Dass sich Gödel am Ende seines Lebens vor Kühlschränken gefürchtet haben soll, leuchtet mir irgendwie ein. Was sind das für Geräte, in denen das Licht erst angeht, wenn man die Türe öffnet, während vorher alles, die Milch und der Käse, der Salat und die Butter, in gnadenloser Dunkelheit gefangen und von einem mehr oder weniger leisen Summen eingelullt seiner Verzehrung bei Zimmertemperatur harrt. In einem Film, den mir neulich ein Freund aus Berlin ganz ohne Hintergedanken geschickt hat, wird das Leben des Erfinders mehrerer TV-Shows in episodischen Rückblenden erzählt. Zum Teil sind es lustige Episoden, aber alles in allem bleibt der Eindruck eines traurigen, irgendwie verpfuschten Lebens haften, das in einem Hotelzimmer endet. Zu viele Drogen. Zu viele Missverständnisse. Zu wenig Liebe. Die Schlussszene des Films skizziert die letzte Idee für eine TV-Show. Drei alte Männer sitzen auf der Bühne. Jeder hat eine Knarre im Schoss und erzählt den Zuschauern von seinem missglückten Leben. Derjenige, der sich nicht umbringt, hat gewonnen und erhält als Preis eine Waschmaschine. Zuerst musste ich tatsächlich lachen. Wegen der Waschmaschine. Was für ein Preis. Aber wofür? Es kann ja nicht dafür sein, nicht verzweifelt zu sein. Wer in einer TV-Show mitmacht, in der sich die Konkurrenten erschiessen, ist entweder selber verzweifelt, hat den Verstand verloren oder zumindest jeglichen Rest menschlicher Würde. Wahrscheinlich alles zusammen. Verdient tatsächlich nichts mehr anderes als eine Waschmaschine. Der Host meines Blogs hat mir zum Jahresbeginn meine Statistik des vergangenen Jahrs unterbreitet. Eine Boeing 747, hat man mir in Erinnerung gerufen, könne 416 Passagiere befördern. Acht volle Boeing 747 hätten im abgelaufenen Jahr meinen Blog besucht. Mein Blog ist beeindruckt. Aber ich bin ganz ehrlich auch irgendwie besorgt. Acht volle Flugzeuge sind eine gewaltige Verantwortung. Ich verfüge nicht über Hangars, in denen diese Flugzeuge gewartet werden können. Sind sie wieder gut vom Boden weggekommen? Wohin sind sie jetzt unterwegs? Waren Anschlussflüge verfügbar für die Passagiere, genügend Hotelzimmer gebucht? Waren die Betten gemacht? Ging kein Gepäck verloren? Standen Freunde und Verwandte nach dem Zoll mit farbigen Blumen zur Begrüssung bereit? Musste lange auf ein Taxi gewartet werden? Und haben sie alle dann auch wirklich erhalten, was sie sich wünschten? Sind sie dort angekommen, wo sie hin wollten? Hat sie wenigstens jemand gefüttert, ihren iPod aufgeladen über Nacht? Ich befürchte, dass nicht alles rund gelaufen ist. Stimmt doch, oder? Wahrscheinlich hat das Licht im Kühlschrank einen Wackelkontakt und brennt nun oft auch bei geschlossener Türe. Treibt den Jogurt zum Wahnsinn. Und die Waschmaschine ist ausgelaufen. Eine undichte Dichtung, durch die zuerst Wahrheit in die Maschine drang und dann Spülwasser entwich. Kein Schongang für das Parkett. Aber wer kann sich schon Parkett leisten in der Waschküche. Wer kocht schon im Flugzeug. Schon gar nicht für 416 Personen. Das ist hier alles aufgewärmt. Ich hoffe, es schmeckt trotzdem. Und wünsche euch allen einen guten Flug durch’s Jahr. Boarding complete.
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Der Gewinner erhält eine Waschmaschine
7. Januar 2011Wir Schotten
10. November 2010Wie Schatten gehen die Menschen einher. Sammeln und häufen an und wissen nicht, wer es einbringen wird. Oder hiess es Schotten und stand nicht in der Bibel sondern in einem Reiseprospekt? Und warum sollten sich die Schotten kümmern, wer es einbringen wird? Wie den Walisern blieb ihnen die Unabhängigkeit verwehrt. Dumpfe Laute im Hochmoor. Leise Verfluchungen in der Geheimsprache der Torfstecher. Weit voneinander entfernte Nachbarn, die sich erfolgreich aus dem gemeinsamen Weg gehen. Ein resignierender Nebel, der sich nicht tiefer senken kann, bis er das felsige Kliff erreicht hat. Immer weniger Fische. Vor der Küste wenn möglich Öl, das wieder den falschen Leuten gehören wird. Sonst Nieselregen, rauch- und gastfreie Pubs, verstaubte Dudelsäcke und das britische Pfund auf eigenem Papier. Wahrlich, ich sage euch, wie Schotten gehen wir Menschen einher. Bummeln und saufen ab und wissen nicht, wer uns heimbringen wird.
Volkzählen
2. November 2010Man schrieb das Jahr 2010 und die chinesische Regierung hatte beschlossen, ihr Volk zu zählen, um sicher zu sein, dass es noch da war. Kein einfaches Unterfangen, bei einer geschätzten Bevölkerung von wie viele auch immer. Jedenfalls wahnsinnig viele. Ein Milliardending. Eine monströse Zahl mit jenen Nullen. Jeder vierte Bewohner der Erde? Eines meiner vier Kinder womöglich ein Chinese? Aber genau darum ging es ja: man war des Schätzens müde und wollte nun endlich wissen. Seid ihr alle da? Zensus! Alle mal kurz still stehen und durchnummerieren. Wie bitte? Ich zähl jetzt genau bis 10 dann steht ihr alle auf einer Reihe! Und versucht ja nicht, alle gleich auszusehen. Damit kommt ihr nicht durch bei mir. Nicht auf diese billige asiatische Tour. Da könnt ihr lächeln, solange ihr wollt.
Sechs Millionen Volkszähler, so wurde berechnet, würden notwendig sein, um das chinesische Volk in vernünftiger Zeit zu zählen. Und es würde alles andere als einfach werden. Das war den Herren der KP klar. Menschen lassen sich nicht gerne zählen. Nirgendwo. Auch in China nicht. Sie werden gerne in Ruhe gelassen und sind, wenn man sie zählen will, gerade nicht zuhause, obwohl sich der Vorhang bewegt, oder sie sind zwar zuhause, aber sehr unruhig und stark beschäftigt und es ist gerade kein günstiger Zeitpunkt zum zählen, wirklich nicht, weil sie mit der Grossmutter Mah-Jong spielen oder dem Einkind helfen, im hohen Gras im Hinterhof den Federball zu finden. Könnten sie später wieder kommen? Und die ganzen Subversiven, die sind, wenn der Volkszähler klingelt, gerade daran, sich im Hinterzimmer zu vermehren, um die Zählung zu unterlaufen. Beat the system. Outfuck the communist party.
Uneinig war man sich im vorberatenden Ausschuss des Zentralrates der KP auch, wie man damit umgehen sollte, wenn das listige Volk den Spiess umdrehen und die Volkszähler zählen würde. Das Volk wäre eindeutig schneller fertig und die ganze Übung müsste abgebrochen werden. Zu guter letzt war da noch das Problem des peer-counting. Wie konnte man verhindern, dass die zählenden Chinesen den zu Zählenden hier und dort einen Gefallen taten und schlicht ein paar Familienmitglieder übersahen? Drei Grosseltern, zwei Tanten, zwei Eltern und fünf Einkinder – das macht dann total acht. Schönen Abend noch und nichts für ungut.
Düstere Stimmung begann sich im vorberatenden Ausschuss auszubreiten und es sah gar nicht gut aus. Das Projekt Volkszählung hing in den Seilen und wirkte angezählt. Dann hatte jemand eine Eingebung. Eine Erleuchtung sozusagen. Eine verflucht bestechende Idee. Ein mittlerer Beamter, der bis dahin nicht durch originelle Ideen aufgefallen war, machte den überraschenden Vorschlag, man könnte doch allenfalls erwägen, anstatt die Chinesen von Chinesen zählen zu lassen, den Auftrag extern zu vergeben. Nach einem Augenblick betretener Stille lachte der Vorsitzende, worauf die anderen Mitglieder des Ausschusses zaghaft auch zu lachen begannen, einer nach dem andern, bis der Vorsitzende mit der Faust auf den Tisch schlug und den Beschluss ins Protokoll diktierte, die Volkszählung extern zu vergeben.
Hier muss der Chronist nun ein paar Schritte überspringen, weil die Zählerei sonst gar nie mehr losgegangen wäre. Jedenfalls wurde nach ein paar weiteren Sitzungen festgestellt, dass nur jemand diese gewaltige Aufgabe mit der erforderlichen Genauigkeit, Gründlichkeit und Sturheit anpacken konnte: Die Schweizer.Wir kriegen grob geschätzt (ich darf ab und zu grob schätzen, ich gebe mir sonst sehr Mühe, sorgfältig mit den Leuten umzugehen) sechs Millionen zusammen, wenn man die Ausländer wegzählt (das wäre dann eine Volkswegzählung: man zählt etwas weg, um dann unter dem Strich das wahre Volk vor sich zu haben). Die chinesische Regierung gelangte also an die Schweizer Regierung mit der Bitte, das Schweizer Volk mal zur Volkszählung ausleihen zu dürfen. Wer, so argumentierte der chinesische Botschafter lächelnd aber durchaus ernsthaft, als er im EDA vorsprach, wäre besser geeignet, um die gigantische Aufgabe, das chinesische Volk zu zählen, mit Aussicht auf Erfolg anzupacken, als die Schweizer, erwiesenermassen ein Volk von Buchhaltern, Versicherungs- und Bankangestellten mit einem verlässlichen Flair für Zahlen und zudem von sprichwörtlicher Unbestechlichkeit?Der Vorschlag wurde an der nächsten Bundesratssitzung besprochen und man einigte sich erstaunlich rasch darauf, ihn anzunehmen, denn es ergab sich, dass die Regierung sowieso vorgehabt hatte, die Schweiz einmal tüchtig durchzulüften, was ungleich einfacher zu bewerkstelligen war, wenn die Bevölkerung mal kurz ausser Landes war, und die zurückbleibenden Ausländer waren sich Gegenwind gewohnt.
Da gingen sie also hin, die Schweizer Volkszähler, im grössten je vom EDA-Expertenpool organisierten Auslandeinsatz. Guten Morgen. Wir sind die Hengartners aus Zuchwil. Das ist Peter, mein Mann, ich bin die Trudi und das sind unsere Kinder Noah und Joël (nüt aalange, Joël, gäll!). Macht nichts, wenn sie das jetzt nicht alles verstehen. Wir zählen sie rasch und dann sind wir auch gleich wieder weg, gell? Danke, kein Reiswein. Ufiderluege!
Was soll ich sagen. Die Volkszählung lief wie am Schnürchen. Es gab nur ganz wenige Zwischenfälle und die hatten auf das extrem gute Gesamtergebnis keinerlei Einfluss. Die KP war von der zustande gekommenen Zahl beeindruckt, eine nun genau definierbare absolute Mehrheit der Chinesen gab zu Protokoll (eine der Standardfragen im zwölfseitigen Bogen auf Altpapier), noch nie so korrekt und gleichzeitig charmant gezählt worden zu sein, und die Schweizer fanden das Erlebnis so ausserordentlich, dass sie auf dem Heimweg gleich noch die Mongolen, die Russen, die Polen und die Deutschen zählten. Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Nur das Nachhausekommen war dann nicht für alle ganz einfach. Das Land zwar gut gelüftet und von den Ausländern ordentlich instand gehalten, musste man denen echt zugestehen. Aber eben. Gerade das. Festzustellen, dass die Schweiz auch ohne Schweizer nicht sofort dem Untergang geweiht war. Das war schon ein Bisschen eine Ernüchterung. Irgendwie. Oder nöd?
Sand
24. Oktober 2010Am Ende war überall Sand. Sand, wenn er sich mit den Fingern durch die dünn gewordenen Haare Strich. Sand auf seinen Armen und Beinen, Sand auf seinen Kleidern, auf dem Badetuch sowieso, als er es rollte und in seine Strandtasche steckte. Alles Ausschütteln und Ausklopfen hatte nichts geholfen. Der Sand war überall. In den Ritzen seines Telefons, in seinen Ohren, zwischen seinen Zähnen. Sand. Die Sonne näherte sich rasch dem Horizont. Nichts konnte sie aufhalten, und sie versuchte nicht einmal, ihr Untergehen zu verbergen – man konnte ihr zusehen dabei. Wer heute noch irgendetwas hatte bei Tageslicht erledigen wollen, auch nur eine unbedeutende Kleinigkeit, hatte es verpasst und musste darauf hoffen, dass er morgen aufwachen und tatsächlich die Chance kriegen würde, es doch noch zu tun. Heute war es für alles zu spät. Alles, was für heute übrigblieb, war dieser sich schnell dunkel färbende Sand, der überall eingedrungen war und sich ausbreitete und alles übernahm. Er fuhr langsam mit seinem Fahrrad durch den Park und gab dabei Acht, nicht im Halbdunkel gegen ein Hindernis zu prallen oder über einen grossen Stein zu fahren. Seine Augen hatten Mühe im Dunkeln. Beim Verlassen des Parks kam er einmal mehr am japanischen Haus vorbei. Es war kein japanisches Haus. Er war nie in Japan gewesen. Dieses Haus war seine einzige Erinnerung. Jedesmal, wenn er am Abend hier vorbeikam, meist mit dem Fahrrad, auf dem Heimweg aus dem Park, wenn es langsam dunkel wurde, stand im ersten Stock des Hauses ein Fenster offen und ein warmes Licht schien in einem Zimmer, von dem man von der anderen Seite der Strasse nur die Decke sah. Er blieb stehen, blickte zum warmen Licht hoch und fragte sich, wer wohl hier wohnte. Es war unterdessen ganz dunkel geworden. Er hatte Durst, war müde und wollte nachhause, aber irgendwie kam er nicht los vom Anblick des Zimmers mit seinem warmen Licht. Er stand noch immer auf der anderen Strassenseite, als die Haustüre aufging und eine Frau auf den Gehsteig trat. Im schwachen Licht der Strassenbeleuchtung glaubte er, asiatische Gesichtszüge zu erkennen. Aber er irrte sich sicher. Es war dunkel genug für einen Wunsch. Die Frau machte ein paar Schritte, stellte zwei Müllsäcke an den Strassenrand und verschwand wieder im Hauseingang. Als die Ampel auf Grün sprang, wohl zum vierten oder fünften Mal, seit er da stand und zum Fenster hochblickte, überquerte er die Strasse.Als er an den Müllsäcken vorbeiging, sah er, bevor er wieder auf sein Fahrrad stieg, dass sie undicht waren. Feiner, dunkler Sand rann auf den Gehsteig.
Franks Bein
10. September 2010Gedanken aus dem Sommerloch
13. Juli 2010Es ist, wenn man sich zurücklehnt, die Beine auf den Schreibtisch legt und sich einen entspannten Augenblick lang einem Gedankengang widmet, der nichts mit einer von der Zentrale bis spätestens morgen 14 Uhr geforderten Stellungnahme zum Entwurf einer einseitigen Pressemitteilung zu tun hat, die dann doch nicht veröffentlicht wird, irgendwie die schönste Zeit des Jahres. Schöner als Weihnachten. Man muss nicht einmal Geschenke besorgen. Sie flattern von überall her mit einer bezaubernden Leichtigkeit umsonst ins Haus. Es ist Sommerferienzeit.
Die mit den üblichen Vollidioten vollgepferchten Autos stauen sich am Nordfuss des Gotthardtunnels bis an die Ausläufer des Hindukusch, wo sogar die Verteidigung Deutschlands einen von ein paar – allerdings heftigen – Explosionen unterbrochenen Moment lang den schweren Atem anhält, während französische Minister fast ohne Arroganz in die Kameras lächeln, alles abstreiten, nur um kurz darauf als zerknirschtes Bauernopfer zurückzutreten, derweil unangenehme Zeugen aussagen, nie freiwillig unter Druck gestanden zu haben, während der Präsident angesichts des unrühmlichen Verhaltens der französischen Nationalmannschaft den Zusammenhang der Nation beschwört und eine eidesstattliche Erklärung abgibt, von seinem Wahlkampf nichts gewusst zu haben, was etwas weiter südöstlich einem Bundesrat sofort als der richtige Moment erscheint, seinen schon lange allseits erwarteten Rücktritt zu einem einigermassen überraschenden Zeitpunkt bekanntzugeben und eine seiner Kolleginnen ermutigt, noch vor der Abreise in die Ferien den kühnen Entschluss zu fassen, wegen formalen Mängeln des Auslieferungsgesuchs und ein paar fehlenden Fotokopien einen in die Jahre gekommenen mutmasslichen Vergewaltiger nicht an ein Land auszuweisen, dessen Präsident unser aller Bohrloch einfach nicht zukriegt.
Was ich sagen will: es ist in diesem sogenannten Sommerloch nicht so, dass gerade nichts passiert. Aber es ist vielleicht ganz interessant, dem offenbar wenigen zuzuschauen, das noch passiert, und auf jeden Fall aufschlussreich, genau hinzuschauen und hinzuhören, wie darüber berichtet wird.
Das Schweizer Fernsehen bietet drei Korrespondenten auf, um aus Frankreich, den USA und Polen über das Echo auf die verweigerte Auslieferung zu berichten. Vielleicht hab ich den Korrespondenten aus Polen auch nur geträumt. Es war heiss in meinem Fernsehzimmer und mein Hund lenkte mich ab, weil er sich so verhielt, als müsse er dringend Gassi gehen, obwohl wir kurz zuvor auf einem längeren Spaziergang waren. Obwohl ich gar keinen Hund habe. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass da ein nicht sonderlich gut Hochdeutsch sprechender Sonderkorrespondent war, der direkt vor dem Chalet des nun doch nicht Ausgelieferten darüber spekulierte, ob dieser nun, „wie die einten sagen“, tatsächlich gleich nach Abstreifen der elektronischen Fussfessel abgereist oder, wie die anderen behaupten würden, noch immer hinter diesen Vorfenstern sitze, die Landschaft betrachtend, den ruhigen Fluss des Lebens.
Die meisten Einheimischen seien jedoch wortkarg und wollten sich lieber nicht äussern zu diesem Fall, weil man ja schliesslich in der Berggemeinde von der Anwesenheit der reichen Ausländer lebe, wusste der Sonderkorrespondent abschliessend leicht süffisant zu berichten (oder meinte ich das nur – was IST denn schon wieder, Du dämlicher Köter!), womit man sich nach einer gefühlten Viertelstunde endlich dem Rest der Welt zuwenden konnte, um noch rasch nachzuschauen, vor dem Wetterbericht, ob da eventuell sogar auch noch etwas passiert sein könnte, worüber zu berichten es sich allenfalls lohnen könnte.
Es war, ich gebe es zu, einer dieser Augenblicke, in dem es mir ein wenig peinlich ist, dass ich Schweizer bin und dass das mein staatliches Fernsehen ist. Drei Auslandkorrespondenten, ein Sonderkorrespondent direkt vor dem Chalet und die Hälfte der zur Verfügung stehenden Sendezeit der Tagesschau. Willkommen bei den zu stark besonnten Sennen. Temperaturen über 30 Grad und Startsiege gegen spätere Weltmeister bekommen uns nicht. Es kann uns dann passieren, dass ein Moderator einer Sportsendung nach einer verlorenen WM-Partie einer afrikanischen Mannschaft den afrikanischen Studiogast fragt: „Wie geht ihr Afrikaner mit einer solchen Niederlage um? Holt ihr den Medizinmann ins Lager?“, und man sich fragt, was nun noch peinlicher ist: dass keiner der Studiogäste gegen diese rassistische Aussage Einspruch erhebt oder dass das handverlesene Publikum, dass sich endlich einmal selber im Fernsehen sieht (falls das programmierte Aufnahmegerät nicht im dümmsten Moment den Dienst versagt), beherzt lacht und spontan Beifall spendet.
Darf man das alles entschuldigen? Hilft es, dass andere Europäer offensichtlich auch unter der Hitze leiden? Tröstet es, dass viele kritische Zeitgenossen ja momentan gar nicht hinschauen, weil sie vor dem Gotthard unterwegs sind?
Es könnte eine wunderbare Zeit sein, dieses Sommerloch. Eine höchst philosophische Zeit, nur so zum Beispiel. Zum Beispiel wenn man die relative Ruhe dazu benutzen würde, sich die Frage zu stellen, warum es eigentlich gerade so ruhig ist. Warum die Medien mit drei Ausland- und einem Sonderkorrespondenten über eine angesichts anderer Probleme dieser Welt völlig nebensächliche Begebenheit berichten können, während die Tendenz ja momentan diese ist, dass sämtliche Medien gerade damit beschäftigt sind, ihre Auslandkorrespondenten wegzurationalisieren, weil wir uns Berichterstattung aufgrund von Kenntnissen einfach nicht mehr leisten können.
Geschieht momentan wirklich einfach fast nichts? Oder ist es lediglich so, dass die Berichterstatter in den Ferien weilen (offenbar nicht alle, wenn sogar einer vor dem Chalet ausharren und über die kleinmütigen Einheimischen spotten kann), und wenn dem so wäre, hat man sie in die Ferien geschickt, weil die, denen sie üblicherweise Bericht erstatten, am Gotthard im Stau stehen und von Bohrlöchern im Augenblick nichts wissen wollen, ausser es handle sich um die zweite Gotthardröhre? Oder ist es einfach so, dass die Politiker in den Ferien weilen, und es, weil ohne sie nichts geht, nichts zu berichten gibt, ausser vielleicht über den einen oder anderen unter ihnen, der eine jüngere Frau wirklich liebt und dann auch in zweiter Ehe geheiratet hat oder über jenen Unglücklichen, der eines morgens mit Bündeln von Euronoten in seinen Taschen aufgewacht ist und die edle Spenderin nicht einmal loben kann, weil er sie nie gesehen hat?
Ich habe keinen Hund, und ich werde mir auch keinen mehr kaufen, aber ich würde ihn den wenigsten Politikern, die ich mitkriege, in die Ferien geben. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es ist so. Zuviel Machtbewusstsein, zu wenig Zeit zum Gassigehen.
Wie dem auch sei. Irgendwie, und das ist doch das Bemerkenswerte, scheint es möglich, dass einmal im Jahr ein paar Wochen lang etwas weniger passiert als sonst. Auch wenn es am Ende nur ein Wahrnehmungsphänomen sein sollte. Was haben wir ausser unserer Wahrnehmung?
Die sonst übliche Hektik lässt spürbar nach. Man kommt sogar kurz zum Denken. Wunderbar! Vielleicht fragt sich die eine oder der andere, ob dieser verlangsamte Aggregatszustand nicht sogar ein erstrebenswerter sein könnte. Möglicherweise würde es genügen, wenn wir unsere Politiker und unsere Medienschaffenden etwas öfter in längere Ferien schicken würden. Geht nur. Doch doch. Macht euch wegen uns keine Sorgen. Es geht uns gut ohne euch, und wir passen auch ganz sicher auf uns auf. Entspannt euch. Rutscht uns endlich den Buckel runter.
Und jetzt zu etwas völlig anderem
12. Juli 2010Seit zwei Wochen kümmere ich mich wieder um mich. Eigentlich schon seit über zwei Monaten, als ich mit dem Rauchen aufhörte. Mir ist Ende April plötzlich klar geworden, dass rauchen der Gesundheit schadet. Meiner. Das war ein echter Schock, und ich habe sofort aufgehört damit. Wieso hatte mir das nie jemand gesagt? OK, ich will fair sein. Ihr habt es mir alle gesagt, immer wieder, sogar der eine oder andere Raucher unter euch hat es mir nicht verschwiegen. Nur hören wir eben nicht auf andere, ausser sie sagen uns etwas, was wir hören wollen.
Sei’s drum. Ich habe nach 12 Jahren ununterbrochenem Qualm mal wieder aufgehört, wie ich das die anderen Male, als ich aufhörte, auch getan hatte: von einem Tag auf den andern. Seither geht es mir besser, auf verschiedene Arten. Dass ich weniger huste und weniger schnell ins Keuchen komme, ist schön, aber nicht das Schönste am nicht mehr rauchen. Das eindeutig Schönste daran ist, dass ich selbst in den letzten Wochen, als ich mich aus verschiedenen Gründen, die nichts mit dem nicht mehr rauchen zu tun hatten, echt mies fühlte, nicht wieder angefangen habe damit. Es wäre, so, wie ich funktioniere (so, wie wohl viele Menschen funktionieren) das Naheliegendste gewesen, wieder mit dem Rauchen zu beginnen. Es ging mir scheisse. Ich fühlte mich wirklich absolut mies. Ich sah wenig erfreuliche Perspektiven für mich persönlich (während ich zugeben musste, dass es meinen Kindern gut geht und es demzufolge eigentlich nichts gab, worüber ich wirklich hätte betrübt sein können), sondern überall nur Ärger, Wiederholungen und Ungemach.
Wozu also nicht rauchen? Wozu der Verzicht auf ein Genussmittel, nur weil es meiner Gesundheit schadet und vielleicht mein Leben verkürzt? Und ich sage bewusst vielleicht, denn was wissen wir schon.
Wir wissen zwar, dass rauchen die Lebensdauer verkürzt. Es gibt diese ebenso berühmte wie unglaubliche Formel, wonach mein Leben pro Zigarette eine Minute – oder war es eine Viertelstunde? – kürzer werde, aber das sagt leider nicht viel aus. Wo wird die akkumulierte Verkürzung des Lebens abgezogen? Am Ende? Das wäre dann wahrscheinlich nicht so schlimm, weil die letzten Jahre (vor allem die eines Rauchers) vermutlich nicht so toll sind. Ich möchte jetzt nicht wie ein Ignorant klingen (ich klinge natürlich gerade wie einer) und vor allem niemandem zu nahe treten, der jemanden aus der Familie oder aus dem Freundeskreis durch Lungenkrebs verloren hat. Das muss schrecklich sein. Ich entschuldige mich, dass ich mich zu diesem nicht nur billigen sondern logisch falschen Kurzschluss habe hinreissen lassen.
Ich will eigentlich nur sagen, und ich weiss, dass das vielleicht die billigste unter allen Raucher-Ausreden ist, dass wir nicht wissen, wann und woran wir sterben, und es deshalb unter Umständen gar nicht relevant ist, ob unser Leben durch irgend eine Sucht um ein Paar Jahre verkürzt worden wäre, weil wir gar nicht wissen, ob wir überhaupt so alt werden, dass etwas verkürzt werden könnte, was sonst länger gedauert hätte. Ach Du meine Güte. Ich entschuldige mich für die letzten paar Sätze, und ich nehme sie nur deshalb nicht ganz zurück, weil mir der Marmor zu schade wäre, in den ich sie gemeisselt habe.
Ich gebe zu, dass mir der Gedanke durch den Kopf ging, in meinen miesen Wochen (für die ich mich hier auch gleich in aller Form entschuldige, beim Leben und bei all jenen, denen es wirklich mies geht) an der nächsten Tankstelle Zigaretten zu kaufen und schon beim Wegfahren genüsslich zu inhalieren. Aber ich tat es nicht. Nicht aus Vernunft oder Tugend, sondern aus Trotz.
Ich weigerte mich, mir erneut Schaden zuzufügen, nur weil es mir schlecht ging. Es war ein kleiner aber für mich bedeutungsvoller Aufstand gegen die eigenen Verhaltensmuster. Und weil es Spass machte, nicht in meine alte Falle zu treten, ging ich gleich noch einen Schritt weiter und begann, wieder Sport zu treiben. Wie lange hatte ich davon gesprochen? Zehn Jahre? Fünfzehn Jahre?
Egal. Jedenfalls war ich schon sehr lange nicht mehr das, was ich angeblich gerne gewesen wäre. Angeblich, weil ich es mir ja offenbar selber nicht glaubte und deshalb in meinen letzten fünfzehn Jahren auch nie mehr geworden bin: ein mittelalterlicher Mann mit einer sportlichen Figur und bei guter Kondition. Auf das mittelalterlich hätte ich noch ein paar Jahre verzichten können. Aber wahrscheinlich bestimmte der Umstand, dass wir diesbezüglich keine Wahl haben, irgendwo auch meinen freiwilligen Verzicht auf die sportliche Figur und die gute Kondition. Ich gebe es zu: ich liess mich gehen. Ich bin nicht aus den Nähten geplatzt und war nie wirklich dick, aber für jemanden, der einmal sehr sportlich war, kam mein Zustand einer Kapitulation ziemlich nahe. Irgendetwas in mir hatte mich oder einen Teil von mir offenbar aufgegeben, und ich fand nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren.
Ich nahm also mein Fahrrad aus der Garage und fuhr am vorletzten Wochenende am Samstag zwei Stunden lang durch den Hayarkon Park. In der grössten israelischen Mittagshitze, Anfang Juli. Aber so bin ich. Wenn ich mich einmal entschlossen habe, etwas zu tun, kann ich ebenso stur und unbelehrbar sein, wie wenn ich mich verweigere. Es hat sich herausgestellt, dass ich die Hitze noch immer sehr gut vertrage. Es machte mir überhaupt nichts aus, meine Runden in der prallen Mittagsonne zu drehen. Ich war dabei auch nicht immer in der prallen Sonne. Der Hayarkon Park hat verschiedene Fahrradstrecken, und einige davon führen unter wunderschönen, Schatten spendenden Bäumen an Gewässern entlang (am Hayarkon-Fluss eben). Ich hatte meinen kleinen iPod am Ärmel meines T-Shirts befestigt und hörte hauptsächlich alte Balladen von Bob Dylan. Sad eyed lady from the low lands und Sooner or later one of us must know.
Es machte mir soviel Spass und auch danach fühlte ich mich so gut, dass ich am Sonntag gleich noch mal zwei Stunden mit dem Fahrrad unterwegs war. Und weil ich nicht auf das kommende Wochenende warten wollte, beschloss ich, von nun an auch am Morgen vor der Arbeit eine Stunde mit dem Fahrrad durch den Park zu fahren. Das war kein geringer Entscheid für mich. Er bedeutete, dass ich nicht mehr als einer der ersten um 7.15 Uhr an meinem Arbeitsplatz eintreffen und die Ruhe vor dem täglichen Sturm nutzen konnte, sondern erst nach 9 Uhr. Warum ich mir das momentan erlaube, ist eine andere Geschichte, und hat nicht nur mit dem Sommerloch zu tun. Jedenfalls fühlt sich der neue Rhythmus, den ich meinem Tag und damit meinem Leben gegeben habe, gut an.
Ich habe immer gewusst, dass mein Körper dankbar ist. Sobald ich mich wieder um ihn kümmere, reagiert er wunderbar. Schon nach wenigen Tagen Training bin ich wieder erstaunlich gut bei Kräften und meine Ausdauer kommt zurück. Das müsste ja nicht unbedingt so sein. Mein Körper könnte sich nach den langen Jahren der Vernachlässigung auch sträuben oder ganz weigern, wieder in Form zu kommen. Und ich könnte ihm nicht einmal böse sein deswegen. Ich würde ihn verstehen. Was will der Kerl eigentlich von mir? Zuerst vernachlässigt er mich 15 Jahre lang, lässt mich links liegen, füttert mich hauptsächlich mit Junkfood, torpediert mich mit Teer und Nikotin, und dann urplötzlich, eines heissen Tages im Juli, jagt er mich wie ein Irrer zwei Stunden auf einem Fahrrad durch den Hayarkon Park. Ist er völlig meschugge geworden?
Ich hätte meinen Körper verstanden, wenn er sich quergestellt hätte. Er hätte nach zehn Minuten Schlapp machen können. Er hätte am zweiten Tag eine Zerrung produzieren können oder einen Muskelfaserriss. Er hätte sich ungeschickt anstellen und mich auf dem heissen Asphalt stürzen lassen können, was mir wahrscheinlich den Anfangselan gebrochen hätte, und wenn der einmal weg ist, ist das Ende nahe. Oder er hätte sich nach einer Woche ausgelaugt geben können, Gelenkschmerzen produzieren, eine Augenentzündung vom Fahrtwind, Ohrenschmerzen von den Ohrstöpseln des iPod, was weiss ich. Er hätte Dutzende von Möglichkeiten gehabt, mein Körper, um sich für meine jahrelange Passivität zu rächen, um mich dafür zu bestrafen, dass ich ihm, in dem ich doch wohne, so wenig Beachtung geschenkt und so wenig Sorge getragen habe. Aber nein, er hat es nicht getan. Er war, sobald ich mich ihm wieder zugewendet habe, wieder – wie ich das früher schon erlebt habe – nicht nur nachsichtig und gnädig mit mir, sondern er half mir sofort aktiv und unterstützt mich nun auf wunderbare Weise in meinen Bestrebungen, ein besseres Leben zu führen. Ich bin ihm unendlich dankbar, meinem Körper, und ich möchte ihm von jetzt an Sorge tragen. Alt werden ist in vielerlei Hinsicht nichts Schönes. Aber wenn ich schon alt werde, dann ist es alles andere als selbstverständlich und ich schätze es enorm, es in einem solchen Körper tun zu dürfen, der weder nachtragend noch beleidigt ist, sondern einfach ein sehr guter Freund, der einem seine Sünden vergibt und es einem immer wieder ermöglicht, neu anzufangen oder wenigstens wieder einen Versuch zu starten, ein besseres Leben zu führen.
Heute, zu Beginn meiner zweiten Woche der morgendlichen Fahrten durch den Hayarkon Park, fuhr ich ein paar Runden auf einem Rundkurs in der nordöstlichen Ecke des Parks. Der Montag, so scheint es, ist der Tag, an dem mehrere Fahrradclubs im Park trainieren. Jüngere, durchtrainierte Frauen und Männer drehen dann auf einigen Strecken des Parks im Pulk ihre rasanten Runden, und man muss aufpassen, dass man ihnen nicht im Weg fährt. Sie scheinen wenig Geduld und Rücksicht für langsamere Fahrer oder Spaziergänger zu haben und davon auszugehen, dass die Strecke (oder gleich der ganze Park?) ihnen gehört, weil sie jung, dynamisch, kraftvoll und vor allem schnell sind und weil sie alle das selbe Trikot tragen, das ihnen das Gefühl gibt, eine Einheit zu sein, eine verschworene Gemeinschaft die auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen hat. Wahrscheinlich tue ich diesen jungen Leuten jetzt etwas unrecht. Vielleicht kommen sie nur so rüber, und eigentlich sind sie alle sehr nett und rücksichtsvoll, nur halt eben ein wenig schneller als wir anderen. Wenn dem so ist, entschuldige ich mich bei ihnen als Gruppe und bei jeder und jedem einzelnen von ihnen. Nur weil sie eine Uniform tragen und als Gruppe auftreten, darf ich sie nicht pauschal verurteilen.
So oder so: sie haben mich heute zweimal überholt auf dem Rundkurs im Nordosten des Parks. Auch wenn ich ein Rennrad fahren würde – ich könnte ihnen nicht folgen. Noch nicht. Vielleicht in einem oder in zwei Monaten und für eine kurze Strecke. Eine Runde vielleicht und dann schnell abbiegen auf einen Seitenweg und tief durchatmen. Aber ich fahre kein Rennrad, sondern eine Mischung aus Mountainbike und Strassenfahrrad. Und ich habe mit meinem Training erst gerade begonnen. Also lasse ich die Gruppe an mir vorbeiziehen und versuche nicht einmal, zu beschleunigen und wenigstens ein paar Meter ihr Tempo zu halten. Ich betrachte stattdessen den schön geformten Hintern der sich rasch entfernenden hintersten Fahrerin und einen Augenblick lang fühle ich mich wie ein alternder Löwe, der einen Schwarm leckerer Gazellen an sich vorüberziehen sieht. Irgendwann, geht es mir durch den Kopf, und ich muss gleichzeitig über mich lachen, irgendwann wird eine von euch einen Schwächeanfall erleiden und hinten aus der Gruppe zurückfallen. Und dann werde ich da sein. Der alte Löwe. Langsamer geworden, weniger kraftvoll, nicht mehr so sprungstark. Aber immer noch mit all seinen Instinkten. Mit einem Feuer, das noch nicht erloschen ist. Und vollkommen rauchfrei.
Vom Ende des Wartens
5. Juli 2010Man darf nicht zu lange warten. Schon gar nicht auf Dinge, die nie passieren werden. Irgendwann muss man sich zur Seite nehmen und ganz ehrlich zu sich selber sein: Das wird nichts mehr.
Das tut im ersten Moment weh, und dieser erste Moment kann lange dauern, wenn man sich etwas lange, wirklich fest und von ganzem Herzen gewünscht hat, aber das Eingeständnis, dass etwas nicht eintreffen wird, ist unumgänglich, wenn man weitergehen möchte. Man kommt nicht darum herum. Und der Schmerz ist notwendig, wenn man beim Weitergehen nicht eine Last mit sich tragen will, die einem beim Gehen nach hinten zieht.
Weil es ein Trennungsschmerz von etwas ist, was man nie hatte, ist er nicht nur schwer zu verkraften, auch der Umgang damit ist nicht einfach. Man kann keine Kompressen oder einen Wundverband auflegen. Man weiss nicht einmal ganz genau, wie sich das künftige Vermissen anfühlen wird, obwohl man schon eine ganze Weile lang vermisst hat. Aber es war ein anderes Vermissen, weil es ein wartendes war, eines, das darauf hoffte, in seiner Erfüllung ein Ende zu finden, während das neue Vermissen, das sich am Ende des Wartens entwickelt, ein anderes sein kann: eines, das enden wird, weil es sich nicht mehr erfüllen muss.
Die Musik dort
29. Juni 2010(zur Erinnerung an einen Aufbruch)
Als wir noch im Land lebten, wo sie die Musik schreiben, klang sie gewöhnlich und wir hörten gar nicht hin. Vielleicht, weil wir dort nie ganz zuhause waren, auch wenn wir nach Einnachten bei Bekannten sagten: Wir müssen jetzt nachhause, der Babysitter wartet. Der Hund muss dringend raus. Der Hase hat Hunger. Und dunkel ist es auch. Vielen Dank und ein ander Mal.
Das Radio spielte zum Beispiel Surfing in USA und wir waren schon dort. Keine Strandpromenaden im Kopf, keine Sehnsucht nach Shorts. Meine Frau war gedanklich gerade beim Reiten und ich machte eine Liste von Dingen, die ich vor der Rückreise in die Schweiz unbedingt noch tun wollte, dann aber verlegte und erst beim Auspacken am Zoll in Kloten wieder fand. Ja, ich habe diese Liste selber geschrieben und alles, was aufgelistet ist, ist wertlos.
Wieder im Binnenland gewannen die Strände an Bedeutung. Die Welt wurde groß, weil sie plötzlich wieder klein war. Ich dachte an haushohe Brandungen endlose Strände, leere Liegestühle. Ein Stück weißes Treibholz an der Küste Oregons. Wellen brachen über mir, während ich anständig an der Kasse anstand und vor mir sprach einer überraschenderweise im selben Dialekt.
Als ich endlich bezahlen konnte, waren die Banknoten feucht und das Kleingeld fiel mir in die Ritzen des Förderbands. Ich entschuldigte mich bei der Person hinter mir, aber der Mann lächelte mich freundlich an, wartete gerne, war nicht von hier.
Seit wir wieder zurück waren, stand am anderen Ort die Zeit still. Die Nachrichtensendungen taten so, als fände dort alles auch ohne uns noch statt. Sogar unsere zurückgelassenen Freunde behaupteten, das Leben gehe weiter. Der Trennungsschmerz machte sie stur.
Aber wir wussten es besser. Gleich nach unserem Abflug von Washington hatte man den Flughafen geschlossen. Meiner ältesten Tochter war beim Check-In die Häufung von Männern in blauen Overalls aufgefallen, die in kleinen Grüppchen herumstanden und so taten, als würden sie rauchen, obwohl jeder wusste, dass dies ein rauchfreies Gebäude war.
Sobald wir an Bord der Maschine waren, wo sie sofort einen Film zeigten, damit niemand aus dem Fenster schaute, hatten sie mit der Endreinigung begonnen. Kurz danach war alles versiegelt, der Tower antwortete nicht mehr und die Räumungsmannschaft war bereits in unauffälligen Lieferwagen auf dem Highway auf dem Weg zur Stadt, als wir vor Neuschottland über den Atlantik abdrehten.
Glauben Sie mir, dort ist unterdessen gar nichts mehr los. Jedenfalls nichts mehr, was mit Wirklichkeit zu tun hat. Höchstens noch ein kollektiver amerikanischer Traum, aus dem die Leute partout nicht erwachen wollen, wie man sie auch schüttelt.
Eigentlich wusste ich nie, was wir an den USA so vermissten. Wenn wir dort unter uns waren, waren Leute dabei, zu denen wir nur ungern gehörten. In der Schweiz wurde es nicht viel besser. Wir führten den Hund spazieren und kamen an Gartentischen vorbei, an denen das ganze Quartier sich versammelt hatte. Fröhliches Lachen. Grillwürste. Nur die Kinder wuchsen noch. Der Rasen vor den Balkonen tat nur noch so, wusste aber genau, dass er nicht weit kommen würde. Manchmal rief jemand aus der Ferne an und sagte „Wir vermissen euch.“ Danke, wir uns auch. Und wie ist das Wetter?
Man kann nicht zurück. Und wir wollten auch nicht. Jedenfalls nicht mit Möbeln, nicht mehr zu zweit und nicht mehr als Familie. Einzeln zu Besuch auch nur ganz kurz, um nachzusehen, ob noch alles fehlte. In der Regel genügte es uns, ab und zu alleine auf die Kiste zu sitzen, in der die Fotos lagen. Die Rockies im Sommer. Die Niagara Falls an ihrem gischtfreien Tag.
Jetzt lebe ich in einer wieder anderen Stadt, wo mir nach zweieinhalb Jahren vieles vertraut geworden ist. Ich bin in der zweiten Halbzeit. Der Schiedsrichter hat bereits die Pfeife im Mund. Pfeift er frühzeitig ab oder gibt es Freistoss, den ich bestimmt in den Nachthimmel jagen werde?
Ich kenne diesen Moment, wo man Mühe hat, sich vorzustellen, dass man eines Tages zum letzten Mal durch diese Strasse fährt, die von zuhause zur Arbeit führt, von der Arbeit nachhause.
Es geht alles sehr schnell. Man wacht auf, schläft ein, wacht auf. Dazwischen will wenig gelingen. Wahrscheinlich weil man nicht sorgfältig träumt. Man reißt alles nur an und lässt sich von Leuten ablenken, die sogar wach nicht sehr unterhaltend sind. Es sind immer dieselben. Man wird sich einfach nicht los.
Brautigans Schatten
28. Juni 2010Wahrscheinlich gibt es das schon. Und ich sage nur „wahrscheinlich“, weil ich es nicht weiss und zu faul bin, mich kundig zu machen. Sicher gibt es das schon. Ein Museum für Schatten. Es gibt heute schon alles. Also ganz sicher auch ein Museum für Schatten. Mehrere davon. Wahrscheinlich sogar eine europäische Vereinigung der Schattenmuseen und eine Gewerkschaft der Schattenkuratoren. Ein linkes, lichtscheues Gesindel.
Was mir im Kopf herum geht, ist auch weniger ein Museum, in dem man herumgehen könnte. Es ist mehr eine Werkschau des Lichts.
Was mir vorschwebt, ist leicht. Es trägt Züge eines Museums, aber es ist mehr und etwas anderes, weniger und kostet keinen Eintritt. In ein Museum werden Dinge gestellt, die es nicht mehr gibt, die selten oder besonders sind. Schatten gibt es überall und immer wieder neue, sogar im Nachtschattengewächshaus. Sie sind nichts Besonderes. Schatten werfen kann jeder. Es ist keine Garderobe, wo man Schatten abgeben kann, seinen und den seiner Begleiterin. Es ist auch kein Rückzugsraum, wo man sich neu sammeln kann, wenn die Polizei Schattenwerfer eingesetzt hat. Hör mit den Wortspielen auf.
Worauf ich hinaus will, ist ein dünner Ast. Richard Brautigan erzählt in einem seiner Bücher die Geschichte des Archivs unveröffentlichter Literatur. Autorinnen und Autoren können ihre vom Verlag zurückgewiesenen Manuskripte hinbringen. Sie werden dort freundlich in Empfang genommen, katalogisiert und sorgfältig aufbewahrt. Eine wunderbare Idee und ein echtes Bedürfnis.
Schatten werden in der Regel nicht zurückgewiesen. Sie landen auch nicht im Papierkorb, wenn man sie unaufgefordert schickt. Trotzdem scheint mir, es müsse etwas unternommen werden. Wie wäre es also, wenn ich ein Schattenarium eröffnen würde auf meinem Blog?
Ihr könntet mir Bilder von Schatten schicken, die ich ins Schattenarium stellen würde. Schatten von Menschen. Schatten von Tieren. Schatten von Pflanzen. Schatten von Dingen.
Brautigan würde sich freuen. Sein Schatten wurde viel zu früh genommen.
