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An einem neuen Ort

28. Mai 2013

Oberflächen sind oft hart. Wer hinfällt, könnte ein Lied davon singen, anstatt zu fluchen. Dass Oberflächen widerstandsfähig sein müssen, leuchtet ein. Die Natur ist wahrscheinlich als sie jung war ein paarmal auf den Kopf gefallen, aber sie hat ihre Schlüsse daraus gezogen und ihn abgehärtet. Wenn Oberflächen weich wären wie Unterflächen, wären sie rasch keine Oberflächen mehr. Sie würden den äusseren Einflüssen nicht lange widerstehen. Aber sie sind über der Unterfläche. Sie sind Oberfläche. Das verhält sich ja auch mit uns Menschen so. Die Haut ist ein Bisschen strapazierfähiger als das Fleisch darunter, unser Verhalten ein wenig cooler als die Befindlichkeit.

Unter der Oberfläche, in unserem Innern, sind wir alle verletzlicher, als wir uns gegen aussen präsentieren. Im Kern sind wir traurige, von einem frustrierten Erwachsenen verratene und verlassene Kinder. Wir warten darauf, dass wir zu uns zurückkehren um endlich wieder zu spielen.

Vor ein paar Tagen habe ich in Kappadokien Höhlensiedlungen und Untergrundstädte besucht, in denen sich in Zeiten erhöhter Gefahr mehr als zweitausend Menschen über Monate hinweg mit Vieh und Kind und Kegel versteckt hielten. Bewohner der Höhlen waren zuerst die Hethiter, die ihre 1000 Götter mit in die Höhlen nahmen, wodurch es eng wurde, und später von den Römern verfolgte Christen, die mit ihrem einen Gott etwas mehr Platz hatten.

Weshalb stürzt das alles nicht ein, habe ich unseren alten Führer gefragt, wo das Gestein doch offensichtlich so weich ist, dass sich jeder müde Hethiter und jede flüchtige Christin im Handumdrehen eine Höhlenwohnung aus dem Berg schnitzen konnte? Halt mir mal kurz das Kind, ich grab uns noch ein Zimmer. Warum sehen wir das alles noch, dreitausend Jahre später, diese ausgehöhlte Landschaft?  Weshalb hält das so lange? Habt ihr einen Fixierspray?

Der alte Mann war so höflich, dass er sich seine Bestürzung über meine totale Ignoranz nicht anmerken liess. Er erklärte mir geduldig, dass dieses Gestein Mineralstoffe enthält, die mit der Luft reagieren und sich dabei verhärten. Wirklich cool, diese Natur. Cool und hethiterfreundlich. Fair mit den flüchtigen Christen. Wir basteln eine selbsthärtende Oberfläche mit Nura Natura.

Eine andere harte Oberfläche ist mir neulich auf dem kurzen Weg von der Botschaft in die Residenz begegnet. Wenn ich die Treppe nehme, die der Tiefgarage entlang zur Botschaft hinunter führt, gibt es nach dem ersten Treppenabsatz einen Niveauunterschied, eine Art Mini-Stufe, über die ich am Anfang auch bei Tageslicht regelmässig gestolpert bin.

Ich stolpere in unbekannter Umgebung regelmässig. Ich lasse normalerweise kein Hindernis aus. Der erwähnte Vierteltritt scheint mir nun aber besonders tückisch, nicht nur für einen Vielstolperer wie mich. Man erwartet ihn irgendwie nicht. Er sollte da nicht sein. Als ich dann einmal in pechschwarzer Nacht aus dem Büro nachhause ging, bin ich ganz hingefallen, der Länge nach, und habe die Härte der Steinplatten gespürt. Aber es geht mir nicht um das Hinfallen. Wir alle fallen. Darüber zu philosophieren, ist hinfällig. Es geht mir eigentlich auch nicht um die Härte von Oberflächen. Es geht mir ums Stolpern. Ich bin auch anderswo im Garten und auf der Treppe im Innern des Hauses am Anfang andauernd gestolpert. Am meisten beim Treppenabsatz auf halber Höhe zum 1. Stockwerk. Praktisch jedes Mal. Mein Körper fand in seinem Gedächtnis offenbar nichts Passendes, was ihm erlaubt hätte, die besonderen Masse dieses Treppenabsatzes von Anfang an im Griff zu haben. Also stolperte ich und stolperte und stolperte, bis mein Körper die Masse und Dimensionen der neuen Umgebung intus hatte und mich nun dahin schreiten lässt, als wäre ich hier aufgewachsen.

Das automatische Vermessen der neuen Umgebung, dieses sich Einmessen und Eingewöhnen, ist eine Bravourleistung unseres Systems. Ich bin stolz auf meinen Körper. Ich hoffe, er macht so weiter. Ich klopfe ihm auf die Schulter. Ich füttere ihn mit Süssem. Lass gut sein, sagt er zu mir. Soviel Lob ist ihm peinlich. Er funktioniert ja nur.

Das Ende des Stolperns signalisiert die Ankunft an einem neuen Ort. Du bist angekommen. Schön, dass Du jetzt auch da bist, Walter. Aber vergiss nicht: Stolpern ist ein Warnsignal, das einem bewusst macht, dass man sich auf unbekanntem Terrain bewegt. Wenn das Stolpern aufhört, muss die Wachsamkeit erhöht werden. Wer nicht mehr stolpert, muss aufpassen, dass er nicht fällt.

Überall noch einmal hin

26. Mai 2013

Ich möchte überall noch einmal hin. Sogar da, wo ich gerade bin.

Ich weiss, dass man nicht zurückkehren kann. Und es liegt nicht nur daran, dass man keine passenden Kleider hat. Es ist jedem noch so nostalgischen Deppen klar, dass dort, wo er einst glücklich war, unterdessen schon lange alles anders ist, und selbst wenn es noch genau so wäre wie damals, würde ihn spätestens bei der Ankunft der Blick in den Spiegel auf dem Flughafenklo daran erinnern: Man kehrt nicht zurück.

Weshalb also überhaupt reisen, und wozu dann dieses Gedränge hier? Warum fehlt schon wieder das Papier, um sich die Hände zu trocknen? Soll ich meine Hände etwa in diesen Windkanal stecken? Wer hat das bloss wieder erfunden.

Hätte ich wenigstens die verschiedenen Zettel dabei, auf denen ich mir letzte Nacht all die Dinge notiert hatte, die ich nicht vergessen wollte. Ich hatte die Reise im Traum geplant, weil man es bleiben lässt, wenn man alles vernünftig abwägt. Im Traum liegen überall Notizzettel bereit, auf denen man sich notiert, was man nach der Ankunft unternehmen will. Auch die Koffer packen sich leichter im Traum. Man kommt nie auf 20kg. Im Tor zum Erwachen steht dann sowieso ein Zöllner, der alles beschlagnahmt: das Gepäck, den Pass und die Notizen. Gute Reise, Dummkopf.

Man kann ihn nicht täuschen oder austricksen. Nicht einmal, indem man im Traum oder im Flugzeug sitzen bleibt und sich schlafend stellt.

Den Taxifahrer frage ich dann nach dem Glück, während er mich irgendwo hinfährt, was er für eine Adresse hält. Was ist letztendlich Glück oder das, wohin wir zurückkehren würden, wenn wir könnten?  Sie verstehen doch Deutsch? Warum reisen wir überhaupt? Es kann ja nicht sein, dass wir Neues entdecken wollen, oder? Läuft eigentlich der Taxameter?

Als ich zwölf Jahre alt war, sagt der Mann ein wenig später und nachdem ich ihn für taub gehalten hatte, während er auf einer langen Geraden langsam beschleunigt, und sucht mich dabei im Rückspiegel, als ich zwölf Jahre alt war, war Glück, wenn ich an einem Sonntag erwachte und das Geräusch von Regen nicht hörte. Noch vor dem Öffnen der Augen wusste ich, dass mein Fussballspiel stattfinden würde. Ob wir dann verloren oder gewannen war weniger wichtig. Schlimm war, wenn das Spiel nicht stattfand. Schlimm für einen Zwölfjährigen, der das unfassbare Glück hatte, in der Schweiz wohlbehütet aufwachsen zu dürfen. Schlimm also im Sinne von überhaupt nicht schlimm.

Nicht schlimm vielleicht , dachte ich, aber dennoch das Gefühl von Abwesenheit von Glück,  wenn er beim Aufwachen das Trommeln der Regentropfen auf den Rollladen hörte. Oder eben gutes, solides Glück, wenn es nicht regnete, wenn der Rollladen stumm blieb.

Als wir an einer Kreuzung wegen eine roten Ampel anhalten müssen, ist unser Taxi plötzlich von Demonstranten umringt, die Plakate und Banner tragen und Parolen schreien. Ein paar der Demonstranten nähern sich bedrohlich dem Taxi und schwingen Fäuste und Stöcke in Richtung des Fahrers. Ich bin im realen Leben kein so mutiger Mensch, aber bitte, wir sind in einem Traum, und so steige ich aus wie im Film und gebiete dem Treiben Einhalt: Lasst den Jungen in Ruhe. Er hat niemandem etwas getan. Schon sein Vater war Taxifahrer. Versteht ihr? Glück ist unfassbar.

Auf dem Heimflug (ich muss mit einem Ersatzpass reisen, weil ich den alten offenbar im Windkanal verloren habe) lösche ich dann die Fotos von meinem iPhone, die ich nicht behalten will. Eigentlich will ich gar keine behalten, aber das System verweigert mir den Zugriff. Löschfunktion momentan nicht verfügbar. Versuchen Sie es später oder downloaden sie jetzt die neue App „Papperlapp-App“, um ihre Fotos in Zukunft gleich bei der Aufnahme zu löschen.

Vielleicht ist das gar nicht der Heimflug, geht es mir durch den Kopf, während ich unter mir kleine Inseln sehe, die vermutlich auf Facebook Freunde des Festlandsockels sind. Und wer weiss, wo ich gerade war. Ich nehme mir vor, nachzuschauen, in welchem Land man mit 12 Taxis fahren darf. Ich bin sicher, es gibt auf dem Netz einen Ländervergleich. Und wenn ich schon auf dem Netz bin: saugkräftiges Notizpapier. Wenn möglich selbst kompostierend. Und ein paar andere Dinge, die mich neulich kurz interessiert haben. Stichworte genügen. Ich brauche keine ganzen Artikel. Das behält keine Sau.

Ein lettischer Winter, unvollendet

18. Februar 2013

Manchmal ist das Leben wie ein lettischer Winter: halb so schlimm, wie befürchtet. Was hatte man uns gewarnt vor meterhohen Schneemauern und Verwehungen bis ins Wohnzimmer bei konstanten minus 27 Grad im Schatten eines schwer in Gang zu haltenden Kaminfeuers.

Autofahrer, die sich auf Kreuzungen hinaus tasten, weil links und rechts der Schnee wie eine Hauswand den Blick versperrt, und wer auf einer kleinen Nebenstrasse abbiegen will, muss Gas geben, um es mit Anlauf aus der Fahrrinne zu schaffen.

Es war dann alles, nicht zum ersten Mal in meinem Leben, viel weniger dramatisch. Ab und zu minus 18, einmal minus 20 Grad, und Schnee schon, aber in überschaubaren Mengen. Nicht mehr auf ein Mal, als eine ältere Frau jeden Morgen wegschaufeln kann. Keine zugeschneiten Kreuzungen und beim Autofahren herrschte Sichtkontakt. Viel Matsch, wenig Eis, und das Abbiegen auf einer Nebenstrasse in ein sich automatisch öffnendes Tor klappte problemlos, solange die Fernsteuerung funktionierte.

Die ältere Frau war die letzten Monate das erste Geräusch am Morgen. Wie sie den Schnee wegschiebt. Ramasch, ramasch, ramasch. Ich dachte zuerst, dass geht gar nicht. Dass ich im Morgenmantel Kaffee schlürfe, während sich einen Stock tiefer eine ältere Frau mit dem Schnee abmüht. Und weil sie nur Russisch kann, kann ich mich nicht einmal richtig bedanken. Sie lächelt, wenn ich ihr trotzdem danke und ihr einen schönen Tag wünsche. Ich werde ihn selber schaufeln, den lettischen Schnee, dachte ich im Juli, als ich hier ankam, und mir einen Hexenschuss holen.

Aber als es kälter wurde, erklärte man mir, dass sie das Geld brauche, die ältere Frau, und dass sie Stella heisse und zufrieden sei, diese Arbeit zu haben. Ich kam mir trotzdem seltsam vor und komme es noch. Irgendetwas stimmt hier nicht, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Und irgendetwas stimmt wahrscheinlich mit mir nicht, dass ich sie so lasse. Ich erinnere mich an die Anekdote vom Mann, der irgendwo in Asien ein Klavier auf seinem Buckel trägt und die Leute, denen er auf dem Gehsteig entgegenkommt, weichen ihm aus, anstatt ihm zu helfen.

Ich könnte jetzt nachschauen, wer diese Anekdote wo erzählt hat. Es sei schlimm, woran wir uns gewöhnen, war das Fazit dessen, der sie erzählte. Ich teile diese Meinung, gehe dieser Sache aber nicht mehr nach, sondern aus dem Weg, denn ich sitze bereits wieder zwischen Kartonschachteln und bald werden sie meinen Computer einpacken.

Manchmal ist das Leben wie ein lettischer Winter. Irgendjemand erzählt Dir die verrücktesten Sachen, weil er sich interessant machen will. Weil er denkt, wenn er Dir sagt, alles sei dort eigentlich ganz normal, würdest Du ihn für langweilig halten und die Reise für überflüssig. Verstehen Sie, was ich meine? Wahrscheinlich war ich wieder zu langfädig. Zu kleinflockig. Ich wollte eigentlich nur auf Wiedersehen sagen, während es draussen schneit und schneit und schneit. Es hört bestimmt nicht mehr auf.

Fernes Trommeln

13. Dezember 2012

Was machen eigentlich Verteidigungsminister, so den lieben langen Tag? Sie verteidigen das Land. Und wenn gerade keiner angreift, verteidigen sie die Armee. Die Ausrüstung der Armee. Die Idee der Armee. In unserem Fall die Idee der Milizarmee. Ein Durchschnittsbürger, so konterte neulich unser Verteidigungsminister die Kritik an der Monotonie des Militärdienstes, leiste in seinem Leben etwa 10‘000 Arbeitstage. Die seien auch nicht alle spannend. Gedämpftes Gelächter im Saal. Keiner lässt sich gerne dabei ertappen, wie er über einen guten Spruch seines Gegners lacht.

Ich hätte laut gelacht und muss sagen, der Minister hat Recht. Nicht jeder Tag meines bisherigen Berufslebens war spannend. Ich hätte an vielen Tagen ebenso gut irgendwo auf Befehl in einem imaginären Bereitschaftsraum in einem Schützenpanzer sitzen und vor mich hin dösen können, darauf wartend, dass der Feind aus dem Osten endlich angreift, um mein Warten, meine Bereitschaft, meinen Schützenpanzer und die Armee zu rechtfertigen.

Aber wahrscheinlich wäre sogar dann nichts passiert, wenn ich Berufsmilitär geworden und die ganze Zeit nur den Ernstfall simuliert, beübt und erwartet hätte. Mir ist völlig klar: eine Armee ist wie ein nationaler Regenschirm. Man hat sie dabei, damit es keinen Krieg gibt. Und zwar am besten Hyundai, mit allem erdenkbaren Zubehör. Das darf dann ab und zu auch ein Bisschen monoton sein. Regen ist auch monoton. Schirme sind monoton. Alles ist monoton, wenn man es lange genug machen muss. Ewiges Warten ist wahrscheinlich vergleichsweise spannend, weil einem das, was nie kommt, nie langweilig vorkommen kann.   

Auch die Kritik an den hohen Kosten wehrte unser Verteidigungsminister locker ab. Sie perlte an ihm ab wie ein Regentropfen an einem gebohnerten Stiefel. Unsere Armee koste, rechnete er den Nörglern nüchtern vor, weniger als was Herr und Frau Schweizer für ihre Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherungen ausgebe. Einer der Journalisten wies darauf hin, er sei mit dem Fahrrad gekommen. Die anderen tippten etwas in ihr iPad (auf dem Heimweg Hustensirup kaufen).

Ich weiss nicht, was wir Schweizer insgesamt für unsere Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherungen ausgeben. Es gilt hingegen als gesicherte Erkenntnis, dass wir überversichert sind. Kann man daraus nun den Schluss ziehen, dass wir auch überverteidigt sind? Oder lag es womöglich an mir, dass nicht alle meine bisherigen Arbeitstage spannend waren? Kann ich es für die Tage, die mir noch bleiben, ändern?

Juan Ramón Jiménez hat in einem seiner Gedichte dazu geraten, man solle jedem Tag ein Geheimnis abringen, klein oder gross. Vielleicht war ich oft zu träge, um den Tagen ihre Geheimnisse abzuringen. Sie drängen sie uns ja nicht auf. Sie werfen sie uns nicht nach. Sie verstecken sie aber auch nicht alle gut. Kleine Geheimnisse legen sie wie zufällig aus, irgendwo in den Stunden, zwischen den Minuten, damit wir sie mit ein wenig Neugier und Aufmerksamkeit entdecken können. Grössere Geheimnisse kann man ihnen abringen wie einem lieben Hund, der so tut, als wolle er seinen Stock nicht hergeben. Jetzt gib endlich her, Du Tag. Gib aus!

Oft lassen wir die Geheimnisse am Wegrand liegen, weil wir tüchtig unterwegs sind durch den Tag, uns dabei aber ebenso oft tüchtig täuschen, indem wir meinen, irgendwo erwartet zu werden, wo es ohne uns nicht weitergeht. Anstatt Neues zu entdecken, fallen wir schon wieder unseren alten Irrtümern anheim, und wenn es dunkelt, sammelt der teilnahmslose Tag seine unentdeckten Geheimnisse wieder ein und verschwindet mit ihnen um die ewige Ecke der Zeit.

Nur manchmal, wenn wir wach genug sind, aufmerksam genug, sorgfältig genug, oder einfach Glück haben und über eines der Geheimnisse stolpern wie ein Kind über ein Osterei, dann bleibt es bei uns, und wir finden es wieder und wieder.

Heute lese ich zum Beispiel die Konzertkritik eines Auftritts von Stephan Eicher im Zürcher Volkshaus. Die Musiker seien, schreibt der Kritiker, nach dem letzten Lied („Disparaître“) einzeln verschwunden, indem sie den Saal durch das begeisterte Publikum verlassen und dabei wie eine Guggenmusik weitergespielt hätten. Das katapultiert mich unmittelbar ein Vierteljahrhundert zurück und ich gehe mit meinem Vater nach einem gemeinsamen Nachtessen durch das Zürcher Niederdorf, die Hände in den Taschen. Es ist Februar und beinkalt. Fastnachtszeit. Ein einsamer Trommler steht vor dem Malatesta und beginnt, als wir auf der Höhe des Lokals sind, zu trommeln. Mein Vater und ich bleiben stehen und hören ihm zu. Nach einer Weile kommt ein Musiker aus dem Lokal und gesellt sich zu ihm. Dann noch einer. Und noch einer. Er trommelt einen nach dem anderen heraus, bis seine ganze Gugge um ihn versammelt ist. Dann ziehen sie musizierend weiter.
 

 

Für dumm verschenkt

4. Dezember 2012

Heute schien die Sonne. Wenn die Sonne scheint, sieht hier gleich alles ganz anders aus. Wunderbar nämlich. Die Luft ist klar, wenn auch kaum rein, es ist kalt und eben: hell. Man  kann an solchen Tagen nicht nur alles glasklar sehen, sondern mit von der Kälte gewecktem Verstand auch das Meiste verstehen. Jedenfalls meint man das. Ein prächtiger Tag.

Nur scheint sie eben hier nicht sehr oft, die Sonne. Vor allem nicht zu dieser Jahreszeit. Gestern war alles dunkel und bedeckt, wie oft hier, sagte mir ein Einheimischer, und ich fügte dem hinzu, als ich später etwas ratlos in den düsteren Park vor meinem Bürofenster blickte: Walter, Walter – nimm Dich in Acht vor Dir. Du treibst wieder einmal gefährlich gegen das Jahresende zu. Denke daran: Die Zeit ist eine flache Scheibe, und der 31. Dezember vermutlich ein steil abfallendes Kliff, von dem man in die Fluten des Vergessens stürzt. Vielleicht ist das aber auch ein dummer Aberglaube und der letzte Tag des Jahres ist in Wirklichkeit eine Schallplattenrille mit einem Hick drin, wodurch die Nadel zurück auf den 1. Januar springt und alles beginnt wieder von vorne. Wollen wir wetten?

Jedenfalls ist der geschäftige Oktober vorüber, und auch der November, der sich wie eine lästige Tante jedes Jahr zwischen ihn und die Festtage zwängt, ist gottseidank wieder abgereist. Der Dezember ist mit seinen belanglosen Terminen nicht mehr sehr ernst gemeint. Allenthalben heidnische Lichterfester und Weihnachtsempfänge und das Ganze garniert mit ein wenig Sehnsucht im Feuilleton. Das Fernweh im Bodennebel produziert Reisebeilagen im Vierfarbendruck. Nicht, dass auf der Welt nichts Ernsthaftes oder Scheussliches mehr geschieht, keine Sorge. Immer mehr Langzeitarbeitslose und Ausgesteuerte. Vorrückende Rebellenarmeen, die sich entweder festsetzen, im Kreise der Zivilbevölkerung bombardiert werden oder unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein Staat möchte dem Vernehmen nach gerne einen andern in die Steinzeit zurückbomben. Ein anderer Staat lässt selbstgebastelte Raketen steigen wie ein kleiner, trotziger Junge. Regierungen in für Handelsbeziehungen und Investitionen vorläufig salonfähigen Staaten foltern im Hinterzimmer der Verhandlungen in aller Ruhe weiter und unsere Anleger legen weiterhin fleissig an, während Ohnmacht International einen weiteren Bericht vorlegt, der auf dem Schreibtisch der Decision Makers von sinnlosen Neujahrskarten mit eingescannter Unterschrift zugedeckt werden wird.

Menschen, die nicht über Anlagevermögen verfügen, werden derweil noch ärmer (wir hätten nicht gedacht, dass das noch geht), unsicherer und krank. Alles psychosomatisch und sowieso eingebildet. Fabrikhallen stehen leer. In anderen Ländern sind sie mit Kindern gefüllt, aber das wussten wir nicht. Rohstoffhändler brauchen im Vergleich nur ein ganz kleines Büro mit Laptop. Die Daten up in the cloud, gegen Abstürze versichert. Aber niemand in dieser Seilschaft ist wirklich in Sicherheit. Geschmeidige Finanzhaie in Massanzügen ruinieren als unfreiwillige Rächer Legionen von Anlegern und tauchen dann elegant zwischen ahnungslosen Verwaltungsräten ab, die ernüchtert auf einen Teil ihres Honorars verzichten. Das tröstet dann auch niemanden richtig. Das Sprichwort sagt es schön: Springt ein Reicher von der Brücke, gereicht‘s dem Penner nicht zum Glücke. 

Was tun? Am besten schaut man sich am Abend alte Filme an. Zwei Menschen, die einander versprechen, dahin, wo sie sich im Augenblick gerade befinden, nie wieder zurückzukehren, weil es nie wieder so schön werden kann, wie es gerade ist. Oder ein biederes Paar in den 50er Jahren, das sich grundlos betrügt und erst recht liebt. Das ganze schwarz-weiss und trotzdem mir nicht ganz klar. Dazwischen ein umgekippter Bus, der wie ein Fetzen aus einer Nachrichtensendung auftaucht (hat jemand umgeschaltet?) und überhaupt keinen Sinn macht, auch auf Japanisch nicht.

Und was schenken wir einander diesmal zu Weihnachten? Noch mehr Bücher? Weil wir ohnehin schon zu viele davon haben und es auf ein paar Titel mehr, die wir nie lesen werden, nicht mehr ankommt? Bücher fallen zwar beim Umzug ins Gewicht, aber sie wiegen zwischen den Umzügen nicht schwer. Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, habe ich zweimal gelesen, ohne mein Leben zu ändern.

Natürlich versuchen wir, für jede Person passende Bücher auszuwählen. Auch das, was wir liegen lassen, sollte zu uns passen. Einem guten Freund hätte ich zum Beispiel gerne „Goethes gesammelte Tippfehler“ geschenkt, aber das Buch existiert nicht einmal vergriffen. Stunden im Antiquariat vergeblich mit meiner Stauballergie gerungen. Wahrscheinlich aus dem simplen Grund, dass sich Goethe nie vertippt hat. Der konnte das gar nicht. Das weiss ich, ohne ihn gelesen zu haben. Weil er schon ein paar Jahre tot war, als der erste Text auf einer Maschine aus Holz getippt und bald darauf der Tippfehler erfunden wurde.

Ich nehme an, sogar der grosse Goethe hat sich ab und zu verschrieben oder versprochen, aber vertippen lag schlicht nicht drin, womit ihm auch das oft vergnügliche und inspirierende Lesen von Tippfehlern anderer vergönnt blieb. Johann Wolfgang von Goethe was a German writer, artist, and politician, who never committed a typo.

Tut mir leid, Johann Wolfganz, da hast Du eine wunderbare Dimension verpasst. Und das sage ich nicht nur so leicht dahin. Das ist eine Tastsache. Aber lassen wir das. Ist heute eigentlich kein Thema mehr. Alles korrekt hier. Jedes Textprogramm kann das korrigieren. Vieles ist heute kein Problem mehr, bei den uns zur Verfügung gestellten unbegrenzten Möglichkeiten.

Wenn ich zum Beispiel vor der Erfindung des Internets in der NZZ gelesen hätte, Thomas Minder (Schaffhausen, parteilos) habe per Motion gefordert, die Sitzzuteilung bei den Nationalratswahlen nach dem doppelten Pukelsheim vorzunehmen, hätte ich annehmen müssen, ich, Walter Haffner (Riga, clueless), sei ungebildet oder man wolle mich für dumm verkaufen.

Heute google ich das und treffe sofort auf Friedrich Pukelsheim, einen Mathematiker, den ich nachher wieder vergessen darf. Google ist fantastisch. Und völlig umsonst. Man kann sich mit dem Geld, das man früher für ein Konversationslexikon in 24 Bänden ausgegeben hätte, ein schön furniertes Büchergestell bequem nachhause liefern lassen. Zuhause angekommen ohne am unterwegs veralteten Lexikon schwer getragen zu haben, merkt man dann, dass man das Büchergestell auch nicht mehr braucht. Wirklich, wir leben in wunderbaren Zeiten. The world wide web. The information cloud. Die ganzen schönen Daten über und für uns. Das Misstrauen gegenüber den Systemen schenken wir uns. Weihnachten hin oder her. Uns führt so leicht keiner mehr hinter das Licht. Dafür sind wir zu gut informiert. Heute muss sich keiner mehr für dumm verkaufen lassen. Und schon gar nicht umsonst.

Lange gebraucht

9. November 2012

Auch Schubert habe, hörte ich bei einem Besuch in der Schweiz eine Frauenstimme im Radio sagen, als ich gerade die Küche betrat, um eine Tasse Kaffee zuzubereiten, lange gebraucht. Ich weiss nicht wofür, weil ich die Küche wieder verliess und die Sendung nicht weiter verfolgte, aber es wundert mich nicht, bei mehr als 700 Liedern.

Die zunehmende Unvereinbarkeit seiner Lehrerstelle mit dem Komponieren und seine zahlreichen Versuche, sich als Komponist zu etablieren, haben ihm Mühe bereitet. Er hätte bestimmt Allergien entwickelt, wäre das damals schon üblich gewesen. Die Musik-Verlage wollten seine Werke partout nicht. Goethe soll ihn verschmäht haben. Ludwig van Beethoven liess ihn, jung verstorben, nicht lange neben sich liegen. Robert Frank hat ihn nie fotografiert. Was immer es war, wofür er offenbar lange gebraucht hat, er hatte wenig Zeit dafür.

Vielleicht habe ich mich auch verhört, als ich in die Küche trat und sie gleich wieder verliess. Möglicherweise war es Schuman, nicht Schubert, der lange gebraucht hat. Und vielleicht war es die Stimme eines Mannes, nicht einer Frau, die durch das offene Fenster zu hören war, denn da war kein Radio, wem auch immer die Küche gehörte. Dann wäre es allerdings Frühling gewesen und schade, dass ich nicht selber draussen war. Wenn es tatsächlich Schuman war, hätte mich das an eine Passage auf dem Pink Floyd Album „The Wall“ erinnert, wo man beim Intro eines Songs jemanden in einen leeren Raum hinein fragen hört „…Schumann?“

Mich mit Gewissheit an etwas zu erinnern, fällt mir zunehmend schwer. Kann ich mich noch auf mich verlassen? Womöglich erfinde ich das alles gerade, und lege es mir dann als Erinnerung zurecht, weil ich es schlecht ertrage, dass mir die Vergangenheit abhanden kommt. Bald kann jede und jeder im Zusammenhang mit mir irgendetwas behaupten, und ich frage dann nur: „Wirklich ich?“, kann aber nicht widersprechen.  

Vielleicht war es weder Schubert noch Schumann und es war auch nicht Vormittag, sondern die traumschwere Zeit nach dem Mittagessen. Ich trat gar nicht in die Küche, wo jemand (wer hätte das sein sollen?) das Radio angemacht hätte und dann das Haus verliess, ohne es vorher auszuschalten, sondern ich lag die ganze Zeit wie ein Mehlsack im oberen Stockwerk auf einem schwarzen Sofa und döste vor mich hin, weil ich zu viel gegessen und keinen eigenen Hausschlüssel hatte. Wann kommen die bloss nach Hause? Oder sind sie schon wieder da und haben mich nur nicht geweckt? Und wieso haben sie so lange gebraucht?

Die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen

8. November 2012

Es habe Robert Musil, so las ich heute in einem Zeitungsartikel, inklusiv Vorgespräche mit seiner Frau einmal einen ganzen Tag gekostet, um dreiseitige Briefkonzepte zu entwerfen mit dem Ziel, sie gegen Vorwürfe zu verteidigen. Zeit, die ihm, so kommentierte der Verfasser des Artikels diese Berechnung, für den „Mann ohne Eigenschaften“ fehlte.

Ich sass über Mittag in einem Café in Riga und ass ein Sandwich, als ich den ansonsten interessanten Artikel über Musil und sein fotografisch dokumentiertes Auftauchen in einem Gerichtssaal in Berlin las. Ich stolperte buchstäblich über diesen blödsinnigen Satz und war froh, dass ich schon sass, weil ich sonst garantiert hingefallen wäre, mein Kaffee über den Boden verteilt (ich staune immer wieder über die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen) und mein Sandwich im von draussen hereingetragenen Dreck, denn es regnete.   

Musil hätte sich, so stand weiter oben im Artikel geschrieben, bei Angriffen auf seine Frau wie ein Ritter für seine Dame geschlagen. Na gut. Das lassen wir als Eigenschaft durchgehen. Ritterlichkeit. Sich vor seine Frau stellen und sie verteidigen gegen die Welt. Schön. Das erwarten wir im Rahmen einer Partnerschaft sogar heute noch so, wo die Frau selbst ihren Mann stellt.

Was aufstösst und was, wie ich vermute, auch Musil aufgestossen wäre, aber ich bin nicht sein Biograf, ist die Verrechnung der Zeit eines Schriftstellers. Wie viel besser wäre Anna Karenina geworden, wenn Tolstoy die einzelnen Kapitel noch einmal sorgfältig überarbeitet hätte, bevor er sie der Zeitschrift „Der Russische Bote“ zur Veröffentlichung übergab, anstatt zwischen 1873 und 1877 hochgerechnet jeden Winter rund 12 Stunden (einen ganzen halben Tag!) damit zu vergeuden, sich die tropfende Nase abzuwischen? Es kümmert doch heute keine Sau, lieber Leo, wie das womöglich ausgesehen hätte, wenn Deine Rotze dauernd auf Deinen Mantel getropft wäre. Es geht um Dein Werk. Alles andere hättest Du Dir schenken können. Hörst Du mir überhaupt zu?

Oder Günter Eich. Du meine Güte. Wie unheimlich knapp und genial verdichtet wären seine Gedichte, hätte er darauf verzichtet, immer wieder mit Ilse Aichinger zu plaudern? Und wie gewaltig erst würde ihr eigenes Werk heute nachwirken, wenn sie ihn, wenn er sie wieder einmal tratschend versäumen wollte, konsequent ausgebremst hätte („Halt die Klappe, Gü! Mach erst mal Dein Werk fertig.“).

Man stelle sich für einen kurzen Moment die Weltliteratur vor, wenn sich unsere Lieblingsschriftsteller auf ihr Werk konzentriert hätten, anstatt auf das Leben. Alles, was uns jetzt schon begeistert, obwohl die sich dauernd ablenken liessen, diese hochbegabten Trottel, wäre noch einmal unheimlich viel tiefsinniger, spannender, poetischer und – gerade jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte länger werden, ein wichtiger Aspekt – umfangreicher geworden. Nur schon die Leiden des jungen Zoowärters in 24 Bänden. Einfach Fabelhaft. Ich könnte mir weitere Beispiele vorstellen, aber ich muss hier aufhören, denn auch ich vergeude meine Zeit, obwohl ich nicht wirklich weiss, was ich sonst mit ihr anfangen sollte.

 

Abgemacht!

5. Oktober 2012

(Zur Möglichkeit einer Besuchsreise an braufreien Tagen – an Stelle eines Leserbriefes)

Sehr geehrter Herr Hermann,
ich habe Ihren Artikel über die Lemken mit Begeisterung gelesen, und ich bin kein Mensch, der sich billig begeistern lässt. Was für ein Volk, das Kräuterstaub auf seinen Bierschaum streut und auf den Boden des Bierglases ein Schnapsgläschen stellt. Ich wusste sofort, dass ich Ihnen schreiben würde, um Ihnen spontan zu gratulieren für diesen gelungenen Artikel, mehr noch für dieses fast verschwundene Volk, das Sie uns in Erinnerung rufen, obwohl wir es nie vergessen haben. Wir haben ganz einfach nie etwas davon gewusst. Ich jedenfalls nicht. Vielleicht konnte es deshalb fast ganz verschwinden. Lässt sich diese bedauerliche Entwicklung noch aufhalten?

Lieber Herr Hermann,
leider verfüge ich nicht über Ihre Anschrift, weshalb ich mich an Ihre Zeitung wenden muss, wobei ich Ihnen versichern möchte, dass ich sonst nie Leserbriefe schreibe. Es ist nicht meine Art. Ich lese sie auch kaum und als ich es vor vielen Jahren einmal tat (ich war in den Ferien auf einer kleinen Insel ohne Druckerschwärze), weil es buchstäblich nichts anderes zu lesen gab, habe ich mich gefragt, ernsthaft gefragt, ob ausser mir dieses eine Mal in den Ferien überhaupt je jemand Leserbriefe liest, die er nicht selber geschrieben hat. Am ehesten hätte ich dies vielleicht meiner Mutter zugetraut, die selber ab und zu Leserbriefe schrieb (ich habe sie aufbewahrt und kann sie Ihnen bei Gelegenheit und einem Glas lemkischem Bier einmal zeigen).
Meine Mutter kümmerte sich um das, was in ihrer nahen Umgebung vor sich ging, sie nahm Anteil daran, und wenn sie das Gefühl hatte, sich dazu äussern zu müssen, weil es sich ihrer Ansicht nach in die falsche Richtung entwickelte und weil sie etwas Vernünftiges dazu zu sagen hatte, tat sie es. Mein Vater funktionierte anders. Er las über die ganze Welt und ärgerte sich in unserer Wohnung. Er hätte nie einen Leserbrief geschrieben. Das lemkische Bier hingegen hätte er probiert. Und er hätte nachgeschaut, wo Krynica-Zdroj liegt. In einem sperrigen Atlas, denn damals gab es noch kein Internet.

Lieber Herr Hermann,
am meisten fasziniert, ich gebe es zu, hat mich das von Ihnen erwähnte Unterscheidungsmerkmal, dass sich nämlich die Bojken, ein anderes in ihrem Artikel urplötzlich auftauchendes fast verschwundenes Volk, von den Lemken nach dem Wort für „weil“ unterscheiden lassen, welches auf Lemkisch „lem“ und auf Bojkisch „bo je“ lautet. Das ist so gut, dass es erfunden sein könnte.

Man möchte am liebsten gleich Ferien eingeben und zunächst in die polnischen Beskiden fahren und danach in die Ostkarpaten. Oder umgekehrt oder gleichzeitig. Ich bin mit der dortigen Geografie nicht vertraut. Leider geht das aber im Moment nicht, und ich befürchte, weil ich mich kenne, dass ich es nicht schaffen werde, irgendwann hinzufahren, um selber nachzusehen, was los ist. Ich werde mir nicht einmal Mühe geben, eine Ausrede zu finden. Ich werde mich einfach mit anderen Dingen beschäftigen lassen. Vielleicht mit einem anderen Artikel in der Rubrik „Aufgefallen“, der mich kurz faszinieren wird. Dann werde ich ihn wieder vergessen, wie die von Ihnen erwähnten beiden Völker. Trotzdem reut es mich im Moment noch, dass es nicht klappen wird. Können Sie mir die Lemken vielleicht irgendwann an ihren braufreien Tagen auf einen Kaffee herschicken? Viele können es ja nicht mehr sein. Reicht ein bequemer Reisebus? Selbstverständlich sind mir die Bojken auch willkommen. Ich ändere schon mal das Asylgesetz, falls sie ein wenig länger bleiben wollten, und mach den Kaffeetisch frei.

Die brauchen das Pferd

3. Oktober 2012

(Anmerkungen eines gross gewordenen Kindes zu St. Martins Mantel)

Auf der Schweizer 100-Franken-Banknote, welche 1957, im Jahr vor meiner Geburt, in Umlauf gesetzt wurde, zerschneidet St. Martin mit ritterlicher Geste seinen Mantel, um ihn mit einem an einer Felswand angelehnten, halbnackten Bettler zu teilen, der in so fürchterlichem Zustand dargestellt ist, dass es für den Betrachter unklar ist, ob er überhaupt noch lebt, und ob die Hälfte von St. Martins Mantel nicht viel eher dazu dienen wird, seinen Leichnam zu bedecken, als seinen ausgemergelten Körper zu wärmen.

Als Kind hat mich diese Banknote, obwohl ich sie des hohen Betrages wegen, der damals noch etwas wert war, nicht allzu oft sah, fasziniert. „Was macht dieser Ritter da?“ Habe ich meine Mutter gefragt, als ich die Banknote zum ersten Mal sah. Und sie hat mir erklärt, dass er seinen Mantel zerschneide, um die Hälfte davon dem Bettler zu geben, der nichts zum Anziehen hat. Das hat mir Eindruck gemacht. Ich mochte wie jeder Junge Ritter mit Schwert und Rüstung, aber ich war bis dahin noch keinem begegnet, der unter einem blassen Mond seinen schönen Umhang zerschneidet, um die Hälfte davon weg zu geben, während sein Pferd den Kopf in die Höhe reckt und weiter möchte.

Als der alte Hundertfrankenschein neulich in einem Zeitungsartikel über die Geschichte der Schweizer Banknoten abgebildet war, hat er mich erneut in seinen Bann gezogen. Irgendwie habe ich mich augenblicklich wieder wie ein kleiner Junge gefühlt. Offenbar klappt das nicht nur mit Süssgebäck, Düften und Musik, dass wir unmittelbar in ein vergangenes Gefühl und im Sog dieses Gefühls in eine frühere Zeit versetzt werden. Es scheint auch mit dem Anblick der Reproduktion einer alten Banknote zu klappen. Auf der Suche nach der verlorenen Barmherzigkeit, von Marcel Pust (verschwundene Ausgabe, Verlag Neuerzaster & Kitsch).  

Die nicht mehr gebräuchliche Banknote beeindruckt mich noch immer. 1957, so suggeriert dem Leser des Zeitungsartikels die Bildlegende, war der mantelzerschneidende St. Martin ein typisches Motiv der Nachkriegszeit. Die vom Krieg verschonte Schweiz wird durch die Nationalbank künstlerisch überzeugend zu Solidarität und Barmherzigkeit aufgefordert. Der Krieg ist nicht nur vorbei, Leute, er hat hier nie stattgefunden. Also teilt euren Mantel, seid so gut. 

Gegen diese Aufforderung ist nichts einzuwenden. Sie ist im Gegenteil bemerkenswert, indem die barmherzige Geste nicht auf einer Briefmarke oder einem Spendenaufruf abgebildet ist, sondern auf einer Schweizer Banknote, einem Symbol für Sicherheit, Kaufkraft und nationalen Wohlstand. Sie erwischte den Besitzer so vielleicht auf dem falschen Fuss, bevor sich dieser in einem teuren, nach neuem Leder riechenden Schuh räkeln konnte.

Barmherzigkeit und Teilen sind heute, wo die oft zitierten Scheren zwischen Wohlstand und Armut so weit geöffnet sind, dass grösste Mühe hätte, wer sie zu schliessen versuchte und damit seinen Mantel zerschneiden wollte, wichtiger denn je. Wichtiger und dringender, denn der an die Felswand gelehnte Bettler wurde von der Wohlstandsgesellschaft ins Dauerkoma versetzt und der Fels hinter ihm ist hohl, kann jeder Zeit einstürzen. Beeilen wir uns also zu tun, was wir noch tun können.

Nur muss ich der Ehrlichkeit halber gleich anfügen, dass das nicht reichen wird. Die Hälfte des Mantels reicht heute nicht mehr. Auch der ganze Mantel wäre nicht genug. Die Rüstung ausziehen und das Schwert abgeben wäre ein Anfang, denn sie sind unheimlich teuer, aber auch das reicht noch nicht. Die Bedürftigen brauchen das Pferd. Das aber wollen wir ihnen nicht geben. Aus wohlbegründeter Angst, sie könnten, unserer sporadischen Barmherzigkeit überdrüssig geworden, davonreiten und nie mehr wiederkommen.

Zur Abschaffung des 1. Stockwerks

28. September 2012

Vermutlich galt das Gebäude einst als top modern, wahrscheinlich sogar als Symbol für irgendetwas: Grösse, Gewicht, Macht. Ganz sicher war es einmal neu und alles hat bei der Einweihung einigermassen funktioniert. Lange Zeit diente es als Hauptquartier der Kommunistischen Landespartei. Heute ist auf dem Treppenabsatz des dritten Stockwerks, wo sich unsere Büros befinden, eine Bodenplatte locker. Das klickende Geräusch, das sie verursacht, wenn man darauf tritt (und ich trete regelmässig darauf), ist eine Orientierungshilfe, wenn man aus dem Fahrstuhl auf den dunklen Flur tritt. Man weiss dann trotz der schlechten Sicht: man ist im richtigen Stockwerk ausgestiegen. Auch wenn es eigentlich das zweite ist, und nur als drittes angeschrieben, weil man in diesem Land kein Erdgeschoss hat. Man hat natürlich eines, wo würde man sonst ins Gebäude eintreten, aber es ist das erste Stockwerk. Ich sehe: hier müsste ich von vorne anfangen, um alles besser verständlich zu machen. Aber soviel Zeit haben wir nicht. Ich versuche eine Abkürzung.

Es gibt natürlich auch in diesem Land in jedem Gebäude ein Erdgeschoss, aber es ist für die Menschen hier das erste Stockwerk. Sie mögen nicht Treppen steigen oder Fahrstuhl fahren müssen, bevor sie im ersten Stockwerk sind. Ein Bisschen muss man ihnen schon entgegenkommen.  Wer in die höheren Stockwerke will oder muss, nimmt ein paar Stufen oder eine etwas längere Fahrzeit in Kauf und schaut den Mitfahrenden auf die Schuhe. Das erste Stockwerk aber gibt es hier umsonst. Sozusagen on the house. Man tritt vom Gehsteig her kommend ganz ohne Anstrengung in ein Gebäude und wird vom Portier begrüsst: Willkommen im ersten Stock. 

Wenn man ihn findet, meine ich. Den Portier. Denn er sitzt im Dunkeln. Man sieht ihn zuerst kaum, weil es wirklich stockdunkel ist in der Eingangshalle, auch am Tag, der auch hier ab und zu hell und licht sein kann, und weil ihn auch das fahle Licht, das von seinem Bildschirm zurückstrahlt, nicht wirklich erhellt.  Das ist wahrscheinlich Programm. Er soll die eintretenden Leute sehen, nicht umgekehrt. Trotzdem tut er mir leid. Was für ein Leben, den ganzen Tag im Dunkeln zu sitzen. Und damit übertreibe ich nicht einmal, obwohl mir dieser bedenkliche Hang auch schon nachgesagt wurde, denn für Wächter und Portiers haben sie hier die 84-Stunden-Woche beibehalten und ich sehe seit meiner Ankunft vor drei Monaten die selben drei Gesichter an der Loge. Entschuldigung: ich ahne sie. Vielleicht hat es Zwillinge im Jobsharing darunter und die Sache ist halb so schlimm, aber ich befürchte, ich habe mit meinen Befürchtungen Recht.

Das fehlende Licht sei ein Problem hier, hatten mir Kenner vor meiner Abreise aus dem Mittelmeerraum gesagt, und damit mich gemeint, vor allem im Winter. Du wirst schon sehen (oder eben nicht). Ich würde mich daran gewöhnen müssen, und es gäbe spezielle Lampen gegen Depressionen. Du mit Deiner Vorgeschichte. Ich muss ihnen schreiben: das Problem ist von grundlegender Art und nicht auf Neuankömmlinge beschränkt. Es hat nichts mit mir zu tun. Es geht hier allen so, und es scheint mir unmöglich, sich daran zu gewöhnen. Die Einheimischen tun auch nur so, als hätten sie es geschafft.

In diesem einst imposanten Gebäudekomplex zum Beispiel, in dem sich unsere Büroräumlichkeiten befinden, ist es im Treppenhaus den ganzen Tag dunkel und man kann den Portier nicht sehen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Menschen, die einander im Fahrstuhl auf die schlecht beleuchteten Schuhe schauen oder im Treppenhaus an ihren Schatten vorbeistolpern, einander nicht kennen. Nach all den Jahren, ist doch irgendwie seltsam, ist man versucht zu denken. Ich bin mir bewusst: das ist auch bei uns nicht anders, obwohl die Bürogebäude in der Schweiz sogar nachts und am Wochenende grell ausgeleuchtet sind. Damit der Securitas-Wächter kein SUVA-Fall wird.

Wir sind anders. Soviel steht fest. Sie auch. Dafür muss man nicht ins Ausland gehen. Mir ist auch klar, warum wir bei uns ein erstes Stockwerk haben. Wir wollen nichts geschenkt. Was man sich nicht erarbeitet, gehört einem nicht. Ein guter Schweizer senkt den Blick vor einem Berg, den er noch nie bestiegen hat. Jedenfalls gehörte sich das so. Etwas mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung in der Beurteilung anderer Lebensformen stünde uns ebenfalls gut an. Man kann ja das, was anders ist, auch einmal ganz einfach als etwas anderes zur Kenntnis nehmen.

Meistens finden Phänomene, die man nicht auf Anhieb versteht, später eine plausible Erklärung. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass sich hier sehr viele Restaurants, Cafés und Bars im Souterrain befinden. Man geht ein paar Treppenstufen hinab und tritt in einen Raum mit Oberlicht. Von keiner Aussicht abgelenkt kann sich der Gast ganz auf sein Essen konzentrieren, auf die Person, die er zum Essen eingeladen hat, oder auf den Sportbericht. Letzteres allerdings nur, wenn das oft nur spärlich vorhandene Licht zum Lesen ausreicht.
Ein so genutztes Tiefparterre verändert das Verständnis des ganzen Gebäudes. Das darüber liegende Geschoss wird nicht mehr als Erdgeschoss, sondern als Hochparterre wahrgenommen. Man spricht dann manchmal von halben Geschossen, wobei ich mich bei diesem Begriff stets gefragt habe, wer sich da aufhalten soll. Man will ja niemandem zu nahe treten und mit halben Personen rechnen.
So einfach ist es ja auch hier nicht. Das Erdgeschoss gilt nur dann als Hochparterre, wenn es mit der Erdoberfläche nicht ebenerdig ist. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn das Souterrain befenstert ist. Anders geht das nicht. Hat der Gast noch einen Wunsch? Nein danke, die Rechnung bitte.  Und wo ist die Toilette?

Dort angelangt, fühlt man sich dann definitiv im Keller, weil es kein Fenster hat. Womit das Lüften schwierig wird und sich nebenbei die Frage stellt,  ob man sich ganz ohne Treppen zu steigen vom Tiefparterre in den Keller bewegen kann. Das dürfte architektonisch eigentlich nicht möglich sein, obwohl es philosophisch interessant erscheint und man es praktisch gerade getan hat.

Um zum Schluss zu kommen: Ich bin noch nicht lange genug hier, um irgendetwas schlüssig beurteilen zu können. Für den Moment neige ich zur Annahme, dass die Stockwerkdiskussion den Menschen hier irgendwann zu mühsam geworden ist. Sie mochten es nicht jedem Touristen einzeln erklären und wollten auch untereinander wieder über andere Dinge sprechen, als darüber zu spekulieren, ob die Abwanderung der Jungen ins Ausland mit den unklaren Stockwerkverhältnissen und dem fehlenden Licht im Treppenhaus zu tun haben könnte. Nicht jeder will Portier werden. Sie waren dieser Diskussionen überdrüssig und haben irgendwann das 1. Stockwerk abgeschafft, um ein Zeichen zu setzen. Es reichte ganz einfach. Und es geht ja auch ohne.