Gelegenheit macht Frieden

26. Juli 2013

(über Abgeschriebenes, keimfreies Töten und Gelegenheitsfenster)

Erstaunlich eigentlich, dass wir weiterhin brav jeden Tag Zeitung und Internetnews lesen, bei all dem wiedergekauten Gefasel, das man uns täglich serviert. Aus Spargründen setzen die Medien immer weniger Korrespondenten ein, die sich vor Ort informieren. Immer öfter jonglieren gut angezogene, smarte Berufsleute in den heimischen Redaktionen so lange mit Agenturmeldungen und Wikipedia, bis sie selber glauben, einen authentischen Artikel über ein Ereignis in einem fernen Land verfasst zu haben. Ein guter Tag war das. Ab in die Tapas Bar!

Das ganze macht ja, wenn man es sich in der Sommerhitze und ohne Kopfbedeckung lange genug überlegt, absolut Sinn. Wir leben im Zeitalter, wo ganz normale eight to five Büroangestellte irgendwo in Virginia am Computer sitzen und Drohnen in Afghanistan per Mausklick ihre tödlichen Raketen abfeuern lassen, bevor sie (Oh my God, how time flies!) gegenüber in der Mall ein leckeres Sandwich und einen Double tall skimmed latte zum Lunch holen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit war richtige Menschen töten so abstrakt und keimfrei möglich. Wenn man diesen fürchterlichen Fortschritt mit dem Trend zur Heimarbeit zusammenbringt, die irgendwann das einzige taugliche Mittel gegen das Verkehrschaos sein wird, wird die Perversität noch offensichtlicher.
„Lunch, Darling! The kids are waiting already“.
„Coming, sweetheart! I’ll just quickly finish off some terrorists, OK?“
“No problem, honey. Don’t forget to wash your hands“.

Aber zurück zu den Medien. Die Redaktionen sind nicht die einzigen, die uns regelmässig mit Unrecherchiertem abspeisen. Auch den Auslandkorrespondenten sollte man nicht ausnahmslos und unbesehen alles glauben. Es ist mir zum Beispiel schleierhaft, wie einer in Beirut sitzen kann, und von dort aus locker den Puls der israelischen oder palästinensischen Psyche fühlt. Oder wie einer aus Athen freihändig über die Türkei berichtet und bei Bedarf ganz präzise beschreiben kann, wie ein Angstfurz eines Demonstranten auf dem Taksimplatz in Istanbul riecht.

Meistens wird nicht selber Beobachtetes oder Miterlebtes berichtet, nicht einmal durch Konsultation anderer Quellen Verifiziertes, weil es eilt, sondern es wird dem Leser Gelesenes oder Gehörtes weitergereicht, weil die Quelle offensichtlich an den gleichen Gott glaubt. Man kennt sich ja und weiss mit der Zeit, wer für welche Sache einsteht und wer gegen wen ist, was immer der auch tut.

Vorläufig lassen wir es offenbar so durchgehen. Momentan befinden wir uns in der Phase, wo höchstens ab und zu eine Dissertation oder eine Mastersarbeit einer Persönlichkeit aus der Politik mit einem Textprogramm überprüft wird, um dann schockiert festzustellen: Unerhört! Göthe hat abgeschrieben. Schiller vielleicht auch, aber der steht noch auf keiner Abschussliste.

Irgendwann, ich nehme an morgen, denn heute geht alles viel schneller als gestern, wird es extrem effiziente Überprüfungsprogramme für die Tagespresse geben. Programme, die sich jeder als Gratis-App herunterladen kann. Das Resultat wird ernüchternd sein.

Das ist jetzt überhaupt kein Vorwurf an das Berufsbild des Journalisten. Ich behaupte dasselbe auch für die Mehrzahl der Berichte von uns Diplomaten. Nur haben wir etwas mehr Zeit, um die Sätze sorgfältig umzustellen, weil wir nicht im Tagesjournalismus sind. Und wir formulieren aus Erfahrung grundsätzlich so, dass uns später niemand Tatsachen vorwerfen kann. Es könnte aber durchaus auch sein, dass. Es würde trotzdem nicht überraschen, wenn. Möglicherweise wird. Möglicherweis aber auch nicht.

No hard feelings, liebe Journalisten. Ich weiss, dass ihr euch jede erdenkliche Mühe gebt. Die meisten von euch jedenfalls. Trotzdem tut es mir weh, wenn ich Titel wie „Jetzt oder wohl nie mehr“ sehe, und wenn ich dann den Artikel anlese, geht es doch tatsächlich um den Nahostkonflikt und Kerrys neuste Initiative.

Es gibt Wortkombinationen, hat einmal ein kluger Mann irgendwo geschrieben, die sollte jede marktübliche Textverarbeitung automatisch löschen. Dazu gehört ganz sicher die Kombination von „Nahostkonflikt“ und „letzte Chance“. Eine Software, die diese Begriffe auf der gleichen Textseite entdeckt, müsste die Seite automatisch löschen. Meine hier wäre dann auch gleich gelöscht worden. Damit könnte ich leben.

Ich habe einen Geschäftsmann erfunden, der unterdessen mit der genialen Idee stinkreich geworden ist, im Mittleren Osten Windows of Opportunity zu verkaufen. Mit Doppelverglasung und Vorhängen in verschiedensten Mustern. Leider hat das viele Geld seinen billigen Charakter verdorben. Er wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und lebt heute als armselige Randfigur in einem Schundroman.

Wie übersetzt man eigentlich Window of Opportunity? Gelegenheitsfenster? Wahrscheinlich. Macht ja auch Sinn. Jetzt versteh ich auch endlich das Sprichwort „Gelegenheit macht Frieden“.

Furztrocken

25. Juli 2013

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Der aller erste erste August

25. Juli 2013

(mein Textprogramm, der Nationalfeiertag, die Demokratie und ich)

Es ist ärgerlich. Das Textprogramm hat das zweite erste mit einer roten Wellenlinie unterlegt. Gleich im Titel. Es hält es für einen Fehler. Meinen Fehler. Es möchte, dass ich es lösche. Es meint womöglich, ich sei unkonzentriert, weil es früh am Morgen ist. Dabei bin ich hell wach und angezogen und es ist alles korrekt.

Man kann durchaus von einem aller ersten ersten August schreiben, und kein Textprogramm, das ernst genommen werden will, sollte eine rote Wellenlinie unter das zweite erste legen.
Es gab einmal einen aller ersten ersten August, ob es dem Textprogramm passt oder nicht.

Es hat es schon wieder rot unterlegt. Es ist tatsächlich überzeugt, dass ich imstande bin, aus Versehen zweimal hintereinander dasselbe Wort zweimal hintereinander zu schreiben. Es hält mich für einen Vollidioten. Es hält mich für einen Vollidioten.

Es gab aber einen ersten ersten August. Zweimal sogar. Das erste Mal, als der Monat August kurz vor Christi Geburt von ein paar Römern erfunden wurde, die sich damit bei ihrem ersten Kaiser einschleimen wollten. Das zweite Mal, als der Schweizer Nationalfeiertag zum ersten Mal an diesem Datum gefeiert wurde. Einschleimen mag mein Textprogramm offenbar auch nicht, weder gross noch kleingeschrieben. Das Wort wird rot unterlegt, in der Hoffnung, ich werde es korrigieren.

Mache ich aber nicht. Es gab einmal einen ersten ersten August und es gab – und gibt sie immer noch – Leute, die sich bei ihren Vorgesetzten einschleimen. Sie werden leider nie aussterben. Hingegen wird es irgendwann einen letzten ersten August gegeben haben.

Wenn es einmal die Schweiz nicht mehr gibt. Alles, was entsteht, vergeht auch wieder. Das ist ein Naturgesetz. Und wir Schweizer lieben die Natur. Wichtig wäre uns dann aber, dass die Schweiz nicht einfach achtlos in den unsortierten Müll geworfen, sondern fachgerecht kompostiert wird, damit daraus wieder Neues entstehen kann.

Es gibt ja bereits verschwundene Staaten. Das heisst, es gibt sie nicht mehr. Sobald ich aus diesem Text raus bin, werde ich „verschwundene Staaten“ googeln. Geschichte. Geografie. Dieser Artikel enthält unvollständige Daten über vollständig verschwundene Staaten. Bitte ergänzen Sie ihn.

Vielleicht sind wir eines Tages schweizmüde. Des Paradieses, das wir in vielerlei Hinsicht sind, überdrüssig. Wollen Sie die Volksinitiative zur Abschaffung der Schweiz annehmen? Ja? Nein? Keine Zeit? Der Bundesrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. Aber wisst ihr was? Macht doch, was ihr wollt!

Ich hatte in der Mittelschule einen sehr phantasievollen Freund. Er schrieb eine Geschichte, in der das Stimmvolk beschlossen hatte, die Schweiz an ein zahlungskräftiges Konglomerat aus reichen Golfstaaten zu verkaufen. Jede Schweizerin und jeder Schweizer erhielt drei Millionen in bar.

Gut, ich gebe zu, diese Variante ist eher unwahrscheinlich. Auch schweizmüde Schweizerinnen und Schweizer würden auf den Deal nicht eintreten. Uns fehlt einfach das notwendige Vertrauen, soviel Geld auf einer ausländischen Bank anzulegen. Können die ein Geheimnis für uns behalten? Obwohl das eigentlich gar keine Rolle mehr spielen würde. Ein Konto im Ausland macht wenig Sinn, wenn man keinen Staat mehr hat, dem man die Steuern hinterziehen kann.

Wahrscheinlicher ist, dass es eines Tages den 1. August nicht mehr gibt, weil per Volksabstimmung beschlossen wurde, an einem anderen Datum zu feiern. Wegen der globalen Erwärmung.
Irgendwann war es in den Sommermonaten dermassen heiss und alles so furztrocken, dass beim Feuerwerk jeweils die halbe Schweiz abbrannte. Also beschloss man irgendwann, am 1. Februar zu feiern. Das war dann auch logistisch viel einfacher, weil man das Feuerwerk für die Neujahrsfeier und dasjenige für den Nationalfeiertag gleich zusammen einkaufen konnte.

Der letzte erste August könnte auch durch die Erfindung eines neuen Kalenders entstehen. Es muss ja nicht immer und ewig alles so bleiben, wie es ist. Ob Januar bis Dezember oder sonst irgendwelche Bezeichnungen – was kümmert das den Mond? Namen sind Schall und Rauch.

Und à propos Schall und Rauch: es gibt natürlich noch den persönlichen letzten ersten August. Irgendwann kommt er, ob man es merkt oder nicht.

Mein Textprogramm mag à propos nicht. Mit dem letzten ersten August hat es hingegen kein Problem. Keine roten Wellenlinien. Keine Lampions. Kein Feuerwerk. Ein ganz gewöhnlicher Sommerabend. Lasst uns feiern.

Nirgendwo in Ankara

18. Juli 2013

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(leben)

18. Juli 2013

Ich hoffe, es stört niemanden, dass ich ihn hier David nenne. Er hiess nicht so, weil er anders hiess. Was kümmert es jemanden, der ihn nicht kannte, wie sein wirklicher Name lautete? Und die, die ihn kannten und nun vermissen werden, wissen es ohnehin.

Es war einfach so, dass ich beim Schreiben festgestellt habe, dass es mir Mühe macht, ihn D. zu nennen. Wie in den vermischten Meldungen. Also nenne ich ihn bei einem anderen Namen. Seine Spuren verwischen sich nun ohnehin.

Die Nachricht seines Todes erreichte mich heute in einer E-Mail von Michael. Auch er heisst nicht so. Hoffentlich noch lange. Michael schrieb mir aus einem Land, in dem wir alle einst gemeinsam ein paar Jahre verbracht hatten: David, seine Frau Elsbeth, die auch anders heisst, ihr gemeinsamer Sohn, Michael und ich.

David war nicht dort gestorben, sondern in der Schweiz, wo er sich mit seiner Frau, mit der ich zusammengearbeitet hatte, nach ihrer Pensionierung niedergelassen hatte. Ich habe ihn nicht gut gekannt, eigentlich kaum. Aber die wenigen Begegnungen mit ihm haben ihn mir sehr sympathisch gemacht. Er war Brite mit einem wunderbaren Humor. A good fellow. Einmal hatte ich ihm, als er nach einem Unfall lange zuhause bleiben musste, eine Flasche Single Malt ans Krankenbett gebracht und wir hatten zusammen gelacht.

Es tut mir leid, dass er nicht mehr lebt. Und für seine Frau und seinen Sohn tut es mir leid, dass er tot ist. Der Tod ist völlig inakzeptabel. Nichts dürfte so endgültig sein. Ich werde ihnen mein hilfloses Beileid aussprechen.

Was sonst mache ich mit der Nachricht, dass dieser dürre alte Mann mit dem besonderen Humor nicht mehr unter den Seinen weilt? Was fangen wir mit einer solchen Nachricht an?

Wir trauern einen kurzen Moment lang um den Toten. Bis wir merken, wenn wir mit uns ganz ehrlich sind, dass wir eigentlich mehr um uns selber trauern. Dann denken wir einen Moment über den Tod nach, was wir mit ihm schon alles erlebt haben.

Die eigenen Toten ziehen in rascher Bilderfolge vorbei. Dann setzen, jedenfalls bei mir, die Zitate aus Film, Musik und Literatur ein. Ein kleiner Teil davon, was uns von all dem Schrott geblieben ist, was wir über den Tod gelesen, gesehen und gehört haben.

Er wusste nur vom Tod was alle wissen: dass er uns nimmt und in das Stumme stösst. (Rilke)

Oder der Tod, wie er uns in einem Gedicht von Alfred Andersch begegnet: Er liest den Observer. Sein Auge ist weiss.

Es gäbe viel zu zitieren, nur schon aus dem Gedächtnis. Irgendwann lande ich dann immer beim Zitat, das ich aus Kurt Martis faszinierendem Büchlein „Leichenreden“ in Erinnerung behalte:

Traue den Reden des Todes nicht! Seine Dir zugewandte Wahrheit ist das Schweigen. (Ludwig Strauss)

Das beendet dann die Literaturzitate abrupt.

Was bleibt dann noch, nach Trauer und Zitaten?

Das memento mori. Jede Nachricht vom Tod fordert uns auf, das eigene Leben zu beginnen. Sofort. Ohne weitere Verzögerung. Keine Ausreden mehr. Jetzt. Wir nehmen uns vor, es diesmal zu tun (leben). Nicht weiterhin alles und damit uns selber zu verschieben, wegen dem, was uns gerade in Trab hält.

Aber auch dieser Vorsatz hält nur ganz kurz an. Es ist jetzt Mittagszeit. Ich gehe nachhause zum Essen. Am Nachmittag folgen Sitzungen und Termine. Am Nachmittag geht das Leben weiter, ohne neu begonnen zu haben.

Danke für die Nachricht, lieber Michael. Ich melde mich, wenn sie angekommen ist.

Irgendwo in Ankara…

14. Juli 2013

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Kurz vor dem Verlassen der Grafik

14. Juli 2013

(die Sonde, das Weltall, der Mann)  

Die Raumsonde Voyager 1, so lese ich, unterwegs im Weltall seit 1977, verlässt bald unser Sonnensystem. Ich kann mir darunter, ehrlich gesagt, wenig vorstellen, und ich versuche, mir in meiner Freizeit selber nichts vor zu machen. Es reicht völlig, dass ich in meinem Beruf oft genug so tun muss, als wüsste ich genau, worüber gesprochen wird.  Hier darf ich es sagen: sorry, ich check’s nicht.

Es wird auch nicht besser, wenn ich mir Grafiken anschaue, auf denen die Welt als Punkt dargestellt wird, nicht den Proportionen entsprechend, nur damit man sie überhaupt sieht, und das Sonnensystem geht dann am Rande der Graphik bei einer kreisförmigen Linie artig zu Ende, hinter der angeblich ein neues beginnt.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Sonnensystems so zu Ende geht. Schon eher franst es an den Rändern irgendwie aus oder es hat irgendwann einfach genug von der fast endlosen Weite, eine Art Ermüdungsbruch, und macht an der nächstbesten Biegung Halt, legt sich ins Gras, zieht die Schuhe aus. Ende der Galaxie.

Voyager 1, lese ich in der Sonntagszeitung, sendet immer noch Signale aus dem Weltall, reagiert aber nicht mehr auf blosse Zurufe. Ich habe es selber versucht. Es reicht, habe ich der Sonde nachgerufen. Ich hab’s begriffen. Du hast Deinen Punkt gemacht: das Weltall ist unendlich weit und dehnt sich noch weiter aus und ich habe überhaupt nichts geschnallt, noch nie. Weil Männer ohnehin nie etwas begreifen.

Die Sonde, das Weltall, der Mann.

Das sind die Signale, die ich noch immer empfange. Und wenn das Ding mit der Reichweite nicht wäre, würde ich die Hände schalenförmig an den Mund legen und der Sonde nachrufen: „Ich weiss. Es reicht jetzt. Du kannst umkehren.“

Aber ganz so blöd bin ich dann ja doch nicht. Ich weiss, dass sie uns nicht mehr hören kann. Und Umkehren war nie ihr Ding. Bald ist sie 40 und irgendwann wird sie ja wohl vernünftig werden und selber merken, was sie für einen Scheiss gebaut hat. Also winke ich ihr nach. Flieg doch weiter. Verlass doch die Grafik, wenn Du meinst,. dass Dir das gut tut.

Überhaupt. Was geht mich das an?

Unter der Oberfläche herrscht Chaos, lautete neulich der Titel eines Zeitungsartikels. Wunderbar, dachte ich, da hat sich jemand Gedanken gemacht über unseren nie endenden Kampf, dem chaotischen Leben irgendeine wenigstens temporäre Ordnung und damit ein kleines Bisschen Sicherheit und Geborgenheit abzuringen.

Der Titel erinnerte mich an ein Gespräch, das ich vor bald zwanzig Jahren mit der zweiten Ehefrau eines pensionierten Freundes in ihrer Küche in Maryland geführt hatte, während draussen alte Männer Tennis spielten. Alles, was der Mensch versuche, sagte sie ganz gelassen, während sie Kaffeewasser aufsetzte, sei, sich für einen Moment lang in einer möglichst unbeachteten Ecke dieses gewaltigen Chaos ein ganz persönliches Fleckchen Ordnung und Stabilität zu schaffen, wissend, dass unter dem dünnen Boden das Chaos lauert, das jeden Moment durchbrechen und uns hinab reissen kann.

Ich glaube, sie hatte Recht. Und es braucht kein Vulkanausbruch oder Erdbeben zu sein. Manchmal genügt ein Telefonanruf in einen Mittagsschlaf und die Welt ist danach nicht mehr dieselbe.

Es ging dann im Artikel aber nicht darum, sondern letztlich um Banalitäten. Eine Fachkommission hatte der Schweizer Regierung empfohlen, rasch gesetzgeberische Grundlagen für den tiefen Untergrund zu schaffen. Sonst kann ja jeder kommen und ein wenig Erdwärme anzapfen oder ein Bisschen Fracking betreiben, wenn gerade sonst nichts geht. Also wird der Bundesrat wohl nächstens Richtlinien für die Bewirtschaftung des tiefen Untergrunds erlassen. Beide Räte werden die Vorlage im Sitzen diskutieren und wir werden vom Ergebnis – irgendwann gibt es immer ein Ergebnis – laufend Kenntnis nehmen. Vielleicht aber auch nicht. Man kriegt ja gottseidank nicht alles mit.

Ich war 1977, beim Start von Voyager 1, noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und kann beim besten Willen heute nicht mehr sagen, ob ich den Start der Sonde damals mitgekriegt habe. Wahrscheinlich ja nicht, weil darüber nicht im Sportteil berichtet wurde. Meine jüngste Tochter ist seit ein paar Tagen älter als ich damals war. Vielleicht kriegt sie mit, dass die Sonde bald unser Sonnensystem verlässt.  Vielleicht kann sie auch mit der Grafik mehr anfangen als ich.

Ich bin unterdessen schon wieder in einem neuen Land eingetroffen. Ich bin daran, mir seine Eckdaten so gut wie möglich einzuprägen, bevor ich bald einmal das Transfersystem des Ministeriums verlassen werde, in das ich 1987 eingetreten bin. Manchmal ist es ein wenig anstrengend, stets mit dem Rücken zum Land, aber danke, es geht. Man weiss ja auch nicht, was danach kommt. Manchmal erhalte ich schwache Signale von Ehemaligen, die die Grafik bereits verlassen haben. Ich hoffe, ich verstehe sie falsch.

 

 

Irgendwo in Istanbul…

14. Juli 2013

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An einem neuen Ort

28. Mai 2013

Oberflächen sind oft hart. Wer hinfällt, könnte ein Lied davon singen, anstatt zu fluchen. Dass Oberflächen widerstandsfähig sein müssen, leuchtet ein. Die Natur ist wahrscheinlich als sie jung war ein paarmal auf den Kopf gefallen, aber sie hat ihre Schlüsse daraus gezogen und ihn abgehärtet. Wenn Oberflächen weich wären wie Unterflächen, wären sie rasch keine Oberflächen mehr. Sie würden den äusseren Einflüssen nicht lange widerstehen. Aber sie sind über der Unterfläche. Sie sind Oberfläche. Das verhält sich ja auch mit uns Menschen so. Die Haut ist ein Bisschen strapazierfähiger als das Fleisch darunter, unser Verhalten ein wenig cooler als die Befindlichkeit.

Unter der Oberfläche, in unserem Innern, sind wir alle verletzlicher, als wir uns gegen aussen präsentieren. Im Kern sind wir traurige, von einem frustrierten Erwachsenen verratene und verlassene Kinder. Wir warten darauf, dass wir zu uns zurückkehren um endlich wieder zu spielen.

Vor ein paar Tagen habe ich in Kappadokien Höhlensiedlungen und Untergrundstädte besucht, in denen sich in Zeiten erhöhter Gefahr mehr als zweitausend Menschen über Monate hinweg mit Vieh und Kind und Kegel versteckt hielten. Bewohner der Höhlen waren zuerst die Hethiter, die ihre 1000 Götter mit in die Höhlen nahmen, wodurch es eng wurde, und später von den Römern verfolgte Christen, die mit ihrem einen Gott etwas mehr Platz hatten.

Weshalb stürzt das alles nicht ein, habe ich unseren alten Führer gefragt, wo das Gestein doch offensichtlich so weich ist, dass sich jeder müde Hethiter und jede flüchtige Christin im Handumdrehen eine Höhlenwohnung aus dem Berg schnitzen konnte? Halt mir mal kurz das Kind, ich grab uns noch ein Zimmer. Warum sehen wir das alles noch, dreitausend Jahre später, diese ausgehöhlte Landschaft?  Weshalb hält das so lange? Habt ihr einen Fixierspray?

Der alte Mann war so höflich, dass er sich seine Bestürzung über meine totale Ignoranz nicht anmerken liess. Er erklärte mir geduldig, dass dieses Gestein Mineralstoffe enthält, die mit der Luft reagieren und sich dabei verhärten. Wirklich cool, diese Natur. Cool und hethiterfreundlich. Fair mit den flüchtigen Christen. Wir basteln eine selbsthärtende Oberfläche mit Nura Natura.

Eine andere harte Oberfläche ist mir neulich auf dem kurzen Weg von der Botschaft in die Residenz begegnet. Wenn ich die Treppe nehme, die der Tiefgarage entlang zur Botschaft hinunter führt, gibt es nach dem ersten Treppenabsatz einen Niveauunterschied, eine Art Mini-Stufe, über die ich am Anfang auch bei Tageslicht regelmässig gestolpert bin.

Ich stolpere in unbekannter Umgebung regelmässig. Ich lasse normalerweise kein Hindernis aus. Der erwähnte Vierteltritt scheint mir nun aber besonders tückisch, nicht nur für einen Vielstolperer wie mich. Man erwartet ihn irgendwie nicht. Er sollte da nicht sein. Als ich dann einmal in pechschwarzer Nacht aus dem Büro nachhause ging, bin ich ganz hingefallen, der Länge nach, und habe die Härte der Steinplatten gespürt. Aber es geht mir nicht um das Hinfallen. Wir alle fallen. Darüber zu philosophieren, ist hinfällig. Es geht mir eigentlich auch nicht um die Härte von Oberflächen. Es geht mir ums Stolpern. Ich bin auch anderswo im Garten und auf der Treppe im Innern des Hauses am Anfang andauernd gestolpert. Am meisten beim Treppenabsatz auf halber Höhe zum 1. Stockwerk. Praktisch jedes Mal. Mein Körper fand in seinem Gedächtnis offenbar nichts Passendes, was ihm erlaubt hätte, die besonderen Masse dieses Treppenabsatzes von Anfang an im Griff zu haben. Also stolperte ich und stolperte und stolperte, bis mein Körper die Masse und Dimensionen der neuen Umgebung intus hatte und mich nun dahin schreiten lässt, als wäre ich hier aufgewachsen.

Das automatische Vermessen der neuen Umgebung, dieses sich Einmessen und Eingewöhnen, ist eine Bravourleistung unseres Systems. Ich bin stolz auf meinen Körper. Ich hoffe, er macht so weiter. Ich klopfe ihm auf die Schulter. Ich füttere ihn mit Süssem. Lass gut sein, sagt er zu mir. Soviel Lob ist ihm peinlich. Er funktioniert ja nur.

Das Ende des Stolperns signalisiert die Ankunft an einem neuen Ort. Du bist angekommen. Schön, dass Du jetzt auch da bist, Walter. Aber vergiss nicht: Stolpern ist ein Warnsignal, das einem bewusst macht, dass man sich auf unbekanntem Terrain bewegt. Wenn das Stolpern aufhört, muss die Wachsamkeit erhöht werden. Wer nicht mehr stolpert, muss aufpassen, dass er nicht fällt.

Irgendwo in Ankara…

28. Mai 2013

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