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Ina im kindischen Ozean

18. Juni 2014

Nachdem wirtschaftlich schon seit Langem die bange Rede davon ist, dass Europa bald nur noch der Wurmfortsatz Asiens sein werde, hat sich spätestens mit der angekündigten Verschiebung eines Teils der US-Streitkräfte auch die geostrategische Diskussion in den Pazifikraum verschoben. Die Konferenzräume in den grossen Hotels sind seither permanent ausgebucht und man kriegt in einem Radius von zwei Kilometern kaum noch Flipcharts oder Filzstifte. Neben dem pazifischen Raum interessiert allenfalls noch der indische Ozean. Eine Studie eines renommierten Denktanks befasste sich kürzlich mit der Präsenz von China im indischen Ozean.

Ich habe mit dem Lesen der Studie begonnen, weil ich meinte, ich müsste das wissen, aber ich stellte rasch fest, dass es sich um ein Missverständnis handelte, genauer gesagt um einen Druckfehler. Es ging nicht um China im indischen Ozean, sondern um Ina im kindischen Ozean. Ina hat sich als sechsjähriges Mädchen aus der Steiermark herausgestellt, das seit ihrem dritten Lebensjahr den ganzen Tag nichts anderes macht, als mit Wasserfarbe Ozeane auf grosse Papierformate zu malen. Von morgens bis abends. Mit einer Geduld und Ausdauer, die in keinen Kindergarten passt. Sie ist mittlerweile bei 289 Ozeanen angelangt und wenn sie mit den Ozeanen fertig ist, hat sie ihrer Mutter gesagt, sind die Kontinente dran.

Das Problem ist nun aber, dass Ina diesen Sommer eingeschult wird. Experten der Forschungsstelle für Aquarelle Geophysik der Universität Graz befürchten deshalb, dass es nur für ganz wenige Kontinente reichen könnte. „Maximal sieben“, äusserte sich Professor Diethelm in der Juniausgabe der Fachzeitschrift Geopaint. „Vielleicht aber auch nur vier oder fünf, und dann wird es wirklich eng.“

Die oberste Bildungsbehörde der Steiermark ist nun im Gespräch mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, um für Ina allenfalls eine Ausnahmeregelung von der allgemeinen Schulpflicht zu ermöglichen. Dagegen bildet sich jedoch bereits Widerstand. Die militante Vereinigung der Eltern von mit Wasserfarbe malenden Kindern (VdEVMWMK) setzt sich vehement dafür ein, dass Ina die Grundschule besuchen und trotzdem extensiv weitermalen darf. Falls dies nicht erlaubt werde, droht die VdEVMWMK damit, ihre Abkürzung zu kürzen. Ob sich die Österreichische Bundesregierung in einem Maljahr auf diesen heiklen Machtkampf einlassen will, ist fraglich.

Mättu Salem

31. Mai 2014

Mättu war ganz sicher der älteste Mensch in Bümpliz. Vermutlich sogar im Kanton Bern und ich wage zu behaupten in der ganzen Schweiz. Womöglich sogar in Europa. So weit wie die Welt würde ich nicht gehen. In der Welt hat es immer irgendwo einen älteren Chinesen. Aber in der Schweiz auf jeden Fall. Ich kannte jedenfalls keinen älteren. Schon gar nicht in Bümpliz. Mättu wusste selber nicht genau, wie alt er war. Er wusste es auch nicht ungenau.

Zuerst dachte ich, er hat dieses Ding, das viele alte Menschen haben, er vergisst alles. Später fand ich heraus, dass es bei ihm ein wenig anders war. Er machte den ganzen Tag nichts anderes als vergessen. Man kommt nicht in den Himmel, wenn man nicht alles vergessen hat, was man erlebt hat, hat er einmal zu mir gesagt, an einem Nachmittag im Frühling, als ich Tee mit ihm trank auf der Terrasse des Altersheims und rote Augen hatte wegen den Scheisspollen, deshalb weiss ich noch, dass es Frühling war, und ich habe diesen Satz wunderbar gefunden.

Das ist ein wunderbarer Satz, habe ich zu Mättu gesagt, und ihn aus meinen roten Augen angestrahlt wie man wahrscheinlich ein Kind anstrahlt, das gerade zum ersten Mal ein Wort gesagt hat. Hast Du den selber erfunden? Welchen Satz, hat Mättu zurückgefragt und mich mit einem Gesicht angeschaut, das ich jetzt gar nicht mehr beschreiben kann. Vergiss es, Mättu, hab ich geantwortet, und musste im selben Augenblick lachen, weil er ja ohnehin nichts anderes machte als vergessen. Es war als wenn ich zu ihm gesagt hätte: Atme, Mättu, atme!

Mättu lachte auch. Das tat gut, denn er lachte nicht oft. Ein paar Monate später hat er dann nicht mehr geatmet. Er war offenbar fertig geworden mit Vergessen und ich glaube fest daran, dass er im Himmel ist. Mir ist scheissegal, ob es einen Himmel gibt. Ich weiss, dass es keinen gibt. Aber wenn es um Mättu geht, gibt es einen. Mättu ist so oder so dort, kapiert? Und es ist ein Himmel mit allem, was für Finnen dazu gehört. Sauna, grüne Seen und jede Menge Stille und Stechmücken.

Mättu war Finne, das weiss ich sicher. Nicht nur weil er zum Nachnamen Saleme hiess. Auch weil er mir ab und zu von Finnland erzählte. Ich erzähle Dir jetzt etwas, begann er dann jeweils, erzählen hilft mir beim Vergessen. Und er hat dann auch wirklich nie etwas zweimal erzählt, wie das andere Alte oft tun. Nicht einmal, wenn man ihn darum bat. Irgendwie war das für ihn wie ein letztes Abspielen einer Schallplatte, die er danach verschenkte. Wie ein Leeren seines Speichers.

Ich erzähle Dir jetzt etwas. Es war an einem Spätsommerabend in einer einsamen Bucht, wo meine Familie damals ein kleines Sommerhaus hatte. Ganz selten ging jemand von uns hin. Ich war damals gerade einmal achtzehn, wie Du jetzt, und schon sehr lange nicht mehr dort gewesen. Die Türe klemmte und ein Baum war auf das Dach gefallen und hatte ein Fenster eingedrückt. Und dann erzählte er mir eine wunderschöne Liebesgeschichte. Ich hasse Liebesgeschichten, weil sie alle erfunden und erstunken und erlogen sind, aber seine war schön und ich hatte trotzdem keinen Zweifel daran, dass sie wahr war.

Ich könnte mir noch heute die Haare ausreissen, dass ich diese Geschichte, die mir Mättu an jenem Tag erzählte, nicht aufgeschrieben habe. Nur diese eine. Der Rest seiner Geschichten war Alltag. Oder dann waren es so exotische Erlebnisse, dass sie wie im Kino wirkten und ich habe sie nicht ernst nehmen können. Mättu erzählte viel von Finnland, obwohl er wahrscheinlich höchstens ein Sechstel seines langen Lebens in seiner Heimat verbracht hatte.

Mättu hiess natürlich nicht Mättu. Mättu nannten sie ihn erst hier in Bümpliz, wo er sich niedergelassen hatte, als er bereits ein alter Mann war. Die Berner machen das mit allen Namen. Sie stülpen ihre blödsinnigen Abkürzungen drüber. Sie meinen es nicht bös, ganz im Gegenteil, aber es hat mich immer aufgeregt. Mättu selber hat es offenbar nicht gestört.

Soll ich Dir Mathias sagen? Fragte ich ihn, als ich ihn das erste Mal besuchte. Ist mir egal, antwortete er, und ich dachte na wunderbar, da haben sie mir ja wieder einen echten Griesgram zugeteilt. Aber Du heisst doch sicher Mathias, oder? Weiss doch nicht, sagte er. Und da ist mir das ganze Ausmass seiner Vergesslichkeit klar geworden.

Auf seinem Totenschein stand dann Mathias Saleme. Geboren am 22. März 1904 in Rovaniemi, Finnland. „Mättu Salem! – verstehst Du, Junge?“ brüllte mich bei einem meiner Besuche ein schwerhöriger Alter an, während er Mättu viel zu stark auf die Schulter klopfte. „Das ist unser Mättusalem, der stirbt nie.“

Ich musste in der Leichenhalle ein paar Papiere unterschreiben, weil offenbar an diesem Tag sonst keiner aufzutreiben war, der für Mättu irgendetwas unterschrieben hätte. Ich war wahrscheinlich der, der mit Abstand am meisten von ihm wusste, aber ich hatte keine Ahnung, ob es in Finnland allenfalls noch irgendwelche Verwandte von ihm gab. Es kann ja sein, dass er Kinder und Grosskinder hat, aber das hatte er offenbar bereits meinem Vorgänger erzählt, und wenn ich ihn darauf ansprach, kam nichts mehr aus ihm raus, weil in diesem Teil seines Speichers nichts mehr war. Ausgeräumt, abgestaubt, Türe zu.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Kein Ahnung. Vielleicht weil ich neulich in der Zeitung einen Artikel gelesen habe, wonach die Schweizer weltweit durchschnittlich am zweitältesten werden. Es nervt mich ein Bisschen, dass die Schweizer jetzt auch noch am zweitältesten werden. Das Bruttoeinkommen pro Kopf hätte gereicht.

Und Durchschnitte finde ich sowieso mühsam. Ich bin jetzt 19 und ich habe in meiner Freizeit nun bereits fünf Alten Gesellschaft geleistet, damit sie nicht alleine vor sich hinstarren müssen, wenn möglich in einem fremden Land, wo man ihren Vornamen verstümmelt hat. Von den fünf waren nur zwei einigermassen originell und drei haben schlecht gerochen, was nicht ihre Schuld war. Ist der Durchschnitt der Alten, denen ich zugehört habe, nun langweilig und übelriechend?

Es sei wegen den Erfolgen im Kampf gegen Tuberkulose und Krebs, dass die Leute immer älter werden, stand im Artikel. Aber Mättu starb nicht an einer Krankheit. Mättu starb auch nicht, weil er alt war. Obwohl er ja sehr alt war. Mättu starb, weil er fertig vergessen hatte.

In Island werden sie am ältesten, Mättu. Wenn die pensioniert sind, sitzen sie an einen Geysir und werden alt. Es hat etwas mit Sickerwasser zu tun. Und Magma. Aber das musst Du nicht mehr vergessen.

Kein Betreff

27. April 2014

Hier geht es um nichts. Man braucht mindestens einen Adressaten, aber nicht notwendigerweise einen Betreff. Man braucht nicht einmal einen Inhalt. Wollen Sie die Nachricht trotzdem versenden? ABER SELBSTVERSTÄNDLICH! Entscheidend ist ohnehin die Zahl und Identität der Einkopierten. Der Hauptadressat ist ein Alibi, ein Platzhalter. Er ist gar nicht gemeint, entweder längst gestorben oder total unfähig, die Nachricht zu verstehen. Seit Jahren kommt das selbe Out of office zurück: „Ich bin im Moment überfordert und habe nur sporadisch Zugriff auf mein Hirn. In dringenden Fällen können Sie sich selber beeilen.“

Die Berichterstattung über den Konflikt in der Ukraine sei ein Krieg der Lügen, titelt heute eine renommierte Schweizer Zeitung, berichtet dann aber lediglich zu Beginn des Artikels von „einer Reihe von unbeholfenen Versuchen der ukrainischen Regierung, Tatsachen und Beweise zurechtzubiegen“. Der Rest des Artikels ist dann fast ausschliesslich den üblen Machenschaften des russischen Propagandaapparats gewidmet. Der geneigte Leser versteht natürlich sofort: auf der einen Seite ein paar unbeholfene Versuche („Lasst das doch bitte, Kinder!“), auf der anderen ausgewachsene Propagandalügen, mit denen eine militärische Intervention vorbereitet wird. Kennen wir. Natürlich wird auch noch erwähnt, dass die sich in Russland Propaganda gewöhnt sind. Die kennen nichts anderes. Die glauben das alles und gerne.

Wenigstens wird in einem Kasten noch der einen oder anderen historisch verbrieften Kriegs-Lüge gedacht, mit der angesehene westliche PR-Firmen für gutes Geld die Unterstützung der westlichen Öffentlichkeit für Kriege im Mittleren Osten und auf dem Balkan fabriziert haben. Gestellte Bilder, gefälschte Interviews. Alles sehr professionell angefertigt, von PR-Firmen, die auch heute, nachdem ihre Lügen erwiesen sind, souverän und erfolgreich in über 50 Ländern tätig sind und weiterhin für jeden zahlungskräftigen Auftraggeber absolut glaubhafte Realitäten produzieren, die – was für eine Überraschung! – wunderbar in unser Weltbild passen. Hier gut, dort böse. Hier Betty, dort Bossy. Guten Appetit allerseits.

Die Welt ist ein Unding, seit sie in unser Blickfeld gerückt ist und wir überall gleichzeitig hinschauen müssen. Wer dann nur rasch hinschaut, und wir schauen aus Zeitgründen überall nur rasch hin, kann sich flüchtig täuschen. Kann man den PR-Agenturen vorwerfen, dass sie so gut sind? Auch die Werber sind ja mittlerweile nicht schlecht. „Stay Home! – Die ideale Flüchtlingspflege für ihr Gesicht.“

Wer ist Schuld für all die Lügen? Der Lügenbildner oder der Auftraggeber? Oder sind wir es am Ende, stets bereit, zu glauben, was wir glauben wollen? Sind wir gezwungen, mit Regierungen zu leben, die uns einmal angelogen haben? Es gibt ja mittlerweile eine vom Westen als gesellschaftsfähig deklarierte Form, gewählte Regierungen loszuwerden. Man protestiert, lässt unter gütiger Mithilfe der Ordnungshüter eskalieren und fertig ist der gerechte Volksaufstand. Vorausgesetzt natürlich, dass sich die wegprotestierte Regierung gegen Osten orientierte oder islamistisch ausgerichtet war.

Haben wir keine andere Wahl, als mit PR-Agenturen weiter zu arbeiten (in über 50 Ländern!), die uns erwiesenermassen hinters Licht geführt haben? Würden zu viele Arbeitsplätze verlorengehen, wenn wir damit aufhören würden, sie dafür zu bezahlen, uns zu belügen?

Oder wäre es schon ein Fortschritt, einzusehen, dass wir nicht das Weltgeschehen verfolgen, sondern dessen Bild, das uns die Medien und PR-Agenturen im Dienst der Mächtigen präsentieren?
Man ist dort, wo man hinschaut. Aber es kommt darauf an, woher.

Vielleicht sollten wir uns auf die ungeschminkte Unterhaltung konzentrieren. Auf Youtube hat man an guten Tagen die Wahl zwischen Füchsen auf dem Trampolin und einem furzenden Hund. Ausser man lebt zum Beispiel in der Türkei und Youtube ist gerade mal gesperrt. Ich hoffe, die Füchse halten durch. Wildschweine haben letztes Jahr schwimmend den Bosporus überquert. Im Mittelalter wäre das von den Chronisten als böses Vorzeichen auf Pergament festgehalten worden. Heute geht es in der Medienflut unter, bevor die armen Schweine das andere Ufer erreicht haben.

Käpt’n Kirk ins Logbuch von Raumschiff Entenscheiss: Entfernen uns mit dreifacher Gichtgeschwindigkeit von jeglicher Vernunft. Alle im Raumschiff werden beängstigend schnell älter, obwohl das bei dieser Reisegeschwindigkeit All-auswärts eigentlich gar nicht möglich ist. Sind wir in der falschen Richtung unterwegs? Scotty hat einen läppischen weissen Bart und behauptet, das sei auf der Erde momentan gross in Mode. Spock wachsen widerliche Haare aus den Ohren. Er will es nicht wahrhaben und weigert sich, in den Spiegel zu schauen. Ich mache mir ernsthafte Sorgen über den Geisteszustand meiner Crew. Der diensthabende Arzt hat bei einem Teil der Besatzung eine galoppierende Altersverblödung festgestellt, den anderen Teil hat er unter Quarantäne gestellt, bevor er ohne Helm einen Ausflug ins All unternahm, um Küchenkräuter zu pflücken. Es ist einsam geworden auf der Brücke. Ich habe begonnen, mit mir selber zu sprechen. Over and out.

Die Nudelprobe

6. Februar 2014

(von lila Lippen, Karls Knochen und unaufgeräumten Gedanken)

Ich hätte sie Ihnen hier gerne gezeigt, aber ich kann die verschiedenen Fälle leider nicht mehr rekonstruieren. Gut, ich könnte schon, aber es wäre sehr zeitaufwändig. Entweder rekonstruiere ich, oder ich schreibe. Pardon: aber für beides fehlt mir die Zeit. Das ist, fällt mir gerade auf, vermutlich genau das Dilemma der Tagesjournalisten. Sie stehen jedes Mal vor der Entscheidung: recherchiere ich jetzt oder schreibe ich einen Artikel?

Ich habe nie verstanden, wie man einer Publikation trauen kann, die jeden Tag ihr Datum wechselt und spätestens nach ein paar Tagen die Themen. Die Türkei war eine Zeit lang ein beliebtes Thema in den Schweizer Tagesmedien. Viel oberflächliche und unechte Aufregung über Polizeigewalt, Korruptionsskandale, Justizmanipulation. Dann ging es in der Ukraine los, und die Türkei verschwand aus den Schlagzeilen. Macht mal ohne uns weiter, Jungs, wir sind kurz in der Ukraine.

Was ich nicht mehr rekonstruieren kann, ist Folgendes: Vor ein paar Wochen ist mir in der E-Paper Version der NZZ ein interessantes Phänomen begegnet. Gleich dreimal innerhalb weniger Tage. Da war zum Beispiel der einzige Mensch, der je aus einem nordkoreanischen Straflager entkommen sein soll. Auf dem Bild in der E-Paper Version hatte er lila geschminkte Lippen. Sah etwas seltsam aus.

Wenn man das Bild dann anklickte, um es zu vergrössern, hatten seine Lippen wieder normale Lippenfarbe. Lila – normal. Lila – normal. Verstehen Sie? Wer sich an diesem Tag lediglich durch die Seiten klickte, dachte ich, oder nur den Artikel anklickte, um ihn zu lesen, nicht aber das Bild, würde einen Mann mit lila Lippen in Erinnerung behalten. Oder war es eine seiner Tarnungen auf der Flucht?

Bei einem anderen Artikel ein paar Tage zuvor – keine Ahnung mehr, worum es ging – war es sogar so, dass das Bild, das man anklickte, in der Vergrösserung ein anderes war. Dieselbe Person, sogar eine ähnliche Pose, aber eindeutig ein anderes Bild. Und dasselbe Phänomen noch einmal ein paar Tage zuvor, ich weiss auch da nicht mehr, um wen oder worum es ging. Bild, Klick, anderes Bild. Eine geheime Botschaft des amerikanischen Geheimdiensts? Oder die harmlose Spielerei eines Aushilfs-Bildredaktors, der eine Dissertation über „Wahrnehmung auf den ersten und zweiten Blick“ schreibt?

Vielleicht werden wir es in ein paar Jahren erfahren, wenn das Internet bis in seine Untiefen erforscht wurde und alle seine Geheimnisse Preis gegeben hat. Es bleibt ja nichts unentdeckt. Alles wird andauernd gründlich untersucht und analysiert. Bloss hat leider keiner Zeit, sich die Ergebnisse anzuschauen. Nur bruchstückhaft und nach dem Zufallsprinzip kriegen wir Laien ab und zu etwas mit. Ob das dann auch wesentlich oder wahr ist?

Wissenschaftler, so las ich neulich, halten die im Aachener Dom aufbewahrten Knochen Karls des Grossen für echt. Da bin ich als Mediävist echt beruhigt und auch der Aachener Tourismusdirektor zeigte sich in einer ersten Stellungnahme erleichtert. Es hätte Jahre gedauert, um sich bei allen Touristen zu entschuldigen.

Die Echtheit der Knochen wurde in 1988 begonnenen Forschungsarbeiten eruiert, deren Ergebnisse erst jetzt veröffentlicht wurden. Die Forscher wollen unter anderem festgestellt haben, dass Karl tatsächlich gross war. Stattliche 1,84m. Womöglich nannte man ihn deshalb „den Grossen“. Als nächstes soll nun der Totenschädel von Heinrich dem Liederlichen unter die Lupe genommen und das Ergebnis verfilmt werden.

Als willkommenes Nebenprodukt der langjährigen Forschung an Karls Knochen sei hier noch die Erkenntnis erwähnt, dass nun endlich auch die Existenz des Aachener Doms als gesichert gelten darf. Es handelt sich um ein mehrheitlich in Stein gehaltenes, sakrales Bauwerk („Dom“) mitten in der Stadt Aachen. Daher vermutlich auch der Name „Aachener Dom“.

Karl der tatsächlich Große liess den Zentralbau gegen Ende des achten Jahrhunderts als Kern seiner Pflanzanlage (später wegen dem Abschreibfehler eines Mönchs „Pfalz“ genannt) errichten. Geplant war ursprünglich auch eine grosszügige Tiefgarage, aber der rot-grüne Aachener Stadtrat verweigerte dem Kaiser die Baubewilligung und die beiden Forscher wurden beim Verlassen des Doms von der Polizei in Gewahrsam genommen. Sie befinden sich in psychologischer Betreuung.

So bleiben viele Fragen im Umfeld von Aachen und Karl dem Grossen vorläufig unbeantwortet. Dass Karl der Grosse im hohen Alter hinkte, wie der fränkische Biograf Einhard hartnäckig behauptete, können sich die Forscher auf Grund Ihrer Forschungsergebnisse zwar vorstellen (es wurden bei Karl neben ein paar alten Münzen Ablagerungen an Kniescheibe und Fersenbein festgestellt), aber beweisen können sie es ebenso wenig wie Karls Behauptung, Einhard hätte geschielt. Karl nannte ihn im kleinen Kreis „Einhard mit dem Silberblick“ und liess ihn wegen übler Nachrede in Abwesenheit köpfen.

Manchmal weiss ich wirklich nicht mehr, was ich von all dem, was ich den ganzen Tag lese, am Abend noch halten und behalten soll. Beim Kochen gibt es diesen alten italienischen Trick, bei dem man die Nudel an die Wand wirft, und wenn sie da einen Moment kleben bleibt, ist sie gut. Vielleicht sollte jemand so etwas für Zeitungsartikel erfinden. Das meiste wirkt auf mich in letzter Zeit entweder schlecht recherchiert, lächerlich oder falsch erfunden. Aber vielleicht bin ich ja auch nur ein bisschen überlesen.

Im anatolischen Kernland, sagte mir neulich ein Professor, betreten sie ihr Wohnzimmer nur mit Gästen. Den Rest der Zeit wird es sauber und aufgeräumt gehalten. Das hat mich stark beeindruckt.

Meine Gedanken sind oft wirr. In meinem Hirn herrscht vom täglichen Gebrauch ein furchtbares Durcheinander. Vielleicht sollte ich es einmal aufräumen und danach nur noch mit Gästen betreten.

Der lange Marsch zur Bärenwaage

24. Dezember 2013

Zwei Nachrichten haben gegen das Jahresende hin Aufmerksamkeit erregt. Meine wenigstens. Ich kann hier nicht für die Allgemeinheit sprechen. Sie packt gerade die Weihnachtsgeschenke ein. Ein Qualitätsmerkmal wäre das Erregen allgemeiner Aufmerksamkeit ohnehin nicht . Auch ein kahlrasierter Bär, der in Alaska laut furzend durch ein überheiztes Shoppingcenter rennt, erregt für einen kurzen Moment lokale Aufmerksamkeit und schafft es vielleicht sogar in die internationalen Headlines, bevor er notgeschlachtet wird.

Die erste Nachricht lautete, ein chinesisches Raumschiff sei am Samstag, 4. November, auf dem Mond gelandet. In der Bucht der Regenbogen. Eine der schönsten Mondlandschaften, wenn man deutschen Touristen Glauben schenken will. China sei somit, nach den USA und der ehemaligen Sowjetunion, die dritte Nation, die dem Mond einen Besuch abgestattet habe. Schon acht Minuten später seien erste Bilder vom Mond gesendet worden. Fotostream, Cloud, Facebook. Twitter und so weiter. Landesweites Korkenknallen.

41 Jahre nach der letzten Landung eines bemannten Raumschiffs (Apollo 17) und 37 Jahre nach der letzten Landung auf dem Mond überhaupt (eine sowjetischen Raumsonde), sollen nun also auch die Chinesen den Mond erreicht haben. Unterstützt von der ESA, wie in europäischen Medien betont wird. Internationale Zusammenarbeit anstatt Wettlauf. Anders geht das heute nicht mehr, sagen uns die Experten. Auch auf dem Mond gilt nun: Dabeisein ist wichtiger als siegen. Sagen sie.

China verfolge, so liest man, wenn man trotz aller Harmonie noch etwas weiterliest, seit vielen Jahren ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm. Kooperativ ehrgeizig, nehme ich an. Für 2020 sei der Bau einer Raumstation geplant, die nach dem Auslaufen der Internationalen Raumstation ISS möglicherweise der einzige bemannte Aussenposten im All sein werde. Mit einem Satellitennetz baue China zudem ein eigenes globales Navigationssystem auf. Houston, we have a ploblem.

Die zweite Meldung betraf Bolivien. Und wieder China. Tut mir leid. Da führt momentan kaum ein Weg dran vorbei. Jeder ist heutzutage für eine Viertelstunde Chinese.

Bolivien habe am 21. Dezember mit Hilfe einer chinesischen Trägerrakete des Typs „Langer Marsch“ seinen ersten Kommunikationssatelliten in den Weltraum gesandt. konnte man in einer knapp gehaltenen Agenturmeldung lesen. Das Ding soll 5,3 Tonnen schwer sein und den Namen eines indianischen Aufständischen gegen die spanische Kolonialherrschaft im 18. Jahrhundert tragen. Tupac Katari. Dabei dachte ich, die würden 2020 die Fussball-WM veranstalten. Falls beim Stadionbau nicht alle verdursten.

Der Start der Trägerrakete sei in der bolivianischen, tschuldigung: chinesischen Provinz Sichuan erfolgt und dort vom bolivianischen Präsidenten Evo Morales als Beweis für die Unabhängigkeit seines Landes gefeiert worden sein. China habe den Grossteil der Kosten des Projektes (läppische 300 MillionenUS$) finanziert. Vor Bolivien hätten, war weiter zu lesen, in Lateinamerika schon Argentinien, Brasilien, Ecuador und Venezuela Satelliten lanciert. Als Beweis für ihre Unabhängigkeit, nehme ich an. Von den USA. Neben China. Gegen die FIFA. Was weiss ich.

Ich war mal ganz kurz in Bolivien, als ich noch Haare hatte. Hat mir gefallen dort. Dass es den Menschen damals besonders gut gegangen wäre, habe ich nicht in Erinnerung. Dort, wo ich nach zwei eher abenteuerlichen Flügen mit souverän gewarteten Flugzeugen (Hältst Du mir mal den Schraubenzieher, bitte?) gelandet bin, im tropischen Department Beni, ging es ihnen aber auch nicht extrem schlecht, damals. Wenigstens in meiner Erinnerung nicht. Wer reife Früchte wollte, griff in den Baum, wer Fisch mochte, schoss in den Fluss. Ist wahrscheinlich alles anders heute. Wer will heute noch Kugeln verdauen.

Ob ein eigener Kommunikationssatellit jetzt gerade das Allerdringendste war, was sich die bolivianische Bevölkerung zu Weihnachten wünschte, kann ich nicht beurteilen. Steht mir auch nicht zu. Das wird einem ja dann sofort als postkolonialistische Bevormundung ausgelegt, obwohl ich nie Kolonien hatte.

Natürlich sollen die die allerneuste Technologie haben. Kann niemand etwas dagegen haben. Hat ja auch up front nichts gekostet. Und klar verstehe ich, dass die nicht noch die nächsten zehn Generationen im Hinterhof der Amis dahindämmern wollen ohne eigenen Kommunikationssatelliten. Das geht überhaupt nicht. Wer nicht abgehört wird, ist heutzutage überhaupt nichts mehr wert. Nur frag ich mich halt, ob das mit der Unabhängigkeit auf diese Weise wirklich klappen wird. So mit den Chinesen und so.

Nicht dass es eine Schande wäre, sich von ihnen finanzieren zu lassen. Die finanzieren ja mittlerweile halb Afrika und seit Längerem die amerikanische Währung und somit irgendwie auch die NASA, General Motors und die koschere McDonalds-Filiale in der Abasto Shopping Mall in Buenos Aires. Und natürlich auch indirekt die NSA. Aber lassen wir das. Das wird hier sonst echt zu kompliziert.

Fragen wir uns lieber, ob das alles auch wirklich stimmt so. Das mit dem bolivarischen Nachrichtensatelliten und der chinesischen Mondlandung. Stimmt überhaupt irgendetwas, was ich im zu Ende gehenden Jahr nicht selber nachprüfen konnte, weil ich zu beschäftigt war?
Ich wollte den Bären, der am Anfang des Textes durch das Shoppingcenter rannte (er furzte übrigens nicht – das war billige Effekthascherei, für die ich mich entschuldige), mit dem Satelliten vergleichen, um zu entscheiden, was schwerer wiegt.

Zwanzig Sekunden seriöse Recherche im Internet (ein Blick auf das Google-Resultat für „Gewicht eines Grizzlybären“) haben ergeben, dass ein Grizzlybär bis 220, bis 450 oder bis 780 Kilo schwer werden kann. Der Unterschied ist nicht, ob er bereits sauber rasiert, erst eingeschäumt oder noch ganz unrasiert ist. Der Unterschied besteht einzig in der Konsultation von drei verschiedene Websites. Damit kann ich nun wirklich wenig anfangen. Und das gibt mir zu denken, denn mehr als zwanzig Sekunden haben wir ja selten zur Verfügung, um wenigstens im Internet den virtuellen Realitycheck zu machen.

Ist irgendetwas, was wir nicht selber miterlebt haben, überhaupt einigermassen nachprüfbar, bevor wir es weitererzählen? Und da wir offenbar längst alles glauben, ohne es zu sehen, warum werden wir nicht wenigstens selig dabei?

Irgendjemand sollte dringend eine taugliche Bärenwaage erfinden. Nicht nur wegen der offenbar netzauf-netzab herrschenden Unklarheit, was das Gewicht von Grizzlybären angeht. Es wäre auch für die Diätpläne der Bären eine tolle Sache, sich an allgemein gültige Richtwerte halten zu können. Sonst fressen die auch nächstes Jahr ungezügelt weiter, als hätte sie noch nie etwas von zu hohem Blutdruck und beginnendem Blutzucker gehört. Reiss Dich zusammen, Yogi! Es kann so nicht weitergehen.

Auch für uns Zeitungsleser wäre es nützlich, wenn es verlässliche Bärenwaagen gäbe. Nur schon um abschätzen zu können, wie schwer das Exemplar ungefähr ist, das man uns gerade aufbinden will.

Chinesen auf dem Mond. Wirklich gut. Boliviens eigener Kommunikationssatellit. Auch nicht schlecht. Mit Hilfe trägerloser chinesischer Raketen, die randloses Bräunen endlich auch auf dem Mond ermöglichen. Und alles fremdfinanziert, im Namen der Unabhängigkeit durch internationale Zusammenarbeit. Und von der FIFA selbstlos vermarktet. Gefällt mir ausgezeichnet. Ich kaufe das so. Ich will das unter meinem Christbaum.

Euch, liebe Leserinnen und Leser, entlasse ich hier. Der Text war ein wenig zu lange, ich weiss. Ich hätte allerdings noch weiter schreiben können. Bloss muss ich jetzt noch in den Schlussverkauf und danach noch rasch zum Mond. Nächstes Jahr will ich in die Unabhängigkeit und nach Bolivien, wo ich mich mit Chinesen treffen werde, die aussehen wie Sepp Blatter.

Fünf Reaktionen auf eine Zeitungsmeldung

24. November 2013

(oder warum bei mir immer alles so lange dauert)

Unsere Wahrnehmung besteht zu grossen Teilen aus vermischten Meldungen und unser Leben ist ein hektisch geschnittener Episodenfilm, in dem wir nur noch am Rande vorkommen. Die Vorstellungen davon, was ein gutes Leben sein könnte, gehen in Mitten dieser Hektik auseinander, ohne zu vereinbaren, ob und wann man sich wieder trifft.

Neulich war in einer renommierten Zeitung zu lesen, dass gemäss einer Umfrage jede siebte junge Brasilianerin bereit wäre, einen Viertel ihrer Intelligenz zu opfern, um einen Viertel schöner zu sein. Die Zeitung schloss daraus, dass sich in Brasilien alles um das Äussere drehe, und daraus würde sich auch erklären lassen, warum sich in Brasilien so viele Frauen unters Messer legen.

Meine erste Reaktion beim Lesen dieser Mitteilung war die in unserem Kulturkreis anerzogene und unter Gebildeten unweigerliche: ich rümpfte meine nicht operierte Nase ab so viel Borniertheit. Wir bestehen darauf, auf innere Werte zu stehen, und sogar Schönheit muss, wenn sie richtig beneidet werden will, natürlich sein und von innen kommen.

Meine zweite Reaktion war die Macho-Reaktion. Sorry, Ladies. Auch ein milder Mann ist nie ganz davor gefeit. Vor meinem in ungestraffte Falten eingebetteten geistigen Auge tanzten fröhlich singende, leicht bekleidete brasilianische Karnevalsdiven vorbei, denen ich nachschaute und angesichts ihrer Kurven auch nachzusehen gewillt war, dass sie vielleicht nicht allzu intelligent waren.

Meine dritte Reaktion war die des sorgfältigen Zeitungslesers, der ich sein möchte. Ich las die kurze Pressemeldung noch einmal und stellte fest, dass nicht alle Brasilianerinnen bereit waren, einen Teil ihres Hirns gegen einen grösseren Hintern einzutauschen. Jede siebte Brasilianerin, stand da geschrieben, also weniger als 15%. Wie die sonst als seriös geltende Zeitung daraus schliessen konnte, dass sich in Brasilien alles um das Äussere drehe, war mir nun schleierhaft.

„Weniger als 15% der jungen Brasilianerinnen geben zu Protokoll, dass ihnen Intelligenz weniger wichtig ist als Schönheit.“ So formuliert, wäre das für die brasilianische Frau eine eher positive Meldung gewesen. Ich vermute, dieser Wert wäre bei Umfragen unter westeuropäischen Frauen nicht viel tiefer ausgefallen, wenn überhaupt.

Ich vermute ebenfalls, dass eine ähnliche Umfrage unter Männern (15% Hirn gegen 15% Schönheit, Körpergrösse, Muskelmasse, Penislänge – gewünschtes bitte Ankreuzen) nicht grundlegend anders ausgefallen wäre. So austariert hätte die Meldung aber deutlich an News-Value verloren, weil sie weder negativ noch diskriminierend sondern höchstens ein Bisschen ernüchternd ausgefallen wäre.
Wir hätten die Meldung so gar nie gelesen, weil wir sie nicht hätten lesen wollen und sie deshalb gar nicht erst gedruckt worden wäre.

Dann war da noch meine vierte Reaktion. Die Reaktion des mit der Problematik von Umfragen und Statistiken einigermassen Vertrauten, der ihnen deshalb nur sehr beschränkt vertraut. Mit der richtigen Fragestellung lässt sich fast jedes Umfrageziel erreichen und mit der richtigen Auswahl der Befragten auch das Gegenteil. Man sollte deshalb aus Prinzip keinen Umfragen und Statistiken trauen und am besten auf Anhieb überhaupt nichts glauben. Die Default-Einstellung müsste sein: Die lügen. Die manipulieren. Die machen mir etwas vor.

Eher als mit Churchill, der bekanntlich dazu riet, nur Statistiken zu vertrauen, die man selber gefälscht hat, halte ich es ganz generell mit Bertrand Russell, der dazu auffordert, sich selber nicht blind zu vertrauen. Er hat Recht. Ich bin stets auf der Hut vor mir. Wahrscheinlich täusche ich mich gerade jetzt, habe mich immer wieder getäuscht, werde mich weiterhin täuschen.

Bertrand Russell war ein weiser Mann. Nur Idioten, hat er einmal festgehalten, können sich rasch entscheiden. Intelligente Menschen brauchen mehr Zeit, weil sie abwägen müssen, weil sie Zweifel haben, auch an ihrem eigenen Urteilsvermögen.
Diese Feststellung lässt sich auch auf die erwähnte Zeitungsmeldung anwenden. Dem Vollidioten ist sofort klar: Brasilianische Frauen wollen und brauchen kein Hirn. Für uns Halbidioten ist es ein Bisschen schwieriger.

Habe ich meine fünfte Reaktion auf die kurze Zeitungsmeldung schon erwähnt?
Ich habe mich gefragt, ob es wirklich so bekloppt ist, wenn jemand, falls man wählen könnte, lieber schön als intelligent ist. Was, wenn das Plus an Schönheit tatsächlich zu einem Plus an Zufriedenheit oder sogar Glück führen würde?
Sind wir dann nicht vielleicht ein wenig arrogant und vorschnell, wenn wir das Streben nach Schönheit als oberflächlich und dumm abtun?

Und dann habe ich mich gefragt, was ich antworten würde, wenn mir einer auf der Strasse entgegenkommen würde, offensichtlich ein Student mit einem iPad auf dem Arm, und ich hätte es nicht geschafft, ihm rechtzeitig auszuweichen, und er würde mir sagen, er sei von einem Meinungsforschungsinstitut und ob ich bereit wäre, auf 15% meines Hirns zu verzichten, wenn ich dafür 15% glücklicher würde.

Meine Antwort wäre ja. Ohne zu zögern. Und ich weiss ganz genau, was Sie jetzt von mir denken, denn Sie denken zu viel. Ich wünsche Ihnen einen intelligenten Tag.

Gelegenheit macht Frieden

26. Juli 2013

(über Abgeschriebenes, keimfreies Töten und Gelegenheitsfenster)

Erstaunlich eigentlich, dass wir weiterhin brav jeden Tag Zeitung und Internetnews lesen, bei all dem wiedergekauten Gefasel, das man uns täglich serviert. Aus Spargründen setzen die Medien immer weniger Korrespondenten ein, die sich vor Ort informieren. Immer öfter jonglieren gut angezogene, smarte Berufsleute in den heimischen Redaktionen so lange mit Agenturmeldungen und Wikipedia, bis sie selber glauben, einen authentischen Artikel über ein Ereignis in einem fernen Land verfasst zu haben. Ein guter Tag war das. Ab in die Tapas Bar!

Das ganze macht ja, wenn man es sich in der Sommerhitze und ohne Kopfbedeckung lange genug überlegt, absolut Sinn. Wir leben im Zeitalter, wo ganz normale eight to five Büroangestellte irgendwo in Virginia am Computer sitzen und Drohnen in Afghanistan per Mausklick ihre tödlichen Raketen abfeuern lassen, bevor sie (Oh my God, how time flies!) gegenüber in der Mall ein leckeres Sandwich und einen Double tall skimmed latte zum Lunch holen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit war richtige Menschen töten so abstrakt und keimfrei möglich. Wenn man diesen fürchterlichen Fortschritt mit dem Trend zur Heimarbeit zusammenbringt, die irgendwann das einzige taugliche Mittel gegen das Verkehrschaos sein wird, wird die Perversität noch offensichtlicher.
„Lunch, Darling! The kids are waiting already“.
„Coming, sweetheart! I’ll just quickly finish off some terrorists, OK?“
“No problem, honey. Don’t forget to wash your hands“.

Aber zurück zu den Medien. Die Redaktionen sind nicht die einzigen, die uns regelmässig mit Unrecherchiertem abspeisen. Auch den Auslandkorrespondenten sollte man nicht ausnahmslos und unbesehen alles glauben. Es ist mir zum Beispiel schleierhaft, wie einer in Beirut sitzen kann, und von dort aus locker den Puls der israelischen oder palästinensischen Psyche fühlt. Oder wie einer aus Athen freihändig über die Türkei berichtet und bei Bedarf ganz präzise beschreiben kann, wie ein Angstfurz eines Demonstranten auf dem Taksimplatz in Istanbul riecht.

Meistens wird nicht selber Beobachtetes oder Miterlebtes berichtet, nicht einmal durch Konsultation anderer Quellen Verifiziertes, weil es eilt, sondern es wird dem Leser Gelesenes oder Gehörtes weitergereicht, weil die Quelle offensichtlich an den gleichen Gott glaubt. Man kennt sich ja und weiss mit der Zeit, wer für welche Sache einsteht und wer gegen wen ist, was immer der auch tut.

Vorläufig lassen wir es offenbar so durchgehen. Momentan befinden wir uns in der Phase, wo höchstens ab und zu eine Dissertation oder eine Mastersarbeit einer Persönlichkeit aus der Politik mit einem Textprogramm überprüft wird, um dann schockiert festzustellen: Unerhört! Göthe hat abgeschrieben. Schiller vielleicht auch, aber der steht noch auf keiner Abschussliste.

Irgendwann, ich nehme an morgen, denn heute geht alles viel schneller als gestern, wird es extrem effiziente Überprüfungsprogramme für die Tagespresse geben. Programme, die sich jeder als Gratis-App herunterladen kann. Das Resultat wird ernüchternd sein.

Das ist jetzt überhaupt kein Vorwurf an das Berufsbild des Journalisten. Ich behaupte dasselbe auch für die Mehrzahl der Berichte von uns Diplomaten. Nur haben wir etwas mehr Zeit, um die Sätze sorgfältig umzustellen, weil wir nicht im Tagesjournalismus sind. Und wir formulieren aus Erfahrung grundsätzlich so, dass uns später niemand Tatsachen vorwerfen kann. Es könnte aber durchaus auch sein, dass. Es würde trotzdem nicht überraschen, wenn. Möglicherweise wird. Möglicherweis aber auch nicht.

No hard feelings, liebe Journalisten. Ich weiss, dass ihr euch jede erdenkliche Mühe gebt. Die meisten von euch jedenfalls. Trotzdem tut es mir weh, wenn ich Titel wie „Jetzt oder wohl nie mehr“ sehe, und wenn ich dann den Artikel anlese, geht es doch tatsächlich um den Nahostkonflikt und Kerrys neuste Initiative.

Es gibt Wortkombinationen, hat einmal ein kluger Mann irgendwo geschrieben, die sollte jede marktübliche Textverarbeitung automatisch löschen. Dazu gehört ganz sicher die Kombination von „Nahostkonflikt“ und „letzte Chance“. Eine Software, die diese Begriffe auf der gleichen Textseite entdeckt, müsste die Seite automatisch löschen. Meine hier wäre dann auch gleich gelöscht worden. Damit könnte ich leben.

Ich habe einen Geschäftsmann erfunden, der unterdessen mit der genialen Idee stinkreich geworden ist, im Mittleren Osten Windows of Opportunity zu verkaufen. Mit Doppelverglasung und Vorhängen in verschiedensten Mustern. Leider hat das viele Geld seinen billigen Charakter verdorben. Er wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und lebt heute als armselige Randfigur in einem Schundroman.

Wie übersetzt man eigentlich Window of Opportunity? Gelegenheitsfenster? Wahrscheinlich. Macht ja auch Sinn. Jetzt versteh ich auch endlich das Sprichwort „Gelegenheit macht Frieden“.

Der aller erste erste August

25. Juli 2013

(mein Textprogramm, der Nationalfeiertag, die Demokratie und ich)

Es ist ärgerlich. Das Textprogramm hat das zweite erste mit einer roten Wellenlinie unterlegt. Gleich im Titel. Es hält es für einen Fehler. Meinen Fehler. Es möchte, dass ich es lösche. Es meint womöglich, ich sei unkonzentriert, weil es früh am Morgen ist. Dabei bin ich hell wach und angezogen und es ist alles korrekt.

Man kann durchaus von einem aller ersten ersten August schreiben, und kein Textprogramm, das ernst genommen werden will, sollte eine rote Wellenlinie unter das zweite erste legen.
Es gab einmal einen aller ersten ersten August, ob es dem Textprogramm passt oder nicht.

Es hat es schon wieder rot unterlegt. Es ist tatsächlich überzeugt, dass ich imstande bin, aus Versehen zweimal hintereinander dasselbe Wort zweimal hintereinander zu schreiben. Es hält mich für einen Vollidioten. Es hält mich für einen Vollidioten.

Es gab aber einen ersten ersten August. Zweimal sogar. Das erste Mal, als der Monat August kurz vor Christi Geburt von ein paar Römern erfunden wurde, die sich damit bei ihrem ersten Kaiser einschleimen wollten. Das zweite Mal, als der Schweizer Nationalfeiertag zum ersten Mal an diesem Datum gefeiert wurde. Einschleimen mag mein Textprogramm offenbar auch nicht, weder gross noch kleingeschrieben. Das Wort wird rot unterlegt, in der Hoffnung, ich werde es korrigieren.

Mache ich aber nicht. Es gab einmal einen ersten ersten August und es gab – und gibt sie immer noch – Leute, die sich bei ihren Vorgesetzten einschleimen. Sie werden leider nie aussterben. Hingegen wird es irgendwann einen letzten ersten August gegeben haben.

Wenn es einmal die Schweiz nicht mehr gibt. Alles, was entsteht, vergeht auch wieder. Das ist ein Naturgesetz. Und wir Schweizer lieben die Natur. Wichtig wäre uns dann aber, dass die Schweiz nicht einfach achtlos in den unsortierten Müll geworfen, sondern fachgerecht kompostiert wird, damit daraus wieder Neues entstehen kann.

Es gibt ja bereits verschwundene Staaten. Das heisst, es gibt sie nicht mehr. Sobald ich aus diesem Text raus bin, werde ich „verschwundene Staaten“ googeln. Geschichte. Geografie. Dieser Artikel enthält unvollständige Daten über vollständig verschwundene Staaten. Bitte ergänzen Sie ihn.

Vielleicht sind wir eines Tages schweizmüde. Des Paradieses, das wir in vielerlei Hinsicht sind, überdrüssig. Wollen Sie die Volksinitiative zur Abschaffung der Schweiz annehmen? Ja? Nein? Keine Zeit? Der Bundesrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. Aber wisst ihr was? Macht doch, was ihr wollt!

Ich hatte in der Mittelschule einen sehr phantasievollen Freund. Er schrieb eine Geschichte, in der das Stimmvolk beschlossen hatte, die Schweiz an ein zahlungskräftiges Konglomerat aus reichen Golfstaaten zu verkaufen. Jede Schweizerin und jeder Schweizer erhielt drei Millionen in bar.

Gut, ich gebe zu, diese Variante ist eher unwahrscheinlich. Auch schweizmüde Schweizerinnen und Schweizer würden auf den Deal nicht eintreten. Uns fehlt einfach das notwendige Vertrauen, soviel Geld auf einer ausländischen Bank anzulegen. Können die ein Geheimnis für uns behalten? Obwohl das eigentlich gar keine Rolle mehr spielen würde. Ein Konto im Ausland macht wenig Sinn, wenn man keinen Staat mehr hat, dem man die Steuern hinterziehen kann.

Wahrscheinlicher ist, dass es eines Tages den 1. August nicht mehr gibt, weil per Volksabstimmung beschlossen wurde, an einem anderen Datum zu feiern. Wegen der globalen Erwärmung.
Irgendwann war es in den Sommermonaten dermassen heiss und alles so furztrocken, dass beim Feuerwerk jeweils die halbe Schweiz abbrannte. Also beschloss man irgendwann, am 1. Februar zu feiern. Das war dann auch logistisch viel einfacher, weil man das Feuerwerk für die Neujahrsfeier und dasjenige für den Nationalfeiertag gleich zusammen einkaufen konnte.

Der letzte erste August könnte auch durch die Erfindung eines neuen Kalenders entstehen. Es muss ja nicht immer und ewig alles so bleiben, wie es ist. Ob Januar bis Dezember oder sonst irgendwelche Bezeichnungen – was kümmert das den Mond? Namen sind Schall und Rauch.

Und à propos Schall und Rauch: es gibt natürlich noch den persönlichen letzten ersten August. Irgendwann kommt er, ob man es merkt oder nicht.

Mein Textprogramm mag à propos nicht. Mit dem letzten ersten August hat es hingegen kein Problem. Keine roten Wellenlinien. Keine Lampions. Kein Feuerwerk. Ein ganz gewöhnlicher Sommerabend. Lasst uns feiern.

(leben)

18. Juli 2013

Ich hoffe, es stört niemanden, dass ich ihn hier David nenne. Er hiess nicht so, weil er anders hiess. Was kümmert es jemanden, der ihn nicht kannte, wie sein wirklicher Name lautete? Und die, die ihn kannten und nun vermissen werden, wissen es ohnehin.

Es war einfach so, dass ich beim Schreiben festgestellt habe, dass es mir Mühe macht, ihn D. zu nennen. Wie in den vermischten Meldungen. Also nenne ich ihn bei einem anderen Namen. Seine Spuren verwischen sich nun ohnehin.

Die Nachricht seines Todes erreichte mich heute in einer E-Mail von Michael. Auch er heisst nicht so. Hoffentlich noch lange. Michael schrieb mir aus einem Land, in dem wir alle einst gemeinsam ein paar Jahre verbracht hatten: David, seine Frau Elsbeth, die auch anders heisst, ihr gemeinsamer Sohn, Michael und ich.

David war nicht dort gestorben, sondern in der Schweiz, wo er sich mit seiner Frau, mit der ich zusammengearbeitet hatte, nach ihrer Pensionierung niedergelassen hatte. Ich habe ihn nicht gut gekannt, eigentlich kaum. Aber die wenigen Begegnungen mit ihm haben ihn mir sehr sympathisch gemacht. Er war Brite mit einem wunderbaren Humor. A good fellow. Einmal hatte ich ihm, als er nach einem Unfall lange zuhause bleiben musste, eine Flasche Single Malt ans Krankenbett gebracht und wir hatten zusammen gelacht.

Es tut mir leid, dass er nicht mehr lebt. Und für seine Frau und seinen Sohn tut es mir leid, dass er tot ist. Der Tod ist völlig inakzeptabel. Nichts dürfte so endgültig sein. Ich werde ihnen mein hilfloses Beileid aussprechen.

Was sonst mache ich mit der Nachricht, dass dieser dürre alte Mann mit dem besonderen Humor nicht mehr unter den Seinen weilt? Was fangen wir mit einer solchen Nachricht an?

Wir trauern einen kurzen Moment lang um den Toten. Bis wir merken, wenn wir mit uns ganz ehrlich sind, dass wir eigentlich mehr um uns selber trauern. Dann denken wir einen Moment über den Tod nach, was wir mit ihm schon alles erlebt haben.

Die eigenen Toten ziehen in rascher Bilderfolge vorbei. Dann setzen, jedenfalls bei mir, die Zitate aus Film, Musik und Literatur ein. Ein kleiner Teil davon, was uns von all dem Schrott geblieben ist, was wir über den Tod gelesen, gesehen und gehört haben.

Er wusste nur vom Tod was alle wissen: dass er uns nimmt und in das Stumme stösst. (Rilke)

Oder der Tod, wie er uns in einem Gedicht von Alfred Andersch begegnet: Er liest den Observer. Sein Auge ist weiss.

Es gäbe viel zu zitieren, nur schon aus dem Gedächtnis. Irgendwann lande ich dann immer beim Zitat, das ich aus Kurt Martis faszinierendem Büchlein „Leichenreden“ in Erinnerung behalte:

Traue den Reden des Todes nicht! Seine Dir zugewandte Wahrheit ist das Schweigen. (Ludwig Strauss)

Das beendet dann die Literaturzitate abrupt.

Was bleibt dann noch, nach Trauer und Zitaten?

Das memento mori. Jede Nachricht vom Tod fordert uns auf, das eigene Leben zu beginnen. Sofort. Ohne weitere Verzögerung. Keine Ausreden mehr. Jetzt. Wir nehmen uns vor, es diesmal zu tun (leben). Nicht weiterhin alles und damit uns selber zu verschieben, wegen dem, was uns gerade in Trab hält.

Aber auch dieser Vorsatz hält nur ganz kurz an. Es ist jetzt Mittagszeit. Ich gehe nachhause zum Essen. Am Nachmittag folgen Sitzungen und Termine. Am Nachmittag geht das Leben weiter, ohne neu begonnen zu haben.

Danke für die Nachricht, lieber Michael. Ich melde mich, wenn sie angekommen ist.

Kurz vor dem Verlassen der Grafik

14. Juli 2013

(die Sonde, das Weltall, der Mann)  

Die Raumsonde Voyager 1, so lese ich, unterwegs im Weltall seit 1977, verlässt bald unser Sonnensystem. Ich kann mir darunter, ehrlich gesagt, wenig vorstellen, und ich versuche, mir in meiner Freizeit selber nichts vor zu machen. Es reicht völlig, dass ich in meinem Beruf oft genug so tun muss, als wüsste ich genau, worüber gesprochen wird.  Hier darf ich es sagen: sorry, ich check’s nicht.

Es wird auch nicht besser, wenn ich mir Grafiken anschaue, auf denen die Welt als Punkt dargestellt wird, nicht den Proportionen entsprechend, nur damit man sie überhaupt sieht, und das Sonnensystem geht dann am Rande der Graphik bei einer kreisförmigen Linie artig zu Ende, hinter der angeblich ein neues beginnt.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Sonnensystems so zu Ende geht. Schon eher franst es an den Rändern irgendwie aus oder es hat irgendwann einfach genug von der fast endlosen Weite, eine Art Ermüdungsbruch, und macht an der nächstbesten Biegung Halt, legt sich ins Gras, zieht die Schuhe aus. Ende der Galaxie.

Voyager 1, lese ich in der Sonntagszeitung, sendet immer noch Signale aus dem Weltall, reagiert aber nicht mehr auf blosse Zurufe. Ich habe es selber versucht. Es reicht, habe ich der Sonde nachgerufen. Ich hab’s begriffen. Du hast Deinen Punkt gemacht: das Weltall ist unendlich weit und dehnt sich noch weiter aus und ich habe überhaupt nichts geschnallt, noch nie. Weil Männer ohnehin nie etwas begreifen.

Die Sonde, das Weltall, der Mann.

Das sind die Signale, die ich noch immer empfange. Und wenn das Ding mit der Reichweite nicht wäre, würde ich die Hände schalenförmig an den Mund legen und der Sonde nachrufen: „Ich weiss. Es reicht jetzt. Du kannst umkehren.“

Aber ganz so blöd bin ich dann ja doch nicht. Ich weiss, dass sie uns nicht mehr hören kann. Und Umkehren war nie ihr Ding. Bald ist sie 40 und irgendwann wird sie ja wohl vernünftig werden und selber merken, was sie für einen Scheiss gebaut hat. Also winke ich ihr nach. Flieg doch weiter. Verlass doch die Grafik, wenn Du meinst,. dass Dir das gut tut.

Überhaupt. Was geht mich das an?

Unter der Oberfläche herrscht Chaos, lautete neulich der Titel eines Zeitungsartikels. Wunderbar, dachte ich, da hat sich jemand Gedanken gemacht über unseren nie endenden Kampf, dem chaotischen Leben irgendeine wenigstens temporäre Ordnung und damit ein kleines Bisschen Sicherheit und Geborgenheit abzuringen.

Der Titel erinnerte mich an ein Gespräch, das ich vor bald zwanzig Jahren mit der zweiten Ehefrau eines pensionierten Freundes in ihrer Küche in Maryland geführt hatte, während draussen alte Männer Tennis spielten. Alles, was der Mensch versuche, sagte sie ganz gelassen, während sie Kaffeewasser aufsetzte, sei, sich für einen Moment lang in einer möglichst unbeachteten Ecke dieses gewaltigen Chaos ein ganz persönliches Fleckchen Ordnung und Stabilität zu schaffen, wissend, dass unter dem dünnen Boden das Chaos lauert, das jeden Moment durchbrechen und uns hinab reissen kann.

Ich glaube, sie hatte Recht. Und es braucht kein Vulkanausbruch oder Erdbeben zu sein. Manchmal genügt ein Telefonanruf in einen Mittagsschlaf und die Welt ist danach nicht mehr dieselbe.

Es ging dann im Artikel aber nicht darum, sondern letztlich um Banalitäten. Eine Fachkommission hatte der Schweizer Regierung empfohlen, rasch gesetzgeberische Grundlagen für den tiefen Untergrund zu schaffen. Sonst kann ja jeder kommen und ein wenig Erdwärme anzapfen oder ein Bisschen Fracking betreiben, wenn gerade sonst nichts geht. Also wird der Bundesrat wohl nächstens Richtlinien für die Bewirtschaftung des tiefen Untergrunds erlassen. Beide Räte werden die Vorlage im Sitzen diskutieren und wir werden vom Ergebnis – irgendwann gibt es immer ein Ergebnis – laufend Kenntnis nehmen. Vielleicht aber auch nicht. Man kriegt ja gottseidank nicht alles mit.

Ich war 1977, beim Start von Voyager 1, noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und kann beim besten Willen heute nicht mehr sagen, ob ich den Start der Sonde damals mitgekriegt habe. Wahrscheinlich ja nicht, weil darüber nicht im Sportteil berichtet wurde. Meine jüngste Tochter ist seit ein paar Tagen älter als ich damals war. Vielleicht kriegt sie mit, dass die Sonde bald unser Sonnensystem verlässt.  Vielleicht kann sie auch mit der Grafik mehr anfangen als ich.

Ich bin unterdessen schon wieder in einem neuen Land eingetroffen. Ich bin daran, mir seine Eckdaten so gut wie möglich einzuprägen, bevor ich bald einmal das Transfersystem des Ministeriums verlassen werde, in das ich 1987 eingetreten bin. Manchmal ist es ein wenig anstrengend, stets mit dem Rücken zum Land, aber danke, es geht. Man weiss ja auch nicht, was danach kommt. Manchmal erhalte ich schwache Signale von Ehemaligen, die die Grafik bereits verlassen haben. Ich hoffe, ich verstehe sie falsch.