Archive for the ‘Texte’ Category

Für dumm verschenkt

4. Dezember 2012

Heute schien die Sonne. Wenn die Sonne scheint, sieht hier gleich alles ganz anders aus. Wunderbar nämlich. Die Luft ist klar, wenn auch kaum rein, es ist kalt und eben: hell. Man  kann an solchen Tagen nicht nur alles glasklar sehen, sondern mit von der Kälte gewecktem Verstand auch das Meiste verstehen. Jedenfalls meint man das. Ein prächtiger Tag.

Nur scheint sie eben hier nicht sehr oft, die Sonne. Vor allem nicht zu dieser Jahreszeit. Gestern war alles dunkel und bedeckt, wie oft hier, sagte mir ein Einheimischer, und ich fügte dem hinzu, als ich später etwas ratlos in den düsteren Park vor meinem Bürofenster blickte: Walter, Walter – nimm Dich in Acht vor Dir. Du treibst wieder einmal gefährlich gegen das Jahresende zu. Denke daran: Die Zeit ist eine flache Scheibe, und der 31. Dezember vermutlich ein steil abfallendes Kliff, von dem man in die Fluten des Vergessens stürzt. Vielleicht ist das aber auch ein dummer Aberglaube und der letzte Tag des Jahres ist in Wirklichkeit eine Schallplattenrille mit einem Hick drin, wodurch die Nadel zurück auf den 1. Januar springt und alles beginnt wieder von vorne. Wollen wir wetten?

Jedenfalls ist der geschäftige Oktober vorüber, und auch der November, der sich wie eine lästige Tante jedes Jahr zwischen ihn und die Festtage zwängt, ist gottseidank wieder abgereist. Der Dezember ist mit seinen belanglosen Terminen nicht mehr sehr ernst gemeint. Allenthalben heidnische Lichterfester und Weihnachtsempfänge und das Ganze garniert mit ein wenig Sehnsucht im Feuilleton. Das Fernweh im Bodennebel produziert Reisebeilagen im Vierfarbendruck. Nicht, dass auf der Welt nichts Ernsthaftes oder Scheussliches mehr geschieht, keine Sorge. Immer mehr Langzeitarbeitslose und Ausgesteuerte. Vorrückende Rebellenarmeen, die sich entweder festsetzen, im Kreise der Zivilbevölkerung bombardiert werden oder unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein Staat möchte dem Vernehmen nach gerne einen andern in die Steinzeit zurückbomben. Ein anderer Staat lässt selbstgebastelte Raketen steigen wie ein kleiner, trotziger Junge. Regierungen in für Handelsbeziehungen und Investitionen vorläufig salonfähigen Staaten foltern im Hinterzimmer der Verhandlungen in aller Ruhe weiter und unsere Anleger legen weiterhin fleissig an, während Ohnmacht International einen weiteren Bericht vorlegt, der auf dem Schreibtisch der Decision Makers von sinnlosen Neujahrskarten mit eingescannter Unterschrift zugedeckt werden wird.

Menschen, die nicht über Anlagevermögen verfügen, werden derweil noch ärmer (wir hätten nicht gedacht, dass das noch geht), unsicherer und krank. Alles psychosomatisch und sowieso eingebildet. Fabrikhallen stehen leer. In anderen Ländern sind sie mit Kindern gefüllt, aber das wussten wir nicht. Rohstoffhändler brauchen im Vergleich nur ein ganz kleines Büro mit Laptop. Die Daten up in the cloud, gegen Abstürze versichert. Aber niemand in dieser Seilschaft ist wirklich in Sicherheit. Geschmeidige Finanzhaie in Massanzügen ruinieren als unfreiwillige Rächer Legionen von Anlegern und tauchen dann elegant zwischen ahnungslosen Verwaltungsräten ab, die ernüchtert auf einen Teil ihres Honorars verzichten. Das tröstet dann auch niemanden richtig. Das Sprichwort sagt es schön: Springt ein Reicher von der Brücke, gereicht‘s dem Penner nicht zum Glücke. 

Was tun? Am besten schaut man sich am Abend alte Filme an. Zwei Menschen, die einander versprechen, dahin, wo sie sich im Augenblick gerade befinden, nie wieder zurückzukehren, weil es nie wieder so schön werden kann, wie es gerade ist. Oder ein biederes Paar in den 50er Jahren, das sich grundlos betrügt und erst recht liebt. Das ganze schwarz-weiss und trotzdem mir nicht ganz klar. Dazwischen ein umgekippter Bus, der wie ein Fetzen aus einer Nachrichtensendung auftaucht (hat jemand umgeschaltet?) und überhaupt keinen Sinn macht, auch auf Japanisch nicht.

Und was schenken wir einander diesmal zu Weihnachten? Noch mehr Bücher? Weil wir ohnehin schon zu viele davon haben und es auf ein paar Titel mehr, die wir nie lesen werden, nicht mehr ankommt? Bücher fallen zwar beim Umzug ins Gewicht, aber sie wiegen zwischen den Umzügen nicht schwer. Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, habe ich zweimal gelesen, ohne mein Leben zu ändern.

Natürlich versuchen wir, für jede Person passende Bücher auszuwählen. Auch das, was wir liegen lassen, sollte zu uns passen. Einem guten Freund hätte ich zum Beispiel gerne „Goethes gesammelte Tippfehler“ geschenkt, aber das Buch existiert nicht einmal vergriffen. Stunden im Antiquariat vergeblich mit meiner Stauballergie gerungen. Wahrscheinlich aus dem simplen Grund, dass sich Goethe nie vertippt hat. Der konnte das gar nicht. Das weiss ich, ohne ihn gelesen zu haben. Weil er schon ein paar Jahre tot war, als der erste Text auf einer Maschine aus Holz getippt und bald darauf der Tippfehler erfunden wurde.

Ich nehme an, sogar der grosse Goethe hat sich ab und zu verschrieben oder versprochen, aber vertippen lag schlicht nicht drin, womit ihm auch das oft vergnügliche und inspirierende Lesen von Tippfehlern anderer vergönnt blieb. Johann Wolfgang von Goethe was a German writer, artist, and politician, who never committed a typo.

Tut mir leid, Johann Wolfganz, da hast Du eine wunderbare Dimension verpasst. Und das sage ich nicht nur so leicht dahin. Das ist eine Tastsache. Aber lassen wir das. Ist heute eigentlich kein Thema mehr. Alles korrekt hier. Jedes Textprogramm kann das korrigieren. Vieles ist heute kein Problem mehr, bei den uns zur Verfügung gestellten unbegrenzten Möglichkeiten.

Wenn ich zum Beispiel vor der Erfindung des Internets in der NZZ gelesen hätte, Thomas Minder (Schaffhausen, parteilos) habe per Motion gefordert, die Sitzzuteilung bei den Nationalratswahlen nach dem doppelten Pukelsheim vorzunehmen, hätte ich annehmen müssen, ich, Walter Haffner (Riga, clueless), sei ungebildet oder man wolle mich für dumm verkaufen.

Heute google ich das und treffe sofort auf Friedrich Pukelsheim, einen Mathematiker, den ich nachher wieder vergessen darf. Google ist fantastisch. Und völlig umsonst. Man kann sich mit dem Geld, das man früher für ein Konversationslexikon in 24 Bänden ausgegeben hätte, ein schön furniertes Büchergestell bequem nachhause liefern lassen. Zuhause angekommen ohne am unterwegs veralteten Lexikon schwer getragen zu haben, merkt man dann, dass man das Büchergestell auch nicht mehr braucht. Wirklich, wir leben in wunderbaren Zeiten. The world wide web. The information cloud. Die ganzen schönen Daten über und für uns. Das Misstrauen gegenüber den Systemen schenken wir uns. Weihnachten hin oder her. Uns führt so leicht keiner mehr hinter das Licht. Dafür sind wir zu gut informiert. Heute muss sich keiner mehr für dumm verkaufen lassen. Und schon gar nicht umsonst.

Lange gebraucht

9. November 2012

Auch Schubert habe, hörte ich bei einem Besuch in der Schweiz eine Frauenstimme im Radio sagen, als ich gerade die Küche betrat, um eine Tasse Kaffee zuzubereiten, lange gebraucht. Ich weiss nicht wofür, weil ich die Küche wieder verliess und die Sendung nicht weiter verfolgte, aber es wundert mich nicht, bei mehr als 700 Liedern.

Die zunehmende Unvereinbarkeit seiner Lehrerstelle mit dem Komponieren und seine zahlreichen Versuche, sich als Komponist zu etablieren, haben ihm Mühe bereitet. Er hätte bestimmt Allergien entwickelt, wäre das damals schon üblich gewesen. Die Musik-Verlage wollten seine Werke partout nicht. Goethe soll ihn verschmäht haben. Ludwig van Beethoven liess ihn, jung verstorben, nicht lange neben sich liegen. Robert Frank hat ihn nie fotografiert. Was immer es war, wofür er offenbar lange gebraucht hat, er hatte wenig Zeit dafür.

Vielleicht habe ich mich auch verhört, als ich in die Küche trat und sie gleich wieder verliess. Möglicherweise war es Schuman, nicht Schubert, der lange gebraucht hat. Und vielleicht war es die Stimme eines Mannes, nicht einer Frau, die durch das offene Fenster zu hören war, denn da war kein Radio, wem auch immer die Küche gehörte. Dann wäre es allerdings Frühling gewesen und schade, dass ich nicht selber draussen war. Wenn es tatsächlich Schuman war, hätte mich das an eine Passage auf dem Pink Floyd Album „The Wall“ erinnert, wo man beim Intro eines Songs jemanden in einen leeren Raum hinein fragen hört „…Schumann?“

Mich mit Gewissheit an etwas zu erinnern, fällt mir zunehmend schwer. Kann ich mich noch auf mich verlassen? Womöglich erfinde ich das alles gerade, und lege es mir dann als Erinnerung zurecht, weil ich es schlecht ertrage, dass mir die Vergangenheit abhanden kommt. Bald kann jede und jeder im Zusammenhang mit mir irgendetwas behaupten, und ich frage dann nur: „Wirklich ich?“, kann aber nicht widersprechen.  

Vielleicht war es weder Schubert noch Schumann und es war auch nicht Vormittag, sondern die traumschwere Zeit nach dem Mittagessen. Ich trat gar nicht in die Küche, wo jemand (wer hätte das sein sollen?) das Radio angemacht hätte und dann das Haus verliess, ohne es vorher auszuschalten, sondern ich lag die ganze Zeit wie ein Mehlsack im oberen Stockwerk auf einem schwarzen Sofa und döste vor mich hin, weil ich zu viel gegessen und keinen eigenen Hausschlüssel hatte. Wann kommen die bloss nach Hause? Oder sind sie schon wieder da und haben mich nur nicht geweckt? Und wieso haben sie so lange gebraucht?

Die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen

8. November 2012

Es habe Robert Musil, so las ich heute in einem Zeitungsartikel, inklusiv Vorgespräche mit seiner Frau einmal einen ganzen Tag gekostet, um dreiseitige Briefkonzepte zu entwerfen mit dem Ziel, sie gegen Vorwürfe zu verteidigen. Zeit, die ihm, so kommentierte der Verfasser des Artikels diese Berechnung, für den „Mann ohne Eigenschaften“ fehlte.

Ich sass über Mittag in einem Café in Riga und ass ein Sandwich, als ich den ansonsten interessanten Artikel über Musil und sein fotografisch dokumentiertes Auftauchen in einem Gerichtssaal in Berlin las. Ich stolperte buchstäblich über diesen blödsinnigen Satz und war froh, dass ich schon sass, weil ich sonst garantiert hingefallen wäre, mein Kaffee über den Boden verteilt (ich staune immer wieder über die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen) und mein Sandwich im von draussen hereingetragenen Dreck, denn es regnete.   

Musil hätte sich, so stand weiter oben im Artikel geschrieben, bei Angriffen auf seine Frau wie ein Ritter für seine Dame geschlagen. Na gut. Das lassen wir als Eigenschaft durchgehen. Ritterlichkeit. Sich vor seine Frau stellen und sie verteidigen gegen die Welt. Schön. Das erwarten wir im Rahmen einer Partnerschaft sogar heute noch so, wo die Frau selbst ihren Mann stellt.

Was aufstösst und was, wie ich vermute, auch Musil aufgestossen wäre, aber ich bin nicht sein Biograf, ist die Verrechnung der Zeit eines Schriftstellers. Wie viel besser wäre Anna Karenina geworden, wenn Tolstoy die einzelnen Kapitel noch einmal sorgfältig überarbeitet hätte, bevor er sie der Zeitschrift „Der Russische Bote“ zur Veröffentlichung übergab, anstatt zwischen 1873 und 1877 hochgerechnet jeden Winter rund 12 Stunden (einen ganzen halben Tag!) damit zu vergeuden, sich die tropfende Nase abzuwischen? Es kümmert doch heute keine Sau, lieber Leo, wie das womöglich ausgesehen hätte, wenn Deine Rotze dauernd auf Deinen Mantel getropft wäre. Es geht um Dein Werk. Alles andere hättest Du Dir schenken können. Hörst Du mir überhaupt zu?

Oder Günter Eich. Du meine Güte. Wie unheimlich knapp und genial verdichtet wären seine Gedichte, hätte er darauf verzichtet, immer wieder mit Ilse Aichinger zu plaudern? Und wie gewaltig erst würde ihr eigenes Werk heute nachwirken, wenn sie ihn, wenn er sie wieder einmal tratschend versäumen wollte, konsequent ausgebremst hätte („Halt die Klappe, Gü! Mach erst mal Dein Werk fertig.“).

Man stelle sich für einen kurzen Moment die Weltliteratur vor, wenn sich unsere Lieblingsschriftsteller auf ihr Werk konzentriert hätten, anstatt auf das Leben. Alles, was uns jetzt schon begeistert, obwohl die sich dauernd ablenken liessen, diese hochbegabten Trottel, wäre noch einmal unheimlich viel tiefsinniger, spannender, poetischer und – gerade jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte länger werden, ein wichtiger Aspekt – umfangreicher geworden. Nur schon die Leiden des jungen Zoowärters in 24 Bänden. Einfach Fabelhaft. Ich könnte mir weitere Beispiele vorstellen, aber ich muss hier aufhören, denn auch ich vergeude meine Zeit, obwohl ich nicht wirklich weiss, was ich sonst mit ihr anfangen sollte.

 

Abgemacht!

5. Oktober 2012

(Zur Möglichkeit einer Besuchsreise an braufreien Tagen – an Stelle eines Leserbriefes)

Sehr geehrter Herr Hermann,
ich habe Ihren Artikel über die Lemken mit Begeisterung gelesen, und ich bin kein Mensch, der sich billig begeistern lässt. Was für ein Volk, das Kräuterstaub auf seinen Bierschaum streut und auf den Boden des Bierglases ein Schnapsgläschen stellt. Ich wusste sofort, dass ich Ihnen schreiben würde, um Ihnen spontan zu gratulieren für diesen gelungenen Artikel, mehr noch für dieses fast verschwundene Volk, das Sie uns in Erinnerung rufen, obwohl wir es nie vergessen haben. Wir haben ganz einfach nie etwas davon gewusst. Ich jedenfalls nicht. Vielleicht konnte es deshalb fast ganz verschwinden. Lässt sich diese bedauerliche Entwicklung noch aufhalten?

Lieber Herr Hermann,
leider verfüge ich nicht über Ihre Anschrift, weshalb ich mich an Ihre Zeitung wenden muss, wobei ich Ihnen versichern möchte, dass ich sonst nie Leserbriefe schreibe. Es ist nicht meine Art. Ich lese sie auch kaum und als ich es vor vielen Jahren einmal tat (ich war in den Ferien auf einer kleinen Insel ohne Druckerschwärze), weil es buchstäblich nichts anderes zu lesen gab, habe ich mich gefragt, ernsthaft gefragt, ob ausser mir dieses eine Mal in den Ferien überhaupt je jemand Leserbriefe liest, die er nicht selber geschrieben hat. Am ehesten hätte ich dies vielleicht meiner Mutter zugetraut, die selber ab und zu Leserbriefe schrieb (ich habe sie aufbewahrt und kann sie Ihnen bei Gelegenheit und einem Glas lemkischem Bier einmal zeigen).
Meine Mutter kümmerte sich um das, was in ihrer nahen Umgebung vor sich ging, sie nahm Anteil daran, und wenn sie das Gefühl hatte, sich dazu äussern zu müssen, weil es sich ihrer Ansicht nach in die falsche Richtung entwickelte und weil sie etwas Vernünftiges dazu zu sagen hatte, tat sie es. Mein Vater funktionierte anders. Er las über die ganze Welt und ärgerte sich in unserer Wohnung. Er hätte nie einen Leserbrief geschrieben. Das lemkische Bier hingegen hätte er probiert. Und er hätte nachgeschaut, wo Krynica-Zdroj liegt. In einem sperrigen Atlas, denn damals gab es noch kein Internet.

Lieber Herr Hermann,
am meisten fasziniert, ich gebe es zu, hat mich das von Ihnen erwähnte Unterscheidungsmerkmal, dass sich nämlich die Bojken, ein anderes in ihrem Artikel urplötzlich auftauchendes fast verschwundenes Volk, von den Lemken nach dem Wort für „weil“ unterscheiden lassen, welches auf Lemkisch „lem“ und auf Bojkisch „bo je“ lautet. Das ist so gut, dass es erfunden sein könnte.

Man möchte am liebsten gleich Ferien eingeben und zunächst in die polnischen Beskiden fahren und danach in die Ostkarpaten. Oder umgekehrt oder gleichzeitig. Ich bin mit der dortigen Geografie nicht vertraut. Leider geht das aber im Moment nicht, und ich befürchte, weil ich mich kenne, dass ich es nicht schaffen werde, irgendwann hinzufahren, um selber nachzusehen, was los ist. Ich werde mir nicht einmal Mühe geben, eine Ausrede zu finden. Ich werde mich einfach mit anderen Dingen beschäftigen lassen. Vielleicht mit einem anderen Artikel in der Rubrik „Aufgefallen“, der mich kurz faszinieren wird. Dann werde ich ihn wieder vergessen, wie die von Ihnen erwähnten beiden Völker. Trotzdem reut es mich im Moment noch, dass es nicht klappen wird. Können Sie mir die Lemken vielleicht irgendwann an ihren braufreien Tagen auf einen Kaffee herschicken? Viele können es ja nicht mehr sein. Reicht ein bequemer Reisebus? Selbstverständlich sind mir die Bojken auch willkommen. Ich ändere schon mal das Asylgesetz, falls sie ein wenig länger bleiben wollten, und mach den Kaffeetisch frei.

Die brauchen das Pferd

3. Oktober 2012

(Anmerkungen eines gross gewordenen Kindes zu St. Martins Mantel)

Auf der Schweizer 100-Franken-Banknote, welche 1957, im Jahr vor meiner Geburt, in Umlauf gesetzt wurde, zerschneidet St. Martin mit ritterlicher Geste seinen Mantel, um ihn mit einem an einer Felswand angelehnten, halbnackten Bettler zu teilen, der in so fürchterlichem Zustand dargestellt ist, dass es für den Betrachter unklar ist, ob er überhaupt noch lebt, und ob die Hälfte von St. Martins Mantel nicht viel eher dazu dienen wird, seinen Leichnam zu bedecken, als seinen ausgemergelten Körper zu wärmen.

Als Kind hat mich diese Banknote, obwohl ich sie des hohen Betrages wegen, der damals noch etwas wert war, nicht allzu oft sah, fasziniert. „Was macht dieser Ritter da?“ Habe ich meine Mutter gefragt, als ich die Banknote zum ersten Mal sah. Und sie hat mir erklärt, dass er seinen Mantel zerschneide, um die Hälfte davon dem Bettler zu geben, der nichts zum Anziehen hat. Das hat mir Eindruck gemacht. Ich mochte wie jeder Junge Ritter mit Schwert und Rüstung, aber ich war bis dahin noch keinem begegnet, der unter einem blassen Mond seinen schönen Umhang zerschneidet, um die Hälfte davon weg zu geben, während sein Pferd den Kopf in die Höhe reckt und weiter möchte.

Als der alte Hundertfrankenschein neulich in einem Zeitungsartikel über die Geschichte der Schweizer Banknoten abgebildet war, hat er mich erneut in seinen Bann gezogen. Irgendwie habe ich mich augenblicklich wieder wie ein kleiner Junge gefühlt. Offenbar klappt das nicht nur mit Süssgebäck, Düften und Musik, dass wir unmittelbar in ein vergangenes Gefühl und im Sog dieses Gefühls in eine frühere Zeit versetzt werden. Es scheint auch mit dem Anblick der Reproduktion einer alten Banknote zu klappen. Auf der Suche nach der verlorenen Barmherzigkeit, von Marcel Pust (verschwundene Ausgabe, Verlag Neuerzaster & Kitsch).  

Die nicht mehr gebräuchliche Banknote beeindruckt mich noch immer. 1957, so suggeriert dem Leser des Zeitungsartikels die Bildlegende, war der mantelzerschneidende St. Martin ein typisches Motiv der Nachkriegszeit. Die vom Krieg verschonte Schweiz wird durch die Nationalbank künstlerisch überzeugend zu Solidarität und Barmherzigkeit aufgefordert. Der Krieg ist nicht nur vorbei, Leute, er hat hier nie stattgefunden. Also teilt euren Mantel, seid so gut. 

Gegen diese Aufforderung ist nichts einzuwenden. Sie ist im Gegenteil bemerkenswert, indem die barmherzige Geste nicht auf einer Briefmarke oder einem Spendenaufruf abgebildet ist, sondern auf einer Schweizer Banknote, einem Symbol für Sicherheit, Kaufkraft und nationalen Wohlstand. Sie erwischte den Besitzer so vielleicht auf dem falschen Fuss, bevor sich dieser in einem teuren, nach neuem Leder riechenden Schuh räkeln konnte.

Barmherzigkeit und Teilen sind heute, wo die oft zitierten Scheren zwischen Wohlstand und Armut so weit geöffnet sind, dass grösste Mühe hätte, wer sie zu schliessen versuchte und damit seinen Mantel zerschneiden wollte, wichtiger denn je. Wichtiger und dringender, denn der an die Felswand gelehnte Bettler wurde von der Wohlstandsgesellschaft ins Dauerkoma versetzt und der Fels hinter ihm ist hohl, kann jeder Zeit einstürzen. Beeilen wir uns also zu tun, was wir noch tun können.

Nur muss ich der Ehrlichkeit halber gleich anfügen, dass das nicht reichen wird. Die Hälfte des Mantels reicht heute nicht mehr. Auch der ganze Mantel wäre nicht genug. Die Rüstung ausziehen und das Schwert abgeben wäre ein Anfang, denn sie sind unheimlich teuer, aber auch das reicht noch nicht. Die Bedürftigen brauchen das Pferd. Das aber wollen wir ihnen nicht geben. Aus wohlbegründeter Angst, sie könnten, unserer sporadischen Barmherzigkeit überdrüssig geworden, davonreiten und nie mehr wiederkommen.

Zur Abschaffung des 1. Stockwerks

28. September 2012

Vermutlich galt das Gebäude einst als top modern, wahrscheinlich sogar als Symbol für irgendetwas: Grösse, Gewicht, Macht. Ganz sicher war es einmal neu und alles hat bei der Einweihung einigermassen funktioniert. Lange Zeit diente es als Hauptquartier der Kommunistischen Landespartei. Heute ist auf dem Treppenabsatz des dritten Stockwerks, wo sich unsere Büros befinden, eine Bodenplatte locker. Das klickende Geräusch, das sie verursacht, wenn man darauf tritt (und ich trete regelmässig darauf), ist eine Orientierungshilfe, wenn man aus dem Fahrstuhl auf den dunklen Flur tritt. Man weiss dann trotz der schlechten Sicht: man ist im richtigen Stockwerk ausgestiegen. Auch wenn es eigentlich das zweite ist, und nur als drittes angeschrieben, weil man in diesem Land kein Erdgeschoss hat. Man hat natürlich eines, wo würde man sonst ins Gebäude eintreten, aber es ist das erste Stockwerk. Ich sehe: hier müsste ich von vorne anfangen, um alles besser verständlich zu machen. Aber soviel Zeit haben wir nicht. Ich versuche eine Abkürzung.

Es gibt natürlich auch in diesem Land in jedem Gebäude ein Erdgeschoss, aber es ist für die Menschen hier das erste Stockwerk. Sie mögen nicht Treppen steigen oder Fahrstuhl fahren müssen, bevor sie im ersten Stockwerk sind. Ein Bisschen muss man ihnen schon entgegenkommen.  Wer in die höheren Stockwerke will oder muss, nimmt ein paar Stufen oder eine etwas längere Fahrzeit in Kauf und schaut den Mitfahrenden auf die Schuhe. Das erste Stockwerk aber gibt es hier umsonst. Sozusagen on the house. Man tritt vom Gehsteig her kommend ganz ohne Anstrengung in ein Gebäude und wird vom Portier begrüsst: Willkommen im ersten Stock. 

Wenn man ihn findet, meine ich. Den Portier. Denn er sitzt im Dunkeln. Man sieht ihn zuerst kaum, weil es wirklich stockdunkel ist in der Eingangshalle, auch am Tag, der auch hier ab und zu hell und licht sein kann, und weil ihn auch das fahle Licht, das von seinem Bildschirm zurückstrahlt, nicht wirklich erhellt.  Das ist wahrscheinlich Programm. Er soll die eintretenden Leute sehen, nicht umgekehrt. Trotzdem tut er mir leid. Was für ein Leben, den ganzen Tag im Dunkeln zu sitzen. Und damit übertreibe ich nicht einmal, obwohl mir dieser bedenkliche Hang auch schon nachgesagt wurde, denn für Wächter und Portiers haben sie hier die 84-Stunden-Woche beibehalten und ich sehe seit meiner Ankunft vor drei Monaten die selben drei Gesichter an der Loge. Entschuldigung: ich ahne sie. Vielleicht hat es Zwillinge im Jobsharing darunter und die Sache ist halb so schlimm, aber ich befürchte, ich habe mit meinen Befürchtungen Recht.

Das fehlende Licht sei ein Problem hier, hatten mir Kenner vor meiner Abreise aus dem Mittelmeerraum gesagt, und damit mich gemeint, vor allem im Winter. Du wirst schon sehen (oder eben nicht). Ich würde mich daran gewöhnen müssen, und es gäbe spezielle Lampen gegen Depressionen. Du mit Deiner Vorgeschichte. Ich muss ihnen schreiben: das Problem ist von grundlegender Art und nicht auf Neuankömmlinge beschränkt. Es hat nichts mit mir zu tun. Es geht hier allen so, und es scheint mir unmöglich, sich daran zu gewöhnen. Die Einheimischen tun auch nur so, als hätten sie es geschafft.

In diesem einst imposanten Gebäudekomplex zum Beispiel, in dem sich unsere Büroräumlichkeiten befinden, ist es im Treppenhaus den ganzen Tag dunkel und man kann den Portier nicht sehen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Menschen, die einander im Fahrstuhl auf die schlecht beleuchteten Schuhe schauen oder im Treppenhaus an ihren Schatten vorbeistolpern, einander nicht kennen. Nach all den Jahren, ist doch irgendwie seltsam, ist man versucht zu denken. Ich bin mir bewusst: das ist auch bei uns nicht anders, obwohl die Bürogebäude in der Schweiz sogar nachts und am Wochenende grell ausgeleuchtet sind. Damit der Securitas-Wächter kein SUVA-Fall wird.

Wir sind anders. Soviel steht fest. Sie auch. Dafür muss man nicht ins Ausland gehen. Mir ist auch klar, warum wir bei uns ein erstes Stockwerk haben. Wir wollen nichts geschenkt. Was man sich nicht erarbeitet, gehört einem nicht. Ein guter Schweizer senkt den Blick vor einem Berg, den er noch nie bestiegen hat. Jedenfalls gehörte sich das so. Etwas mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung in der Beurteilung anderer Lebensformen stünde uns ebenfalls gut an. Man kann ja das, was anders ist, auch einmal ganz einfach als etwas anderes zur Kenntnis nehmen.

Meistens finden Phänomene, die man nicht auf Anhieb versteht, später eine plausible Erklärung. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass sich hier sehr viele Restaurants, Cafés und Bars im Souterrain befinden. Man geht ein paar Treppenstufen hinab und tritt in einen Raum mit Oberlicht. Von keiner Aussicht abgelenkt kann sich der Gast ganz auf sein Essen konzentrieren, auf die Person, die er zum Essen eingeladen hat, oder auf den Sportbericht. Letzteres allerdings nur, wenn das oft nur spärlich vorhandene Licht zum Lesen ausreicht.
Ein so genutztes Tiefparterre verändert das Verständnis des ganzen Gebäudes. Das darüber liegende Geschoss wird nicht mehr als Erdgeschoss, sondern als Hochparterre wahrgenommen. Man spricht dann manchmal von halben Geschossen, wobei ich mich bei diesem Begriff stets gefragt habe, wer sich da aufhalten soll. Man will ja niemandem zu nahe treten und mit halben Personen rechnen.
So einfach ist es ja auch hier nicht. Das Erdgeschoss gilt nur dann als Hochparterre, wenn es mit der Erdoberfläche nicht ebenerdig ist. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn das Souterrain befenstert ist. Anders geht das nicht. Hat der Gast noch einen Wunsch? Nein danke, die Rechnung bitte.  Und wo ist die Toilette?

Dort angelangt, fühlt man sich dann definitiv im Keller, weil es kein Fenster hat. Womit das Lüften schwierig wird und sich nebenbei die Frage stellt,  ob man sich ganz ohne Treppen zu steigen vom Tiefparterre in den Keller bewegen kann. Das dürfte architektonisch eigentlich nicht möglich sein, obwohl es philosophisch interessant erscheint und man es praktisch gerade getan hat.

Um zum Schluss zu kommen: Ich bin noch nicht lange genug hier, um irgendetwas schlüssig beurteilen zu können. Für den Moment neige ich zur Annahme, dass die Stockwerkdiskussion den Menschen hier irgendwann zu mühsam geworden ist. Sie mochten es nicht jedem Touristen einzeln erklären und wollten auch untereinander wieder über andere Dinge sprechen, als darüber zu spekulieren, ob die Abwanderung der Jungen ins Ausland mit den unklaren Stockwerkverhältnissen und dem fehlenden Licht im Treppenhaus zu tun haben könnte. Nicht jeder will Portier werden. Sie waren dieser Diskussionen überdrüssig und haben irgendwann das 1. Stockwerk abgeschafft, um ein Zeichen zu setzen. Es reichte ganz einfach. Und es geht ja auch ohne. 

 

Kelterers Thesen

9. Februar 2012

Wie in einer erst heute an die Öffentlichkeit gelangten Studie des bisher auch in Fachkreisen wenig bekannten Physiologen Erwin Kelterer nachzulesen ist, liess dieser in seinem Labor in der damals grauen Vorstadt einer heute gut beleumundeten Stadt leicht südlich von Nordeuropa um die Mitte des 19. Jahrhunderts Tausende von Labortieren sterben, nur um zu beweisen, dass am Ende des Lebens der Tod einsetzt, wonach ein „Zustand des nicht mehr Lebens“ beginne, „und nicht irgend etwas anderes, wie jetzt wohl endlich allen klar sein dürfte“.
Beeinträchtigt wird das Lesevergnügen der Studie durch eine gewisse Redundanz Kelterers, der seine These wieder und wieder paraphrasiert und sie manchmal lediglich in etwas andere Worte fasst. Kelterer hat seine grauenhaften und aus heutiger Sicht völlig sinnlosen Tierversuche detailliert dokumentiert. Es ist ihm dabei offenbar stets und immer wieder um ein und dasselbe gegangen (wobei er sich oft wiederholt hat): um die nachhaltige Widerlegung der Thesen seines grossen Gegenspielers Jean-Albert de la Farce, den Kelterer, was er immer wieder betont, für einen Crétin hielt, der „dilettantisch und unseriös“ an der festgefahrenen Forschungsmeinung festhielt und diese gemäss Kelterer unreflektiert und endlos wiederholte, „anstatt sein muffliges Labor einmal gründlich durchzulüften“. 
Dabei vertrat De la Farce lediglich die damals gültige Forschungsmeinung, dass die Haltung von Labortieren nur dann einen Sinn mache, wenn sie nicht mehr Futter benötigen als die Assistenten und wenn die Versuchsanordnung so gestaltet werden kann, dass ihre Todesursache klar festgestellt werden kann. Dagegen stellte Kelterer die kühne These auf, dass  nach dem Ende des Lebens der Tod kommt, den er als „das Aufhören und gleichzeitig, weil die Zeit damit anhält, das Aufgehört-haben des Lebens“ beschreibt, „und nicht irgend etwas anderes, wie irgendwelche Idioten gerne nachweisen möchten.“
Kelterers Tierversuche sind aus heutiger Sicht grauenhaft und völlig sinnlos. Vor allem aber stört den modernen Leser die Redundanz seiner Argumentation, denn Kelterer wird nicht müde, seine Thesen wieder und wieder in nur leicht anderen Worten zu wiederholen, manchmal paraphrasiert er sie auch, und dazwischen tötet er wieder hunderte von Mäusen und Ratten, nur um nachzuweisen, dass bei Beendigung des Lebens der Tod einsetzt, und nicht, wie sein grosser Gegenspieler de la Farce irrtümlicherweise meine, „irgendetwas Ähnliches, nur in einer anderen Farbe.“
De la Farce hat sich zeitlebens geweigert, auf die von Kelterer gepflegte Kontroverse in irgendeiner  Form einzugehen oder mit Kelterer in die wissenschaftliche Arena zu treten. „Ich duelliere mich nicht mit Halbidioten, die massenweise Labortiere abschlachten, nur um etwas zu beweisen, was ich so gar nie gesagt habe“, soll er einem seiner Assistenten gegenüber einmal geäussert haben. „Und ausserdem ist dieser Kelterer so redundant, dass er sich manchmal wiederholt. Es ist nicht zum Aushalten. Wenn ich etwas hasse, dann ist es Redundanz. Leute, die dieselben Dinge immer und immer wieder in nur leicht oder gar nicht abgeänderter Form wiederholen. Ich hasse das. Ich kann nes nicht ertragen. Es macht mich krank.“
De la Farce hat Kelterer überlebt, ohne es zu wissen. Er ist im Alter von 96 in einem Pariser Vorort an einer Kinderkrankheit gestorben. Kelterer starb wenige Jahre zuvor am Ende eines unerfüllten Forscherlebens unter nie vollständig geklärten Umständen in seinem geliebten Labor, in dem er jahrzehntelang versucht hatte, den Beweis zu erbringen, dass nach dem Leben der Tod eintritt „und nicht irgendetwas anderes, was ich schon einmal gesagt habe.“  Die Umstände seines Todes und die Inhalte seines Lebens als Forscher (er versuchte nachzuweisen, dass nach dem Leben der Tod einsetze, „und das war’s dann“) können in einer neu aufgearbeiteten Biographie von Hans-Dieter Eldereich nachgelesen werden (Kelterers Thesen und Kelterers Thesen, Edition Nonemal, Basel 2012), die mit viel Zahlen und vielen bisher unbekannten Details überzeugt, wobei hier nicht verschwiegen werden kann, das eine gewisse Redundanz des Autors das Lesevergnügen mindert.  Ein etwas strafferes Lektorat hätte dem Buch gut getan. Wenn die Lektoren den Text konsequenter gekürzt hätten, wäre er jetzt leichter lesbar. Jemand hätte dem endlosen, repetitiven Gefasel viel früher ein Ende setzen müssen!

Das Problem mit dem Problem

20. Januar 2012

Wir wurden schon so oft darüber informiert, dass wir heute nicht mehr aus Informationsmangel Mühe haben, die Dinge genügend klar zu erkennen, sondern weil uns zu viele Informationen zur Verfügung stehen, dass wir die Wichtigkeit dieser Erkenntnis jedes Mal übersehen.

Stürmische See, gelassene Reaktionen

17. Januar 2012

(schlechte Nachrichten für den Mittelstand)

Bewegte Zeiten. Europa steckt in einer Krise, deren Ausmass keiner so richtig absehen will. Bisher unauffällige Volkswirtschaften (was sind schon ein paar Milliarden Staatsschulden) geraten unvermittelt in Schieflage. Andere sind schon im Sinken begriffen ohne im Sinken viel zu begreifen. Wieder andere sind im Grunde genommen bereits auf Grund gelaufen. Das Fass hatte tatsächlich keinen Boden. Das Schiff keine doppelte Wand. Kein Lack mehr auf dem Leck.

Rumms. Das ist nun also die Talsohle. Ob es jetzt wirklich nur noch aufwärts gehen kann? Kannst Du das mal googeln, Heinrich: Wie viele Meter unter Meer liegt der tiefste Punkt der Firmengeschichte? Und wenn Du schon im Netz bist: schreibt man Kapitalismus am Schluss mit zwei s oder geht es auch anders?

Rating-Agenturen stufen die Bonitäten derjenigen Länder herab, die anderen helfen sollten. Notfallmässig aufgespannte Rettungsschirme erweisen sich vor dem ersten Einsatz als untauglich, den Fall der Stürzenden zu verlangsamen. Keine sanfte Landung in Sicht. Falten Sie die Arme über den Knien und befolgen Sie die Anweisungen der Besatzung. Sollten wir dann doch unversehrt landen: Bitte Vorsicht beim Öffnen der Gepäckablagen – ihr Vermögen könnte sich verschoben haben.

Überall laute Demonstrationen am roten Teppich. Kein guter Moment für Galaveranstaltungen. Treffen wir uns bei mir? Moët & Chandon oder Veuve Clicquot? Mineralwasser mit oder ohne Kohle? Jetzt sei doch nicht gleich sauer.

Diktatoren sind abgetreten und Wahlen schief gelaufen. Oder sie stehen in grossen Ländern kurz bevor und blockieren vorläufig alles, was auch sonst nicht vorwärts kommt. Präsidentschaftskandidaten verbeissen sich in die Unterwäsche ihrer Konkurrenten. Amtsinhaber machen ganz von alleine schlechte Figur.
Verschiedenen Orts droht seit längerem Krieg, hier und dort mottet er auch schon eine ganze Weile dahin und keiner mag mehr richtig hinschauen. Für Hungersnöte oder Umweltfragen haben wir jetzt wirklich keine Zeit. Jetzt kippt auch noch ein Kreuzfahrtschiff um.

Können wir jetzt bitte endlich jemanden zur Verantwortung ziehen? Männer in feinem Tuch (und ein paar wenige Frauen) stehen im Fokus der Aufmerksamkeit. Männer mit dünnem Nervenkostüm. Männer mit gepflegtem Sitzleder. Männer mit hohen Salären. Männer mit Kapitänsmützen. Männer im Wahlkampf. Männer mit teuren Uhren. Männer mit starkem Parfüm. Männer mit Leibwächtern. Männer mit geschäftstüchtigen Frauen und attraktiven Freundinnen.  Männer mit guttrainiertem Leib und klug investiertem Gut.

Schuld wird zugewiesen. Bilanzen werden gezogen. CEO’s werden ausgetauscht. Fälschungen werden aufgedeckt. Persönliches Versagen wird festgestellt. In Wirtschaft und Politik. Die einen müssen sofort zurücktreten, andere halten sich noch einen Moment im Amt (ohne Würden). Wieder andere werden, weil es terminlich gerade passt, im ordentlichen Verfahren abgewählt.

Es geht nicht mehr um die Verteilung des Wohlstands. Es geht um die Verteilung der Schulden. Es geht um die Frage, wer die Rechnung bezahlt. Müssen die, die viel mehr konsumiert haben, nicht nur viel mehr, sondern alles bezahlen? Können sie es überhaupt, auch wenn sie nicht wollen? Oder teilen wir die Rechnung und gehen nachhause, um unseren Rausch auszuschlafen? Ist er überhaupt bezahlbar? Können wir bitte mal den Wirt sprechen? Was hat er davon, wenn wir gar nicht mehr einkehren können? Nützt ihm ja auch nichts, oder? Wie heisst er überhaupt und woher kommt er? Das ist doch kein Einheimischer, mit diesem Namen. 
 
Den einen geht es auch um Moral. Zahlungsmoral. Gier. Den anderen sofort darum, denjenigen, die mit der Moral hantieren, Spiessbürgerlichkeit vorzuwerfen. Mit der kleinkarierten Kritik an der Moral der Führungsfiguren, wirft man den Spiessern vor, lenken sie von den eigenen Unzulänglichkeiten ab. Von jahrelanger Trägheit und Faulheit. Vom angenehmen Abgeben der Verantwortung. Die sollen jetzt bloss nicht die Unschuldigen markieren, nur weil sie ihre Jobs und ihre Rente verlieren.

Und bei uns Schweizerinnen und Schweizern würde sich einmal mehr zeigen, so die ganz smarten Kolumnisten, dass wir Probleme haben mit Menschen, die aus unserer Mittelmässigkeit herausragen. Anstatt bei diesen hochbegabten Führungsfiguren grosszügig über ein paar charakterliche Schwächen hinwegzusehen, schicke man sie in die Wüste. Im dümmsten Moment. Wo die Wüste brodelt und der Himmel versandet. Wo die Dünen abwandern und die Wolken sich verquellen.  Wo den Bären das Eis abhanden kommt.

Gut, rufen sie uns zu, dann wollen wir mal schauen, wer euch nachher aus dem Dreck zieht, ihr dumpfen Idioten. Das habt ihr dann davon. Von eurer Scheissmoral. Von eurem Futterneid. Am Ende werdet ihr uns wieder anflehen, das Ruder zu übernehmen. Ihr werdet uns aus der Verbannung zurückholen und die Verantwortung wieder in unsere Hände legen. 

 
Und ich fürchte, sie haben Recht. Deshalb reagieren diese Männer in der Regel so gelassen auf unsere Anschuldigungen. Weil sie wissen, dass wir am Ende ohne sie nicht auskommen. Weil wir keine Ahnung haben, weder von den Lohntüten der Verdienstreichen noch von Immobilienblasen. Wir verstehen überhaupt nichts. Uns bleibt nur die Moral. Und die kann man nicht essen.

Vorläufig ohne Titel

3. Januar 2012

Was genau passiert war, konnte keiner wirklich sagen. Aber es wollte es auch keiner wirklich wissen. Es ging stets um Grösseres und dann gleich weiter. Gut, es hatte kurz geknallt. Aber das war vermutlich ein Korken. Nachbarn hatten keine reklamiert. Warfen zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich gerade Münzen in einen Brunnen oder Freunde von einer Brücke. Es war kalt. Und nass.

Auch ich war hier wohl nicht immer ganz alleine. Immerhin sass ich auf dem Trockenen und es gab keinen Anlass, zu frieren. Das in meinem leeren Kopf nachhallende, sich von links nach rechts entfernende Klappern von Stöckelschuhen liess auf die vorübergehende Anwesenheit von Frauen schliessen. Jemand sollte das Geschirr abräumen.

Jetzt, womit ich damals meine, denn heute ist lediglich der Tag, wo ich es niederschreibe, war ich wieder oder immer noch nüchtern, und hielt eine Zeitung ohne Datum in der Hand. Die elektronische hatte ich zuvor erfolglos zu öffnen versucht. Sie wollte nicht rascheln. Ich hatte das Passwort vergessen. Klicken Sie hier. Und hier. Und hier.

Kein Mensch ausser mir in der Wohnung. Die Betten zerwühlt. Ich musste mir selber Kaffee machen und war erleichtert, als es geklappt hatte. Bald würden es zwei Jahre sein, dass ich mir das Rauchen erspare. Eine Zeitung ohne Kaffee bleibt hingegen eine Notlösung, und das Lesen ohne Zeitung schaffe ich mit Bestimmtheit nicht mehr.

Es bestünde kein Grund zur Angst der anderen Europäer vor einem zu starken Deutschland, stand in der Zeitung. Brot war keines da. Und die Weichseln-Konfitüre hatte einen ganz feinen, transparenten Schimmelüberzug. Ich hätte sie ohne Brot ohnehin nicht gegessen.

Irgendwo hatte ich einmal gelesen, Schimmel würde Krebs fördern. Oder die Bildung von Krebszellen behindern? Und wie war das damals noch mit den Sprossen des Kopfsalats? Hat das je jemand widerrufen? Es ist alles zu lange her. Ich will mir auch nicht alles merken, aus Angst, irgendwann nichts mehr zu vergessen.

Mit Bestimmtheit könnte ich nur noch sagen, dass jeder dritte Mensch irgendwann in seinem Leben Krebs hat. Das stammt aus einer zuverlässigen Werbung. Ich traue der Werbung. Sie weiss und sagt genau das, was sie will, während die Zeitungen von Inseraten leben und der Raum für Leserbriefe beschränkt ist.

Ebenso unbegründet wie die Angst vor einem allzu starken Deutschland sei das Misstrauen gegenüber der chinesischen Entwicklungshilfe, stand da noch, währen mein Kaffee unbemerkt kalt wurde. Ich glaubte, mir ungefähr vorstellen zu können, worum es ging (um Infrastrukturprojekte und Rohstoffe) und blätterte weiter, ohne den Artikel zu lesen.

In einer anderen Wohnung, in einer neueren Ausgabe derselben Zeitung und unvermittelt in einem neuen Jahr las ich dann, im Kreml arbeite man nach Jahrzehnten der altbewährten Knüppelpolitik an der Formulierung eines neuen Verhältnisses zu Demonstranten. Hingegen werde der Raum für Dissidenten in China immer enger.

Ich gebe zu, ich habe Mühe, das alles richtig einzuordnen. Wahrscheinlich weil ich die Artikel nicht gelesen habe und mich immer öfter dabei erwische, wie ich mich mit den Titeln begnüge. Die sagen ja eigentlich alles. Und ich weiss ja auch, dass es richtig und falsch nicht richtig gibt. Aber man möchte halt doch ab und zu etwas ganz verstehen.

Es ist so, dass ich zu denen gehöre, die sich Sorgen machen, wenn man uns sagt, es bestehe kein Grund zu Beunruhigung. Wenn etwas zu gross oder zu mächtig wird, scheint mir ein wenig Skepsis und Misstrauen angebracht. Vor allem dann, wenn eine Politik demonstrativ neu formuliert wird. Vergessen wir nicht: Auch die Russen waren einst Chinesen, ganz egal, ob in Afrika.

Nein. Nicht einmal ich selber kann mit dieser letzten Aussage wirklich etwas anfangen. Aber ich mag sie und ich stehe dazu. Der Text ist mir offensichtlich irgendwie entglitten und ich stelle fest, dass ich jetzt, wo er zu Ende geht, nicht einmal einen Titel finde dafür. Sonst eine Stärke von mir. Oder zumindest etwas, woran ich immer wieder Spass habe.

Sollte ich mir Sorgen machen? Waren bald 25 Jahre Diplomatie zu viel für mich? Müsste ich mir Charlie Trotter zum Vorbild nehmen, der einst die Gastronomie in Chicago revolutioniert hatte und nun, nach 25 Jahren, sein berühmtes Lokal schliesst, weil es Zeit für etwas Neues sei? Kann ich meine Botschaft schliessen, ohne die Diplomatie revolutioniert zu haben? Müsste ich Bern vorher informieren? Und was wäre nachher das Neue?

Das sind etwas viele Fragen. Wahrscheinlich brauche ich nur ein wenig Schlaf. Dann fallen mir sicher weitere Titel ein. Sprechen wir morgen darüber. Meinetwegen auch über etwas anderes. Das Jahr ist jung und die Wohnungstüre ist offen.