Archive for the ‘Texte’ Category

Zio Matteo

16. Mai 2016

(Ben Dettis letzter Fall)

1. Kapitel: Die Suche beginnt

Er hiess Giaccomo Orsini, aber alle nannten ihn Nick. Erst Jahrzehnte später fand ich per Zufall heraus, dass sein richtiger Name Nicola Spadolino war. Hatten es die andern die ganze Zeit gewusst, oder war es in einem Milieu, in dem Spitznamen die Regel und Dumpfbacken die Ausnahme waren, ein purer Zufall, dass sie ihn beim richtigen Namen nannten? Und wieso haute er mir jedes Mal eine runter, wenn ich ihn in Gesellschaft Zio Matteo nannte?

Erzürnte es ihn, dass ich ihn in meiner jugendlichen Unschuld bei seinem Taufnamen nannte, auf den ich irgendwo in den alten Papieren auf seinem Estrich gestossen war, als ich die alten Ausgaben des Playboy suchte? Oder müsste ich eher sagen, bei dem Namen, den seine Eltern damals in der kleinen Kirche in Reggio di Calabrese dem Priester und den Taufpaten aufbanden wie einen ranzigen Bären?

Wer versuchte damals mit allen Mitteln etwas zu verheimlichen und verstecken, und vor wem? Und auch wenn seine Eltern bei allem, was ich über sie weiss (eigentlich nichts) einfache, ungebildete Menschen waren, die jeden Sonntag an der Kirche vorbeigingen: mussten nicht sogar sie sich bewusst gewesen sein, dass wer andern in die Grube kackt, … na Sie wissen schon.

Wenn ich durch meine Notizen gehe, fällt mir jedes Mal auf, und zwar so, wie der Esel dem Maulpferd auffällt: zu viele Sprichworte und Redensarten, zu viele Phrasen und Formeln, die am Ende überhaupt nichts aussagen, womit irgendjemand irgendetwas anfangen könnte, ausser der Lateinlehrer von Giulio vielleicht, mit dem ich als Knirps Fussball spielte, bis er sich einen offenen Beinbruch einfing und aufhören musste. Als er nach einer langen Zeit der Rehabilitation endlich wieder gehen konnte, fand er eine neue Stelle als Deutschlehrer in einem Gymnasium im Piemont.

Wie dem auch sei. Wenn ich diese Zeilen noch einmal lese, was ich gerade getan habe, denn ich lese meine Zeilen immer wieder, um sicherzustellen, das mir nichts entgangen ist, dann wird mir sofort klar (und das auch nicht zum ersten Mal): Zu viele leere Floskeln und zu viele Zufälle für meinen Geschmack.

In den Sechzigerjahren, denn damals fand das, wovon ich hier schreibe, alles statt (ausser da, wo ich in die Gegenwart springe, die aus damaliger Sicht die Zukunft gewesen wäre, wenn Onkel Matteo ihr nicht erlaubt hätte, sich seinetwegen zum Teufel zu scheren) machte ich mir noch keine solchen Gedanken. Ich hatte meinen ausgeprägten Sinn für das Unauffällige und meinen heute von der halben Unterwelt gefürchteten Instinkt noch nicht entwickelt. Ich war ein Junge wie der von nebenan, obwohl der keine toten Käfer sammelte und meines Wissens auch nicht tagelang in einem alten Lexikon las, bei dem der Einband und die Buchstaben L bis V fehlten.

Gauben Sie mir, heute rieche ich, wenn etwas stinkt, und ich rede nicht von meinen Füssen. Es gibt so vieles, was ich ihn heute gerne fragen würde, Zio Matteo, aber er weilt nicht mehr unter uns. Ich habe keine verfluchte Ahnung, wo sich der alte Scheisskerl aufhält. Vielleicht ist er tot. Es würde bei seinem Lebenswandel nicht erstaunen. Keiner seiner damaligen Kumpane ist alt geworden. Die meisten sind eines unnatürlichen Todes gestorben und nicht wenige wurden umgebracht. Was ist das überhaupt, ein natürlicher Tod, wenn ich es mir überlege? Ich überlege es mir besser nicht, denn auf diese Art komme ich jeweils vom Hundertsten ins Tausendste und der Weg zurück ist lang.

Wenn Zio Matteo trotz der schlechten Prognosen noch am Leben ist, könnte er ebenso gut in einem Altersheim dahinsiechen, mit halboffenem Mund auf seinen Teller sabbernd, wie als Gärtner einer Schönheitsfarm in Kalifornien eine unauffällige Existenz fristen, obwohl ich bezweifle, dass die einen 96-jährigen beschäftigen würden, der den reichen Frauen nachstellt und eine Harke nicht von einem Laubgebläse unterscheiden kann. Wenn ich ihn mir vorstelle, wie er die App zu bedienen versucht, um den Roboter loszuschicken, der den zum Strand hin leicht abfallenden Rasen mäht, muss ich lachen, aber nur kurz, dann mach ich die paar Schritte und nehme ein Bad in der Brandung, bevor er mir eine runterhaut.

Ich sage Kalifornien, falls Ihnen das aufgefallen ist, denn Sie müssen aufmerksam lesen, um mir folgen zu können, weil er Südamerika liebte. Er sprach stets davon, «zu den Mexen» aufzubrechen, wenn er eines Tages von der ganzen Scheisse genug haben würde. Ihn aufzuspüren, kommt also der berühmten Suche nach der Nudel im Heuhaufen gleich. Und trotzdem werde ich genau das tun.

Aber ich werde es geschickt anstellen, denn ich bin kein Idiot, wie er es stets allen sagte («Der Junge ist ein Vollidiot»). Anstatt jeden Tag Pasta zu kochen, wie er sie liebte (ohne Teigwaren und nur mit ein wenig Ziegenkäse, der sich nicht mehr reiben lässt, weil er schon leicht hinüber ist), und dann wie eine verlassene Mutter darauf zu warten, ob er nach mehr als vierzig Jahren wieder einmal zum Essen nachhause kommt, als ob nichts gewesen wäre, werde ich mich aufmachen und ihn im Heuhaufen suchen gehen. Wenn der Onkel nicht zur Pasta kommt, geht die Pasta zum Onkel. Das wussten schon die Japaner, obwohl sie Milchprodukte schlecht verdauen können. Wenn etwas nicht kommen will, muss man selber hingehen. So einfach ist das, auch wenn es nicht einfach werden wird, denn ich habe eine Heuallergie und keine Ahnung, wie er heute aussehen könnte. Ich war erst 12 Jahre alt, als er verschwand, vergessen wir das nicht, und einer seiner unumstösslichen Grundsätze hatte immer gelautet: «Einem erwachsenen Mann schaut man nicht ins Gesicht. Vor allem nicht vor und nach dem Essen.»

Ich habe das damals nicht verstanden und konnte es mir schlecht merken, aber seine linke Hand erinnerte mich jedes Mal daran, wenn ich in meiner treuherzigen Bewunderung zu ihm hochblickte. Es macht auch heute, wenn ich es mir überlege, nicht wirklich Sinn. Nach den Mahlzeiten konnte ich mir ja erklären. Wegen den Speiseresten rund um den Mund. Aber warum vor den Mahlzeiten? Und warum galt die Regel nur für mich?

Wenn ich mich nun aufmache, ihn zu suchen, denn genau das werde ich tun, habe ich wenig Anhaltspunkte. Eigentlich fast gar keine. Ich werde meinem Instinkt folgen müssen, der in nunmehr drei erfolglosen Jahrzenten als Privatdetektiv zu einer gnadenlosen Bestie gereift ist, die sich wie ein unerbittlicher Spürhund auf eine Fährte heftet, auch wenn diese am Ende ins Nichts führt, wo es schwierig sein kann, noch ein Hotelzimmer mit W-Lan zu kriegen.

Dieser neue Fall, denn ein Fall ist es nun, wo ich beschlossen habe, Zio Matteo zu suchen, auch wenn mich niemand dafür bezahlen wird, kündigt sich in vielfacher Weise als mein schwerster an, denn es geht um meine Familie, oder um das, was ich bis heute dafür halte. Ein Onkel ist ein Onkel, bis es sich herausstellt, dass er gar kein Onkel ist. Aber das würde mich bei Zio Matteo erstaunen, denn er hat eindeutig die Nase der Dettis. Ich bin also ganz direkt betroffen, und das kann heikel sein, weil man, wenn man nicht aufpasst, emotional reagiert, und wenn man als Fahnder seinen Emotionen folgt anstatt den Fakten, kann einen das in die Irre führen. Ich werde meine Emotionen also aus dem Ganzen raushalten, so gut es eben geht, und werde mich an die Fakten halten, an die Indizien, und dabei meinem Instinkt folgen, wobei dieser nicht mehr warten wollte und bereits abgereist ist.

Als ich mich letztes Wochenende zum x-ten Mal durch meine Notizen wühlte, auf der Suche nach dem Detail, das ich bisher übersehen hatte (denn ich weiss, dass ich etwas übersehen habe), dem einen wichtigen Detail, das mir die Türe öffnen würde in den Raum, von dem aus ein Indiz zum anderen und das letzte in ein rauchgeschwängertes Hinterzimmer zu Zio Matteo führen würde, wo er gerade seine letzten drei Freunde abzockte, hörte ich eine andere Türe ins Schloss fallen, obwohl ich nur in einem Mietblock lebe, und ich wusste sofort, das war meine Wohnungstüre, und mein Instinkt war auf dem Weg zum Flughafen.

Wenn Sie sich jetzt Sorgen machen, wie ich den Fall ohne meinen berühmten Instinkt je lösen werde, kann ich Sie beruhigen. Ich weiss meinem Instinkt zu folgen. Wir sind ein gut eingespieltes Team, wenn man das so sagen kann, und wir ergänzen uns wunderbar. Er legt sofort los, wenn er auf eine Spur stösst, ohne zu zögern, wie ein Hund, der eine Fährte aufnimmt und unvermittelt losrennt, weil er nicht anders kann, er verliert keine Zeit, weil Zeit kostbar ist, während ich der Bedächtigere von uns beiden bin, weil ich weiss, dass vergeudete Zeit sich nicht mehr aufholen lässt und dass man manchmal zuerst warten muss, um schneller ans Ziel zu kommen. Man muss das richtige Schuhwerk wählen, bevor man in den Wagen steigt, und es schadet nichts, den Wagen vollzutanken und zu wissen, wohin die Reise geht, und wieviel das Dauerparken am Flughafen kostet, bevor man ein Ticket kauft.

Ich recherchiere also, ich wäge ab, ich überlege, ich mache mir Notizen und lese sie immer wieder durch. Ich mache Hypothesen und verwerfe sie wieder, ich koche mir etwas Kleines. Ich bin kein Feinschmecker wie Montalban, ich schiebe vielleicht eine Pizza in den Ofen. Später gehe ich dann doch auswärts essen, weil ich vergass, den Ofen einzuschalten, und wenn ich zu einem Schluss gekommen bin, spätabends, wenn die Fakten im milden Abendlicht ihre bedrohliche Absolutheit verlieren, dann reise ich meinem Instinkt nach und wir vergleichen bald darauf in einem Hotelzimmer meine Notizen mit seinem Gefühl, seine Spesen mit meiner Kreditkarte und meinen Geist mit seinen Träumen, denn er träumt viel und ich weiss seine Träume zu deuten, oder besser gesagt, weil Traumdeutung ein grosses Wort ist: ich weiss aus dem wirren Durcheinander seiner Phantasien, die ihm ein Unterbewusstsein vorgaukelt, das er tagsüber mit mir teilt, diejenigen Anzeichen herauszufiltern, die uns weiterbringen könnten.

Während er ihm also bereits hinterherjagt, meinem Onkel Matteo oder seinem Phantom, sitze ich in aller Ruhe hier, an meinem Küchentisch in einer Zweizimmerwohnung mit Balkon in Zürich-Oerlikon, und mache mich mit der mir eigenen Systematik daran, mir zurechtzulegen, was ich weiss. Ich gehe immer so vor, systematisch, und es hat sich bewährt. Nur einmal habe ich versucht, mir zurechtzulegen, was ich nicht weiss. Das hat dann wirklich lange gedauert und mir ging nach vier Tagen das Notizpapier aus, obwohl ich davon immer einen anständigen Vorrat zuhause habe, denn man weiss nie, was man weiss, wie Kurt Wallander immer sagte, bevor man realisiert, was man übersehen hat. Vielleicht sagte er auch etwas Anderes, denn seine Bücher sind aus dem Schwedischen übersetzt, und mein Englisch ist nicht sehr gut, aber ich kaufte das Buch am Flughafen in Reykjavik und Zio Matteo hasste den Norden sowieso – ganz sicher kein Ort, wo man ihn suchen musste.

Was habe ich also, um die Suche nach ihm zu starten? Der Name hilft, wie ich anfangs erklärte (Sie können das gerne nachlesen), kaum weiter. Es gibt unzählige Nicks, ganz abgesehen von den Niks und den Nics (obwohl ich nie einen Nic traf) und nicht zu reden von den Nicolas, den Nickolausen und den Niklasen und ganz zu schweigen von Namen wie Peter oder Rolf, die mit dem Fall herzlich wenig zu tun haben, obwohl auch sie früher einmal geläufig waren und in ihrer Zeit überdurchschnittlich oft auf Garderobenschränken auftauchten. Meine Generation trug weisse Unterhemden, an denen die Mutter ein Namensschildchen aus Stoff angebracht hatte. Ich könnte weinen, wenn ich an ihre Hände denke.

Namen konnten einen rasch in die Irre führen. Man durfte ihnen nicht auf den Leim gehen. Nick selber sagte einmal: «Namen und Amen», und als ich ihn fragte, denn ich fand es gut: «Von wem stammt das, Zio Matteo, und was bedeutet es?» (wobei ich darauf bedacht war, ihm nicht ins Gesicht zu schauen, denn wir waren gerade dabei, vom Tisch aufzustehen), antwortete er, während er seine Serviette faltete und neben seinen Teller legte: «Namen gehören auf Grabsteine», du kleiner Idiot. Ach so, sagte ich, obwohl ich noch immer und nun noch viel weniger verstand, was er meinte, aber ich wollte seine Geduld nicht strapazieren und er haute mir eine runter.

Was also habe ich, um die Suche zu beginnen und meinem Instinkt nicht einen fast uneinholbaren Vorsprung zu geben? Sein Aussehen sagen Sie? Ich bitte Sie. Sein Aussehen konnte sich in den 40 Jahren, in denen er mich nicht gesehen hatte (wobei ich Zweifel daran habe, dass er mich überhaupt je wirklich wahrgenommen hat) total verändert haben. Dazu kommt, dass er schon damals keine besonderen Kennzeichen hatte. So stand es jedenfalls auf der knapp gehaltenen Fahndungsmeldung, als er kurz nach der Ermordung von JFK von der Bildfläche verschwand.

Wie sie das fast zweieinhalb Zentimeter grosse, krebsrote Muttermal auf seiner linken Backe übersehen konnten, ist mir noch heute ein Rätsel. Der einzige Schluss, den man daraus vielleicht ziehen kann, nachdem einem die verflossene Zeit die Naivität aus den Gehirnwindungen gespült hat, wie ein Entkalker den Kalk aus einer Espressomaschine, ist, dass er die Polizei damals in der Tasche hatte. Die wollten ganz offensichtlich nicht, dass man ihn fand. Sie zogen es vor, ihn für immer zu suchen, und dafür zweimal bezahlt zu werden, von ihm und von den Behörden, und dabei stellten sie sich offenbar sehr geschickt an, denn sie fanden ihn nie.

Der neunte Mann

30. Januar 2016

Gestern haben sie den neunten Planeten entdeckt. Nicht gestern, vor Kurzem. Vor ein paar Tagen. Vielleicht ist es auch schon zwei Wochen her. Was willst Du von mir?
Was spielt das für eine Rolle, wenn der Neue 10’000 Jahre oder länger braucht, bis er die Sonne einmal umrundet hat? Er hat alle Zeit des Universums. Planeten machen ja sonst nicht viel, ausser die Sonne umrunden und ein wenig an ihrem Schwerefeld arbeiten. Man zieht ja andere nicht einfach so an. Da stecken Lichtjahre im stellarischen Kraftraum dahinter und konsequent gesunde Ernährung. Nur Rohmonde und kein Sternenstaub zwischen den Mahlzeiten.

Einen Namen haben ihm die Forscher noch nicht gegeben. Ist auch nicht einfach, wenn man jemanden noch nie gesehen hat. Stell Dir vor, sie nennen ihn «Däumelein» und dann stellt sich später heraus, dass er zehnmal so schwer ist wie die Erde. Ein ziemlicher Brocken. Wahrscheinlich ist er deshalb so langsam unterwegs. 10’000 – 20’000 Jahre, bis er einmal die Runde gemacht hat. Was, wenn er dann endlich vorbeikommt, und es ist gerade keiner da?

Dass es ihn gibt, schliessen seine Entdecker aus Beobachtungen und Berechnungen. Ansammlungen von anderen Körpern im All, die sich seltsam verkrümmen und erst nachhause gehen, wenn die letzte Bar schliesst. Forscher, die sich mit dem Phänomen befassen, heissen Trujillo und Sheppard, Batygin und Brown aber auch ein Schafhirte auf den Färöern, der nicht beim Namen genannt werden will, soll eisige Brocken gesehen haben, die sich nachts gefährlich neigten und auf Zurufe nicht reagiert haben sollen. Seine Hunde hätten irgendwann aufgehört, sie zu verbellen. Es sei kalt gewesen. Unheimlich kalt.

Etwas ist schief, wenn man als Laie die Berichte der Wissenschaftsjournalisten liest. Ich komme aber nicht dahinter und bin auf meine eigenen Vermutungen angewiesen. Ich vermute, ein mittelalterlicher Chronist hätte es damit bewenden lassen, festzuhalten, dass an einem bestimmten Tag in einem Dorf nahe eines bekannten Flusses ein Wolf während der Messe in die Kirche eingetreten sei, den Altar zweimal umrundet und die Kirche dann wieder verlassen habe. Das musste dann erst Jahrhunderte später interpretiert werden. Damals wussten alle, die auf den harten Bänken sassen, was das hiess, und gingen wortlos nachhause.

Heute reicht uns das nicht mehr. Wir geben sämtliche Daten in ein Computermodell ein, welches über Nacht das Universum simuliert, und wenn die Raumpflegerin eine Spionin wäre, würde sie den Papierkorb am Morgen umsonst leeren. Alles restlos untersucht und spurlos verstanden.
Aber dieser neunte Planet ist auch für uns nicht einfach einzuordnen. Er hat eine unglaublich lange Bahn, und er ist extrem weit draussen. 30 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt. Da wird niemand richtig braun. Aber wir geben nicht auf. Er kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben, dieser Wolf. Und es ist mir völlig egal, wie lange die Suche dauert, ist das klar? Das Planetenjahr dauert 10’000 Erdjahre. Ausschwärmen!

Schauen wir kurz zurück. Wie weit sind wir gekommen, seit wir Neptun entdeckt haben? Wir glaubten den lustigen Zwergstern Nemesis entdeckt zu haben, der alle 26 Millionen Jahre durch das Sonnensystem flitzt und mit leeren Dosen um sich wirft, und Tyche, seine gutaussehende Schwester, die bis dahin unbescholtene Kometen mit ihrem Lachen aus ihrer Umlaufbahn wirft. Dann mussten wir zugeben, uns geirrt zu haben. Dann starb David Bowie und nun will man uns glauben machen, es gäbe einen neunten Planeten, der zehnmal so gross sei wie die Erde und mit seiner starken Anziehungskraft seine Umgebung gesäubert habe – da fliegt nichts mehr herum. Zudem soll er ein Gasriese sein, seine Oberfläche von Furzgewittern überzogen.

Was wissen wir wirklich? Was ist gesichertes Wissen? Wie oft haben sich Annahmen, aus denen wir auf die Existenz von Planeten oder nachsichtigen Steuerbeamten geschlossen haben, im Nachhinein als falsch erwiesen?

Als Clyde Tombaugh endlich jenen Planeten X entdeckte, den sie später Pluto nannten, stellte er fest, dass er zu klein war, um die zuvor von Lowell verfolgten Auffälligkeiten in den Bahnen von Uranus und Neptun zu erklären. Er war auch zu klein, um eingeschult zu werden, und musste ein zusätzliches Kindergartenjahr absolvieren. Später stellte sich heraus, dass die Bahnen von Uranus und Neptun gar nicht so ungewöhnlich waren und es sich bei den vermeintlichen Unregelmässigkeiten um Messfehler handelte. Noch später wurde Lowell als eine Erfindung von Clyde Tombaugh entlarvt, der ihn nur deshalb erschaffen haben soll, um ihn zu widerlegen.

Trotzdem spekulieren wir weiter. Ein gefundenes Fressen für die Hunde des Schäfers, den sie jedes Mal fragen, wenn wieder irgendetwas auftaucht, was man noch nicht sieht. Er lässt sich in Hundefutter bezahlen und lacht sich in den Fäustling, wenn sich die Reporter wieder von dannen machen, während die Forscher daran festhalten, dass hinter dem Kuipergürtel nichts mehr kommt. Seien wir ehrlich: Niemand weiss, wie es im Niemandsland aussieht. Das sind wir der Logik schuldig. Sie war uns lange ein treuer, wenn auch manchmal tyrannischer Begleiter.

Ich könnte noch lange fortfahren, aber ich will es kurz machen, denn morgen ist ein ganz besonderer Montag. Das ganze Missverständnis lässt sich so zusammenfassen: 2014 berichtete Trujillo von einem Körper jenseits des Kuipergürtels. Er nannte ihn 2012VP113. Batygin und Brown waren überzeugt, dass Trujillo wieder getrunken hatte und schauten sich die Sache nur deshalb genauer an, um ihn endlich zu einer Entziehungskur zu überreden. Zu ihrem grossen Erstaunen mussten sie feststellen, dass Trujillo trocken war und es sich bei 2012VP113 um eine prall gefüllte Handtasche handelte, die Trujillos Frau zwei Jahre zuvor in San Francisco gestohlen worden war. Sie gaben auf und wiesen sich selber in eine Nervenheilanstalt im Norden Kaliforniens ein, wo sie die Belegschaft und die Insassen jeden Freitagabend mit einem vierhändigen Klavierrezital erfreuen.

Ihre Pfleger sind überzeugt, dass sie die Furzerei irgendwann in den Griff kriegen werden. Auch Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun seien schliesslich Gasplaneten, und es gäbe heute Medikamente gegen Wolfhaarallergien.

Nun muss ich aber wirklich Schluss machen. Für morgen hat sich ein Mitarbeiter auf der Botschaft angekündigt, der einen so langen Arbeitsweg hat, dass er nur alle sechs Jahre einmal zur Arbeit erscheint. Er arbeitet dann einen ganzen Tag und soll dem Vernehmen nach Ausserordentliches vollbringen. Mein Vorgänger hat ihn einmal erlebt und erzählt noch heute von ihm. Die Lokalangestellten ranken zahllose Geschichten um ihn. Sie nennen ihn den neunten Mann. Ich habe keine Ahnung wieso, und keiner konnte es mir erklären. Ich bin unheimlich gespannt auf ihn.

30.01.2016

Die schönste Nase des ganzen Gesichts

25. Februar 2015

(ein angemessener Beitrag zur Diskussion über die Unsitte des Übertreibens)

Es lässt sich ohne zu übertreiben festhalten, dass negative Übertreibungen immer Schaden anrichten, während positive Übertreibungen meist harmlos sind (they don’t do any harm) und manchmal sogar Gutes bewirken können. Als ich siebzehn Jahre alt war, sagte mir einmal ein Mädchen, ich hätte die schönste Nase des ganzen Gesichts.

Würde man hingegen die Behauptung aufstellen, negative Übertreibungen richteten den grössten Schaden an, wäre das eindeutig übertrieben. Die fahrlässig aufgestellte Behauptung würde bei der ersten Diskussion mit Fachleuten aus der Versicherungsbranche umkippen (nur Flamingos stehen nächtelang auf einem Bein) und was man hatte festhalten wollen, würde einem rasch entgleiten.

Negative Übertreibungen sind schädlich, weil sie etwas schlimmer, furchtbarer, falscher, schlechter, böser (auch schädlicher – mache weitere negative Beispiele) darstellen, als es in Wirklichkeit ist. Negative Übertreibungen schaden immer allen drei Beteiligten: dem Übertriebenen, dem Übertreibenden und dem Empfänger der Mitteilung.

Das Übertriebene verliert seine Konturen und Dimensionen und mithin seine Wahrheit, der Übertreibende seine Glaubwürdigkeit und der Empfänger der Übertreibung im besten Fall seine Zeit, weil er die Übertreibung durch eigene Recherchen zurechtstutzen muss, und im schlimmsten Fall seine realistische Einschätzung, weil er dem Gebot der Oberflächlichkeit erliegt und die Übertreibung glaubt.

Der durch negative Übertreibung angerichtete Schaden kann so weit gehen, dass die Existenz des Übertriebenen gänzlich angezweifelt wird und dem dauernd Übertreibenden irgendwann nicht einmal mehr das geglaubt wird, was er ohne zu übertreiben beschreibt, falls er dazu noch fähig ist, während der Empfänger der Mitteilung nur noch angewidert die Nase rümpft, die mit dem Alter grösser, aber nicht unbedingt schöner geworden ist.

Ich klage nicht gerne über die Zeit, denn sie kann nun wirklich nichts dafür. Es ist ihr ganz und gar egal, ob wir unter- oder übertreiben, denn sie nimmt ebenso wenig Teil an unseren Irrtümern wie an unseren Erkenntnissen; sie nimmt überhaupt nicht Teil, sie ist völlig teilnahmslos und lässt uns vergehen, während wir es vorziehen, zu meinen, sie gehe vorbei.

Ich meine also nicht die Zeit, sondern uns, wenn ich sage, wir leben leider in einer Zeit, in der es vielen notwendig und manchen unumgänglich scheint, zu übertreiben, weil sie meinen, das, was sie glauben, sagen zu müssen, werde in der Flut der Mitteilungen sonst nicht wahrgenommen, gehe sogleich unter und keiner könne es retten oder je wieder aus den Tiefen des Informationsgrabens bergen (was masslos übertrieben wäre, wenn Übertreibungen ein Mass hätten).

Wenn es nach mir ginge, würden die Übertreibenden nicht zum Schweigen gebracht, aber zur Rede gestellt. Ich wünschte mir, es würde sich so verhalten, dass Übertreibungen, weil sie schwer wiegen, rascher in die unendlichen Tiefen unseres Vergessens absinken als realistische Beurteilungen und Einschätzungen. In absoluter Dunkelheit würden sie dahin sedieren und nur ganz selten würde ein Tiefseefisch an ihnen vorbeischwimmen, vom enormen Druck so flach wie eine Tageszeitung und zur Sicherheit blind.

Ein gescheiterter Versuch, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren

22. Februar 2015

Skizzen faszinieren mich. Das mit rascher Geste flüchtig Hingeworfene, das dem vollendeten Kunstwerk hoch überlegen ist. Wie die Bergdohle der wissenschaftlichen Beschreibung der Schwerkraft, wenn sie sich auf der Terrasse des Kulmrestaurants rückwärts vom Geländer fallen lässt.

Ich weiss. Akt zeichnen geht mit Modell besser. Aber ich will die Schweiz ja nicht nackt zeichnen. Ich will sie überhaupt nicht zeichnen. Dafür ist sie zu weit entfernt und hält auch nie richtig still (dreisprachiges Geschwätz mir rätoromanischen Zwischenrufen). Ich möchte sie aus dem Gedächtnis skizzieren mit wenigen Worten (ein Land mit vier Konturen, einst locker um die Alpenpässe drapiert, dann sich langsam verhärtend).

Keine Angst, die Idee, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren, stammt nicht von mir. Sie stammt von einer Kunst-Postkarte aus einem Land, das sich ausgelobt hat. Keine meiner Ideen stammt von mir. Sie stammen ausnahmslos von anderen, die für einen Augenblick originell waren, im Zug zwischen Göschenen und Airolo, auf einer unbenutzten Papierserviette, von einem früheren Fahrgast liegengelassen.

Einige der originellen Ideen werden aber auch Fälschern und Hochstaplern zugeschrieben, die sich in ihrem Versteck meine Verachtung und Bewunderung teilen. Mein Geschäft sind die kleinen Variationen. Lassen Sie mich das anders sagen: ich formuliere um.

Als Diplomat lebt und arbeitet man mit dem Rücken zum eigenen Land. Man vertritt dessen Interessen nach bestem Wissen und bei möglichst gutem Gewissen, aber man kennt sein Land und dessen Leute, deren Interessen man angeblich vertritt, nach langen Jahren im Ausland nur noch vom unscharf gewordenen Blick zurück über die alternde Schulter.

Vorsicht ist angezeigt. Objekte im Rückspiegel können grösser erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Sorgen der Schweiz hätten 50 mal im Freizeitpark von Lahore Platz. Und trotzdem heisst es, die Schweiz stehe am Scheitelweg, obwohl das keine vorteilhafte Frisur ist, wenn einem nach über 700 Jahren die Haare langsam ausgehen. Auch die Bärte der jungen Schweizer gefallen mir nicht. Ich zähle darauf, ohne damit zu rechnen, dass sie ausser Mode gekommen sind, bevor ich für immer nachhause zurückkehren werde.

Vor bald zwanzig Jahren habe ich in Washington drei Lektionen eines Malkurses besucht. Einmal durften wir uns mit rötlicher Kreide versuchen, einmal mit Ölfarbe und am spannendsten war eindeutig der Abend, als wir ein Modell hatten, das für uns sass. Wir hatten einmal 20 Minuten, einmal 5 Minuten, einmal 2 Minuten und am Schluss gerade noch 30 Sekunden Zeit, um zu versuchen, irgendetwas mit einem Stück Kohle zu Papier zu bringen, was wenn möglich an die Pose erinnern sollte, im besten Fall an die posierende Frau.

Ich tat mich schwer. Je kürzer die Zeitspanne, desto weniger konnte man der eigenen Hand beim Zeichnen zusehen. Man blickte zum Modell, während die Hand zu zeichnen versuchte, und das Hirn stand wie so oft bloss im Weg. Es gab Instruktionen, ohne zu begreifen, was abging. Mach schon, Hand, zeichne was. Ich weiss, Du kannst das ohne mich.

Die Schweiz mit Worten aus dem Gedächtnis skizzieren ist ohne das Hirn nicht möglich. Es besteht auf die Kontrolle der Sprache. Es gibt sie nicht her. Wie eine Mutter bei den Hausaufgaben setzt es sich mit mir an den Tisch und holt viel zu weit aus. Also, sagt es, und wischt dabei meine spontanen Ideen und Assoziationen zur Seite wie störende Spielzeuge, machen wir zunächst einmal eine Auslegeordnung. Was kommt Dir alles in den Sinn, wenn Du die Schweiz skizzieren willst? Das sortieren wird dann. Was verstehen wir unter einer Skizze? Können wir unserem Gedächtnis vertrauen?

Lass gut sein, Hirn, möchte ich ihm sagen. Es ist Sonntag. Mach einfach mal nichts. Als ob Mütter das könnten.

Sieben mögliche Varianten für eine Umfahrung von Burlington, Kanton Zürich

8. Februar 2015

Ein Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Kultur- und Heimatschutz hat vor einem Jahr empfohlen, die Projektierung der geplanten Umfahrung von Eglisau zu stoppen. Laut den Gutachtern störte die geplante Umfahrung das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge mit der bestehenden Strassenbrücke und dem Eisenbahnviadukt. Quote unquote.

Von Günter Ohnemus, den ein in Berlin lebender Freund in den Neunzigerjahren oberflächlich kannte, als offenbar viele Leute Günter flüchtig kannten, ihn aber dann wie die meisten jener Leute gründlich vergessen hat, weil es sich angeblich nicht richtig lohnte, ihn im Gedächtnis zu behalten, gibt es ein Buch mit dem Titel „Siebenundsechzig Ansichten einer Frau“. Ich besitze das Buch, habe es aber nur angelesen. Rund sechzig Ansichten fehlen mir, weshalb es mir noch nicht ganz gehört. Ich behalte es trotzdem. Auch wegen dem Titel.

Ohnemus ist gut mit Titeln. Eigentlich erstaunlich, dass ihm in einer Zeit, in der Verpackung wichtiger ist als Inhalt und ohnehin kaum einer ein Buch zu Ende liest, nicht mehr Erfolg beschieden war. „Alles, was Du versäumt hast“. „Ein Parkplatz für Johnny Weissmüller“. „Die letzten grossen Ferien.“ Das klingt doch bei einem Gespräch über Literatur nicht schlecht.

Aber diese schönen Titel haben offenbar – ausser ein paar Jünger der Subkultur, die alles kauften, was der Maro-Verlag publizierte, und mit etwas Verspätung mich – fast niemanden zum Kauf bewogen. Nur ich war bei Ohnemus ohne Mass und habe mir gleich sechs Bücher bestellt, nachdem ich vor ein paar Jahren zufällig auf „Zähneputzen in Helsinki“ gestossen war. Das dünne Buch hatte sich streckenweise so gelesen wie ein deutscher Richard Brautigan, ein anderer Meister der Titel. „Dreaming of Babylon“. „So the Wind Won’t Blow It All Away“. “ Sombrero Fallout“.

Von Brautigan las ich einst alles, was ich kriegen konnte, noch bevor es von Ohnemus ins Deutsche übersetzt wurde. Ohnemus‘ Bücher stehen bis heute mit ihren schönen Titeln in meinem Bücherregal wie geliefert und nicht gelesen. Es ist fast so, als hätte er seine Texte in der Fletcher Library in Burlington, Vermont, hinterlegt, wo im Gedenken an den zu früh verstorbenen Richard Brautigan eine Bibliothek für unveröffentlichte Manuskripte eingerichtet wurde. Kann man auch zu spät sterben?

Die Bibliothek soll vor 10 Jahren 325 unveröffentlichte Werke beherbergt haben. Vielleicht werde ich, wenn ich einmal in Vermont bin, hingehen und selber nachschauen, ob es die Bibliothek noch gibt und wie viele Manuskripte es bis heute geworden sind. Vorher muss aber in Eglisau noch eine Lösung gefunden werden für das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge. Ich würde sonst mit einem schlechten Gewissen nach Vermont aufbrechen.

Die Lösung zeichnet sich zum Glück ab. Der Zürcher Baudirektor hat soeben sieben Varianten für eine Umfahrung der schönen Stadt am Rhein vorgelegt. Fünf Linienführungen sehen eine Brücke über den Rhein vor, zwei eine Unterquerung per Tunnel. Die Brücken sollen zwischen 190 und 510 Millionen kosten, die Tunnels werden auf 780 Millionen geschätzt.

Beim ziellosen Blättern bin ich heute auf dem Parkplatz für Johnny Weissmüller auf einen wunderbaren Satz gestossen: „In Amerika will man immer alles so machen, dass jeder beim Anschauen es schon sehen kann.“

Genau das wünsche ich den Bürgern von Eglisau bei ihrem schwierigen Entscheid auch. Dass ihnen die Umfahrung so gelingen möge, dass man das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge schon beim Anschauen sehen kann. Und zwar schon von Weitem. Zum Beispiel aus Syrien.

(Dieser Text ist Günter Ohnemus gewidmet, der in einem Jahr seinen 70. Geburtstag feiern wird, und Richard Brautigan, der nicht einmal 50 wurde. Es lohnt sich, sie nicht ganz zu vergessen.)

Worüber man will

7. Februar 2015

„Nachdenken, worüber man will“, lautete diese Woche der Titel eines Artikels im Wirtschaftsteil, den ich sonst überblättere aus Mangel an beidem, Interesse und Verständnis. Einer meiner Mängel, mit denen ich bis heute ohne Mangelerscheinungen lebe, obwohl ich weiss, dass es die Wirtschaft ist, Honey, von der wir leben, während die Politik lediglich die Rahmenbedingungen schaffen muss, damit die Wirtschaft funktioniert und die Kultur und die Diplomatie finanzierbar sind. So in der Art. Ohne Weise.

Wenn man vor einem Fluss steht, muss man sich entscheiden, wo man rüber will. Falls keine Brücke vorhanden ist und man gerade keine bauen kann, sucht man sich am besten eine Furt. Eine Untiefe, wo der Fluss überquerbar ist, ohne von ihm mitgerissen zu werden (wer will schon ins Meer).

Oder man geht am Ufer entlang, bis man endlich eine Brücke findet. Vielleicht eine, die einfach so über den Fluss hängt und erst spannend wird, wenn man sie überquert. Oder eine, die einst im Bogen kühn geschlagen wurde. Es gibt vielerlei Brücken und eine schöne kann auch entzücken.

Der Vorteil, wenn man bis zur nächsten Brücke eine Weile wandern muss, kann darin bestehen, dass man mehr Zeit hat, um nachzudenken, warum man rüber will. Und ob überhaupt. Was, ausser einer Vermutung und wieder ein Weg, liegt am anderen Ufer? Und wie wird man wissen können, wenn man drüben ist, ob es wirklich das andere Ufer ist, wo man angekommen ist, und nicht schon wieder das eine, von dem man aufbrechen wollte? Eine Böschung gleicht der anderen.

Vielleicht ist man ja schon, ohne es gemerkt zu haben, längst am anderen Ufer gewandert, und das, was jenseits der Brücke wie das andere ausgesehen hatte, war schon immer das eine, und wird es auch bleiben, egal, wie oft man die Brücke noch überquert.
Als hilfreich könnte sich jemand am anderen Ende der Brücke erweisen, der sich mit Wasserstand und Uferfauna auskennt. Es müsste eine vertrauenswürdige Person sein, der wir unseren Bieber in die Ferien geben würden ohne zu zögern. Nach sieben Uhr höchstens noch drei kleine Scheite, sonst schläft er nachher schlecht.

„Ist auf Ihrer Seite das eine Ufer…?“, rufen wir der Frau mit Hund zu, die einen gelben Regenmantel trägt, der von der Sonne ausgebleicht ist, „…oder das andere?“
Sie hat uns bemerkt, denn sie steht nun bockstill, während sie vorher keinen Wank tat, auch der Hund bewegt sich nicht mehr als vorher (gar nicht). Sie schaut in unsere Richtung. Jedenfalls möchten wir glauben, dass sie das tut, aber unser Winken verrät uns: Hier sind wir, wir wissen nur nicht wo.

Sie antwortet nicht. Vielleicht will sie uns nicht enttäuschen. Vielleicht sieht sie uns nicht (der Fluss ist hier breit). Vielleicht ist sie blind oder ein Mann und der Hund ausgestopft. Auch war die Frage falsch gestellt. Sie kann nur ja oder nein sagen, das stand als Vorgabe am Anfang des Rätsels. Auf Fragen mit „oder“ weiss sie keine Antwort, auch keine mit „und“. Sie wendet sich ab und bückt sich ins Unterholz, als würde sie Pilze suchen. Bald darauf verschwindet sie aus unserem Blickfeld. Nur der Hund bellt noch eine Weile weiter, trotz allem vergnügt.

Floored Floater

29. November 2014

Es war typisch für mich: Als ich „Floored Floater“ las, dachte ich sofort an ein bedauernswertes Tier, einem Seeotter nicht unähnlich, das sich in seinen muschelfreien Stunden auf den Wellen einer sanften See treiben lässt, und nun wegen gravierender Umweltverschmutzung, für die ich mich schuldig fühlte, auf Grund gelaufen war. Ich wollte unverzüglich aufbrechen, um es zu retten. Wenn nötig, würde ich ihm in meiner Badewanne Asyl gewähren. Lass schon mal Wasser ein, Liebling, lauwarm, mit etwas Badesalz, nein: ohne Parfüm, ich bin gleich wieder da.

Als ich dann den Zusatz „mit Referenzanleihe“ las, war mir klar, dass ich mich in die Finanzwelt verirrt hatte und mein reflexartiger Fluchtversuch ins Reich der Fabeltiere gescheitert war. Mein Interesse am Angelesenen sank wie ein Stein auf den Boden der Zeitung, wo der ebenso bedauernswerte wie inexistente Floater, vom Ozean meiner enttäuschten Erwartungen flachgedrückt, mit riesigen Augen, die ich ihm traurig schloss, auf seine Verwesung wartete.

Verwesen Organismen auf dem Grund der Tiefsee überhaupt, oder sedieren sie lediglich, Schicht über Schicht über Schicht? Wenn ich das jetzt auch noch google, verzettle ich mich wieder und die Suchmaschine fügt meinem Profil einen Hang zum Morbiden hinzu, der es mir bei künftigen Suchen schwer machen wird, fröhlich zu werden.

Falls Sie sich wegen dem Titel des Eintrags auf meinen Blog verirrt haben, tut es mir nicht wirklich leid. Auf der Suche nach der verlorenen Bonität einer ihnen flüchtig bekannten Emittentin hat Sie mein Titel hierher geführt, wobei Titel für Sie normalerweise eine ganz andere Bedeutung hat. Hier können Sie mit dem, was sie antreffen, nichts anfangen. Aber smart, wie Sie als Anleger sind, haben Sie den Irrtum sofort bemerkt.

Das ist hier nicht die Finanzwelt, rufe ich Ihnen nach. Hier können Sie keine vierteljährlichen Minimum Coupons beziehen und Kapitalschutz bei Verfall der Zahlungsfähigkeit des Referenzschuldners können Sie vergessen. Hier gibt es weder Schmalbesteuerung noch Schwarzgeldbleiche. Hier winseln die Zinse und das einzige, was optimiert wird, ist Ihre Verunsicherung. Aber Sie hören mich nicht. Sie sind längst wieder weg. Ihr Irrtum hat höchstens Sekunden gedauert.

Und Sie hatten natürlich völlig Recht mit ihrer raschen Einschätzung der Lage. Hier gibt es nichts mitzunehmen. Obwohl das ja in letzter Zeit stark in Mode gekommen ist, das Mitnehmen. Zum Beispiel im Sport. Den einen Punkt, lässt sich der Headcoach nach dem Auswärtsspiel verlauten, nehmen wir gerne mit. Sogar nach einer Niederlage. Wir haben zwar verloren, aber wir nehmen die Erkenntnis mit, dass wir, wenn alles zusammenpasst, auch gegen Grossclubs bestehen können.

Aber nicht nur im Sport wird gerne mitgenommen. Auch ein Entwicklungshelfer erzählt mir früh morgens im Radio, während ich mir Schaum um mein doppeltes Kinn schlage, er habe von seinem letzten Afrika-Aufenthalt die Erkenntnis mitgenommen, dass der Mensch viel mehr Widerstandskraft habe, als wir gemeinhin vermuten. Beim Wechsel des Anbieters lässt sich heute die Rufnummer mitnehmen. Es gibt Leute, die nehmen Kleiderbügel und Bademäntel aus Hotelzimmern mit. Andere antike Steine von Ausgrabungsstätten. Es war ihnen nicht bewusst, dass sie aus Stein sind.

Wir sind alle stark im Mitnehmen. Ich nehme mit, Du nimmst mit, sie nimmt mit. Und das nicht erst seit heute. Du nahmst mit, er nahm mit, ihr nahmt mit, ich habe mitgenommen, wir hatten mitgenommen. Deshalb liegt bei uns zuhause so viel Krempel herum, bezahlt oder gefunden. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird das so weitergehen. Ich werde mitnehmen, Du wirst mitnehmen, wir werden mitnehmen, sie werden mitnehmen, ihr werdet mitnehmen. Auswärtspunkte, Erkenntnisse, Gefühle, Kleiderbügel, Kapitele, Bademäntel, Bücher, schwarze Socken. Bis irgendwann kein Platz mehr ist. Bis wir die Müllabfuhr oder Enzensbergers gute alte Furie des Verschwindens kommen lassen müssen, der am Ende ohnehin alles zufällt, zuerst langsam, dann rasend schnell.

Wenn ich Ihnen etwas auf den Weg geben darf, bevor Sie diesen Blog wieder verlassen: Nehmen Sie es nicht mit. Nehmen Sie überhaupt nichts mit, was Sie auch hier lassen können. Denken Sie an die forschen Fragen der Zöllner. Widerstehen Sie dem Sammlerreflex. Denken Sie an all das, was zuhause bereits ausser Gebrauch ist. Lenken Sie sich ab. Denken Sie an Blumen, die nur einmal im Jahr um Mitternacht blühen. Denken Sie an einen Film oder einen Freund, den Sie gerne wieder einmal sehen würden. Oder denken Sie, wenn Sie das hinkriegen, am besten an gar nichts.

Lassen Sie sich auf dem Heimweg vom Schlaf überwältigen, dem wohltuenden Wegelagerer. Legen Sie den Kopf in den Nacken, notfalls in Ihren, und schlafen Sie, bis das Geräusch der auf der Rollbahn aufsetzenden Räder Sie weckt. Und bitte vergewissern Sie sich, bevor Sie das Flugzeug verlassen, dass kein Floater auf dem Boden liegt.

Ein am Horizont parkiertes, sechsfach gesichertes Fahrrad

14. September 2014

Zwischen einem Artikel über die bevorstehende Abstimmung zur schottischen Unabhängigkeit und einem, der die amerikanischen Mühen beschreibt, arabische Staaten für den Kampf gegen die Jihadisten zu gewinnen, steht in der NZZ am Sonntag ein Rennrad auf einem teuren, ganzseitigen Standplatz.

Es gehört, wen wundert’s, einer Versicherungsgesellschaft. Fast alles gehört, wenn wir einmal fort sind, einer Versicherungsgesellschaft. Wahrscheinlich schon vorher.

Das Rennrad ist mit sechs Schlössern gesichert, wovon eines besonders raffiniert das Vorderrad mit dem Vorderrad verbindet, obwohl jenes weder am Fahrradrahmen noch am Kandelaber festgemacht ist, an dem das Fahrrad angelehnt ist. Wer dieses Vorderrad stiehlt, so lautet die entmutigende Botschaft an potentielle Diebe, muss das Vorderrad samt Schloss mitnehmen.

Um Fahrraddieben keine Gelegenheit zu bieten, die Schlösser in Ruhe zu studieren und schliesslich zu knacken, wird das Fahrrad regelmässig umparkiert. Vor einer Woche stand es zum Beispiel zwischen Artikeln über Massenmorde im Irak und die rasend schnelle Ausbreitung von Ebola.

Der Besitzer des Fahrrads ist offenbar ein Mann von Welt. Zumindest liest er den internationalen Teil der Zeitung. Sonst würde er sein teures Fahrrad wohl ab und zu auch in den Rubriken „Schweiz“ oder „Zürich und Region“ parken und von da aus nachhause spazieren. Obwohl ich vermute, dass er zu denjenigen Zeitgenossen gehören könnte, die an der Börse spekulieren, steht sein Fahrrad nie zwischen den Kursmeldungen.

Dort findet man seltsamerweise weder Fahrräder, Luxuskarossen noch teure Uhren. Dort wird es offenbar ernst. Zwischen Kursen und Diagrammen wird nichts geduldet, was der Konzentration auf die Gewinnoptimierung abträglich sein könnte. Man muss sich durch eine Zahlenwüste durchkämpfen, bis man es endlich geschafft hat und sich an der unnachahmlichen Leichtigkeit des Sportteils laben kann.

Wir müssen hier nicht über die Werbung als unentbehrliches Fundament für die Presse diskutieren. Wir müssen überhaupt nicht diskutieren. Es ist Sonntagabend. Trotzdem kann die unmittelbare Nachbarschaft von versicherbarem Luxus zu Tod und Überlebenskampf befremden. Einer hat ein Luxusfahrrad und parkiert es, gesichert mit sechs Schlössern, zwischen Tod und Vernichtung.

In der Relativitätstheorie gibt es den Begriff des Ereignishorizonts. Ich kann das wie so vieles weder ganz verstehen noch richtig erklären, aber mich beeindruckt die Vorstellung, dass Ereignisse jenseits dieses Horizonts für Beobachter nicht mehr sichtbar sind.

Während man in der Relativitätstheorie unter „Ereignissen“ Punkte in der Raumzeit versteht, die durch Ort und Zeit festgelegt sind, handelt es sich in Gegenwart und Geschichte in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle um Scheusslichkeiten, die der Mensch dem Menschen antut. Die Skala ist in sämtliche Richtungen offen. Ein Blick in die Tagesnachrichten genügt.

Ähnlich wie in der Relativitätstheorie gibt es vielleicht in unserem individuellen Leben einen Ereignishorizont, jenseits dessen wir die Ereignisse nicht mehr wahrnehmen können. Wir erhalten sie zwar noch vorgesetzt, aber ab einem bestimmten Grad von Grausamkeit und nach zu häufiger Wiederholung finden sie jenseits unseres Ereignishorizontes statt, in einer anderen Welt, mit der wir nichts zu tun haben wollen.

In der Relativitätstheorie bildet der Ereignishorizont eine unüberwindbare Grenze für Information und kausale Zusammenhänge. Das trifft wahrscheinlich analog auch für unsere Aufnahmefähigkeit gegenüber dem Weltgeschehen zu, wo es uns zu brutal und zu grausam wird.

Der beobachtbare Teil des Universums liegt angeblich 47 Milliarden Lichtjahre entfernt. Licht klingt hell, Jahre kennen wir und sogar an Milliarden haben wir uns im Zeitalter des Grössenwahns gewöhnt. Trotzdem übersteigt das meinen Horizont.

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Erkundung des Weltalls nicht allen gegeben ist. Die Tiefen des Weltalls sind kein taugliches Tagesthema. Die Konfrontation mit den menschlichen Abgründen wird uns hingegen täglich zugemutet, und das ist wahrscheinlich richtig so. Sie sind weniger weit entfernt und bevor sie in einem schwarzen Loch verschwinden, stürzen wir selber hinein.

Wir müssten irgendwann damit beginnen, uns mit dem zu beschäftigen, was schief gelaufen ist und immer noch schief läuft. Sechs Schlösser an unser geliebtes Rennrad zu hängen, wird nicht reichen.

Vom geeigneten Umgang mit Rohdaten

26. Juli 2014

Der amerikanische Aussenminister Kerry habe im vergangenen Mai Rohdaten (raw data) gesehen, die darauf hindeuten würden, dass die syrische Armee bei einem Angriff auf Rebellen Chloringas verwendet habe.

Abgesehen davon, dass es ein scheussliches Kriegsverbrechen wäre, sollten diese Anzeichen inzwischen zur Gewissheit geworden sein, beschäftigt mich die Frage: Was genau sind Rohdaten?

Raw data. Ich nehme an, dass es in Sicherheitskreisen jede Menge von Spezialisten gibt, die keinerlei Mühe haben, den Begriff im Schlaf zu definieren. Rohdaten? Wie viele hätten Sie denn gerne? Soll ich sie einpacken oder kochen Sie sie gleich?

Wer in ein Wörterbuch schaut, findet verschiedene Übersetzungen, und was zunächst so roh und ungehobelt daherkam, wird ganz schön kompliziert.

„Ausgangsdaten“. OK. Offenbar etwas, wovon man ausgehen kann. Dass man mit ihnen in den Ausgang ginge, wird kaum gemeint sein. Ein Date mit Daten? Wer ausserhalb von Geheimdienstkreisen hätte Bock auf sowas?

Als Nächstes offeriert das Wörterbuch „Originaldaten“ und ich lege mir das so zurecht, dass es Daten gibt, die Originale sind, weil sie am Anfang stehen. Primärdaten, wo noch keiner dran herumgefummelt hat. Am Anfang schuf Gott die Rohdaten.

„Urdaten“? Da muss ich bereits raten. Wahrscheinlich sind damit Dinosaurier-DNA gemeint. Landeanweisungen für riesige Flugechsen mit erbsengrossem Hirn. Ungeduldige Fische, die versuchen, an Land zu kriechen, bevor ihnen Füsse gewachsen sind. Auf jeden Fall alles versteinert. Hard facts.

„Ursprungsdaten“ klingt hingegen irgendwie niedlich, fast ein wenig entschuldigend. Also ursprünglich hatten wir Daten. Dann hat jemand das Fenster offen gelassen über Nacht und jetzt sehen sie ja selber. Was für eine Bescherung! Wie soll man so arbeiten?

Faseln wir zusammen: Rohdaten sind Daten, die quasi ursprünglich sind. Es handelt sich ganz offensichtlich um etwas noch Unverändertes, wovon man ausgehen kann, weil es die Originale sind, keine Abbildungen. Rohdaten sind schlüssige Beweise für sich selber. Man sollte sie deshalb an einem sicheren Ort, am besten lichtgeschützt und bei konstanter Temperatur aufbewahren. Keine Feuchtigkeit bitte, sonst wachsen Pilze.

Wenn man sorgsam mit ihnen umgeht, mit den Rohdaten, entsteht im besten Fall eine Rohdatenmatrix. Das ist dann wirklich ein schöner Erfolg des ganzen Teams und man lässt die Korken knallen und reicht Lachs-Canapés herum.

Manchmal muss man sich aber auch mit Rohdatenmatrizen begnügen. Aber schon die sind so wertvoll, dass man sie am besten nicht ansieht, um sie nicht zu verändern.

Der grösste Feind der Rohdaten ist nämlich ihre Interpretation. Sie lauert hinter jeder Ecke, und sobald man die Rohdaten einen Moment unbewacht herumliegen lässt, fällt sie über sie her und deutet sie, bis nichts mehr von ihrer Originalität übrigbleibt. Wie eine Furie, sage ich Ihnen. Man muss wirklich aufpassen, weil sich die Daten danach nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen lassen. .

Man sollte seine Rohdaten zwar besser nicht betrachten, wegen der akuten Deutungsgefahr, aber man darf sie aus dem gleichen Grund auch nie aus den Augen lassen, weil sonst die Furie kommt.

Am besten verbringt man die Nacht bei geschlossenen Fenstern im Büro, schläft neben dem Tresor auf einer Rohdatenmatratze und träumt vom Ursprung, als es noch kein Chloringas gab, keine Kriege, keine Geheimdienste, keine Menschen die einander Scheussliches taten. Keine Menschen.

Nur Fische ohne Füsse, die immer wieder versuchten, an Land zu klettern, um beim ersten Schatten einer Flugechse, der über sie hinweg huschte, zurück ins Meer zu plumpsen.

(25.07.2014)

Unsachdienliche Hinweise

20. Juni 2014

Lassen Sie es mich gleich zu Beginn ganz klar sagen, Herr Richter, ich will Sie nicht enttäuschen und Ihnen ihre wertvolle Zeit rauben, denn ihre Zeit ist wertvoll, weil sie vom Staat bezahlt werden, und somit letztlich von dessen Bürgern: Meine Hinweise werden ihrer Sache nicht dienlich sein.

Anders als das, worum die Polizei normalerweise bittet, sind meine Hinweise völlig unsachdienlich. Was nicht heissen will, dass sie unsachlich daherkommen. Sie sind durchaus auf eine Sache bezogen, indem sie darauf hinweisen, aber sie versuchen eben auch, wenn Sie gestatten, davon abzulenken, wobei sie es so gut wie möglich vermeiden, dienlich zu sein.

Es geht meinen Hinweisen ums Prinzip und mir als Hinweisendem um die Ehre. Nicht um meine, ich bitte Sie, die steht hier nicht zur Diskussion. Es geht um die Ehre derer, auf deren Gesinnung Sie sich Hinweise erhoffen von mir. Es geht um deren Sache im Unterschied und in Abgrenzung zu Ihrer Sache. Es geht also eigentlich um die gleiche Sache.

Nur hätte diese Sache, sagen meine oppositionellen Freunde, und man muss ihnen Recht geben, sobald man einmal verstanden hat, was sie meinen, von Anfang an genauer definiert werden müssen. Wessen Sache? Worum geht es genau? Wem sollen wir Hinweise geben, worauf, auf wen? Und wem wird letzten Endes damit gedient?

Wer einen Dieb verrät, Herr Richter, da wir sind uns einig, handelt im Interesse der Bestohlenen. Auch wenn diese das ihnen nun entwendete Gut unrechtmässig erworben haben. Auch wenn sie es ursprünglich dem Dieb oder dessen Eltern und Grosseltern entwendet oder vorbehalten hatten. Mit sachdienlichen Hinweisen ist deshalb grösste Vorsicht und Zurückhaltung walten zu lassen.

Unversehens dient man sonst einer Sache und damit Herren, denen man eigentlich gar nicht dienen möchte. Damit soll nicht gesagt sein, dass ich Diebstahl gutheisse, euer Ehren. Keinesfalls. Diebstahl ist zu verurteilen, Herr Richter. Ganz klar und in jedem Fall.

Aber eben früh genug. Im Anfangsstadium sozusagen. Wenn sich die einen auf Kosten der anderen bereichern. Nicht erst dann, wenn die anderen verzweifeln und in ihrer Verzweiflung darin Zuflucht suchen, die einen zu bestehlen. Das meine ich, wenn Sie mich fragen, ob ich sachdienliche Hinweise habe. Ich habe keine. Ich habe nur unsachdienliche, und es beruhigt mich, Ihnen damit nicht gedient zu haben.