EDA-Medienseminar

10. Januar 2010

Die Phlunx

9. Januar 2010

Die Phlunx stammt mit grosser Wahrscheinlichkeit aus Ägypten, wo sie Jahrhunderte damit verbrachte, Pyramiden und Pharaoen zu bestaunen, bis die  zuvor schon durch permanente Nichtbeachtung stark reduzierten Restbestände der sehr sensiblen Spezie im dritten Jahrhundert nach Christus  innerhalb weniger Wochen dahingerafft wurden – vermutlich von einer Allergie gegen die Dämpfe der Balsamierungsöle. Phlunx (seit dem Aussterben in der Einzahl und der Mehrzahl gleich geschrieben) sind insofern ein äusserst rares zoologisches Phänomen, als nur Weibchen nachgewiesen werden können. Die Phlunxforschung steckt noch in den Kinderschuhen, es wird aber vermutet, dass es ursprünglich auch männliche Phlunx gegeben haben muss. Diese hätten wegen ihres stärker ausgebildeten Egos die ihnen entgegengebrachte Nichtbeachtung schlechter ertragen als die Weibchen, ihr Staunorgan sei deshalb rasch verkümmert und sie seien ohne Bestätigung durch ihre Umwelt jeweils kurz nach der Geburt weggestorben.

(zitiert aus Walters Tierleben, 4. Auflage, Hirnfort am Main, 1974)

Anstelle eines Schlafliedes

8. Januar 2010

(von Janet McCann aus: „Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“, 1996, Avisson Press)

Ich lasse Schlaf
aus seinem Verschlag.
Er rennt über den Hof
klettert am Baum hoch
der Dein Fenster verdunkelt
klammert sich an der Unterseite
des dicksten Astes fest.

Ich rufe und rufe
er gräbt seine Nägel ein
und übernimmt den Baum.
Sein blauer Schatten wächst
den Stamm hoch. Meine Stimme
wird schwächer.

Das Heul

8. Januar 2010

Das Heul wird bisher erst vermutet, hauptsächlich aufgrund verschiedener, keiner bekannten Gattung zuordnungsbaren Funde von  versteinerten Tränen aus dem frühen Meso-Tristikum (3500-1800 vor Trost). Schon einige Male glaubten Forscher, das Heul anhand von Knochenfunden eindeutig bestimmen und seine Existenz endlich wissenschaftlich nachweisen zu können. Zuletzt weckte der australische Tristologe Bernard Loggins im Jahr 2007 Hoffnungen in der Forschergemeinde, als er behauptete, mit dem Heul direkt verwandte lebende Abkommen dieses sagenumwobenen Weinlings entdeckt zu haben. Leider stellte sich rasch heraus, dass es sich um gewöhnliche, wahrscheinlich durch Touristen aus Neuseeland eingeführte Schluchzer handelte, die in den Vororten von Sydney die Abfalleimer nach  Kitschromanen durchwühlten.

Rückwärts gleitend

8. Januar 2010

(von Janet McCann aus: „Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“, 1996, Avisson Press)

Das Ganze hat etwas
Trauriges an sich, das sich wiederholt.
Wie der geschiedene Vater:
Holt jeden Sonntagmorgen
seine Tochter ab und bringt sie
um fünf Uhr zurück.

Den ganzen Nachmittag verbringen sie
im Park. Der Ententeich, die Strassen der Stadt.
Er gibt sich Mühe, die Blondinen
und das Büro zu verdrängen
und es gelingt ihm nicht.  Und sie,
ihm gegenüber sitzend in der Eisbude,
die um vier Uhr schon fast ausgestorben ist,
denkt an den Winter, den sie noch
zusammen verbrachten,
als er ihr Schlittschuhe schenkte,
wie sich die Kälte in ihrer Brust verfing,
wie ihr Xylophon klang, und wie die dünnen grauen
Spuren auf dem Eis
rückwärts gleitend zeigten wo sie war.

Filmsequenz

7. Januar 2010

Ein von einem alten Mann
vom Boden aufgehobener und am
Ärmel einer abgenutzten Jacke
glänzig geriebener Apfel…

Es ist Winter der Film alles andere
als rührend und der Schauspieler vermutlich
längst gestorben und trotzdem
kann ich schon wieder nicht verhindern
dass mir eine Träne in den Abspann
tropft

wahrscheinlich bin ich
ohne es zu merken
alt und vergänglich geworden

Ein Gedicht mit vierzehn Jahren Verspätung

4. Januar 2010

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, in welchem Zusammenhang ich Janet McCann kennengelernt habe. Es muss etwas mit einer Lesereise von Corinne Desarzens im Südosten der USA zu tun gehabt haben, Mitte der Neunzigerjahre, denn das Gedicht von Janet, das ich vor vielen Jahren übersetzt habe und das heute (warum heute?) völlig unerwartet aus den Tiefen des Speichers meines Computers aufgetaucht ist wie ein Pottwal, ist auf einem Brief abgespeichert, der an Corinnes Adresse in der Schweiz  adressiert ist. Ich weiss nicht einmal mehr, ob ich den Brief je ausgedruckt und abgesandt habe. Sollte ich es tatsächlich unterlassen haben, so tut es mir leid, Corinne.
Ich erinnere mich an ein Haus mit einem verwilderten Garten, vielleicht  in North Carolina, an ein paar Katzen, die da waren oder auch nur in meiner Erinnerung herumstreunen, und an eine ältere, sehr sympathische Frau, voll menschlicher Wärme und mit einem Sinn für Vergänglichkeit , der die Hitze des Nachmittags erträglich machte. Ich könnte sie weder malen noch beschreiben, aber ich weiss noch ganz genau, wer sie war.
Corinne muss sie entweder schon gekannt oder an der gemeinsam besuchten Konferenz kennengelernt haben.  Wir tranken etwas Kühles, von Janet selbst  Gepresstes, und sprachen über die verschiedensten Dinge, aber eigentlich immer über Gedichte.
Beim Abschied schenkte mir Janet  ein Exemplar ihres Gedichtbandes „Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“.
Corinne und ich waren so begeistert von Janets Gedichten, dass wir  beschlossen, sie auf Französisch und Deutsch zu übersetzen und zu versuchen, sie in einer zweisprachigen Edition zu publizieren.
Ich habe später  tatsächlich ein halbes Dutzend der Gedichte auf Deutsch übersetzt, und ich nehme an, Corinne hat dasselbe auf Französisch getan, oder zumindest den guten Vorsatz lange Zeit wie eine kostbares Amulett auf sich getragen.
Das Vorhaben allein war etwas Wertvolles, und wir wissen alle, wie es mit solchen Plänen geht. Auch Janet wusste es, und ist, wie ich sie in Erinnerung habe, sicher nicht allzu sehr enttäuscht, dass alles, was aus der schönen Idee geworden ist, ein einziges Gedicht von ihr ist, das mit vierzehn Jahren Verspätung auf einem Blog auftaucht.

Dialog mit dem Hundefänger

von Janet McCann („Looking for Buddha in the Barbed-Wire Garden“, 1996, Avisson Press)

Ich sage: Sohn
lass uns diese Zwei besprechen
wenn Du in der dritten Klasse Zweier kassierst
kannst Du die Uni vergessen.

Er sagt: iss schon in Ordnung, Ma.
Ich werde nicht an die Uni gehen
ich werde Hundefänger.

Ich schaue ihn an und will
schon sauer werden
aber es ist ihm ernst.

Um Hundefänger zu werden, sagt er,
muss man nicht an die Uni
Grundschule reicht
aber eigentlich möchte ich
gleich anfangen.

Keiner will der Hundefänger sein
sage ich – es ist ein
scheusslicher Job.
Du jagst Hunde
und sperrst sie ein
und wenn keiner sie abholt
schleppst Du sie in den Hof
und knallst sie ab

Ich nicht, sagt er,
ich werde die Hunde
die ich erschiessen müsste
nachhause nehmen
in dieses alte Haus
draussen auf dem Land
das ich für mich und die Hunde
kaufen werde

Genau deshalb werde ich
der Hundefänger sein.

Das kannst Du nicht machen, sage ich
auch wenn es dagegen kein Gesetz gibt
Du wirst kranke und verletzte Hunde fangen
die Du töten musst.

Ich werde sie heilen, sagt er
Um das zu tun, sage ich
musst Du Tierarzt sein.
Um Tierarzt zu werden
brauchst Du Sechser.

Es werden Hunde sein, sagt er
um die sich keiner kümmert.
Sie werden nicht wissen
ob der, der sie heilt
Tierarzt ist oder nicht.

Also ist ja egal, sage ich
es geht einfach nicht, dass Du
Zweier nachhause trägst.
und wir verbringen die nächste
halbe Stunde mit Multiplikationen.
Ich stelle fest, dass ich 6 x 12
nicht mehr zusammenkriege
und er geht zu Bett

In dieser Nacht träume ich
dass er mit einem alten
blauen Lieferwagen neben mir anhält.
Sein Ausweis ist über dem
Innenspiegel befestigt
in einem goldenen Rähmchen
mit amtlichem Stempel: das H
steht für Hundefänger

Er ist vielleicht 40
trägt eine schluddrige Jacke
die Ellbogen durchgescheuert.
Ein paar Kilos zuviel aber immer noch
dasselbe Lächeln.
Der Vordersitz übersät  von
Bierdosen & Milkyways.
Was ist mit Deinem Sonntagsanzug passiert
sage ich

Er fährt mich zu sich nachhause
in eine Plantagenruine
am Mississippi.
Zuerst sehe ich das Dach
durch das Laubwerk
dann das ganze Haus.

Es ist ein gewaltiger Trümmerhaufen
von Goldruten eingenommen
die Hälfte der Wände fehlt
hunderte von Zimmern an der frischen Luft
und die ausgekehlten Säulen abgebrochen
Wendeltreppen führen hinauf
ins Nichts

und all diese Hunde!
Baster und Windhunde
Dackel und Dobermänner
Bassets und Schäferhunde
Retriever und dort noch ein Halbwolf
der in den Kletterpflanzen
herumstöbert

Hunde in allen Zimmern
auf den Treppen
und rund ums Haus

Mein Gott, sage ich

Sie schauen alle zu ihm hoch
und tausend Schwänze wedeln.

Hier sind alle Hunde, sagt er
die keiner will.
Aber ich muss mich ranhalten.
Alle paar Minuten
wird jemand einen los
setzt ihn am Strassenrand aus
oder wirft ihn dem Nachbarn
über den Zaun.

Es ist kein einfacher Job
der Hundefänger zu sein.

Die Morgendämmerung weckt mich
in ein kleines Zimmer
Schulbuch im Staub

Für den Fall, dass…

31. Dezember 2009

…  irgendwo da draussen die Frage auftauchen sollte, ob es diesen Blog nun wirklich auch noch gebraucht hat, kann ich nur sagen: nein, wahrscheinlich nicht.

Dann kommt mir aber das Vorwort zu Dylan Thomas‘ wundervollem Buch „Selected Poems“ in den Sinn, in dem er von einem alten Schafhirten erzählt, der jedes Mal beim Einnachten Kräuter über sein Feuer streute, um durch den farbigen Rauch um Schutz für seine Schafe zu bitten. Als er einmal gefragt wurde, ob er denn daran glaube, dass diese Handlung irgendetwas bewirke, antwortete er:  „Ich weiss es nicht, aber ich wäre ein verfluchter Narr, wenn ich es nicht tun würde.“

Der schönste Satz des Jahres 2009

31. Dezember 2009

“The tiniest sound in the world is the sound of love forming with no complication.”

(7-year-old American boy in a Poetry Workshop)

Der Flotter

30. Dezember 2009

Der Flotter ist trotz seiner eindrücklichen Physis ein herbstaktives Laubtier. Die anderen drei Viertel des Jahres schläft er, ohne eine Adresse zu  hinterlassen. Flotterweibchen tragen ihren Nachwuchs fast 14 Monate. Die jungen Flotter können schon unmittelbar nach der Geburt schlafen. Einmal geworfen, kümmern sich nur noch die Männchen um die jungen Flotter, die deshalb oft schlecht angezogen und ungewaschen wirken.

Ursprünglich aus Zentralostien stammend, sind die Flotter vermutlich
vor rund zweitausend Jahren über die Beerenstrasse nach Alaska gewandert. Von dort sind sie über Umwegen, von denen sie gerne erzählen, bis nach Michigan gelangt, wo sie noch heute eine kleine, sehr kinderfreundliche Pension führen.

(aus Walters Tierleben, 12. Ausgabe, Hirnfort am Main, 1973)