Archive for the ‘BLOG’ Category

Vom Ende des Wartens

5. Juli 2010

Man darf nicht zu lange warten. Schon gar nicht auf Dinge, die nie passieren werden. Irgendwann muss man sich zur Seite nehmen und ganz ehrlich zu sich selber sein: Das wird nichts mehr.
Das tut im ersten Moment weh, und dieser erste Moment kann lange dauern, wenn man sich etwas lange, wirklich fest und von ganzem Herzen gewünscht hat, aber das Eingeständnis, dass etwas nicht eintreffen wird, ist unumgänglich, wenn man weitergehen möchte. Man kommt nicht darum herum. Und der Schmerz ist notwendig, wenn man beim Weitergehen nicht eine Last mit sich tragen will, die einem beim Gehen nach hinten zieht.
Weil  es ein Trennungsschmerz von etwas ist, was man nie hatte, ist er nicht nur schwer zu verkraften, auch der Umgang damit ist nicht einfach.  Man kann keine Kompressen oder einen Wundverband auflegen. Man weiss nicht einmal ganz genau,  wie sich das künftige Vermissen anfühlen wird, obwohl man schon eine ganze Weile lang vermisst hat. Aber es war ein anderes Vermissen, weil es ein wartendes war, eines, das darauf hoffte, in seiner Erfüllung ein Ende zu finden, während das neue Vermissen, das sich am Ende des Wartens entwickelt, ein anderes sein kann: eines, das enden wird, weil es sich nicht mehr erfüllen muss.

Dead Sea, Summer 09

5. Juli 2010

Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

4. Juli 2010

von Haruki Murakami, 2007.

Ein sehr ruhiges, lesenswertes Buch, auch wenn man weder vor hat, Marathon zu laufen, noch Romane zu schreiben. Schon wenn man älter werden möchte, ohne daran zu verzweifeln, kann man mit Murakamis Gedanken etwas anfangen, weil sie nicht lehrmeisterlich oder abgehoben daherkommen, sondern einfach und ehrlich. Murakami lässt immer auch die Möglichkeit offen, dass das, was er gerade zu erkennen und verstehen glaubt, auch ganz anders sein könnte. Dass es vielleicht gar keine Gründe gibt für gewisse Entwicklungen und manchmal ganz einfach Zeit vergehen muss, bis sich etwas ändert oder man etwas ändern kann.   
Über das Ende eines 100km Laufs schreibt er: „Das Ende des Laufes war nur eine Markierung ohne besondere Bedeutung. Genau so ist es mit dem Leben. Nur weil es endlich ist, heisst das nicht, dass es auch eine besondere Bedeutung hat.“

Dead Sea Waves

30. Juni 2010

Die anderen Dinge

29. Juni 2010

Lass uns nun wirklich
über das Wetter reden.

Hinter den ernsten Gesprächen
über die anderen Dinge
lacht sich der Wind
einen Schranz in die Wolken.

Negev, April 2010

29. Juni 2010

Die Musik dort

29. Juni 2010

 (zur Erinnerung an einen Aufbruch)

Als wir noch im Land lebten, wo sie die Musik schreiben, klang sie gewöhnlich und wir hörten gar nicht hin. Vielleicht, weil wir dort nie ganz zuhause waren, auch wenn wir nach Einnachten bei Bekannten sagten: Wir müssen jetzt nachhause, der Babysitter wartet. Der Hund muss dringend raus. Der Hase hat Hunger. Und dunkel ist es auch. Vielen Dank und ein ander Mal.
Das Radio spielte zum Beispiel Surfing in USA und wir waren schon dort. Keine Strandpromenaden im Kopf, keine Sehnsucht nach Shorts. Meine Frau war gedanklich gerade beim Reiten und ich machte eine Liste von Dingen, die ich vor der Rückreise in die Schweiz unbedingt noch tun wollte, dann aber verlegte und erst beim Auspacken am Zoll in Kloten wieder fand. Ja, ich habe diese Liste selber geschrieben und alles, was aufgelistet ist, ist wertlos.

Wieder im Binnenland gewannen die Strände an Bedeutung. Die Welt wurde groß, weil sie plötzlich wieder klein war. Ich dachte an haushohe Brandungen endlose Strände, leere Liegestühle. Ein Stück weißes Treibholz an der Küste Oregons. Wellen brachen über mir, während  ich anständig an der Kasse anstand und vor mir sprach einer überraschenderweise im selben Dialekt.
Als ich endlich bezahlen konnte, waren die Banknoten feucht und das Kleingeld fiel mir in die Ritzen des Förderbands. Ich entschuldigte mich bei der Person hinter mir, aber der Mann lächelte mich freundlich an, wartete gerne, war nicht von hier.

Seit wir wieder zurück waren, stand am anderen Ort die Zeit still. Die Nachrichtensendungen taten so, als fände dort alles auch ohne uns noch statt. Sogar unsere zurückgelassenen Freunde behaupteten, das Leben gehe weiter. Der Trennungsschmerz machte sie stur.
Aber wir wussten es besser. Gleich nach unserem Abflug von Washington hatte man den Flughafen geschlossen. Meiner ältesten Tochter war beim Check-In die Häufung von Männern in blauen Overalls aufgefallen, die in kleinen Grüppchen herumstanden und so taten, als würden sie rauchen, obwohl jeder wusste, dass dies ein rauchfreies Gebäude war.
Sobald wir an Bord der Maschine waren, wo sie sofort einen Film zeigten, damit niemand aus dem Fenster schaute, hatten sie mit der Endreinigung begonnen. Kurz danach war  alles versiegelt, der Tower antwortete nicht mehr und die Räumungsmannschaft war bereits in unauffälligen Lieferwagen auf dem Highway auf dem Weg zur Stadt, als wir vor Neuschottland über den Atlantik abdrehten.
Glauben Sie mir, dort ist unterdessen gar nichts mehr los. Jedenfalls nichts mehr, was mit Wirklichkeit zu tun hat. Höchstens noch ein kollektiver amerikanischer Traum, aus dem die Leute partout nicht erwachen wollen, wie man sie auch schüttelt. 

Eigentlich wusste ich nie, was wir an den USA so vermissten. Wenn wir dort unter uns waren, waren Leute dabei, zu denen wir nur ungern gehörten. In der Schweiz wurde es nicht viel besser. Wir führten den Hund spazieren und kamen an Gartentischen vorbei, an denen das ganze Quartier sich versammelt hatte. Fröhliches Lachen. Grillwürste. Nur die Kinder wuchsen noch. Der Rasen vor den Balkonen tat nur noch so, wusste aber genau, dass er nicht weit kommen würde. Manchmal rief jemand aus der Ferne an und sagte „Wir vermissen euch.“ Danke, wir uns auch. Und wie ist das Wetter?

Man kann nicht zurück. Und wir wollten auch nicht.  Jedenfalls nicht mit Möbeln, nicht mehr zu zweit und nicht mehr als Familie. Einzeln zu Besuch auch nur ganz kurz, um nachzusehen, ob noch alles fehlte. In der Regel genügte es uns, ab und zu alleine auf die Kiste zu sitzen, in der die Fotos lagen. Die Rockies im Sommer. Die Niagara Falls an ihrem gischtfreien Tag.
Jetzt lebe ich in einer wieder anderen Stadt, wo mir nach zweieinhalb Jahren vieles vertraut geworden ist. Ich bin in der zweiten Halbzeit. Der Schiedsrichter hat bereits die Pfeife im Mund. Pfeift er frühzeitig ab oder gibt es Freistoss, den ich bestimmt in den Nachthimmel jagen werde?
Ich kenne diesen Moment, wo man Mühe hat, sich vorzustellen, dass man eines Tages zum letzten Mal durch diese Strasse fährt, die von zuhause zur Arbeit führt, von der Arbeit nachhause.
Es geht alles sehr schnell. Man wacht auf, schläft ein, wacht auf. Dazwischen will wenig gelingen. Wahrscheinlich weil man nicht sorgfältig träumt. Man reißt alles nur an und lässt sich von Leuten ablenken, die sogar wach nicht sehr unterhaltend sind. Es sind immer dieselben. Man wird sich einfach nicht los.

Tel Aviv – Januar 2010

28. Juni 2010

Brautigans Schatten

28. Juni 2010

Wahrscheinlich gibt es das schon. Und ich sage nur „wahrscheinlich“, weil ich es nicht weiss und zu faul bin, mich kundig zu machen. Sicher gibt es das schon. Ein Museum für Schatten. Es gibt heute schon alles. Also ganz sicher auch ein Museum für Schatten. Mehrere davon. Wahrscheinlich sogar eine europäische Vereinigung der Schattenmuseen und eine Gewerkschaft der Schattenkuratoren. Ein linkes, lichtscheues Gesindel.
Was mir im Kopf herum geht, ist auch weniger ein Museum, in dem man  herumgehen könnte. Es ist mehr eine Werkschau des Lichts.
Was mir vorschwebt, ist leicht. Es trägt Züge eines Museums,  aber es ist mehr und etwas anderes, weniger und kostet keinen Eintritt.  In ein Museum werden Dinge gestellt, die es nicht mehr gibt, die selten oder besonders sind.  Schatten gibt es überall und immer wieder neue,  sogar im Nachtschattengewächshaus. Sie sind nichts Besonderes. Schatten werfen kann jeder. Es ist keine Garderobe, wo man Schatten abgeben kann, seinen und den seiner Begleiterin. Es ist auch kein Rückzugsraum, wo man sich neu sammeln kann, wenn die Polizei Schattenwerfer eingesetzt hat. Hör mit den Wortspielen auf.
Worauf ich hinaus will, ist ein dünner Ast. Richard Brautigan erzählt in einem seiner Bücher die Geschichte des Archivs unveröffentlichter Literatur. Autorinnen und Autoren können ihre vom Verlag zurückgewiesenen Manuskripte hinbringen. Sie werden dort freundlich in Empfang genommen, katalogisiert und sorgfältig aufbewahrt. Eine wunderbare Idee und ein echtes Bedürfnis.
Schatten werden in der Regel nicht zurückgewiesen. Sie landen auch nicht im Papierkorb, wenn man sie unaufgefordert schickt. Trotzdem scheint mir, es müsse etwas unternommen werden. Wie wäre es also, wenn ich ein Schattenarium eröffnen würde auf meinem Blog?
Ihr könntet mir Bilder von Schatten schicken, die ich ins Schattenarium stellen würde. Schatten von Menschen. Schatten von Tieren. Schatten von Pflanzen. Schatten von Dingen.
Brautigan würde sich freuen. Sein Schatten wurde viel zu früh genommen.

R., noch einmal davon kommend

26. Juni 2010