Wie in einer erst heute an die Öffentlichkeit gelangten Studie des bisher auch in Fachkreisen wenig bekannten Physiologen Erwin Kelterer nachzulesen ist, liess dieser in seinem Labor in der damals grauen Vorstadt einer heute gut beleumundeten Stadt leicht südlich von Nordeuropa um die Mitte des 19. Jahrhunderts Tausende von Labortieren sterben, nur um zu beweisen, dass am Ende des Lebens der Tod einsetzt, wonach ein „Zustand des nicht mehr Lebens“ beginne, „und nicht irgend etwas anderes, wie jetzt wohl endlich allen klar sein dürfte“.
Beeinträchtigt wird das Lesevergnügen der Studie durch eine gewisse Redundanz Kelterers, der seine These wieder und wieder paraphrasiert und sie manchmal lediglich in etwas andere Worte fasst. Kelterer hat seine grauenhaften und aus heutiger Sicht völlig sinnlosen Tierversuche detailliert dokumentiert. Es ist ihm dabei offenbar stets und immer wieder um ein und dasselbe gegangen (wobei er sich oft wiederholt hat): um die nachhaltige Widerlegung der Thesen seines grossen Gegenspielers Jean-Albert de la Farce, den Kelterer, was er immer wieder betont, für einen Crétin hielt, der „dilettantisch und unseriös“ an der festgefahrenen Forschungsmeinung festhielt und diese gemäss Kelterer unreflektiert und endlos wiederholte, „anstatt sein muffliges Labor einmal gründlich durchzulüften“.
Dabei vertrat De la Farce lediglich die damals gültige Forschungsmeinung, dass die Haltung von Labortieren nur dann einen Sinn mache, wenn sie nicht mehr Futter benötigen als die Assistenten und wenn die Versuchsanordnung so gestaltet werden kann, dass ihre Todesursache klar festgestellt werden kann. Dagegen stellte Kelterer die kühne These auf, dass nach dem Ende des Lebens der Tod kommt, den er als „das Aufhören und gleichzeitig, weil die Zeit damit anhält, das Aufgehört-haben des Lebens“ beschreibt, „und nicht irgend etwas anderes, wie irgendwelche Idioten gerne nachweisen möchten.“
Kelterers Tierversuche sind aus heutiger Sicht grauenhaft und völlig sinnlos. Vor allem aber stört den modernen Leser die Redundanz seiner Argumentation, denn Kelterer wird nicht müde, seine Thesen wieder und wieder in nur leicht anderen Worten zu wiederholen, manchmal paraphrasiert er sie auch, und dazwischen tötet er wieder hunderte von Mäusen und Ratten, nur um nachzuweisen, dass bei Beendigung des Lebens der Tod einsetzt, und nicht, wie sein grosser Gegenspieler de la Farce irrtümlicherweise meine, „irgendetwas Ähnliches, nur in einer anderen Farbe.“
De la Farce hat sich zeitlebens geweigert, auf die von Kelterer gepflegte Kontroverse in irgendeiner Form einzugehen oder mit Kelterer in die wissenschaftliche Arena zu treten. „Ich duelliere mich nicht mit Halbidioten, die massenweise Labortiere abschlachten, nur um etwas zu beweisen, was ich so gar nie gesagt habe“, soll er einem seiner Assistenten gegenüber einmal geäussert haben. „Und ausserdem ist dieser Kelterer so redundant, dass er sich manchmal wiederholt. Es ist nicht zum Aushalten. Wenn ich etwas hasse, dann ist es Redundanz. Leute, die dieselben Dinge immer und immer wieder in nur leicht oder gar nicht abgeänderter Form wiederholen. Ich hasse das. Ich kann nes nicht ertragen. Es macht mich krank.“
De la Farce hat Kelterer überlebt, ohne es zu wissen. Er ist im Alter von 96 in einem Pariser Vorort an einer Kinderkrankheit gestorben. Kelterer starb wenige Jahre zuvor am Ende eines unerfüllten Forscherlebens unter nie vollständig geklärten Umständen in seinem geliebten Labor, in dem er jahrzehntelang versucht hatte, den Beweis zu erbringen, dass nach dem Leben der Tod eintritt „und nicht irgendetwas anderes, was ich schon einmal gesagt habe.“ Die Umstände seines Todes und die Inhalte seines Lebens als Forscher (er versuchte nachzuweisen, dass nach dem Leben der Tod einsetze, „und das war’s dann“) können in einer neu aufgearbeiteten Biographie von Hans-Dieter Eldereich nachgelesen werden (Kelterers Thesen und Kelterers Thesen, Edition Nonemal, Basel 2012), die mit viel Zahlen und vielen bisher unbekannten Details überzeugt, wobei hier nicht verschwiegen werden kann, das eine gewisse Redundanz des Autors das Lesevergnügen mindert. Ein etwas strafferes Lektorat hätte dem Buch gut getan. Wenn die Lektoren den Text konsequenter gekürzt hätten, wäre er jetzt leichter lesbar. Jemand hätte dem endlosen, repetitiven Gefasel viel früher ein Ende setzen müssen!
Archive for the ‘Texte’ Category
Kelterers Thesen
9. Februar 2012Das Problem mit dem Problem
20. Januar 2012Wir wurden schon so oft darüber informiert, dass wir heute nicht mehr aus Informationsmangel Mühe haben, die Dinge genügend klar zu erkennen, sondern weil uns zu viele Informationen zur Verfügung stehen, dass wir die Wichtigkeit dieser Erkenntnis jedes Mal übersehen.
Stürmische See, gelassene Reaktionen
17. Januar 2012(schlechte Nachrichten für den Mittelstand)
Bewegte Zeiten. Europa steckt in einer Krise, deren Ausmass keiner so richtig absehen will. Bisher unauffällige Volkswirtschaften (was sind schon ein paar Milliarden Staatsschulden) geraten unvermittelt in Schieflage. Andere sind schon im Sinken begriffen ohne im Sinken viel zu begreifen. Wieder andere sind im Grunde genommen bereits auf Grund gelaufen. Das Fass hatte tatsächlich keinen Boden. Das Schiff keine doppelte Wand. Kein Lack mehr auf dem Leck.
Rumms. Das ist nun also die Talsohle. Ob es jetzt wirklich nur noch aufwärts gehen kann? Kannst Du das mal googeln, Heinrich: Wie viele Meter unter Meer liegt der tiefste Punkt der Firmengeschichte? Und wenn Du schon im Netz bist: schreibt man Kapitalismus am Schluss mit zwei s oder geht es auch anders?
Rating-Agenturen stufen die Bonitäten derjenigen Länder herab, die anderen helfen sollten. Notfallmässig aufgespannte Rettungsschirme erweisen sich vor dem ersten Einsatz als untauglich, den Fall der Stürzenden zu verlangsamen. Keine sanfte Landung in Sicht. Falten Sie die Arme über den Knien und befolgen Sie die Anweisungen der Besatzung. Sollten wir dann doch unversehrt landen: Bitte Vorsicht beim Öffnen der Gepäckablagen – ihr Vermögen könnte sich verschoben haben.
Überall laute Demonstrationen am roten Teppich. Kein guter Moment für Galaveranstaltungen. Treffen wir uns bei mir? Moët & Chandon oder Veuve Clicquot? Mineralwasser mit oder ohne Kohle? Jetzt sei doch nicht gleich sauer.
Diktatoren sind abgetreten und Wahlen schief gelaufen. Oder sie stehen in grossen Ländern kurz bevor und blockieren vorläufig alles, was auch sonst nicht vorwärts kommt. Präsidentschaftskandidaten verbeissen sich in die Unterwäsche ihrer Konkurrenten. Amtsinhaber machen ganz von alleine schlechte Figur.
Verschiedenen Orts droht seit längerem Krieg, hier und dort mottet er auch schon eine ganze Weile dahin und keiner mag mehr richtig hinschauen. Für Hungersnöte oder Umweltfragen haben wir jetzt wirklich keine Zeit. Jetzt kippt auch noch ein Kreuzfahrtschiff um.
Können wir jetzt bitte endlich jemanden zur Verantwortung ziehen? Männer in feinem Tuch (und ein paar wenige Frauen) stehen im Fokus der Aufmerksamkeit. Männer mit dünnem Nervenkostüm. Männer mit gepflegtem Sitzleder. Männer mit hohen Salären. Männer mit Kapitänsmützen. Männer im Wahlkampf. Männer mit teuren Uhren. Männer mit starkem Parfüm. Männer mit Leibwächtern. Männer mit geschäftstüchtigen Frauen und attraktiven Freundinnen. Männer mit guttrainiertem Leib und klug investiertem Gut.
Schuld wird zugewiesen. Bilanzen werden gezogen. CEO’s werden ausgetauscht. Fälschungen werden aufgedeckt. Persönliches Versagen wird festgestellt. In Wirtschaft und Politik. Die einen müssen sofort zurücktreten, andere halten sich noch einen Moment im Amt (ohne Würden). Wieder andere werden, weil es terminlich gerade passt, im ordentlichen Verfahren abgewählt.
Es geht nicht mehr um die Verteilung des Wohlstands. Es geht um die Verteilung der Schulden. Es geht um die Frage, wer die Rechnung bezahlt. Müssen die, die viel mehr konsumiert haben, nicht nur viel mehr, sondern alles bezahlen? Können sie es überhaupt, auch wenn sie nicht wollen? Oder teilen wir die Rechnung und gehen nachhause, um unseren Rausch auszuschlafen? Ist er überhaupt bezahlbar? Können wir bitte mal den Wirt sprechen? Was hat er davon, wenn wir gar nicht mehr einkehren können? Nützt ihm ja auch nichts, oder? Wie heisst er überhaupt und woher kommt er? Das ist doch kein Einheimischer, mit diesem Namen.
Den einen geht es auch um Moral. Zahlungsmoral. Gier. Den anderen sofort darum, denjenigen, die mit der Moral hantieren, Spiessbürgerlichkeit vorzuwerfen. Mit der kleinkarierten Kritik an der Moral der Führungsfiguren, wirft man den Spiessern vor, lenken sie von den eigenen Unzulänglichkeiten ab. Von jahrelanger Trägheit und Faulheit. Vom angenehmen Abgeben der Verantwortung. Die sollen jetzt bloss nicht die Unschuldigen markieren, nur weil sie ihre Jobs und ihre Rente verlieren.
Und bei uns Schweizerinnen und Schweizern würde sich einmal mehr zeigen, so die ganz smarten Kolumnisten, dass wir Probleme haben mit Menschen, die aus unserer Mittelmässigkeit herausragen. Anstatt bei diesen hochbegabten Führungsfiguren grosszügig über ein paar charakterliche Schwächen hinwegzusehen, schicke man sie in die Wüste. Im dümmsten Moment. Wo die Wüste brodelt und der Himmel versandet. Wo die Dünen abwandern und die Wolken sich verquellen. Wo den Bären das Eis abhanden kommt.
Gut, rufen sie uns zu, dann wollen wir mal schauen, wer euch nachher aus dem Dreck zieht, ihr dumpfen Idioten. Das habt ihr dann davon. Von eurer Scheissmoral. Von eurem Futterneid. Am Ende werdet ihr uns wieder anflehen, das Ruder zu übernehmen. Ihr werdet uns aus der Verbannung zurückholen und die Verantwortung wieder in unsere Hände legen.
Und ich fürchte, sie haben Recht. Deshalb reagieren diese Männer in der Regel so gelassen auf unsere Anschuldigungen. Weil sie wissen, dass wir am Ende ohne sie nicht auskommen. Weil wir keine Ahnung haben, weder von den Lohntüten der Verdienstreichen noch von Immobilienblasen. Wir verstehen überhaupt nichts. Uns bleibt nur die Moral. Und die kann man nicht essen.
Vorläufig ohne Titel
3. Januar 2012Was genau passiert war, konnte keiner wirklich sagen. Aber es wollte es auch keiner wirklich wissen. Es ging stets um Grösseres und dann gleich weiter. Gut, es hatte kurz geknallt. Aber das war vermutlich ein Korken. Nachbarn hatten keine reklamiert. Warfen zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich gerade Münzen in einen Brunnen oder Freunde von einer Brücke. Es war kalt. Und nass.
Auch ich war hier wohl nicht immer ganz alleine. Immerhin sass ich auf dem Trockenen und es gab keinen Anlass, zu frieren. Das in meinem leeren Kopf nachhallende, sich von links nach rechts entfernende Klappern von Stöckelschuhen liess auf die vorübergehende Anwesenheit von Frauen schliessen. Jemand sollte das Geschirr abräumen.
Jetzt, womit ich damals meine, denn heute ist lediglich der Tag, wo ich es niederschreibe, war ich wieder oder immer noch nüchtern, und hielt eine Zeitung ohne Datum in der Hand. Die elektronische hatte ich zuvor erfolglos zu öffnen versucht. Sie wollte nicht rascheln. Ich hatte das Passwort vergessen. Klicken Sie hier. Und hier. Und hier.
Kein Mensch ausser mir in der Wohnung. Die Betten zerwühlt. Ich musste mir selber Kaffee machen und war erleichtert, als es geklappt hatte. Bald würden es zwei Jahre sein, dass ich mir das Rauchen erspare. Eine Zeitung ohne Kaffee bleibt hingegen eine Notlösung, und das Lesen ohne Zeitung schaffe ich mit Bestimmtheit nicht mehr.
Es bestünde kein Grund zur Angst der anderen Europäer vor einem zu starken Deutschland, stand in der Zeitung. Brot war keines da. Und die Weichseln-Konfitüre hatte einen ganz feinen, transparenten Schimmelüberzug. Ich hätte sie ohne Brot ohnehin nicht gegessen.
Irgendwo hatte ich einmal gelesen, Schimmel würde Krebs fördern. Oder die Bildung von Krebszellen behindern? Und wie war das damals noch mit den Sprossen des Kopfsalats? Hat das je jemand widerrufen? Es ist alles zu lange her. Ich will mir auch nicht alles merken, aus Angst, irgendwann nichts mehr zu vergessen.
Mit Bestimmtheit könnte ich nur noch sagen, dass jeder dritte Mensch irgendwann in seinem Leben Krebs hat. Das stammt aus einer zuverlässigen Werbung. Ich traue der Werbung. Sie weiss und sagt genau das, was sie will, während die Zeitungen von Inseraten leben und der Raum für Leserbriefe beschränkt ist.
Ebenso unbegründet wie die Angst vor einem allzu starken Deutschland sei das Misstrauen gegenüber der chinesischen Entwicklungshilfe, stand da noch, währen mein Kaffee unbemerkt kalt wurde. Ich glaubte, mir ungefähr vorstellen zu können, worum es ging (um Infrastrukturprojekte und Rohstoffe) und blätterte weiter, ohne den Artikel zu lesen.
In einer anderen Wohnung, in einer neueren Ausgabe derselben Zeitung und unvermittelt in einem neuen Jahr las ich dann, im Kreml arbeite man nach Jahrzehnten der altbewährten Knüppelpolitik an der Formulierung eines neuen Verhältnisses zu Demonstranten. Hingegen werde der Raum für Dissidenten in China immer enger.
Ich gebe zu, ich habe Mühe, das alles richtig einzuordnen. Wahrscheinlich weil ich die Artikel nicht gelesen habe und mich immer öfter dabei erwische, wie ich mich mit den Titeln begnüge. Die sagen ja eigentlich alles. Und ich weiss ja auch, dass es richtig und falsch nicht richtig gibt. Aber man möchte halt doch ab und zu etwas ganz verstehen.
Es ist so, dass ich zu denen gehöre, die sich Sorgen machen, wenn man uns sagt, es bestehe kein Grund zu Beunruhigung. Wenn etwas zu gross oder zu mächtig wird, scheint mir ein wenig Skepsis und Misstrauen angebracht. Vor allem dann, wenn eine Politik demonstrativ neu formuliert wird. Vergessen wir nicht: Auch die Russen waren einst Chinesen, ganz egal, ob in Afrika.
Nein. Nicht einmal ich selber kann mit dieser letzten Aussage wirklich etwas anfangen. Aber ich mag sie und ich stehe dazu. Der Text ist mir offensichtlich irgendwie entglitten und ich stelle fest, dass ich jetzt, wo er zu Ende geht, nicht einmal einen Titel finde dafür. Sonst eine Stärke von mir. Oder zumindest etwas, woran ich immer wieder Spass habe.
Sollte ich mir Sorgen machen? Waren bald 25 Jahre Diplomatie zu viel für mich? Müsste ich mir Charlie Trotter zum Vorbild nehmen, der einst die Gastronomie in Chicago revolutioniert hatte und nun, nach 25 Jahren, sein berühmtes Lokal schliesst, weil es Zeit für etwas Neues sei? Kann ich meine Botschaft schliessen, ohne die Diplomatie revolutioniert zu haben? Müsste ich Bern vorher informieren? Und was wäre nachher das Neue?
Das sind etwas viele Fragen. Wahrscheinlich brauche ich nur ein wenig Schlaf. Dann fallen mir sicher weitere Titel ein. Sprechen wir morgen darüber. Meinetwegen auch über etwas anderes. Das Jahr ist jung und die Wohnungstüre ist offen.
Das Ende der Treibjagd
17. Dezember 2011Manchmal ist es gut, wenn man sich an gewisse Dinge erinnert, auch wenn sie einem beim Erinnern dann oft eher ungewiss erscheinen. Mit dem Erinnern verhält es sich, wenn man älter wird, wie mit einem antiken Fernrohr: es ist immer noch schön anzusehen, lässt sich aber nicht mehr ganz scharf einstellen. Manchmal vergisst man zudem, noch während man das Instrument zum Auge führt, was man betrachten wollte, entdeckt aber dann etwas anderes, worüber man sich mindestens ebenso freut.
Die momentane Aufregung um das Hicks-Teilchen erinnert mich ein wenig an die Zeit, als sie noch nach dem Quark suchten. Die Suche verlief damals wohl ähnlich fieberhaft wie heute, nur hörte man einfach viel weniger davon, weil es noch kein Internet gab und die Forschungsassistenten noch nicht auf der Toilette twitterten. Früher wurde auf den Toiletten noch gelesen.
Ich habe damals lange nicht mitgekriegt, dass alle nach dem Quark suchten. Wobei ich zugeben muss, dass ich ganz allgemein nur wenig mitgekriegt habe damals, weder vom Weltgeschehen noch von den Ereignissen in Zürich, wo es offenbar Jugendunruhen gab, von denen ich erst später erfuhr. Ich war in meiner Jugend meistes alleine unruhig und hielt mich vorwiegend im Spätmittelalter und in Gedichtbüchern auf. Meine Gruppenerlebnisse beschränkten sich auf Fussballplätze. So war in meiner Welt alles bereits passiert, auf das Wesentliche zusammengekürzt oder es hatte klare Spielregeln. Ein guter Freund, der aus der real existierenden Aussenwelt zu Besuch kam, war dann eines Tages bass erstaunt darüber, als er zufällig entdeckte, dass die Quarks seelenruhig im Kühlschrank meiner Eltern sassen, die meisten mit Aprikosenaroma.
Nun scheinen die Wissenschaftler also wild entschlossen, die Existenz des Hicks-Teilchens endlich nachzuweisen. Die Wissenschaftsjournalisten sind ganz nervös und sollten vielleicht eine Weile keinen Kaffee mehr kriegen. Wenn man ihren blumigen Beschreibungen glaubt, kreisen die Forscher am CERN das Hicks-Teilchen sozusagen ein und machen den Raum, in dem es sich noch verstecken kann, immer kleiner.
Das klingt wie eine moderne Treibjagd und man möchte sofort eine NGO gründen, die sich für den Schutz von Hicks-Teilchen einsetzt. Bloss weil man noch nicht sicher ist, ob sie wirklich existieren, dürfte es nicht erlaubt sein, sie gnadenlos zu jagen.
Falls es die Hicks-Teilchen tatsächlich nicht gäbe, wäre alles halb so schlimm, auch für die Teilchenjäger. Die aufwendige und sehr kostspielige Suche wäre nicht umsonst gewesen, da die Elementarteilchenphysiker behaupten, und wer von uns Laien wagte es, ihnen zu widersprechen, mit dem Beweis für die Nichtexistenz des Hick-Teilchens ebenso gut leben zu können, wie mit dem Beweis seiner Existenz. Und den Medien ist es letzten Endes egal, worüber sie berichten.
Das ist nicht bei allen Forschungen so. Amundsen und Scott wären enttäuscht gewesen. Von ihren Schlittenhunden gar nicht zu sprechen. Zuerst diese ganze Mühsal, der Skorbut und die abgefrorenen Zehen, und dann kein einziger Nordpol?
Die Teilchenphysiker müssten lediglich das Standardmodell leicht anpassen, dann könnten sie weiter forschen. Alles also halb so wild. Irgendwann werden zukünftige Forscher ohnehin beim Gedanken kichern (und sich dabei leicht beschämt ob soviel Emotionen die Hand vor den Mund halten), dass ihre berühmten Vorgänger so dumm sein konnten, allen Ernstes anzunehmen, das Hicks-Teilchen liesse sich nur über seine Zerfallsprodukte nachweisen. Anstatt unablässig Teilchen zu beschleunigen und mit grosser Wucht aufeinander und gegen Wände prallen zulassen, hätte es vielleicht genügt, einmal über Nacht alles abzuschalten, den Securitas-Wächtern frei zu geben und ein Stück Käse neben den Beschleuniger zu legen.
Auskünfte über London und Vaclav Nedsky
14. Dezember 2011Von einem Kommentar überschwemmt, der um Auskunft über Vaclav Nedsky bat, möchte ich folgende Erklärungen abgeben:
London existiert. Ich kann es allerdings nicht beweisen. Ich war über ein Vierteljahrhundert nicht mehr dort, und seiner eigenen Erinnerung sollte man nicht ohne weiteres trauen. Dasselbe gilt übrigens für den Nordpol. Da war ich überhaupt noch nie. Vielleicht habe ich ihn aber auch vergessen, weil die Anreise so beschwerlich und der Anblick dann eher ernüchternd war und wir uns nur an Schönes erinnern.
Das MOTAL fristete lange eine kaum beachtete Existenz am Ostende meines Kleinhirns. Als ich es erfand, wurde es auf einen Schlag meinem Dutzend Blogleserinnen bekannt, und man musste die Eintrittspreise und die Öffnungszeiten festlegen.
Vaclav Nedsky hat erfolgreich gegen Google prozessiert. Deshalb kennt ihn heute kaum noch jemand. Sein Werk lässt sich nicht besichtigen (ausser in vergriffenen Katalogen, von denen ab und zu einer bei Sotheby’s auftaucht und sofort von einem anonymen japanischen Bieter für eine unglaubliche Summe ersteigert wird. Alle andern im Saal hören sofort auf zu bieten, wenn er anruft. Es ist dann aussichtslos.
Daraus erklärt sich auch die Popularität von Ausstellungen mit Nedskys Werken. Man muss jeweils gleich hinfahren, um sie sich anzuschauen, weil sie sonst bereits wieder verschwunden sind. Man kann aber auch zu spät kommen, wenn man sich beeilt. Worüber man sich dann noch lange ärgert.
Diesmal trägt man sogar zum Verschwinden bei. Ein Grund mehr, weshalb man sich überlegen muss, ob man wirklich hinfahren will. Womöglich findet man ja im sprichwörtlichen Londoner Nebel das MOTAL nicht, und wenn es ganz dumm läuft, ist London samt Nebel, Sprichwörtern, Downing Street und Finanzplatz ein schlecht gehütetes Gerücht. Womöglich stammt die Stadt aus einem Zitat von Winston Churchill und hat mittlerweile 8 Millionen Einwohner, die, weil sie sonst nichts zu tun haben, jährlich mehr neue Londoner und Londonerinnen erfinden, als sie vergessen, weshalb die Stadt wächst und wächst und wächst und immer schwerer zu vergessen ist.
Betrachten heisst verschwinden lassen
12. Dezember 2011– Vaclav Nedskys Installation „Vanishing Faces“ als spektakuläre Wiedereröffnung des MOTAL
Das Museum of Temporary Art, London hat am vergangenen Wochenende nach einem rund acht Monate dauernden Umbau seine Tore mit einer spektakulären Ausstellung wieder geöffnet. Der vom holländischen Stararchitekten Sten Hidding völlig neu gestaltete Westflügel, der mit seiner einzigartigen Bündelung des Aussenlichts auf die Exponate neue Massstäbe in der Museumsarchitektur setzen dürfte, wäre wohl für viele Besucher Grund genug gewesen, dem nasskalten Wetter der Londoner Eastside und dem Knatsch um den EURO für ein paar Stunden zu entfliehen. Die von der wachsenden Fangemeinde des Museums herbeigesehnte Wiedereröffnung mit der neusten Installation des tschechischen Malers und Installations-Künstlers Vaclav Nedsky zu feiern, erwies sich jedoch für das zu Unrecht im Schatten anderer grosser Londoner Museen stehende MOTAL als absoluter Glücksgriff.
Neben dem handverlesenen Kreis illustrer Gäste aus aller Welt (der Schauspieler Ben Styler, die Schriftstellerin Melissa Willows, die Kunstmäzene David und Frank Martinson – um hier nur einige wenige zu nennen) strömten Londoner und Touristen von der Insel und vom Festland gleich in Scharen ins Museum und schenkten dem Anlass somit die Beachtung und den Rahmen, den er zweifellos verdiente.
Arthur Bellinger, langjähriger künstlerischer Direktor des MOTAL, sprach von einem in jeder Hinsicht einmaligen Ereignis in der Geschichte des traditionsreichen Museums. „Wir sind überwältigt von der Reaktion des Publikums. Es ist der schönste Lohn für die grosse Arbeit, die unser Team unter nicht immer einfachen Bedingungen in den vergangenen Monaten geleistet hat.“ Mit den nicht immer einfachen Bedingungen spielte Bellinger auf Ungereimtheiten bei der Finanzierung des Umbaus an, die die Londoner Steuerfahnder auf den Plan gerufen hatten und zwischenzeitlich sogar die Schliessung des renommierten Hauses befürchten liessen. Nun scheint das MOTAL wieder auf sicherem Grund zu stehen und in neuem Glanz zu dem zurückgekehrt zu sein, wofür es vor rund 40 Jahren konzipiert worden ist: der Beschäftigung mit temporärer Kunst.
Vaclav Nedsky setzte mit seiner neuen Installation „Vanishing Faces“ ein weiteres Highlight in seinem an Höhepunkten reichen Schaffen und festigte so seinen Ruf als einer der wohl originellsten und begabtesten Künstler der Gegenwart. Jedes seiner 24 grossflächigen Frauen-Portraits zieht den Betrachter mit seiner Intensität sofort in seinen Bann. Das ganz Besondere an der Installation ist aber ihre Vergänglichkeit.
Die 24 Portraits befinden sich – eines pro Raum – jedes in einer Art separatem Rollladenkasten. Wer ein Bild betrachten will, muss einen Knopf drücken. Der durch den Knopf ausgelöste Mechanismus lässt aber nicht nur den Rollladen hochfahren und gibt so – für gerade einmal 10 Minuten – den Blick auf das Portrait frei, er setzt beim Runterfahren des Rollladens auch einen automatisierten Spray-Prozess in Gang, der das Portrait mit einem extrem dünnen Film halbtransparenter, weisser Farbe überzieht. Die Portraits werden so nach jeder Betrachtung leicht aufgehellt, bis sie – nach ungefähr 10‘000 Betrachtungen – ganz verschwunden sein werden. Der letzte Besucher hat dann sozusagen wieder eine weisse Leinwand vor Augen. Eine Vorstellung, die in der Tat gewöhnungsbedürftig ist.
Viele Besucher gaben denn auch spontan ihrem Bedauern darüber Ausdruck, dass die wunderbaren Portraits tatsächlich verschwinden werden, und in der Presse wurden bereits erste Kritiker-Stimmen laut, die dafür plädieren, den Blick auf die Kunstwerke streng zu limitieren, um sie möglichst lange zu erhalten. Für wen? – möchte man gleich zurückfragen. Und wer würde darüber bestimmen, wer die Bilder betrachten darf und wer nicht? Sind wir weniger Wert als jene, die nach uns kommen? Haben wir andererseits das Recht, Schönes unwiederbringlich wegzuschauen?
„Vanishing Faces“ ist auf jeden Fall eine Reise nach London wert. Nicht zuletzt deshalb, weil einem die geniale Installation in letzter Konsequenz die Interdependenz von Kunstwerk und Betrachter vor Augen führt. Der Betrachter ist nicht nur ein Teil des Kunstwerks, das ohne ihn keines wäre. Die Installation lässt auch den Schluss zu, dass die Unterscheidung zwischen temporärer und sogenannt ewiger Kunst letztlich ein Konstrukt ist, das sich bei genauerem Hinschauen als unhaltbar erweist.
Nedsky selber hütet sich wie immer davor, sich explizit zum Sinn seiner Installation zu äussern. In einem sehr kurzen Text im schön gestalteten Ausstellungskatalog, der bei Schooster & Schooster in einer auf 2000 Exemplare limitierten Ausgabe erschienen ist, schreibt er lediglich, „Man wird nun sehen, was noch zu sehen sein wird, wenn man nichts mehr sieht.“
Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass der Katalog trotz seines unbescheidenen Preises von £ 250 wohl sehr rasch zum gesuchten Sammlerobjekt werden dürfte. Die Ausstellung im MOTAL ist noch bis Ende Februar zu sehen – falls die Exponate, was zu befürchten ist, nicht schon viel früher durch die Augen der Betrachter zum Verschwinden gebracht werden.
Dmitris Schneider
5. Dezember 2011(ein fiktives Gespräch)
Es ist schwierig zu sagen, warum das so ist. Aber es ist so. Jeder kann es sehen. Dmitris Anzüge sitzen zwar, sie sitzen sogar ausgezeichnet, aber genau das ist das Problem. Sie sitzen ihm zu gut. Sie sind für seine Figur unvorteilhaft geschnitten. Und es ist nicht, weil er eine unvorteilhafte Figur hätte. Niemand hat eine unvorteilhafte Figur. Jemand, der das behauptet, hat die Schöpfung nicht begriffen oder keinen Respekt davor. Vielleicht ist er etwas klein geraten, Dmitri, mag sein, jedenfalls wirkt er klein, obwohl er nicht kleiner ist als Wladimir, eher grösser, aber Wladimir wirkt grösser. Er kommt ja auch immer wie sein Ziehvater daher, obwohl er das als eine haltlose Behauptung von sich weisen würde, und Dmitri wirkt dann neben ihm wie eine Figur, die Wladimir in seiner Freizeit beim Fischen geschnitzt hat – etwas ungelenk. Vielleicht hatte er kalte Hände.
Aber es liegt nicht an ihm, glauben Sie mir, an Dmitri meine ich, wenn er manchmal etwas steif und ungelenk wirkt. Es liegt einzig und allein am Schnittmuster seiner Anzüge und damit an seinem Schneider. Dmitri hat offensichtlich, jeder kann das sehen, der ein klein wenig etwas vom Geschäft versteht, einen unfähigen Schneider. Und so etwas sollte es nicht geben. Wenn es sich jemand leisten kann, seine Anzüge bei einem Schneider anfertigen zu lassen, sollte es ein guter Schneider sein. Schlechte Anzüge kann man von der Stange kaufen. Wenn ich Dmitris Schneider wäre, hätte ich ihn jedenfalls anders beraten.
„Sie wollen also, Herr Präsident, dass ich Ihnen ihre Anzüge so zuschneide, dass sie ihre breiten Schultern und die V-Form ihres Oberkörpers betonen? Ich verstehe. Und natürlich kann ich das, Herr Präsident, ich bin Ihr Schneider. Ich kann alles, was Sie von mir verlangen. Ich bin aber nicht nur ihr Schneider, Dmitri, ich bin auch ihr Freund. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, wenn Sie erlauben. Ich bin Ihnen treu ergeben.
Habe ich mich nicht geweigert, damals, Wladimir seine Anzüge zu schneidern, als er mich fragte? Habe ich ihm nicht gesagt, es tut mir Leid, Herr Ministerpräsident, aber ich bin Dmitris Schneider, ich kann nicht zwei Herren dienen. Ich schätze es sehr, und es ehrt meine Arbeit, dass sie mich anfragen, aber ich kann nicht ihr Schneider sein. Beim besten Willen nicht. Wäre ich ein Hutmacher, würde ich vielleicht ja sagen, aber ich bin kein Hutmacher. Ich bin ein Schneider. Dmitris Schneider. Auf Wiedersehen, Wladimir. Es tut mir Leid.
Ich bin Ihnen treu ergeben, Dmitri. Ich habe Wladimir damals abgewiesen, obwohl er bestimmt ein sehr guter Kunde geworden wäre. Ein vorzüglicher Kunde. Er hat eine sehr einfache Figur. Unter Schneidern nennt man es eine Stangenfigur. Man kann alte Schnittmuster verwenden. Ich habe ihm die Adresse eines mir bekannten Schneiders gegeben. Ich kann nicht sagen ein Freund, aber jemand, den ich von früher kannte und um den es gerade finanziell nicht gut bestellt war. Seine Frau hatte ihn verlassen und er gab sich dem Alkohol hin. Aber Wladimir würde er schaffen. Eine Stangenfigur kriegt ein solider Schneider auch leicht alkoholisiert auf die Reihe. Ich habe Wladimir abgewiesen. Ihretwegen, Dmitri. Der einzige Tipp, den ich ihm gab, weil er unzufrieden war mit seinem Erscheinungsbild, und weil er mich bat, ihm wenigstens ein paar Ratschläge zu geben, war, dass ich ihm riet, in seiner Freizeit Rollkragenpullover zu tragen. Das war alles, wozu ich ihm geraten habe.
Ich habe das nicht überprüft, Dmitri, denn Wladimir interessiert mich nicht, ich bin nicht sein Schneider, aber man trägt mir zu, er werde seither oft mit Rollkragenpullovern fotografiert.
Wie bitte? Nein, Ihnen kann ich Rollkragenpullover nicht empfehlen, Dmitri. Ich muss Ihnen im Gegenteil davon abraten. Ich rate Ihnen auch ganz dringend von Anzügen ab, die in ihrem Schnitt ihre Taille betonen und dann eng anliegend zu ihren Schultern hoch in die Breite gehen. So etwas steht Ihnen nicht. Wenn ich tue, was Sie von mir verlangen, erweise ich Ihnen einen schlechten Dienst. Man erweist einem Freund keinen schlechten Dienst.
Ihr Kopf ist zu gross, Dmitri. Es ist ein schöner Kopf und es ist an sich kein Problem, dass er so gross ist. Überhaupt nicht. Nur ist ihre Haltung, wenn ich das als Ihr Schneider so sagen darf, manchmal ein wenig steif, und ihr Gang tendiert dazu, leicht hölzern zu wirken. Sagen Sie jetzt noch nichts, bitte, lassen Sie mich zuerst ausreden. Danach werde ich schweigen und ihre Anzüge nach Ihren Wünschen zuschneiden, ich verspreche es.
Für jemanden wie Sie, Dmitri, ist ein Jackett, das unter der Achsel gerade bis über die Hüfte fällt, wesentlich vorteilhafter. Und wenn wir dann die Hosenbeine noch etwas weiter machen, wirken sie kompakt und geschmeidig und ihr Kopf hat die richtigen Proportionen. Ich weiss, was Sie jetzt sagen wollen, Dmitri Anatoljewitsch: ihr Kopf hat jetzt schon die richtigen Dimensionen. Natürlich hat er das. Und ich habe auch nie das Wort Marionette in den Mund genommen. Ich habe geschnitzt gesagt, ja, aber Marionette? Ich bitte Sie, Dmitri. Ich bin ihr Freund.
Wenn ich mir erlaube, Sie bezüglich Schnittmustern für ihre Anzüge zu beraten, dann nur deshalb, weil ich mir um Ihr Aus- und Ansehen ernsthafte Sorgen mache. Es ist richtig und wichtig, dass unser stolzes Land eine eigenständige Politik führt, und ich bin der erste, der für unser Recht darauf einsteht. Ich bin ein Patriot, Dmitri. Ich liebe unser Land. Ich liebe es ebenso wie Sie, und ich bin dankbar dafür, dass Menschen wie Sie unsere Geschicke leiten. Gute Menschen. Fähige Menschen. Auch Wladimir ist gut für unser Land, auch wenn sich sein Schneider nie davon erholt hat, dass ihn seine Frau verlassen hat.
Ich schlafe ruhig, Dmitri, seit Wladimir und Sie am Ruder sind. Ich schlafe gut und erwache nur ganz selten mit einem unguten Gefühl im Magen. Mitten in der Nacht, obwohl ich vor dem zu Bett gehen nur eine leichte Mahlzeit zu mir genommen hatte. Es ist absurd. Dann gehe ich hinunter in mein Atelier und schaue mir alte Schnittmuster an. Sie sind zum Teil beschädigt, angerissen und zerknittert (es ist dünnes Papier), und alle sind leicht vergilbt.
Wenn ich mir dann vorstelle, wie wichtige Persönlichkeiten wie Sie, Dmitri, in den Anzügen, die auf der Grundlage dieser leicht zerstörbaren Papiere entstanden sind, Entscheidungen getroffen und Verträge unterzeichnet haben, wie sie immer wieder ihr Veto im Sicherheitsrat eingelegt oder erfolgreich damit gedroht haben, dann ist das eindrücklich, Dmitri, für einen einfachen Schneider wie mich, der nichts von der hohen Politik versteht, und es ergreift mich so etwas wie Ehrfurcht. Ehrfurcht und Dankbarkeit, dass ich Ihr Schneider sein darf. Das ist ein gutes Gefühl. Und besser, viel besser, glauben Sie mir, als noch ein Glas zu trinken, bevor man sich wieder schlafen legt.
Und jetzt sagen Sie mir, was sie für Anzüge wollen, Dmitri. Sagen Sie es mir. In die Taille geschnitten? Wie Sie wollen. Über die Hüften fallend und die Hosenbeine etwas weiter geschnitten? Auch gut. Sie treffen die Entscheidung, Dmitri. Sie sind der Präsident. Ich bin Ihr Schneider.“
Unser Problem
18. November 2011Unser Problem ist, dass wir uns einbilden, wie hätten etwas Besseres zu tun. Und dann sind wichtige Menschen plötzlich fort, verstorben oder abgereist, und ein Strand muss geschlossen werden, weil der Sand über Nacht eine Allergie auf das Meer entwickelt hat.
Auf Luftaufnahmen, die man uns jetzt vorlegt, wirkt der Ausschlag wie farbige Strandtücher. Hier und dort ein paar Beulen, die an Umziehkabinen erinnern. Wir sind konsterniert. Wir hätten es kommen sehen müssen.
Es tut fast etwas weh. Wir bedauern uns, husten ein paar Nächte durch und gehen dann zum Arzt. Die Diagnose ist einfach, das Rezept rasch geschrieben. Zweimal pro Tag: einmal den Sonnenaufgang, einmal den Sonnenuntergang. Wenn in zwanzig Jahren keine Besserung eintritt, rufen Sie mich an. Oder wechseln Sie die Krankenkasse.
Nun aber weiter im Takt. Auch ohne eigenen Rhythmus. Hauptsache vorwärts irgendwohin wird das führen. Jetzt bloss kein Gedicht schreiben. Häufige Poesie entwickelt Resistenzen. Das fehlte gerade noch.
Lass mich diesen Eintrag sachlich beenden die Zeilen fast voll geschrieben und die Interpunktion noch beinahe korrekt.
Merksatz für Manager
14. November 2011Wer sich nicht entschuldigen kann, sollte keine Entscheidungen treffen.
