Unvergesslich

5. Dezember 2012

Unvergesslicher Tag

Für dumm verschenkt

4. Dezember 2012

Heute schien die Sonne. Wenn die Sonne scheint, sieht hier gleich alles ganz anders aus. Wunderbar nämlich. Die Luft ist klar, wenn auch kaum rein, es ist kalt und eben: hell. Man  kann an solchen Tagen nicht nur alles glasklar sehen, sondern mit von der Kälte gewecktem Verstand auch das Meiste verstehen. Jedenfalls meint man das. Ein prächtiger Tag.

Nur scheint sie eben hier nicht sehr oft, die Sonne. Vor allem nicht zu dieser Jahreszeit. Gestern war alles dunkel und bedeckt, wie oft hier, sagte mir ein Einheimischer, und ich fügte dem hinzu, als ich später etwas ratlos in den düsteren Park vor meinem Bürofenster blickte: Walter, Walter – nimm Dich in Acht vor Dir. Du treibst wieder einmal gefährlich gegen das Jahresende zu. Denke daran: Die Zeit ist eine flache Scheibe, und der 31. Dezember vermutlich ein steil abfallendes Kliff, von dem man in die Fluten des Vergessens stürzt. Vielleicht ist das aber auch ein dummer Aberglaube und der letzte Tag des Jahres ist in Wirklichkeit eine Schallplattenrille mit einem Hick drin, wodurch die Nadel zurück auf den 1. Januar springt und alles beginnt wieder von vorne. Wollen wir wetten?

Jedenfalls ist der geschäftige Oktober vorüber, und auch der November, der sich wie eine lästige Tante jedes Jahr zwischen ihn und die Festtage zwängt, ist gottseidank wieder abgereist. Der Dezember ist mit seinen belanglosen Terminen nicht mehr sehr ernst gemeint. Allenthalben heidnische Lichterfester und Weihnachtsempfänge und das Ganze garniert mit ein wenig Sehnsucht im Feuilleton. Das Fernweh im Bodennebel produziert Reisebeilagen im Vierfarbendruck. Nicht, dass auf der Welt nichts Ernsthaftes oder Scheussliches mehr geschieht, keine Sorge. Immer mehr Langzeitarbeitslose und Ausgesteuerte. Vorrückende Rebellenarmeen, die sich entweder festsetzen, im Kreise der Zivilbevölkerung bombardiert werden oder unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein Staat möchte dem Vernehmen nach gerne einen andern in die Steinzeit zurückbomben. Ein anderer Staat lässt selbstgebastelte Raketen steigen wie ein kleiner, trotziger Junge. Regierungen in für Handelsbeziehungen und Investitionen vorläufig salonfähigen Staaten foltern im Hinterzimmer der Verhandlungen in aller Ruhe weiter und unsere Anleger legen weiterhin fleissig an, während Ohnmacht International einen weiteren Bericht vorlegt, der auf dem Schreibtisch der Decision Makers von sinnlosen Neujahrskarten mit eingescannter Unterschrift zugedeckt werden wird.

Menschen, die nicht über Anlagevermögen verfügen, werden derweil noch ärmer (wir hätten nicht gedacht, dass das noch geht), unsicherer und krank. Alles psychosomatisch und sowieso eingebildet. Fabrikhallen stehen leer. In anderen Ländern sind sie mit Kindern gefüllt, aber das wussten wir nicht. Rohstoffhändler brauchen im Vergleich nur ein ganz kleines Büro mit Laptop. Die Daten up in the cloud, gegen Abstürze versichert. Aber niemand in dieser Seilschaft ist wirklich in Sicherheit. Geschmeidige Finanzhaie in Massanzügen ruinieren als unfreiwillige Rächer Legionen von Anlegern und tauchen dann elegant zwischen ahnungslosen Verwaltungsräten ab, die ernüchtert auf einen Teil ihres Honorars verzichten. Das tröstet dann auch niemanden richtig. Das Sprichwort sagt es schön: Springt ein Reicher von der Brücke, gereicht‘s dem Penner nicht zum Glücke. 

Was tun? Am besten schaut man sich am Abend alte Filme an. Zwei Menschen, die einander versprechen, dahin, wo sie sich im Augenblick gerade befinden, nie wieder zurückzukehren, weil es nie wieder so schön werden kann, wie es gerade ist. Oder ein biederes Paar in den 50er Jahren, das sich grundlos betrügt und erst recht liebt. Das ganze schwarz-weiss und trotzdem mir nicht ganz klar. Dazwischen ein umgekippter Bus, der wie ein Fetzen aus einer Nachrichtensendung auftaucht (hat jemand umgeschaltet?) und überhaupt keinen Sinn macht, auch auf Japanisch nicht.

Und was schenken wir einander diesmal zu Weihnachten? Noch mehr Bücher? Weil wir ohnehin schon zu viele davon haben und es auf ein paar Titel mehr, die wir nie lesen werden, nicht mehr ankommt? Bücher fallen zwar beim Umzug ins Gewicht, aber sie wiegen zwischen den Umzügen nicht schwer. Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, habe ich zweimal gelesen, ohne mein Leben zu ändern.

Natürlich versuchen wir, für jede Person passende Bücher auszuwählen. Auch das, was wir liegen lassen, sollte zu uns passen. Einem guten Freund hätte ich zum Beispiel gerne „Goethes gesammelte Tippfehler“ geschenkt, aber das Buch existiert nicht einmal vergriffen. Stunden im Antiquariat vergeblich mit meiner Stauballergie gerungen. Wahrscheinlich aus dem simplen Grund, dass sich Goethe nie vertippt hat. Der konnte das gar nicht. Das weiss ich, ohne ihn gelesen zu haben. Weil er schon ein paar Jahre tot war, als der erste Text auf einer Maschine aus Holz getippt und bald darauf der Tippfehler erfunden wurde.

Ich nehme an, sogar der grosse Goethe hat sich ab und zu verschrieben oder versprochen, aber vertippen lag schlicht nicht drin, womit ihm auch das oft vergnügliche und inspirierende Lesen von Tippfehlern anderer vergönnt blieb. Johann Wolfgang von Goethe was a German writer, artist, and politician, who never committed a typo.

Tut mir leid, Johann Wolfganz, da hast Du eine wunderbare Dimension verpasst. Und das sage ich nicht nur so leicht dahin. Das ist eine Tastsache. Aber lassen wir das. Ist heute eigentlich kein Thema mehr. Alles korrekt hier. Jedes Textprogramm kann das korrigieren. Vieles ist heute kein Problem mehr, bei den uns zur Verfügung gestellten unbegrenzten Möglichkeiten.

Wenn ich zum Beispiel vor der Erfindung des Internets in der NZZ gelesen hätte, Thomas Minder (Schaffhausen, parteilos) habe per Motion gefordert, die Sitzzuteilung bei den Nationalratswahlen nach dem doppelten Pukelsheim vorzunehmen, hätte ich annehmen müssen, ich, Walter Haffner (Riga, clueless), sei ungebildet oder man wolle mich für dumm verkaufen.

Heute google ich das und treffe sofort auf Friedrich Pukelsheim, einen Mathematiker, den ich nachher wieder vergessen darf. Google ist fantastisch. Und völlig umsonst. Man kann sich mit dem Geld, das man früher für ein Konversationslexikon in 24 Bänden ausgegeben hätte, ein schön furniertes Büchergestell bequem nachhause liefern lassen. Zuhause angekommen ohne am unterwegs veralteten Lexikon schwer getragen zu haben, merkt man dann, dass man das Büchergestell auch nicht mehr braucht. Wirklich, wir leben in wunderbaren Zeiten. The world wide web. The information cloud. Die ganzen schönen Daten über und für uns. Das Misstrauen gegenüber den Systemen schenken wir uns. Weihnachten hin oder her. Uns führt so leicht keiner mehr hinter das Licht. Dafür sind wir zu gut informiert. Heute muss sich keiner mehr für dumm verkaufen lassen. Und schon gar nicht umsonst.

so weiter

9. November 2012

Lange gebraucht

9. November 2012

Auch Schubert habe, hörte ich bei einem Besuch in der Schweiz eine Frauenstimme im Radio sagen, als ich gerade die Küche betrat, um eine Tasse Kaffee zuzubereiten, lange gebraucht. Ich weiss nicht wofür, weil ich die Küche wieder verliess und die Sendung nicht weiter verfolgte, aber es wundert mich nicht, bei mehr als 700 Liedern.

Die zunehmende Unvereinbarkeit seiner Lehrerstelle mit dem Komponieren und seine zahlreichen Versuche, sich als Komponist zu etablieren, haben ihm Mühe bereitet. Er hätte bestimmt Allergien entwickelt, wäre das damals schon üblich gewesen. Die Musik-Verlage wollten seine Werke partout nicht. Goethe soll ihn verschmäht haben. Ludwig van Beethoven liess ihn, jung verstorben, nicht lange neben sich liegen. Robert Frank hat ihn nie fotografiert. Was immer es war, wofür er offenbar lange gebraucht hat, er hatte wenig Zeit dafür.

Vielleicht habe ich mich auch verhört, als ich in die Küche trat und sie gleich wieder verliess. Möglicherweise war es Schuman, nicht Schubert, der lange gebraucht hat. Und vielleicht war es die Stimme eines Mannes, nicht einer Frau, die durch das offene Fenster zu hören war, denn da war kein Radio, wem auch immer die Küche gehörte. Dann wäre es allerdings Frühling gewesen und schade, dass ich nicht selber draussen war. Wenn es tatsächlich Schuman war, hätte mich das an eine Passage auf dem Pink Floyd Album „The Wall“ erinnert, wo man beim Intro eines Songs jemanden in einen leeren Raum hinein fragen hört „…Schumann?“

Mich mit Gewissheit an etwas zu erinnern, fällt mir zunehmend schwer. Kann ich mich noch auf mich verlassen? Womöglich erfinde ich das alles gerade, und lege es mir dann als Erinnerung zurecht, weil ich es schlecht ertrage, dass mir die Vergangenheit abhanden kommt. Bald kann jede und jeder im Zusammenhang mit mir irgendetwas behaupten, und ich frage dann nur: „Wirklich ich?“, kann aber nicht widersprechen.  

Vielleicht war es weder Schubert noch Schumann und es war auch nicht Vormittag, sondern die traumschwere Zeit nach dem Mittagessen. Ich trat gar nicht in die Küche, wo jemand (wer hätte das sein sollen?) das Radio angemacht hätte und dann das Haus verliess, ohne es vorher auszuschalten, sondern ich lag die ganze Zeit wie ein Mehlsack im oberen Stockwerk auf einem schwarzen Sofa und döste vor mich hin, weil ich zu viel gegessen und keinen eigenen Hausschlüssel hatte. Wann kommen die bloss nach Hause? Oder sind sie schon wieder da und haben mich nur nicht geweckt? Und wieso haben sie so lange gebraucht?

Lizenz zum Nerven

8. November 2012

Die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen

8. November 2012

Es habe Robert Musil, so las ich heute in einem Zeitungsartikel, inklusiv Vorgespräche mit seiner Frau einmal einen ganzen Tag gekostet, um dreiseitige Briefkonzepte zu entwerfen mit dem Ziel, sie gegen Vorwürfe zu verteidigen. Zeit, die ihm, so kommentierte der Verfasser des Artikels diese Berechnung, für den „Mann ohne Eigenschaften“ fehlte.

Ich sass über Mittag in einem Café in Riga und ass ein Sandwich, als ich den ansonsten interessanten Artikel über Musil und sein fotografisch dokumentiertes Auftauchen in einem Gerichtssaal in Berlin las. Ich stolperte buchstäblich über diesen blödsinnigen Satz und war froh, dass ich schon sass, weil ich sonst garantiert hingefallen wäre, mein Kaffee über den Boden verteilt (ich staune immer wieder über die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen) und mein Sandwich im von draussen hereingetragenen Dreck, denn es regnete.   

Musil hätte sich, so stand weiter oben im Artikel geschrieben, bei Angriffen auf seine Frau wie ein Ritter für seine Dame geschlagen. Na gut. Das lassen wir als Eigenschaft durchgehen. Ritterlichkeit. Sich vor seine Frau stellen und sie verteidigen gegen die Welt. Schön. Das erwarten wir im Rahmen einer Partnerschaft sogar heute noch so, wo die Frau selbst ihren Mann stellt.

Was aufstösst und was, wie ich vermute, auch Musil aufgestossen wäre, aber ich bin nicht sein Biograf, ist die Verrechnung der Zeit eines Schriftstellers. Wie viel besser wäre Anna Karenina geworden, wenn Tolstoy die einzelnen Kapitel noch einmal sorgfältig überarbeitet hätte, bevor er sie der Zeitschrift „Der Russische Bote“ zur Veröffentlichung übergab, anstatt zwischen 1873 und 1877 hochgerechnet jeden Winter rund 12 Stunden (einen ganzen halben Tag!) damit zu vergeuden, sich die tropfende Nase abzuwischen? Es kümmert doch heute keine Sau, lieber Leo, wie das womöglich ausgesehen hätte, wenn Deine Rotze dauernd auf Deinen Mantel getropft wäre. Es geht um Dein Werk. Alles andere hättest Du Dir schenken können. Hörst Du mir überhaupt zu?

Oder Günter Eich. Du meine Güte. Wie unheimlich knapp und genial verdichtet wären seine Gedichte, hätte er darauf verzichtet, immer wieder mit Ilse Aichinger zu plaudern? Und wie gewaltig erst würde ihr eigenes Werk heute nachwirken, wenn sie ihn, wenn er sie wieder einmal tratschend versäumen wollte, konsequent ausgebremst hätte („Halt die Klappe, Gü! Mach erst mal Dein Werk fertig.“).

Man stelle sich für einen kurzen Moment die Weltliteratur vor, wenn sich unsere Lieblingsschriftsteller auf ihr Werk konzentriert hätten, anstatt auf das Leben. Alles, was uns jetzt schon begeistert, obwohl die sich dauernd ablenken liessen, diese hochbegabten Trottel, wäre noch einmal unheimlich viel tiefsinniger, spannender, poetischer und – gerade jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte länger werden, ein wichtiger Aspekt – umfangreicher geworden. Nur schon die Leiden des jungen Zoowärters in 24 Bänden. Einfach Fabelhaft. Ich könnte mir weitere Beispiele vorstellen, aber ich muss hier aufhören, denn auch ich vergeude meine Zeit, obwohl ich nicht wirklich weiss, was ich sonst mit ihr anfangen sollte.

 

Kleine Katastrophen

9. Oktober 2012

Abgemacht!

5. Oktober 2012

(Zur Möglichkeit einer Besuchsreise an braufreien Tagen – an Stelle eines Leserbriefes)

Sehr geehrter Herr Hermann,
ich habe Ihren Artikel über die Lemken mit Begeisterung gelesen, und ich bin kein Mensch, der sich billig begeistern lässt. Was für ein Volk, das Kräuterstaub auf seinen Bierschaum streut und auf den Boden des Bierglases ein Schnapsgläschen stellt. Ich wusste sofort, dass ich Ihnen schreiben würde, um Ihnen spontan zu gratulieren für diesen gelungenen Artikel, mehr noch für dieses fast verschwundene Volk, das Sie uns in Erinnerung rufen, obwohl wir es nie vergessen haben. Wir haben ganz einfach nie etwas davon gewusst. Ich jedenfalls nicht. Vielleicht konnte es deshalb fast ganz verschwinden. Lässt sich diese bedauerliche Entwicklung noch aufhalten?

Lieber Herr Hermann,
leider verfüge ich nicht über Ihre Anschrift, weshalb ich mich an Ihre Zeitung wenden muss, wobei ich Ihnen versichern möchte, dass ich sonst nie Leserbriefe schreibe. Es ist nicht meine Art. Ich lese sie auch kaum und als ich es vor vielen Jahren einmal tat (ich war in den Ferien auf einer kleinen Insel ohne Druckerschwärze), weil es buchstäblich nichts anderes zu lesen gab, habe ich mich gefragt, ernsthaft gefragt, ob ausser mir dieses eine Mal in den Ferien überhaupt je jemand Leserbriefe liest, die er nicht selber geschrieben hat. Am ehesten hätte ich dies vielleicht meiner Mutter zugetraut, die selber ab und zu Leserbriefe schrieb (ich habe sie aufbewahrt und kann sie Ihnen bei Gelegenheit und einem Glas lemkischem Bier einmal zeigen).
Meine Mutter kümmerte sich um das, was in ihrer nahen Umgebung vor sich ging, sie nahm Anteil daran, und wenn sie das Gefühl hatte, sich dazu äussern zu müssen, weil es sich ihrer Ansicht nach in die falsche Richtung entwickelte und weil sie etwas Vernünftiges dazu zu sagen hatte, tat sie es. Mein Vater funktionierte anders. Er las über die ganze Welt und ärgerte sich in unserer Wohnung. Er hätte nie einen Leserbrief geschrieben. Das lemkische Bier hingegen hätte er probiert. Und er hätte nachgeschaut, wo Krynica-Zdroj liegt. In einem sperrigen Atlas, denn damals gab es noch kein Internet.

Lieber Herr Hermann,
am meisten fasziniert, ich gebe es zu, hat mich das von Ihnen erwähnte Unterscheidungsmerkmal, dass sich nämlich die Bojken, ein anderes in ihrem Artikel urplötzlich auftauchendes fast verschwundenes Volk, von den Lemken nach dem Wort für „weil“ unterscheiden lassen, welches auf Lemkisch „lem“ und auf Bojkisch „bo je“ lautet. Das ist so gut, dass es erfunden sein könnte.

Man möchte am liebsten gleich Ferien eingeben und zunächst in die polnischen Beskiden fahren und danach in die Ostkarpaten. Oder umgekehrt oder gleichzeitig. Ich bin mit der dortigen Geografie nicht vertraut. Leider geht das aber im Moment nicht, und ich befürchte, weil ich mich kenne, dass ich es nicht schaffen werde, irgendwann hinzufahren, um selber nachzusehen, was los ist. Ich werde mir nicht einmal Mühe geben, eine Ausrede zu finden. Ich werde mich einfach mit anderen Dingen beschäftigen lassen. Vielleicht mit einem anderen Artikel in der Rubrik „Aufgefallen“, der mich kurz faszinieren wird. Dann werde ich ihn wieder vergessen, wie die von Ihnen erwähnten beiden Völker. Trotzdem reut es mich im Moment noch, dass es nicht klappen wird. Können Sie mir die Lemken vielleicht irgendwann an ihren braufreien Tagen auf einen Kaffee herschicken? Viele können es ja nicht mehr sein. Reicht ein bequemer Reisebus? Selbstverständlich sind mir die Bojken auch willkommen. Ich ändere schon mal das Asylgesetz, falls sie ein wenig länger bleiben wollten, und mach den Kaffeetisch frei.

Right when proven wrong

5. Oktober 2012

Die brauchen das Pferd

3. Oktober 2012

(Anmerkungen eines gross gewordenen Kindes zu St. Martins Mantel)

Auf der Schweizer 100-Franken-Banknote, welche 1957, im Jahr vor meiner Geburt, in Umlauf gesetzt wurde, zerschneidet St. Martin mit ritterlicher Geste seinen Mantel, um ihn mit einem an einer Felswand angelehnten, halbnackten Bettler zu teilen, der in so fürchterlichem Zustand dargestellt ist, dass es für den Betrachter unklar ist, ob er überhaupt noch lebt, und ob die Hälfte von St. Martins Mantel nicht viel eher dazu dienen wird, seinen Leichnam zu bedecken, als seinen ausgemergelten Körper zu wärmen.

Als Kind hat mich diese Banknote, obwohl ich sie des hohen Betrages wegen, der damals noch etwas wert war, nicht allzu oft sah, fasziniert. „Was macht dieser Ritter da?“ Habe ich meine Mutter gefragt, als ich die Banknote zum ersten Mal sah. Und sie hat mir erklärt, dass er seinen Mantel zerschneide, um die Hälfte davon dem Bettler zu geben, der nichts zum Anziehen hat. Das hat mir Eindruck gemacht. Ich mochte wie jeder Junge Ritter mit Schwert und Rüstung, aber ich war bis dahin noch keinem begegnet, der unter einem blassen Mond seinen schönen Umhang zerschneidet, um die Hälfte davon weg zu geben, während sein Pferd den Kopf in die Höhe reckt und weiter möchte.

Als der alte Hundertfrankenschein neulich in einem Zeitungsartikel über die Geschichte der Schweizer Banknoten abgebildet war, hat er mich erneut in seinen Bann gezogen. Irgendwie habe ich mich augenblicklich wieder wie ein kleiner Junge gefühlt. Offenbar klappt das nicht nur mit Süssgebäck, Düften und Musik, dass wir unmittelbar in ein vergangenes Gefühl und im Sog dieses Gefühls in eine frühere Zeit versetzt werden. Es scheint auch mit dem Anblick der Reproduktion einer alten Banknote zu klappen. Auf der Suche nach der verlorenen Barmherzigkeit, von Marcel Pust (verschwundene Ausgabe, Verlag Neuerzaster & Kitsch).  

Die nicht mehr gebräuchliche Banknote beeindruckt mich noch immer. 1957, so suggeriert dem Leser des Zeitungsartikels die Bildlegende, war der mantelzerschneidende St. Martin ein typisches Motiv der Nachkriegszeit. Die vom Krieg verschonte Schweiz wird durch die Nationalbank künstlerisch überzeugend zu Solidarität und Barmherzigkeit aufgefordert. Der Krieg ist nicht nur vorbei, Leute, er hat hier nie stattgefunden. Also teilt euren Mantel, seid so gut. 

Gegen diese Aufforderung ist nichts einzuwenden. Sie ist im Gegenteil bemerkenswert, indem die barmherzige Geste nicht auf einer Briefmarke oder einem Spendenaufruf abgebildet ist, sondern auf einer Schweizer Banknote, einem Symbol für Sicherheit, Kaufkraft und nationalen Wohlstand. Sie erwischte den Besitzer so vielleicht auf dem falschen Fuss, bevor sich dieser in einem teuren, nach neuem Leder riechenden Schuh räkeln konnte.

Barmherzigkeit und Teilen sind heute, wo die oft zitierten Scheren zwischen Wohlstand und Armut so weit geöffnet sind, dass grösste Mühe hätte, wer sie zu schliessen versuchte und damit seinen Mantel zerschneiden wollte, wichtiger denn je. Wichtiger und dringender, denn der an die Felswand gelehnte Bettler wurde von der Wohlstandsgesellschaft ins Dauerkoma versetzt und der Fels hinter ihm ist hohl, kann jeder Zeit einstürzen. Beeilen wir uns also zu tun, was wir noch tun können.

Nur muss ich der Ehrlichkeit halber gleich anfügen, dass das nicht reichen wird. Die Hälfte des Mantels reicht heute nicht mehr. Auch der ganze Mantel wäre nicht genug. Die Rüstung ausziehen und das Schwert abgeben wäre ein Anfang, denn sie sind unheimlich teuer, aber auch das reicht noch nicht. Die Bedürftigen brauchen das Pferd. Das aber wollen wir ihnen nicht geben. Aus wohlbegründeter Angst, sie könnten, unserer sporadischen Barmherzigkeit überdrüssig geworden, davonreiten und nie mehr wiederkommen.