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Die Musik dort

29. Juni 2010

 (zur Erinnerung an einen Aufbruch)

Als wir noch im Land lebten, wo sie die Musik schreiben, klang sie gewöhnlich und wir hörten gar nicht hin. Vielleicht, weil wir dort nie ganz zuhause waren, auch wenn wir nach Einnachten bei Bekannten sagten: Wir müssen jetzt nachhause, der Babysitter wartet. Der Hund muss dringend raus. Der Hase hat Hunger. Und dunkel ist es auch. Vielen Dank und ein ander Mal.
Das Radio spielte zum Beispiel Surfing in USA und wir waren schon dort. Keine Strandpromenaden im Kopf, keine Sehnsucht nach Shorts. Meine Frau war gedanklich gerade beim Reiten und ich machte eine Liste von Dingen, die ich vor der Rückreise in die Schweiz unbedingt noch tun wollte, dann aber verlegte und erst beim Auspacken am Zoll in Kloten wieder fand. Ja, ich habe diese Liste selber geschrieben und alles, was aufgelistet ist, ist wertlos.

Wieder im Binnenland gewannen die Strände an Bedeutung. Die Welt wurde groß, weil sie plötzlich wieder klein war. Ich dachte an haushohe Brandungen endlose Strände, leere Liegestühle. Ein Stück weißes Treibholz an der Küste Oregons. Wellen brachen über mir, während  ich anständig an der Kasse anstand und vor mir sprach einer überraschenderweise im selben Dialekt.
Als ich endlich bezahlen konnte, waren die Banknoten feucht und das Kleingeld fiel mir in die Ritzen des Förderbands. Ich entschuldigte mich bei der Person hinter mir, aber der Mann lächelte mich freundlich an, wartete gerne, war nicht von hier.

Seit wir wieder zurück waren, stand am anderen Ort die Zeit still. Die Nachrichtensendungen taten so, als fände dort alles auch ohne uns noch statt. Sogar unsere zurückgelassenen Freunde behaupteten, das Leben gehe weiter. Der Trennungsschmerz machte sie stur.
Aber wir wussten es besser. Gleich nach unserem Abflug von Washington hatte man den Flughafen geschlossen. Meiner ältesten Tochter war beim Check-In die Häufung von Männern in blauen Overalls aufgefallen, die in kleinen Grüppchen herumstanden und so taten, als würden sie rauchen, obwohl jeder wusste, dass dies ein rauchfreies Gebäude war.
Sobald wir an Bord der Maschine waren, wo sie sofort einen Film zeigten, damit niemand aus dem Fenster schaute, hatten sie mit der Endreinigung begonnen. Kurz danach war  alles versiegelt, der Tower antwortete nicht mehr und die Räumungsmannschaft war bereits in unauffälligen Lieferwagen auf dem Highway auf dem Weg zur Stadt, als wir vor Neuschottland über den Atlantik abdrehten.
Glauben Sie mir, dort ist unterdessen gar nichts mehr los. Jedenfalls nichts mehr, was mit Wirklichkeit zu tun hat. Höchstens noch ein kollektiver amerikanischer Traum, aus dem die Leute partout nicht erwachen wollen, wie man sie auch schüttelt. 

Eigentlich wusste ich nie, was wir an den USA so vermissten. Wenn wir dort unter uns waren, waren Leute dabei, zu denen wir nur ungern gehörten. In der Schweiz wurde es nicht viel besser. Wir führten den Hund spazieren und kamen an Gartentischen vorbei, an denen das ganze Quartier sich versammelt hatte. Fröhliches Lachen. Grillwürste. Nur die Kinder wuchsen noch. Der Rasen vor den Balkonen tat nur noch so, wusste aber genau, dass er nicht weit kommen würde. Manchmal rief jemand aus der Ferne an und sagte „Wir vermissen euch.“ Danke, wir uns auch. Und wie ist das Wetter?

Man kann nicht zurück. Und wir wollten auch nicht.  Jedenfalls nicht mit Möbeln, nicht mehr zu zweit und nicht mehr als Familie. Einzeln zu Besuch auch nur ganz kurz, um nachzusehen, ob noch alles fehlte. In der Regel genügte es uns, ab und zu alleine auf die Kiste zu sitzen, in der die Fotos lagen. Die Rockies im Sommer. Die Niagara Falls an ihrem gischtfreien Tag.
Jetzt lebe ich in einer wieder anderen Stadt, wo mir nach zweieinhalb Jahren vieles vertraut geworden ist. Ich bin in der zweiten Halbzeit. Der Schiedsrichter hat bereits die Pfeife im Mund. Pfeift er frühzeitig ab oder gibt es Freistoss, den ich bestimmt in den Nachthimmel jagen werde?
Ich kenne diesen Moment, wo man Mühe hat, sich vorzustellen, dass man eines Tages zum letzten Mal durch diese Strasse fährt, die von zuhause zur Arbeit führt, von der Arbeit nachhause.
Es geht alles sehr schnell. Man wacht auf, schläft ein, wacht auf. Dazwischen will wenig gelingen. Wahrscheinlich weil man nicht sorgfältig träumt. Man reißt alles nur an und lässt sich von Leuten ablenken, die sogar wach nicht sehr unterhaltend sind. Es sind immer dieselben. Man wird sich einfach nicht los.

Tel Aviv – Januar 2010

28. Juni 2010

Brautigans Schatten

28. Juni 2010

Wahrscheinlich gibt es das schon. Und ich sage nur „wahrscheinlich“, weil ich es nicht weiss und zu faul bin, mich kundig zu machen. Sicher gibt es das schon. Ein Museum für Schatten. Es gibt heute schon alles. Also ganz sicher auch ein Museum für Schatten. Mehrere davon. Wahrscheinlich sogar eine europäische Vereinigung der Schattenmuseen und eine Gewerkschaft der Schattenkuratoren. Ein linkes, lichtscheues Gesindel.
Was mir im Kopf herum geht, ist auch weniger ein Museum, in dem man  herumgehen könnte. Es ist mehr eine Werkschau des Lichts.
Was mir vorschwebt, ist leicht. Es trägt Züge eines Museums,  aber es ist mehr und etwas anderes, weniger und kostet keinen Eintritt.  In ein Museum werden Dinge gestellt, die es nicht mehr gibt, die selten oder besonders sind.  Schatten gibt es überall und immer wieder neue,  sogar im Nachtschattengewächshaus. Sie sind nichts Besonderes. Schatten werfen kann jeder. Es ist keine Garderobe, wo man Schatten abgeben kann, seinen und den seiner Begleiterin. Es ist auch kein Rückzugsraum, wo man sich neu sammeln kann, wenn die Polizei Schattenwerfer eingesetzt hat. Hör mit den Wortspielen auf.
Worauf ich hinaus will, ist ein dünner Ast. Richard Brautigan erzählt in einem seiner Bücher die Geschichte des Archivs unveröffentlichter Literatur. Autorinnen und Autoren können ihre vom Verlag zurückgewiesenen Manuskripte hinbringen. Sie werden dort freundlich in Empfang genommen, katalogisiert und sorgfältig aufbewahrt. Eine wunderbare Idee und ein echtes Bedürfnis.
Schatten werden in der Regel nicht zurückgewiesen. Sie landen auch nicht im Papierkorb, wenn man sie unaufgefordert schickt. Trotzdem scheint mir, es müsse etwas unternommen werden. Wie wäre es also, wenn ich ein Schattenarium eröffnen würde auf meinem Blog?
Ihr könntet mir Bilder von Schatten schicken, die ich ins Schattenarium stellen würde. Schatten von Menschen. Schatten von Tieren. Schatten von Pflanzen. Schatten von Dingen.
Brautigan würde sich freuen. Sein Schatten wurde viel zu früh genommen.

R., noch einmal davon kommend

26. Juni 2010

Der Tod in Tel Aviv

22. Juni 2010

Er sammelt die Schatten ein.
Ich habe ihn zweimal gesehen.

Einmal als Taxifahrer. Sein Arm hing
an der Kreuzung aus dem Fenster.
Beiläufig griff seine Hand nach dem Schatten
auf der Türe und zerknüllte ihn.
Als die Ampel auf Grün sprang, warf er ihn weg.

Das zweite Mal sass er am Strand
in Gestalt eines Kindes.
Er klaubte den Schatten aus Muscheln
und warf ihn ins Meer.

Er sammelt die Schatten ein.
Er mag es nicht, wenn man ihm
zuschaut dabei.

II

20. Juni 2010

Beim ersten Aufschlagen des Buchs sofort das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Wie auch nicht. Schon wieder ein Buch, das mit dem zweiten Kapitel beginnt.
Wahrscheinlich auch diesmal eine Botschaft des Autors, der uns mitteilt, dass unsere Geschichten keinen Anfang mehr haben. Wir sind plötzlich mittendrin, von was auch immer, und möchten möglichst rasch wieder raus. Oder wir stellen mit Entzücken fest, dass es uns hier gefällt, und möchten eigentlich gerne wissen, wie wir hierher gekommen sind, oder was dieses Glück so getrieben hat, bevor es bei uns vorbeischaute. Aber wir haben den Anfang verpasst.
Vielleicht hat die Autorin aber auch ganz einfach Mühe mit Anfängen. Ganz besonders bei dieser Geschichte. Sie sitzt uns gegenüber, reibt sich die Hände und ringt um Worte. Ich weiss gar nicht, wo ich jetzt beginnen soll. Noch einen Tee vielleicht? Sie möchte niemanden langweilen, indem sie zu weit ausholt. Es soll uns wohl sein beim Zuhören. Zwei oder ein Zucker? Noch ein Stück Vorwort vielleicht?
Wer weiss so genau, wo etwas wirklich beginnt? Anfänge sind oft fein gesponnen und bleiben lange unsichtbar, wenn dünne Fäden zwei Schicksale zu verbinden beginnen.
Aber darf man sie deswegen ganz weglassen, wenn man die Geschichte erzählt? Die Mitte bietet sich für Kürzungen meist eher an, während das Ende unvermeidbar ist: Sogar wenn man keines schreibt, hören Text und Geschichte irgendwann auf.
Nun kann man das natürlich auch über den Anfang sagen. Auch wenn man keinen schreibt, beginnt der Text und mit ihm die Geschichte. Aber warum dann die Überschrift „II“?
Dass vorher meistens etwas war, wissen wir. Selten kommt etwas aus dem Nichts. Nichts schon gar nicht. Wo hätte es sich dort verstecken sollen?
Wir waren vorher alle irgendwo, mit irgendetwas beschäftigt. Wir wären unter Umständen gerne länger geblieben, aber irgendwann hatten wir anderes vor oder mussten die letzte Fähre erwischen, es tat uns leid.
Mag sein, dass es lediglich ein unentschuldbares Versehen der Druckerei war. Oder eine unselige Verkettung von sträflichen Schlampereien im Innern des Verlages, die damit endete, dass ein Buch in die Handlung kam, bei dem das erste Kapitel fehlt. Obwohl der Autor darin den ganzen Roman wunderbar angelegt hatte, die Autorin endlich einmal einen Anfang gefunden hatte, der nichts versprach und später alles halten würde.
Der Verlag hat sofort einen Rückruf lanciert.
„Kundinnen und Kunden, die ein Exemplar von Josip Sternhändlers Roman „Winkelwälder“ gekauft haben, das mit dem zweiten Kapitel beginnt, werden gebeten, das Buch in einer Buchhandlung ihrer Wahl umzutauschen. Für Stimmungen und Vorstellungen, die wegen dem Nichtvorhandensein des ersten Kapitels aufgekommen oder entstanden sein könnten, lehnen Autor und Verlag jede Verantwortung ab.“
Dafür war es aber zu spät.  Die Verunsicherung treibt Blüten und Leute wie ich möchten das erste Kapitel auf keinen Fall nachgeliefert. Noch  möchten wir das Gefühl, etwas verpasst zu haben, missen. Auch Gefühle, die trügen, können tief empfunden sein.
Einiges von dem, was wir verpasst haben, möchten wir nicht nachholen müssen, und vieles ist, seien wir ehrlich, ganz einfach vorbei. Manchmal ist etwas aber erst dann wirklich vorbei, wenn wir uns dem Glauben hingeben wollen, wir hätten es besser auskosten können und müssen.

Ab und zu muss es uns auch über die Zukunft hinwegtrösten, dieses Gefühl, etwas verpasst zu haben. Wenn vielleicht etwas hätte möglich werden können, was wir vermutlich gerade definitiv vermasselt haben. Es ist fast schon unglaublich, wie geschickt und hartnäckig wir uns hin und wieder selber im Weg stehen. Andere lachen später, wenn wir es ihnen erzählen. Oder sie schütteln den Kopf und finden ausser „schade“ keine anderen Worte für uns.
Und sie haben natürlich recht damit. Ein leises Bedauern reicht vollständig. Belehren oder beraten muss man uns nicht. Nur wir wissen, wie man so dumm sein kann, so etwas Schönes nicht einmal beginnen zu lassen. Melde Dich trotzdem, Glück, wenn Du mal wieder in der Gegend bist. Wahrscheinlich sind wir noch da.

What we get used to

28. Mai 2010

Everybody always says how great it is that human beings are so adaptable, but I don’t know. In Istanbul, a friend of mine saw a man walking down the street with a grand piano on his back. Everyone just moved around him and kept going. It’s awful, what we get used to.

Tobias Wolff (Next Door)

Mein Haubenwellensittich

29. März 2010

Jeden Morgen erwache ich in einen Konflikt. Eigentlich glaube ich zu wissen, dass es verschiedene Konflikte sind, und man erwartet von mir mit einem gewissen Recht, dass ich sie unterscheiden kann, aber langsam kommen Zweifel in mir auf, und ich muss mich immer mehr dagegen wehren, ins Grübeln zu kommen, ob es sich um einen einzigen Konflikt handeln könnte.
Bezeichnenderweise kommen diese Zweifel nicht beim Erwachen auf. Wenn ich erwache, steht der Nahostkonflikt klar im Vordergrund und verdrängt noch beim Frühstück alles andere, den Geruch des Kaffees, die Konfitüre und sogar die Sportberichte. Auch im Büro bleibt für andere Konflikte zunächst wenig Raum. Die Zeitungen, das Internet und meine Mailbox sind schon am frühen Morgen voll von Berichten über den Nahostkonflikt, während meine anderen Konflikte abgesehen von meinem Freundeskreis, der sich wegen der Zeitverschiebung noch eine Stunde Schlaf gönnt, niemanden interessieren, wofür ich dankbar bin.
Am Abend kann das anders sein. Am Abend kann ich mir vorstellen, mir einen Vogel zu kaufen. Ich stelle mir dann zum Beispiel einen Haubenwellensittich vor. Sie sollen gesprächsbereit sein, wenn man sie von früh auf und alleine hält, weil sie einem dann als etwas gross geratenen Sittich erkennen, der zwar die Sprache schlecht spricht, sich aber hörbar Mühe gibt.
Im Internet findet man Seiten, die Haubenwellensittiche samt Zubehör anbieten. Ich bin noch nicht auf eine dieser Seiten gegangen, weil ich es an meinen sittichfreundlichen Abenden noch nie bis zum Entschluss gebracht habe, mich über die zum Erwerb eines solchen Vogels notwendigen Schritte zu informieren. Das Zubehör verunsichert mich ausserdem. Kommt der Vogel mit Ersatzflügeln?
Das wahrscheinlich Schönste an einem Haubenwellensittich wäre seine vielgepriesene Gesprächsbereitschaft.  Er könnte mir als lebendes Beispiel für Lösungsansätze im Nahostkonflikt dienen, indem ich zeigen könnte, dass er mit mir zu sprechen bereit ist, obwohl ich weder Flügel habe noch ihm sonst irgendwie ähnlich bin. Ich bin frei und halte ihn gefangen und trotzdem spricht er mit mir. Er ist von mir abhängig und weiss trotzdem, dass ich ihn bewundere. Manchmal kratzt er  mich mit seinem Schnabel fast zärtlich an der Nase.
Auch der Haubenwellensittich könnte nicht alle meine Konflikte lösen, ich weiss. Wahrscheinlich nicht einmal meinen einzigen. Ich stelle es mir trotzdem schön vor, ihn als Gefährten zu haben. Er wäre mir mehr als ein Haustier. Jemand, der da ist, wenn ich von meinem Konflikt und mit meinen Konflikten nachhause komme.  Er müsste mich nicht einmal fragen, wie mein Tag war. Es würde mir reichen, glaube ich, wenn er da wäre am Morgen, wenn ich in meine Konflikte erwache, und immer noch da am Abend, wenn ich nachhause käme.
Ab und zu würde ich ihn fragen, ob er wegfliegen würde, wenn ich tagsüber seine Käfigtüre und ein Fenster offen liesse. Wegfliegen und nie mehr wiederkehren, mir und meiner Konflikte überdrüssig. Dann würde er den Kopf vorneigen und mich ganz leicht an der Nase kratzen.

Treviso

24. Januar 2010

Die Ziegel stammen aus Treviso. Sie versuchen, diskret zu sein, aber sie sind etwas aufdringlich, vor allem im Sommer.  Es gelingt mir nicht, auf einen Stuhl auf meiner Terrasse zu sitzen und den Kopf in den Nacken zu legen, ohne den Schriftzug zu lesen. Ich war noch nie in Treviso, was mir aber vermutlich nicht geschadet hat, denn es soll sich von je her um eine undankbare Stadt gehandelt haben.
Obwohl sie 1164 von Barbarossa den Status einer reichsfreien Stadt erhielt, hat sie sich kurz danach von ihm ab und seinen Feinden zugewendet. Barbarossa musste seine Gemahlinnen danach anderswo umbringen und Treviso erlebte in der Folge seine Blütezeit. Der Herrschaftsbereich wurde ausgedehnt und die Stadt ausgebaut, hauptsächlich mit Ziegeln. Die trevisischen Dachdecker waren dermassen geschickt und schnell, dass die Maurer und Zimmerleute nicht mehr nachkamen. Ein Teil des neu erworbenen Herrschaftsgebietes von Treviso bestand in den nächsten 175 Jahren vor allem aus flachen Ziegeldächern, die gespreizt und giebellos auf dem eroberten Boden lagen. Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen, weil  die neuen Untertanen sich bald beschwerten und nach Herren Umschau hielten, die Unterstand anbieten konnten. Treviso verlor nach und nach seinen Einfluss auf die Landschaft und musste sich 1339 in den Schutz von Venedig begeben, mit dem es seither einigermassen solidarisch untergeht.
1797 übernahmen die Österreicher die Macht in Treviso und gaben sie erst 1866 wieder zurück. Vorherige Anfragen waren jeweils mit dem Bescheid abschlägig beantwortet worden, man könne Ziegelfabriken nicht an ein Fürstentum zurückgeben und warte auf die Entstehung eines italienischen Nationalstaates.  Aber wie gesagt, ich war nie selber dort und man müsste das alles einmal nachprüfen.
Hingegen war ich in Teheran und in Berlin. Von allen drei Städten hat mir Teheran am besten gefallen. Der damalige Staatspräsident galt im Westen als liberal, bis ihm jemand ein Wörterbuch schenkte.  Heute ist alles komplizierter und undurchsichtiger. Der Nachfolger des Nachfolgers des damaligen Präsidenten bedroht den Staat, in dem ich momentan lebe, mit Vernichtung, und ich bin der einzige hier, der nach Berlin ausweichen könnte.

Das Gürtelrüss

16. Januar 2010

Das Gürtelrüss gehört zur sozialzoologisch schwer fassbaren Familie der Limbobilen und wirkt meistens abwesend bis apathisch. Es kann praktisch überall überleben, wo genügend Pausen gewährt werden und der Leistungsdruck nicht zu hoch ist. Für die Nahrungsaufnahme zieht es sich in verborgene Winkel zurück. Da seine Verdauung die Nahrung restlos absorbiert und verwertet (mit Ausnahme eines nach frischen Ledergurten riechenden Gases, welches es zwei Tage nach der Mahlzeit durch seinen kurzen Rüssel abgibt) und man somit auch nicht aufgrund von Kotfunden Rückschlüsse auf  seine Nahrung ziehen kann, ist bis heute nicht bekannt, wovon sich das Gürtelrüss ernährt.  Gürtelrüsse sind trotz ihrer zur Schau gestellten Teilnahmslosigkeit im Grunde sehr gesellige Tiere. Am liebsten spielen sie Domino oder einfache Versionen von Trivial Pursuit mit ungefähr gleichgrossen Tieren, die sie in den letzten Ferien kennengelernt haben.  Wenn ein Gürtelrüss ein Spiel gewinnt, kann es ohne weiteres  die ganze Nacht durchtanzen und den unterlegenen Spielgefährten am nächste Morgen geduldig und hingebungsvoll das Fell lecken. Forscher haben daraus den Schluss gezogen, dass die oberflächliche Apathie dem Gürtelrüss lediglich zur Tarnung dient, um auf uninteressante Zeitgenossen langweilig zu wirken und sie zum Weitergehen  zu veranlassen.

(zitiert aus Walters Tierleben, 4. Auflage, Hirnfort am Main, 1975)