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Anmerkungen zum Verlassen

25. Dezember 2007

Auf den ersten Blick scheint alles einigermassen klar. Die, welche fortgehen, lassen etwas zurück und nehmen etwas mit sich fort. Dinge, gemeinsame Pläne, mindestens sich selber. Sie können als Reisende weder alles mitnehmen noch alles dalassen. Das leuchtet uns ein. Das erste aus Platzgründen nicht und weil sonst ja kein Grund zum Fortgehen bestünde. Das Zweite weil sie ganz ohne etwas von sich für unterwegs nie wüssten, wo sie angekommen wären, falls sie so überhaupt noch irgendwo landen könnten. Und auch weil wir wirklich nicht möchten, dass sie gehen und einfach alles dalassen. Einen Teil muss man schon mitnehmen, wenn man uns verlässt. Das sehen sie in der Regel auch so. Also nehmen sie immer etwas mit. Sachen, Eigenheiten, nie alles, mindestens aber sich, und lassen in der Regel etwas da, was sie nicht mehr wollen oder wovon sie meinen, dass wir noch Verwendung dafür haben könnten. Die einen lassen mehr zurück, die anderen weniger, immer den Rest und die Ungeschickten sogar sich selber. Und wenn sie es noch früh genug merken, kehren sie um und vielleicht sind wir noch da. Glück gehabt. Wenn nicht, finden sie so manchmal sich selber, können aber dann oft wenig mit sich anfangen.
Und die, die zurückbleiben, verlieren etwas, müssen etwas loslassen. Sachen, Zukunftspläne, mindestens einen Menschen und manchmal ein Stück von sich selber. Die am schlimmsten Getroffenen passen nicht auf und lassen sich selber mitgehen und haben dann grösste Mühe, sich irgendwann wiederzufinden, während Sture noch jahrelang ein zweites Gedeck auftischen.

Bei genauerem Hinsehen vernebelt sich der Blick. Die Umrisse der Figuren verwischen und die Rollenverteilung, ob sie uns passte oder nicht, wird unklar. Hat dieser Mensch, der fortging, wirklich etwas mitgenommen? Wenn ja: Was war es genau und was fiel ihm eigentlich ein? Und wenn es uns jetzt so fehlt, ist es dann nicht noch da?
Falls wir nur im ersten Schock gemeint hatten, etwas sei weggekommen, und mit etwas Abstand beim Inventar feststellen: Gottseidank – ausser ihr fehlt nichts! – was war es dann, was wir vorher zu haben meinten mit und an ihr? Und hat sie das, was wir lange für sie waren, weil sie es in uns sehen wollte, nicht zwangsläufig mitgenommen und uns also gar nicht zurückgelassen, weil wir so gar nie waren und nun endlich wieder da sind?

Wir holen den Fahrplan hervor und schauen nach, wo wir selber unterdessen sein könnten, wenn wir es gewesen wären, die fortgegangen wären. Das können wir auch, einfach Fortgehen. Schon lange und womöglich besser. Das, was die, die fortging, mitgenommen hat, falls wirklich etwas fehlt, hätten wir jedenfalls auch dagelassen, und es käme auf dasselbe heraus. Dort, wo sie womöglich hingereist ist, würden wir nicht einmal per Preisausschreiben hinwollen. Die Gefahr, dass man sich zufällig trifft, besteht kaum, auch wenn die Welt klein ist und wir im ersten Trennungsschmerz meinten, sie sei noch kleiner geworden, was natürlich ein Unfug ist, weil sie immer gleich gross ist, egal wo wir sind. Gepackt war jedenfalls schnell. Dies und das und das Nötigste. Und vielleicht noch jenes, als Lückenfüller. Wie ein Paar Socken, als Stopfmaterial. Damit das Notwendigste an Ort bleibt und nicht hin und her rutscht.

Am Schluss hat man bei aller Sorgfalt beim Packen doch meistens das vergessen, was man am dringendsten braucht. Wie konnten wir nur. Tragisch ist das aber auch nicht, weil dort, wo wir ankommen würden, nicht das Ende der Welt ist, sondern wieder irgendein Anfang, wenn auch nicht ein völlig neuer, weil wir ja nun da sind. Auch deshalb ein fraglicher Entschluss und am Ende der Entscheid doch richtig, auch wenn wir es nicht waren, die ihn trafen, hierzubleiben und sie gehen zu lassen. Geh Du nur. Oder ihn. Soll er doch gehen. Sie auch. Bitte nach Dir. Soll doch gegangen sein. Das Ganze möglichst geschlechterneutral. Abschiede machen uns gleich. Vor allem, wenn man die Hand nicht schüttelt, weil man sie nicht schütteln kann oder will, wenn der Aufbruch bei Nacht erfolgt und die einen noch schlafen oder der andere gleich wegstirbt.
Bei Beziehungen sollte es das gar nicht geben, die Begriffe des Verlassers und des Verlassenen. Eine Beziehung sei wie ein Raum, haben uns die Psychologen zu erklären versucht, den der eine Mensch nur verlassen könne, wenn ihm der andere die Türe geöffnet habe, mindestens einen Spalt weit. Manchmal steht die Türe aber auch sperrangel weit offen, tage- und wochenlang, und die Nachbarn reklamieren schon wegen dem Durchzug auf der Etage, und doch geht keiner fort. Oder die Türe ist fest verschlossen, alle Riegel geschoben und das Kettchen vorgehängt, und dann geht eine einfach durch die Wand oder einer springt aus dem Fenster. Alles, was man dazu sagen kann, ist dass es alles gibt in dieser Beziehung. In jeder Beziehung. Darauf verlassen wir uns.

Zurückgelassen

25. November 2004

Wo das Ganze mehr war als die Summe seiner Einzelteile, sind diese, wenn es zerfallen ist, weniger als sie selbst. Beim Hauptbahnhof in Bern, am Rande der Fussgängerüberführung bei der Schanzenpost, von der aus man zu den einzelnen Geleisen hinabsteigen kann, steht am Abend oft ein Indio und spielt auf seiner Flöte, während der Strom der Reisenden in beiden Richtungen an ihm vorüberzieht. Er hat sich im vergangenen Mai zum ersten Mal in mein Bewusstsein gespielt.
Er trägt einen traditionellen Umhang, ist klein, nicht mehr jung und verströmt eine Einsamkeit, die mich nachhause begleitet. An seinen Händen fallen, schon damals im Mai, schwarze, fingerlose Wollhandschuhe auf, die der Beweglichkeit seiner Finger abträglich sein müssen. Vor ihm liegt irgendein Gegenstand am Boden – eine Mütze, ein Schal, ein Gefäss – der die von den Passanten gespendeten Münzen aufnehmen würde.
Was er spielt, sind nicht die üblichen Weisen, die wir von einem Flötenspieler aus den Anden erwarten, der auf einem Bahnhof den Passanten musiziert. Es sind keine ganzen Lieder, nicht einmal zusammenhängende Teile einer Melodie, die uns an vermeintlich Bekanntes erinnern könnten. Es klingt im Vorübergehen wie zufällige Bruchstücke halbvergessener Passagen, denen, um Melodie zu werden, der Klang der anderen Instrumente fehlt, die seine abwesenden Gefährten früher spielten. So etwa, als hörte man von einem Sinphonieorchester lediglich den Triangel.
Wieviel schmerzloser wäre es, spielte auch er El Condor pasa. Wieviel leichtfüssiger gingen wir an ihm vorüber, würde nicht alles an ihm, sein Gesicht, sein seltsames Flötenspiel, seine fingerlosen Handschuhe, nach seinen Gefährten rufen, mit denen er vor Jahren nach Europa gereist war und damals spielend soviel Münzen sammelte, dass es jeden Abend für ein warmes Essen reichte.
Spräche man Spanisch, man würde ihn nicht fragen mögen, wo die anderen jetzt sind. Ob er sie durch Zufall verloren hat, ob sie ihn absichtlich zurückgelassen haben, weil seine klammen Finger die Melodien zu vergessen begannen. Es ist so klar wie die Sonne der Anden, die ihm hier fehlt: Er kann im Strom der Passanten stehen und musizieren, bis ihm sein Umhang auf den krummen Schultern zerfällt – sie kommen nicht wieder. Er spielt völlig umsonst.

Yul Briner ist jeden Tag rückwärts gerannt

25. Januar 2004
Da wären wir also. Mitten im neuen Jahr. Und kommt mir jetzt nicht damit, es sei erst der Anfang. Wenn man ins Wasser gestossen wird, ist man mitten im Ozean.
Und nun? Welche Optionen haben wir, so zwischen Silvester und Silvester? Haben wir überhaupt welche?
Reinhard Lettau hat es einmal so formuliert: Schriftsteller sind Menschen, die sich der Illusion hingeben, es werde ein weiteres Buch von ihnen erwartet. Er hat auch Anderes sehr treffend formuliert. Hat sich auf einzigartige Weise zu relevanten Themen wie der Frage der Himmelsrichtungen oder den Schwierigkeiten beim Häuserbauen geäussert. Und das alles aus einer der deutschen Sprache abgewandten Ferne, von jenseits des Atlantiks, wo er an einer amerikanischen Universität einen Lehrstuhl für Deutsche Literatur bekleidete, bis er kurz vor seinem Tod nach Berlin zurückkehrte, wo er bald darauf starb, weil er erst kurz vor seinem Tod zurückgekommen war. Sein letztes Buch trug den Titel „Flucht vor Gästen“. (more…)

Zweihundert Hosen zum halben Preis

25. Januar 2004

(kurze Gedanken zum neuen Jahr)

Ich schreibe den 6. Januar. Sonst macht es ja wieder keiner. Es hat endlich geschneit. Bis in die Niederungen. Natürlich zu spät für weisse Weihnachten, aber trotzdem endlich. Im Flachland sind wir schon dankbar, wenn die Natur uns relativ knapp verfehlt.
Die Bäume in den Alleen sind kahl, die Pläne karg, das Portemonnaie leer und die Heilsarmee hat sich in ihr Hauptquartier zurückgezogen. Rundum Ausverkauf. Im Schaufenster des kleinen Herrenmodegeschäfts gegenüber von meinem Bürogebäude weist ein Schild auf die bestimmt einmalige Möglichkeit hin, zweihundert Hosen zum halben Preis zu erstehen. Man sollte sich unverzüglich auf die Beine machen.
Für Verschonte wie mich bestünde ausserdem die grosse Chance, das, was einem gerade auf dem Magen liegt (mir dieses, Dir jenes), für einmal etwas weniger ernst zu nehmen und es so leichter und dadurch leichter erträglich zu machen. Einfach deshalb, weil man bekanntlich selten die Umstände, in denen man sich gerade befindet, aber praktisch immer seine Einstellung dazu selber bestimmen kann.
Oder man könnte, wenn man wollte, sich ab und zu ein wenig über die intakten Sinne freuen, mit denen man diese Welt und seinen Aufenthalt darin wahrnehmen darf. Im Grunde genommen wären nicht nur die Sinne, sondern jedes einzelne unversehrte Glied ab und zu einen Funken Dankbarkeit wert. Eine kleine Individualfeier. Du mein liebes, liebes linkes Knie! (zwanzig Sekunden streicheln). Ich gratuliere Dir zu dieser Beugung. Die hätt’ ich nie so hingekriegt.
Oder man könnte sagen: Es stinkt hier wieder gewaltig – wenigstens rieche ich noch. Die üblichen Passanten im unterirdischen Teil des Bahnhof sehen auch dieses Jahr nicht weniger trostlos aus. Wahrscheinlich deshalb, weil sie gar keine Passanten sind, sondern endlos oder bis zur nächsten Razzia hier unten herumhängen müssen. Wenn sie irgendwo hin könnten, wo es sich lohnte zu sein: ich bin sicher, sie wären schon dort. Ein unverdientes Wunder, dass ich auf zwei gesunden Beinen an ihnen vorbei gehen kann. Vorbei und die Treppe hoch in die Oberwelt, an die frische Luft.
Pass bloss auf, Scheisskälte – ich hab Dich auf der Haut! Ich werd es als erster merken, wenn es wieder wärmer wird.
Hey, ja Sie meine ich! Das hier ist meine Hand – eines der Wunderwerke der Natur bezüglich Koordination und Präzision. Mal schütteln?
Man könnte wirklich mal anders. Versuchsweise. Sich selbst zuliebe. Zur Abwechslung. Als kleine Testserie. Zur Feier des neuen Jahres. Ein neuer Ansatz anstelle eines alten Vorsatzes. Wenn nur ein Tag so gelänge, wäre ein Tag gelungen. Der hundertste Anrufer erhält einen Klaps auf die Stirn.
Wahrscheinlicher aber ist, wie die Erfahrung lehrt, dass alles so weitergeht wie bisher. Dass ich so weitergehe wie die vergangenen 30 Jahre. Die kommenden 359 Tage. Rumfurzel, Rumfurzel – Lass Deinen Frust herunter!
Sollen uns doch in Ruhe lassen, die Philosophen. So schön möchten wir es auch einmal haben – zuhause sitzen oder in einer gemütlichen Bibliothek, von naiven Erstsemestrigen angehimmelt, und über die Einstellung zum Leben  schwafeln, während sich andere Leute den Arsch aufreissen und gleichzeitig artig die Backen zusammenpressen (ein anderes Wunder der Natur). Das Leben ist so, wie es ist. Jedenfalls unseres. Einstellung hin oder her. Diesen kümmerlichen Rest Tragik lassen wir uns nicht auch noch nehmen. Unsere Trübsal ist in Jahrzehnten gewachsen. Sie lässt sich nicht einfach wegblasen. Und wer braucht schon zweihundert Paar Hosen.

Andererseits

25. November 2003

Und auf der anderen Seite (des Atlantiks) kann einer Lula heissen und wird eines Tages Präsident eines riesigen Landes. Mit riesigen Regenwäldern, einer riesigen Verschuldung, aber auch zu riesiger Lebensfreude und Ausgelassenheit im Stande – eben nicht im Stande sondern im Tanz – auf den Strassen, tagelang, nächtelang, die ganze Bevölkerung auf den rhythmischen, nimmermüden Beinen, und danach kann keine und keiner mehr stehen, aber das kümmert sie nicht, diese Bevölkerung, das danach. Nach dem Karneval ist vor dem Karneval. Do brasil.

Einerseits ist es uns angenehm, dass hier alles funktioniert, in der Regel. Auch wenn sich die Ausnahmen häufen. Da habe ich letztlich um ein Haar den Schnellzug nach Bern verpasst, weil mein Vorortszug bummelte. Einer hinter mir in den Zug hechtenden Passagierin hat es die Tasche in der Zugtüre eingeklemmt und der Schaffner hat sie auch noch angeschnauzt. Worauf ich den Schaffner anschnauzte, er soll bitte die Dame nicht anschnauzen und besser dafür sorgen, dass die Vorortzüge pünktlich eintreffen und die Anschlüsse gewährleistet sind. Und dann belehrt er mich auch noch über Anschlussregeln (wer auf wen warten muss, unter den Zügen, und wer nicht) und Laub auf den Schienen und sicherheitbedingtes Langsamfahren und unmögliche Beschleunigungen bei besonderen Verhältnissen, und den gewaltigen Sturm von gestern. Wo waren Sie, so dieses Wochenende? Fragt er mich. Nichts mitgekriegt?
Doch, denke ich, mein Fensterladen hat einmal gerattert dieses Wochenende. Der Mann hat Recht. Aber kann er auch tanzen? War er schon in Rio am Karneval, dieser uniformierte Lulatsch, der alles so vernünftig erklären kann, dass man ihm gar nicht mehr grollt?
Und ist er sich bewusst, dass wegen ihm und mir und der Frau mit der eingeklemmten Tasche und ein paar anderen Typen in der 1. und 2. Klasse (vor allem in der ersten, aber ein Zweitklassfahrschein ist kein Persilschein) die Regenwälder abgeholzt werden in Brasilien? In rasender Geschwindigkeit. Von Karneval zu Karneval werden soviele Hektaren abgeholzt, dass es auf einen verspäteten Zug und eine beinahe verpasste Sitzung in Bern wirklich nicht ankommt.
Worüber hätten wir wahrscheinlich geredet, wenn es eine Sitzung gegeben hätte, die wir jetzt nicht verpasst haben? Über den Sinn von Reisen in Länder mit Problemen, die so gross sind, dass sie uns auch betreffen? Auch der Umweltexperte verbrennt bei einem Transatlantikflug an einen Umweltgipfel in Rio soviel Energie (und zwar nicht erneuerbare), wie eine Familie in Afrika ein ganzes Jahr zum Leben benötigt. Nicht nur der Badegast, der einmal in seinem miesen kleinen Leben die Copa Cabana sehen will. All die gebräunten, knackigen Ärsche. Versteht man doch.

Einerseits sind wir dafür. Für pünktliche Züge, weiche Polster in der 1. Klasse, gutes Essen, anständige Musik aus einer schockresistenten Stereoanlage und das Recht auf Urlaub an einem sonnigen Strand, wie es in der Charta der Ausgelaugten verbrieft ist. Schliesslich arbeiten wir hart dafür. Rackern uns ab, tagtäglich, jahrein, jahraus. Alles was Recht ist.
Andererseits hat man es schwer hier mit sich und den andern. Alle sind schnell gereizt und die Sommer sind kurz. Ob ich einen Gipfel will zum Kaffee, fragt mich der farbige Mann mit der Minibar (im Oberdeck bedient sie jetzt die Railbar), und ich klaube einen Laugengipfel aus dem Sack, den er mir hinhält, reiche ihm einen Fünfliber und sage, gut so, der Rest ist für Sie. Er hat ein Lächeln drauf, das er nicht aufsetzen muss. Nicht für mich, nicht für irgendjemanden. Strahlt irgendwie von Innen heraus, ganz für sich. „Erster Fahrgast – bester Fahrgast“ sagt er noch. Dann rollt er weiter. Tanzt in Fahrtrichtung davon. Ich blicke nach hinten über meine müde Schulter (es ist fünf Uhr sechsundzwanzig, grosser Gott, und Montag noch dazu), um nachzuschauen, ob ich wirklich der erste Fahrgast bin, den er bedient hat. Tatsächlich. Hinter mir nur noch drei Geschäftsleute, in die Börsenkurse vertieft.
So schnell er auch fährt, dieser Zug, geht es mir durch den Kopf – so schnell er auch fährt, er holt ihn nicht ein, den fröhlichen Mann mit der rollenden Bar. Nie holen wir den ein. Der ist uns abgefahren. Wir sind die Bedienten.

Lassie war verschiedene Hunde

25. Oktober 2003

Lassie war verschiedene Hunde. Heute lassen wir früher nichts mehr so, wie es uns damals zu sein schien. Im Nachhinein finden wir heraus, dass alles gefälscht war, gedoubelt, immitiert. Die Echtheit der Dinge – ein altmodischer Anspruch. Etwas für kurzsichtige Antiquitätenhändler und engstirnige Diamantenprüfer.
Wichtig ist, dass etwas abgehalten wird, dass  es aufgeführt wird.
Die Gegenwart findet heute so statt. Die Zukunft schon lange. Wie vermessen, zu denken, die Vergangenheit   gerade sie, die Hure unserer Nostalgie    hätte auf andere Weise stattgefunden.

Vielleicht gab es einmal eine Zeit, als man Duplikate und Fälschungen noch besser von den Originalen unterscheiden konnte. Aber die Originale waren schon damals in der Minderzahl. Sie benahmen sich unauffällig, blieben im Hintergrund, in den gemalten Kulissen, an denen Cary Grant und Doris Day mit einem Auto vorbeifuhren, das auf einem schwankenden Block stand. Sie verhielten sich wie Kopien, um nicht entdeckt und nachgeäfft zu werden.

Lassie war verschiedene Hunde. Mindestens vier. Der eine beherrschte diesen Trick, der andere den anderen. Das Original existierte nur in unseren Kinderköpfen, als wir gebannt vor dem Fernseher sassen und unsere schwarz weisse Lassie bei ihren Abenteuern begleiteten.
Lassie war dieser fabelhafte Hund. Lassie war einmalig.
Und heute? Heute ist uns allen alles klar: Lassie war verschiedene Hunde. Der eine konnte Türfallen hinunterdrücken mit der Pfote, der andere Telefonhörer abheben und eine Verbindung nach Winslow, Arizona, herstellen, wo er jeweils einen Mr. Smith verlangte. Der dritte konnte schauspielende Kinder retten, die so taten, als würden sie gerade ertrinken. die später schwimmen lernten. Und so weiter. Und so fort. Weit fort.

Lassie war verschiedene Hunde. Fury war ein Reitstall. Flipper war eine Herde Delphine. So what?
Es hat Spass gemacht, damals. Es war alles so wunderbar gefälscht. Es war so perfekt gemacht, dass die Fälschungen und Illusionen eine Realität erreichten, von der die heutigen Originale in den Drehpausen träumen.

Winnetou stirbt im zweiten Band

25. September 2003

Zwei Gestalten im Bus. Der eine hat einen Fuss auf dem Kopf und der andere einen Anker auf der Stirne. Nun gab es ja früher auch ganze Kerle. Ein irischer Schauspieler kommt in den Sinn, der in einem Film aus den 50er-Jahren einen Feldweibel spielt, der am Tresen einer Bar zu seinem Kumpel sagt: „I once swam over the English Channel with an anvil on my chest“. Das ist schwer zu übertrumpfen, wenn man einmal davon ausgeht, dass es sich nicht um einen Schwindel handelte und der Amboss nur tätowiert war.
Ich muss zugeben, dass der mit dem Anker auf der Wollmütze mit seinem grauen Dreitagebart wirklich wie ein sturm- und wetterfester Seemann aussah. Während der bleiche Bursche neben ihm mit dem Fuss auf der Baseballmütze in gar nichts an Freitag erinnerte, wie er sich Robinsons Fuss zum Zeichen der Unterwerfung auf den Kopf stellt, weil er jetzt ja nicht gefressen wird.
Die beiden kennen sich auch nicht. Der Seemann steigt an der nächsten Busstation (Calais-Schlossmatt) aus dem Bus, ohne sich von Freitag zu verabschieden.
Die meisten Leute sagen „bis morgen“, wenn sie sich von anderen Menschen verabschieden, bei denen sie am nächsten Tag mit einer erneuten Begegnung rechnen. Dabei spielt es für die Wortwahl keine Rolle, ob die Begegnung am folgenden Tag freiwillig und erwünscht oder zwangsläufig und unvermeidbar ist, zum Beispiel beruflich bedingt.
Sie sagen „Bis morgen“, meinen aber „Also dann, wir sehen uns morgen wieder, nichtwahr? Du kommst doch? Du wirst Dir doch unterdessen nichts antun, um Himmels Willen (ins Fenster springen, aus dem Wasser gehen oder Dich unter eine Wanderdüne werfen)“ Oder: „Morgen sehen wir uns ja bereits wieder. Du musst mir also heute nicht unbedingt sämtliche Witze erzählen, die Du kennst.“ Oder: „Mein Gott – und morgen schon wieder Du. Gibt es denn kein Entrinnen? Dann wenigstens jetzt rasch nachhause und ausgiebig gurgeln.“
Einige, die sich selber gerne einmal in einem Film vorkommen sähen („Achtung, jetzt komm ich dann gleich um die Ecke – nicht einschlafen!“) oder sich unverfilmt schon ziemlich bemerkenswert finden, sagen auch „Man sieht sich“. Das muss dann nicht unbedingt morgen sein und kann durchaus warten. Man hat sich ja in bester Erinnerung.
Vielleicht kannten sich die beiden ja doch und der Seemann hat nur deshalb nichts gesagt, als er aufstand und den Bus verliess, weil wortlos so männlich wirkt. Oder Freitag will aus einer dumpfen Furcht, die er nie ganz überwinden wird, um die Mittagszeit nicht angesprochen werden.
In Dover, kurz vor Bümpliz, steige ich selber aus dem Bus. Es regnet dumpf und ich habe weder Fuss noch Anker am Hut. Trage überhaupt keine Kopfbedeckung und werde nass wie ein Anfänger, der nie in London gelebt hat. Ich nehme mir vor, mir am Wochenende die alten Geschichten mal wieder vorzunehmen. Robinson Crudo. Die Schmatzinsel. Winnetou habe ich zum letzten Mal in der dritten oder vierten Klasse gelesen. Könnte nicht einmal mehr mit Bestimmtheit sagen, ob er im zweiten oder dritten Band stirbt.

Achtung, fertig, pietätlos!

25. Juni 2003

Eine Frau hätte sich kürzlich, hat mir gestern meine Freundin gesagt, masslos geärgert über den Preis für eine einfache Todesanzeige, die sie in ihrer hier nicht namentlich genannten Tageszeitung platzieren wollte. 700 Franken, wenn ich richtig verstanden habe. 700 Franken? Ich bin schockiert. Aber wahrscheinlich waren die Preise für Todesanzeigen schon vor 18 Jahren so exorbitant, als meine Eltern starben. Bloss war ich damals so von meiner masslosen Trauer umnebelt, dass ich gar nicht nach dem Preis fragte und die Rechnung mit der  Telefonrechnung und der Rechnung des EWZ beglich, die sich unauffällig unter die Kondolenzbriefe mischten. Das Leben geht schliesslich weiter.
Worum geht es aber hier? Es geht darum, dass Menschen, die beim Eintreten des Todes eines Angehörigen unvermittelt zu Hinterbliebenen werden, ihrer Umgebung mitteilen möchten, dass ein Mensch nicht mehr existiert. Ein Mensch, den sie gern hatten, der ihnen etwas bedeutete, den sie vermissen werden. Sonst hätten sie es wohl bei einem Vermerk in den kostenlosen amtlichen Mitteilungen belassen.
700 Franken. Skandalös.
Es würde mich interessieren, von besagter, hier nicht namentlich genannter Tageszeitung zu erfahren, wie hoch die jährlichen Einnahmen aus Todesanzeigen sind. Wieviele Prozente des Budgets holt man auf diese miese Art herein? Habt ihr dieses Geld wirklich nötig, Jungs?
Gut, man kann immer argumentieren, dass die Leute ja nicht öffentlich sterben müssen, wen sie es nicht vermögen. Aber man muss sich einmal vorstellen, wohin diese schäbige Entwicklung noch führen wird.
Wenn man die Kommerzialisierung im Sektor Ableben konsequent weiterdenkt, kann sie bei steigenden Preisen  nur zu einem führen: zum Sponsoring.
Hinterbliebene, die nicht über das Geld verfügen (wir mussten uns entscheiden: ein Sarg oder eine Todesanzeige) oder es nicht ausgeben wollen, können ihre Todesanzeige sponsern lassen.
Das wird dann ungefähr so aussehen: „Nach langer, dank Panadol gottseidank schmerzloser Krankheit, ist gestern im Alter von…“. Oder: „Unser Vater, Grossvater, Onkel, Götti, Bruder und Opelfahrer ist nach einer pannenfreien Fahrt durch ein langes Leben…“. Oder: „Sie hat die ganze Süsse eines Lebens in sich aufgesogen und dabei so manche harte Nuss geknackt“ (sponsored by Ragusa). Auf diese doch recht diskrete und dezente Art (You die, wie tell!), an die wir uns bald gewöhnt haben werden (wir gewöhnen uns schliesslich an alles), lassen sich die Kosten für eine Todesanzeige in etwa halbieren. Wer für die Todesanzeige gar kein Geld zur Verfügung hat oder ausgeben will, kann Option zwei anklicken: You die – we sell!  Das sieht dann ungefähr so aus: „Als XY das Licht dieser Welt erblickte, füllte ein Computer noch das  halbe Büro seines Vaters. Heute bringt der Handheld von Toshiba seiner Enkel spielend die gleiche Leistung.“ Oder: „Du hast Dein Leben lang kommuniziert. Wir sind bestürzt, dass wir von Dir keine SMS mehr erhalten sollen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Der Ausbau des Netzes geht weiter! (sponsered by Orange- stay in Touch!). Zugegeben, bei dieser Art Todesanzeige tritt die Individualität des Verstorbenen etwas in den Hintergrund, aber gerade darin sind die Toten ja stark. Der grosse Vorteil ist, dass sich je nach Grösse und Aufmachung nicht nur die Anzeige selber, sondern die Begräbniskosten und vielleicht sogar das Leichenmahl finanzieren lassen. Bei wichtigen Persönlichkeiten, die als Gründungsvater, Globalpionier, Verwaltungsratspräsident, Zunftmitglied, und Ehrenpräsident der Sharholdergilde schon heute eine halbe oder eine ganze Seite mit ihrem Mehrfachtod schmücken, wäre natürlich noch mehr herauszuholen. „Als Mitglied der Geschäftsleitung hat er noch in seinem letzten Geschäftsjahr dafür gesorgt, dass unsere Bank (farbig, kursiv und fett gedruckt, mit blinkendem Logo) ihren Spitzenplatz im Bereich Kleinkundendramatik nicht nur behaupten, sondern gegenüber der Konkurrenz massiv ausbauen konnte. Es sind Menschen wie EX, die Jahr für Jahr dafür sorgen, dass wir unseren Kunden das bieten, was sie verdient haben: das Beste. Erich: Die Aktionäre danken Dir!“
Pietätlos, sagen Sie? 700 Franken sind pietätlos. Die Frau, die sich masslos ärgerte, habe auf die Todesanzeige verzichtet und dafür ihr Abonnement bei besagter Tagesanzeitung per sofort gekündigt. Wäre es da nicht klüger und auf jeden Fall profitträchtiger (und darum geht es ja alleine) gewesen, die Zeitung hätte die Kosten für das Inserat selber übernommen?
„Rudolf K. hat uns verlassen. Wir trauern mit seinen Angehörigen um einen lieben Vater, Grossvater, Onkel, Bruder und langjährigen Abonnenten.“

Kunst ist ein fliegendes Stück Seife

25. Dezember 2002

Meine Freundin gibt mir regelmässig Zeitungsartikel zu lesen, die ich sonst übersehen würde, weil sie nicht im Sportteil abgedruckt sind. Es sind meist (immer) interessante Artikel zu einem relevanten Thema. Oder relevante Artikel zu einem interessanten Thema. Ich bedanke mich bei ihr und lege sie auf die Seite (die Artikel). Auf den kleinen Beistelltisch neben der blauen Liege oder irgendwo auf meinen Schreibtisch zwischen die Steuerunterlagen, die zu bezahlenden Rechnungen und die angefangenen Geschichten. Dieses Wochenende waren es zwei Artikel. Ein Interview mit Susan Sontag und einen Artikel über Duchamps. Das Interview mit Susan Sontag habe ich an ihrem wöchentlichen Namenstag gelesen. Eine überzeugende Frau. Eine Frau mit dezidierten Meinungen. Und mit 68 immer noch eine schöne, schon zum Ansehen faszinierende Frau.  Dass sie mit vierzehn Proust las auf dem Fussboden tut daran keinen Abbruch. Vielleicht war kein Sofa vorhanden.
Den Artikel über Duchamps habe ich vor ein paar Minuten zuende gelesen. Im Zug nach Zürich, wo ich noch sitze, den tragbaren Computer on top of my lap.
Ich muss mich kurz äussern dazu, Geliebte. Und ich bitte Dich natürlich (natürlich bitte ich Dich darum), diesen kurzen Text (der Zug trifft in zwanzig Minuten im Zürcher Hauptbahnhof ein) ganz für Dich zu behalten. Halte ihn vor allem und um Deines Gottes Willen aus meinem Gesamtwerk raus, wenn es gierige Studenten in ein paar Jahrzehnten dereinst bei Dir abholen (Du wirst über 68 sein und immer noch, ich kann Dich vor mir sehen, eine bildschöne, schon vom Ansehen her faszinierende Frau mit einer dezidierten Meinung) – sie würden mich für einen ganz und gar ungebildeten Menschen halten und sich trotz meiner zahnlosen Meriten, die ich mir eventuell noch um die abendländische Literatur erwerben werde (sonst kämen die Studenten gar nicht, um den ganzen Karsumpel wegzuschleppen), von mir abwenden wie von einem Trickbetrüger, mein Gesamtwerk auf den Müll werfen anstatt es sorgfältig zu editieren. Und sie hätten recht damit. Völlig recht.
Harald Szeemann, steht hier geschrieben (hier wie in diesem Artikel, nicht hier wie in diesem Text, obwohl es jetzt hier auch steht), wird im Basler Museum Jean Tinguely die repräsentative Schau „Marcel Duchamps“ einrichten. Damit würde zum ersten Mal seit Venedig (1993 – Du warst damals Mitte 30) das Schaffen Marcel Duchamps, der zentralen Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts (fett gedruckt) in einer grossen Ausstellung gezeigt. Aha.
Da bin ich jetzt allerdings gefordert. Ich könnte den Artikel zur Seite legen, auf dem Sitz liegen lassen (pro Jahr entsorgen die Putzequipen der SBB einen ganzen, ziemlich langen Güterzug voll Müll – hauptsächlich gelesene und ungelesene Zeitungen – welchen die Passagiere liegen lassen). Ein Zug ist keine Toilette, die man so hinterlässt, wie man sie gerne antreffen würde.  Ich wische mit einem Zusatzpapier meinen Scheiss vom inneren Schüsselrand, weil mich das anwidert, wenn ich eine Toilette in diesem Zustand antreffe). Das könnte ich tun, aber ich merke, dass ich mich mit der WC-Schüssel bereits auf Marcel Duchamps eingelassen habe. Auf sein teuflisches Spiel.
Ich will versuchen, das Ganze irgendwie einzuordnen, damit ich es verstehen kann. Ich wenigstens. Das würde mir bereits reichen.
Beginnen wir vorne. Dieser Szeemann – hat der nicht zuletzt Aufsehen damit erregt, dass er das Zürcher Kunsthaus verpackt hat?  Oder verwechsle ich ihn? Hat der seine Karriere bei Ayax Amsterdam begonnen und spielt heute bei Inter Mailand? Oder heisst der Seedorf? Hat jedenfalls am Wochenende ein wunderschönes Tor geschossen. Von der Strafraumecke aus. Aus dem Stand. Der Torhüter hat kaum reagiert. Als stünde er in einem Freiluftmuseum. Duchamps hätte gesagt: Ein Torwart entsteht, indem man einen Mann in kurzen Hosen und einem Trikot nimmt und ihn in ein Stadion stellt. Man darf ihn nicht ankleiden, trainieren und womöglich noch bezahlen. Man darf ihm auch nicht sagen, warum man ihn in ein Stadion führt und ihn dort zwischen zwei Aluminiumpfosten stellt. Hätte Duchamps gesagt. Und er hätte es einen readymade Torwart genannt. Obwohl er dann in den entscheindenden Momenten nicht bereit gewesen wäre. Not ready at all.
Ich habe Duchamps vor allem von der letzten Weltmeistermannschaft der Bleus in Erinnerung. Einer der vielen brillianten Techniker, die auch noch kämpfen können. Ein genialer Rackerer. Keiner der ganz grossen Stars wie Zinfandel Zinnsoldat. Ein Mosaikstein im Gesamtkunstwerk des französischen Nationaltrainers, das er im WM-Final 1998 den Brasilianern überreichte, die davon schlicht überwältigt waren und es kaum annehmen konnten, dann aber doch mussten. Aus Freundlichkeit des Gastes. Dieser Dugarry also, oder Duchamps (wer weiss das so genau), stellte, wenn er nicht gerade Fussball zelebrierte und dabei Brasilianer vorführte, readymades her. Dinge, soll er gesagt haben, die rein dadurch (und nur dadurch) Kunst werden, dass man sie von da, wo sie gerade sind, wegnimmt und in ein Museum stellt. 1917. Ein Urinal. Ein Fanal.
Keiner, sagt dieser Artikel, sagt Szeemann, sagt der französische Nationaltrainer, keiner (keiner) sei im 20. Jahrhundert um dieses Urinal herumgekommen. Deshalb sei es das Zentrale Dings der Kunst des 20. Jahrhunderts (fett gedruckt).
Meine Damen und Herren: Ich gebe hier und jetzt vor Ihnen zu, dass mir Duchamps nur vom Namen her ein Begriff war, bevor ich diesen Artikel (diesen da) gelesen habe. Er kommt einfach nicht oft genug im Sportteil vor. Aber ich muss hier als einer, der nicht Kunstgeschichte studiert hat, eines einmal ganz klar sagen (mir): Bloss weil Harold Seedorf nach einem Dreivierteljahrhundert (und zwei vorzeitigen Trainerentlassungen) in Basel eine Gesamtschau verpackt, weil weder Andy Warhol, Joseph Beuys, Franz Beckenbauer noch Fatzke Padopulos noch sonstwer, der in meiner Küche schon einmal eine Installation gemacht oder auf irgendeinem Nebenplatz einmal hinter’s Tor geflankt hat, oder den Namen Madonna ausgesprochen, ohne an Pop zu denken, bloss weil Basel zum ersten Mal seit zwei bis drei Jahrzehnten wieder Meister werden könnte und Guerrero nach seiner letzten Verletzung vielleicht nie wieder Fussball spielt: deswegen muss man sich doch nicht gleich zu diesem idiotischen und völlig unhaltbaren Superlativ versteigen (fett gedruckt).
Ich gebe zu, der Mann hatte ein gewisses Format. Gute Technik. Viel Überblick. Und originell war er auch. Hinter der Viererabwehrkette. Aber die zentrale Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts? Welche Kunst? Welches Jahrhundert? Es gibt keine Kunst. Es gibt keine Kunst des 20. Jahrhunderts. Es gibt kein 20. Jahrhundert. Es gibt in jedem Jahhundert eine unheimlich grosse Zahl unheimlich kreativer und talentierter Menschen, die Kunst schaffen. Und es gibt in gewissen Zeiten dermassen originelle Schaffer, dass sie mit ihrer Kunst andere Künstler  begeistern und beeinflussen und dann entsteht eine Bewegung, eine Kunstrichtung, über die dann endlos geschrieben wird von Leuten, die darüber endlos schreiben können (auch eine Kunst). Und dieser Duchamps, den ich überhaupt nicht kenne (mir aber vielleicht die ihm gewidmete Ausstellung anschauen gehe, bevor sie in Basel mit den Vorbereitungen zur Meisterfeier beginnen und man als Zürcher nicht mehr hin kann), der war bestimmt genial. Er musste wahrscheinlich überhaupt nichts mehr an sich manipulieren. Alles, was er mitnahm, wurde dadurch, dass er es irgendwo liegenliess, zu Kunst. Ein ganzer Güterzug voll pro Jahr. Ich will an seiner Bedeutung für die SBB überhaupt nicht herumdeuteln. Ich habe auch mit Ronda Shearers Theorien kein Problem, die Duchamps vorwirft, und diesen Vorwurf mit akribischen Recherchen erhärtet, er hätte eben doch an seinen angeblichen readymades herumgefummelt und sei deshalb ein, wenn auch sympathischer, Betrüger. Ich bin sicher, das tut Duchamps Ruf wenig Abbruch. Gewonnen ist gewonnen, ganz egal wie. Da ist der Sport von einer befreienden Klarheit. Im Gegenteil: In ein paar Jahren wird es jemanden geben, jemanden oder eine vollzählige Studiengruppe, welche sich mit Ronda Shearers Forschungen und Theorien zu Duchamps auseinander-setzen wird. Man wird in akribischen Studien beweisen, dass sie bei den Bildern und Gegenständen, mit denen sie beweisen wollte, dass Duchamps seine readymades manipuliert hatte, herumgefummelt hat. Und ein paar Jahre später wird eine Studiengruppe in Tübingen beweisen können (oder mindestens ernsthaft den Versuch starten), dass diese AntiRondianer (die Gegenshearer) bei ihrer Schmutzkampagne gegen die Gattin von Professor Gould in Tat und Wahrheit schummelten. Und irgendwann wird ein Einsiedler im Harzgebirge über den Sinn des Lebens nachdenken bis er von einem altersschwachen Baum erschlagen wird. Und über all dem wird Duchamps thronen, der begnadetste Dribbler, der je in einem WM-Final gstanden hat. Er habe, hat neulich einer seiner ehemaligen Teamkollegen in einer Dokumentation zum 100. Genurtstag von Real Madrid am Fernseher dem unsichtbaren Interviewer anvertraut (ein weisshaariger Mann, der aussah, als habe er sein Leben wirklich genossen), in der Dusche manchmal ein Stück Seife in die Luft geworfen und mit der Innenseite des Fusses aus der Luft gestoppt. Vielleicht der begnadetste Fussballer aller Zeiten, dieser Duchamps.

Aufhören für Anfänger

9. September 2001

Man sagt uns hier nicht alles. Ich fahre zum Beispiel mit dem Zug kurz vor oder nach Burgdorf  an einer Maschinenfabrik vorbei und denke, schön: Wir haben hier eine Maschinenfabrik. Aber wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Maschinenfabrik Maschinen bauen? Und wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Fabrik die Maschinen bauen, mit denen sie dann – Sie wissen, was ich meine. Sitzt irgendwo einer im Wald, dort wo er noch dicht und geheimnisvoll ist und unverjoggt, auf einer Lichtung, die ihm einmal aufgegangen ist, vor seiner Hütte und bastelt von Hand die Teile, aus denen man dann die erste Maschine baut? Ich meine den Ursprung der Dinge, vestehen Sie? Er wird uns verheimlicht. Dadurch, dass alles rund um uns herum und dank uns und mit uns (übrigens auch ohne uns) auf Hochtouren läuft, wird andauernd der Anfang vertuscht und das Ende verpfuscht. Nur schon die Frage nach dem Anfang kann kaum aufkommen, (more…)