Archive for Juli 2010

Irgendwo zwischen Berlin und Mai 2010

31. Juli 2010

Timetable (Günter Eich)

22. Juli 2010

Diese Flugzeuge
zwischen Boston und Düsseldorf.
Entscheidungen aussprechen
ist Sache der Nilpferde.
Ich ziehe vor,
Salatblätter auf ein
Sandwich zu legen und
Unrecht zu behalten.

ET und seine Freunde, Negev, April 2010

17. Juli 2010

Attila die Nonne, 2. Kapitel

17. Juli 2010

(Wie Attila am Morgen nach den Verhandlungen, von denen er gar nichts wusste, wieder erwachte und sich die Reiter vor seiner Jurte versammelt hatten)

Als er wieder erwachte. Als er wieder erwachte, hatten sich die Reiter vor seiner Jurte versammelt. Die Pferde weideten und machten insgesamt einen ruhigen Eindruck. Gesammelt. Aufbruchbereit. Gefasst. Die Männer standen in kleinen Gruppen um ihre Lagerfeuer, kauten Kautabak und machten schon einmal auf furchteinflössend. Hagere, muskelbepackte Kerle, die vier Monate ohne Sex, zwei Wochen ohne Nahrung, acht Tage ohne Wasser und vier Tage ohne Schlaf auskommen konnten, ohne schlecht übereinander zu reden oder die Gewerkschaft einzuschalten. Sie waren Söhne des Windes.
Sie hatten sich die Schädel rasiert und nur am Hinterkopf einen einsamen, dünnen Zopf stehenlassen, der beim wie-ein-trockener-Wind-über-die-Steppen-Reiten im Genick flattern würde. Ein Flattern, das jeweils in die Richtung weisen würde, aus der sie gerade kamen.
Es wurde kaum gesprochen. Höchstens daran, dass ab und zu einer unvermittelt loslachte, hätte ein aufmerksamer Zeuge der Szenerie erahnen können, dass sich hier etwas anbahnte, worüber sich später zu berichten lohnen würde. Was sich hier zusammenbraute war ein Sturm. Ein gewaltiger Sturm, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte und kein zweites Mal sehen würde. Ein grossflächiger Sturm. Einer, vor dem es kein Entrinnen geben würde. Ein kaum lenkbarer, den zu lenken er auserkoren worden war. Er, Attila. Sohn einer Sanftmütigen und eines Zauderers. Keine 17 Jahre alt. Ein ungeschliffener Teig. Ein Gedichte lesender Gelegenheitsplünderer. Ein notgedrungener Rohling. Ein so nie gemachtes Versprechen. Ruhig wie ein Stein.

Irgendwo in Barcelona, September 2009

17. Juli 2010

Atilla die Nonne (oder die Hunnen kommen)

17. Juli 2010

oder:

Attila die Hunne
oder die Nonnen kommen

oder:

Irgendwann wird vielleicht
irgendjemand kommen
wenn er nicht unterwegs
aufgehalten wird
von irgendetwas
oder irgendwem
und wenn er überhaupt losgeritten ist
der Depp

1. Kapitel: Vor langer, wirklich langer Zeit
(Wie Attila vermittelt wurde, obwohl er den Agenten gar nicht kannte, und wie er in Null Komma Nichts seine schrecklichen Horden mobilisierte)

Attila verdiente zu seinen besten Zeiten bei den Hunnen rund zwei Millionen Euro pro Monat (kaukraftbereinigt). Dank seinem Agenten, von dem heute keiner mehr spricht. Der soll damals bei den zähen Vertragsverhandlungen mit dem Rat der Ältesten gesagt haben: „Und von wem wird man später reden, wenn das Unternehmen in die Hose geht, hä? Von den stinkenden Reitern, die nichts anderes können, als fluchen, dreinschlagen, vergewaltigen und während dem Reiten ihre Notdurft verrichten? Von Lema dem Lästerer, Bulla dem Beulenbeisser, Fonda dem Furzer, Nila dem Nasenborer und wie sie alle heissen? Also.“
An dieser Stelle soll er einen Schluck Bier genommen haben oder etwas, was ähnlich aussah und kräftiger roch, damit seine Worte einsickern konnten in die von ihm als dumpf eingestufte Psyche seiner Zuhörer. „Von ihm wird man reden. Sein Ruf wird auf alle Zeiten versaut sein, wenn das Ding schiefläuft. Attila der Hunne wird als der Inbegriff des ruchlosen Plünderers gelten. Sein Name wird auf Generationen hinaus ruiniert sein und kein Schwein wird mehr danach fragen, ob er in seiner Freizeit Gedichte las und mit Steinen sprach. Sie wissen doch, dass mein Mandant mit Steinen spricht, oder?“
Der Rat der Weisen wusste es nicht. Wollte es auch nicht wissen. Man wollte ganz einfach den besten Profi an Land ziehen, der für das geplante Unternehmen auf dem Markt erhältlich war. Es spielte keine Rolle, ob man ihn zuerst aus einem bestehenden Vertrag freikaufen musste, ob man ihm ein Gehalt garantieren musste, das man gar nicht bezahlen konnte. Ob man ihm eine horrende Gewinnbeteiligung (er würde alles erhalten), eine vergoldete Invaliditätsrente, eine Rolex für seinen schwachsinnigen Bruder und eine Ausstiegsklausel im Falle eines besseren Angebots einer von ihm angegriffenen Macht zubilligen musste. Das alles und alles andere, woran der findige Agent gerade dachte und es auch sogleich in die grimmige Runde um das Lagerfeuer warf, während Attila draussen in der nächtlichen Steppe sass und mit einem Stein sprach (zum Lesen eines Gedichtes reichte das Mondlicht nicht aus), spielte absolut keine Rolle. Sie wollten den top guy, den Supermacho, den geborenen Leader. Sie wollten den, dem Firo der Fackler, Tula der Tinkerer, Rawu der Rülpser und wie sie alle hiessen bedingungslos folgen würden. Sie wollten den ultimativen Vorreiter. Den Alphagaloppierer. Den Megabrandschatzer. Den Gigaabräumer. Sie wollten Attila. Und sie würden ihn kriegen.
Sie hörten dem Agenten geschlagene zwei Stunden zu, ohne auch nur auf eines seiner Argumente einzugehen. Sie liessen ihn reden und reden und reden, bis er sich den Mund fusselig geredet hatte und nicht mehr reden mochte. Dann schlug ihn der Älteste der Alten mit einem leergetrunkenen Bierkrug bewusstlos und als er wieder zu sich kam, fragten sie ihn: „Was willst Du“?
„Zwei Millionen Euro pro Monat“, sagte der Agent und rieb sich den Schädel. Blut rann ihm über das Gesicht. „Jeweils Mitte des Vormonats auf ein Konto in Zürich einbezahlt.“ Sein Blut. Sein Blick war verschwommen. Aber er wusste: Er hatte gewonnen. Er hatte sie genau dort, wo er sie wollte, diese dumpfen Barbaren.
Der Rat der Alten hatte mit Monaten und Konti nichts am speckigen Fellhut, aber alle waren müde, der Morgen nahte bereits und man willigte ein.
Als es tagte, gab Attila seine drei Gedichtbücher seinem Halbbruder, Beda dem Beduselten, zur getreulichen Aufbewahrung, verabschiedete sich von den lokalen Steinen und sattelte sein Pferd. Er wusste nichts von der vereinbarten Summe. Er wusste nichts von den Prämien und der Rolex seines Bruders. Auch sein Bruder würde nie davon erfahren. Hätte auch die Zeit nicht ablesen können. Attila wusste nicht einmal etwas von den zähen und am Ende erfolgreichen Verhandlungen seines Agenten. Wenn er davon und von deren Resultat gewusst hätte, hätte er den Erfolg der Verhandlungen womöglich in Abrede gestellt. Aber er wusste nichts davon. Er wusste nicht einmal, dass er einen Agenten hatte. Er konzentrierte sich darauf, was er wusste. Er wusste, wie man ein Pferd sattelt. Er sattelte sein Pferd. Und dachte dabei an seinen Auftrag. Was würde er brauchen, um seinen Auftrag (zunächst Asien und dann Europa mit Furcht und Schrecken überziehen) erfolgreich auszuführen?
Zunächst einmal würde er Reiter brauchen. Ein ganzes Reiterheer. Er war seit kurzem Mitglied bei Mobility, einem globusumspannenden War-Share-System, mit welchem man Reiter an einen bestimmten Standort bestellen konnte. Seine Mutter hatte ihn eines Abends, während sie mit einer Maus spielte, zur Mitgliedschaft überredet. Was willst du mit einem stehenden Heer? Hatte sie ihn gefragt. Es steht herum, wird ranzig und spröde und wenn du endlich losreiten kannst, platzt ein Reifen. Er nahm ihr die Maus aus der Hand und klickte sich durch das Reservationssystem. Gewünschter Standort: „Vor meiner Jurte“. Gewünschte Anzahl Reiter? Das Pulldown-Menu offerierte die Optionen: „kleine Gruppe“ / „viele“ / „unheimlich viele“ /  „unglaublich viele“ und „wirklich eine Menge“. Er klickte auf „unglaublich viele“. Bei „Art der Reiter“ wählte er „schreckliche“. „furchteinflössende“ schien ihm zu relativ. Jeder fürchtete sich vor anderen Dingen. Was in Asien vielleicht noch Furcht einflösste, entlockte in Zentraleuropa nur noch ein müdes Lächeln (jetzt reiten die schon wieder hier durch) und lief in Westeuropa bereits unter Normalität (Haben sie eine Reservation?). Schrecklich war schrecklich. Egal, wann und wo.
Gewünschtes Datum (JJJ/Jahreszeit): 432/Spätfrühling.
Am Ende klickte er auf  „Reservation bestätigen“, schaltete den Schossgipfel seiner Mutter aus und legte sich schlafen. Er würde jetzt viel Schlaf brauchen. Einen klaren Kopf. Für seine Mission. Für seine Bestimmung.

Auf einer Seilbahn, irgendwo in China, im Oktober 2007

17. Juli 2010

Paris, 1. Mai 1977 (Alfred Andersch)

17. Juli 2010

sich an den händen fassen
die augen zumachen
und losrennen

daran
dass euch dieser wunsch überfällt
erkennt ihr
die ankunft der liebe

dann
dürft ihr nicht zögern

fasst euch an den händen
macht die augen zu
rennt los

Gedanken aus dem Sommerloch

13. Juli 2010

Es ist, wenn man sich zurücklehnt, die Beine auf den Schreibtisch legt und sich einen entspannten Augenblick lang einem Gedankengang widmet, der nichts mit einer von der Zentrale bis spätestens morgen 14 Uhr geforderten Stellungnahme zum Entwurf  einer einseitigen Pressemitteilung zu tun hat, die dann doch nicht veröffentlicht wird, irgendwie die schönste Zeit des Jahres. Schöner als Weihnachten. Man muss nicht einmal Geschenke besorgen. Sie flattern von überall her mit einer bezaubernden Leichtigkeit umsonst ins Haus. Es ist Sommerferienzeit.
Die mit  den üblichen Vollidioten vollgepferchten Autos stauen sich am Nordfuss des Gotthardtunnels bis an die Ausläufer des Hindukusch, wo sogar die Verteidigung Deutschlands einen von ein paar – allerdings heftigen – Explosionen unterbrochenen Moment lang den schweren Atem anhält, während französische Minister fast ohne Arroganz in die Kameras lächeln, alles abstreiten, nur um kurz darauf als zerknirschtes Bauernopfer zurückzutreten, derweil unangenehme Zeugen aussagen, nie freiwillig unter Druck gestanden zu haben, während der Präsident angesichts des unrühmlichen Verhaltens der französischen Nationalmannschaft den Zusammenhang der Nation beschwört und eine eidesstattliche Erklärung abgibt, von seinem Wahlkampf nichts gewusst zu haben, was etwas weiter  südöstlich einem Bundesrat sofort als der richtige Moment erscheint, seinen schon lange allseits erwarteten Rücktritt zu einem einigermassen überraschenden Zeitpunkt bekanntzugeben und eine seiner Kolleginnen ermutigt, noch vor der Abreise in die Ferien den kühnen Entschluss zu fassen, wegen formalen Mängeln des Auslieferungsgesuchs und ein paar fehlenden Fotokopien einen in die Jahre gekommenen mutmasslichen Vergewaltiger nicht an ein Land auszuweisen, dessen Präsident unser aller  Bohrloch einfach nicht zukriegt.
Was ich sagen will: es ist in diesem sogenannten Sommerloch nicht so, dass gerade nichts passiert. Aber es ist vielleicht ganz interessant, dem offenbar wenigen zuzuschauen, das noch passiert, und auf jeden Fall aufschlussreich, genau hinzuschauen und hinzuhören, wie darüber berichtet wird.
Das Schweizer Fernsehen bietet drei Korrespondenten auf, um aus Frankreich, den USA und Polen über das Echo auf die verweigerte Auslieferung zu berichten. Vielleicht hab ich den Korrespondenten aus Polen auch nur geträumt. Es war heiss in meinem Fernsehzimmer und mein Hund lenkte mich ab, weil er sich so verhielt, als müsse er dringend Gassi gehen, obwohl wir kurz zuvor auf einem längeren Spaziergang waren. Obwohl ich gar keinen Hund habe. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass da ein nicht sonderlich gut Hochdeutsch sprechender Sonderkorrespondent war, der direkt vor dem Chalet des nun doch nicht Ausgelieferten darüber spekulierte, ob dieser nun, „wie die einten sagen“, tatsächlich gleich nach Abstreifen der elektronischen Fussfessel abgereist oder, wie die anderen behaupten würden, noch immer hinter diesen Vorfenstern sitze, die Landschaft betrachtend, den ruhigen Fluss des Lebens.
Die meisten Einheimischen seien jedoch wortkarg und wollten sich lieber nicht äussern zu diesem Fall, weil man ja schliesslich in der Berggemeinde von der Anwesenheit der reichen Ausländer lebe, wusste der Sonderkorrespondent abschliessend leicht süffisant zu berichten (oder meinte ich das nur – was IST denn schon wieder, Du dämlicher Köter!), womit man sich  nach einer gefühlten Viertelstunde endlich dem Rest der Welt zuwenden konnte, um noch rasch nachzuschauen, vor dem Wetterbericht, ob da eventuell sogar auch noch  etwas passiert sein könnte, worüber zu berichten es sich allenfalls lohnen könnte.
Es war, ich gebe es zu, einer dieser Augenblicke, in dem es mir ein wenig peinlich ist, dass ich Schweizer bin und dass das mein staatliches Fernsehen ist. Drei Auslandkorrespondenten, ein Sonderkorrespondent direkt vor dem Chalet und die Hälfte der zur Verfügung stehenden Sendezeit der Tagesschau. Willkommen bei den zu stark besonnten Sennen. Temperaturen über 30 Grad und Startsiege gegen spätere Weltmeister bekommen uns nicht. Es kann uns dann passieren, dass ein Moderator einer Sportsendung nach einer verlorenen WM-Partie einer afrikanischen Mannschaft den afrikanischen Studiogast fragt: „Wie geht ihr Afrikaner mit einer solchen Niederlage um? Holt ihr den Medizinmann ins Lager?“, und man sich fragt, was nun noch peinlicher ist: dass keiner der Studiogäste gegen diese rassistische Aussage Einspruch erhebt oder dass das handverlesene Publikum, dass sich endlich einmal selber im Fernsehen sieht (falls das programmierte Aufnahmegerät nicht im dümmsten Moment den Dienst versagt), beherzt lacht und spontan Beifall spendet.
Darf man das alles entschuldigen? Hilft es, dass andere Europäer offensichtlich auch unter der Hitze leiden? Tröstet es, dass viele kritische Zeitgenossen ja momentan gar nicht hinschauen, weil sie vor dem Gotthard unterwegs sind?
Es könnte eine wunderbare Zeit sein, dieses Sommerloch. Eine höchst philosophische Zeit, nur so zum Beispiel. Zum Beispiel wenn man die relative Ruhe dazu benutzen würde, sich die Frage zu stellen, warum es eigentlich gerade so ruhig ist. Warum die Medien mit drei Ausland- und einem Sonderkorrespondenten über eine angesichts anderer Probleme dieser Welt völlig nebensächliche Begebenheit berichten können, während die Tendenz ja momentan diese ist, dass sämtliche Medien gerade damit beschäftigt sind, ihre Auslandkorrespondenten wegzurationalisieren, weil wir uns Berichterstattung aufgrund von Kenntnissen einfach nicht mehr leisten können.
Geschieht momentan wirklich einfach fast nichts? Oder ist es lediglich so, dass die Berichterstatter in den Ferien weilen (offenbar nicht alle, wenn sogar einer vor dem Chalet ausharren und über die kleinmütigen Einheimischen spotten kann), und wenn dem so wäre, hat man sie in die Ferien geschickt, weil die, denen sie üblicherweise Bericht erstatten, am Gotthard im Stau stehen und von Bohrlöchern im Augenblick nichts wissen wollen, ausser es handle sich um die zweite Gotthardröhre?  Oder ist es einfach so, dass die Politiker in den Ferien weilen, und es, weil ohne sie nichts geht, nichts zu berichten gibt, ausser vielleicht über den einen oder anderen unter ihnen, der eine jüngere Frau wirklich liebt und dann auch in zweiter Ehe geheiratet hat oder über jenen Unglücklichen, der eines morgens mit Bündeln von Euronoten in seinen Taschen aufgewacht ist und die edle Spenderin nicht einmal loben kann, weil er sie nie gesehen hat?
Ich habe keinen Hund, und ich werde mir auch keinen mehr kaufen, aber ich würde ihn den wenigsten Politikern, die ich mitkriege, in die Ferien geben. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es ist so.  Zuviel Machtbewusstsein, zu wenig Zeit zum Gassigehen.
Wie dem auch sei. Irgendwie, und das ist doch das Bemerkenswerte, scheint es möglich, dass einmal im Jahr ein paar Wochen lang etwas weniger passiert als sonst. Auch wenn es am Ende nur ein Wahrnehmungsphänomen sein sollte. Was haben wir ausser unserer Wahrnehmung?
Die sonst übliche Hektik lässt spürbar nach. Man kommt sogar kurz zum Denken. Wunderbar! Vielleicht fragt sich die eine oder der andere, ob dieser verlangsamte Aggregatszustand nicht sogar ein erstrebenswerter sein könnte. Möglicherweise würde es genügen, wenn wir unsere Politiker und unsere Medienschaffenden etwas öfter in längere Ferien schicken würden. Geht nur. Doch doch. Macht euch wegen uns keine Sorgen. Es geht uns gut ohne euch, und wir passen auch ganz sicher auf uns auf. Entspannt euch. Rutscht uns endlich den Buckel runter.

Ablass (Hans Magnus Enzensberger)

12. Juli 2010

(Dass etwas wirklich gut ist, kann man zum Beispiel daran erkennen, dass es einem auch nach 30 Jahren noch in den Sinn kommt, ohne dass man je gezwungen worden wäre, es auswendig zu lernen. So ist mir letzte Woche Enzensbergers Gedicht „Ablass“ wieder einmal in den Sinn gekommen, vermeintlich aus dem Nichts, aber dann wissen wir ja,  dass wenig aus dem Nichts kommt, eigentlich so gut wie nichts. )

Ihr wisst nicht, wovon ich rede. Klar.
Ihr glaubt, es hätte etwas mit Raten zu tun,
mit dem Numerus clausus oder dem Finanzamt.
Kein Wunder. An den Tankstellen und im Knast
und in der Diskothek wird kein Ablass gewährt.
Wenn ihr mich fragt, war es auch früher
nicht weit mit ihm her, auf Spitalbetten
Schlachtfeldern und Kalvarienbergen.
Kein Wunder, nur einer jener schäbigen Tricks,
mit denen der Mensch den Menschen aufs Kreuz legt
seit Menschengedenken. Eine veraltete Redensart,
weiter nichts. Und dennoch möchte ich sie
euch gern überliefern, nur so, diese Zauberformel,
weil sie beinah vollkommen ist: Vollkommener
Ablass
aller zeitlichen und ewigen Strafen.
Übrigens, wenn es an mir wäre, ihn zu gewähren,
ihr armen Schweine, er wäre euch sicher.

Aus: Hans Magnus Enzensberger:  „Die Furie des Verschwindens“, Gedichte
Edition Suhrkamp, Neue Folge, Band 66, Frankfurt am Main, 1980.