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Luther, leicht gestresst

18. September 2015

Gegen Ende dieses Sommers weilten wir kurz zu Besuch bei einem befreundeten Paar, das wir, seit wir nicht mehr im selben Land wohnen, einmal im Jahr sehen. Der Sommer ging bereits zur Neige und ich war ebenso müde, weil unsere Ferien noch bevorstanden, wie froh, sie zu sehen.

Irgendwann zwischen Gott und der Welt, über die wir lange bei Rotwein und Wähe redeten, wollte ich eine alte Dame zitieren, die, als sie nicht nur sehr alt und gebrechlich, sondern auch von schweren Krankheiten geplagt war, auf die Frage, wie es ihr gehe, geantwortet haben soll: „Es gibt gute und es gibt …. Tage.“ Mir fiel weder der Schluss des Zitats noch dessen Autorin ein, was mich geärgert hätte, wäre ich dafür nicht zu müde gewesen. Ich konnte mich nur noch erinnern, dass es eben nicht die handelsüblichen guten und schlechten Tage waren, sondern etwas anderes, positiveres, aus dem eine wunderbare Dankbarkeit sprach, noch am Leben zu sein.

Wieder zuhause kam mir dann ohne Grund und Anstrengung in den Sinn, wie simpel und einfach der Ausspruch war, dessen zweiten Teil ich wegen meiner damals die Oberhand gewinnenden Müdigkeit nicht mehr zusammengekriegt hatte. Es gibt gute und es gibt weniger gute Tage.

Ich googelte das Zitat, um zur Autorin zu gelangen, die unterdessen längst, daran erinnerte ich mich, an einer ihrer Krankheiten oder an ihrem Alter gestorben war. Sie war aber, wie ich feststellen musste, nicht nur verstorben, sie war auch verschwunden. Vielleicht hatten ihre Erben von Google verlangt, ihre Spuren im Netz zu löschen oder sie zumindest zu verwischen und eine Anzahl falscher Fährten zu legen, damit man ihre liebe Urgrossmutter, Grossmutter und Mutter, die – ich wünsche es ihr – an einem guten Tag sanft entschlafen war, nicht dauernd aufspüren und zitieren würde (Was soll ich gesagt haben?). Ich fand sie jedenfalls nicht. Dafür fand sich unter den ersten 20 Treffern mindestens zehnmal folgender Satz: ”Ich bin übrigens nie gestresst. Es gibt nur gute und weniger gute Tage, um mir eine Kettensäge zu überlassen.“

Nachdem ich mich endlich von meinen nicht enden wollenden Lachkrämpfen soweit erholt hatte, dass mein Kleinhirn seine Funktion wieder aufnahm, begann ich über dieses blödsinnige Zitat nachzudenken, mich gleichzeitig fragend, ob es hilfreich oder wünschenswert wäre, wenn wir beim Lachen denken könnten. Ich machte mir eine geistige Notiz, mir den Zusammenhang zwischen Lachen und Denken in einem ruhigen Moment näher anzuschauen. Und dann schaute ich kurz hin.

Muss man denken können, um zu lachen (zum Beispiel, um einen Witz zu begreifen), oder lachen wir oft gerade deswegen, weil wir nicht oder zu spät denken? Darf man lachen, nachdem man lange und ergebnislos nachgedacht hat, oder sollte man sogar? Wäre es ratsam, jedes Mal zuerst zu lachen, bevor man nachzudenken beginnt, weil man danach oft nur noch wenig zu lachen hat? Und ist alles, was lächerlich ist, automatisch unbedenklich, während vieles, was durchaus denkbar ist, überhaupt nicht zum Lachen wäre?

Ich beschloss nach dieser spontanen und völlig unzulänglichen Auslegeordnung, das Thema als abgehakt zu betrachten und strich die geistige Notiz wieder aus meiner ohnehin dem Vergessen geweihten Liste. Der ruhige Moment kommt erfahrungsgemäss nie. Und wenn er wider Erwarten doch einmal käme, wäre ich bestimmt wieder so müde, dass mir nur die Hälfte der Liste in den Sinn käme, und wahrscheinlich die weniger spannende. Legen wir uns hin.

Zwischen all den Kettensägen, die auf fast jedem Blog, der etwas auf sich hält, zum festen Bestand zu gehören scheinen, meldete sich, vom vielen Predigen heiser und durch Jahrhunderte abgedämpft nur noch halblaut, Martin Luther. „Die Welt kann nichts weniger ertragen als gute Tage.“

Über die theologische Deutung dieser Aussage, liebe Gemeinde, bin ich mir im Unklaren und werde es ebenso bleiben, wie bezüglich ihres reformatorischen Gehalts. Wenn ich versuche, den Satz losgelöst vom Autor zu verstehen, im Freien sozusagen, stelle ich fest, dass sich mir auch dann nicht ohne weiteres erschliesst, was mit der Welt gemeint ist. Was genau soll sie kaum ertragen? Und wie würde sich das äussern? Es scheint mir doch so zu sein: Die Welt erträgt alles und geht zugrunde daran.

Sollten mit der Welt aber die Menschen gemeint sein, bleibt mir die volle Einsicht ebenfalls versagt. Die Menschen brauchen gute Tage, und sie ertragen sie auch. Dass in diesen guten Tagen vieles schief läuft (vielleicht weil man nicht lachen und gleichzeitig denken kann?) und einige von uns auf Abwege geraten, weil und während es ihnen gut geht, mag sein. Ist so. Und jetzt?

Vielleicht wurde Luther ja föllig valsch zitiert und keiner hält es für notwendig, das Zitat zu korrigieren. Vielleicht hat er ursprünglich gesagt: „Man soll den Rasen nicht mit dem Mäher mähen, den Baum nicht mit der Säge fällen. Nimm die Axt, Eugen, und Finger weg von Motoren!“.
Oder sein Gedanke über die guten Tage musste, um die lange und beschwerliche Reise durch die Jahrhunderte zu überstehen, einen Teil seines tieferen und dadurch schweren Sinns zuhause im 16. Jahrhundert lassen. Alles hat einfach nicht Platz, wenn man leicht reist, und Koffer aus Aluminium gab es noch nicht.

Vielleicht hätte Luther etwas ganz anderes gesagt, wenn es damals bereits Motorsägen gegeben hätte. Oder er hätte sich angewidert abgewendet, weil ihm ein Rad vom Koffer gebrochen wäre, und hätte das Ganze als unreformierbar deklariert, Kirche und Menschheit. Nur eine einzige These an der Türe: Macht doch was ihr wollt.

Das will ich aber nicht glauben. Grosse Reformatoren darf man nicht abschreiben, nur weil man ein Zitat nicht ganz versteht. Am wahrscheinlichsten ist, wie so oft, dass es an mir liegt. Ich bin ja nicht blöd. Es gibt nur gute und weniger gute Tage, um mich einen Blog-Eintrag schreiben zu lassen.

18. September 2015
Neulich, im Burgund

Neulich, im Burgund

Von starken Käfern, beinahe ewigem Eis und verblüffend guten Fragen

3. August 2015

„Gab es so etwas früher, ich sage einmal vor etwa 150 Jahren, auch schon einmal?“
Die Frage stammt aus einer heute früh gehörten Radioreportage über das dieses Jahr besonders starke Schmelzen der Gletscher in den Schweizer Alpen.
Die Antwort lautete, und ich war total überrascht:
„Vor 150 Jahren gab es bereits einmal ein ähnliches Phänomen, im Anschluss an eine sogenannte kleine Eiszeit…blah blah blah…“
Ich habe glatt den Rasierpinsel fallen gelassen vor Verblüffung. Der Reporter stellt eine Frage, auf die der Interviewpartner die exakt passende Antwort bereithält. Als ob der Reporter die Antwort vorausgeahnt hätte, die doch, so scheint mir, beträchtliche Fachkenntnisse voraus setzt. Ist er vielleicht Hobby-Glaziologe?
Eigentlich ist er doch der, der stellvertretend für uns Radiohörer einem Experten die Fragen stellt, damit wir unser Wissen erweitern können. Wie kann er bloss bereits gewusst haben, dass gerade vor 150 Jahren… ich meine… also wirklich! Ein kleines Wunder. Und in jüngster Zeit ein sehr häufiges am Schweizer Radio. Die wissenden Reporter, die mit ihren unglaublich genau gezielten Fragen ihren Interviewpartnern die Möglichkeit geben, genau die passenden Antworten zu geben. Toll!

„Frau Professor Welldall, haben die neusten Bilder vom Planet Pluto eine – ich rate jetzt Mal ins Blaue hinaus – besondere Häufung von steilen Eisbergen zu Tage gebracht?“
„Die Wissenschaftsgemeinde ist in der Tat völlig verblüfft ab dem vielen Eis, das sich in bizarren Formen…“
„Und hat dieses viele Eis vielleicht auch einen Nachteil…?“
„Da legen Sie den Finger auf einen wichtigen Punkt, der grosse Nachteil des Eises ist (neben seiner Kälte)….“

OK, man weiss, oder man kann es sich als Laie zumindest gut vorstellen, wie diese aufgezeichneten Interviews zustande kommen. Die Reporter müssen dem Interviewten die Fragen zur Genehmigung vorlegen, oder sie kriegen vom Interviewten Fragen suggeriert, die sie dann stellen dürfen, weil der Interviewte nur sie (und nicht andere) beantworten kann oder will.

Was dabei steril und lächerlich wirkt, ist, wenn die Reporter so tun, als stellten sie tatsächlich Fragen, und dann wird durch die Art ihrer Fragen, die keine Fragen sind, sondern Steigbügel oder Steilpässe in den Fünfmeterraum, jedem halbwachen Deppen, der beim Rasieren Radio hört, klar, dass der Reporter seine Fragen erst ausformuliert hat, als er die Antworten schon kannte, dieses schlaue Kerlchen.

„Herr Professor Blattlauz, könnte es unter Umständen sein, dass dieser Käfer eine ganz besondere Fähigkeit hat, zum Beispiel bezüglich des Verschiebens von Lastkraftwagen an Sandstränden?“
„Dieser Käfer kann in der Tat einen voll beladenen Sattelschlepper mit zwei seiner acht Vorderbeine über eine Distanz von 380 Metern schleppen, während er sich rückwärts kriechend mit zwei weiblichen Exemplaren seiner Gattung paart, die er erst kurz davor zufällig kennengelernt hat.“

Wer genau soll bei dieser stupiden Inszenierung verarscht werden? Soll die beruhigende Illusion vermittelt werden, dass unter uns Experten sind, die auf alle Fragen eine Antwort wissen? Oder- eine noch kühnere Vermutung – will man uns weis machen, dass unsere Reporter echt klug sind, indem sie nach kurzen Recherchen in jedem beliebigen Gebiet genau die richtigen Fragen stellen, die dann zu interessanten und wirklich wissenswerten Antworten führen?

Der Volksmund sagt, es gebe keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Die Interviewkultur am Schweizer Radio legt den Schluss nahe, dass sich der Volksmund mal wieder mit dem Volksohr unterhalten müsste, das sich all diese bekloppten Interview-Fragen anhören muss.

„Frau Dr. Malgut Hörguthin vom Medieninstitut Heilbronn: Kann es sein, dass diese Fragen in den allermeisten Fällen (vermutlich mehr als 99%) so gestellt werden, dass genau die passende Antwort erfolgt?“
„Auswertungen von 260‘000 aufgezeichneten Radio-Interviews über die letzten 15 Jahre haben tatsächlich ergeben, dass nur in 0,0036% aller Fälle die Antwort überhaupt nichts mit der Frage des Reporters zu tun hatte. Im einem der beiden Fälle war der Interviewpartner eine fiktive Person, die andere Reportage wurde nie ausgestrahlt.“

Mein Tipp an die Radioleute wäre, dass ab und zu auch in einem aufgezeichneten Interview eine Frage eingestreut wird, auf die der Interviewte Experte keine genau passende Antwort hat.

„Wann fanden im während der Regenzeit schwer zugänglichen Teil von Süd-Polynesien die letzten regionalen Vorausscheidungen für die olympischen Titelkämpfe im freihändigen Scherenschnitt statt?“
„Das weiss ich nicht.“
„…überhaupt nicht?“
„Nein.“

Oder wo der Gefragte nachfragen muss, wie die Frage gemeint war, weil er nicht verstanden hat, was der Reporter genau wissen wollte.

„Wie alt ist ihre Schwester?“
„Meinen Sie meinen Bruder?“

„Könnte man sagen, es sei gefährlich, die Dinge in ein Schwarz-weiss-Schema zu pressen?“
„Wie meinen Sie das genau?“
„Gut gegen Böse…“
„Worauf wollen Sie hinaus..?“
„Hänsel und Gretel…?“
„Ich habe keine Ahnng, was sie damit sagen wollen…“
„Lolek und Bolek?“
„OK, das reicht mir. Ich betrachte dieses Gespräch für beendet!“
„Schnee gegen Wittchen….?“

Irgendetwas, etwas Kleines würde schon genügen, irgendein Hinweis, der uns den Eindruck geben könnte, es hätte so etwas wie ein wirkliches Gespräch zwischen dem Reporter und dem Experten stattgefunden. Gebt uns irgendeinen Grund dafür, bitte, warum es die Fragen des Reporters braucht. Wenn sie alles im Voraus wissend von einer Aussage zur anderen führen, sind sie nicht nur absolut überflüssig, sondern auch ziemlich peinlich.

„Ist der Abendhimmel über Konkilpiti gleich wie jeder andere Abendhimmel oder können Sie uns von etwas ganz Besonderem berichten, was zum Beispiel fliegt?“
„Wirklich gut, dass sie mich das fragen. Der Abendhimmel über Konkilpiti ist im Gegensatz zu allen anderen Abendhimmeln hellgrün und es fliegen von hinten abbrennende Zebras von links nach rechts bevor sie praktisch ungebremst in eine abgefackelte Palme rasseln, diese dummen Tiere.“

Wenn jede Frage nur zeigt, dass der Fragesteller die Antwort schon kennt, kann man die Fragen ja auch weglassen und die kostbare Sendezeit ganz dem Experten zur Verfügung stellen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wieviel sensationelle Erkenntnisse ich verpasst habe, wieviel wirklich Wissenswertes, was meinen Horizont erweitert hätte, weil ich mir stattdessen anhören musste, welch kluge Fragen die Reporter des Schweizer Radios stellen.

„Und wenn er den Sattelschlepper dann genügend lange durch den Sand gezogen hat, verscharrt er ihn mit seinen schaufelförmig ausgebildeten vorderen Seitenlaschen, die früher Kiemen waren, innert Kürze im Sand und legt sich dann auf der erstbesten Düne zu einem ausgedehnten Nickerchen nieder, von dem er erst wieder durch das Schreien seiner durchschnittlich 80-100 Kinder geweckt wird, die er während der Aktion gezeugt hatte. Er wird ihnen Eis und Strandspielzeuge besorgen und sich die nächsten vier Wochen, bis sie selber Lastwagen ziehen können, alleine um ihre Aufzucht kümmern müssen, denn die Weibchen des Cora Corazins erscheinen nur zur Paarungszeit und verbringen den Rest ihres kurzen Lebens in kleinen Dachmansarden in Vororten von Paris, wo sie alte Modemagazine lesen und einander über ein erst unvollständig erforschtes Kommunikationssystem den ganzen Tag Kurzmitteilungen senden.“

„Vor 150 Jahren waren die Gletscher nicht nur grösser, sondern auch bis zu anderthalb Jahrhunderte älter als heute. Es gibt deshalb nicht wenige in der rasch schmelzenden Gemeinde der Glaziologen, die überzeugt sind davon, dass sich an den Alpengletschern mit grosser Exaktheit ablesen lässt, wieviel älter sie vor 150 Jahren waren, und zwar nach der sogenannten Altersbestimmungsformel von Professor Hans Erwin Lebenslang: Alter des Gletschers geteilt durch Anzahl rein rhetorisch gestellter Fragen pro Interview multipliziert mit irgendetwas sehr Grossem, weil man das Resultat sonst von blossem Auge nicht sehen könnte, vor allem dann nicht, wenn man hinter einer Hausecke steht und gerade auf seine Sonnenbrille getreten ist, die einem beim Bücken nach dem Sinn des Lebens aus der Hemdtasche gefallen ist.“

„Vielen herzlichen Dank Herr Professor für dieses hoch interessante Gespräch.“
„Das war gar kein Gespräch, das war ein Monolog…“
„War trotzdem sehr interessant…“
„Wieso trotzdem? Warum nicht erst recht?“
„Ach Sie wissen schon, wie ich es meine.“
„Nein.“
„Dann halt nicht. Ich gebe zurück ins Studio.“
„Was für ein Studio? Ich war noch nie in einem Studio. Schon gar nicht mit Ihnen.“
„Ich gebe zurück auf den Planeten Pluto.“
„Sind Sie jetzt völlig durchgedreht?“
„Tango Bravo. Over and out…!“
(Kratzgeräusche, dann sphärisches Rauschen das bis zur Preisverleihung andauert)

Wahlkampf

3. August 2015

Vollidioten

Bundesrat rettet Biene und bringt Zuversicht zurück

27. April 2015

Es freut mich sehr, hier mitteilen zu dürfen, dass der Schweizerische Bundesrat (in corpore) eine Biene gerettet hat.

Das arme Tier hatte sich in mein Büro verirrt und summte verzweifelt gegen eine Glasscheibe an, die sich nicht öffnen lässt. Mit Hilfe eines Wasserglases, das ich über die Biene  hielt, und dem offiziellen Bild des Bundesrats auf Halbkarton, das ich unter das Glas schob, gelang es mir, die Biene einzufangen und kurz darauf vor der Botschaft in die Freiheit zu entlassen.

Ich wollte mich noch bei ihr entschuldigen, dass bei ihrer Rettung nicht das allerneuste Material eingesetzt wurde, da es sich um das Bundesratsbild von 2013 gehandelt hatte, aber da war sie schon weg.  Sie liess mich zufrieden zurück, weil wir ja kaum je Gelegenheit haben, irgendjemanden oder irgendetwas zu retten, obwohl das immer öfter nötig wäre.

Mir hat diese Biene, indem sie sich von mir retten liess,  an einem Tag, an dem mir trotz Sonnenschein wenig gelingen will, gezeigt, dass ein leeres Glas hilfreich sein kann, und dass das Bild, das sich jemand von einer Regierung gemacht hat, einen Zweck haben kann, auch wenn er entfremdet ist.

 

 

Aus der Serie: Vergessene historische Augenblicke

27. April 2015

Zirkulatur des Kreises

Die schönste Nase des ganzen Gesichts

25. Februar 2015

(ein angemessener Beitrag zur Diskussion über die Unsitte des Übertreibens)

Es lässt sich ohne zu übertreiben festhalten, dass negative Übertreibungen immer Schaden anrichten, während positive Übertreibungen meist harmlos sind (they don’t do any harm) und manchmal sogar Gutes bewirken können. Als ich siebzehn Jahre alt war, sagte mir einmal ein Mädchen, ich hätte die schönste Nase des ganzen Gesichts.

Würde man hingegen die Behauptung aufstellen, negative Übertreibungen richteten den grössten Schaden an, wäre das eindeutig übertrieben. Die fahrlässig aufgestellte Behauptung würde bei der ersten Diskussion mit Fachleuten aus der Versicherungsbranche umkippen (nur Flamingos stehen nächtelang auf einem Bein) und was man hatte festhalten wollen, würde einem rasch entgleiten.

Negative Übertreibungen sind schädlich, weil sie etwas schlimmer, furchtbarer, falscher, schlechter, böser (auch schädlicher – mache weitere negative Beispiele) darstellen, als es in Wirklichkeit ist. Negative Übertreibungen schaden immer allen drei Beteiligten: dem Übertriebenen, dem Übertreibenden und dem Empfänger der Mitteilung.

Das Übertriebene verliert seine Konturen und Dimensionen und mithin seine Wahrheit, der Übertreibende seine Glaubwürdigkeit und der Empfänger der Übertreibung im besten Fall seine Zeit, weil er die Übertreibung durch eigene Recherchen zurechtstutzen muss, und im schlimmsten Fall seine realistische Einschätzung, weil er dem Gebot der Oberflächlichkeit erliegt und die Übertreibung glaubt.

Der durch negative Übertreibung angerichtete Schaden kann so weit gehen, dass die Existenz des Übertriebenen gänzlich angezweifelt wird und dem dauernd Übertreibenden irgendwann nicht einmal mehr das geglaubt wird, was er ohne zu übertreiben beschreibt, falls er dazu noch fähig ist, während der Empfänger der Mitteilung nur noch angewidert die Nase rümpft, die mit dem Alter grösser, aber nicht unbedingt schöner geworden ist.

Ich klage nicht gerne über die Zeit, denn sie kann nun wirklich nichts dafür. Es ist ihr ganz und gar egal, ob wir unter- oder übertreiben, denn sie nimmt ebenso wenig Teil an unseren Irrtümern wie an unseren Erkenntnissen; sie nimmt überhaupt nicht Teil, sie ist völlig teilnahmslos und lässt uns vergehen, während wir es vorziehen, zu meinen, sie gehe vorbei.

Ich meine also nicht die Zeit, sondern uns, wenn ich sage, wir leben leider in einer Zeit, in der es vielen notwendig und manchen unumgänglich scheint, zu übertreiben, weil sie meinen, das, was sie glauben, sagen zu müssen, werde in der Flut der Mitteilungen sonst nicht wahrgenommen, gehe sogleich unter und keiner könne es retten oder je wieder aus den Tiefen des Informationsgrabens bergen (was masslos übertrieben wäre, wenn Übertreibungen ein Mass hätten).

Wenn es nach mir ginge, würden die Übertreibenden nicht zum Schweigen gebracht, aber zur Rede gestellt. Ich wünschte mir, es würde sich so verhalten, dass Übertreibungen, weil sie schwer wiegen, rascher in die unendlichen Tiefen unseres Vergessens absinken als realistische Beurteilungen und Einschätzungen. In absoluter Dunkelheit würden sie dahin sedieren und nur ganz selten würde ein Tiefseefisch an ihnen vorbeischwimmen, vom enormen Druck so flach wie eine Tageszeitung und zur Sicherheit blind.

Imagine

22. Februar 2015

Imagine

Ein gescheiterter Versuch, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren

22. Februar 2015

Skizzen faszinieren mich. Das mit rascher Geste flüchtig Hingeworfene, das dem vollendeten Kunstwerk hoch überlegen ist. Wie die Bergdohle der wissenschaftlichen Beschreibung der Schwerkraft, wenn sie sich auf der Terrasse des Kulmrestaurants rückwärts vom Geländer fallen lässt.

Ich weiss. Akt zeichnen geht mit Modell besser. Aber ich will die Schweiz ja nicht nackt zeichnen. Ich will sie überhaupt nicht zeichnen. Dafür ist sie zu weit entfernt und hält auch nie richtig still (dreisprachiges Geschwätz mir rätoromanischen Zwischenrufen). Ich möchte sie aus dem Gedächtnis skizzieren mit wenigen Worten (ein Land mit vier Konturen, einst locker um die Alpenpässe drapiert, dann sich langsam verhärtend).

Keine Angst, die Idee, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren, stammt nicht von mir. Sie stammt von einer Kunst-Postkarte aus einem Land, das sich ausgelobt hat. Keine meiner Ideen stammt von mir. Sie stammen ausnahmslos von anderen, die für einen Augenblick originell waren, im Zug zwischen Göschenen und Airolo, auf einer unbenutzten Papierserviette, von einem früheren Fahrgast liegengelassen.

Einige der originellen Ideen werden aber auch Fälschern und Hochstaplern zugeschrieben, die sich in ihrem Versteck meine Verachtung und Bewunderung teilen. Mein Geschäft sind die kleinen Variationen. Lassen Sie mich das anders sagen: ich formuliere um.

Als Diplomat lebt und arbeitet man mit dem Rücken zum eigenen Land. Man vertritt dessen Interessen nach bestem Wissen und bei möglichst gutem Gewissen, aber man kennt sein Land und dessen Leute, deren Interessen man angeblich vertritt, nach langen Jahren im Ausland nur noch vom unscharf gewordenen Blick zurück über die alternde Schulter.

Vorsicht ist angezeigt. Objekte im Rückspiegel können grösser erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Sorgen der Schweiz hätten 50 mal im Freizeitpark von Lahore Platz. Und trotzdem heisst es, die Schweiz stehe am Scheitelweg, obwohl das keine vorteilhafte Frisur ist, wenn einem nach über 700 Jahren die Haare langsam ausgehen. Auch die Bärte der jungen Schweizer gefallen mir nicht. Ich zähle darauf, ohne damit zu rechnen, dass sie ausser Mode gekommen sind, bevor ich für immer nachhause zurückkehren werde.

Vor bald zwanzig Jahren habe ich in Washington drei Lektionen eines Malkurses besucht. Einmal durften wir uns mit rötlicher Kreide versuchen, einmal mit Ölfarbe und am spannendsten war eindeutig der Abend, als wir ein Modell hatten, das für uns sass. Wir hatten einmal 20 Minuten, einmal 5 Minuten, einmal 2 Minuten und am Schluss gerade noch 30 Sekunden Zeit, um zu versuchen, irgendetwas mit einem Stück Kohle zu Papier zu bringen, was wenn möglich an die Pose erinnern sollte, im besten Fall an die posierende Frau.

Ich tat mich schwer. Je kürzer die Zeitspanne, desto weniger konnte man der eigenen Hand beim Zeichnen zusehen. Man blickte zum Modell, während die Hand zu zeichnen versuchte, und das Hirn stand wie so oft bloss im Weg. Es gab Instruktionen, ohne zu begreifen, was abging. Mach schon, Hand, zeichne was. Ich weiss, Du kannst das ohne mich.

Die Schweiz mit Worten aus dem Gedächtnis skizzieren ist ohne das Hirn nicht möglich. Es besteht auf die Kontrolle der Sprache. Es gibt sie nicht her. Wie eine Mutter bei den Hausaufgaben setzt es sich mit mir an den Tisch und holt viel zu weit aus. Also, sagt es, und wischt dabei meine spontanen Ideen und Assoziationen zur Seite wie störende Spielzeuge, machen wir zunächst einmal eine Auslegeordnung. Was kommt Dir alles in den Sinn, wenn Du die Schweiz skizzieren willst? Das sortieren wird dann. Was verstehen wir unter einer Skizze? Können wir unserem Gedächtnis vertrauen?

Lass gut sein, Hirn, möchte ich ihm sagen. Es ist Sonntag. Mach einfach mal nichts. Als ob Mütter das könnten.

16. Februar 2015

Vorhaben