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Franks Bein
10. September 2010Gedanken aus dem Sommerloch
13. Juli 2010Es ist, wenn man sich zurücklehnt, die Beine auf den Schreibtisch legt und sich einen entspannten Augenblick lang einem Gedankengang widmet, der nichts mit einer von der Zentrale bis spätestens morgen 14 Uhr geforderten Stellungnahme zum Entwurf einer einseitigen Pressemitteilung zu tun hat, die dann doch nicht veröffentlicht wird, irgendwie die schönste Zeit des Jahres. Schöner als Weihnachten. Man muss nicht einmal Geschenke besorgen. Sie flattern von überall her mit einer bezaubernden Leichtigkeit umsonst ins Haus. Es ist Sommerferienzeit.
Die mit den üblichen Vollidioten vollgepferchten Autos stauen sich am Nordfuss des Gotthardtunnels bis an die Ausläufer des Hindukusch, wo sogar die Verteidigung Deutschlands einen von ein paar – allerdings heftigen – Explosionen unterbrochenen Moment lang den schweren Atem anhält, während französische Minister fast ohne Arroganz in die Kameras lächeln, alles abstreiten, nur um kurz darauf als zerknirschtes Bauernopfer zurückzutreten, derweil unangenehme Zeugen aussagen, nie freiwillig unter Druck gestanden zu haben, während der Präsident angesichts des unrühmlichen Verhaltens der französischen Nationalmannschaft den Zusammenhang der Nation beschwört und eine eidesstattliche Erklärung abgibt, von seinem Wahlkampf nichts gewusst zu haben, was etwas weiter südöstlich einem Bundesrat sofort als der richtige Moment erscheint, seinen schon lange allseits erwarteten Rücktritt zu einem einigermassen überraschenden Zeitpunkt bekanntzugeben und eine seiner Kolleginnen ermutigt, noch vor der Abreise in die Ferien den kühnen Entschluss zu fassen, wegen formalen Mängeln des Auslieferungsgesuchs und ein paar fehlenden Fotokopien einen in die Jahre gekommenen mutmasslichen Vergewaltiger nicht an ein Land auszuweisen, dessen Präsident unser aller Bohrloch einfach nicht zukriegt.
Was ich sagen will: es ist in diesem sogenannten Sommerloch nicht so, dass gerade nichts passiert. Aber es ist vielleicht ganz interessant, dem offenbar wenigen zuzuschauen, das noch passiert, und auf jeden Fall aufschlussreich, genau hinzuschauen und hinzuhören, wie darüber berichtet wird.
Das Schweizer Fernsehen bietet drei Korrespondenten auf, um aus Frankreich, den USA und Polen über das Echo auf die verweigerte Auslieferung zu berichten. Vielleicht hab ich den Korrespondenten aus Polen auch nur geträumt. Es war heiss in meinem Fernsehzimmer und mein Hund lenkte mich ab, weil er sich so verhielt, als müsse er dringend Gassi gehen, obwohl wir kurz zuvor auf einem längeren Spaziergang waren. Obwohl ich gar keinen Hund habe. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass da ein nicht sonderlich gut Hochdeutsch sprechender Sonderkorrespondent war, der direkt vor dem Chalet des nun doch nicht Ausgelieferten darüber spekulierte, ob dieser nun, „wie die einten sagen“, tatsächlich gleich nach Abstreifen der elektronischen Fussfessel abgereist oder, wie die anderen behaupten würden, noch immer hinter diesen Vorfenstern sitze, die Landschaft betrachtend, den ruhigen Fluss des Lebens.
Die meisten Einheimischen seien jedoch wortkarg und wollten sich lieber nicht äussern zu diesem Fall, weil man ja schliesslich in der Berggemeinde von der Anwesenheit der reichen Ausländer lebe, wusste der Sonderkorrespondent abschliessend leicht süffisant zu berichten (oder meinte ich das nur – was IST denn schon wieder, Du dämlicher Köter!), womit man sich nach einer gefühlten Viertelstunde endlich dem Rest der Welt zuwenden konnte, um noch rasch nachzuschauen, vor dem Wetterbericht, ob da eventuell sogar auch noch etwas passiert sein könnte, worüber zu berichten es sich allenfalls lohnen könnte.
Es war, ich gebe es zu, einer dieser Augenblicke, in dem es mir ein wenig peinlich ist, dass ich Schweizer bin und dass das mein staatliches Fernsehen ist. Drei Auslandkorrespondenten, ein Sonderkorrespondent direkt vor dem Chalet und die Hälfte der zur Verfügung stehenden Sendezeit der Tagesschau. Willkommen bei den zu stark besonnten Sennen. Temperaturen über 30 Grad und Startsiege gegen spätere Weltmeister bekommen uns nicht. Es kann uns dann passieren, dass ein Moderator einer Sportsendung nach einer verlorenen WM-Partie einer afrikanischen Mannschaft den afrikanischen Studiogast fragt: „Wie geht ihr Afrikaner mit einer solchen Niederlage um? Holt ihr den Medizinmann ins Lager?“, und man sich fragt, was nun noch peinlicher ist: dass keiner der Studiogäste gegen diese rassistische Aussage Einspruch erhebt oder dass das handverlesene Publikum, dass sich endlich einmal selber im Fernsehen sieht (falls das programmierte Aufnahmegerät nicht im dümmsten Moment den Dienst versagt), beherzt lacht und spontan Beifall spendet.
Darf man das alles entschuldigen? Hilft es, dass andere Europäer offensichtlich auch unter der Hitze leiden? Tröstet es, dass viele kritische Zeitgenossen ja momentan gar nicht hinschauen, weil sie vor dem Gotthard unterwegs sind?
Es könnte eine wunderbare Zeit sein, dieses Sommerloch. Eine höchst philosophische Zeit, nur so zum Beispiel. Zum Beispiel wenn man die relative Ruhe dazu benutzen würde, sich die Frage zu stellen, warum es eigentlich gerade so ruhig ist. Warum die Medien mit drei Ausland- und einem Sonderkorrespondenten über eine angesichts anderer Probleme dieser Welt völlig nebensächliche Begebenheit berichten können, während die Tendenz ja momentan diese ist, dass sämtliche Medien gerade damit beschäftigt sind, ihre Auslandkorrespondenten wegzurationalisieren, weil wir uns Berichterstattung aufgrund von Kenntnissen einfach nicht mehr leisten können.
Geschieht momentan wirklich einfach fast nichts? Oder ist es lediglich so, dass die Berichterstatter in den Ferien weilen (offenbar nicht alle, wenn sogar einer vor dem Chalet ausharren und über die kleinmütigen Einheimischen spotten kann), und wenn dem so wäre, hat man sie in die Ferien geschickt, weil die, denen sie üblicherweise Bericht erstatten, am Gotthard im Stau stehen und von Bohrlöchern im Augenblick nichts wissen wollen, ausser es handle sich um die zweite Gotthardröhre? Oder ist es einfach so, dass die Politiker in den Ferien weilen, und es, weil ohne sie nichts geht, nichts zu berichten gibt, ausser vielleicht über den einen oder anderen unter ihnen, der eine jüngere Frau wirklich liebt und dann auch in zweiter Ehe geheiratet hat oder über jenen Unglücklichen, der eines morgens mit Bündeln von Euronoten in seinen Taschen aufgewacht ist und die edle Spenderin nicht einmal loben kann, weil er sie nie gesehen hat?
Ich habe keinen Hund, und ich werde mir auch keinen mehr kaufen, aber ich würde ihn den wenigsten Politikern, die ich mitkriege, in die Ferien geben. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es ist so. Zuviel Machtbewusstsein, zu wenig Zeit zum Gassigehen.
Wie dem auch sei. Irgendwie, und das ist doch das Bemerkenswerte, scheint es möglich, dass einmal im Jahr ein paar Wochen lang etwas weniger passiert als sonst. Auch wenn es am Ende nur ein Wahrnehmungsphänomen sein sollte. Was haben wir ausser unserer Wahrnehmung?
Die sonst übliche Hektik lässt spürbar nach. Man kommt sogar kurz zum Denken. Wunderbar! Vielleicht fragt sich die eine oder der andere, ob dieser verlangsamte Aggregatszustand nicht sogar ein erstrebenswerter sein könnte. Möglicherweise würde es genügen, wenn wir unsere Politiker und unsere Medienschaffenden etwas öfter in längere Ferien schicken würden. Geht nur. Doch doch. Macht euch wegen uns keine Sorgen. Es geht uns gut ohne euch, und wir passen auch ganz sicher auf uns auf. Entspannt euch. Rutscht uns endlich den Buckel runter.
Und jetzt zu etwas völlig anderem
12. Juli 2010Seit zwei Wochen kümmere ich mich wieder um mich. Eigentlich schon seit über zwei Monaten, als ich mit dem Rauchen aufhörte. Mir ist Ende April plötzlich klar geworden, dass rauchen der Gesundheit schadet. Meiner. Das war ein echter Schock, und ich habe sofort aufgehört damit. Wieso hatte mir das nie jemand gesagt? OK, ich will fair sein. Ihr habt es mir alle gesagt, immer wieder, sogar der eine oder andere Raucher unter euch hat es mir nicht verschwiegen. Nur hören wir eben nicht auf andere, ausser sie sagen uns etwas, was wir hören wollen.
Sei’s drum. Ich habe nach 12 Jahren ununterbrochenem Qualm mal wieder aufgehört, wie ich das die anderen Male, als ich aufhörte, auch getan hatte: von einem Tag auf den andern. Seither geht es mir besser, auf verschiedene Arten. Dass ich weniger huste und weniger schnell ins Keuchen komme, ist schön, aber nicht das Schönste am nicht mehr rauchen. Das eindeutig Schönste daran ist, dass ich selbst in den letzten Wochen, als ich mich aus verschiedenen Gründen, die nichts mit dem nicht mehr rauchen zu tun hatten, echt mies fühlte, nicht wieder angefangen habe damit. Es wäre, so, wie ich funktioniere (so, wie wohl viele Menschen funktionieren) das Naheliegendste gewesen, wieder mit dem Rauchen zu beginnen. Es ging mir scheisse. Ich fühlte mich wirklich absolut mies. Ich sah wenig erfreuliche Perspektiven für mich persönlich (während ich zugeben musste, dass es meinen Kindern gut geht und es demzufolge eigentlich nichts gab, worüber ich wirklich hätte betrübt sein können), sondern überall nur Ärger, Wiederholungen und Ungemach.
Wozu also nicht rauchen? Wozu der Verzicht auf ein Genussmittel, nur weil es meiner Gesundheit schadet und vielleicht mein Leben verkürzt? Und ich sage bewusst vielleicht, denn was wissen wir schon.
Wir wissen zwar, dass rauchen die Lebensdauer verkürzt. Es gibt diese ebenso berühmte wie unglaubliche Formel, wonach mein Leben pro Zigarette eine Minute – oder war es eine Viertelstunde? – kürzer werde, aber das sagt leider nicht viel aus. Wo wird die akkumulierte Verkürzung des Lebens abgezogen? Am Ende? Das wäre dann wahrscheinlich nicht so schlimm, weil die letzten Jahre (vor allem die eines Rauchers) vermutlich nicht so toll sind. Ich möchte jetzt nicht wie ein Ignorant klingen (ich klinge natürlich gerade wie einer) und vor allem niemandem zu nahe treten, der jemanden aus der Familie oder aus dem Freundeskreis durch Lungenkrebs verloren hat. Das muss schrecklich sein. Ich entschuldige mich, dass ich mich zu diesem nicht nur billigen sondern logisch falschen Kurzschluss habe hinreissen lassen.
Ich will eigentlich nur sagen, und ich weiss, dass das vielleicht die billigste unter allen Raucher-Ausreden ist, dass wir nicht wissen, wann und woran wir sterben, und es deshalb unter Umständen gar nicht relevant ist, ob unser Leben durch irgend eine Sucht um ein Paar Jahre verkürzt worden wäre, weil wir gar nicht wissen, ob wir überhaupt so alt werden, dass etwas verkürzt werden könnte, was sonst länger gedauert hätte. Ach Du meine Güte. Ich entschuldige mich für die letzten paar Sätze, und ich nehme sie nur deshalb nicht ganz zurück, weil mir der Marmor zu schade wäre, in den ich sie gemeisselt habe.
Ich gebe zu, dass mir der Gedanke durch den Kopf ging, in meinen miesen Wochen (für die ich mich hier auch gleich in aller Form entschuldige, beim Leben und bei all jenen, denen es wirklich mies geht) an der nächsten Tankstelle Zigaretten zu kaufen und schon beim Wegfahren genüsslich zu inhalieren. Aber ich tat es nicht. Nicht aus Vernunft oder Tugend, sondern aus Trotz.
Ich weigerte mich, mir erneut Schaden zuzufügen, nur weil es mir schlecht ging. Es war ein kleiner aber für mich bedeutungsvoller Aufstand gegen die eigenen Verhaltensmuster. Und weil es Spass machte, nicht in meine alte Falle zu treten, ging ich gleich noch einen Schritt weiter und begann, wieder Sport zu treiben. Wie lange hatte ich davon gesprochen? Zehn Jahre? Fünfzehn Jahre?
Egal. Jedenfalls war ich schon sehr lange nicht mehr das, was ich angeblich gerne gewesen wäre. Angeblich, weil ich es mir ja offenbar selber nicht glaubte und deshalb in meinen letzten fünfzehn Jahren auch nie mehr geworden bin: ein mittelalterlicher Mann mit einer sportlichen Figur und bei guter Kondition. Auf das mittelalterlich hätte ich noch ein paar Jahre verzichten können. Aber wahrscheinlich bestimmte der Umstand, dass wir diesbezüglich keine Wahl haben, irgendwo auch meinen freiwilligen Verzicht auf die sportliche Figur und die gute Kondition. Ich gebe es zu: ich liess mich gehen. Ich bin nicht aus den Nähten geplatzt und war nie wirklich dick, aber für jemanden, der einmal sehr sportlich war, kam mein Zustand einer Kapitulation ziemlich nahe. Irgendetwas in mir hatte mich oder einen Teil von mir offenbar aufgegeben, und ich fand nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren.
Ich nahm also mein Fahrrad aus der Garage und fuhr am vorletzten Wochenende am Samstag zwei Stunden lang durch den Hayarkon Park. In der grössten israelischen Mittagshitze, Anfang Juli. Aber so bin ich. Wenn ich mich einmal entschlossen habe, etwas zu tun, kann ich ebenso stur und unbelehrbar sein, wie wenn ich mich verweigere. Es hat sich herausgestellt, dass ich die Hitze noch immer sehr gut vertrage. Es machte mir überhaupt nichts aus, meine Runden in der prallen Mittagsonne zu drehen. Ich war dabei auch nicht immer in der prallen Sonne. Der Hayarkon Park hat verschiedene Fahrradstrecken, und einige davon führen unter wunderschönen, Schatten spendenden Bäumen an Gewässern entlang (am Hayarkon-Fluss eben). Ich hatte meinen kleinen iPod am Ärmel meines T-Shirts befestigt und hörte hauptsächlich alte Balladen von Bob Dylan. Sad eyed lady from the low lands und Sooner or later one of us must know.
Es machte mir soviel Spass und auch danach fühlte ich mich so gut, dass ich am Sonntag gleich noch mal zwei Stunden mit dem Fahrrad unterwegs war. Und weil ich nicht auf das kommende Wochenende warten wollte, beschloss ich, von nun an auch am Morgen vor der Arbeit eine Stunde mit dem Fahrrad durch den Park zu fahren. Das war kein geringer Entscheid für mich. Er bedeutete, dass ich nicht mehr als einer der ersten um 7.15 Uhr an meinem Arbeitsplatz eintreffen und die Ruhe vor dem täglichen Sturm nutzen konnte, sondern erst nach 9 Uhr. Warum ich mir das momentan erlaube, ist eine andere Geschichte, und hat nicht nur mit dem Sommerloch zu tun. Jedenfalls fühlt sich der neue Rhythmus, den ich meinem Tag und damit meinem Leben gegeben habe, gut an.
Ich habe immer gewusst, dass mein Körper dankbar ist. Sobald ich mich wieder um ihn kümmere, reagiert er wunderbar. Schon nach wenigen Tagen Training bin ich wieder erstaunlich gut bei Kräften und meine Ausdauer kommt zurück. Das müsste ja nicht unbedingt so sein. Mein Körper könnte sich nach den langen Jahren der Vernachlässigung auch sträuben oder ganz weigern, wieder in Form zu kommen. Und ich könnte ihm nicht einmal böse sein deswegen. Ich würde ihn verstehen. Was will der Kerl eigentlich von mir? Zuerst vernachlässigt er mich 15 Jahre lang, lässt mich links liegen, füttert mich hauptsächlich mit Junkfood, torpediert mich mit Teer und Nikotin, und dann urplötzlich, eines heissen Tages im Juli, jagt er mich wie ein Irrer zwei Stunden auf einem Fahrrad durch den Hayarkon Park. Ist er völlig meschugge geworden?
Ich hätte meinen Körper verstanden, wenn er sich quergestellt hätte. Er hätte nach zehn Minuten Schlapp machen können. Er hätte am zweiten Tag eine Zerrung produzieren können oder einen Muskelfaserriss. Er hätte sich ungeschickt anstellen und mich auf dem heissen Asphalt stürzen lassen können, was mir wahrscheinlich den Anfangselan gebrochen hätte, und wenn der einmal weg ist, ist das Ende nahe. Oder er hätte sich nach einer Woche ausgelaugt geben können, Gelenkschmerzen produzieren, eine Augenentzündung vom Fahrtwind, Ohrenschmerzen von den Ohrstöpseln des iPod, was weiss ich. Er hätte Dutzende von Möglichkeiten gehabt, mein Körper, um sich für meine jahrelange Passivität zu rächen, um mich dafür zu bestrafen, dass ich ihm, in dem ich doch wohne, so wenig Beachtung geschenkt und so wenig Sorge getragen habe. Aber nein, er hat es nicht getan. Er war, sobald ich mich ihm wieder zugewendet habe, wieder – wie ich das früher schon erlebt habe – nicht nur nachsichtig und gnädig mit mir, sondern er half mir sofort aktiv und unterstützt mich nun auf wunderbare Weise in meinen Bestrebungen, ein besseres Leben zu führen. Ich bin ihm unendlich dankbar, meinem Körper, und ich möchte ihm von jetzt an Sorge tragen. Alt werden ist in vielerlei Hinsicht nichts Schönes. Aber wenn ich schon alt werde, dann ist es alles andere als selbstverständlich und ich schätze es enorm, es in einem solchen Körper tun zu dürfen, der weder nachtragend noch beleidigt ist, sondern einfach ein sehr guter Freund, der einem seine Sünden vergibt und es einem immer wieder ermöglicht, neu anzufangen oder wenigstens wieder einen Versuch zu starten, ein besseres Leben zu führen.
Heute, zu Beginn meiner zweiten Woche der morgendlichen Fahrten durch den Hayarkon Park, fuhr ich ein paar Runden auf einem Rundkurs in der nordöstlichen Ecke des Parks. Der Montag, so scheint es, ist der Tag, an dem mehrere Fahrradclubs im Park trainieren. Jüngere, durchtrainierte Frauen und Männer drehen dann auf einigen Strecken des Parks im Pulk ihre rasanten Runden, und man muss aufpassen, dass man ihnen nicht im Weg fährt. Sie scheinen wenig Geduld und Rücksicht für langsamere Fahrer oder Spaziergänger zu haben und davon auszugehen, dass die Strecke (oder gleich der ganze Park?) ihnen gehört, weil sie jung, dynamisch, kraftvoll und vor allem schnell sind und weil sie alle das selbe Trikot tragen, das ihnen das Gefühl gibt, eine Einheit zu sein, eine verschworene Gemeinschaft die auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen hat. Wahrscheinlich tue ich diesen jungen Leuten jetzt etwas unrecht. Vielleicht kommen sie nur so rüber, und eigentlich sind sie alle sehr nett und rücksichtsvoll, nur halt eben ein wenig schneller als wir anderen. Wenn dem so ist, entschuldige ich mich bei ihnen als Gruppe und bei jeder und jedem einzelnen von ihnen. Nur weil sie eine Uniform tragen und als Gruppe auftreten, darf ich sie nicht pauschal verurteilen.
So oder so: sie haben mich heute zweimal überholt auf dem Rundkurs im Nordosten des Parks. Auch wenn ich ein Rennrad fahren würde – ich könnte ihnen nicht folgen. Noch nicht. Vielleicht in einem oder in zwei Monaten und für eine kurze Strecke. Eine Runde vielleicht und dann schnell abbiegen auf einen Seitenweg und tief durchatmen. Aber ich fahre kein Rennrad, sondern eine Mischung aus Mountainbike und Strassenfahrrad. Und ich habe mit meinem Training erst gerade begonnen. Also lasse ich die Gruppe an mir vorbeiziehen und versuche nicht einmal, zu beschleunigen und wenigstens ein paar Meter ihr Tempo zu halten. Ich betrachte stattdessen den schön geformten Hintern der sich rasch entfernenden hintersten Fahrerin und einen Augenblick lang fühle ich mich wie ein alternder Löwe, der einen Schwarm leckerer Gazellen an sich vorüberziehen sieht. Irgendwann, geht es mir durch den Kopf, und ich muss gleichzeitig über mich lachen, irgendwann wird eine von euch einen Schwächeanfall erleiden und hinten aus der Gruppe zurückfallen. Und dann werde ich da sein. Der alte Löwe. Langsamer geworden, weniger kraftvoll, nicht mehr so sprungstark. Aber immer noch mit all seinen Instinkten. Mit einem Feuer, das noch nicht erloschen ist. Und vollkommen rauchfrei.
Vom Ende des Wartens
5. Juli 2010Man darf nicht zu lange warten. Schon gar nicht auf Dinge, die nie passieren werden. Irgendwann muss man sich zur Seite nehmen und ganz ehrlich zu sich selber sein: Das wird nichts mehr.
Das tut im ersten Moment weh, und dieser erste Moment kann lange dauern, wenn man sich etwas lange, wirklich fest und von ganzem Herzen gewünscht hat, aber das Eingeständnis, dass etwas nicht eintreffen wird, ist unumgänglich, wenn man weitergehen möchte. Man kommt nicht darum herum. Und der Schmerz ist notwendig, wenn man beim Weitergehen nicht eine Last mit sich tragen will, die einem beim Gehen nach hinten zieht.
Weil es ein Trennungsschmerz von etwas ist, was man nie hatte, ist er nicht nur schwer zu verkraften, auch der Umgang damit ist nicht einfach. Man kann keine Kompressen oder einen Wundverband auflegen. Man weiss nicht einmal ganz genau, wie sich das künftige Vermissen anfühlen wird, obwohl man schon eine ganze Weile lang vermisst hat. Aber es war ein anderes Vermissen, weil es ein wartendes war, eines, das darauf hoffte, in seiner Erfüllung ein Ende zu finden, während das neue Vermissen, das sich am Ende des Wartens entwickelt, ein anderes sein kann: eines, das enden wird, weil es sich nicht mehr erfüllen muss.
Die Musik dort
29. Juni 2010(zur Erinnerung an einen Aufbruch)
Als wir noch im Land lebten, wo sie die Musik schreiben, klang sie gewöhnlich und wir hörten gar nicht hin. Vielleicht, weil wir dort nie ganz zuhause waren, auch wenn wir nach Einnachten bei Bekannten sagten: Wir müssen jetzt nachhause, der Babysitter wartet. Der Hund muss dringend raus. Der Hase hat Hunger. Und dunkel ist es auch. Vielen Dank und ein ander Mal.
Das Radio spielte zum Beispiel Surfing in USA und wir waren schon dort. Keine Strandpromenaden im Kopf, keine Sehnsucht nach Shorts. Meine Frau war gedanklich gerade beim Reiten und ich machte eine Liste von Dingen, die ich vor der Rückreise in die Schweiz unbedingt noch tun wollte, dann aber verlegte und erst beim Auspacken am Zoll in Kloten wieder fand. Ja, ich habe diese Liste selber geschrieben und alles, was aufgelistet ist, ist wertlos.
Wieder im Binnenland gewannen die Strände an Bedeutung. Die Welt wurde groß, weil sie plötzlich wieder klein war. Ich dachte an haushohe Brandungen endlose Strände, leere Liegestühle. Ein Stück weißes Treibholz an der Küste Oregons. Wellen brachen über mir, während ich anständig an der Kasse anstand und vor mir sprach einer überraschenderweise im selben Dialekt.
Als ich endlich bezahlen konnte, waren die Banknoten feucht und das Kleingeld fiel mir in die Ritzen des Förderbands. Ich entschuldigte mich bei der Person hinter mir, aber der Mann lächelte mich freundlich an, wartete gerne, war nicht von hier.
Seit wir wieder zurück waren, stand am anderen Ort die Zeit still. Die Nachrichtensendungen taten so, als fände dort alles auch ohne uns noch statt. Sogar unsere zurückgelassenen Freunde behaupteten, das Leben gehe weiter. Der Trennungsschmerz machte sie stur.
Aber wir wussten es besser. Gleich nach unserem Abflug von Washington hatte man den Flughafen geschlossen. Meiner ältesten Tochter war beim Check-In die Häufung von Männern in blauen Overalls aufgefallen, die in kleinen Grüppchen herumstanden und so taten, als würden sie rauchen, obwohl jeder wusste, dass dies ein rauchfreies Gebäude war.
Sobald wir an Bord der Maschine waren, wo sie sofort einen Film zeigten, damit niemand aus dem Fenster schaute, hatten sie mit der Endreinigung begonnen. Kurz danach war alles versiegelt, der Tower antwortete nicht mehr und die Räumungsmannschaft war bereits in unauffälligen Lieferwagen auf dem Highway auf dem Weg zur Stadt, als wir vor Neuschottland über den Atlantik abdrehten.
Glauben Sie mir, dort ist unterdessen gar nichts mehr los. Jedenfalls nichts mehr, was mit Wirklichkeit zu tun hat. Höchstens noch ein kollektiver amerikanischer Traum, aus dem die Leute partout nicht erwachen wollen, wie man sie auch schüttelt.
Eigentlich wusste ich nie, was wir an den USA so vermissten. Wenn wir dort unter uns waren, waren Leute dabei, zu denen wir nur ungern gehörten. In der Schweiz wurde es nicht viel besser. Wir führten den Hund spazieren und kamen an Gartentischen vorbei, an denen das ganze Quartier sich versammelt hatte. Fröhliches Lachen. Grillwürste. Nur die Kinder wuchsen noch. Der Rasen vor den Balkonen tat nur noch so, wusste aber genau, dass er nicht weit kommen würde. Manchmal rief jemand aus der Ferne an und sagte „Wir vermissen euch.“ Danke, wir uns auch. Und wie ist das Wetter?
Man kann nicht zurück. Und wir wollten auch nicht. Jedenfalls nicht mit Möbeln, nicht mehr zu zweit und nicht mehr als Familie. Einzeln zu Besuch auch nur ganz kurz, um nachzusehen, ob noch alles fehlte. In der Regel genügte es uns, ab und zu alleine auf die Kiste zu sitzen, in der die Fotos lagen. Die Rockies im Sommer. Die Niagara Falls an ihrem gischtfreien Tag.
Jetzt lebe ich in einer wieder anderen Stadt, wo mir nach zweieinhalb Jahren vieles vertraut geworden ist. Ich bin in der zweiten Halbzeit. Der Schiedsrichter hat bereits die Pfeife im Mund. Pfeift er frühzeitig ab oder gibt es Freistoss, den ich bestimmt in den Nachthimmel jagen werde?
Ich kenne diesen Moment, wo man Mühe hat, sich vorzustellen, dass man eines Tages zum letzten Mal durch diese Strasse fährt, die von zuhause zur Arbeit führt, von der Arbeit nachhause.
Es geht alles sehr schnell. Man wacht auf, schläft ein, wacht auf. Dazwischen will wenig gelingen. Wahrscheinlich weil man nicht sorgfältig träumt. Man reißt alles nur an und lässt sich von Leuten ablenken, die sogar wach nicht sehr unterhaltend sind. Es sind immer dieselben. Man wird sich einfach nicht los.
Brautigans Schatten
28. Juni 2010Wahrscheinlich gibt es das schon. Und ich sage nur „wahrscheinlich“, weil ich es nicht weiss und zu faul bin, mich kundig zu machen. Sicher gibt es das schon. Ein Museum für Schatten. Es gibt heute schon alles. Also ganz sicher auch ein Museum für Schatten. Mehrere davon. Wahrscheinlich sogar eine europäische Vereinigung der Schattenmuseen und eine Gewerkschaft der Schattenkuratoren. Ein linkes, lichtscheues Gesindel.
Was mir im Kopf herum geht, ist auch weniger ein Museum, in dem man herumgehen könnte. Es ist mehr eine Werkschau des Lichts.
Was mir vorschwebt, ist leicht. Es trägt Züge eines Museums, aber es ist mehr und etwas anderes, weniger und kostet keinen Eintritt. In ein Museum werden Dinge gestellt, die es nicht mehr gibt, die selten oder besonders sind. Schatten gibt es überall und immer wieder neue, sogar im Nachtschattengewächshaus. Sie sind nichts Besonderes. Schatten werfen kann jeder. Es ist keine Garderobe, wo man Schatten abgeben kann, seinen und den seiner Begleiterin. Es ist auch kein Rückzugsraum, wo man sich neu sammeln kann, wenn die Polizei Schattenwerfer eingesetzt hat. Hör mit den Wortspielen auf.
Worauf ich hinaus will, ist ein dünner Ast. Richard Brautigan erzählt in einem seiner Bücher die Geschichte des Archivs unveröffentlichter Literatur. Autorinnen und Autoren können ihre vom Verlag zurückgewiesenen Manuskripte hinbringen. Sie werden dort freundlich in Empfang genommen, katalogisiert und sorgfältig aufbewahrt. Eine wunderbare Idee und ein echtes Bedürfnis.
Schatten werden in der Regel nicht zurückgewiesen. Sie landen auch nicht im Papierkorb, wenn man sie unaufgefordert schickt. Trotzdem scheint mir, es müsse etwas unternommen werden. Wie wäre es also, wenn ich ein Schattenarium eröffnen würde auf meinem Blog?
Ihr könntet mir Bilder von Schatten schicken, die ich ins Schattenarium stellen würde. Schatten von Menschen. Schatten von Tieren. Schatten von Pflanzen. Schatten von Dingen.
Brautigan würde sich freuen. Sein Schatten wurde viel zu früh genommen.
II
20. Juni 2010Beim ersten Aufschlagen des Buchs sofort das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Wie auch nicht. Schon wieder ein Buch, das mit dem zweiten Kapitel beginnt.
Wahrscheinlich auch diesmal eine Botschaft des Autors, der uns mitteilt, dass unsere Geschichten keinen Anfang mehr haben. Wir sind plötzlich mittendrin, von was auch immer, und möchten möglichst rasch wieder raus. Oder wir stellen mit Entzücken fest, dass es uns hier gefällt, und möchten eigentlich gerne wissen, wie wir hierher gekommen sind, oder was dieses Glück so getrieben hat, bevor es bei uns vorbeischaute. Aber wir haben den Anfang verpasst.
Vielleicht hat die Autorin aber auch ganz einfach Mühe mit Anfängen. Ganz besonders bei dieser Geschichte. Sie sitzt uns gegenüber, reibt sich die Hände und ringt um Worte. Ich weiss gar nicht, wo ich jetzt beginnen soll. Noch einen Tee vielleicht? Sie möchte niemanden langweilen, indem sie zu weit ausholt. Es soll uns wohl sein beim Zuhören. Zwei oder ein Zucker? Noch ein Stück Vorwort vielleicht?
Wer weiss so genau, wo etwas wirklich beginnt? Anfänge sind oft fein gesponnen und bleiben lange unsichtbar, wenn dünne Fäden zwei Schicksale zu verbinden beginnen.
Aber darf man sie deswegen ganz weglassen, wenn man die Geschichte erzählt? Die Mitte bietet sich für Kürzungen meist eher an, während das Ende unvermeidbar ist: Sogar wenn man keines schreibt, hören Text und Geschichte irgendwann auf.
Nun kann man das natürlich auch über den Anfang sagen. Auch wenn man keinen schreibt, beginnt der Text und mit ihm die Geschichte. Aber warum dann die Überschrift „II“?
Dass vorher meistens etwas war, wissen wir. Selten kommt etwas aus dem Nichts. Nichts schon gar nicht. Wo hätte es sich dort verstecken sollen?
Wir waren vorher alle irgendwo, mit irgendetwas beschäftigt. Wir wären unter Umständen gerne länger geblieben, aber irgendwann hatten wir anderes vor oder mussten die letzte Fähre erwischen, es tat uns leid.
Mag sein, dass es lediglich ein unentschuldbares Versehen der Druckerei war. Oder eine unselige Verkettung von sträflichen Schlampereien im Innern des Verlages, die damit endete, dass ein Buch in die Handlung kam, bei dem das erste Kapitel fehlt. Obwohl der Autor darin den ganzen Roman wunderbar angelegt hatte, die Autorin endlich einmal einen Anfang gefunden hatte, der nichts versprach und später alles halten würde.
Der Verlag hat sofort einen Rückruf lanciert.
„Kundinnen und Kunden, die ein Exemplar von Josip Sternhändlers Roman „Winkelwälder“ gekauft haben, das mit dem zweiten Kapitel beginnt, werden gebeten, das Buch in einer Buchhandlung ihrer Wahl umzutauschen. Für Stimmungen und Vorstellungen, die wegen dem Nichtvorhandensein des ersten Kapitels aufgekommen oder entstanden sein könnten, lehnen Autor und Verlag jede Verantwortung ab.“
Dafür war es aber zu spät. Die Verunsicherung treibt Blüten und Leute wie ich möchten das erste Kapitel auf keinen Fall nachgeliefert. Noch möchten wir das Gefühl, etwas verpasst zu haben, missen. Auch Gefühle, die trügen, können tief empfunden sein.
Einiges von dem, was wir verpasst haben, möchten wir nicht nachholen müssen, und vieles ist, seien wir ehrlich, ganz einfach vorbei. Manchmal ist etwas aber erst dann wirklich vorbei, wenn wir uns dem Glauben hingeben wollen, wir hätten es besser auskosten können und müssen.
Ab und zu muss es uns auch über die Zukunft hinwegtrösten, dieses Gefühl, etwas verpasst zu haben. Wenn vielleicht etwas hätte möglich werden können, was wir vermutlich gerade definitiv vermasselt haben. Es ist fast schon unglaublich, wie geschickt und hartnäckig wir uns hin und wieder selber im Weg stehen. Andere lachen später, wenn wir es ihnen erzählen. Oder sie schütteln den Kopf und finden ausser „schade“ keine anderen Worte für uns.
Und sie haben natürlich recht damit. Ein leises Bedauern reicht vollständig. Belehren oder beraten muss man uns nicht. Nur wir wissen, wie man so dumm sein kann, so etwas Schönes nicht einmal beginnen zu lassen. Melde Dich trotzdem, Glück, wenn Du mal wieder in der Gegend bist. Wahrscheinlich sind wir noch da.
Mein Haubenwellensittich
29. März 2010Jeden Morgen erwache ich in einen Konflikt. Eigentlich glaube ich zu wissen, dass es verschiedene Konflikte sind, und man erwartet von mir mit einem gewissen Recht, dass ich sie unterscheiden kann, aber langsam kommen Zweifel in mir auf, und ich muss mich immer mehr dagegen wehren, ins Grübeln zu kommen, ob es sich um einen einzigen Konflikt handeln könnte.
Bezeichnenderweise kommen diese Zweifel nicht beim Erwachen auf. Wenn ich erwache, steht der Nahostkonflikt klar im Vordergrund und verdrängt noch beim Frühstück alles andere, den Geruch des Kaffees, die Konfitüre und sogar die Sportberichte. Auch im Büro bleibt für andere Konflikte zunächst wenig Raum. Die Zeitungen, das Internet und meine Mailbox sind schon am frühen Morgen voll von Berichten über den Nahostkonflikt, während meine anderen Konflikte abgesehen von meinem Freundeskreis, der sich wegen der Zeitverschiebung noch eine Stunde Schlaf gönnt, niemanden interessieren, wofür ich dankbar bin.
Am Abend kann das anders sein. Am Abend kann ich mir vorstellen, mir einen Vogel zu kaufen. Ich stelle mir dann zum Beispiel einen Haubenwellensittich vor. Sie sollen gesprächsbereit sein, wenn man sie von früh auf und alleine hält, weil sie einem dann als etwas gross geratenen Sittich erkennen, der zwar die Sprache schlecht spricht, sich aber hörbar Mühe gibt.
Im Internet findet man Seiten, die Haubenwellensittiche samt Zubehör anbieten. Ich bin noch nicht auf eine dieser Seiten gegangen, weil ich es an meinen sittichfreundlichen Abenden noch nie bis zum Entschluss gebracht habe, mich über die zum Erwerb eines solchen Vogels notwendigen Schritte zu informieren. Das Zubehör verunsichert mich ausserdem. Kommt der Vogel mit Ersatzflügeln?
Das wahrscheinlich Schönste an einem Haubenwellensittich wäre seine vielgepriesene Gesprächsbereitschaft. Er könnte mir als lebendes Beispiel für Lösungsansätze im Nahostkonflikt dienen, indem ich zeigen könnte, dass er mit mir zu sprechen bereit ist, obwohl ich weder Flügel habe noch ihm sonst irgendwie ähnlich bin. Ich bin frei und halte ihn gefangen und trotzdem spricht er mit mir. Er ist von mir abhängig und weiss trotzdem, dass ich ihn bewundere. Manchmal kratzt er mich mit seinem Schnabel fast zärtlich an der Nase.
Auch der Haubenwellensittich könnte nicht alle meine Konflikte lösen, ich weiss. Wahrscheinlich nicht einmal meinen einzigen. Ich stelle es mir trotzdem schön vor, ihn als Gefährten zu haben. Er wäre mir mehr als ein Haustier. Jemand, der da ist, wenn ich von meinem Konflikt und mit meinen Konflikten nachhause komme. Er müsste mich nicht einmal fragen, wie mein Tag war. Es würde mir reichen, glaube ich, wenn er da wäre am Morgen, wenn ich in meine Konflikte erwache, und immer noch da am Abend, wenn ich nachhause käme.
Ab und zu würde ich ihn fragen, ob er wegfliegen würde, wenn ich tagsüber seine Käfigtüre und ein Fenster offen liesse. Wegfliegen und nie mehr wiederkehren, mir und meiner Konflikte überdrüssig. Dann würde er den Kopf vorneigen und mich ganz leicht an der Nase kratzen.
Treviso
24. Januar 2010Die Ziegel stammen aus Treviso. Sie versuchen, diskret zu sein, aber sie sind etwas aufdringlich, vor allem im Sommer. Es gelingt mir nicht, auf einen Stuhl auf meiner Terrasse zu sitzen und den Kopf in den Nacken zu legen, ohne den Schriftzug zu lesen. Ich war noch nie in Treviso, was mir aber vermutlich nicht geschadet hat, denn es soll sich von je her um eine undankbare Stadt gehandelt haben.
Obwohl sie 1164 von Barbarossa den Status einer reichsfreien Stadt erhielt, hat sie sich kurz danach von ihm ab und seinen Feinden zugewendet. Barbarossa musste seine Gemahlinnen danach anderswo umbringen und Treviso erlebte in der Folge seine Blütezeit. Der Herrschaftsbereich wurde ausgedehnt und die Stadt ausgebaut, hauptsächlich mit Ziegeln. Die trevisischen Dachdecker waren dermassen geschickt und schnell, dass die Maurer und Zimmerleute nicht mehr nachkamen. Ein Teil des neu erworbenen Herrschaftsgebietes von Treviso bestand in den nächsten 175 Jahren vor allem aus flachen Ziegeldächern, die gespreizt und giebellos auf dem eroberten Boden lagen. Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen, weil die neuen Untertanen sich bald beschwerten und nach Herren Umschau hielten, die Unterstand anbieten konnten. Treviso verlor nach und nach seinen Einfluss auf die Landschaft und musste sich 1339 in den Schutz von Venedig begeben, mit dem es seither einigermassen solidarisch untergeht.
1797 übernahmen die Österreicher die Macht in Treviso und gaben sie erst 1866 wieder zurück. Vorherige Anfragen waren jeweils mit dem Bescheid abschlägig beantwortet worden, man könne Ziegelfabriken nicht an ein Fürstentum zurückgeben und warte auf die Entstehung eines italienischen Nationalstaates. Aber wie gesagt, ich war nie selber dort und man müsste das alles einmal nachprüfen.
Hingegen war ich in Teheran und in Berlin. Von allen drei Städten hat mir Teheran am besten gefallen. Der damalige Staatspräsident galt im Westen als liberal, bis ihm jemand ein Wörterbuch schenkte. Heute ist alles komplizierter und undurchsichtiger. Der Nachfolger des Nachfolgers des damaligen Präsidenten bedroht den Staat, in dem ich momentan lebe, mit Vernichtung, und ich bin der einzige hier, der nach Berlin ausweichen könnte.
An nasskalten Tagen kann man vierzig Jahre weit riechen
15. Januar 2010Die Sonne scheint. Der ganze Sportplatz vor der Schule ist mit verschiedenen Posten bestückt, an denen sportliche Leistungen gemessen werden. An jedem Posten steht eine Gruppe aufgeregter Kinder. Fünfzig-Meter-Lauf, Kugelstossen, Weitsprung, Hochsprung, Erinnerung, Stangenklettern.
Meine Gruppe ist beim Weitwurf. Rolf, der vor mir zum Werfen kommt, nimmt einen so langen Anlauf, dass er seine ganze Kraft beim Abwurf schon verpufft hat. Der Geruch von nassen Kleidern in der Strassenbahn.
Der Lehrer schreitet am Rand der Wiese die Markierungen ab. „23 Meter!“, ruft er. Johann, der wegen seinem vertretenen Fuss ausgerechnet heute nicht turnen kann, sitzt beim Abwurf und notiert die Weite für Rolf in ein Heft.
23 Meter. Dann bin ich an der Reihe. „Sie können jetzt Platz nehmen“, sagt die Assistentin, „Dr. Heinemann ist gleich bei Ihnen.“ Ich nehme weniger Anlauf. Schweiss und nasse Kleider. Und kalt von den Füssen her. Ich konzentriere mich voll auf den Abwurf und denke dabei an nichts anderes als an mein grosses Ziel: Mit dem kleinen Lederball das Panoramafenster der Schulzahnklinik am anderen Ende der Wiese einwerfen.
Es ist ein kalter Tag. Die Sonne scheint. Ich drücke den Ball in meiner Hand zusammen. Ich mache ihn noch kleiner und schwerer als er schon ist. So muss es möglich sein. Nur das Klingeln stört ein wenig.
Mein Handy. Ich habe es im Mantelsack gelassen und der Mantel hängt draussen an der Garderobe. Dr. Heinemann scheint das Klingeln nicht zu hören. Ich kann jetzt nicht sprechen. Mein Mund ist von Watterollen aufgesperrt. Die Assistentin ist entweder taub oder völlig desinteressiert. Sie kann jemand anderen heiraten. Ich bin in Franziska verliebt. Aber sie weiss es nicht.
Ich blinzle in die Sonne und stelle mir die Flugbahn des Balles vor. Ein kalter Tag und es regnet und ich habe den Schirm vergessen. Wenn ich mich voll konzentriere, mich ganz in diesen Wurf gebe, mein Herz, meine Kraft, meine Träume, meine Wut – dann wird das grosse Fenster in Brüche gehen. Da bin ich mir ganz sicher.
Klingelt mein Name? Unmöglich, dass ich das während dem Bohren höre. Ich spüre ja nichts. Lächerlich. Die Spritze in den Rachen hat mich gefühllos gemacht. Nur die Füsse sind kalt. Und dann höre ich doch etwas.
„64 Meter!“ ruft der Lehrer, „64 Meter – unglaublich!“
Unmöglich, es regnet ja. Und wer bezahlt das jetzt? Meine Eltern? „Sie können jetzt spülen“. Klingelt mein Handy? Die Kinder strömen alle zusammen. Die ganze Schule versammelt sich auf der Wiese vor dem in Brüche gegangenen Panoramafenster im ersten Stock der Schulzahnklinik. „Können sie mich hören?“
Meine Klassenkameraden haben mich auf ihre Schultern gehoben und tragen mich johlend über die Wiese. Läuft mir da Speichel aus der Mundecke? Jemand gibt mir einen Klaps auf die Backe. Da spüre ich doch nichts, Johann. Er hält mir etwas unter die Nase. Quer über das Weitenheft hat er mit grossen Buchstaben WELTREKORD! geschrieben, und darunter: Scheibe kabutt!
Er schwenkt das Heft unter meinen Augen und ruft mir etwas zu. Sein Atem riecht nach Äther. Ich muss ihm das einmal sagen.
„Sie können jetzt spülen!“ sagt der Lehrer. Ich schaue ihn an in seinem weissen Kittel. Das habe ich befürchtet. Er hat es meinen Eltern gesagt. Weltrekord. Unglaublich.
Das ist wirklich mein Handy. Ich muss rausgehen und es holen, bevor es aufhört zu regnen. Den Mantel auch gleich.
„Spülen, bitte.“ Der Mann im weissen Kittel zeigt mit seiner Hand auf das Glas neben mir mit dem rosagefärbten Wasser. Noch eine Hand, die wie meine aussieht, kommt in mein Gesichtsfeld und greift nach dem Glas. Keine Ahnung, wo die herkommt. Ich nehme einen Schluck Regenwasser und lasse es im Mund zirkulieren. Ist er geschlossen, mein Mund? Können Sie bitte nachschauen, Herr Doktor? Ich mag es nicht, wenn mir in Anwesenheit der Assistentin Speichel aus dem Mund läuft. Obwohl sie es gar nicht mitkriegen würde. Sie ist auf eine Scherbe gestanden und mit ihrem Schuh beschäftigt.
„Das ist Schulhausrekord“, ruft Rolf, „Das hat überhaupt noch nie jemand geschafft“. Ich lasse das Wasser aus meinem Mund in das Spülbecken fliessen – es rinnt über meinen gefühllosen Unterkiefer und dreht sich in einem rostroten Strudel in den Ausfluss. Es regnet. Ich darf meinen Schirm nicht vergessen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragt Dr. Heinemann. „Fühlen sie sich gut? Sie sind ein bisschen blass geworden.“
Er trägt einen Mundschutz und durchsichtige Handschuhe. Eigentlich seltsam, für eine Lehrer. Ich nicke trotzdem. Es geht mir prächtig. Ich spür überhaupt nichts. Hinter ihm am Boden liegt der kleine Lederball zwischen den Scherben. Draussen regnet es. Man hört Kindergeschrei. Es muss eine Schule in der Nähe sein.
Die Assistentin lehnt sich über mich und stellt die Stuhllehne gerade. Ich schaue ihr kurz in die Augen und bin mir nicht sicher, ob sie ahnt, dass ich mich in sie verliebt habe. Ich wische mir mit einem Papiertaschentuch den Mund ab. Wassertropfen gehen an der grossen Fensterfront nieder, vereinigen sich zu kleinen Rinnsalen, werden schneller.
Unten auf der Wiese steht ein Lehrer und rollt das Messband ein. Ich kenne ihn. Ich kenne ihn von irgendwoher. Nur etwas älter ist er geworden. Er streicht sich eine nasse Strähne grauen Haars aus der Stirne. Müsste eigentlich schon lange in Pension sein. Hat er jetzt hochgeblickt? Sobald es aufhört zu regnen, werde ich ihn zurückrufen.
