Archive for the ‘Texte’ Category

Eigentlich wirklich alles

25. Februar 2011

Wir haben es alle längst vermutet. Dass schon lange alles gesagt worden ist, was es zu sagen gibt. Ludwig Thoma hat für uns Redner und Rednerinnen den gebrauchsfertigen ersten Satz formuliert, einen Instant-Lacher sozusagen, mit dem wir die Zuhörerschaft als dritte Rednerin oder als sechster Redner einer Veranstaltung erfahrungsgemäss zumindest für einen flüchtigen Augenblick auf unsere langweilende Seite ziehen können: „Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von allen.“

Ein schöner Satz. Auch ich habe oft darüber lachen lassen. Nur selber mag ich nicht mehr wirklich lachen darüber. Aus verschiedenen Gründen, von denen die meisten hier und ganz sicher auch anderswo nicht interessieren. Weil der Satz nur die halbe Wahrheit beschreibt. Die ganze, vom Rednerpult abgewandte Wahrheit, ist, dass schon alles von allen gesagt wurde, und zwar nicht nur einmal, sondern mehrmals und leider immer wieder. Ein unsägliches Geschwätz. Ein meist sinnloses Palaver, ob gesprochen oder geschrieben. Auch meins. Wofür ich um Vergebung bitte. Macht mal jemand kurz das Fenster zu?

Kurz vor dem Ausbruch der totalen Ehrlichkeit

9. Februar 2011

Man könnte meinen, ich sei als Diplomat eindeutig die falsche Person, um zur Debatte über die totale Ehrlichkeit irgendetwas halbwegs Brauchbares beizusteuern. Aber manchmal liegt man mit Meinungen falsch und ohnehin ist weit und breit keine Debatte über die totale Ehrlichkeit auszumachen. Sie gestatten also, und sehen mir meinen ungefragten Beitrag zu etwas, was es nicht gibt, bitte nach. Manchmal tut es ganz einfach gut, im luftleeren Raum zu einem Nichts beizutragen, das sich dadurch in nichts auflöst und den Reigen der Nichtigkeiten überflüssigerweise ergänzt.  
Es ist vielleicht aber auch für andere ein bisschen therapeutisch, denn wer falsch liegt, wacht unerholt auf und sucht seinen Standpunkt womöglich den ganzen Tag vergeblich. Falsches Liegen kann korrigiert werden, wenn man Dr. Klemp aufmerksam zuhört, sich nicht von seiner weissen Schürze ablenken lässt  und die Packungsbeilage sorgfältig liest.
Es liegt nicht an der Sprache, wenn es sich so liest und anhört und oft auch so aussieht (Fillon zu Gast bei Mubarak), dass Diplomaten und Staatsmänner nicht der absoluten Ehrlichkeit verpflichtet sind, wie wir sie von ihnen erwarten und selber jeden Tag praktizieren. Die Staatsfrauen habe ich ganz bewusst nicht erwähnt. Es gibt über sie schlicht nichts Negatives zu sagen. Ausser vielleicht über die paar wenigen, die genau so funktionieren wie ihre männlichen Kollegen, aber die sind ihrer Rede nicht wert. 

Man greift zu kurz und wahrscheinlich ins Leere, wenn man sich darauf hinausreden will, die Sprache der Diplomaten sei – wie jede Art von Sprachgebrauch, wenn wir kurz innehalten und es uns zwischen zwei Gedankenstrichen überlegen – lediglich kodiert, und eigentlich sehr klar und deutlich, fast schon restlos ehrlich, wenn man den Code kennt.
Hillary Clinton sagt, der israelische Siedlungsbau in der Westbank sei für den Friedensprozess „nicht hilfreich“. In der dechiffrierten Version heisst „nicht hilfreich für“ (je nach Dechiffriertabelle, die man benutzt) „unvereinbar mit“ oder „in krassem Gegensatz zu“. Nur sagt ein Freund einem Freund das in der Öffentlichkeit nie in dieser Deutlichkeit und ein Zyniker würde anfügen, dass es nicht einmal hinter verschlossenen Türen entscheidend sei, ob etwas (im vorliegenden Beispiel ein Siedlungsbau) für etwas, was es nicht gibt (einen Friedensprozess) nicht hilfreich oder damit nicht vereinbar sei.   
Ich mag aber Zyniker nicht und die Kodierung der Diplomatensprache ist auch nicht die Ursache des Problems, noch steht sie einer möglichen Lösung im Weg, weder beim Nahostkonflikt noch bei sonst irgendeinem Konflikt. Im Sprachgebrauch der Diplomaten tritt uns das Phänomen der begrenzten Ehrlichkeit lediglich besonders deutlich entgegen. Und wir zeigen schliesslich alle gerne mit dem Finger auf Mängel, wenn wir sie mit dieser lockeren Geste bequem bei anderen deponieren können.

Wir hingegen (ein „wir“ ohne mich für einmal – ich bin Diplomat) sind ihr in unserem Alltag, sowohl im Berufs- als im Privatleben natürlich stets verpflichtet, dieser frontalen, ungeschminkten Offenheit, dieser Ehrlichkeit ohne Rest und Rücksicht auf Verluste. Egal, ob es sich um Begegnungen auf der Strasse, um Arbeitskolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte, Bekanntinnen und Bekannte, Freundinnen und Freunde, oder um die Person handelt, die wir gerade zu lieben meinen: wir sagen allen, auf Verabredung oder zufällig getroffen, stets nur das, was wir wirklich meinen, und zwar deutlich, und direkt: die Wahrheit.
Sollen selber schauen, wie sie damit zurechtkommen. Und wenn es ihnen nicht passt, können sie uns ja entlassen, die Freundschaft oder die Liebe kündigen oder uns aus dem Weg gehen. Der Gehsteig ist breit genug.
Nur der Scheisskellner kann das nicht, wenn wir ihn so richtig zusammenstauchen, weil die Espressotasse schon wieder nicht vorgewärmt war. Das arme Schwein kann uns weder aus dem Weg gehen noch kann er uns sagen, was er wirklich von uns hält. Sein Pech. Was hält er sich aber auch zuunterst in der Hackordnung auf. Hätte ja etwas länger zur Schule gehen können.
Lassen wir ihn (ohne Trinkgeld zurück). Wenden wir uns wieder den Diplomaten und Ministern zu. Die machen ja auch nur ihren Job. Vielleicht erscheinen sie uns ja nur deshalb so unappetitlich verlogen und verachtenswert, weil sie im grellen Rampenlichtlicht der Bühne, die wir ihnen überlassen, genau das in fast vollendeter Perfektion praktizieren, was wir im Grunde genommen an uns selber nicht wirklich mögen.

Tod eines Nilpferds

8. Februar 2011
Nein, das andere Ägypten. Es ist so: Die Bodenheizung ist ausgefallen. Was übrig bleibt, weil es zwar nicht an Akten fehlt, aber am Kamin, um sie zu verbrennen, ist, die Air Condition pro Stunde fünf Minuten auf Heissluft laufen zu lassen, und früh genug wieder abzuschalten, bevor sich der kalte Raum in eine Sauna verwandelt hat und es von der Decke tropft (wer will schon Stalaktiten in seinem Büro). Nur: die Air Condition klingt beim Abschalten wie ein sterbendes Nilpferd.

Natürlich weiss ich nicht, wie ein Nilpferd beim Sterben klingt, ob es dabei überhaupt ein Geräusch von sich gibt oder ob es lautlos das Zeitliche segnet, wenn es überhaupt ein Zeitgefühl hat und nicht im Augenblick, wo sich seine beharrliche Schwere in nicht mehr spürbare Leichtigkeit verwandelt, ganz einfach davon ausgeht (sofern mitten im Sterben irgendetwas einfach geht), alles sei immer so, wie es schon immer war und noch ist, und werde deshalb nun mit letzter Gewissheit so bleiben, oder ob der Kessel, den es beim Sterben im Zoo umkickt, das einzige Geräusch verursacht, welches bei seinem Tod zu vernehmen ist, und wie es sich dann, wenn dem wirklich so wäre, mit in der freien Wildbahn sterbenden Nilpferden verhalten würde, da dort normalerweise keine Kessel in Trittweite sterbender Nilpferde vorhanden sein dürften, und ob es wirklich eine Rolle spiele, ob man sich diese nicht vorhandenen Kessel leer oder voll vorzustellen hat, weil das Wasser ja, wenn welches in den Kesseln gewesen wäre, in der Trockenheit der Steppe (weshalb würde das Nilpferd sonst sterben?) ohnehin sofort versickern oder noch vor dem Versickern verdunsten würde, noch bevor das Nilpferd ganz tot ist.

Ich fasse zusammen und komme zum Schluss. Wenn es wirklich so heiss wäre, dass das Wasser, das aus dem vom sterbenden Nilpferd umgekickten Kessel fliesst, von dessen Vorhandensein auf freier Wildbahn wir in der Regel ohnehin nicht ausgehen dürfen, nicht einmal Zeit hätte (wobei es festzuhalten gilt, dass wir über das Zeitgefühl von Nilpferden bis heute nur unzureichend Bescheid wissen), um in Ruhe zu versickern, weil es unverzüglich (was vermutlich sogar einem Nilpferd ohne Zeitgefühl schnell vorkommen müsste) verdunsten würde, müsste man die Air Condition in meinem Büro nicht zum Heizen einsetzen, ganz egal, ob die normalerweise diesem Zweck dienende Bodenheizung ausgefallen wäre oder einwandfrei funktionieren würde. Was aber, wenn das Haus mit vielen Akten aber ohne Kamin, in dem sich mein Büro befindet, gar nicht in der Nähe des Ortes wäre, wo Nilpferde normalerweise sterben? Macht irgendetwas dann noch irgendeinen Sinn?
Dieser Text ist, es tut mir leid, hoffnungslos misslungen und es kommt auch für das Nilpferd jede Hilfe zu spät. Was mir bleibt, ist allen einen schönen Tag zu wünschen und diesen Text dem „Journal of Universal Rejection“ (Link in der Spalte rechts) einzusenden, um ganz sicher zu sein, dass er nirgendwo mehr auftaucht, ganz im Bewusstsein, dass man nie sicher sein kann und es auch nie sein wird vor dem letzten Atemzug.

Kritik der kleinen Vernunft

6. Februar 2011

Schlechtes zu kritisieren, ist Zeitverschwendung. Schlechtes entblösst sich im Augenblick, in dem es sich offenbart, selber. Diejenigen, die sich trotzdem noch damit beschäftigen, haben entweder wenig Urteilsvermögen, sind mit sich selbst unzufrieden und erkennen dankbar einen weiteren Sack, den sie anstatt sich selber schlagen können, oder sie haben chronisch zu viel Zeit. Auf manche treffen alle drei Eigenschaften gleichzeitig zu, aber über die zu reden, fehlte mir dann definitiv die Zeit.

Kritik lohnt sich da, wo eine gewisse Qualität vorhanden ist. Die setze ich bei der NZZ und bei den Menschen, die darin zu Wort kommen, irgendwie voraus. Ich hätte das „irgendwie“ gerne weggelassen, aber ich stelle in letzter Zeit eine wachsende Lust an der Kritik an Bewährtem in und an mir fest, eine Art Spätpubertät vielleicht, die mich nicht einmal gross beunruhigt. Vielleicht hat meine Jugend Glück, dass sie schon vorbei ist, weil sie sonst womöglich weniger beschaulich verlaufen wäre.  Aber wie die Ägypter diese Tage sagen: Lieber spät als Nil.

Es ist mir klar, dass es für Roger Keller nicht einfach war, eine mich überzeugende Aussage in sieben Antworten auf sieben Fragen zu verpacken, welche ihm die NZZ am Sonntag für den Wirtschaftsteil der heutigen Ausgabe stellte.  Ich zweifle nicht Ihren Sachverstand an, sehr geehrter Herr Keller, auch nicht ihren Verstand als solchen. Wir befinden uns im Wirtschaftsteil einer bürgerlichen Zeitung und was Sie von diesem Standpunkt aus zu den Ereignissen in der arabischen Welt sagen, klingt absolut vernünftig für jemanden wie mich, der wenig Ahnung von Wirtschaft hat, und ist es ganz bestimmt für alle, die etwas davon verstehen. Nur, lieber Herr Keller, ist das eben, von meinem Standpunkt aus betrachtet, eine Vernunft in einem ganz engen Rahmen, eine kleine Vernunft, die mir nicht reicht, nicht einmal im Wirtschaftsteil und im Korsett kurzer Antworten auf sieben Fragen.

Haben Sie einen Moment Zeit, sich meine Argumente anzuhören (maximal 1000 Zeichen ohne Leerschläge)? Vielen Dank.

Herr Keller? Ach hier sind Sie. Ich dachte schon…

Zur Ihrer Verteidigung sei gesagt, dass schon die allererste Frage, die Ihnen Frau Jacquemart gestellt hat (die ich hiermit auch ganz herzlich auf meinem Blog begrüsse), sie in genau diese unerträgliche Enge getrieben hat, aus der Sie im Verlauf der weiteren Fragen und Antworten nicht mehr herausfinden. Ob sich die Investoren sorgen müssen, fragt Sie Frau Jacquemart, weil in Ägypten und Tunesien das Wirtschaftsleben stillstehe. Was für eine wunderbare Frage.

Natürlich weiss sogar ich, dass diese Länder Investoren brauchen, wenn es denen, die jetzt demonstrieren, eines Tages besser oder zumindest nicht noch schlechter gehen soll. Das gehört zum kleinen ABC der Weltwirtschaft und ich kann von daher auch verstehen, warum sich die Frage nach der Beunruhigung der Investoren stellt. Wenn Sie in Ihrer Antwort ausführen, lieber Herr Keller (darf ich Sie Roger nennen? Wir sind hier ja praktisch unter uns), dass die Finanzmärkte bis jetzt nicht gross reagiert haben, ist das sicher richtig. Alle Ihre Antworten auf die sieben Fragen sind richtig. Nur sind sie, wie bereits die Fragen, eben auch völlig falsch.

Wer die Unruhen in Ägypten auf den Suezkanal beschränkt (wo es aus dieser Deiner Sicht immerhin 8% wichtig wird, denn soviel vom globalen Öl muss da durch)  und in dieser öligen Logik Saudiarabien als Schlüsselland bezeichnet, kommentiert die Ereignisse in den arabischen Ländern nicht mehr aus einer reinen Wirtschaftsperspektive, sondern er hält den Finger, ob er will oder nicht, genau auf den wunden Punkt. Bist Du noch da, Roger?

Was Du den Investoren, und mit ihnen den Kleinanlegern und Kleinsparern, damit sagst, ist Folgendes: Tunesien? Ägypten? Peanuts. Maximal 8% Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Und der Winter ist ohnehin bald vorbei, nicht so schlimm, wenn das Öl etwas teurer werden sollte. Will heissen: Weiterschlafen! Wir wecken euch dann, falls es in Saudiarabien losgehen sollte.

Das scheint auch Frau Jacquemart eingelullt zu haben. Sie schweift schon bei der dritten von sieben Fragen vom Titel des Interviews („Saudiarabien ist das Schlüsselland“) zur Arbeitslosigkeit und Verschuldung der USA ab. Aber auch dort hältst Du ein wenig Expertentrost bereit. Die Weltwirtschaft müsse eine neue Lokomotive finden, schlägst Du als Lösung vor, und wenn ein verantwortungsvoller Fachmann wie Du so etwas sagt, habt ihr sie vermutlich schon längst gefunden. Darf ich raten: China? Wunderbar. Das beruhigt nun auch mich.

Spekulationen darüber, ob die neue Lokomotive allenfalls in eine Richtung unterwegs sein könnte, die nicht nur Gutes verheisst, überlassen wir den anderen Fachmännern und Fachfrauen (gibt es eigentlich schon Quoten für fragenstellende Journalistinnen oder zu befragende Fachfrauen in der NZZ?). Denjenigen, die sich mit Politik, Sicherheit und Menschenrechten befassen. Das sind zum Glück nicht dieselben. Die wären vernunftmässig total überfordert, wenn sie alles zusammen in Betracht nehmen müssten. Sie würden womöglich im Irrenhaus enden oder in einer Regierung Einsitz nehmen.

Weisst Du, lieber Roger, ich bin überzeugt, dass ihr es alle nicht bös meint. Aber wenn Frau Jacquemart ihre siebte Frage dafür einsetzt, und sie hat es sich sicher sehr gut überlegt, weil es die letzte Frage war, um Dir angesichts der beunruhigenden Aktualitäten (epochale Umwälzungen im arabischen Raum, hohe Arbeitslosigkeit und gigantische Verschuldung der USA) einen Tipp für Anleger zu entlocken, und Du offenbar ohne zu zögern freimütig zu riskanten Anlagen rätst, dann macht mir das schon ein bisschen Sorgen. Nicht als Anleger. Ich lege nicht an.

Dass Aktien Bonds schlagen werden, mag sich als zutreffende Prognose erweisen, Du bist schliesslich ein Fachmann, und dass der Anleger und die Anlegerin die Volatiliät der Aktienmärkte ertragen können müssen, scheint mir auch keine allzu grosse Zumutung darzustellen.

Mein persönliches Worst-Case-Szenario (Frage zwei, Du erinnerst Dich) ist nicht, dass Saudiarabien instabil wird, auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Kacke im Mittleren Osten dann ganz schön am Dampfen wäre und die Finanz- und Wirtschaftsexperten womöglich die AnlegerInnen aus ihren Profitschlaf wecken müssten. Mein persönliches Worst-Case-Szenario ist, dass der vermeintlich abgesicherte Teil der Menschheit noch lange damit fortfährt, die Welt mit dem Instrumentarium der kleinen Vernunft als eine spannende Geografie von Rohstofflieferanten und Absatzmärkten zu erkennen und zu behandeln.  Das muss auf die Dauer zu Zuständen führen, die für uns alle schwieriger zu ertragen sein werden als die Volatilität der Aktienmärkte.

Ich wünsche Dir, lieber Roger, oder Ihnen, sehr geehrter Herr Keller, sollten Sie diese Anrede bevorzugen, was ich nach meiner Kritik an der kleinen Vernunft verstehen würde, und natürlich auch Ihnen, verehrte Charlotte,  einen schönen Sonntag.

Ihr,

Walter Haffner

Auf- und leider durchgefallen (NZZ-Kolumne vom 2.2.2011)

2. Februar 2011

Keiner hat heute Zeit, die ganze Zeitung zu lesen, und morgen will sie sowieso keiner mehr lesen. Das haben schon die Rolling Stones in ihrem 1967 veröffentlichten Song „Yesterday’s Papers“ in eine Welt hinaus gesungen, die uns rückblickend noch einigermassen über- und vielleicht sogar durchschaubar vorkommt.

Natürlich trügt dieser Eindruck und hat nur damit zu tun, dass es damals noch viel weniger und vor allem viel weniger schnelle Medien gab. Die Informationskeule, die wir heute täglich verpasst kriegen, lässt ab und zu einen nostalgischen Gedanken hochkommen an eine Zeit, in der alles noch ein bisschen weniger hektisch war, weil man zwar viel weniger mitkriegen konnte von dem, was auf der weiten Welt vor sich ging, dafür aber nicht andauernd das Gefühl haben musste, wichtige Berichte zu verpassen.

Zu den wenigen Dingen, die ich nicht lesen muss und trotzdem jeden Tag lese, gehört die Rubrik AUFGEFALLEN in der NZZ. Ich gönne mir diese kurzen, meistens sehr gut geschriebenen Häppchen zu einem oft spannenden Thema jeden Tag als Frühstückslektüre. Heute ärgert mich Herr Gerste allerdings. Ich weiss, dass das sowohl ihm wie auch der NZZ völlig egal ist, aber ich will es hier trotzdem für meine acht Leserinnen und Leser festhalten.

Herr Gerste lässt sich in abschätzigem Ton über Joseph Patrick Kennedy II aus, der sich im US-Fernsehen zu bester Sendezeit bei Hugo Chávez für die Öllieferungen bedankt, welche dieser seit einigen Wintern einigen der ärmsten Amerikaner unaufgefordert und gratis zukommen lässt. Jeder halbwegs gebildete Amerikaner, so Herr Gerste, wisse, dass Hugo Chávez alles andere als ein Demokrat sei, um seinen Artikel dann mit dem Kommentar zu beenden, es stehe dem Neffen des grossen Joe Kennedy schlecht an, einen Diktator zu unterstützen.

Das liest sich zwar, mit Verlaub, Herr Gerste, wie ein eleganter oder zumindest eloquenter Verriss, es greift aber etwas gar kurz und gehört in der unbeholfenen Polemik, in der es daherkommt, genau dort hin, wo Sie trotz gegenteiliger Aussage einen Teil der Amerikaner und offenbar auch den Grossteil der NZZ-Leser zu verorten scheinen: in die Halbbildung.

Um die Frage, wie demokratisch Hugo Chávez ist, sorgfältig zu beantworten, müssten wir zunächst sorgfältig definieren, von welcher Art Demokratie wir reden, und uns dann gemeinsam Zeit nehmen, die Zustände und Vorgänge in Venezuela mit dem zu vergleichen, was in anderen demokratischen Staaten abläuft. Ist es, um nur ein Beispiel zu nennen, eindeutig undemokratisch, wenn durch Landreformen erreicht werden soll, dass mehr Bauern die Früchte ihrer Arbeit geniessen können? Ist es, um doch noch ein zweites Beispiel anzuführen, auch wenn Sie, ich weiss, keine Zeit haben, absolut undemokratisch, wenn der Staat den Arbeitern ermöglicht, von ihren Besitzern stillgelegte Fabriken zu übernehmen und wieder zum Leben zu erwecken?

Ich weiss, was Sie jetzt sagen, Herr Gerste: der Privatbesitz darf nicht, unter gar keinen Umständen, angetastet werden. Es käme aber auch hier auf die Definition an. Die arabischen Herrscher, die im Moment gerade unter den Druck der Strasse geraten, haben auch Privatbesitz. Sehr viel sogar. Gilt er uns nur deshalb plötzlich nicht mehr als unantastbar oder zumindest verhandelbar, weil einige dieser Herrscher im selben Augeblick, in dem sie nicht mehr zu halten sind, in unserem offiziellen Vokabular von Präsidenten zu Despoten mutieren und wir durch die Ereignisse gezwungen werden, nach vorne zu blicken, in die noch unbekannten Gesichter der neuen Regime, mit denen wir uns rasch arrangieren werden (wenn nötig mit einer Prise Menschenrechtsdialog)?

Anreden und Bezeichnungen ändern sich offenbar rasch. Auch der von Ihnen benutzte Begriff Diktator müsste genauer definiert und Hugo Chávez anhand des geklärten Begriffs mit den Präsidenten anderer demokratischer Staaten verglichen werden. Aber das hätte keinen Platz in einer Kolumne, ich weiss.

Deshalb breche ich hier auch mit der Bemerkung ab, dass unser virtuelles Zwiegespräch den Armen New Yorks ganz sicher am dank Hugo Chávez etwas wärmeren Hinterteil vorbeigeht. Ich wäre Ihnen dankbar, Herr Gerste, wenn sie die von mir jeden Tag wegen ihrer Kürze geschätzte Kolumne AUFGEFALLEN nicht auf Kosten der intellektuellen Redlichkeit mit schlecht recherchierten Halbwahrheiten und unzulänglichen Verkürzungen würzen würden.

Mit freundlichen Grüssen,

Walter Haffner III (sorry, aber wir pflegen auch in meiner Familie eine royale Zählweise)

Durchgefallen

29. Januar 2011

Das Regime in Tunesien ist nach dreiundzwanzig Jahren dem Druck der Strasse gewichen. Das tunesische Volk braucht uns jetzt. Wir applaudieren spontan, kündigen unsere Unterstützung an und überprüfen die Schweizer Bankkonten der Herrscherfamilie. Das wird bei 23 Jahren leider etwas dauern, worum wir um Verständnis bitten. Aber moralisch sind wir voll da, klettern mit euch auf die Panzer, stecken Nelken in die Geschützrohre und umarmen Soldaten.

Das Regime in Ägypten wird nach dreissig Jahren gerade gestürzt oder zumindest tüchtig durchgerüttelt. Das ägyptische Volk braucht uns jetzt. Wir applaudieren spontan, kündigen unsere Unterstützung an und überprüfen die Schweizer Bankkonten der Herrscherfamilie. Das kann bei 30 Jahren noch etwas länger dauern als im Fall Tunesien, sorry. Aber moralisch sind wir voll da. Wir schütten auch ein wenig Häme aus über die Amerikaner, die wieder einmal ein die Menschenrechte verachtendes Regime mit massiven Beiträgen gestützt haben, bis es nicht mehr anders ging. Wie kann man jahrzehntelang so blind sein? Wir hingegen haben den Kontakt mit diesem Regime auf das strikte Minimum beschränkt und bei diesen Kontakten praktisch nur über Demokratie und Menschenrechte gesprochen. Manchmal hatten wir schon fast den Krampf im Mahnfinger, also wirklich.

In Jemen, Jordanien und Saudi Arabien brodelt es. Wir schauen gebannt hin und fragen uns, wann es losgeht, machen uns aber schon einmal bereit, spontan zu applaudieren, Unterstützung anzukündigen und die Konten zu prüfen. Aber bitte, keine Ursache, das ist doch das Mindeste, was wir tun können. Diese Völker werden uns brauchen.

Natürlich haben wir alle gewusst, dass sich die arabischen Völker die Unterdrückung durch Despoten und dürftig legitimierte Herrscher nicht ewig gefallen lassen werden. Natürlich sind wir jetzt alle erleichtert, dass die grosse Befreiungswelle endlich begonnen hat. Ein basisdemokratischer Tsunami, der selektiv nur die Unterdrücker wegspült. Ein aus der Ferne wunderbar anzuschauender Dominoeffekt, der uns nur deshalb auch ein ganz klein wenig verunsichert, weil noch nicht überall klar ist, wer am Ende gewinnen wird.

Gott behüte, wenn es zum Beispiel diese Bärtigen sind, die in jenem anderen Land damals die Revolution gekapert haben und nun heimlich Dinge basteln, für die sie nun wirklich nicht reif sind. Diesmal müssen es ganz einfach die Guten schaffen, auf deren Seite wir die ganze Zeit geduldig ausgeharrt haben, als sie noch die Unterdrückten waren. Ihr schafft es, Jungs. Und Mädels, tschuldigung. Wohin dürfen wir euch das Geld überweisen, wenn eure Banken wieder offen und unsere Untersuchungen abgeschlossen sind?

Diejenigen, die sich jetzt süffisant über uns mockieren und uns vorwerfen, wir seien nicht immer ganz ehrlich mit uns und den andern, oder sich gar zur völlig unbegründeten und deplazierten Behauptung hinreissen lassen, es fehle uns nicht an Grundsätzen und Prinzipien, sondern an Konsequenz, verstehen rein gar nichts von Politik und von den harten Realitäten dieser Welt. Ja sie haben, das muss hier in aller Deutlichkeit gesagt werden, die Natur des Menschen an sich nicht begriffen.

Es ist nicht so, dass uns das Geld fehlen würde, um unsere Seele zurückzukaufen. Das Problem ist, dass wir es nicht wirklich ernst mit uns und den anderen meinen. Wahrscheinlich weil wir uns am Ende doch immer zu nahe und die anderen uns zu fern sind, um die richtige Distanz zu finden, die es brauchen würde, um uns schon im Alltag – nicht erst beim Ersteigen der Barrikaden – als Teil der Situation der anderen zu erkennen und damit zu beginnen, unser Verhalten zu verändern.

 

Den Gästen ins Buch

27. Januar 2011

Leute, die mich besuchen kommen, und sich dann in meinem Gastland innerhalb weniger Tage alles anschauen, was sich ihrer festen Meinung nach anzuschauen lohnt, fragen mich nach ihren Ausflügen oft ungläubig und verständnislos: „Was? Da warst Du noch nicht? Wie kommt das? Du lebst doch hier. Interessiert es Dich nicht?“

Um wirklich zu erklären (auch mir), wie das kommt, müsste ich etwas weiter ausholen, aber nach ein paar Sätzen, und ich kann lange, verwinkelte Sätze machen, würden sie das Interesse an meinen Erklärungen und vielleicht sogar an mir als Person verlieren (was in ihrem Fall nicht weiter schlimm wäre), hätten womöglich ihre Frage bereits vergessen und würden zum Stadtplan greifen um ihr nächstes Ausflugsziel anzupeilen.

Der einzige, der mir dann noch zuhören und auch dann nicht gähnen würde, wenn ich zum x-ten Mal abschweife und von etwas ganz anderem erzähle, wäre ganz bestimmt ich. Ich habe manchmal Mühe, zur Sache zu kommen, weil es neben dieser einen Sache noch eine Unzahl anderer Sachen gibt, die ich nicht einfach in eine Warteschlange stellen kann, die während dem Sprechen immer länger wird und dann wird es Nacht und alle Gedanken, die ich nicht artikuliert oder zumindest in einer kurzen Klammer angesprochen habe, drehen enttäuscht ab.

Die rasch Entmutigten kommen vielleicht nie wieder und die etwas Kühneren belagern meine Traumschlösser und lassen mich in den Ruinen meiner Träume erwachen, in deren Schutt und Asche ich sie vermutlich vergeblich suchen würde.

Ich kann mit denen, die es nicht dabei bewenden lassen können, alles gesehen haben zu müssen, sondern darauf beharren, allen, die diesem Zwang nicht ausgesetzt sind, das Gefühl zu geben, ignorante, desinteressierte Dorftrottel zu sein, überhaupt nichts anfangen. Und das tut mir nicht einmal leid.

Also antworte ich in der Regel mit einem kurzen: „Nein, das interessiert mich wirklich nicht alles.“ Oder ich sage: „Weisst Du, wenn man in einem Land lebt, ist das etwas anderes, als wenn man es besucht. Man hat dann, oder meint wenigstens man hätte, Zeit, sich alles in Ruhe und der Reihe nach anzuschauen.“

Natürlich weiss ich, dass ich mich mit der ersten Antwort genau als das oute, was die Gäste bereits in mir sehen: als globalen Dorftrottel, an dem das Schicksal jeden seiner bisher fünf Auslandaufenthalte sinnlos verschwendet, und mir ist völlig bewusst, wenn ich mir bei der zweiten Antwort zuhöre, dass sie in ihrer oberflächlichen Logik eine perfekte Lüge ist.

Man hat innerhalb von drei oder vier Jahren nie wirklich Ruhe. Auf jeden Fall nicht die Art von Ruhe, die ich benötigen würde, um neben all dem, was mir offensichtlich wichtiger ist, noch die Zeit und die Energie zu finden, mir all das anzuschauen, schon gar nicht der Reihe nach, was andere nach zwei Wochen zufrieden in ihrem Reiseführer abhaken.

Ich gebe es zu: mein Radius an meinem jeweiligen Wohn- und Arbeitsort ist klein (Kennen Sie meinen Friseur? Den kleinen Schmuckladen nebenan auch nicht? Die Pizzeria an der Ecke vielleicht?). Sehr klein, wenn sie andere Leute fragen. So gesehen könnte man dem Schicksal wirklich gram sein, dass es nicht andere, neugierigere und entdeckungsfreudigere Menschen in die Welt hinaus schickt.

Ich will mich jetzt auch nicht mit der billigen Feststellung rechtfertigen oder gar zu trösten versuchen (ich brauche diesbezüglich keinen Trost), dass man überall gewesen sein kann und trotzdem nichts gesehen haben.

Ich will die Erlebnisse und Eindrücke derer, die eine Stadt, eine Region und ein Land sofort besichtigen und sie ihrer stetig wachsenden eigenen Welt hinzufügen, die so immer reicher und vielfältiger wird, auch gar nicht herabmindern. In keiner Weise. Das läge mir, der ich die Nähe bevorzuge,  fern.

Ich höre den interessanteren unter meinen reiselustigen Gästen sogar ab und zu kurz zu, wenn sie mir begeistert und noch leicht ausser Atem von der neusten Erweiterung ihrer Welt erzählen, bin dann aber erleichtert, wenn sie in ihrem Tatendrang gleich wieder aufbrechen oder wenigstens zwischen zwei Entdeckungsreisen ein langes Bad nehmen, wohin ich ihnen nicht folgen kann.

Ich bin in der Regel auch nicht sehr lange traurig, wenn solche Gäste wieder abreisen und erst ein Jahr später wieder kommen, weil sie unterdessen festgestellt haben, dass sie doch noch nicht restlos alles gesehen haben.

Meine eigene Welt ist etwas kleiner, egal, wo ich bin, und sie wächst nur sehr langsam.  Ich behaupte deswegen nicht, ich würde sie mit mehr Tiefenschärfe betrachten. Ich behaupte überhaupt nichts. Ich bitte lediglich darum, (kommentarlos, wenn das möglich ist) zur Kenntnis zu nehmen, dass ich noch nicht überall war, und jetzt schon um Verständnis dafür, dass ich auch zum Zeitpunkt meiner Versetzung noch nicht überall gewesen sein werde, wo ich spätestens dann unbedingt und mindestens einmal hätte gewesen sein müssen.

Halil te Kepl

18. Januar 2011

(die Geschichte von Wilhelm, dem kleinen Eroberer)

Prolog

Man sagt, kleine Menschen hätten einen besonders grossen Geltungsdrang. Das ganze Leben drehe sich bei ihnen einzig und allein darum, von den grösseren Menschen wahrgenommen zu werden, und dieses unablässige Streben nach Beachtung mache die einen zu besonders guten und die anderen zu besonders bösen Menschen. Das ist ganz bestimmt falsch so, weil es wohl den einen oder anderen kleinen Menschen zutreffend beschreiben mag, der grossen Mehrheit der Kleinen aber ebenso wenig gerecht wird, wie das  Bild vom sanften Riesen zur Beschreibung der Mehrheit der grossen Menschen taugt.

Es hat zwar in der langen Geschichte der Menschheit ab und zu einen bösartigen Kleinwüchsigen gegeben, der den unseligen Zwang verspürte, die halbe Welt unterwerfen zu müssen, und dem einen oder andern ist das ja auch fast gelungen; und wer ein wenig Glück hat, ist in seinem Leben auch schon einem sanften Riesen begegnet, der keiner Feige ein Lied antun konnte, aber die Welt ist voll von unauffälligen Zwergen und durchschnittlichen Riesen, die ein ganz normales Leben führen und weder besonders gut noch besonders böse sind, sondern einfach ein wenig kleiner oder grösser als der Durchschnitt, der vielleicht deshalb dazu tendiert, Zwerge und Riesen für besonders gut oder schlecht zu halten, weil ihm die stets spürbaren Grenzen seiner eigenen Durchschnittlichkeit keine andere Wahl lassen.

Der Mensch, von dem ich erzählen möchte, und ich werde meine ganze Sorgfalt aufbieten und alles, was ich an Respekt für die Menschen überhaupt in mir habe, um seine wunderbare Geschichte würdig zu erzählen, ich würde sogar zum Himmel beten, wenn ich auch nur die leiseste Hoffnung hätte, dass dort irgend etwas sein könnte, was mich erhören würde, dass es mir gelingen möge, diese Geschichte so zu erzählen, dass sie der einen Leserin in einem warmen Winkel ihres Gedächtnisses haften bleibt und sich der andere Leser wenigstens an einzelne Episoden oder Sätze erinnert,  die ihm ohne sichtbaren Anlass wieder in den Sinn kommen, denn der kleine Mensch, von dem ich erzählen will, hat den viel zu grossen Mantel des Schweigens, den sowohl die Geschichts- als auch die Märchenbücher um ihn gehüllt haben, nicht verdient. Er ist ihm zu gross, sein Stoff ist zu schwer und vor allem hüllt er ihn in eine Dunkelheit ein, die sein Totsein mit Angst erfüllt und seinen letzten Träumen, die die Brücke zu den Lebenden sein sollten, keine Luft zum Atmen lässt.

Der überaus kleine Mann, von dem ich erzählen will, ja erzählen muss, denn was anderes als eine Verpflichtung kann es sein, wenn ich um drei Uhr Nachts aufwache und nicht mehr einschlafen kann und einen sehr kleinen Mann vor mir sehe, fast einen Zwerg, der in einer Rüstung, wie sie die spanischen Konquistadoren trugen, an einem Sandstrand steht und diesen Strand und alles, was sich darauf bewegt – und es bewegt sich da einiges – mit einer staunenden Güte betrachtet, welche die üppigen Früchte, die schwer an den exotischen Bäumen hingen, sofort zur Reife gebracht hätte, wenn sie nicht schon fast überreif gewesen wären (einige lösten sich von ihren unter der Last gebeugten Zweigen und fielen in den Sand, noch bevor ich ganz wach war)  – dieser kleine Mann hat nicht nur den Mantel des Schweigens, von dem ich ihn endlich befreien möchte, nicht verdient, es wäre auch alles andere als gerecht gewesen, wenn man sich seiner mit einem der unschönen, oft spöttischen und in jedem Fall unverdienten Namen erinnert hätte, die ihm in seiner Zeit diejenigen angehängt hatten, deren gierige Hoffnungen er enttäuscht und deren hinterhältige Pläne er  durchkreuzt hatte.

Die einzigen, die sein Wesen ganz und richtig erfasst haben, waren jene Eingeborenen, denen er an diesem Tag im Spätherbst des Jahres 1501 staunend am Sandstrand in seiner massgeschneiderten Rüstung gegenüberstand, die ihm ein buckliger katalanischer Schmied angefertigt hatte, der kaum sprach und dessen Tochter, wenn er eine gehabt hätte, wunderschön gewesen wäre.

Diese Eingeborenen, von denen noch zu berichten sein wird, nannten ihn Halil te Kepl, was in ihrer Sprache „Herz auf zwei Beinen“ hiess, und glauben Sie mir, genau das und nichts anderes war dieser kleine Mann: ein Herz auf zwei Beinen, denn für anderes als sein unendlich grosses Herz konnte es keinen Platz haben in diesem kleinen Körper, und sein Schöpfer hatte diesem grossen Herz auch nur deshalb Beine angehängt, damit es zu den Menschen gehen könne und seine unendliche Güte nicht irgendwo, wo wenn möglich nie jemand vorbeikam, verkümmern würde.

Mit diesem Namen, Halil te Kepl, Herz auf zwei Beinen, würde man seiner Gedenken, wenn die Eingeborenen, die ihm diesen Namen gegeben hatten, diejenigen gewesen wären, die die Geschichte geschrieben hätten. Aber die Geschichte wird, wie wir alle wissen und es leider nur allzu oft gerade dann vergessen,  wenn wir uns mit ihr beschäftigen, von den Siegern geschrieben, weil die Sieger überleben, und die Verlierer nehmen ihre Geschichte, die wahrscheinlich näher bei der Wahrheit gewesen wäre, weil die Toten ihr Überleben nicht vor sich selber rechtfertigen müssen,  mit ins Grab.

Die Eingeborenen, die dem kleinen Mann in der Rüstung seinen Namen gegeben hatten, gehören so eindeutig zu den Verlierern der Geschichte, wie man das nur als  ausgerottetes Volk schafft, und mit derselben Gründlichkeit, mit der ihnen ihre Eroberer und Zerstörer den Garaus gemacht hatten, vernichteten sie danach auch jegliches Zeugnis von ihrer Sicht der Dinge. Nur die angestrebte Endgültigkeit dieses Verschwindens ist den Siegern offensichtlich doch missglückt. Es ist ihnen zwar gelungen, Wilhelm den kleinen Eroberer aus den Geschichtsbüchern zu verbannen, und sie haben es sogar fertig gebracht, Halil te Kepl ohne jede Spur aus den schriftlich überlieferten Mythen und Märchen der Urvölker Lateinamerikas zu entfernen, aber in diese fast vollkommen gelungene Dunkelheit ist plötzlich ein Funke gesprungen und hat mich im Traum auf eine Spur geführt, welche vor langer, langer Zeit ein Herz auf zwei Beinen an einem Sandstrand in Südamerika hinterlassen hat, dessen Wellen seit einem halben Jahrtausend nichts anderes tun, als bei ihren Ankunft am Strand den Namen Halil te Kepl in den Sand zu schreiben und ihn dann gleich wieder zu verwischen, wenn sie den Strand wieder verlassen, um in die Unendlichkeit des Meeres zurückzukehren.

Are all these your guitars?

15. Januar 2011

Jetzt auch noch Tunesien? Wo kann der harmlose Europäer überhaupt noch Ferien machen, ohne damit rechnen zu müssen, bald nach der Rückkehr in der Zeitung zu lesen, dass das dortige Volk viel zu lange gebeutelt, geknechtet, unterdrückt und womöglich gefoltert wurde, und nun die Fetzen fliegen und bald kein Stein mehr auf dem andern sein wird? Die sahen doch alle gerade noch ganz zufrieden aus. Oder waren das die anderen Gäste?

Was machen die denn jetzt da? Hast Du das gesehen? Fürchterliche Bilder. Da brennt ja alles. Müssen die immer gleich alles in Flammen stecken? Die verwüsten womöglich noch die schönen Hotelanlagen. Ist das Ganze am Ende eine grossflächige Verschwörung gegen den erholungsbedürftigen Europäer? Was glauben die eigentlich, wie wir unsere Schaffenskraft erhalten können, wenn wir bald nirgend mehr hinkönnen, um unseren müden Arsch ohne schlechtes Gewissen in Sonne und Meer zu baden?

Aber das scheint die nicht zu kümmern, die da im Süden, und offensichtlich kann das alles überall so weitergehen, und geht auch so weiter, bis es irgendwann dann doch nicht mehr so weitergeht.  Was sagst Du? Wir hätten es vor der Buchung wissen können? Kleingedruckt im Reiseprospekt?

Der Reiseveranstalter weist darauf hin, dass es mit der allgemeinen Beachtung der Menschenrechte,  sozialer Gerechtigkeit  und der Meinungsfreiheit ausserhalb der Hotelanlage nicht unbedingt überall jederzeit zum Besten steht. Die Mindestlöhne sind hingegen garantiert tief und die Leitungen der Hotelabwässer führen, wir haben das nachgeprüft, direkt und ungefiltert ins Meer, deutlich ausserhalb des geschützten Hotelstrandes. Sensible Hotelgäste werden trotzdem gebeten, erst zuhause wieder auf‘s Klo zu gehen und von zu hohen Trinkgeldern abzusehen – die meisten Lokalangestellten trinken nicht und fühlen sich dadurch nur herablassend behandelt. Lokale Drinks zum Abtöten ebenso seltsamer wie unnötiger Bedenken werden für zahlende Gäste jeden Abend an der Hotelbar gratis ausgegeben.

Irgendetwas läuft schief hier. Hier oder anderswo. Jedenfalls an zu vielen Orten. Bei uns. Bei den anderen. Unter uns. Zwischen den anderen. Zwischen uns und den anderen. Irgendjemand müsste irgendetwas unternehmen, irgendwann. Relativ bald. Wenn möglich vor den nächsten Ferien. In den Ferien wären wir dann gerne wieder ungestört.

Gestern hörte ich mal wieder Pink Floyd’s The Wall. Beim Intro des Songs “One of my turns” hallt diese Frauenstimme in einen grossen Raum: „My god – what a fabulous room! Are all these your guitars?“Vielleicht ist das eines unserer Probleme: zu grosse Räume, zu viele Gitarren. Aber ich weiss es nicht. Ich weiss es wirklich nicht.

Tschik-tschak oder die Erledigung des Lebens

12. Januar 2011

„Tschik-tschak – it’s done!“ pflegt mein Fahrer mich jeweils mit einem nachsichtigen Lächeln zu unterbrechen, wenn ich mal wieder staune, weil er einmal mehr etwas, wonach ich ihn gerade fragen wollte, bereits erledigt hat, und es ist mir dann jedes Mal peinlich, dass ich überhaupt meinte, fragen zu müssen. 

Wir sind uns in vielem sehr ähnlich, mein Fahrer und ich. Man muss uns die Dinge nicht zweimal sagen, manche nicht einmal ein Mal, damit sie erledigt werden. Man nennt es Pflichtgefühl, und es ist im Grunde genommen etwas Gutes. Die Dinge müssen getan werden, die Arbeiten verrichtet, die Aufträge erfüllt, die Geschäfte erledigt. Menschen, die anpacken, sind in der Regel angenehme Zeitgenossen. Im Grunde genommen. In der Regel.

Die Einschränkungen sind altbekannt. Idiotische Dinge zu tun, ist sinnlos (auch wenn es manchmal Spass macht). Unnötige Arbeiten gut zu verrichten, ist langweilig und macht auf die Länge depressiv. Bösartige Aufträge zur Zufriedenheit des Auftraggebers zu erfüllen, ist verwerflich. Und Geschäfte, deren Auswirkungen man nicht durchschaut, prompt zu erledigen, kann gefährlich sein.

Das ist keine Kritik an meinem Fahrer. Er ist ein wunderbarer Mensch und ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde. Tschik-tschak ist für praktisch alle Tätigkeiten, die er für mich und die Botschaft erledigt, ein gutes, weil taugliches Rezept. Das Problem liegt an einem anderen Ort. Wahrscheinlich wie immer hauptsächlich bei mir.

Tschik-tschak ist auch für meinen Arbeitsalltag keine schlechte Devise. Vieles (manchmal denke ich, und bedaure das: fast alles) muss ganz einfach erledigt werden, je rascher, desto besser. Wenn man darüber nachdenken würde, hätte man ein Problem, würde den Rhythmus der Verrichtungen verlangsamen, käme ins Stocken und Stolpern, würde womöglich hinfallen, wie wir alle hinfallen müssten, wenn unser Bewusstsein unsere Motorik steuern müsste beim Treppensteigen. Vieles, wovon wir glauben, dass es getan werden muss, kriegen wir nur im Autopilot auf die Reihe. Also tschik-tschak. Ein Ding nach dem andern. Auch wenn es davon, dass es erledigt ist, nicht besser wird.

Vollends problematisch wird es, wenn tschik-tschak als bestimmende Leitschnur im Arbeitsalltag so mächtig wird, dass es als Prinzip die ganze Persönlichkeit übernimmt und auch im Privatleben dominant wird. Wenn auch der Kaffee in den Arbeitspausen tschik-tschak getrunken und das Mittagessen tschik-tschak gegessen wird. Wenn am Abend der Haushalt tschik-tschak gemacht, die Tagesschau tschik-tschak reingezogen wird und danach die Fotos von Weihnachten tschik-tschak eingeklebt werden. Bevor man tschik-tschak die Zähne putzt und tschik-tschak zu Bett geht, um am nächsten Morgen tschik-tschak aufzustehen, ready for a brand new day, der tschik-tschak erledigt sein wird. Und am nächsten Tag weiter so. Und am übernächsten auch. Und so gehen dann die Wochen, die Monate, die Jahre vorbei. Tschik-tschak und tschüss.

 

Die Sonne scheint in mein Büro. Ich sollte keine solchen Sachen schreiben. Dafür bezahlt man mich nicht, ich weiss. Ich mach mich jetzt wieder an die Arbeit. Sofort. Ich verspreche es. Vielleicht werde ich mir irgendwann Zeit nehmen, um diese Gedanken ganz langsam weiter zu denken. Auf meiner Traktandenliste steht das allerdings nicht. Dort stehen lauter Dinge, die erledigt werden müssen. Und zwar tschik-tschak.