht (vor allem beim Fliegen) und Stress verkürzen die Telomere. Sport scheint deren Kürzerwerden zu verlangsamen. Fernsehen hingegen interessiert sie überhaupt nicht. Es sei in Labortests kein einziges Mal ein Streit um die Fernbedienung entstanden.
Irgendwo in Berlin
1. Juli 2011Sympathische Menschen, falsche Erinnerungen
1. Juli 2011Neurobiologen des Weizmann Instituts haben neue Zusammenhänge zwischen unserer sozialen Vernetzung und dem Entstehen falscher Erinnerungen nachgewiesen. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass es im Hirn womöglich eine Art Pförtnerin gibt. Sie heisst Amygdala, ist ein völlig unzulängliches Abbild einer indischen Göttin, jedoch immer noch dermassen schön, dass man nicht an ihr vorbei kommt, ohne ihr alles zu erzählen, wonach sie nicht fragt. Von Amygdala ist seit längerem bekannt, dass sie das emotionale Zentrum des Gehirns ist.
Die neue Studie des Weizmann Instituts legt nun den Schluss nahe, dass sie – sozusagen im Nebenamt – auch für den Entscheid verantwortlich sein könnte, ob gewisse Informationen im Langzeitgedächtnis gespeichert werden oder nicht. Die durchgeführten Experimente lassen insbesondere vermuten, dass Amygdala durch ihr emotionales Gütesiegel veranlassen kann (und dies auch tut), dass unter Umständen korrekte Daten im Langzeitgedächtnis durch falsche ersetzt werden. Dies geschähe dann, so das Forschungsergebnis, wenn durch soziale Vernetzung, also aus emotionalen Gründen, das (falsche) Urteil anderer zu einer spezifischen Frage nachträglich übernommen und das ursprünglich eigene (richtige) im Langzeitgedächtnis überschrieben wird.
Natürlich müsste man nun gleich fragen, wie man denn bitte richtig und falsch definiert, und dann wäre man vermutlich geliefert und müsste eine Existenz als Privatgelehrter beantragen. Aber eigentlich ist diese prinzipiell wichtige Frage für einmal unwesentlich. Wesentlich ist die Erkenntnis, wenn wir es denn eine sein lassen, dass unser Gedächtnis, in dem wir unsere Sichtweise auf die Welt und unser Leben darin speichern, von unseren Gefühlen, von unseren emotionalen Bindungen nicht nur geprägt sondern manipuliert wird.
Das ist nichts grundsätzlich Neues. Wir machen alle ab und zu die Erfahrung, dass wir überhaupt erst geneigt sind, hinzuhören, wenn jemand spricht, der uns einigermassen sympathisch ist, während wir uns den messerscharfen Argumenten einer Person verschliessen, die wir aus irgendeinem Grund nicht mögen. Das Problem dabei ist, dass das Richtige nicht immer sympathisch daherkommt und das Falsche nicht immer abstossend wirkt. Der Träger der Botschaft kann gut sein, die Botschaft falsch. Freunde können irren, Feinde Recht behalten.
Wir sollten mit Amygdala sprechen. Dringend. Jetzt, wo wir wissen, wie es wahrscheinlich funktioniert mit dem Gedächtnis, kann es nicht einfach so weitergehen. Hör mal, meine Liebe, bevor ich vergesse: das geht so nicht. Du kannst nicht einfach so an meinem Gedächtnis rumschrauben. Das sind meine Erinnerungen. Verstehst Du, was ich meine? Hörst Du mir überhaupt zu? Oder magst Du mich am Ende nicht?
Cup of Coffee?
1. Juli 2011Gerafftes Zeitungslesen
24. Juni 2011Die Nachrichten zunächst verwirrend und anscheinend ohne Zusammenhang, aber wenigstens alles an seinem Platz. Alles in der richtigen Rubrik. Das beruhigt. Unglücksfälle und Versprechen. Neues aus dem Urwald. Internationalles.
Die Gefühle irgendwo im präfrontalen Kortex verortet, im vorderen Teil der Hirnrinde, wo sie auch hingehören. Es bleibt jedoch weiterhin unklar, trotz modernsten Messmethoden, ob und wie weit sie am Ursprung der Moral stehen. Ein Proband stösst David Hume vor einen wie zufällig vorbeifahrenden Zug. So geht es nicht, meine Herren. Ich bitte sie. Der war doch schon tot. Jetzt lassen alle bitte mal alles stehen und kommen her zu mir. Lasst uns vernünftig sein. Also wirklich. Auch Immanuel Kant hatte ab und zu Kopfweh. Vernunftbedingt. Deswegen macht man doch noch keine transkranielle Magnetsimulation. Können wir jetzt weitermachen?
Die Aufgabenstellung ist folgende: Es hat sich eine Annahme verbreitet. Wir müssen sie irgendwie wieder einkriegen. Moralische Urteile seien eine Leistung unseres rationalen Denkens. Und jetzt gehen sie langsam und ohne Beweise umzustossen wieder an ihre Laborplätze und beantworten folgende Fragen. Sie haben dafür genau. Und falls Sie früher fertig sein sollten, stauben Sie ihr Dilemma ab, versehen es mit ihrem Namen und legen es in die Schublade. Dann können Sie in die Pause gehen. Los geht’s.
Im Amazonasgebiet ist ein neuer Stamm einer Urbevölkerung entdeckt worden. Drei langgezogene Hütten auf einer schmalen Lichtung, rundherum Urwald, bisher erst aus der Luft beobachtet. Und das wird auch so bleiben. Die Strategie der Regierung ist in solchen Fällen, keinen Kontakt aufzunehmen, damit diese niedlichen Wesen so weiterleben können, wie bisher. Absolut lobenswert, wenn man daran denkt, wie man früher etwas weiter nördlich mit den Indianern umgesprungen ist, aber nicht einfach durchzuhalten wenn der Wald einmal schrumpft. Und was, wenn die UNS bemerken und alkoholfreies Bier wollen? Und irgendwie ja auch schade, weil so womöglich für immer unbeantwortet bleiben wird, wie dieser neu entdeckte Stamm mit der Frage umgeht, was am Ursprung der Moral steht: Gefühl oder Vernunft? Vielleicht haben die ja gar keine Fragen in ihrer Sprache. Faszinierend, nichtwahr.
Wie bitte? Um Himmels Willen: Nein! Hier wird keiner mehr vor den Zug gestossen. Dilemma hin oder her. Wir sind hier nicht an der University of Iowa. Haben Sie mir eigentlich zugehört? Der Urwald soll unberührt bleiben. Oder sehen Sie irgendwo Chinesen? Und überhaupt ist die Zeit abgelaufen. Sie können nachhause gehen. Nächstes Mal sprechen wir über Mitgefühl, Scham und Schuld. Und vergessen Sie bitte nicht, zuhause ein moralisches Urteil zu fällen und es in die nächste Stunde mitzubringen. Wenn Sie es in ein feuchtes Handtuch einwickeln, bleibt es problemlos zwei Tage unanfechtbar.
Altglas, Berlin (Ausschnitt, Öl auf Leinwand)
24. Juni 2011Dies und das
24. Juni 2011Wir wollten dies und dann
wollten wir das
manchmal auch beides
oder weder noch
und wussten oft nicht was
und nicht warum
und fielen in ein Loch
dann wieder dies
und später wieder das
wie dumm
Unterdessen sind wir
alt geworden und vergessen
dauernd was es war, was wir gerade
wollten – unsre Zeit ist um
Wie war das noch
mit diesem dies und das?
Was ist in uns, was ist um uns herum?
ach so ach so
wie schade aber auch
wie dumm





