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Auf- und leider durchgefallen (NZZ-Kolumne vom 2.2.2011)

2. Februar 2011

Keiner hat heute Zeit, die ganze Zeitung zu lesen, und morgen will sie sowieso keiner mehr lesen. Das haben schon die Rolling Stones in ihrem 1967 veröffentlichten Song „Yesterday’s Papers“ in eine Welt hinaus gesungen, die uns rückblickend noch einigermassen über- und vielleicht sogar durchschaubar vorkommt.

Natürlich trügt dieser Eindruck und hat nur damit zu tun, dass es damals noch viel weniger und vor allem viel weniger schnelle Medien gab. Die Informationskeule, die wir heute täglich verpasst kriegen, lässt ab und zu einen nostalgischen Gedanken hochkommen an eine Zeit, in der alles noch ein bisschen weniger hektisch war, weil man zwar viel weniger mitkriegen konnte von dem, was auf der weiten Welt vor sich ging, dafür aber nicht andauernd das Gefühl haben musste, wichtige Berichte zu verpassen.

Zu den wenigen Dingen, die ich nicht lesen muss und trotzdem jeden Tag lese, gehört die Rubrik AUFGEFALLEN in der NZZ. Ich gönne mir diese kurzen, meistens sehr gut geschriebenen Häppchen zu einem oft spannenden Thema jeden Tag als Frühstückslektüre. Heute ärgert mich Herr Gerste allerdings. Ich weiss, dass das sowohl ihm wie auch der NZZ völlig egal ist, aber ich will es hier trotzdem für meine acht Leserinnen und Leser festhalten.

Herr Gerste lässt sich in abschätzigem Ton über Joseph Patrick Kennedy II aus, der sich im US-Fernsehen zu bester Sendezeit bei Hugo Chávez für die Öllieferungen bedankt, welche dieser seit einigen Wintern einigen der ärmsten Amerikaner unaufgefordert und gratis zukommen lässt. Jeder halbwegs gebildete Amerikaner, so Herr Gerste, wisse, dass Hugo Chávez alles andere als ein Demokrat sei, um seinen Artikel dann mit dem Kommentar zu beenden, es stehe dem Neffen des grossen Joe Kennedy schlecht an, einen Diktator zu unterstützen.

Das liest sich zwar, mit Verlaub, Herr Gerste, wie ein eleganter oder zumindest eloquenter Verriss, es greift aber etwas gar kurz und gehört in der unbeholfenen Polemik, in der es daherkommt, genau dort hin, wo Sie trotz gegenteiliger Aussage einen Teil der Amerikaner und offenbar auch den Grossteil der NZZ-Leser zu verorten scheinen: in die Halbbildung.

Um die Frage, wie demokratisch Hugo Chávez ist, sorgfältig zu beantworten, müssten wir zunächst sorgfältig definieren, von welcher Art Demokratie wir reden, und uns dann gemeinsam Zeit nehmen, die Zustände und Vorgänge in Venezuela mit dem zu vergleichen, was in anderen demokratischen Staaten abläuft. Ist es, um nur ein Beispiel zu nennen, eindeutig undemokratisch, wenn durch Landreformen erreicht werden soll, dass mehr Bauern die Früchte ihrer Arbeit geniessen können? Ist es, um doch noch ein zweites Beispiel anzuführen, auch wenn Sie, ich weiss, keine Zeit haben, absolut undemokratisch, wenn der Staat den Arbeitern ermöglicht, von ihren Besitzern stillgelegte Fabriken zu übernehmen und wieder zum Leben zu erwecken?

Ich weiss, was Sie jetzt sagen, Herr Gerste: der Privatbesitz darf nicht, unter gar keinen Umständen, angetastet werden. Es käme aber auch hier auf die Definition an. Die arabischen Herrscher, die im Moment gerade unter den Druck der Strasse geraten, haben auch Privatbesitz. Sehr viel sogar. Gilt er uns nur deshalb plötzlich nicht mehr als unantastbar oder zumindest verhandelbar, weil einige dieser Herrscher im selben Augeblick, in dem sie nicht mehr zu halten sind, in unserem offiziellen Vokabular von Präsidenten zu Despoten mutieren und wir durch die Ereignisse gezwungen werden, nach vorne zu blicken, in die noch unbekannten Gesichter der neuen Regime, mit denen wir uns rasch arrangieren werden (wenn nötig mit einer Prise Menschenrechtsdialog)?

Anreden und Bezeichnungen ändern sich offenbar rasch. Auch der von Ihnen benutzte Begriff Diktator müsste genauer definiert und Hugo Chávez anhand des geklärten Begriffs mit den Präsidenten anderer demokratischer Staaten verglichen werden. Aber das hätte keinen Platz in einer Kolumne, ich weiss.

Deshalb breche ich hier auch mit der Bemerkung ab, dass unser virtuelles Zwiegespräch den Armen New Yorks ganz sicher am dank Hugo Chávez etwas wärmeren Hinterteil vorbeigeht. Ich wäre Ihnen dankbar, Herr Gerste, wenn sie die von mir jeden Tag wegen ihrer Kürze geschätzte Kolumne AUFGEFALLEN nicht auf Kosten der intellektuellen Redlichkeit mit schlecht recherchierten Halbwahrheiten und unzulänglichen Verkürzungen würzen würden.

Mit freundlichen Grüssen,

Walter Haffner III (sorry, aber wir pflegen auch in meiner Familie eine royale Zählweise)

Durchgefallen

29. Januar 2011

Das Regime in Tunesien ist nach dreiundzwanzig Jahren dem Druck der Strasse gewichen. Das tunesische Volk braucht uns jetzt. Wir applaudieren spontan, kündigen unsere Unterstützung an und überprüfen die Schweizer Bankkonten der Herrscherfamilie. Das wird bei 23 Jahren leider etwas dauern, worum wir um Verständnis bitten. Aber moralisch sind wir voll da, klettern mit euch auf die Panzer, stecken Nelken in die Geschützrohre und umarmen Soldaten.

Das Regime in Ägypten wird nach dreissig Jahren gerade gestürzt oder zumindest tüchtig durchgerüttelt. Das ägyptische Volk braucht uns jetzt. Wir applaudieren spontan, kündigen unsere Unterstützung an und überprüfen die Schweizer Bankkonten der Herrscherfamilie. Das kann bei 30 Jahren noch etwas länger dauern als im Fall Tunesien, sorry. Aber moralisch sind wir voll da. Wir schütten auch ein wenig Häme aus über die Amerikaner, die wieder einmal ein die Menschenrechte verachtendes Regime mit massiven Beiträgen gestützt haben, bis es nicht mehr anders ging. Wie kann man jahrzehntelang so blind sein? Wir hingegen haben den Kontakt mit diesem Regime auf das strikte Minimum beschränkt und bei diesen Kontakten praktisch nur über Demokratie und Menschenrechte gesprochen. Manchmal hatten wir schon fast den Krampf im Mahnfinger, also wirklich.

In Jemen, Jordanien und Saudi Arabien brodelt es. Wir schauen gebannt hin und fragen uns, wann es losgeht, machen uns aber schon einmal bereit, spontan zu applaudieren, Unterstützung anzukündigen und die Konten zu prüfen. Aber bitte, keine Ursache, das ist doch das Mindeste, was wir tun können. Diese Völker werden uns brauchen.

Natürlich haben wir alle gewusst, dass sich die arabischen Völker die Unterdrückung durch Despoten und dürftig legitimierte Herrscher nicht ewig gefallen lassen werden. Natürlich sind wir jetzt alle erleichtert, dass die grosse Befreiungswelle endlich begonnen hat. Ein basisdemokratischer Tsunami, der selektiv nur die Unterdrücker wegspült. Ein aus der Ferne wunderbar anzuschauender Dominoeffekt, der uns nur deshalb auch ein ganz klein wenig verunsichert, weil noch nicht überall klar ist, wer am Ende gewinnen wird.

Gott behüte, wenn es zum Beispiel diese Bärtigen sind, die in jenem anderen Land damals die Revolution gekapert haben und nun heimlich Dinge basteln, für die sie nun wirklich nicht reif sind. Diesmal müssen es ganz einfach die Guten schaffen, auf deren Seite wir die ganze Zeit geduldig ausgeharrt haben, als sie noch die Unterdrückten waren. Ihr schafft es, Jungs. Und Mädels, tschuldigung. Wohin dürfen wir euch das Geld überweisen, wenn eure Banken wieder offen und unsere Untersuchungen abgeschlossen sind?

Diejenigen, die sich jetzt süffisant über uns mockieren und uns vorwerfen, wir seien nicht immer ganz ehrlich mit uns und den andern, oder sich gar zur völlig unbegründeten und deplazierten Behauptung hinreissen lassen, es fehle uns nicht an Grundsätzen und Prinzipien, sondern an Konsequenz, verstehen rein gar nichts von Politik und von den harten Realitäten dieser Welt. Ja sie haben, das muss hier in aller Deutlichkeit gesagt werden, die Natur des Menschen an sich nicht begriffen.

Es ist nicht so, dass uns das Geld fehlen würde, um unsere Seele zurückzukaufen. Das Problem ist, dass wir es nicht wirklich ernst mit uns und den anderen meinen. Wahrscheinlich weil wir uns am Ende doch immer zu nahe und die anderen uns zu fern sind, um die richtige Distanz zu finden, die es brauchen würde, um uns schon im Alltag – nicht erst beim Ersteigen der Barrikaden – als Teil der Situation der anderen zu erkennen und damit zu beginnen, unser Verhalten zu verändern.

 

Den Gästen ins Buch

27. Januar 2011

Leute, die mich besuchen kommen, und sich dann in meinem Gastland innerhalb weniger Tage alles anschauen, was sich ihrer festen Meinung nach anzuschauen lohnt, fragen mich nach ihren Ausflügen oft ungläubig und verständnislos: „Was? Da warst Du noch nicht? Wie kommt das? Du lebst doch hier. Interessiert es Dich nicht?“

Um wirklich zu erklären (auch mir), wie das kommt, müsste ich etwas weiter ausholen, aber nach ein paar Sätzen, und ich kann lange, verwinkelte Sätze machen, würden sie das Interesse an meinen Erklärungen und vielleicht sogar an mir als Person verlieren (was in ihrem Fall nicht weiter schlimm wäre), hätten womöglich ihre Frage bereits vergessen und würden zum Stadtplan greifen um ihr nächstes Ausflugsziel anzupeilen.

Der einzige, der mir dann noch zuhören und auch dann nicht gähnen würde, wenn ich zum x-ten Mal abschweife und von etwas ganz anderem erzähle, wäre ganz bestimmt ich. Ich habe manchmal Mühe, zur Sache zu kommen, weil es neben dieser einen Sache noch eine Unzahl anderer Sachen gibt, die ich nicht einfach in eine Warteschlange stellen kann, die während dem Sprechen immer länger wird und dann wird es Nacht und alle Gedanken, die ich nicht artikuliert oder zumindest in einer kurzen Klammer angesprochen habe, drehen enttäuscht ab.

Die rasch Entmutigten kommen vielleicht nie wieder und die etwas Kühneren belagern meine Traumschlösser und lassen mich in den Ruinen meiner Träume erwachen, in deren Schutt und Asche ich sie vermutlich vergeblich suchen würde.

Ich kann mit denen, die es nicht dabei bewenden lassen können, alles gesehen haben zu müssen, sondern darauf beharren, allen, die diesem Zwang nicht ausgesetzt sind, das Gefühl zu geben, ignorante, desinteressierte Dorftrottel zu sein, überhaupt nichts anfangen. Und das tut mir nicht einmal leid.

Also antworte ich in der Regel mit einem kurzen: „Nein, das interessiert mich wirklich nicht alles.“ Oder ich sage: „Weisst Du, wenn man in einem Land lebt, ist das etwas anderes, als wenn man es besucht. Man hat dann, oder meint wenigstens man hätte, Zeit, sich alles in Ruhe und der Reihe nach anzuschauen.“

Natürlich weiss ich, dass ich mich mit der ersten Antwort genau als das oute, was die Gäste bereits in mir sehen: als globalen Dorftrottel, an dem das Schicksal jeden seiner bisher fünf Auslandaufenthalte sinnlos verschwendet, und mir ist völlig bewusst, wenn ich mir bei der zweiten Antwort zuhöre, dass sie in ihrer oberflächlichen Logik eine perfekte Lüge ist.

Man hat innerhalb von drei oder vier Jahren nie wirklich Ruhe. Auf jeden Fall nicht die Art von Ruhe, die ich benötigen würde, um neben all dem, was mir offensichtlich wichtiger ist, noch die Zeit und die Energie zu finden, mir all das anzuschauen, schon gar nicht der Reihe nach, was andere nach zwei Wochen zufrieden in ihrem Reiseführer abhaken.

Ich gebe es zu: mein Radius an meinem jeweiligen Wohn- und Arbeitsort ist klein (Kennen Sie meinen Friseur? Den kleinen Schmuckladen nebenan auch nicht? Die Pizzeria an der Ecke vielleicht?). Sehr klein, wenn sie andere Leute fragen. So gesehen könnte man dem Schicksal wirklich gram sein, dass es nicht andere, neugierigere und entdeckungsfreudigere Menschen in die Welt hinaus schickt.

Ich will mich jetzt auch nicht mit der billigen Feststellung rechtfertigen oder gar zu trösten versuchen (ich brauche diesbezüglich keinen Trost), dass man überall gewesen sein kann und trotzdem nichts gesehen haben.

Ich will die Erlebnisse und Eindrücke derer, die eine Stadt, eine Region und ein Land sofort besichtigen und sie ihrer stetig wachsenden eigenen Welt hinzufügen, die so immer reicher und vielfältiger wird, auch gar nicht herabmindern. In keiner Weise. Das läge mir, der ich die Nähe bevorzuge,  fern.

Ich höre den interessanteren unter meinen reiselustigen Gästen sogar ab und zu kurz zu, wenn sie mir begeistert und noch leicht ausser Atem von der neusten Erweiterung ihrer Welt erzählen, bin dann aber erleichtert, wenn sie in ihrem Tatendrang gleich wieder aufbrechen oder wenigstens zwischen zwei Entdeckungsreisen ein langes Bad nehmen, wohin ich ihnen nicht folgen kann.

Ich bin in der Regel auch nicht sehr lange traurig, wenn solche Gäste wieder abreisen und erst ein Jahr später wieder kommen, weil sie unterdessen festgestellt haben, dass sie doch noch nicht restlos alles gesehen haben.

Meine eigene Welt ist etwas kleiner, egal, wo ich bin, und sie wächst nur sehr langsam.  Ich behaupte deswegen nicht, ich würde sie mit mehr Tiefenschärfe betrachten. Ich behaupte überhaupt nichts. Ich bitte lediglich darum, (kommentarlos, wenn das möglich ist) zur Kenntnis zu nehmen, dass ich noch nicht überall war, und jetzt schon um Verständnis dafür, dass ich auch zum Zeitpunkt meiner Versetzung noch nicht überall gewesen sein werde, wo ich spätestens dann unbedingt und mindestens einmal hätte gewesen sein müssen.

Halil te Kepl

18. Januar 2011

(die Geschichte von Wilhelm, dem kleinen Eroberer)

Prolog

Man sagt, kleine Menschen hätten einen besonders grossen Geltungsdrang. Das ganze Leben drehe sich bei ihnen einzig und allein darum, von den grösseren Menschen wahrgenommen zu werden, und dieses unablässige Streben nach Beachtung mache die einen zu besonders guten und die anderen zu besonders bösen Menschen. Das ist ganz bestimmt falsch so, weil es wohl den einen oder anderen kleinen Menschen zutreffend beschreiben mag, der grossen Mehrheit der Kleinen aber ebenso wenig gerecht wird, wie das  Bild vom sanften Riesen zur Beschreibung der Mehrheit der grossen Menschen taugt.

Es hat zwar in der langen Geschichte der Menschheit ab und zu einen bösartigen Kleinwüchsigen gegeben, der den unseligen Zwang verspürte, die halbe Welt unterwerfen zu müssen, und dem einen oder andern ist das ja auch fast gelungen; und wer ein wenig Glück hat, ist in seinem Leben auch schon einem sanften Riesen begegnet, der keiner Feige ein Lied antun konnte, aber die Welt ist voll von unauffälligen Zwergen und durchschnittlichen Riesen, die ein ganz normales Leben führen und weder besonders gut noch besonders böse sind, sondern einfach ein wenig kleiner oder grösser als der Durchschnitt, der vielleicht deshalb dazu tendiert, Zwerge und Riesen für besonders gut oder schlecht zu halten, weil ihm die stets spürbaren Grenzen seiner eigenen Durchschnittlichkeit keine andere Wahl lassen.

Der Mensch, von dem ich erzählen möchte, und ich werde meine ganze Sorgfalt aufbieten und alles, was ich an Respekt für die Menschen überhaupt in mir habe, um seine wunderbare Geschichte würdig zu erzählen, ich würde sogar zum Himmel beten, wenn ich auch nur die leiseste Hoffnung hätte, dass dort irgend etwas sein könnte, was mich erhören würde, dass es mir gelingen möge, diese Geschichte so zu erzählen, dass sie der einen Leserin in einem warmen Winkel ihres Gedächtnisses haften bleibt und sich der andere Leser wenigstens an einzelne Episoden oder Sätze erinnert,  die ihm ohne sichtbaren Anlass wieder in den Sinn kommen, denn der kleine Mensch, von dem ich erzählen will, hat den viel zu grossen Mantel des Schweigens, den sowohl die Geschichts- als auch die Märchenbücher um ihn gehüllt haben, nicht verdient. Er ist ihm zu gross, sein Stoff ist zu schwer und vor allem hüllt er ihn in eine Dunkelheit ein, die sein Totsein mit Angst erfüllt und seinen letzten Träumen, die die Brücke zu den Lebenden sein sollten, keine Luft zum Atmen lässt.

Der überaus kleine Mann, von dem ich erzählen will, ja erzählen muss, denn was anderes als eine Verpflichtung kann es sein, wenn ich um drei Uhr Nachts aufwache und nicht mehr einschlafen kann und einen sehr kleinen Mann vor mir sehe, fast einen Zwerg, der in einer Rüstung, wie sie die spanischen Konquistadoren trugen, an einem Sandstrand steht und diesen Strand und alles, was sich darauf bewegt – und es bewegt sich da einiges – mit einer staunenden Güte betrachtet, welche die üppigen Früchte, die schwer an den exotischen Bäumen hingen, sofort zur Reife gebracht hätte, wenn sie nicht schon fast überreif gewesen wären (einige lösten sich von ihren unter der Last gebeugten Zweigen und fielen in den Sand, noch bevor ich ganz wach war)  – dieser kleine Mann hat nicht nur den Mantel des Schweigens, von dem ich ihn endlich befreien möchte, nicht verdient, es wäre auch alles andere als gerecht gewesen, wenn man sich seiner mit einem der unschönen, oft spöttischen und in jedem Fall unverdienten Namen erinnert hätte, die ihm in seiner Zeit diejenigen angehängt hatten, deren gierige Hoffnungen er enttäuscht und deren hinterhältige Pläne er  durchkreuzt hatte.

Die einzigen, die sein Wesen ganz und richtig erfasst haben, waren jene Eingeborenen, denen er an diesem Tag im Spätherbst des Jahres 1501 staunend am Sandstrand in seiner massgeschneiderten Rüstung gegenüberstand, die ihm ein buckliger katalanischer Schmied angefertigt hatte, der kaum sprach und dessen Tochter, wenn er eine gehabt hätte, wunderschön gewesen wäre.

Diese Eingeborenen, von denen noch zu berichten sein wird, nannten ihn Halil te Kepl, was in ihrer Sprache „Herz auf zwei Beinen“ hiess, und glauben Sie mir, genau das und nichts anderes war dieser kleine Mann: ein Herz auf zwei Beinen, denn für anderes als sein unendlich grosses Herz konnte es keinen Platz haben in diesem kleinen Körper, und sein Schöpfer hatte diesem grossen Herz auch nur deshalb Beine angehängt, damit es zu den Menschen gehen könne und seine unendliche Güte nicht irgendwo, wo wenn möglich nie jemand vorbeikam, verkümmern würde.

Mit diesem Namen, Halil te Kepl, Herz auf zwei Beinen, würde man seiner Gedenken, wenn die Eingeborenen, die ihm diesen Namen gegeben hatten, diejenigen gewesen wären, die die Geschichte geschrieben hätten. Aber die Geschichte wird, wie wir alle wissen und es leider nur allzu oft gerade dann vergessen,  wenn wir uns mit ihr beschäftigen, von den Siegern geschrieben, weil die Sieger überleben, und die Verlierer nehmen ihre Geschichte, die wahrscheinlich näher bei der Wahrheit gewesen wäre, weil die Toten ihr Überleben nicht vor sich selber rechtfertigen müssen,  mit ins Grab.

Die Eingeborenen, die dem kleinen Mann in der Rüstung seinen Namen gegeben hatten, gehören so eindeutig zu den Verlierern der Geschichte, wie man das nur als  ausgerottetes Volk schafft, und mit derselben Gründlichkeit, mit der ihnen ihre Eroberer und Zerstörer den Garaus gemacht hatten, vernichteten sie danach auch jegliches Zeugnis von ihrer Sicht der Dinge. Nur die angestrebte Endgültigkeit dieses Verschwindens ist den Siegern offensichtlich doch missglückt. Es ist ihnen zwar gelungen, Wilhelm den kleinen Eroberer aus den Geschichtsbüchern zu verbannen, und sie haben es sogar fertig gebracht, Halil te Kepl ohne jede Spur aus den schriftlich überlieferten Mythen und Märchen der Urvölker Lateinamerikas zu entfernen, aber in diese fast vollkommen gelungene Dunkelheit ist plötzlich ein Funke gesprungen und hat mich im Traum auf eine Spur geführt, welche vor langer, langer Zeit ein Herz auf zwei Beinen an einem Sandstrand in Südamerika hinterlassen hat, dessen Wellen seit einem halben Jahrtausend nichts anderes tun, als bei ihren Ankunft am Strand den Namen Halil te Kepl in den Sand zu schreiben und ihn dann gleich wieder zu verwischen, wenn sie den Strand wieder verlassen, um in die Unendlichkeit des Meeres zurückzukehren.

Are all these your guitars?

15. Januar 2011

Jetzt auch noch Tunesien? Wo kann der harmlose Europäer überhaupt noch Ferien machen, ohne damit rechnen zu müssen, bald nach der Rückkehr in der Zeitung zu lesen, dass das dortige Volk viel zu lange gebeutelt, geknechtet, unterdrückt und womöglich gefoltert wurde, und nun die Fetzen fliegen und bald kein Stein mehr auf dem andern sein wird? Die sahen doch alle gerade noch ganz zufrieden aus. Oder waren das die anderen Gäste?

Was machen die denn jetzt da? Hast Du das gesehen? Fürchterliche Bilder. Da brennt ja alles. Müssen die immer gleich alles in Flammen stecken? Die verwüsten womöglich noch die schönen Hotelanlagen. Ist das Ganze am Ende eine grossflächige Verschwörung gegen den erholungsbedürftigen Europäer? Was glauben die eigentlich, wie wir unsere Schaffenskraft erhalten können, wenn wir bald nirgend mehr hinkönnen, um unseren müden Arsch ohne schlechtes Gewissen in Sonne und Meer zu baden?

Aber das scheint die nicht zu kümmern, die da im Süden, und offensichtlich kann das alles überall so weitergehen, und geht auch so weiter, bis es irgendwann dann doch nicht mehr so weitergeht.  Was sagst Du? Wir hätten es vor der Buchung wissen können? Kleingedruckt im Reiseprospekt?

Der Reiseveranstalter weist darauf hin, dass es mit der allgemeinen Beachtung der Menschenrechte,  sozialer Gerechtigkeit  und der Meinungsfreiheit ausserhalb der Hotelanlage nicht unbedingt überall jederzeit zum Besten steht. Die Mindestlöhne sind hingegen garantiert tief und die Leitungen der Hotelabwässer führen, wir haben das nachgeprüft, direkt und ungefiltert ins Meer, deutlich ausserhalb des geschützten Hotelstrandes. Sensible Hotelgäste werden trotzdem gebeten, erst zuhause wieder auf‘s Klo zu gehen und von zu hohen Trinkgeldern abzusehen – die meisten Lokalangestellten trinken nicht und fühlen sich dadurch nur herablassend behandelt. Lokale Drinks zum Abtöten ebenso seltsamer wie unnötiger Bedenken werden für zahlende Gäste jeden Abend an der Hotelbar gratis ausgegeben.

Irgendetwas läuft schief hier. Hier oder anderswo. Jedenfalls an zu vielen Orten. Bei uns. Bei den anderen. Unter uns. Zwischen den anderen. Zwischen uns und den anderen. Irgendjemand müsste irgendetwas unternehmen, irgendwann. Relativ bald. Wenn möglich vor den nächsten Ferien. In den Ferien wären wir dann gerne wieder ungestört.

Gestern hörte ich mal wieder Pink Floyd’s The Wall. Beim Intro des Songs “One of my turns” hallt diese Frauenstimme in einen grossen Raum: „My god – what a fabulous room! Are all these your guitars?“Vielleicht ist das eines unserer Probleme: zu grosse Räume, zu viele Gitarren. Aber ich weiss es nicht. Ich weiss es wirklich nicht.

Tschik-tschak oder die Erledigung des Lebens

12. Januar 2011

„Tschik-tschak – it’s done!“ pflegt mein Fahrer mich jeweils mit einem nachsichtigen Lächeln zu unterbrechen, wenn ich mal wieder staune, weil er einmal mehr etwas, wonach ich ihn gerade fragen wollte, bereits erledigt hat, und es ist mir dann jedes Mal peinlich, dass ich überhaupt meinte, fragen zu müssen. 

Wir sind uns in vielem sehr ähnlich, mein Fahrer und ich. Man muss uns die Dinge nicht zweimal sagen, manche nicht einmal ein Mal, damit sie erledigt werden. Man nennt es Pflichtgefühl, und es ist im Grunde genommen etwas Gutes. Die Dinge müssen getan werden, die Arbeiten verrichtet, die Aufträge erfüllt, die Geschäfte erledigt. Menschen, die anpacken, sind in der Regel angenehme Zeitgenossen. Im Grunde genommen. In der Regel.

Die Einschränkungen sind altbekannt. Idiotische Dinge zu tun, ist sinnlos (auch wenn es manchmal Spass macht). Unnötige Arbeiten gut zu verrichten, ist langweilig und macht auf die Länge depressiv. Bösartige Aufträge zur Zufriedenheit des Auftraggebers zu erfüllen, ist verwerflich. Und Geschäfte, deren Auswirkungen man nicht durchschaut, prompt zu erledigen, kann gefährlich sein.

Das ist keine Kritik an meinem Fahrer. Er ist ein wunderbarer Mensch und ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde. Tschik-tschak ist für praktisch alle Tätigkeiten, die er für mich und die Botschaft erledigt, ein gutes, weil taugliches Rezept. Das Problem liegt an einem anderen Ort. Wahrscheinlich wie immer hauptsächlich bei mir.

Tschik-tschak ist auch für meinen Arbeitsalltag keine schlechte Devise. Vieles (manchmal denke ich, und bedaure das: fast alles) muss ganz einfach erledigt werden, je rascher, desto besser. Wenn man darüber nachdenken würde, hätte man ein Problem, würde den Rhythmus der Verrichtungen verlangsamen, käme ins Stocken und Stolpern, würde womöglich hinfallen, wie wir alle hinfallen müssten, wenn unser Bewusstsein unsere Motorik steuern müsste beim Treppensteigen. Vieles, wovon wir glauben, dass es getan werden muss, kriegen wir nur im Autopilot auf die Reihe. Also tschik-tschak. Ein Ding nach dem andern. Auch wenn es davon, dass es erledigt ist, nicht besser wird.

Vollends problematisch wird es, wenn tschik-tschak als bestimmende Leitschnur im Arbeitsalltag so mächtig wird, dass es als Prinzip die ganze Persönlichkeit übernimmt und auch im Privatleben dominant wird. Wenn auch der Kaffee in den Arbeitspausen tschik-tschak getrunken und das Mittagessen tschik-tschak gegessen wird. Wenn am Abend der Haushalt tschik-tschak gemacht, die Tagesschau tschik-tschak reingezogen wird und danach die Fotos von Weihnachten tschik-tschak eingeklebt werden. Bevor man tschik-tschak die Zähne putzt und tschik-tschak zu Bett geht, um am nächsten Morgen tschik-tschak aufzustehen, ready for a brand new day, der tschik-tschak erledigt sein wird. Und am nächsten Tag weiter so. Und am übernächsten auch. Und so gehen dann die Wochen, die Monate, die Jahre vorbei. Tschik-tschak und tschüss.

 

Die Sonne scheint in mein Büro. Ich sollte keine solchen Sachen schreiben. Dafür bezahlt man mich nicht, ich weiss. Ich mach mich jetzt wieder an die Arbeit. Sofort. Ich verspreche es. Vielleicht werde ich mir irgendwann Zeit nehmen, um diese Gedanken ganz langsam weiter zu denken. Auf meiner Traktandenliste steht das allerdings nicht. Dort stehen lauter Dinge, die erledigt werden müssen. Und zwar tschik-tschak.

Der Gewinner erhält eine Waschmaschine

7. Januar 2011

Dass sich Gödel am Ende seines Lebens vor Kühlschränken gefürchtet haben soll, leuchtet mir irgendwie ein. Was sind das für Geräte, in denen das Licht erst angeht, wenn man die Türe öffnet, während vorher alles, die Milch und der Käse, der Salat und die Butter, in gnadenloser Dunkelheit gefangen und von einem mehr oder weniger leisen Summen eingelullt seiner Verzehrung bei Zimmertemperatur harrt. In einem Film, den mir neulich ein Freund aus Berlin ganz ohne Hintergedanken geschickt hat, wird das Leben des Erfinders mehrerer TV-Shows in episodischen Rückblenden erzählt. Zum Teil sind es lustige Episoden, aber alles in allem bleibt der Eindruck eines traurigen, irgendwie verpfuschten Lebens haften, das in einem Hotelzimmer endet. Zu viele Drogen. Zu viele Missverständnisse. Zu wenig Liebe. Die Schlussszene des Films skizziert die letzte Idee für eine TV-Show. Drei alte Männer sitzen auf der Bühne. Jeder hat eine Knarre im Schoss und erzählt den Zuschauern von seinem missglückten Leben. Derjenige, der sich nicht umbringt, hat gewonnen und erhält als Preis eine Waschmaschine. Zuerst musste ich tatsächlich lachen. Wegen der Waschmaschine. Was für ein Preis. Aber wofür? Es kann ja nicht dafür sein, nicht verzweifelt zu sein. Wer in einer TV-Show mitmacht, in der sich die Konkurrenten erschiessen, ist entweder selber verzweifelt, hat den Verstand verloren oder zumindest jeglichen Rest menschlicher Würde. Wahrscheinlich alles zusammen. Verdient tatsächlich nichts mehr anderes als eine Waschmaschine. Der Host meines Blogs hat mir zum Jahresbeginn meine Statistik des vergangenen Jahrs unterbreitet. Eine Boeing 747, hat man mir in Erinnerung gerufen, könne 416 Passagiere befördern. Acht volle Boeing 747 hätten im abgelaufenen Jahr meinen Blog besucht. Mein Blog ist beeindruckt. Aber ich bin ganz ehrlich auch irgendwie besorgt. Acht volle Flugzeuge sind eine gewaltige Verantwortung. Ich verfüge nicht über Hangars, in denen diese Flugzeuge gewartet werden können. Sind sie wieder gut vom Boden weggekommen? Wohin sind sie jetzt unterwegs? Waren Anschlussflüge verfügbar für die Passagiere, genügend Hotelzimmer gebucht? Waren die Betten gemacht? Ging kein Gepäck verloren? Standen Freunde und Verwandte nach dem Zoll mit farbigen Blumen zur Begrüssung bereit? Musste lange auf ein Taxi gewartet werden? Und haben sie alle dann auch wirklich erhalten, was sie sich wünschten? Sind sie dort angekommen, wo sie hin wollten? Hat sie wenigstens jemand gefüttert, ihren iPod aufgeladen über Nacht? Ich befürchte, dass nicht alles rund gelaufen ist. Stimmt doch, oder? Wahrscheinlich hat das Licht im Kühlschrank einen Wackelkontakt und brennt nun oft auch bei geschlossener Türe. Treibt den Jogurt zum Wahnsinn. Und die Waschmaschine ist ausgelaufen. Eine undichte Dichtung, durch die zuerst Wahrheit in die Maschine drang und dann Spülwasser entwich. Kein Schongang für das Parkett. Aber wer kann sich schon Parkett leisten in der Waschküche. Wer kocht schon im Flugzeug. Schon gar nicht für 416 Personen. Das ist hier alles aufgewärmt. Ich hoffe, es schmeckt trotzdem. Und wünsche euch allen einen guten Flug durch’s Jahr. Boarding complete.

Wir Schotten

10. November 2010

Wie Schatten gehen die Menschen einher. Sammeln und häufen an und wissen nicht, wer es einbringen wird. Oder hiess es Schotten und stand nicht in der Bibel sondern in einem Reiseprospekt? Und warum sollten sich die Schotten kümmern, wer es einbringen wird? Wie den Walisern blieb ihnen die Unabhängigkeit verwehrt. Dumpfe Laute im Hochmoor. Leise Verfluchungen in der Geheimsprache der Torfstecher. Weit voneinander entfernte Nachbarn, die sich erfolgreich aus dem gemeinsamen Weg gehen. Ein resignierender Nebel, der sich nicht tiefer senken kann, bis er das felsige Kliff erreicht hat. Immer weniger Fische. Vor der Küste wenn möglich Öl, das wieder den falschen Leuten gehören wird. Sonst Nieselregen, rauch- und gastfreie Pubs, verstaubte Dudelsäcke und das britische Pfund auf eigenem Papier. Wahrlich, ich sage euch, wie Schotten gehen wir Menschen einher. Bummeln und saufen ab und wissen nicht, wer uns heimbringen wird.

Volkzählen

2. November 2010

Man schrieb das Jahr 2010 und die chinesische Regierung hatte beschlossen, ihr Volk zu zählen, um sicher zu sein, dass es noch da war. Kein einfaches Unterfangen, bei einer geschätzten Bevölkerung von wie viele auch immer. Jedenfalls wahnsinnig viele. Ein Milliardending. Eine monströse Zahl mit jenen Nullen. Jeder vierte Bewohner der Erde? Eines meiner vier Kinder womöglich ein Chinese? Aber genau darum ging es ja: man war des Schätzens müde und wollte nun endlich wissen. Seid ihr alle da? Zensus! Alle mal kurz still stehen und durchnummerieren. Wie bitte? Ich zähl jetzt genau bis 10 dann steht ihr alle auf einer Reihe! Und versucht ja nicht, alle gleich auszusehen. Damit kommt ihr nicht durch bei mir. Nicht auf diese billige asiatische Tour. Da könnt ihr lächeln, solange ihr wollt.
Sechs Millionen Volkszähler, so wurde berechnet, würden notwendig sein, um das chinesische Volk in vernünftiger Zeit zu zählen. Und es würde alles andere als einfach werden. Das war den Herren der KP klar. Menschen lassen sich nicht gerne zählen. Nirgendwo. Auch in China nicht. Sie werden gerne in Ruhe gelassen und sind, wenn man sie zählen will, gerade nicht zuhause, obwohl sich der Vorhang bewegt, oder sie sind zwar zuhause, aber sehr unruhig und stark beschäftigt und es ist gerade kein günstiger Zeitpunkt zum zählen, wirklich nicht, weil sie mit der Grossmutter Mah-Jong spielen oder dem Einkind helfen, im hohen Gras im Hinterhof den Federball zu finden. Könnten sie später wieder kommen? Und die ganzen Subversiven, die sind, wenn der Volkszähler  klingelt, gerade daran, sich im Hinterzimmer zu vermehren, um die Zählung zu unterlaufen. Beat the system. Outfuck the communist party.
Uneinig war man sich im vorberatenden Ausschuss des Zentralrates der KP auch, wie man damit umgehen sollte, wenn das listige Volk den Spiess umdrehen und die Volkszähler zählen würde. Das Volk wäre eindeutig schneller fertig und die ganze Übung müsste abgebrochen werden. Zu guter letzt war da noch das Problem des peer-counting. Wie konnte man verhindern, dass die zählenden Chinesen den zu Zählenden hier und dort einen Gefallen taten und schlicht ein paar Familienmitglieder übersahen? Drei Grosseltern, zwei Tanten, zwei Eltern und fünf Einkinder – das macht dann total acht. Schönen Abend noch und nichts für ungut.
Düstere Stimmung begann sich im vorberatenden Ausschuss auszubreiten und es sah gar nicht gut aus. Das Projekt Volkszählung hing in den Seilen und wirkte angezählt. Dann hatte jemand eine Eingebung. Eine Erleuchtung sozusagen. Eine verflucht bestechende Idee. Ein mittlerer Beamter, der bis dahin nicht durch originelle Ideen aufgefallen war, machte den überraschenden Vorschlag, man könnte doch allenfalls erwägen, anstatt die Chinesen von Chinesen zählen zu lassen, den Auftrag extern zu vergeben. Nach einem Augenblick betretener Stille lachte der Vorsitzende, worauf die anderen Mitglieder des Ausschusses zaghaft auch zu lachen begannen, einer nach dem andern, bis der Vorsitzende mit der Faust auf den Tisch schlug und den Beschluss ins Protokoll diktierte, die Volkszählung extern zu vergeben.
Hier muss der Chronist nun ein paar Schritte überspringen, weil die Zählerei sonst gar nie mehr losgegangen wäre. Jedenfalls wurde nach ein paar weiteren Sitzungen festgestellt, dass nur jemand diese gewaltige Aufgabe mit der erforderlichen Genauigkeit, Gründlichkeit und Sturheit anpacken konnte: Die Schweizer.Wir kriegen grob geschätzt (ich darf ab und zu grob schätzen, ich gebe mir sonst sehr Mühe, sorgfältig mit den Leuten umzugehen) sechs Millionen zusammen, wenn man die Ausländer wegzählt (das wäre dann eine Volkswegzählung: man zählt etwas weg, um dann unter dem Strich das wahre Volk vor sich zu haben).  Die chinesische Regierung gelangte also an die Schweizer Regierung mit der Bitte, das Schweizer Volk mal zur Volkszählung ausleihen zu dürfen. Wer, so argumentierte der chinesische Botschafter lächelnd aber durchaus ernsthaft, als er im EDA vorsprach, wäre besser geeignet, um die gigantische Aufgabe, das chinesische Volk zu zählen,  mit Aussicht auf Erfolg anzupacken, als die Schweizer, erwiesenermassen ein Volk von Buchhaltern, Versicherungs- und Bankangestellten mit einem verlässlichen Flair für Zahlen und zudem von sprichwörtlicher Unbestechlichkeit?Der Vorschlag wurde an der nächsten Bundesratssitzung besprochen und man einigte sich erstaunlich rasch darauf, ihn anzunehmen, denn es ergab sich, dass die Regierung sowieso vorgehabt hatte, die Schweiz einmal tüchtig durchzulüften, was ungleich einfacher zu bewerkstelligen war, wenn die Bevölkerung mal kurz ausser Landes war, und die zurückbleibenden Ausländer waren sich Gegenwind gewohnt.
Da gingen sie also hin, die Schweizer Volkszähler, im grössten je vom EDA-Expertenpool organisierten Auslandeinsatz.  Guten Morgen. Wir sind die Hengartners aus Zuchwil. Das ist Peter, mein Mann, ich bin die Trudi und das sind unsere Kinder Noah und Joël (nüt aalange, Joël, gäll!). Macht nichts, wenn sie das jetzt nicht alles verstehen. Wir zählen sie rasch und dann sind wir auch gleich wieder weg, gell? Danke, kein Reiswein. Ufiderluege!
Was soll ich sagen. Die Volkszählung lief wie am Schnürchen. Es gab nur ganz wenige Zwischenfälle und die hatten auf das extrem gute Gesamtergebnis keinerlei Einfluss. Die KP war von der zustande gekommenen Zahl beeindruckt, eine nun genau definierbare absolute Mehrheit der Chinesen gab zu Protokoll (eine der Standardfragen im zwölfseitigen Bogen auf Altpapier), noch nie so korrekt und gleichzeitig charmant gezählt worden zu sein, und die Schweizer fanden das Erlebnis so ausserordentlich, dass sie auf dem Heimweg gleich noch die Mongolen, die Russen, die Polen und die Deutschen zählten. Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie.  Nur das Nachhausekommen war dann nicht für alle ganz einfach. Das Land zwar gut gelüftet und von den Ausländern ordentlich instand gehalten, musste man denen echt zugestehen. Aber eben. Gerade das. Festzustellen, dass die Schweiz auch ohne Schweizer nicht sofort dem Untergang geweiht war. Das war schon ein Bisschen eine Ernüchterung. Irgendwie. Oder nöd?

Sand

24. Oktober 2010

Am Ende war überall Sand. Sand, wenn er sich mit den Fingern durch die dünn gewordenen Haare Strich. Sand auf seinen Armen und Beinen, Sand auf seinen Kleidern, auf dem Badetuch sowieso, als er es rollte und in seine Strandtasche steckte. Alles Ausschütteln und Ausklopfen hatte nichts geholfen. Der Sand war überall. In den Ritzen seines Telefons, in seinen Ohren, zwischen seinen Zähnen. Sand. Die Sonne näherte sich rasch dem Horizont. Nichts konnte sie aufhalten, und sie versuchte nicht einmal, ihr Untergehen zu verbergen – man konnte ihr zusehen dabei. Wer heute noch irgendetwas hatte bei Tageslicht erledigen wollen,  auch nur eine unbedeutende Kleinigkeit, hatte es verpasst und musste darauf hoffen, dass er morgen aufwachen und tatsächlich die Chance kriegen würde, es doch noch zu tun. Heute war es für alles zu spät. Alles, was für heute übrigblieb, war dieser sich schnell dunkel färbende Sand, der überall eingedrungen war und sich ausbreitete und alles übernahm. Er fuhr langsam mit seinem Fahrrad durch den Park und gab dabei Acht, nicht im Halbdunkel gegen ein Hindernis zu prallen oder über einen grossen Stein zu fahren. Seine Augen hatten Mühe im Dunkeln. Beim Verlassen des Parks kam er einmal mehr am japanischen Haus vorbei. Es war kein japanisches Haus. Er war nie in Japan gewesen. Dieses Haus war seine einzige Erinnerung. Jedesmal, wenn er am Abend hier vorbeikam, meist mit dem Fahrrad, auf dem Heimweg aus dem Park, wenn es langsam dunkel wurde, stand im ersten Stock des Hauses ein Fenster offen und ein warmes Licht schien in einem Zimmer, von dem man von der anderen Seite der Strasse nur die Decke sah. Er blieb stehen, blickte zum warmen Licht hoch und fragte sich, wer wohl hier wohnte. Es war unterdessen ganz dunkel geworden. Er hatte Durst, war müde und wollte nachhause, aber irgendwie kam er nicht los vom Anblick des Zimmers mit seinem warmen Licht. Er stand noch immer auf der anderen Strassenseite, als die Haustüre aufging  und eine Frau auf den Gehsteig trat. Im schwachen Licht der Strassenbeleuchtung glaubte er, asiatische Gesichtszüge zu erkennen. Aber er irrte sich sicher. Es war dunkel genug für einen Wunsch. Die Frau machte ein paar Schritte, stellte zwei Müllsäcke an den Strassenrand und verschwand wieder im Hauseingang. Als die Ampel auf Grün sprang, wohl zum vierten oder fünften Mal, seit er da stand und zum Fenster hochblickte, überquerte er die Strasse.Als er an den Müllsäcken vorbeiging, sah er, bevor er wieder auf sein Fahrrad stieg, dass sie undicht waren. Feiner, dunkler Sand rann auf den Gehsteig.