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Das Ende der Treibjagd

17. Dezember 2011

Manchmal ist es gut, wenn man sich an gewisse Dinge erinnert, auch wenn sie einem beim Erinnern dann oft eher ungewiss erscheinen. Mit dem Erinnern verhält es sich, wenn man älter wird, wie mit einem antiken Fernrohr: es ist immer noch schön anzusehen, lässt sich aber nicht mehr ganz scharf einstellen. Manchmal vergisst man zudem, noch während man das Instrument zum Auge führt, was man betrachten wollte, entdeckt aber dann etwas anderes, worüber man sich mindestens ebenso freut.

Die momentane Aufregung um das Hicks-Teilchen erinnert mich ein wenig an die Zeit, als sie noch nach dem Quark suchten. Die Suche verlief damals wohl ähnlich fieberhaft wie heute, nur hörte man einfach viel weniger davon, weil es noch kein Internet gab und die Forschungsassistenten noch nicht auf der Toilette twitterten. Früher wurde auf den Toiletten noch gelesen.

Ich habe damals lange nicht mitgekriegt, dass alle nach dem Quark suchten. Wobei ich zugeben muss, dass ich ganz allgemein nur wenig mitgekriegt habe damals, weder vom Weltgeschehen noch von den Ereignissen in Zürich, wo es offenbar Jugendunruhen gab, von denen ich erst später erfuhr. Ich war in meiner Jugend meistes alleine unruhig und hielt mich vorwiegend im Spätmittelalter und in Gedichtbüchern auf. Meine Gruppenerlebnisse beschränkten sich auf Fussballplätze. So war in meiner Welt alles bereits passiert, auf das Wesentliche zusammengekürzt oder es hatte klare Spielregeln. Ein guter Freund, der aus der real existierenden Aussenwelt zu Besuch kam, war dann eines Tages bass erstaunt darüber, als er zufällig entdeckte, dass die Quarks seelenruhig im Kühlschrank meiner Eltern sassen, die meisten mit Aprikosenaroma.

Nun scheinen die Wissenschaftler also wild entschlossen, die Existenz des Hicks-Teilchens endlich nachzuweisen. Die Wissenschaftsjournalisten sind ganz nervös und sollten vielleicht eine Weile keinen Kaffee mehr kriegen. Wenn man ihren blumigen Beschreibungen glaubt, kreisen die Forscher am CERN das Hicks-Teilchen sozusagen ein und machen den Raum, in dem es sich noch verstecken kann, immer kleiner.

Das klingt wie eine moderne Treibjagd und man möchte sofort eine NGO gründen, die sich für den Schutz von Hicks-Teilchen einsetzt. Bloss weil man noch nicht sicher ist, ob sie wirklich existieren, dürfte es nicht erlaubt sein, sie gnadenlos zu jagen.

Falls es die Hicks-Teilchen tatsächlich nicht gäbe, wäre alles halb so schlimm, auch für die Teilchenjäger. Die aufwendige und sehr kostspielige Suche wäre nicht umsonst gewesen, da die Elementarteilchenphysiker behaupten, und wer von uns Laien wagte es, ihnen zu widersprechen, mit dem Beweis für die Nichtexistenz des Hick-Teilchens ebenso gut leben zu können, wie mit dem Beweis seiner Existenz. Und den Medien ist es letzten Endes egal, worüber sie berichten.

Das ist nicht bei allen Forschungen so. Amundsen und Scott wären enttäuscht gewesen. Von ihren Schlittenhunden gar nicht zu sprechen. Zuerst diese ganze Mühsal, der Skorbut und die abgefrorenen Zehen, und dann kein einziger Nordpol?

Die Teilchenphysiker müssten lediglich das Standardmodell leicht anpassen, dann könnten sie weiter forschen. Alles also halb so wild. Irgendwann werden zukünftige Forscher ohnehin beim Gedanken kichern (und sich dabei leicht beschämt ob soviel Emotionen die Hand vor den Mund halten), dass ihre berühmten Vorgänger so dumm sein konnten, allen Ernstes anzunehmen, das Hicks-Teilchen liesse sich nur über seine Zerfallsprodukte nachweisen. Anstatt unablässig Teilchen zu beschleunigen und mit grosser Wucht aufeinander und gegen Wände prallen zulassen, hätte es vielleicht genügt, einmal über Nacht alles abzuschalten, den Securitas-Wächtern frei zu geben und ein Stück Käse neben den Beschleuniger zu legen.

 

Auskünfte über London und Vaclav Nedsky

14. Dezember 2011

Von einem Kommentar überschwemmt, der um Auskunft über Vaclav Nedsky bat, möchte ich  folgende Erklärungen abgeben:  

London existiert. Ich kann es allerdings nicht beweisen. Ich war über ein Vierteljahrhundert nicht mehr dort, und seiner eigenen Erinnerung sollte man nicht ohne weiteres trauen. Dasselbe gilt übrigens für den Nordpol. Da war ich überhaupt noch nie. Vielleicht habe ich ihn aber auch vergessen, weil die Anreise so beschwerlich und der Anblick dann eher ernüchternd war und wir uns nur an Schönes erinnern.

Das MOTAL fristete lange eine kaum beachtete Existenz am Ostende meines Kleinhirns. Als ich es erfand, wurde es auf einen Schlag meinem Dutzend Blogleserinnen bekannt, und man musste die Eintrittspreise und die Öffnungszeiten festlegen.  
Vaclav Nedsky hat erfolgreich gegen Google prozessiert. Deshalb kennt ihn heute kaum noch jemand. Sein Werk lässt sich nicht besichtigen (ausser in vergriffenen Katalogen, von denen ab und zu einer bei Sotheby’s auftaucht und sofort von einem anonymen japanischen Bieter für eine unglaubliche Summe ersteigert wird. Alle andern im Saal hören sofort auf zu bieten, wenn er anruft. Es ist dann aussichtslos.

Daraus erklärt sich auch die Popularität von Ausstellungen mit Nedskys Werken. Man muss jeweils gleich hinfahren, um sie sich anzuschauen, weil sie sonst bereits wieder verschwunden sind. Man kann aber auch zu spät kommen, wenn man sich beeilt. Worüber man sich dann noch lange ärgert.

Diesmal trägt man sogar zum Verschwinden bei. Ein Grund mehr, weshalb man sich überlegen muss, ob man wirklich hinfahren will. Womöglich findet man ja im sprichwörtlichen Londoner Nebel das MOTAL nicht, und wenn es ganz dumm läuft, ist London samt Nebel, Sprichwörtern, Downing Street und Finanzplatz ein schlecht gehütetes Gerücht. Womöglich stammt die Stadt aus einem Zitat von Winston Churchill und hat mittlerweile 8 Millionen Einwohner, die, weil sie sonst nichts zu tun haben, jährlich mehr neue Londoner und Londonerinnen erfinden, als sie vergessen, weshalb die Stadt wächst und wächst und wächst und immer schwerer zu vergessen ist.

Betrachten heisst verschwinden lassen

12. Dezember 2011

– Vaclav Nedskys Installation „Vanishing Faces“ als spektakuläre Wiedereröffnung des MOTAL

Das Museum of Temporary Art, London hat am vergangenen Wochenende nach einem rund acht Monate dauernden Umbau seine Tore mit einer spektakulären Ausstellung wieder geöffnet. Der vom holländischen Stararchitekten Sten Hidding völlig neu gestaltete Westflügel, der mit seiner einzigartigen Bündelung des  Aussenlichts auf die Exponate neue Massstäbe in der Museumsarchitektur setzen dürfte, wäre wohl für viele Besucher Grund genug gewesen, dem nasskalten Wetter der Londoner Eastside und dem Knatsch um den EURO für ein paar Stunden zu entfliehen. Die von der wachsenden Fangemeinde des Museums herbeigesehnte Wiedereröffnung mit der neusten Installation des tschechischen Malers und Installations-Künstlers Vaclav Nedsky  zu feiern, erwies sich jedoch für das zu Unrecht im Schatten anderer grosser Londoner Museen stehende MOTAL als absoluter Glücksgriff.
Neben dem handverlesenen Kreis illustrer Gäste aus aller Welt (der Schauspieler Ben Styler, die Schriftstellerin Melissa Willows, die Kunstmäzene David und Frank Martinson – um hier nur einige wenige zu nennen) strömten Londoner und Touristen von der Insel und vom Festland gleich in Scharen ins Museum und schenkten dem Anlass somit die Beachtung und den Rahmen, den er zweifellos verdiente.

Arthur Bellinger, langjähriger künstlerischer Direktor des MOTAL, sprach von einem in jeder Hinsicht einmaligen Ereignis in der Geschichte des traditionsreichen Museums. „Wir sind überwältigt von der Reaktion des Publikums. Es ist der schönste Lohn für die grosse Arbeit, die unser Team unter nicht immer einfachen Bedingungen in den vergangenen Monaten geleistet hat.“ Mit den nicht immer einfachen Bedingungen spielte Bellinger auf Ungereimtheiten bei der Finanzierung des Umbaus an, die die Londoner Steuerfahnder auf den Plan gerufen hatten und zwischenzeitlich sogar die Schliessung des renommierten Hauses befürchten liessen. Nun scheint das MOTAL wieder auf sicherem Grund zu stehen und in neuem Glanz zu dem zurückgekehrt zu sein, wofür es vor rund 40 Jahren konzipiert worden ist: der Beschäftigung mit temporärer Kunst.

Vaclav Nedsky setzte mit seiner neuen Installation „Vanishing Faces“ ein weiteres Highlight in seinem an Höhepunkten reichen Schaffen und festigte so seinen Ruf als einer der wohl originellsten und begabtesten Künstler der Gegenwart. Jedes seiner 24 grossflächigen Frauen-Portraits zieht den Betrachter mit seiner Intensität sofort in seinen Bann. Das ganz Besondere an der Installation ist aber ihre Vergänglichkeit.

Die 24 Portraits befinden sich – eines pro Raum – jedes in einer Art separatem Rollladenkasten. Wer ein Bild betrachten will, muss einen Knopf drücken. Der durch den Knopf ausgelöste Mechanismus lässt aber nicht nur den Rollladen hochfahren und gibt so – für gerade einmal 10 Minuten – den Blick auf das Portrait frei, er setzt beim Runterfahren des Rollladens auch einen automatisierten Spray-Prozess in Gang, der das Portrait mit einem extrem dünnen Film halbtransparenter, weisser Farbe überzieht.  Die Portraits werden so nach jeder Betrachtung leicht aufgehellt, bis sie – nach ungefähr 10‘000 Betrachtungen – ganz verschwunden sein werden. Der letzte Besucher hat dann sozusagen wieder eine weisse Leinwand vor Augen. Eine Vorstellung, die in der Tat gewöhnungsbedürftig ist.

Viele Besucher gaben denn auch spontan ihrem Bedauern darüber Ausdruck, dass die wunderbaren Portraits tatsächlich verschwinden werden, und in der Presse wurden bereits erste Kritiker-Stimmen laut, die dafür plädieren, den Blick auf die Kunstwerke streng zu limitieren, um sie möglichst lange zu erhalten. Für wen? – möchte man gleich zurückfragen. Und wer würde darüber bestimmen, wer die Bilder betrachten darf und wer nicht? Sind wir weniger Wert als jene, die nach uns kommen? Haben wir andererseits das Recht, Schönes unwiederbringlich wegzuschauen?

„Vanishing Faces“ ist auf jeden Fall eine Reise nach London wert. Nicht zuletzt deshalb, weil einem die geniale Installation in letzter Konsequenz die Interdependenz von Kunstwerk und Betrachter vor Augen führt. Der Betrachter ist nicht nur ein Teil des Kunstwerks, das ohne ihn keines wäre. Die Installation lässt auch den Schluss zu, dass die Unterscheidung zwischen temporärer und sogenannt ewiger Kunst letztlich ein Konstrukt ist, das sich bei genauerem Hinschauen als unhaltbar erweist.

Nedsky selber hütet sich wie immer davor, sich explizit zum Sinn seiner Installation zu äussern. In einem sehr kurzen Text im schön gestalteten Ausstellungskatalog, der bei Schooster & Schooster in einer auf 2000 Exemplare limitierten Ausgabe erschienen ist, schreibt er lediglich, „Man wird nun sehen, was noch zu sehen sein wird, wenn man nichts mehr sieht.“

Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass der Katalog trotz seines unbescheidenen Preises von £  250 wohl sehr rasch zum gesuchten Sammlerobjekt werden dürfte. Die Ausstellung im MOTAL ist noch bis Ende Februar zu sehen – falls die Exponate, was zu befürchten ist, nicht schon viel früher durch die Augen der Betrachter zum Verschwinden gebracht werden.

Dmitris Schneider

5. Dezember 2011

(ein fiktives Gespräch)

Es ist schwierig zu sagen, warum das so ist. Aber es ist so. Jeder kann es sehen.  Dmitris Anzüge sitzen zwar, sie sitzen sogar ausgezeichnet, aber genau das ist das Problem. Sie sitzen ihm zu gut. Sie sind für seine Figur unvorteilhaft geschnitten. Und es ist nicht, weil er eine unvorteilhafte Figur hätte. Niemand hat eine unvorteilhafte Figur. Jemand, der das behauptet, hat die Schöpfung nicht begriffen oder keinen Respekt davor. Vielleicht ist er etwas klein geraten, Dmitri, mag sein, jedenfalls wirkt er klein, obwohl er nicht kleiner ist als Wladimir, eher grösser, aber Wladimir wirkt grösser. Er kommt ja auch immer wie sein Ziehvater daher, obwohl er das als eine haltlose Behauptung von sich weisen würde, und Dmitri wirkt dann neben ihm wie eine Figur, die Wladimir in seiner Freizeit beim Fischen geschnitzt hat – etwas ungelenk. Vielleicht hatte er kalte Hände.
Aber es liegt nicht an ihm, glauben Sie mir, an Dmitri meine ich, wenn er manchmal  etwas steif und ungelenk wirkt. Es liegt einzig und allein am Schnittmuster seiner Anzüge und damit an seinem Schneider. Dmitri hat offensichtlich, jeder kann das sehen, der ein klein wenig etwas vom Geschäft versteht, einen unfähigen Schneider. Und so etwas sollte es nicht geben. Wenn es sich jemand leisten kann, seine Anzüge bei einem Schneider anfertigen zu lassen, sollte es ein guter Schneider sein. Schlechte Anzüge kann man von der Stange kaufen. Wenn ich Dmitris Schneider wäre, hätte ich ihn jedenfalls anders beraten.

„Sie wollen also, Herr Präsident, dass ich Ihnen ihre Anzüge so zuschneide, dass sie ihre breiten Schultern und die V-Form ihres Oberkörpers betonen? Ich verstehe. Und natürlich kann ich das, Herr Präsident, ich bin Ihr Schneider. Ich kann alles, was Sie von mir verlangen. Ich bin aber nicht nur ihr Schneider, Dmitri, ich bin auch ihr Freund. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, wenn Sie erlauben. Ich bin Ihnen treu ergeben.
Habe ich mich nicht geweigert, damals, Wladimir seine Anzüge zu schneidern, als er mich fragte? Habe ich ihm nicht gesagt, es tut mir Leid, Herr Ministerpräsident, aber ich bin Dmitris Schneider, ich kann nicht zwei Herren dienen. Ich schätze es sehr, und es ehrt meine Arbeit, dass sie mich anfragen, aber ich kann nicht ihr Schneider sein. Beim besten Willen nicht. Wäre ich ein Hutmacher, würde ich vielleicht ja sagen, aber ich bin kein Hutmacher. Ich bin ein Schneider. Dmitris Schneider. Auf Wiedersehen, Wladimir. Es tut mir Leid. 

Ich bin Ihnen treu ergeben, Dmitri. Ich habe Wladimir damals abgewiesen, obwohl er bestimmt ein sehr guter Kunde geworden wäre. Ein vorzüglicher Kunde. Er hat eine sehr einfache Figur. Unter Schneidern nennt man es eine Stangenfigur. Man kann alte Schnittmuster verwenden. Ich habe ihm die Adresse eines mir bekannten Schneiders gegeben. Ich kann nicht sagen ein Freund, aber jemand, den ich von früher kannte und um den es gerade finanziell nicht gut bestellt war. Seine Frau hatte ihn verlassen und er gab sich dem Alkohol hin. Aber Wladimir würde er schaffen. Eine Stangenfigur kriegt ein solider Schneider auch leicht alkoholisiert auf die Reihe. Ich habe Wladimir abgewiesen. Ihretwegen, Dmitri. Der einzige Tipp, den ich ihm gab, weil er unzufrieden war mit seinem Erscheinungsbild, und weil er mich bat, ihm wenigstens ein paar Ratschläge zu geben, war, dass ich ihm riet, in seiner Freizeit Rollkragenpullover zu tragen.  Das war alles, wozu ich ihm geraten habe.
Ich habe das nicht überprüft, Dmitri, denn Wladimir interessiert mich nicht, ich bin nicht sein Schneider, aber man trägt mir zu, er werde seither oft mit Rollkragenpullovern fotografiert.

Wie bitte? Nein, Ihnen kann ich Rollkragenpullover nicht empfehlen, Dmitri. Ich muss Ihnen im Gegenteil davon abraten. Ich rate Ihnen auch ganz dringend von Anzügen ab, die in ihrem Schnitt ihre Taille betonen und dann eng anliegend zu ihren Schultern hoch in die Breite gehen. So etwas steht Ihnen nicht. Wenn ich tue, was Sie von mir verlangen, erweise ich Ihnen einen schlechten Dienst. Man erweist einem Freund keinen schlechten Dienst.

Ihr Kopf ist zu gross, Dmitri. Es ist ein schöner Kopf und es ist an sich kein Problem, dass er so gross ist. Überhaupt nicht. Nur ist ihre Haltung, wenn ich das als Ihr Schneider so sagen darf, manchmal ein wenig steif, und ihr Gang tendiert dazu, leicht hölzern zu wirken. Sagen Sie jetzt noch nichts, bitte, lassen Sie mich zuerst ausreden. Danach werde ich schweigen und ihre Anzüge nach Ihren Wünschen zuschneiden, ich verspreche es.
Für jemanden wie Sie, Dmitri, ist ein Jackett, das unter der Achsel gerade bis über die Hüfte fällt, wesentlich vorteilhafter. Und wenn wir dann die Hosenbeine noch etwas weiter machen, wirken sie kompakt und geschmeidig und ihr Kopf hat die richtigen Proportionen. Ich weiss, was Sie jetzt sagen wollen, Dmitri Anatoljewitsch: ihr Kopf hat jetzt schon die richtigen Dimensionen. Natürlich hat er das. Und ich habe auch nie das Wort Marionette in den Mund genommen. Ich habe geschnitzt gesagt, ja, aber Marionette? Ich bitte Sie, Dmitri. Ich bin ihr Freund.

Wenn ich mir erlaube, Sie bezüglich Schnittmustern für ihre Anzüge zu beraten, dann nur deshalb, weil ich mir um Ihr Aus- und Ansehen ernsthafte Sorgen mache. Es ist richtig und wichtig, dass unser stolzes Land eine eigenständige Politik führt, und ich bin der erste, der für unser Recht darauf einsteht. Ich bin ein Patriot, Dmitri. Ich liebe unser Land. Ich liebe es ebenso wie Sie, und ich bin dankbar dafür, dass Menschen wie Sie unsere Geschicke leiten. Gute Menschen. Fähige Menschen. Auch Wladimir ist gut für unser Land, auch wenn sich sein Schneider nie davon erholt hat, dass ihn seine Frau verlassen hat.

Ich schlafe ruhig, Dmitri, seit Wladimir und Sie am Ruder sind. Ich schlafe gut und erwache nur ganz selten mit einem unguten Gefühl im Magen. Mitten in der Nacht, obwohl ich vor dem zu Bett gehen nur eine leichte Mahlzeit zu mir genommen hatte. Es ist absurd. Dann gehe ich hinunter in mein Atelier und schaue mir alte Schnittmuster an. Sie sind zum Teil beschädigt, angerissen und zerknittert (es ist dünnes Papier), und alle sind leicht vergilbt.

Wenn ich mir dann vorstelle, wie wichtige Persönlichkeiten wie Sie, Dmitri, in den Anzügen, die auf der Grundlage dieser leicht zerstörbaren Papiere entstanden sind, Entscheidungen getroffen und Verträge unterzeichnet haben, wie sie immer wieder ihr Veto im Sicherheitsrat eingelegt oder erfolgreich damit gedroht haben, dann ist das eindrücklich, Dmitri, für einen einfachen Schneider wie mich, der nichts von der hohen Politik versteht, und es ergreift mich so etwas wie Ehrfurcht. Ehrfurcht und Dankbarkeit, dass ich Ihr Schneider sein darf. Das ist ein gutes Gefühl. Und besser, viel besser, glauben Sie mir, als noch ein Glas zu trinken, bevor man sich wieder schlafen legt.

Und jetzt sagen Sie mir, was sie für Anzüge wollen, Dmitri. Sagen Sie es mir. In die Taille geschnitten? Wie Sie wollen. Über die Hüften fallend und die Hosenbeine etwas weiter geschnitten? Auch gut. Sie treffen die Entscheidung, Dmitri. Sie sind der Präsident. Ich bin Ihr Schneider.“

Unser Problem

18. November 2011

Unser Problem ist, dass wir uns einbilden, wie hätten etwas Besseres zu tun. Und dann sind wichtige Menschen plötzlich fort, verstorben oder abgereist, und ein Strand muss geschlossen werden, weil der Sand über Nacht eine Allergie auf das Meer entwickelt hat.

Auf Luftaufnahmen, die man uns jetzt vorlegt, wirkt der Ausschlag wie farbige Strandtücher. Hier und dort ein paar Beulen, die an Umziehkabinen erinnern.  Wir sind konsterniert. Wir hätten es kommen sehen müssen.

Es tut fast etwas weh. Wir bedauern uns, husten ein paar Nächte durch und gehen dann zum Arzt. Die Diagnose ist einfach, das Rezept  rasch geschrieben. Zweimal pro Tag: einmal den Sonnenaufgang, einmal den Sonnenuntergang.  Wenn in zwanzig Jahren keine Besserung eintritt, rufen Sie mich an. Oder wechseln Sie die Krankenkasse.

Nun aber weiter im Takt. Auch ohne eigenen Rhythmus.  Hauptsache vorwärts irgendwohin wird das führen. Jetzt bloss kein Gedicht schreiben. Häufige Poesie entwickelt Resistenzen. Das fehlte gerade noch.

Lass mich diesen Eintrag sachlich beenden die Zeilen fast voll geschrieben und die Interpunktion noch beinahe korrekt.

Merksatz für Manager

14. November 2011

Wer sich nicht entschuldigen kann, sollte keine Entscheidungen treffen.

Die Wochen sind kurz, das Leben lang und die Landkarte hat fünf Farben

4. November 2011

Auf der Leinwand im abgedunkelten Saal eine politisch eingefärbte Weltkarte, auf der 54 Staaten mit einer gemeinsamen Farbe markiert sind. „Ich werde heute nicht über das Commonwealth sprechen“, sagt der Professor, ein Mann von mittlerer Statur mit einem relativ kleinen Kopf. „Kann bitte jemand das Licht anmachen? Danke. Und den Beamer abschalten. Wir brauchen ihn heute nicht mehr.“

Er hat wirres, angegrautes Haar, das er mit den Fingern ab und zu nach hinten kämmt, obwohl es ihm nicht in die Stirne fällt. Es ist mehr ein Tick. Eine fahrige Allüre eines sonst unprätentiösen Manns in seinen frühen Fünfzigern, der nie geheiratet hat.

Nach einer kurzen Pause, während der zwei flinke Studenten ohne weiteres das Commonwealth hätten einrollen können, wenn es sich nicht um eine Powerpoint-Präsentation gehandelt hätte, fährt er fort: „Ich nehme  an, Sie wissen das, meine Damen und Herren. Die Lampen sind das teuerste an diesen Apparaten. Ein ähnlich absurdes Verhältnis wie bei den Druckerpatronen und den Druckern. Den verkabelten Rest werfen wir getrost auf den Müll und dieser kreist dann Jahrhunderte lang im Elektroschrottstrudel im Pazifik, den die Vögel für einen Fischschwarm halten und daran elend verrecken.“ Er fährt sich mit den Fingern der linken Hand durch die Haare.

„Ich will hier nicht in die Details gehen oder zu weit ausholen (ich weiss, dass ich manchmal zu weit aushole) und verweise an dieser Stelle lediglich auf mein letztjähriges Skript. Ich setze zudem voraus, dass ihnen bekannt ist, woher das Wort „elend“ kommt, wenn ich sage, dass diese Vögel elend verrecken, wenn sie unseren Elektroschott fressen, in der für sie verhängnisvollen Annahme, es müsse sich um Fische handeln. Sollten Sie es vergessen haben, erinnere ich sie daran, weil das Prüfungsstoff sein wird. Dass es einem elend geht, wenn man sich ausserhalb seines angestammten, eigenen Territoriums befindet: im Ausland, e-Land, ausser Landes. Weil es einem dort früher schlecht ging, weil einem niemand zur Seite stand, wenn man in Schwierigkeiten geraten war. Keine Freundschaft, keine Familie, keine Fürsprecher vor Gericht. Keine Chance.

Hat jemand etwas zugunsten des Angeklagten vorzubringen? Kennt ihn jemand? Kann jemand bezeugen, dass er keine Pferde stiehlt? Verbürgt sich jemand für ihn? Dann soll er jetzt mit barer Hand eine Münze aus einem Kessel mit siedendem Wasser holen, und damit selber seine Unschuld beweisen, so ihm Gott hilft. Klammer geschlossen.

Die heutige Vorlesung kreist weder um Elektroschrottstrudel, noch um die Frage, ob sich die Vorlesung in diesem Fall in der gleichen Richtung gedreht hätte wie der Strudel. Es geht heute auch nicht um Gerichtsverfahren gegen Ausserheimische, obwohl dieses Thema einiges hergibt, wenn man anständig mit ihm umgeht und es nicht drängt.

Wir verlassen die sterbenden Vögel und begeben uns stattdessen ohne weitere Verzögerung (without further delay) vom Pazifik auf‘s Festland und von der losen Gemeinschaft des Commonwealth hin zur nur auf den ersten Blick absurd anmutenden Frage, wie viele andere Menschen ein Mensch braucht, um sich für alle klar erkennbar von allen anderen Menschen abzugrenzen, mit denen er in Kontakt kommt, oder ob farbige Kleider genügen, und wenn ja, wie viele Farben diese Kleider haben müssten.

Man braucht bekanntlich fünf Farben, um eine politische Landkarte, wie wir sie soeben kurz gesehen haben (das Commonwealth im historischen Massstab von 1 zur Bedeutungslosigkeit), so einzufärben, dass keine zwei Länder mit derselben Farbe aneinandergrenzen. Farbenblinde kommen zur Not mit einer Farbe aus. Das war aber nicht immer so. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war man angesichts der damals horrenden Farbpreise noch bereit, zu glauben, vier Farben würden ausreichen, und man sprach damals, weil man sich nicht sicher war, ob man nur von der Knappheit der Mittel zu dieser Annahme verleitet worden war, von der Vier-Farben-Vermutung. Diese Vermutung war nur wenigen bekannt und galt zudem nur unter den Einschränkungen, dass isolierte gemeinsame Punkte nicht als Grenze zählen und dass jedes Land aus einer zusammenhängenden Fläche besteht, also keine Exklaven vorhanden sind. Ausserdem wurde mit den Studenten gleich zu Semesterbeginn vereinbart, dass während der Vorlesungen kein Popcorn gegessen wird.

Als Francis Guthrie an einem verregneten, nicht für Botanik geeigneten Sonntag Vormittag im Jahr 1852 eine Karte der Grafschaften von England einfärben wollte, stellte er als erster die Vier-Farben-Vermutung auf. „Was wird das?“ fragte seine Frau, als sie ihn bat, den Tisch frei zu machen, damit sie das Mittagessen auftragen könne. „Ich färbe gerade die englischen Grafschaften ein, Darling“ erwiderte Francis. „Es kann nicht ewig so weiter gehen, mit diesem Schwarz-Weiss auf vergilbenden Bögen. Und ich vermute, vier Farben werden reichen, um alle Grafschaften deutlich voneinander abzutrennen.“

„Was immer“, gab seine Frau zurück, „und jetzt mach den Tisch frei.“

Er verliert mir noch den Verstand, dachte sie. Und so schön möchte ich es auch einmal haben: wie ein Kind grosse Pläne machen, sie farbig ausmalen und sich im Übrigen bedienen lassen. Ich bin doch nicht seine Mutter.

Und grosse Pläne hatte Francis Guthrie tatsächlich. Die englischen Grafschaften sollten nur der Anfang sein. Wenn es ihm gelingen würde, nicht nur England, sondern die ganzen britischen Inseln, das europäische Festland und später vielleicht ganz Asien zu bemalen, würde vieles möglich sein. Andalusien. Patagonien. Lateinamerika, Afrika, und ganz am Ende seines Lebens vielleicht noch mit letzter Energie Australien und Neuseeland, mit einer einzigen Farbe, rundherum nur noch Wasser. Eine blaue, unendlich grosse Fläche, die nach Gemüsesuppe roch. Er konnte es kaum erwarten, und nahm sich vor, gleich nach dem Mittagessen mit der Droschke in die Stadt zu fahren, um neue Farben und einige Bögen Papier zu kaufen.

Irgendwie muss ihm dann aber die Faszination für das Problem abhanden gekommen sein.  Oder er hat kurz danach tatsächlich, wie es seine Frau vermutet hatte, den Verstand verloren. Ist von der Droschke gefallen. Jedenfalls haben sich kurz darauf europäische Mathematiker des Problems bemächtigt und Guthrie scheint sich wieder der Botanik zugewendet zu haben.

Der Londoner Mathematikprofessors Augustus De Morgan schrieb seinem irischen Kollegen William Rowan Hamilton in einem Brief, den dieser an einem nasskalten Frühlingstag las, in den er schlecht gelaunt erwacht war, ohne zu wissen warum: „Ich bin mir nicht sicher, werter Herr Kollege, aber es kann sein, dass vier Farben genügen, um die Länder einer Karte so zu färben, dass benachbarte Länder verschiedene Farben tragen. Womöglich reichen aber auch weniger Farben. Oder weniger Länder. Was denken Sie? Hochachtungsvoll, Ihr …“.

Hamilton ärgerte sich so sehr über den stupiden Inhalt des Briefs (nicht zu reden von der fehlerhaften Adresse, welche dazu geführt hatte, dass der Brief zunächst bei einem gleichnamigen Pferdemetzger in der Grafschaft Cork gelandet war), dass er sich lange überlegte, ob er ihn überhaupt beantworten solle, und als er es dann endlich doch noch tat, fiel seine Antwort an Morgan knapp und wenig schmeichelhaft aus. „Sie sind, lieber Augustus, ein Idiot. Drei Farben genügen, wenn es sich um satte Töne handelt. Von ihrer Dummheit bestürzt, Ihr …).

Es folgten ein paar weitere Briefe, welche das Verhältnis zwischen den lange befreundeten Mathematikern unheilbar zerrütteten, ein paar weitere Kriege auf dem europäischen Festland und die Gründung grösserer Nationalstaaten wie Italiens oder Deutschlands verhinderte schliesslich, dass das Einfärben der Karten ewig gedauert hätte. Dennoch lag sich die Gilde der Mathematiker noch fast vierzig Jahre lang wegen dem Beweis des Vier-Farben-Satzes in den Haaren. Heute ist es ein Theorem und sie können es in jedem Warenhaus kaufen. Normalerweise in der Papeterie-Abteilung.

Jetzt werden Sie sich vielleicht fragen, meine Damen und Herren Studenten, wann ich endlich zur Sache komme. Und ich verstehe Sie, wenn Sie sich diese Frage stellen. Ich wäre Ihnen nicht einmal böse, wenn Sie sie mir stellen würden. Ich wundere mich sogar darüber und bin ein klein wenig enttäuscht, dass Sie mir die Frage nicht stellen. Es wäre mir wichtig, dass sie kritisch sind.“

Er nimmt einen Schluck aus dem Wasserglas, das die ganze Zeit vor ihm gestanden hat, und fährt sich mit der linken Hand durch die Haare.

„Schauen Sie, es ist so. Ich glaube nach 20 Jahren in der Forschung nicht mehr daran, dass das Commonwealth sich reformieren kann. Es hat sich ganz einfach als Organisationsform überlebt, und wenn die Queen einst nicht mehr unter uns weilen wird, wird man es auflösen können.

Für die Graphentheoretische Soziologie des 21. Jahrhunderts spielt das Commonwealth so oder so eine sehr marginale Rolle, und wenn man es faltet, kann man es ganz vernachlässigen. Für unsere noch junge Wissenschaft steht vielmehr die Frage im Zentrum, wie viele Menschen ein Individuum als Bezugspersonen benötigt, um sich in eindeutiger Weise in seiner Individualität zu erkennen und somit von seinen Mitmenschen abgrenzen zu können.

Wir sind der Beantwortung dieser Frage heute, ich gebe das mit einem Blick auf die Uhr zu, nicht wirklich näher gekommen. Wie definieren Sie Versagen? Vielleicht liegt der Grund dafür in meiner Geschwätzigkeit. Das mag durchaus sein, habe ich doch die ganze Zeit geredet.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Zeit ganz einfach viel zu schnell vergeht. Denken Sie darüber nach. Glauben Sie nicht, dass man Sie vor irgendetwas verschonen wird, nur weil Sie jung sind. Es wird Ihnen gleich ergehen wie uns allen. Die Wochen sind kurz, auch wenn das Leben, wenn man Glück hat, lang ist, und man kommt als Professor zwangsläufig hin und wieder mangelhaft vorbereitet in eine Vorlesung. Ich hätte Ihnen heute gerne meine Theorie der Fünf-Menschen-Vermutung erläutert. Ich kann es noch nicht beweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass vier Menschen genügen, um einen Fünften durch die Aufzählung ihrer Eigenschaften so zu beschreiben, dass ihn alle wiedererkennen, denen er schon mehr als einmal begegnet ist.

Es dürfte einige Jahre dauern, bis diese Theorie einwandfrei bewiesen werden kann. So gesehen ist es kaum relevant, dass ich, sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, mit der heutigen Vorlesung ihre wertvolle Zeit vergeudet habe. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen eine gute Woche und hoffe, einige von Ihnen am nächsten Montag trotzdem wieder zu sehen.“

Die Saison der Entschuldigungen

20. September 2011

Der Tag begann mit einem sonderbaren Telefonanruf. Ich hörte die Stimme meiner Sekretärin sagen, sie hätte Mahmud Abbas am Apparat und ob sie ihn mir durchstellen könne. Mahmud wer? Machen Sie keine Scherze mit mir, gute Frau, ich habe schlecht geschlafen.

Aber sie hatte bereits durchgestellt und Präsident Abbas bat mich ohne Umschweife um Entschuldigung.

I am sorry, Walter, I am deeply sorry. Seine Stimme klang brüchig und im Hintergrund war Strassenlärm zu hören. 

Why should you be sorry, dear friend? hörte ich mich sagen, obwohl wir uns nur einmal gesehen hatten, und da hatte er kurz zuvor sein Gesicht verloren gehabt.

Er entschuldigte sich für all die Sorgen, die er mir in den letzten vier Jahren bereitet hatte. Es sei nicht seine Absicht gewesen (I didn’t mean it). Er wisse, wie mühsam das für mich und die anderen Diplomaten die ganze Zeit gewesen sei, dieser ewige Konflikt. Diese Unversöhnlichkeit. Die hohlen Parolen. Die lärmige Larmoyanz. Es tue ihm unsäglich leid, und ob ich seine Entschuldigung annehmen würde, es sei ihm wichtig. Hatte ich ihn schluchzen gehört?

Of course I accept your apology, Mr. President. It’s a very nice gesture. It is confidence building. It is very constructive. It makes my heart light at the time of my departure. I really appreciate. And please stop crying, will you?

Ich hörte, wie er sich schneuzte. Dann waren für einen Moment nur Geräusche von vorbeifahrenden Autos zu hören, Hupen, arabische Wortfetzen, das Furzen eines Esels?

Are you still there, Mr. President?

Thank you, Walter. Thank you for your understanding. It means a lot to me. I pass you Bibi now for the details.

WHAT???

Walter, that you? This is Bibi the brave. How are you? We heard you are leaving soon. No, don’t tell me where you go. I know you are not allowed to tell and I know it already, anyway. Nice country, congratulations! Listen, I know you’re busy, but Mahmud and I are sitting here, drinking a cup of tea, and we wanted to apologize before you leave.

Dann schien er die Hand auf die Sprechmuschel zu halten und ich hörte ein schwaches No, thanks, Mahmud, no sugar!

You still here, Walter? Listen I want you to know that I am sorry. Like Mahmud I feel that it wasn’t right to cause you so much trouble. I am sorry for the settlements and all the mess we created. The pitty peace talks. The cheeky checkpoints. I know it wasn’t nice, none of it. You could have had such a good time. Could have enjoyed beautiful Palestine instead of writing all these confidential reports about our sad conflict. Good reports by the way, most of them. My compliments. But completely pointless, you know that. We used to call it the diplomatic treadmill, Mahmud and I, and we both had our favorite ambassador-hamsters in the wheel. We used to read the reports of you guys together and have a good laugh. No offense. We had to have some fun, after all. What is it, Mahmud? Sorry Walter, just a second… No, Mahmud. I don’t give a shit. You can have it. But take the inhabitants too, please.

I’m back. You still there, Walter? The connection is not really outstanding here in Jenin. I promised Mahmud I ‘ll send him my technicians over this afternoon, as soon as I got back to Jerusalem after we finished the maps.

So what I wanted to tell you is that we are both terribly sorry, Mahmud and I, we really are. We hope you accept our sincere apologies and we want you to leave here with a quiet mind, knowing everything will be all right. We have the peace treaty right in front of us. It’s based on the Geneva Initiative with a few article swaps. Gonna sign it tomorrow. Was about time, I know. Send you a copy.

This is great news, Mr. Netanyahu! sagte ich, völlig überwältigt. I can hardly believe my ears. You tell me you finally sorted everything out, you and Mr. Abbas? You found solutions to close all the enormous gaps? What about Jerusalem, for instance?

Forget Jerusalem. It is gonna be the undivided capital of two states. Neat, isn’t it?
And the right of return…?

Granted.

Whaddayamean?

The Palestinians get a state. If they don’t like it, they can give it back. But listen, gotta go. My regards to Tamar. She’s a nice girl. Don’t forget to allow her to visit Israel often enough after you two have left the country. She’s a native. She needs the sun.

Dann kam ein weicher Summton. Netanjahu hatte aufgehängt.

Ich rief meine Sekretarin an und bat sie, mir in der nächsten halben Stunde keine Anrufe durchzustellen und keine Besucher einzulassen, damit ich in Ruhe an meinem Verstand zweifeln konnte, aber mein Blick viel auf die Frontseite der International Herald Tribune und ich kam nicht umhin, die fett gedruckte Schlagzeile zu lesen: „Iranian nuclear program a big bluff!“

Die Inspektoren der Internationalen Käse- und Emmentaler Agentur (IKEA) hatten den etwas streng riechenden Beweis vorgelegt, dass es sich bei den vermeintlichen nuklearen Installationen in Tat und Wahrheit um gigantische Anlagen zur unterirdischen Produktion von Weichkäse handelte. Das Rezept stammte aus einem alten koreanischen Kochbuch und eine pakistanische Werbeagentur hatte die geniale Verkaufsstrategie entwickelt: „Unterirdisch produziert – überirdisch gut!“.

Die islamische Republik würde, verkündete ein schelmisch grinsender Ahmadinejad im Exklusivinterview, durch diesen gelungenen Coup nicht nur von einem Tag auf den anderen weichkäseautark werden, sondern voraussichtlich auf absehbare Zeit hinaus im ganzen Mittleren Osten Fäden ziehen.

Ich legte die Zeitung auf einen Stapel mit Altpapier, auf dessen Behälter jemand POSTEINGANG geschrieben hatte, band meine Krawatte um, die den Sommer über hinter meiner Bürotüre hing, und verliess das Gebäude. Ich überquerte die hupende Strasse und ging Richtung Strand. In meinem Kopf begann ich eine Liste mit Personen zu erstellen, bei denen ich mich bei nächster Gelegenheit entschuldigen wollte. Gründe gab es genug. Es würde eine lange Liste werden. Parallel dazu, das war mir jetzt schon klar, würde ich nach einer Weile eine Liste der Menschen und Organisationen anlegen müssen, bei denen ich mich zu entschuldigen vergessen hatte, was ihnen deutlich anzumerken war. Und vielleicht noch eine dritte Liste, die die Namen der Personen oder Organisationen enthalten würde, die fälschlicherweise auf der zweiten Liste gelandet waren, weil ich es versäumt hatte, sie nach erfolgter Entschuldigung auf der ersten List zu streichen. Es muss etwas anderes gewesen sein, was ich ihnen angesehen hatte. Und vielleicht würde es noch eine vierte Liste brauchen, die jene Namen (oder Organisationen) enthalten würde, die auf keiner der drei Listen auftauchten, und eine fünfte, streng vertrauliche, mit Namen von Personen, allenfalls auch Organisationen, welche ich bewusst aus Datenschutzgründen weggelassen hatte, oder weil es politisch zu heikel gewesen wäre oder weil sie mir zu nahe gestanden waren (ich machte mir eine mentale Notiz: vielleicht ist es ratsam, diese letzte Liste in Unterlisten zu unterteilen, vielleicht überhaupt alle Listen unterteilen?) und dann stand ich am Strand und stellte fest, dass ich die Badehose in der Botschaft liegen gelassen hatte. Es tat mir Leid für das Meer, und ich entschuldigte mich in aller Form, aber es ging nicht anders, ich musste umkehren.

Was ich lese, wenn ich lese, entscheidend sei nicht, wie ich lese, sondern was ich lese

2. September 2011

 „Entscheidend ist nicht, wie, sondern was Sie lesen.“ (NZZ-Eigenwerbung)

Was heisst hier entscheidend? Was wird entschieden, und von wem? Entscheidungen aussprechen, hat Günter Eich in seinem Gedicht Timetable festgehalten, sei Sache der Nilpferde. Er ziehe es vor, Salatblätter auf ein Sandwich zu legen und unrecht zu behalten.
Entscheiden hat etwas mit Recht haben zu tun. Wer entscheidet, muss glauben, oder zumindest hoffen, Recht zu haben. Recht mit seinen Überlegungen oder seinem Bauchgefühl oder was immer zum Entscheid in diese oder eben die andere Richtung geführt hat. Und ich schreibe ganz bewusst von seinen Überlegungen und seinem Bauchgefühl, weil nach einer Statistik, die ich soeben erfunden habe, weltweit noch immer mehr als drei Viertel aller Entscheidungen von Männern gefällt werden. Das ist eindrücklich, ich weiss, und es klingt auch ohne Beleg glaubhaft. 
Entscheidend sei also, so die NZZ in ihrer Eigenwerbung, nicht wie ich lese (ich nehme der Einbildung halber an, die Werber meinten mich), sondern was ich lese.
Das mag als Werbeslogan auf den ersten Blick überzeugen (wer liest schon gerne Käse), aber es trifft leider nicht ganz zu, meine Herren. Es überzeugt höchstens halb. 
Mein Geschichtslehrer sagte uns zu Beginn der Mittelschule, das Ziel seines Unterrichts sei, uns beizubringen, wie man Zeitung liest. Wie, nicht welche. Ich habe erst viele Jahre später zu begreifen begonnen, was er damit gemeint haben könnte. Es hat zunächst einmal damit zu tun, nicht alles zu glauben, was man liest. Es hat mit Kritik zu tun, mit Zweifeln an Darstellungen, die auf unüberprüfbarem Wissen beruhen, mit ständigem Hinterfragen, wer was warum so und nicht anders darstellt. Mit der Frage, warum über etwas nicht berichtet wird. Es hat mit Quellenkritik zu tun, mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit und mit der Unterscheidung von Meinungen und Fakten, mit dem Erkennen von Absichten. Es hat damit zu tun, nicht alles bereitwillig zu glauben, was in mein Weltbild passt, und nicht alles reflexartig abzulehnen, was mich verunsichert oder meine Überzeugungen erschüttern könnte.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, wie ich lese. Umso besser, wenn ich dann auch noch etwas lese, was von hoher Qualität ist, weil es in etwa mit denselben Grundsätzen geschrieben wurde, wie ich lese. Aber es ist schon eher umgekehrt: Wenn ich nie richtig lesen gelernt habe, kann ich auch mit der NZZ wenig bis gar nichts anfangen. Wenn ich lesen kann, tun es zur Not auch mal ein paar Blick-Schlagzeilen. Ich kann die Zeitung (irgendeine) natürlich auch ungelesen dazu nutzen, mein Sandwich einzupacken, und mich damit in die Landschaft verabschieden, während die Manager im Flugzeug über Bochum ihre einsamen Entscheide treffen.

Zurück aus den Ferien

30. August 2011

Zurück aus den Ferien ist es mir ein Anliegen, hier festzuhalten, dass alles im Fluss ist. Ich hätte auch sagen können, dass man schlecht anlegen kann, wenn der Fluss reisst, und gar nicht sollte, wenn man kein Erspartes hat. Das wäre dann Spekulation und fahrlässig. Kein Fährmann würde das machen. Fährfrauen sind traditionell noch vorsichtiger und setzen an Hochwassertagen lieber gar nicht über, weder den Fluss noch in andere Sprachen. Jedes Risiko ist unnötig, wenn man sicher sein darf. Und jede Übersetzung ist ungenau. Man landet oft irgendwo, trocknet die Kleider und der Leser sucht den Sinn.
Ich komme nicht umhin, festzustellen, dass ich keine Ahnung habe, wovon ich spreche. Leider einmal mehr. Ich tummle mich im Ungefähren. Ich gebe mich Wortspielereien hin. Bis die Sonne untergeht und das Alphabet ruft seine Buchstaben rein. Dabei habe ich nur ganz wenige Abonnenten und möchte sie nicht auch noch verlieren.
In Irland habe ich verschiedene Grüntöne entdeckt und ein Pferd gestreichelt, ohne zu niesen. Luzern fand ich bemerkenswert schön. Schulaufsätze nach den Ferien fand ich bemühend. Ich hatte jeweils alles, was ich aufschrieb, schon mindestens einmal erlebt.